Category Archives: Über Musik

www.justament.de, 10.2.2014: Zuckendes Fleisch war früher

Vor 35 Jahren entstanden die ersten Musikaufnahmen der Einstürzenden Neubauten

Thomas Claer

zuckendes-fleischNach offizieller Geschichtsschreibung gründeten sich die Einstürzenden Neubauten, die bedeutendste und berühmteste aller Kreuzberger Szenebands, am 1.April 1980, als Sänger Blixa Bargeld gefragt wurde, ob er nicht im Berliner Moon-Club spielen wolle und einfach ein paar Freunde anrief. Doch gab es durchaus schon frühere Tonaufnahmen von Blixa Bargeld und „seinen Freunden“ aus dem Jahr 1979, die später als Stücke der Einstürzenden Neubauten auf einem Sampler und einer raren Bootleg-Pressung namens „Zuckendes Fleisch“ erschienen, weshalb man den Beginn der Band-Historie mit Fug und Recht auch schon einige Monate eher ansetzen darf. Und genau das wollen wir hiermit tun und daher bereits jetzt an 35 Jahre Einstürzende Neubauten erinnern.

Aus heutiger Sicht erscheint es als nahezu unglaublich, dass eine so radikale, so atonale, so sperrige Musik, wie sie von den frühen Neubauten damals gespielt wurde, jemals ein größeres Publikum finden konnte. Und der eigentliche Mythos wurde ja erst 1981 geboren, als die Musiker aus verzweifelter wirtschaftlicher Not einen Großteil ihrer Instrumente verkaufen mussten und auf der Suche nach Ersatz auf dem Schrottplatz fündig wurden. Fortan traten sie mit Schlagbohrmaschine auf und trommelten auf Teilen von ausgedienten Autowracks herum. Das war so einmalig, dass bald die Musikkritik auf die seltsame Untergrund-Combo aufmerksam wurde, und die neuen Szene-Stars waren geboren. Einige Jahre und Platten lang blieben die Kreuzberger Industrial-Rebellen dann ihrem durch und durch expressionistischen Stil treu und sonderten zur mit existentiellem Ernst herausgebrüllten Lyrik Blixa Bargelds fortwährend die infernalischsten Klänge ab, wie z.B. hier. Dabei begründeten sie eine völlig neue Ästhetik des Anti-Establishmets und wurden bald schon für Theater-Inszenierungen gebucht. Dass sich der zur Erschaffung und Präsentation einer solchen Musik erforderliche, alle menschlichen Ressourcen aufs Äußerste strapazierende Lebensstil der Bandmitglieder nicht unbegrenzt fortsetzen lassen würde, war klar. Irgendwann jenseits der 30 wurden die Neubauten ruhiger und manchmal sogar eingängiger, ohne jedoch ins Kommerzielle oder Beliebige abzudriften. Seit gut zehn Jahren vermarkten sie ihre Musik nur noch direkt über das Internet. Unerreicht bleibt das ihren gewaltigen Ruhm begründende Frühwerk. Das Urteil für Letzteres lautet: sehr gut (16 Punkte).

Einstürzende Neubauten
Kollaps
Some Bizarre 1981
ZZ 65

Einstürzende Neubauten
Zeichnungen des Patienten O.T.
Some Bizarre 1983
RTD 18

Einstürzende Neubauten
½ Mensch
Some Bizarre 1985
EFA 026014

Einstürzende Neubauten
Kalte Sterne / Early Recordings
Mute Recordings Ltd. 2004
CDStumm 137

www.justament.de, 2.12.2013: 17 jahr? Wieder da!

