Category Archives: Über Musik

www.justament.de, 27.4.2015: Ergreifendes Gejaule

Die neue Björk-CD “Vulnicura”

Thomas Claer

bjork-coverReichlich befremdlich ist es, den Klängen von „Vulnicura“ zu lauschen, Björks neuer Veröffentlichung, auf der die unvergängliche Popprinzessin aus Island – wie es heißt – die Trennung von ihrem langjährigen Lebensgefährten, dem amerikanischen Installations- und Performancekünstler Matthew Barney, künstlerisch verarbeitet. Es ist, so kommt es einem zumindest beim ersten flüchtigen Durchhören vor, ein einziges Heulen und Wehklagen. Nun mag man es grundsätzlich problematisch finden, wenn eine Sängerin ihr Privatleben derart öffentlich ausstellt. Doch wem, wenn nicht Björk, würden wir selbst so etwas immer wieder verzeihen. Lässt man sich nämlich erst einmal näher auf dieses merkwürdige Album ein, so ist man am Ende doch wieder hin und weg von der emotionalen Intensität dieser Dame (die übrigens in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag begehen wird). Glücklicherweise fehlen diesmal die allzu überladenen Programmierungen des wenig überzeugenden Vorgänger-Albums „Biophilia“ und der ganze Multimedia-Schnickschnack. Die Arrangements der Songs sind im Wesentlichen auf Streicher und Computerdrums reduziert. So steht mehr denn je Björks noch immer überwältigende Stimme im Vordergrund, was manchen Liedern des Albums sehr gut tut, in anderen aber, insbesondere wenn mehrere Tonspuren übereinandergelegt sind und auch noch weiblicher Chorgesang ins Spiel kommt, eher bedenklich ist. Die CD beginnt mit „Stonemilker“ und „Lionsong“, zwei gelungenen Popsongs, die ziemlich viel von dem enthalten, wofür wir Björk über die Jahre so abgöttisch geliebt haben. Höhepunkt des Albums ist dann das einfach nur ergreifende „Black Lake“, in das Björk all ihren tiefen schönen Schmerz legt. Passend hierzu posiert sie auf der Cover-Abbildung mit aufgeschlitztem Brustkorb, als hätte ihr jemand das Herz aus dem lebendigen Leibe herausgerissen und nur eine klaffende Wunde zurückgelassen. Was muss dieser Matthew Barney, mit dem sie jetzt gerichtlich über das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter streitet, bloß für ein Mistkerl sein, denkt man sich. Andererseits kann man es sich aber auch gut vorstellen, wie anstrengend es sein muss, eine Frau wie Björk immer um sich zu haben… Jedenfalls lässt das Album in der zweiten Hälfte dann doch etwas nach. Insbesondere der Song „Mouth Mantra“, schon der Name spricht Bände, kann einem mächtig auf den Zeiger gehen. Dennoch lautet das Urteil: voll befriedigend (11 Punkte).

