Justament Sept. 2008: Manchmal etwas bieder
Wiglaf Droste und das Spardosen-Terzett singen Peter Hacks
Thomas Claer
Eigentlich ist Wiglaf Droste – geboren 1961 in Westfalen – ein Mann der schreibenden Zunft. In dieser hat er sich seinen Ruf als scharfzüngiger Krawallbruder über die Jahre hart erarbeitet. Niemand – vor allem nicht innerhalb seines linksalternativen Milieus – war vor seinen boshaften Polemiken sicher. Bevorzugte Opfergruppen seiner Tiraden in taz, Titanik und Junge Welt stellten DDR-Bürgerrechtler (“Erich nimm ihn zurück!”, 1988 über Stephan Krawczyk), Feministinnen und betroffene Popsänger (“Grönemeyer kann nicht tanzen”) dar. Sein satirisches Werk publizierte er in Büchern und CDs mit Titeln wie “Die schweren Jahre ab Dreiunddreißig”. Seit 2000 singt er auch, zunächst eher spaßig und parodistisch, mit seiner Chanson-Jazz-Band “Spardosen-Terzett”. Nun lässt Droste seiner politisch unkorrekten Verehrung für den 2003 verstorbenen DDR-Staatsdichter Peter Hacks freien Lauf und wagt sich an die Vertonung etlicher seiner Gedichte.
Peter Hacks, der große Dramatiker, Lyriker und Essayist, war nach der Wende nur noch als bockiger Alt-Stalinist aufgefallen, wird aber allmählich wieder als “Klassiker, ob’s einem passt oder nicht” (Sigrid Löffler) entdeckt. Die ausgewählten Gedichte sind auch allesamt große Klasse, allein ihre musikalische Umsetzung bleibt dann doch etwas hinter dem hohen Anspruch zurück, der hier erhoben wird. Nicht immer will der luftig-jazzige, mitunter geradezu schlagerhafte Stil der Songs zur jeweiligen Stimmungslage der Hacks-Lyrik passen. Wer wie Droste jahrelang nur Hohn und Spott für nervige Sänger und Liedermacher übrighatte (“der schreckliche Wolfgang Niedecken”; “schreiben kann er nicht für zehn Pfennig” über Wolf Biermann) muss sich nun nicht wundern, wenn es auch mal in die eigene Richtung geht. Vom Biss seiner frühen Jahre ist der singende Wiglaf Droste jedenfalls weit entfernt. Überzeugender präsentiert er sich hingegen bei der ebenfalls auf der CD enthaltenen Rezitation seines brillanten Essays über Peter Hacks, der Lesern der Süddeutschen Zeitung freilich bereits bekannt ist. Das letzte Bonmot des Peter Hacks lautet im übrigen wie folgt: Man möge ihn auf dem Französischen Friedhof neben Fontane begraben und keinesfalls auf dem Dorotheenstädtischen neben Heiner Müller, denn mit diesem habe er sich nicht soviel zu sagen, dass es für eine Ewigkeit reichen würde. Das Gesamturteil lautet: befriedigend (7 Punkte).
Wiglaf Droste & das Spardosen-Terzett
Seit du dabist auf der Welt. Liebeslieder von Peter Hacks
Kein & Aber Records / Eichborn 2008
Ca. EUR 17,00
ISBN: 978-3-0369-1406-0
Justament Sept. 2008: Düster, traurig, schön
Portisheads bezauberndes Comeback nach zehn Jahren
Thomas Claer
Das Album “Dummy” der Band Portishead markierte 1994 die Geburt einer neuen Musikgattung, des Trip Hop. Hiermit wurde, könnte man sehr subjektiv und zugleich sehr polemisch anmerken, der Beweis erbracht, dass all der Hip Hop, mit dem wir seit zweieinhalb Jahrzehnten überflutet werden, doch zu etwas nützlich ist, nämlich zur formalen Unterstützung dieses geheimnisvoll groovenden und gedankenverloren dahinschwebenden Sounds, der gleichzeitig eine Erdigkeit vermittelt, wie wir sie sonst nur vom Blues kennen. Jedoch der Stern von Portishead, der dreiköpfigen Band aus England mit ihrer einfach überwältigenden Sängerin Beth Gibbons, verglühte schnell. Ein nicht ganz so starkes Studio- und ein von den Londoner Symphonikern auf dem Gipfel ihrer Popularität eingespieltes Livealbum später wurde das revolutionäre Projekt sang und klanglos begraben – und fand Eingang in den Himmel der unsterblichen Popmusik.