Die wunderbaren Mazzy Star mit ihrem neuen Werk “Seasons of Your Day“

Thomas Claer

cover-mazzy-starWas sind schon gut anderthalb Jahrzehnte Pause für eine Band wie Mazzy Star, deren Songs, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, für die Ewigkeit gemacht sind. Richtig aufgelöst hatten sie sich zwar nie, doch glaubte angesichts der langen Funkstille nach ihren drei großartigen Alben aus den 90ern lange Zeit niemand mehr an eine Fortsetzung ihres Schaffens. Seit ihrer Gründung im Jahr 1989 aus den Trümmern der kalifornischen Indie-Legende Opal, als die damals noch sehr junge Sängerin Hope Sandoval anstelle der ebenfalls durchaus bezaubernden Kendra Smith die Frau an der musikalischen Seite des Gitarristen David Roback wurde, waren Mazzy Star die amerikanische Neo-Psychedelic-Folk-Band schlechthin. Manche nannten ihre Leichtigkeit und Schwere auf geheimnisvolle Weise miteinander verbindende Musik damals auch Dream Pop.
Und jetzt, nach geschlagenen 17 Jahren, sind sie also tatsächlich mit einem neuen Album in alter Bandbesetzung wieder da. Irgendwelche Presseerklärungen oder Gründe für die lange Abstinenz? Fehlanzeige. Nun ja, schon 2009 hatte Hope Sandoval in einem Interview der entzückten Fangemeinde verraten, dass eine neue Mazzy Star-Platte bereits so gut wie im Kasten sei. Aber auf die vier Jahre bis zur endgültigen Fertigstellung kam es dann offenbar auch nicht mehr an. Der Faktor Zeit ist bei dieser Band ganz nebensächlich. Alles an Mazzy Star ist gewissermaßen slow motion. Berühmt geworden sind ihre frühen Interviews, in denen sie zu den Fragen der Journalisten manchmal minutenlang schwiegen, um dann doch noch einsilbig zu antworten. Aber zurück zum neuen Album: Optisch hat sich bei den beiden Haupt-Protagonisten nicht allzu viel verändert. Na gut, David Roback hat eine mächtige Geheimratsecke bekommen, aber Hope Sandoval sieht mit ihren 47 Jahren, zumindest auf den Bildern, noch immer aus wie ein junges Mädchen, ihre Stimme klingt ebenfalls vollkommen unverändert, so wie auch David Robacks Gitarrenspiel. Überhaupt ist bei Ihnen in musikalischer Hinsicht – was allerdings auch niemanden überraschen wird – nahezu alles beim Alten geblieben. Und das bedeutet: Vom ersten bis zum letzten Song sind diese zehn Lieder – jedes auf seine Weise – beinahe vollendet. (Allenfalls über die Orgel im Auftaktstück kann man geteilter Meinung sein.) Eine solch profunde Melancholie hat man selten gehört. Mazzy Star sind und bleiben in jeder Hinsicht etwas ganz Besonderes. Das Urteil lautet: gut (14 Punkte).

Mazzy Star
Seasons of Your Day
Rhymes of An Hour (Rough Trade) 2013
ASIN: B00DYEBM3I

PS: Hier noch ein sehr schöner Live-Auftritt von 1994!

www.justament.de, 8.7.2013: Hypnotisch und schön

„The xx“ auf ihrem zweiten Album „Coexist“

Thomas Claer

coexistWenn man tagsüber im Feuilleton die Lobeshymnen über diese oder jene neue Band gelesen und so richtig Feuer gefangen hat, möchte man sich das Ganze eigentlich abends auf YouTube auch gerne mal mit eigenen Ohren anhören. Aber leider funktioniert das Gedächtnis ab einer bestimmten Semesterzahl nicht mehr ganz so wie noch, sagen wir, mit zwanzig. Wie hieß diese kolossale Band noch gleich? Hat man wirklich heute von ihr gelesen oder war es nicht doch gestern oder vorgestern? Soll man jetzt aufstehen und den Zeitungsstapel durchsuchen? Nein, das ist einem dann meistens doch zu umständlich. Nun wird mancher Leser fragen: „Warum kauft er sich denn nicht einfach ein Smartphone oder iPad mit Kopfhörern?“ Der Einwand ist nicht unberechtigt, aber diese Lösung kommt aus in der hier gebotenen Kürze nicht erschöpfend darstellbaren Gründen dann doch nicht in Betracht. Jedenfalls noch nicht. Da ist es doch andererseits ein Riesenglück, dass eine dieser großartigen neuen Bands einen Namen trägt, den sich im Notfall wohl selbst noch weitaus fortgeschrittenere Jahrgänge, als man selbst es ist, leicht merken könnten, brächten sie nur ein Interesse für solche Musik auf. Die Rede ist natürlich von der dreiköpfigen englischen Indie-Poprock-Band „The xx“, die 2005 in London gegründet wurde. (Huch, das ist ja auch schon wieder acht Jahre her!)
Diese Musiker pflegen einen Minimalismus in jeder Hinsicht, nicht zuletzt auch in ihrer Veröffentlichungspolitik. Nur zwei CDs in acht Jahren, das findet man nicht alle Tage. Und wenn sich Newcomer in ihrem Output so beschränken, dann zeugt das schon von einem bemerkenswerten Selbstbewusstsein: Willst du gelten, dann mach dich selten! Und die Rechnung ging auf. Fand ihr schlicht „xx“  benannter Erstling aus dem Jahr 2009 noch allein auf der Insel Beachtung, brachte „Coexist“ im letzten Jahr den weltweiten kommerziellen Durchbruch. Tja, und ihre Musik? Die ist reduziert, hypnotisch und schön. Ein paar dezente Beats aus der Drum Machine, ein wenig Gitarrenspiel und ein paar Bassläufe. Und darüber erhebt sich der charakteristische Wechselgesang aus weiblicher und männlicher Stimme. Besonders Sängerin und Gitarristin Romy Madley Croft singt einfach meisterhaft. Ihr Gesangs-Kollege und Bassist Oliver Sim eigentlich auch, nur sollte der junge Mann vielleicht mal über seine Frisur nachdenken. Einen solchen Über-Song wie „Crystalised“ auf ihrem ersten Album enthält die aktuelle CD „Coexist“ zwar nicht. Das Urteil lautet dennoch: voll befriedigend (11 Punkte).

