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www.justament.de, 24.7.2017: Je oller, je doller

Peter Schneiders Berlin-New York-Roman “Club der Unentwegten”

Thomas Claer

Jeder Stadtbezirk in Berlin hat seine typische Bewohner-Generation. So trifft man in Friedrichshain vor allem die 20 bis 30-Jährigen, in Prenzlauer Berg die 35 bis 45-Jährigen. Und in Charlottenburg am Stuttgarter Platz, wo einst die legendäre Kommune 1 mit Uschi Obermaier und Rainer Langhans ihre Orgien feierte, sitzt heute zumeist die Generation 60 plus bei einem gepflegten Weißwein in den gediegenen Restaurants und Straßencafés. Um einen ganz überwiegend männlichen lockeren Freundeskreis, der sich dort immer mal wieder in einer italienischen Kneipe begegnet, geht es in Peter Schneiders neuem Roman „Club der Unentwegten“. Dieser besagte Club also, bestehend aus älteren, meist wohlhabenden, gebildeten und beruflich erfolgreichen Herren, ist eine muntere Klatsch- und Tratsch- und Debattierrunde, die sich hauptsächlich auf das wahrheitsgemäße Einander-Berichten selbsterlebter Liebesabenteuer mit überwiegend deutlich jüngeren Damen, größtenteils außerhalb etwaig bestehender ehelicher Bindungen, konzentriert. In ihrer gemeinsamen Überzeugung, dass andere Gesprächsthemen letztlich keinen besonderen Wert besitzen, haben es sich die „Club-Mitglieder“ zur Regel gemacht, dass Ausführungen über den eigenen Gesundheitszustand keinesfalls länger als zehn Minuten andauern dürfen und das Ansprechen politische Themen sogar strikt verboten ist. Jedoch müssen einmal begonnene Liebesgeschichten immer und unbedingt haargenau und vollständig zu Ende erzählt werden.

Lange hatte der Kunsthistoriker und Privatgelehrte Roland, Hauptperson des Romans und erkennbar ein Alter Ego des Autors, in diesem Club nicht viel zu berichten, denn „das mit den Frauen“ war für ihn ja eigentlich schon seit Jahren vorbei. Doch während seiner Uni-Gastdozentur in New York hat es ihn, den alten Schwerenöter, dann doch wieder erwischt. Roland, inzwischen um die 70, hat eine Affäre mit der 30 Jahre jüngeren Leyla – „a striking beauty from Iran“, aber aufgewachsen in New York – begonnen. Wie kann das sein, fragt man sich, dass eine schöne junge Frau um die 40 auf so einen alten Knacker steht? Zunächst einmal, so erfahren wir, sieht Roland locker zehn bis 20 Jahre jünger aus, als er ist. Und dann gibt es einen gemeinsamen Bekannten, der die beiden regelrecht miteinander verkuppelt hat. (Oft genügt es ja im Leben, statt selbst besonders kontaktfreudig zu sein, einen oder mehrere „Multiplikatoren“ zu kennen, die einen dann mit aller Welt bekannt machen.) Schließlich ist Roland als Semiprominenter und gern gesehener TV-Talkshowgast für Leyla, die als Bilder-Verkäuferin in einer New Yorker Luxus-Galerie arbeitet und in einem Mikroapartment in der teuersten Gegend Manhattans lebt, offenbar eine interessante Partie. Zwar reagiert sie anfänglich schockiert, als sie sein wahres Alter erfährt, setzt aber dennoch unverdrossen ihre Liaison mit ihm fort.

Gewisse Schwierigkeiten ergeben sich aus dem sehr unterschiedlichen Kenntnisstand der beiden Liebenden hinsichtlich des Gebrauchs der modernen Kommunikationstechnologien. Immer wieder kommt es vor, dass Roland wichtige Nachrichten von Leyla auf seinem Handy verpasst oder sogar versehentlich gelöscht hat. Auch beim transkontinentalen Skypen tut Roland sich schwer, so dass Leyla ihn nicht selten vorwurfsvoll fragt, in welchem Jahrhundert er eigentlich lebe. Wirklich kompliziert wird es allerdings erst, als Leyla mit ihrem schon seit langem aufgeschobenen Kinderwunsch um die Ecke kommt. Roland, der bereits einen erwachsenen Sohn aus einer früheren Verbindung hat, kann es sich nicht so recht vorstellen, in absehbarer Zeit als womöglich gebrechlicher und vertrottelter Alter noch Erziehungsarbeit leisten zu müssen. Fortan betrachten beide ihre Beziehung als tendenziell interimistisch, kommen aber auch nicht so recht voneinander los, zumal Roland sich, was überaus detailliert beschrieben wird, als fabelhafter Liebhaber erweist …