Björk
Vulnicura
Embassy of Music 2015
5054196551827 Ic 24833

www.justament.de, 16.3.2015: Exzentrische Diva

Scheiben vor Gericht Spezial: Zum 60. Geburtstag von Nina Hagen

Thomas Claer

nina-hagen-coverSchon als ganz kleines Mädchen hat sie Opernsängerinnen imitiert. Später saß sie vor dem Berliner Ensemble auf dem Schoß des steinernen Bertolt Brecht und las dessen in Stein gemeißelte Zitate. Mit neun Jahren wurde Wolf Biermann ihr Stiefvater und brachte ihr das Gitarrespielen bei. Etwas anderes als eine große Karriere als Popstar ist für Nina Hagen nie in Frage gekommen. Und schon sehr früh wurde ihr klar, dass sie dazu raus musste, nur raus aus der kleinen, muffigen DDR, in der sie immer nur „die Tochter von Eva Maria Hagen“ war, aber doch immerhin 1974 schon ihren ersten Hit hatte: „Du hast den Farbfilm vergessen“. Nach Biermanns Ausbürgerung 1976 schrieb sie, darunter machte sie es nicht!, einen Brief an den Genossen Erich Honecker persönlich. Ein paar Monate später war sie bereits im Westen und quartierte sich zunächst ganz standesgemäß in einer prominenten Hamburger Künstler-WG ein. Ihre Mitbewohner hießen: Udo Lindenberg, Marius Müller-Westernhagen und Otto Waalkes. Letzterer zeigte ihr Hamburg. Doch lange hielt sie es dort nicht aus. Es lockte – nach einem kurzen Intermezzo in London – der goldene Westen ihrer Heimatstadt Berlin. Sie gründete ihre erste Punkrockgruppe und brachte ihre einhellig gefeierte Debüt-Platte „Nina Hagen Band“ heraus, die zu drei Vierteln noch aus frühen Kompositionen aus dem Osten bestand. Unvergesslich sind ihre Provokationen in den folgenden Jahren. Die ganzen Achtziger hindurch sorgte sie für einen Skandal nach dem anderen: demonstrierte in einer spießigen österreichischen Talkshow die Techniken der weiblichen Selbstbefriedigung, nannte ihre Tochter Cosma Shiva, heiratete 1987 auf Ibizza einen 17-jährigen Punk (die Ehe hielt eine Woche). Auch ihre beiden darauffolgenden Ehemänner waren 15 und 22 Jahre jünger als sie selbst. Zuletzt war sie vor zehn Jahren mit einem 28 Jahre jüngeren Mann liiert. Seitdem hat sie, wie sie die Boulevardpresse vielfach wissen ließ, „keinen Mann mehr angefasst“, zumal sie ja mittlerweile auch zur strenggläubigen Christin mutiert ist. Ein legendäres Wortgefecht über UFOs lieferte sie sich 2005 in der Fernsehsendung „Maischberger“ mit der früheren Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth.
Das vielleicht Ungewöhnlichste an Nina Hagen ist jedoch, dass sie sich auch noch in fortgeschrittenem Alter kleidet und aufführt wie ein Clown. Am vergangenen Mittwoch ist die große exzentrische Diva der deutschen Popmusik 60 Jahre jung geworden. Das Urteil über ihre Debüt-LP „Nina Hagen Band“ aus dem Jahr 1978 lautet: gut (13 Punkte).

www.justament.de, 19.1.2015: Noch immer Punk

Die aktuelle Vinyl-Maxi von Element Of Crime „Liebe ist kälter als der Tod“

Thomas Claer

element-of-crime-video-liebe-ist-kaelter-als-der-todNachzutragen ist noch, dass Element Of Crime kurz vor Weihnachten eine weitere EP herausgebracht haben, die wiederum einen Song ihres neuen Albums „Lieblingsfarben und Tiere“ sowie drei weitere Stücke enthält. Allerdings ist daraus diesmal, um es gleich vorweg zu nehmen, eine etwas zwiespältige Sache geworden.

Einerseits hat man, sofern man zu den Glücklichen gehört, die eines der nur 250 Exemplare des streng limitierten 10“ Vinyls abbekommen haben, natürlich keinen Grund, sich zu beschweren. (Da die Scheibe lediglich in ausgewählten Schallplattenläden verkauft wurde, bin ich ihretwegen sogar extra bis nach Kreuzberg gefahren.) Und schließlich erweist sich die Platte bereits deshalb als würdige „Singleauskopplung“, wie man es früher so schön genannt hat, weil sich auf ihr mit „Liebe ist kälter als der Tod“ tatsächlich der – jedenfalls für mich – stärkste Song des ganzen Albums befindet. Positiv zu vermerken ist ferner auch das sehr gelungene Ramones-Cover „Gimme Gimme Shock Treatment“, auf dem Sven Regener eindrucksvoll beweist, dass noch immer ein Punk in ihm steckt.

Andererseits hätte man sich von den beiden restlichen Stücken aber schon etwas mehr erwartet. Dass dem Titelstück das improvisierte Duett mit Ina Müller von „Rette mich vor mir selber“ aus der Fernsehsendung „Inas Nacht“ folgt (das jeder, der es wollte, längst auf YouTube gesehen hat), kann ja vielleicht noch angehen. Und wäre es nur dieses eine Füllstück, hätte man ja auch nichts weiter dazu gesagt. Aber dass sich daran auch noch der wohlbekannte Song „Love and Happiness“ von der 1988er LP „Freedom, Love and Happiness“ anschließt, angeblich als „Grüner-Punkt-Bonus“ (was immer das heißen mag), in Wirklichkeit aber als 26 Jahre alter Original-Album-Track, das geht dann doch etwas zu weit. Oder besser gesagt: Es ist enttäuschend, dass darüber hinaus nicht noch eine weitere EOC-Cover-Version eines anderen Liedes auf der Platte ist. Ein fünftes Stück hätte den Elements nämlich gut zu Gesicht gestanden, zumal die B-Seite der EP insgesamt nur auf eine Spielzeit von gerade mal gut drei Minuten kommt. Für sich genommen ist die Anordnung von „Gimme Gimme Shock Treatment“ und „Love and Happiness“ direkt nacheinander allerdings ein durchaus gelungener Einfall, da dem Zuhörer so bewusst wird, wie punkig manches von den frühen, noch englischsprachigen EOC seinerzeit klang, und wie stark sich Sven Regeners Stimme in den knapp drei Jahrzehnten, die dazwischen lagen, verändert hat.