The xx
Coexist
Young Turks/X1/Beggars Group (Indigo) 2012
8,99 EUR (bei Amazon)
ASIN: B008B11R1Q

www.justament.de, 21.5.2013: 30 Jahre erste Single von The Smiths

Scheiben vor Gericht Spezial

Thomas Claer

Smiths CoverMit den Smiths ist der Begriff Indie-Pop überhaupt erst auf die Welt gekommen. Ihre erste Single, Hand in Glove/Handsome Devil, erschien im Mai 1983 und enthielt in diesen zwei Songs bereits alles, was diese Band in den nur vier Jahren ihres Bestehens ausmachen sollte: melancholisch süße Melodien, Johnny Marrs einzigartiges Gitarrenspiel, Morisseys weltschmerzgetränkten Gesang und im Songtext der A-Seite eine Überdosis hoffnungsloser Romantik, kulminierend in der Schlusszeile „I‘ll probably never see you again“. Jede neue Smiths-Single, und es wurden in ihrer kurzen aktiven Zeit nicht weniger als 19, war fortan ein Ereignis, jedes Plattencover eine ästhetische Offenbarung. In ihrer Heimat England eroberten sie zu jener Zeit mit schlafwandlerischer Sicherheit die Hitparaden, im Rest der Welt galten sie dagegen lange als Geheimtipp, konnten aber mit jeder der vielen posthumen Best of-Zusammenstellungen neue Fans gewinnen, gerade auch unter den Nachgeborenen. Das Geheimnis der Smiths ist wohl dieses: Ihre Musik berührt in ihrer zeitlosen Verlorenheit unmittelbar die Seele der Teenager und derer, die sich auch später noch ein wenig von den schrecklichen Verwirrungen des eigenen Erwachsenwerdens erhalten haben. Man ahnt, dass die Entstehung der Songs von erheblichen bandinternen Richtungskämpfen begleitet gewesen sein muss. Im August 1987 hatte Gitarrist Johnny Marr jedenfalls die Nase voll von den ewigen Streitereien mit Sänger Morrissey und verließ die Band, woraufhin Morrissey nach einigen notwendigerweise vergeblichen Versuchen, Ersatz für Johnny Marr zu finden, im September 1987 die Smiths für aufgelöst erklärte. So konnte die bis heute anhaltende Phase ihres Nachruhms beginnen. Hervorzuheben ist die überaus gelungene Parodie auf die Smiths im Song Samisu des deutschen Spaß-Punks Farin Urlaub aus dem Jahr 2001. Aber könnte es nicht doch noch irgendwann eine Wiedervereinigung der Smiths geben? Morrissey hat auf diese Frage einmal geantwortet: „Lassen Sie es mich so ausdrücken: Nein“. Das Urteil fürs Gesamtwerk lautet: sehr gut (16 Punkte).