Wie schon die früheren Bücher dieses Autors, hier sei vor allem an die ausgezeichneten Berlin-Romane „Paarungen“ und „Eduards Heimkehr“ aus den Neunzigern erinnert, liest sich auch der „Club der Unentwegten“ leicht und unterhaltsam. Ausführlich werden dem Leser die regionalen Besonderheiten der Romanschauplätze mitsamt ihren politisch-gesellschaftlichen Hintergründen erklärt. So staunt Roland, der zwischen seiner Charlottenburger Dachterrassenwohnung mit gut gefüllter „Weinbibliothek“ und seinem New Yorker Apartment im Gästehaus der NYU pendelt, immer wieder über die voll besetzten Tische auf den Berliner Trottoirs vor den Kneipen und Bars, insbesondere bei schönem Wetter. „Die meisten Gäste hatten ein Glas Wein vor sich stehen; und obwohl die Mittagszeit vorbei war, schien niemand es mit dem Zahlen und Gehen eilig zu haben. Nicht zum ersten Mal fragte Roland sich, welcher Arbeit all diese Leute nachgingen. Ein vergleichbarer Anblick an einem Werktag in New York war schwer vorstellbar. Berlin schien die Welthauptstadt der flexiblen Arbeits- und Entspannungszeit zu sein.“

Nebenbei zeichnet dieser Roman aber auch ein recht stimmiges Porträt der inzwischen in die Jahre gekommenen deutschen Achtundsechziger-Generation, zu deren Wortführern der Autor in seiner Jugend bekanntlich gehört hat. Diese so genannte Protest-Generation, das wird hier ganz deutlich, war jedenfalls wirtschaftlich gesehen eine goldene. Denn nach dem Abtreten der personell gelichteten und moralisch diskreditierten „Kriegsjahrgänge“ konnte ihr geradezu spielend der vielzitierte „Marsch durch die Institutionen“ gelingen, unbelastet von all den existentiellen Sorgen und Nöten, mit denen die darauffolgenden Generationen zu kämpfen hatten und haben. Am Ende des Buches unternimmt Roland mit Leyla noch einen traumhaften Ausflug in ein ganz zauberhaftes Hotel an der Küste Italiens. Die Toskana-Fraktion lässt grüßen!

Peter Schneider
Club der Unentwegten
Kiepenheuer & Witsch S. Fischer Verlag Köln 2017
288 Seiten, 19,00 EUR
ISBN: 978-3-462-05018-9

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www.justament.de, 31.8.2015: Interessant, aber fragwürdig

Recht cineastisch, Teil 24: „Gefühlt Mitte zwanzig“ von Noah Baumbach

Thomas Claer

gefühltEin Film über das mittlere Alter und die Jugend, über das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Generationen, das ist „Gefühlt Mitte zwanzig“ (Originaltitel: While We’re Young), der neue Film des amerikanischen Regisseurs und Drehbuchautors Noah Baumbach. So war es zumindest überall zu hören und zu lesen – doch ist damit lediglich ein Teilaspekt dieses Films beschrieben.

Der vierundvierzigjährige Dokumentarfilmer Josh (Ben Stiller) und seine als Produzentin ebenfalls in der Filmbranche tätige dreiundvierzigjährige Frau Cornelia (Naomi Watts) führen ein unaufgeregtes Leben in Brooklyn. Wie viele andere New Yorker „Kreative“ ächzen sie unter den dortigen hohen Lebenshaltungskosten, doch dank zwar notorisch unzuverlässiger, vorläufig aber immerhin noch fließender Fördergelder können sie sich halbwegs über Wasser halten. Nicht ganz unwichtig ist der Umstand, dass Cornelias Vater ein – im Gegensatz zu seinem Schwiegersohn Josh – wirtschaftlich sehr erfolgreicher Filmemacher ist, der standesgemäß in einer großen Villa lebt – eine für Josh denkbar unangenehme Konstellation. Sein Verhältnis zu Cornelias Vater gilt als zerrüttet. Nur ungern lässt sich Josh, der auf seine kommerziell wenig einträglichen, aber dafür anspruchsvollen Filme sehr stolz ist, von seinem Schwiegervater, der über ausgezeichnete Kontakte in die Finanzbranche verfügt, finanziell unter die Arme greifen. Ein weiteres ernstes Problem in der Beziehung zwischen Josh und Cornelia ist es, dass alle ihre Freunde inzwischen Kinder bekommen haben und sich, was ja häufig zu beobachten ist, seitdem für nichts anderes mehr als für ihren Nachwuchs interessieren. So kommt es Josh und Cornelia schließlich so vor, als ob das Problem in ihrer eigenen – unfreiwilligen – Kinderlosigkeit liege. (Und man darf es diesem Film durchaus verübeln, dass er diese optische Täuschung seiner Protagonisten nicht einmal hinterfragt. Was, bitte, soll denn an Kinderlosigkeit so schlimm sein?) Ihre seit zwei Jahrzehnten bestehende Partnerschaft scheint jedenfalls trotz der genannten Widrigkeiten noch recht gut zu funktionieren, abgesehen von den üblichen kleineren Nörgeleien von der weiblichen Seite. (Cornelia vorwurfsvoll: „Früher hast du mich mit romantischen E-Mails umworben!“ Darauf Josh: „Warum sollte ich dir E-Mails schreiben, wo wir doch sowieso jeden Tag zusammen sind?“)