Bedenkt man nun aber, dass sich die vier Stücke auch schon für moderate 2,50 EUR als Download erwerben lassen, dann relativiert das den soeben indirekt erhobenen Abzocke-Vorwurf zumindest ein wenig. Und dennoch: Vinyl bleibt Vinyl. Und wenigstens darauf hätte es bei diesem Preis ein Lied mehr sein dürfen. Das Gesamturteil lautet gleichwohl: voll befriedigend (11 Punkte).

Element Of Crime
Liebe ist kälter als der Tod
10“ Vinyl (Limited Edition 250 Stück)
Vertigo Berlin (Universal Music) 2014
ca. 12,00 EUR (vergriffen)
ASIN: B00PG11YBM
(auch als Download für 2,50 EUR erhältlich)

www.justament.de, 8.12.2014: Hommage an Herbert Grönemeyer

Scheiben vor Gericht spezial: Vor 30 Jahren erschien „4630 Bochum“

Thomas Claer

bochum-coverHerbert Grönemeyer hat eine neue Platte, aber um die soll es hier gar nicht gehen. Ich kann nämlich mit seinem aktuellen Werk nicht mehr viel anfangen und habe es auch seit ca. Mitte der neunziger Jahre nicht mehr so richtig verfolgt. Dennoch würde  ich nie ein schlechtes Wort über ihn verlieren, zumal er als Typ nach wie vor ziemlich einmalig ist. Es gibt nicht viele Popmusik-Künstler mit einer so unverwechselbaren Art zu singen, „wie ein ausgeschütteter Sack Kartoffeln“, so hat ein Kollege von der Süddeutschen Zeitung es einmal beschrieben. (Was die Originalität des Gesangsstils angeht, können da wohl nur noch der große Udo Lindenberg und der unselige Heino mithalten.) Das Beste daran ist, dass er das völlig ungekünstelt hinkriegt. Er habe noch nie anders gesungen, könne nicht anders singen und wisse auch gar  nicht, wie er es anstellen sollte, anders zu singen, verriet er jüngst in einem Interview. Seine Großmutter, die eine klassische Gesangsausbildung genossen hatte, habe ihm schon vor sehr langer Zeit gesagt, wenn er auf solche Weise singe, dann könne da nie etwas draus werden…
Vor 30 Jahren erlebte der damals 28-jährige Herbert Grönemeyer seinen kommerziellen Durchbruch und künstlerischen Höhepunkt zugleich mit der auch aus heutiger Sicht noch großartigen Platte „4630 Bochum“. Zuvor hatte er ein Jurastudium abgebrochen (sic!), als Sänger ein paar Platten aufgenommen, die sich verkaufstechnisch als grandiose Flops erwiesen, und hielt sich mit Theaterrollen über Wasser. Zu jener Zeit hatten sich seine Eltern schon ängstlich gefragt, was bloß noch aus dem Jungen werden solle. Und so kam es, dass der junge Grönemeyer ganz viel Wut und Trotz und Ungewissheit in seine Kompositionen und Texte einfließen ließ – und genau damit sein Meisterwerk erschuf. Nein, musikalisch und produktionstechnisch ist bestimmt nicht alles an dieser Platte gelungen. Die zeittypischen Keyboard-Klänge kann man durchaus als impertinent empfinden, die langsamen Stücke sind dem triefenden Kitsch manchmal bedenklich nahe. Und doch: All diese ernsten Vorbehalte des Zuhörers lösen sich förmlich auf angesichts der gewaltigen Energie, mit der dieser merkwürdige Ruhrpott-Poet seine Sicht der Dinge herausknödelt, -stochert und –brüllt. Und textlich ist er dabei streckenweise brillant.