Umso größer ist die Überraschung und umso stärker die Freude, nach so langer Zeit die ungeahnte und spektakuläre Wiederauferstehung der Combo aus Bristol feiern zu können. Ein überaus intensives Klangerlebnis ist “Third”, das absolut keinen Vergleich mit dem Frühwerk der Band zu scheuen braucht. Doch wundersamer Weise erinnert hier fast gar nichts mehr an Hip Hop. Die Beats sind stark zurückgenommen, die Songstrukturen aber dennoch so charakteristisch: Das ist Portishead pur! Elektro-avantgardistisch, wie manche Kritikerkollegen meinen, ist die CD nur insofern, als es allem Anschein nach ohnehin nichts völlig Neues mehr unter der Sonne des Popmusik-Himmels geben wird, nur noch die ewige Neukombination des Altbekannten. Und Portishead greifen Ansätze der Elektro-Avantgarden aus den Achtzigern auf, vermeiden aber nicht nur deren damalige Verirrungen, sondern transformieren jene auf so organische Weise ins eigene Klanguniversum, dass es einem den Atem raubt. Zudem präsentieren sie sich auf “Third” sogar noch erstaunlich vielseitig, unternehmen gewagte Ausflüge bis hin zum akustischen Gitarrensong. Jedes Lied bezaubert auf eigene Weise. Doch ist die Grundstimmung des Albums wohl eher noch trauriger, noch düsterer, noch melancholischer, als wir es von ihnen seit jeher kannten. Etwas Besseres als den Suizid findet man zwar nicht gerade überall, auf dieser CD aber ganz gewiss. Das Gesamturteil lautet: gut (15 Punkte).
Portishead
Third
Go! Discs / Mercury 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B0016455AY
Justament Juni 2008: In der Popularitätsfalle?
The Notwist enttäuschen auf höchstem Niveau
Thomas Claer
Die Erwartungshaltung war einfach riesig. Sechs Jahre hatten The Notwist kein Album mehr veröffentlicht und anderthalb Jahre waren sie mit dem Material im Studio, bis in diesem Frühjahr endlich “The Devil, You + Me” das Licht der Welt erblickte, die erst sechste CD der Combo aus dem oberbayrischen Weilheim in nahezu 20 Jahren Bandgeschichte. Die internationale Musikpresse tat ihr Übriges: Von der besten deutschen Band war allerorts die Rede. Das Feuilleton und selbst das heute-journal waren alarmiert. Und immer wieder wurde die Geschichte erzählt von der Dreiviertelmillion, die ein britisches Telekommunikationsunternehmen der Band 2002 geboten haben soll, wenn sie nur ihren Hit “Pick up that Phone” als Werbesong zur Verfügung stellen würde. Die Musiker lehnten ab. Inzwischen weigert sich die Band, in Interviews über dieses Thema zu sprechen, doch werden die drei langhaarigen Brillenträger im Schlabber-Look längst landauf, landab als unkorrumpierbare Heilige des Pop-Business verehrt. Auch so etwas kann natürlich korrumpieren… Tappen The Notwist also allmählich in die Popularitätsfalle? Fast scheint es so, wenn man den Klängen des neuen Albums lauscht, an die man sich erst gewöhnen muss. Wie auf den drei Vorgängeralben, die nach zwei lärmenden Hardcore-Punk-Frühwerken den Ruhm der Band als deutsche Ausnahme-Gruppe begründeten, wird auf “The Devil, You + Me” weitgehend eine neue musikalische Richtung eingeschlagen, ohne dass man sich vom immer charakteristischen, hinreißend melancholischen Notwist-Sound verabschiedet hätte. Doch anders als auf der fein-kontrastreichen Gitarrenrock-Scheibe “12” (1995), der Jazz und elektronische Avantgarde raffiniert verknüpfenden “Shrink” (1998) und der elektronisch-komplexen “Neon Golden” (2002) gereicht der Band die Erneuerung diesmal nicht unbedingt zum Vorteil. Wir erleben einen bedenklichen Flirt mit dem Orchestralen, manchmal sogar mit dem Bombast. Warum dieser Zuckerguss, warum so dick aufgetragen? Einigen Liedern des Albums (es geht schon los mit dem Opener “Good Lies”) bricht das eindeutig das Genick. Es finden sich aber letztlich dann doch wieder so viele Perlen auf der CD, dass für genug Entschädigung gesorgt ist. An “Hands On Us”, “On Planet Off”, “Alphabet” oder “Boneless” kann man sich einfach nicht satt hören. Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).