Das ist der Ausgangspunkt, als plötzlich ein junges Paar in Joshs und Cornelias Leben tritt: der junge Dokumentarfilmer Jamie und seine Frau Darby, die als Startup-Unternehmerin in  Bio-Eis macht. Jamie hat sich als Fan von Joshs Filmen zu erkennen gegeben und ihn nach einer von Joshs gelegentlich gehaltenen Vorlesungen in der Filmakademie einfach so angequatscht. Josh ist in seiner Eitelkeit ungemein geschmeichelt von Jamies demonstrativer Bewunderung und findet zunächst auch gar nichts dabei, dass sich Jamie schon bald auch sehr für seinen Schwiegervater, den erfolgreichen Filmemacher mit den guten Kontakten in die Fimanzbranche, interessiert. Die beiden Paare unternehmen fortan eine Menge miteinander, was in Joshs und Cornelias Leben ausgesprochen frischen Wind bringt. Plötzlich fühlen sie sich, indem sie die hippen Aktivitäten von Jamie und Darby teilen, auch noch einmal wie Mitte zwanzig.

Doch das dicke Ende lässt nicht lange auf sich warten. Der junge Jamie erweist sich als skrupelloser Intrigant, der die Nähe von Josh in Wahrheit nur gesucht hat, um an dessen Schwiegervater heranzukommen und über diesen Geldgeber für seine eigenen Filmprojekte zu akquirieren. Darüber hinaus verstößt er mit seinem neuen Film, der sich auf eine gefakte Geschichte stützt, gegen den Ehrenkodex der Dokumentarfilmer, was aber außer Josh niemand wirklich schlimm findet. Dessen Schwiegervater bemerkt sogar irgendwann gegenüber seiner Tochter, dass man, um in der Filmbranche voranzukommen, manchmal einfach „ein egoistisches Arschloch“ sein müsse, was aber sein Schwiegersohn noch immer nicht verstanden habe…Hier hat der Film seine stärksten Momente: Er entlarvt ein Stück weit die Verlogenheit im Kreativkunstbetrieb, dessen erfolgreiche Vertreter nicht selten hohe moralische Ambitionen vor sich hertragen, aber tatsächlich mindestens so rücksichtslos und karrierebesessenen sind wie, sagen wir, die Anzugtypen aus der Finanzwelt. Josh ist hier natürlich der positive Gegentypus und avanciert als solcher zum großen Sympathieträger im Film.

Enttäuschend ist dann aber vor allem dessen Ende: In einer sentimentalen Versöhnungsszene finden die zwischenzeitlich zerstrittenen Josh und Cornelia wieder zueinander, und Josh vergibt dem hinterhältigen Jamie mit den Worten: „Jamie ist nicht böse, sondern einfach nur jung.“ Na so ein Unsinn, als ob das eine Frage des Alters wäre! Hätte er so etwas gesagt wie: „Man kann ihn aber auch nicht völlig verurteilen. Jeder macht es eben so, wie er es am besten kann…“, dann wäre das ja noch in Ordnung gegangen. Aber es kommt noch schlimmer. Am Ende sitzen Josh und Cornelia in einem Flugzeug in ein fernes Land, um dort ein exotisches Kind zu adoptieren. Das kann natürlich jeder machen, wie er will, aber im Kontext des Films soll es wohl bedeuten: Die beiden sind endlich auf einem ihrem Alter entsprechenden Level angekommen. Die Episode mit den jungen Leuten war eine Verirrung, und jetzt werden sie Eltern, so wie es sich mit Mitte vierzig nun einmal gehört. Ein schlimmer Film!

Gefühlt Mitte zwanzig
USA 2014
Regie: Noah Baumbach
Drehbuch: Noah Baumbach
98 min, FSK: —
Darsteller: Ben Stiller, Naomi Watts, Adam Driver u.a.