Schatten im Blick, Lachen ist gemalt
Deine Gedanken sind nicht mehr bei mir
Streichelst mich mechanisch, völlig steril
Eiskalte Hand, mir graut vor dir

Fühl mich leer und verbraucht, alles tut weh
Hab Flugzeuge in meinem Bauch
Kann nichts mehr essen, kann dich nicht vergessen
Aber auch das gelingt mir noch

Viel besser kann man es nicht sagen. Eine volle Breitseite gegen die verräterische Angebetete, die schon deshalb keiner Schonung bedarf, weil sie gedanklich bereits anderweitig im siebten Himmel schwebt. Vor allem die „Flugzeuge im Bauch“ sind eine Metapher, die gewissermaßen wie ein Dampfhammer den Nagel auf den Kopf trifft und auf der Stelle versenkt. Gewiss ist es ein relativer Luxus, so unter Liebesqualen zu leiden. Nüchtern betrachtet sind Hunger, Zahnweh und sonstige Krankheiten allemal schlimmer. Doch ist es ja gerade das Perfide am Liebesschmerz, dass er immer auch eine Spur von Süße enthält, was die Intensität seiner Wahrnehmung paradoxerweise um ein Vielfaches steigern kann, ganz ähnlich wie die gefühlte Temperatur der Luft mitunter beträchtlich unter der auf dem Thermometer angezeigten liegt. „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,: Gab mir ein Gott, zu sagen, wie ich leide“, heißt es bei Goethe. Auch der junge Grönemeyer konnte offensichtlich solch höherer Einflüsterungen sicher sein.

Und das gilt auch für einen anderen Song auf dem Album, in dem sich das lyrische Ich über alle opportunistischen und pragmatischen Bedenken hinwegsetzt und an Friedens- und Umweltdemonstrationen teilnimmt, die in bestimmten, für seine weitere Karriereplanung vermutlich nicht unwichtigen Kreisen, als anrüchig gelten:

Sie werden dich fotografier’n
Sie werden dich registrier’n
Du verbaust dir dein ganzes Leben
Warum nur du, es gibt doch soviele andere

Kämpfen für ein Land,
Wo jeder noch reden kann
Herausschrei‘n, was ihm weh tut
Wer ewig schluckt, stirbt von innen

Hier wirft sich gleichsam der verhinderte Jurist mit Macht für die Meinungs- und Versammlungsfreiheit in die Bresche. Und das drei Jahrzehnte vor Edward Snowden, zu einer Zeit, als sich der sprichwörtliche Marsch der Protestgeneration durch die Institutionen gerade erst in Bewegung gesetzt hatte und die oberen Etagen, im Besonderen die des juristischen Establishments, noch ganz anders tickten.
Aber ist es denn heute wirklich so viel anders? Haben wir nicht immer noch unzählige Juristen, die, wenn es drauf ankommt, sicherheitshalber lieber schweigen um der lieben Karriere willen? Doch wie sollte es auch anders sein? Schon zu allen Zeiten galt das ungeschriebene Gesetz: „Wes‘ Brot ich ess‘, des‘ Lied ich sing“. Wer nicht mitspielt, ist ganz schnell draußen. Und natürlich können die wenigsten mit einer Laufbahn als Popstar rechnen, die sie für den Verzicht auf eine solcherart gebückte Existenz auch materiell ausreichend entschädigt. Trotzdem gibt es auch heute Juristen, die sich von niemandem etwas sagen lassen und kein Blatt vor den Mund nehmen. Ganz schön blöd, werden jetzt manche sagen. Ach, wascht ihr nur eure Autos! Das Urteil für die Grönemeyer-Platte, auf der sich auch noch solche Song-Granaten wie „Alkohol“, „Männer“, „Amerika“ oder das Titelstück „Bochum“ befinden, lautet: gut (13 Punkte).

Herbert Grönemeyer
4630 Bochum
Grönland (Universal Music)
€ 9,99 (bei Amazon)
ASIN: B000023Y1M

www.justament.de, 3.11.2014: Auf der Höhe

Element Of Crime überzeugen auf „Lieblingsfarben und Tiere“

Thomas Claer

lieblingsfarbenImmer, wenn die Berliner Combo Element Of Crime eine neue Platte rausbringt, ist das ein größeres Ereignis. Klar, es kommt ja auch nicht mehr allzu oft vor. Ganze drei Studioalben waren von ihnen seit der letzten Jahrtausendwende erschienen, nun haben wir das vierte. Und es enthält auch gerade mal zehn Songs. Ist es schlecht, dass sie sich so zurückhalten? Nein, es ist genau richtig, und vor allem ist es dieser Ausnahmeband völlig angemessen. Nur das Allerbeste darf das Licht der Öffentlichkeit erblicken.