The Smiths
Hand in Glove / Handsome Devil (Single)
Rough Trade 1983
(vergriffen)

The Smiths
The Smiths
Rough Trade 1984
Neuauflage mit drei Bonustracks: Warner Music 2012
B007F5S1FY
6,97 EUR (bei Amazon)

Einen schönen Überblick über ihre frühe Phase gibt es hier.

Justament April 2013: Was wir (nicht) hören wollen

Das neue Tocotronic-Album „Wie wir leben wollen“

Thomas Claer

Cover TocoMan will ja kein Ewiggestriger sein, der sich seine verflossene Jugend und den Jungs von Tocotronic die Trainingsjacken zurückwünscht. Aber etwas mehr Anknüpfungspunkte zu ihrem famosen Frühwerk hätte man sich von dieser Mutter aller Hamburger-Schule-Bands, die überdies zur Hälfte aus abgebrochenen Jura-Studenten besteht, in den letzten Jahren schon erhofft. Und nun dies: Mit ihrem neuen Album „Wie wir leben wollen“ kehren sie, zumindest was den Titel angeht, zurück zur alten Parolenhaftigkeit. Doch das ist noch nicht alles. Den 17 Songs mitgeliefert werden nicht weniger als 99 Thesen (http://www.tocotronic.de/99thesen) dazu, wie man sich das mit der gewollten Lebensführung so vorzustellen hat. Und damit haben Tocotronic mal eben jenen berühmten Reformator übertroffen, der es seinerzeit nur auf vier Thesen weniger gebracht hatte, welche er vor 496 Jahren medienwirksam an die Wittenberger Kirchentür nagelte. So operieren sie, wie es sich für anständige Diskurs-Rocker gehört, auf Augenhöhe mit dem abendländischen Geistes-Kanon. Nur eine gewisse inhaltliche Unschärfe dieser 99 zum Teil sehr knapp gehaltenen Lehrsätze, die mitunter ziemlich im Ungefähren bleiben, ließe sich bemängeln.
Ansonsten verwalten die Tocos diesmal souverän ihren Ruhm. Und wie sie wieder aussehen! Hipster-Bärte wie die späten Beatles, noch immer die charakteristischen Frisuren. Aber liegt es nur an der Lichteinstellung oder durchziehen Dirk von Lowtzows wilde Mähne inzwischen tatsächlich graue Strähnen? Der Titelsong „Im Keller“ lässt daran keinen Zweifel: „Hey, ich bin jetzt alt!“, lauten die ersten Worte des Albums. Was die Texte angeht, so bewegen sie sich eigentlich allesamt an der Grenze zur Peinlichkeit, die manchmal zwar durchaus überschritten, oft aber auch nur auf gekonnt ironische Weise touchiert wird („Mein Sex ist desolat!“). Gelegentlich landen sie sogar Volltreffer wie in alten Zeiten:“Erfolgreiche Freunde – Geißel der Menschheit“. Verbessert gegenüber dem relativ schwachen Vorgängeralbum, das es dennoch auf Platz 1 der deutschen Verkaufscharts geschafft hat, hat sich auf alle Fälle die Musik. Weniger langatmig und schwulstig, dafür pointierter und hin und wieder sogar etwas rockiger. Das Urteil lautet: Es lässt sich hören. Oder anders gesagt: voll befriedigend (10 Punkte). Plus ein Zusatzpunkt für die Idee mit den 99 Thesen.

Tocotronic
Wie wir Leben wollen
Vertigo Berlin (Universal) 2013
Ca. € 15,-
ASIN: B00AFARJ4A

www.justament.de, 11.2.2013: 30 Jahre Tonträger der Kastrierten Philosophen

Scheiben vor Gericht – Spezial: Im Jahr 1983 erschienen die ersten Cassetten der legendären „Kastrierten Philosophen“ im Eigenverlag – und ihre erste Maxi Single