The Notwist
The Devil, You + Me
Big Store/City Slang 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B0015YBOL4
Justament Juni 2008: Nicht schlecht!
Die Hamburger Schule-Band JaKönigJa auf ihrer fünften Platte
Thomas Claer
Es muss wohl 1997 gewesen sein, in einem kleinen Kulturzentrum in Bielefeld namens Kamp. Die erste Begegnung des Rezensenten mit JaKönigJa (damals schrieben sie sich noch Ja König Ja) verlief nicht unbedingt spektakulär. Nur 20 oder 30 Besucher waren gekommen. Damit es nicht so leer wirken sollte, hatten die Veranstalter unter der Bühne kleine Tische aufgestellt und überall Kerzen angezündet. Das war durchaus passend, denn die vier Musiker auf der Bühne spielten damals etwas, das die Kritiker übereinstimmend als Kammerpop bezeichneten: Begleitet von rein akustischen Instrumenten, nicht einmal ein Schlagzeug gab es, trällerten die Frontleute Ebba Durstewitz und Jakobus Siebels verkopfte Alltagsgeschichten in die Mikrofone, die sie durch ausgedehnte narrative Übergänge und Werkserläuterungen ergänzten. Es war klar: Hier waren intellektuelle Klugscheißer am Werk, Hamburger Schule eben. Diese frühe Phase der 1994 gegründeten Band brachte auf den ersten beiden Alben einige wunderbare Stücke wie “Die Stadt im Sommer”, “Rotkohl” und “Hoffentlich ruft mich niemand an” hervor. Doch sahen sich Ja König Ja zunehmend Vorwürfen der Betulichkeit, der Bravheit, ja des Weicheitums ausgesetzt. Was sich auf “Tiefsee” (1999) schon angekündigt hatte, vollzog man auf der vierten CD “Ebba” (2005) mit aller Entschiedenheit: die Wende zum Lärmigen, Umtriebigen, Schrägen. Nun endlich gab es auch die erhoffte Aufmerksamkeit von Feuilletons und Musikpresse. JaKönigJa wurden Kritikerlieblinge und auch die Verkaufszahlen verbesserten sich. Dabei war “Ebba” nicht unumstritten und konnte einem auch ganz schön auf die Nerven gehen. Auf der “Seilschaft” haben sie nun ein wenig zurückgerudert, sind wieder etwas gefälliger in den Arrangements, was der Platte gut tut. Die bei dieser Band traditionell wichtigen Songtexte changieren aber mehr denn je zwischen Abstraktion und Parolenhaftigkeit und geben der CD – wie auch manche kuriose musikalische Einsprengsel – in der Summe etwas Unentschiedenes, Nervöses, Zerrissenes. Warum machen sie nicht einmal ein ganzes Album wie das punkige “Was noch kein Ende hat”, das es auch bei YouTube zu bestaunen gibt? Darauf werden wir – bei der angenehm zurückhaltenden Veröffentlichungspolitik der Band – aber wohl noch etwas warten müssen. Das Gesamturteil lautet: befriedigend (9 Punkte).
JaKönigJa
Die Seilschaft der Verflixten
Buback Tonträger 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B00139LMEA
Justament April 2008: Schiff ahoi!
Wieder da: Achim Reichels Seemannslieder und Balladen aus den 70ern
Thomas Claer
Da kommt Freude auf. Nach der “Grünen Reise” (siehe Justament 1/08) gibt es jetzt auch die digital remasterte Wiederveröffentlichung der kompletten Seemanslieder- und Balladenphase Achim Reichels zu bestaunen. Es handelt sich um insgesamt vier CDs, jeweils mit aufwändigem Booklet versehen. Zunächst ist da das “Shanty Alb’m” von 1976, auf dem der Meister hochbetagte Songs aus dem maritimen Umfeld (“Rolling Home”) mit recht schroffen und bisweilen regelrecht bösen Gitarrenriffs unterlegt. Nur einmal wurde das Programm damals mit Piraten-Kostümierung und folkloristischen Instrumenten in einem Hamburger Theater aufgeführt. Einige Shanty-Puristen, die sich in der Veranstaltung geirrt hatten, reagierten verstört. Ein größeres Publikum gab es für diese lange als Geheimtipp gehandelte Musik erst in den Neunzigern, als Reichel mit dem Party-Kracher Aloha Heja He die Hitparaden stürmte und die Konzertbesucher plötzlich nach den alten Stücken verlangten.