Schon beim ersten Hören zeigt sich, dass sich Sven Regener und seine Mitstreiter auf „Lieblingsfarben und Tiere“ in jeder Hinsicht treu geblieben sind. Wie wenn man gute alte Freunde nach vielen Jahren wiedertrifft und sie einem völlig unverändert erscheinen. Klickt man sich hingegen durch 20 Jahre alte Element-Auftritte auf YouTube, muss man sich doch sehr wundern, wie verspannt und pathetisch sie damals wirkten. Jedenfalls kommt einem das heute so vor, damals fand man das allerdings ganz und gar nicht. Man darf es vielleicht gar nicht ganz zu Ende denken, wie viele der persönlichen ästhetischen Urteile, die zwar nicht gerade Anspruch auf Objektivität, aber doch auf eine gewisse Verbindlichkeit erheben wollen, blind von den unergründlichen Prozessen der eigenen Körperchemie gesteuert werden…

„Lieblingsfarben und Tiere“ also. Das Titelstück ist eher mittelprächtig geraten, zwei bis drei andere Lieder auch. Der Rest ist gut bis sehr gut bis überragend. Die reifen Elements haben zu einer fast schon beängstigenden Stilsicherheit gefunden. Das locker-luftige, von  Countryklängen durchsetzte musikalische Gewand steht ihnen ausgezeichnet. Besondere Höhepunkte sind „Am Morgen danach“, „Schade, dass ich das nicht war“, „Liebe ist kälter als der Tod“, „Immer so weiter“ und „Dunkle Wolke“, womit auch schon das halbe Album aufgezählt wäre. Der Song „Dieselben Sterne“ dagegen erscheint auf den ersten Blick etwas schlagerhaft und bieder, gewinnt aber enorm, je mehr man sich auf ihn einlässt. Und vor allem: Was für ein scheinbar schlichter, doch im Verborgenen geradezu philosophischer Text! Wer Ohren hat, der höre! Überhaupt sind Sven Regeners Texte einmal mehr einsame Spitze. Ferner hat sich auch seine Stimme deutlich verbessert, seit er mit dem Rauchen aufgehört hat. Kurz: Wir erleben eine Band auf der Höhe ihres Schaffens. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).

Element Of Crime
Lieblingsfarben und Tiere
Vertigo Berlin (Universal Music) 2014
ASIN: B00N3AYOB0

www.justament.de, 22.9.2014: Pure Nostalgie

Element Of Crimes Vinyl-Maxi „Lieblingsfarben und Tiere“ macht schon mal Appetit auf das Album

Thomas Claer

eoc-lieblingsfarbenEinen besseren Appetitanreger aufs gleichnamige Album, das in wenigen Tagen erscheinen wird, hätten sich Element Of Crime gar nicht ausdenken können: Als 10 Inch-45 RPM-Vinylmaxi (und wunderbarerweise nur als solche! Nehmt das, all ihr Verächter der Schallplattenkultur!) gibt es neben dem Titelsong „Lieblingsfarben und Tiere“ noch drei Cover-Versionen recht betagter britischer und amerikanischer Popsongs, die nicht jedem geläufig sein dürften, als da wären: Medicine Man (die Originalversion stammt von John Mayall), If (eigentlich von Pink Floyd) und We Have All The Time In The World (ursprünglich gesungen von Louis Armstrong). Geschrieben wurden diese drei Lieder zwischen 1968 und 1970, also zu einer Zeit, als selbst so alte Säcke wie der Justament-Musikrezensent noch nicht auf der Welt waren, jedenfalls noch nicht ganz.
Aber der Reihe nach: Auf der A-Seite der Platte geht es los mit „Lieblingsfarben und Tiere“, bei dem ganz eindeutig die textliche Aussage im Vordergrund steht. Musikalisch ist dieses Lied schon hart an der Grenze zur Selbstgefälligkeit. Es geht um die selbstgewählte Unerreichbarkeit in medialer und technischer Hinsicht. Das lyrische Ich sagt zu jenem Zeitgenossen, der es so dringend auf allen nur denkbaren Wegen erreichen möchte, sinngemäß: „Du kannst mich mal!“ Ob das nun als kritischer Beitrag zur Debatte über die ständige Erreichbarkeit von Arbeitnehmern nach Feierabend zu verstehen ist oder schlicht als Der-Welt-den-Stinkefinger-Zeigen eines arroganten, weil etablierten, Popstars, das möge jeder Hörer selbst beurteilen. Interessanter sind die restlichen Songs.
„Medicine Man“ von John Mayall also. John Mayall – wer war denn das noch gleich? Ach ja, der „Vater des weißen Blues“. Sehr guter Mann, ist jetzt schon über achtzig. Und sein „Medicine Man“ ist ein Geniestreich ersten Ranges. Mit einfachsten Mitteln wird eine unerhörte Spannung erzeugt. Und die Umsetzung der Elements? Kongenial. Wie schon bei früheren anderen Cover-Versionen schaffen es Sven Regener und Co. auch bei diesem Song, ihn nicht nur stimmungsvoll zu adaptieren, sondern sogar mit eigenen Mitteln noch eins draufzusetzen. Sie haben bei der Darbietung fremder Stücke ein so gutes Händchen, dass man ihnen fast raten möchte, ihrem exzellenten Cover-Album „Fremde Federn“ (2010) irgendwann noch ein weiteres dieser Art folgen zu lassen; spätestens, wenn ihnen die Ideen für neue eigene Songs einmal ausgehen sollten. Aber so weit ist es, so viel lässt sich im Hinblick auf das neue Album schon vorwegnehmen, noch lange nicht.