Thomas Claer

kp-nervesIhr Frühwerk ist geradezu eine Schatzkammer. Rau und ungeschliffen, manchmal auch verspielt und experimentell klangen die ersten in Kleinstauflagen produzierten Cassetten und – immerhin! – die erste Maxi-Single der beiden Fast-noch-Teenager Katrin Achinger und Matthias Arfmann aus Verden an der Aller im Jahr 1983. Heute, dreißig Jahre nach ihren Anfängen, sind die Kastrierten Philosophen, wie sie sich sonderbarerweise genannt haben, leider fast vergessen. Dabei waren sie es, die – stilistisch höchst wandelbar: von Post-Punk über Trip Hop bis zum Reggae metamorphierend – über die Jahre (und es gab die Band bis 1996) der deutschen Popmusik die Psychedelic brachten. Matthias Arfmanns charakteristische Philosophen-Gitarre und Katrin Achingers dunkler, betörender Gesang begründeten ihre absolute Ausnahmestellung nicht nur in der deutschen Musiklandschaft. Als „deutsche Velvet Underground“ wurden sie Mitte der Achtziger von einer entzückten Musikpresse bejubelt – und das völlig zu recht, denn gemeinsam mit anderen Bands wie den 39 Clocks hatten sie damals ein neo-psychedelisches Sechziger-Revival eingeläutet, dem später noch mehrere weitere folgen sollten. Aber niemals hat wieder jemand so geklungen wie die Kastrierten Philosophen.

Nun waren diese Meisterwerke jedoch die längste Zeit jenen wenigen Glücklichen vorbehalten, welche die seltenen Exemplare der besagten Tonträger aus jener Schaffensphase der Band – teils zu hohen Sammlerpreisen – ergattern konnten. Aber der geneigte Leser ahnt es schon: Dank YouTube ist heute zwar längst nicht alles, aber immerhin doch endlich ein vielsagender Querschnitt jener frühen Jahre wieder aufgetaucht. Und das muss gebührend gefeiert werden! Als besondere Höhepunkte seien hier empfohlen:

Endzeitliebe

In Dark / Decadent Café

Call Yourself A Lier

Scars Of Dancing

Hard Break Hotel

Heroina

Und wenn ich mal mehr Ruhe habe und auch endlich technisch dazu in der Lage sein sollte, dann werde ich einen YouTube-Account anlegen und noch so einige weitere Philosophen-Schätze ans Licht der Welt heben.

Doch was machen unsere Helden von einst eigentlich heute? Nach der sowohl privaten als auch musikalischen Trennung 1996 hat sich Matthias Arfmann ganz gut als Produzent von Bands wie den „Absoluten Beginnern“ durchgeschlagen. Katrin Achinger hingegen machte zuletzt einen eher verzweifelten Eindruck, da sie keine Plattenfirma für ihr 2009 eingespieltes Album finden konnte, das letztlich unveröffentlicht blieb. Und dann ist 2010 auch noch der langjährige Schlagzeuger der Band, Rüdiger Klose, verstorben. So ungerecht ist sie nun einmal, die Welt! Das Urteil fürs Gesamtwerk der Kastrierten Philosophen lautet: sehr gut (17 Punkte).

Kastrierte Philosophen
Heroina live 1983
MC c-30, Eigenverlag 1983
(vergriffen)

Kastrierte Philosophen
Decadent Toys live 1983
MC c-30, Eigenverlag 1983
(vergriffen)

Kastrierte Philosophen
Die kastrierten Philosophen
Psychotic Promotion/Das Büro 1983
Maxi-LP
(vergriffen)

Kastrierte Philosophen
Lens Reflects Fear
Psychotic Promotion/Das Büro 1983
Maxi-LP
(vergriffen)

Kastrierte Philosophen
Love Factory
What‘s So Funny About 1985
LP, WSFA SF 11
(vergriffen)

P.S.: Das abgebildete Plattencover gehört allerdings nicht zu den hier besprochenen Veröffentlichungen, sondern zum etwas späteren, ebenfalls sehr empfehlenswerten Album “Nerves” von 1988. Wir haben es aus rein ästhetischen Gründen ausgewählt.