Die dem Shanty Alb’m folgende und konzeptionell ähnlich gestrickte Platte “Klabautermann” (1977) kann nicht minder überzeugen und wendet sich mit einer Christian Morgenstern-Vertonung (“Sophie, mein Henkersmädel”) erstmals auch literarischen Quellen zu.
Es folgt das ausschließlich klassische Balladen adaptierende Album “Regenballade” (1978), ein weiteres Meisterwerk, in welchem Theodor Fontane, Detlef von Liliencron, Ina Seidel und viele andere ein manchmal rockiges, oft aber auch eher subtiles Gewand erhalten.
Nach dieser Trilogie ging Achim Reichel lange Zeit andere Wege und kam erst 2002 mit der CD “Wilder Wassermann” (u.a. mit Goethes “Erlkönig”) zurück ins alte Fahrwasser. Doch nur in wenigen Liedern fand er wieder zur alten Klasse zurück. Gleichwohl lautet das Gesamturteil: gut (15 Punkte).
Achim Reichel
Dat Shanty Alb’m
Tangram (Indigo) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B0015S8166
Achim Reichel
Klabautermann
Tangram (Indigo) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B0015S816G
Achim Reichel
Regenballade
Tangram (Indigo) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B0015S816Q
Achim Reichel
Wilder Wassermann
Tangram (Indigo) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B0015S8170
Justament April 2008: Schluss mit niedlich
Eine wenig begeisternde Suzanne Vega auf “Beauty & Crime”
Thomas Claer
Wer Suzanne Vega von ihren früheren Werken kennt, wird schwerlich umhinkommen, sie als charmant zu bezeichnen. Dieses Urteil trifft aber in erster Linie ihren charakteristischen Gesangsstil, denn erst dieser komplettiert ihr zartes Gitarrenspiel und ihre zerbrechliche Erscheinung auf das Vollkommenste. Beim ersten Album (1985) klampfte sie noch – allerdings viel leiser und vorsichtiger als, sagen wir, Wolf Biermann – allein auf der Gitarre. Der Nachfolger “Solitude Standing” (1987) hatte infolge schauerlicher 80er-Jahre-Keyboards und Synthesizer zwar peinliche Momente, enthielt aber dafür so großartige Songs wie “Toms Diner”, das ihr ein paar Jahre später als zweifelhafter “DNA-Remix” neue Popularität bescherte. Der künstlerische Höhepunkt war vielleicht ihr viertes Album “99.9 F” (1992), auf dem sie sehr geschmackvoll und diskret mit elektronischen Effekten experimentierte. Als erste Worte hauchte sie: “Excuse me, if I turn your attention …”. Damals war das perfektes Understatement, heute wäre eine solche Warnung schon eher angebracht. Zwar war Frau Vegas Veröffentlichungspolitik vorbildlich sparsam: “Beauty & Crime” ist erst ihr siebtes Album in 33 Jahren. Aber es ist, wenn nicht alles täuscht, ihr schwächstes. Das Positive ist schnell genannt: Ihre Stimme ist noch immer ganz wunderbar und auch das Gitarrenspielen verlernt man eben nicht so schnell. Aber mit dem kreativen Songwriting der frühen Jahre hat das leider nicht mehr viel zu tun. Das klang noch auf dem Vorgängeralbum “Songs in red and grey” ganz anders. Trug damals noch eine erkennbar gereifte Künstlerin stilsicher neue Songs vor, wirkt die neue CD seltsam ideen- und orientierungslos. Die Lieder gehen nicht ins Ohr, der Funke will einfach nicht überspringen. Nota bene: Man muss Suzanne Vega an ihrem eigenen hohen Maßstab messen. Die große Masse der heutigen Newcomer ist mangels Talent auch von einem “Beauty & Crime” weit entfernt. Das Gesamturteil lautet: ausreichend (6 Punkte).