www.justament.de, 29.10.2012: Siebzig Jahre Lou Reed und John Cale

Scheiben vor Gericht – spezial –

Thomas Claer

scheiben-tc-velvet-underground-coverSchlag auf Schlag ging es 2012: Erst konnten Lou Reed und John Cale von The Velvet Underground ihre 70. Geburtstage feiern, dann auch noch Paul McCartney von den Beatles. Bob Dylan war schon 2011 an der Reihe, 2013 werden Mick Jagger und Keith Richards von den Rolling Stones nachziehen. Auf der Bühne stehen sie alle noch, eigentlich tun sie das sogar ständig. Und ihre Bühnenshows sind kaum weniger temperamentvoll als vor Jahrzehnten. Doch kann das wirklich überraschen? Als der deutsche Altrocker Achim Reichel (ex Rattles und Wonderland), der übrigens 2014 siebzig wird und heute selbstverständlich auch noch regelmäßig Konzerte gibt – wie sein Kollege Udo Lindenberg, der aber erst 2016 ins achte Lebensjahrzehnt eintreten wird – als Achim Reichel also 1989 ein Lied namens „Rock’n Roll und graue Schläfen“ herausbrachte, da galt es schon als kleine Sensation, dass die wilden Kerle von einst auch noch mit Mitte vierzig der Rockmusik die Treue hielten, die man damals vornehmlich mit Jugendlichkeit, Aufbruch und Protest assoziierte. Dabei war das, wie wir heute wissen, erst der Anfang! Längst hat sich erwiesen, dass kein Rock-Musiker, der etwas auf sich hält, jemals in Rente geht. So wie der Cowboy am liebsten durch eine Kugel auf dem Pferd stirbt, wünscht es sich der Rockstar im Beifallssturm des Publikums beim Gitarrensolo auf der Bühne. Schon vor Jahren kam Willi Winkler in der Süddeutschen Zeitung zu dem Schluss, dass der mythische Jungbrunnen der Antike, dem entstiegen alte Greise zu singen und zu tanzen, sich wie Jugendliche zu gebärden beginnen, nunmehr gefunden sei: Es ist die Rockmusik.
Nur dass die jungen Leute das inzwischen längst nicht mehr cool finden. Die hören lieber Schmuse-Pop und Lady Gaga. Als ich vor einigen Jahren einer jungen Kollegin eine CD mit ziemlich fetziger Rockmusik aufnahm, da kommentierte sie das mit den vernichtenden Worten: „Sowas hört aber eigentlich mein Vater.“ Man muss sich wohl schon langsam darauf einstellen, irgendwann den Satz zu hören: „Solche Musik hört doch mein Opa.“
Über das Hauptwerk der eingangs erwähnten Velvet Underground, „The Velvet Underground and Nico“, jene Platte aus dem Jahr 1967 mit dem legendären Bananencover von Andy Warhol, muss man indessen keine großen Worte mehr verlieren. Wenn es in der Welt eine perfekte, ganz und gar vollkommene Pop-Platte gibt, dann diese. Das Urteil lautet: sehr gut (18 Punkte).

The Velvet Underground
The Velvet Underground and Nico
Polydor (Universal) 1967
6,97 EUR (bei Amazon)
ASIN: B000002G7C

Justament Sept. 2012: 25 Jahre erste Pixies-Platte

Scheiben vor Gericht Spezial

Thomas Claer

Cover PixiesMit den Pixies und ihrer Debüt-EP „Come on Pilgrim“ begann damals, 1987, ein neues Zeitalter der Popmusik. Der wilde anarchische Indie-Gitarrenrock war geboren. Viele Epigonen hat es seitdem gegeben, doch niemand von ihnen konnte und kann den Pixies das Wasser reichen. In einzigartiger Weise verbanden sie krachende und knochentrockene Gitarrenriffs mit beinahe beängstigend einschmeichelnden poppigen Melodien. Zwar griffen sie durchaus auf das schon Vorhandene der Popgeschichte zurück, aber sie machten etwas völlig Neues daraus: Sixties-Gitarren kreuzten sie mit der Geschwindigkeit des Punkrock, den betörend schönen männlich-weiblichen Wechselgesang entliehen sie – wie vor ihnen bereits Phillip Boa & the Voodooclub – bei The Velvet Underground, und das Megaphon als Stimmverzerrungsgerät hatten vor ihnen schon, ja! ja! ja!: Trio. Ohne die Pixies wären die späteren Erfolge von Nirvana nie möglich gewesen. Kurt Cobain war ein ehrfürchtiger Bewunderer der Pixies. Er soll sogar einmal ein eigenes Konzert in London vorzeitig verlassen haben, nur um andernorts ein Pixies-Konzert (als Zuschauer!) nicht zu versäumen. Der Welthit „Smells like Teen Spirit“ von Ende 1991 war nach seinen Angaben der Versuch, so zu klingen wie die Pixies.
Doch zu dieser Zeit waren diese – nach nur vier LPs – schon fertig mit ihrem Gesamtwerk und lösten sich bald darauf auf. Sie haben, vergleicht man es mit den Kollegen aus Seattle und deren unglücklichem Frontmann, noch rechtzeitig den Absprung geschafft, waren angekommen an einem Punkt, an dem sie Stadien hätten füllen können – aber genau das wollten sie nicht. Hinzu kam der nicht mehr moderierbare Dauerstreit zwischen Sänger/Gitarrist Black Francis und Sängerin/Bassistin Kim Deal. Und schließlich waren die Pixies rein optisch betrachtet auch nicht gerade Schönlinge, so blieb Black Francis (anders als dem slackerigen Adonis Kurt Cobain) der mediale Ruhm als Stilikone erspart. Doch nach einem Jahrzehnt der Abstinenz drohte mehreren Bandmitgliedern das Geld auszugehen und Black Francis (der sich zwischenzeitlich Frank Black nannte und unzählige Garagenrock-Platten aufnahm) in Depressionen zu versinken. So kam es 2003 zur vielumjubelten Wiedervereinigung. Seitdem touren die Pixies mit ihren alten Songs durch die Welt und haben es glücklicherweise unterlassen, neue Platten zu veröffentlichen – schon um ihren Mythos nicht zu gefährden. Die euphorisierende Wirkung ihrer Musik ist bis heute ungebrochen. In einer besseren Welt als dieser feierte man nicht die Beatles und die Rolling Stones als größte Helden der Popgeschichte, sondern: die Pixies. Das Urteil fürs Gesamtwerk lautet: sehr gut (17 Punkte).