Suzanne Vega
Beauty & Crime
Blue Note (EMI) 2007
Ca. EUR 17,00
ASIN: B000H6SU9A
Justament März 2008: Was ist das?
PJ Harvey überrascht und verstört auf “White Chalk”
Thomas Claer
Gewiss war PJ Harvey, britische Songwriterin und nebenher Bildhauerin und Lyrikerin, schon immer mit dem Wahnsinn im Bunde. Und auch an Wandlungsfähigkeit hat sie es in ihrer 15-jährigen alternativen Popkarriere nicht fehlen lassen. Das neue Album schießt hier nun aber definitiv den Vogel ab. Bei den ersten Takten des Openers “The Devil” glaubte ich zunächst an einen Irrtum der Plattenfirma. Waren das Kinderchöre? Ein Klavierspiel wie auf einer Gespenstermesse. Ein gruseliges Kinderlied also? Aber dann doch unverkennbar PJs Gesang, nur mindestens eine Oktave höher als sonst. Es wird dann später streckenweise auch wieder konventioneller, doch die Songs kommen durchgängig ohne Drums und elektrische Gitarren aus. Rein akustisch eingespielt, mit dominantem Klavier sowie Zither, Fiedel, Banjo und Klampfe instrumentiert, gelangt “White chalk” zu einer fast schon aufreizenden Intimität und Zerbrechlichkeit – um dann aber doch immer wieder zu überraschenden konzeptionellen Sprüngen anzusetzen. So versucht sich die Künstlerin im Song “To Talk To You”, wenn wir der Einschätzung des Wikipedia-Autors Glauben schenken dürfen, sogar im mongolischen Kehlkopfgesang.
Früher, auf ihren sieben Vorgängeralben, bei großzügigerer Zählweise waren es sogar neun, klang es bei ihr noch anders: Sie spielte zumeist einen schweren, oft auch harten Bluesrock, mit expressivem Gesang bis hin zu hysterischen Ausbrüchen. Wie etwa im völlig orgiastischen Song “City of No Sun” vom Album “Dance Hall at Louse Point” (1996), einem ihrer stärksten. Es folgten auch einige melodischere, fast schon poppige Ausreißer wie vor allem die irritierende CD “Stories from the City, Stories from the Sea” (2000), bis PJ Harvey mit dem Vorgängeralbum Uh Huh Her (2004) wieder beim erdigen Bluesrock ihrer Anfangsjahre angelangte. Doch nun ist bei der 38-Jährigen nichts mehr wie es war. Ihre öffentlichen Dämonenaustreibungen sind in eine völlig neue Phase gekommen. Rücksichts- und kompromisslos sprengt sie die Grenzen des Genres Rockmusik, ohne dass sich letztlich genau benennen ließe, um was es sich beim Ertrag dieses Ausbruchs eigentlich handelt. So wie white chalk, weiße Kreide, posiert Polly Jane auch auf dem Coverfoto: blass im Gesicht, im weißen Kleid, auf einer unsichtbaren Sitzgelegenheit, die Hände in den Schoß gelegt. Ein minimalistisches Konzeptalbum von großer Intensität. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).
PJ Harvey
White Chalk
Island (Universal) 2007, CD, 33:59 Minuten
ca. EUR 15,00
ASIN: B000SFYUV2
Justament März 2008: Der absolute Wahnsinn
Nach 37 Jahren wieder veröffentlicht: Achim Reichels “Grüne Reise”
Thomas Claer
Hamburg, 1970: Der 26-jährige Rockmusiker Achim Reichel, vormals Boygroup-Star mit den “Rattles”, nimmt aus einer Laune heraus in nur zwei Tagen eine äußerst skurrile Platte auf mit experimenteller Elektronik, indischen Instrumenten, Echo-Gitarren und esoterischen Texten (“Fröhliche Abenteuer für Sinne, Geist und Triebe”). Die “Grüne Reise” wird im “Musikexpress” als “billiges Machwerk” verrissen und floppt gewaltig. Nur 3000 Exemplare verkaufen sich, bis sie 1976 von der Plattenfirma Polydor ganz aus dem Handel genommen wird.
Bremen, 1991: Der Rezensent hört als Gymnasiast auf dem Walkman seines Freundes Olli Achim Reichels “Der Spieler” aus den frühen 80ern und ist nicht nur von den Gitarrenriffs begeistert. Auf der Suche nach Achim Reichels Seemannsliedern und Balladen-Vertonungen aus den Siebzigern lande ich schließlich beim Flohmarkt-Plattenhändler mit den langen Haaren und dem Vollbart, der zu jeder verkauften Platte eine Geschichte erzählt. Und der fragt mich: “Suchst du denn etwa auch die “Grüne Reise”? Ich habe keine Ahnung und schäme mich für meine Unkenntnis. Der Händler sagt: “Ich weiß nicht, was alle an der ollen Kiffer-Scheibe finden, aber die reißen sie mir aus den Händen. Ist wirklich schwer zu besorgen, aber ich konnte bisher immer noch eine auftreiben. Das kostet dann aber auch was: Unter 25 Mark geht da nix mehr.” Das war nun absolut nicht meine Preislage. “Außer”, sagte der Händler, der das merkte, “du willst diese zerkratzte mit den angenagten Ecken, aber Original-Pressung. Die kostet nur 14 Mark.” Das wurde dann meine “Grüne Reise”. Sie knisterte und eierte sogar gewaltig auf dem Plattenteller. Aber sie spielte – und versetzte mich augenblicklich in Entzücken.
Mitte der 90er war die “Grüne Reise” bereits sehr angesagt auf Trance- und Goa-Parties. Und für internationale Musikkritiker ist sie heute längst der beste deutsche Krautrock ever. Doch blieb sie bis zuletzt die ewig knisternde, kultisch verehrte Raubkopie. Nun ist es Achim Reichel (inzwischen 64) endlich gelungen, die Rechte an seiner “Jugendsünde” von der Plattenfirma zurückzukaufen, und er bringt diese auf seinem hauseigenen Tangram-Label digitally remastered auf den Markt. Dazu gibt es als Bonus-DVD eine psychedelische filmische Umsetzung der “Grünen Reise” von 60 Studenten aus dem Fachbereich Medien der Fachhochschule Lippe/ Höxter, ihre Seminararbeit über zwei Semester. Das Urteil lautet: gut (15 Punkte).
A.R. & Machines
Die grüne Reise
Tangram (Indigo) 2007, Doppel-CD, 40:49 Minuten
ca. EUR 20,00
ASIN: B000XJOCNE
Justament Dez. 2007: Ex-Philosoph legt Hand ans Grundgesetz
Indie-Legende Matthias Arfmann mit Dub’l G
Thomas Claer
Matthias Arfmann ist in der deutschen Musikszene nicht irgendjemand. Jahrelang ernteten er und seine damalige Mitstreiterin Katrin Achinger als Köpfe der Band “Kastrierte Philosophen” (1981-1996) viel Lob und Anerkennung, doch der kommerzielle Durchbruch blieb aus. Nicht zuletzt hat sich an ihnen der alte und schöne Indie-Spruch bewahrheitet: Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein guter Song in die Hitparade. Nun durchlebten die Philosophen über die Jahre einen kuriosen stilistischen Wandel, der sie vom Postpunk und Garagenrock über Hip-Hop, Trip Hop und Ethno-Pop bis hin zur Reggae-Musik führte. Charakteristisch für sie blieb aber stets das psychedelische Element in Arfmanns Gitarrenspiel. In den zurückliegenden zehn Jahren hat sich Matthias Arfmann dann mit seiner neuen Band “Turtle Bay Country Club” dem Dub verschrieben, der elektronischen Variante des jamaikanischen Reggae. Doch unternahm er zuletzt spektakuläre Ausflüge in neue Experimentierfelder: Auf Recomposed (2005) kreuzte er klassische Kompositionen von Dvorak, Wagner, Tschaikowsky und anderen mit seinen Dub-Klängen. Das Ergebnis war beeindruckend und erschütterte wieder einmal den vom hochkulturellen Dünkel getragenen Mythos einer Wesensverschiedenheit der sogenannten Genres “U” und “E”. Um so gespannter konnte man auf Arfmanns jüngsten Coup sein: den Dub-Remix einer Freejazz-Vertonung unseres Grundgesetzes, mit welcher die Musiker Thomas Bierling, Eva Weis und Peter Lehel schon seit Ende 2004 in deutschen Justizvollzugsanstalten aufgetreten waren. Die Originalaufnahmen letzterer sind dem Tonträger als Bonus-CD beigefügt und nehmen sich eher befremdlich aus. Banausen werden sich hier vermutlich an Hape Kerkelings alte Hurz-Nummer mit dem Habicht erinnert fühlen. Dagegen überführt Matthias Arfmann die Grundgesetz-Artikel souverän in Dub-Klänge und glättet mit geschmeidigen Arrangements die doch ziemlich anstrengende Wirrnis der Vorlage. Anknüpfend an die von der Freejazz-Fraktion aus dem Gesetzestext extrahierten Begriffe (“Sittengesetz”, “Eigentum”, “Gleichheit”) lässt er vielschichtige Klanglandschaften entstehen und gewinnt so dem Grundgesetz Aspekte ab, die gewiss nicht einmal seinen versiertesten Kommentatoren in den Sinn gekommen wären. Hier und da gerät das Resultat eine Spur zu poppig oder man hätte sich ein wenig mehr Stringenz wie in Arfmanns Philosophen-Tagen gewünscht. Gelungen ist das Experiment dennoch. Das Urteil lautet: befriedigend (9 Punkte).