Pixies
Surfer Rosa / Come on Pilgrim
4AD/Beggar (Indigo) 1987/88
€ 7,99 (bei Amazon)
ASIN: B00005LAGO

Pixies
Doolittle
4AD(Beggar (Indigo) 1989
€ 8,97 (bei Amazon)
ASIN: B000026YFS

Pixies
Bossanova
4AD/Beggar (Indigo) 1990
€ 9,99 (bei Amazon)
ASIN: B000026YEG

Pixies
Trompe le Monde
4AD/Beggar (Indigo) 1991
€ 9,99 (bei Amazon)
ASIN: B000026YEO

Pixies
At the BBC
4AD/Beggar (Indigo) 1998
€ 12,99 (bei Amazon)
ASIN: B0000B9DL

Pixies
Complete B-Sides
4AD/Beggar (Indigo) 2001
€ 12,99 (bei Amazon)
ASIN: B000056Q1P

Justament Sept. 2012: This is Maike

Maike Rosa Vogel auf ihrem dritten Album „Fünf Minuten“

Thomas Claer

Cover MaikeDas musste ja so kommen. Kaum hat sich unsere Musikredaktion endlich mal zu einer Rezension von „Unvollkommen“ aus dem Jahr 2011 bequemt, da präsentiert uns Maike Rosa Vogel auch gleich schon ihr nächstes Album. O.K., wir haben verstanden. Hier also ganz aktuell unser Text zur neuen CD „Fünf Minuten“: Etwas bange ist einem vor dem ersten Hören schon. Die erste Platte nach dem Durchbruch ist ja für jeden Künstler eine besondere Herausforderung. Oft genug geht ja mit der Saturiertheit durch den Erfolg auch gleich der ganz spezielle Charme des Frühwerks verloren, was erst mal kompensiert werden will. Auch bei den Größten ist es so gewesen. Maike Rosa Vogel ist sich dieses Transformationsrisikos offenbar bewusst und setzt schon in den ersten Liedern „Du kannst alles sein“ und „Für fünf Minuten“ einiges in Bewegung, um etwaige Gedanken, sie könnte satt und zufrieden geworden sein, zu zerstreuen. Allerdings unterrichtet sie bzw. ihr lyrisches Ich die Zuhörer dabei so ausgiebig und stolz über tollkühne Abenteuer früherer Tage, dass hier ein wenig der Eindruck entsteht, Tante Maike will uns was aus ihrer wilden Jugendzeit erzählen. Über die zahlreichen Rechtsverletzungen („fast alles kaputt gemacht“, „U-Bahn beschmiert“, nachts in Schwimmbäder geklettert, „Bier auf dem Schulhof“), von denen hier auch die Rede ist, sehen wir Juristen natürlich milde hinweg. Weiter geht es im Song „Weizenfelder“ mit einer Anklage an einen Geliebten, der nicht gewillt ist, sich an Eskapaden wie „im Sommer nackt durch Weizenfelder rennen“ zu beteiligen („Doch du bewegst dich nicht!“). Aber dann kommt das Lied zur Statusvergewisserung „Ich bin ein Hippie“. Schon nach den ersten Zeilen verfliegt die anfängliche Skepsis des Rezensenten: „Bauen andere Leute Autobahnen, dann pflück ich Blumen und häng sie an mein Fahrrad ran“. Das ist so entwaffnend gut und richtig und schön, dass man sich kaum noch in der Lage sieht, überhaupt irgendetwas gegen diese Sängerin und diese Platte vorzubringen. Und schließlich ist auch noch der sehr gelungene aktuell-politische Protestsong „So Leute wie ich“ hervorzuheben. Zwar fehlen „Fünf Minuten“ die ganz großen Kracher, wie sie etwa „Tränendes Herz“ und „So hab ich dich bei mir“ auf ihrem Debüt-Album „Golden“ (2008) oder „Die Mauern kamen langsam“ auf „Unvollkommen“ darstellten. Doch lässt sich eine solche Intensität und Eindringlichkeit wie auf „Golden“, das man in dieser Hinsicht wohl nur mit den beiden ersten deutschsprachigen Platten von Element Of Crime vergleichen kann, nun einmal nicht beliebig wiederholen. Das Urteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Fünf Minuten
Our Choice Rough Trade 2012
Ca. € 15,-
ASIN: B007EJ6SOM