Matthias Arfmann
Dub’l G – Das Nähere regelt ein Bundesgesetz
Yeotone / Bella Music Edition 2007, CD, 28:11 Minuten
Special Edition including original recordings
ca. EUR 15,00
ASIN: B000R57TEI
Justament Dez. 2007: Müder Voodoo-Zauber
Phillip Boa enttäuscht auf “Faking To Blend In”
Thomas Claer
Das Leben ist zu kurz um mittelmäßige Musik zu hören. Man muss es so deutlich sagen, auch wenn es hier keinen geringeren als Phillip Boa trifft, den Godfather des deutschen Indie-Rock, dessen Einfluss auf die hiesige Musikszene seit den mittleren 80ern gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Dabei ist zwar kaum etwas völlig daneben auf “Faking To Blend In”, der mittlerweile 16. Platte des sich mental zuverlässig zwischen Depression und Größenwahn bewegenden Pop-Exzentrikers. Doch richtig Gutes ist diesmal eben leider auch Mangelware. Es ist schon bezeichnend, dass das stärkste Stück des Albums, ein musikalisches Kleinod namens “Emma”, einen so eindeutig als Oma- und Einzelhandelstanten-Namen (oder allenfalls noch als englische Literaturgestalt anno 1816) konnotierten Titel trägt. Außer Emma kann nur noch der Titelsong “Faking To Blend In” überzeugen.
Nun beobachtet man allerdings bereits seit mindestens 13 Jahren, dass die regelmäßigen Veröffentlichungen des Meisters nicht mehr mit seinem fulminanten Frühwerk mithalten können, vereinzelte Song-Highlights einmal ausgenommen. Auch haben sich Verkaufszahlen und Anhängerschar seitdem spürbar reduziert. Seinerzeit, in den 80ern, waren die ersten Platten des Voodooclub mit poppigen Melodien, schroffen Gitarren und afrikanisch anmutenden Rhythmen wie eine Bombe in der Indieszene eingeschlagen. Der charakteristische Wechselgesang zwischen Boa und Leadsängerin Pia Lund und ein unerhörter kompositorischer Ideenreichtum sorgten für grandiose Alben, fantastische Songs und unvergessliche Konzerte. Letztere immerhin haben bis heute überdauert – um nicht zu sagen: Die Boa-Konzerte sind dank exzellenter Musiker und pointierter Arrangements in kleineren Hallen vielleicht besser als je zuvor, wovon sich der Rezensent zuletzt 2005 im Berliner franzz club überzeugen konnte und wovon sich auch jeder auf Youtube ein Bild machen kann. Der geneigte Leser versuche es etwa mit “Annie Flies The Love Bomber”, “Fine Art In Silver” oder “Diana”. Und ja, es wird auf den Konzerten tatsächlich noch Pogo getanzt!
Allein die Neukompositionen sind vergleichsweise fade und einfallslos. Wo früher einmal jedes Lied ein Kracher war, braucht es heute schon mehrere Alben, um auch nur auf eine Handvoll passabler Songs zu kommen. So ist das eben. Das Urteil lautet daher: ausreichend (6 Punkte).
Phillip Boa & The Voodooclub
Faking To Blend In
Motor music 2007, CD, 50:22 Minuten
ca. EUR 15,00
ASIN: B000S9VRRS