www.justament.de, 29.5.2012: Melancholische Momente

Tom Waits auf seiner aktuellen Platte „Bad As Me“

Thomas Claer

bad-as-me-coverAuf Tom Waits ist Verlass, na klar. Fast schon zu den unumstößlichen Gesetzen der Popmusik gehört es, dass – nun bereits seit vierzig Jahren – jede Tom Waits-Platte aufs Neue überzeugt. Doch macht „Bad As Me“ es einem schwerer als sonst, dem großen Beschwörer des etwas anderen amerikanischen Traums den gewohnten Beifall zu zollen. Regelrecht hektisch geht es los mit „Chicago“, ziemlich straight und rockig weiter auf „Raised night sun“. Lieder dieser Art hat man von ihm vor zwanzig und sogar vor dreißig Jahren schon weitaus bessere gehört. Gehen ihm, fragt man sich ängstlich, langsam die Ideen aus? Beim ersten Durchhören des Albums scheint sich diese Befürchtung zu bestätigen. Im weiteren Verlauf werden die Songs immer ruhiger, ohne einen vom Hocker zu reißen. Irgendwelche Einflüsse von neueren musikalischen Strömungen fehlen diesmal völlig, was wohl nicht nur daran liegt, dass sich der Meister bereits auf seinem letzten Studioalbum „Real Gone“ (2004) einige Hip Hop Elemente geliehen hat, sondern auch daran, dass seitdem praktisch keine relevanten neueren Strömungen mehr entstanden sind, auf die zurückzugreifen sich für ihn lohnen könnte. So lässt man „Bad As Me“ zunächst etwas enttäuscht links liegen und hört erst nach einiger Zeit wieder rein, als sich die eigene Gemütslage gerade einmal etwas eingetrübt hat. Und hier zeigen diese Lieder dann doch noch, was in ihnen steckt! Nicht alle, aber doch so einige von ihnen, namentlich so in sich ruhende Perlen wie „Face tot he Highway“, „Back to the Crowd“ und „Kiss me“ erweisen sich als wahre Seelentröster. Man mag es Sentimentalität nennen, doch es funktioniert. Offenbar braucht es eine melancholische Stimmung des Rezipienten, um bei den stärksten Titeln dieses Albums ganz auf seine Kosten zu kommen. Anders gesagt: Ein besserer Freund in einsamen Nächten als eine Tom Waits-Platte ist gar nicht vorstellbar. Gewiss, er hatte schon stärkere Alben, doch kann man sich, der Songtitel „Get Lost“ liefert das Stichwort, auch in diesen Songs verlieren. Das Urteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

Tom Waits
Bad As Me
Anti (Indigo) 2011
Ca. € 17,-
ASIN: B005IQ2LT4