Die B-Seite beginnt mit „If“ von Pink Floyd. Hm, von welcher Platte kann denn das gewesen sein? Beim Hören kommt es einem schon seltsam bekannt vor… Und wie heißt es so schön in einem bekannten deutschen Popsong: „…aber so hab ich‘s noch nie gehört“. Nein, das gibt es doch gar nicht: Es ist tatsächlich von “Atom Heart Mother“, der legendären Platte mit der Kuh auf dem Cover. Die hab ich seit mindestens zehn Jahren nicht mehr angehört und hole es auf der Stelle nach. Ein orchestrales Meisterwerk. Anfang der Neunziger lief sie bei mir ständig rauf und runter. Mein Mathe-Lehrer hatte sie mir ausdrücklich ans Herz gelegt. Und wie recht er damit hatte! Er nannte damals übrigens seine Lieblingsband liebevoll „Pink Flink“. Die Google-Recherche beweist: Kein Mensch sagt heute noch „Pink Flink“ zu „Pink Floyd“. (Sofern das überhaupt irgendjemand außer meinem Mathe-Lehrer jemals getan hat.) Wenn aber dieser Artikel online gestellt ist, wird es endlich einen Google-Treffer für „Pink Flink“ geben! Aber zurück zu „Atom Heart Mother“. Besonders hatte mich damals die übereinstimmende Metaphorik von Albumtitel, Plattencover und der Musik des Titelstücks tief beeindruckt. „Atom Heart Mother“ – was da alles drinsteckt und mitschwingt, so dachte ich zumindest damals. Nun lese ich auf Wikipedia über die Entstehungsgeschichte des Album-Titels: Die Platte sollte eigentlich „The Amazing Pudding“ heißen. Das fanden die Musiker aber irgendwie doof, und so schlug Roger Waters vor, man solle doch einfach aus einer im Aufnahmestudio herumliegenden Zeitung irgendeine der Überschriften nehmen. Mein Gott, wie banal! Das Internet kann einem aber auch die schönsten Illusionen rauben! „Die Titelgeschichte der Ausgabe handelte von einer schwangeren Frau, der ein neuartiger Herzschrittmacher mit Atombatterie implantiert werden sollte. Die Überschrift des Zeitungsartikels lautete „Atom Heart Mother“ (Atomherz-Mutter). Danach entschied sich die Band, den Titel auch für das komplette in Produktion befindliche Album zu verwenden“, weiß Wikipedia. Und das Cover mit der Kuh? Das hatte sich die Band schon vorher ausgesucht, weil sie sich nicht mehr länger auf ihr Spacerock-Image festlegen lassen wollte. Einfach mal so als Kontrapunkt ein Stück Natur also. Manchmal ist es vielleicht doch besser, nicht ganz so genau zu wissen, wie alles wirklich war…  Jetzt aber zu „If“. Dieser kleine feine Gitarrensong geht auf „Atom Heart Mother“ neben dem monumentalen Titelstück etwas unter. Element Of Crime haben das jetzt mit ihrer Version dieses Stücks wieder gerade gerückt.
Und zu guter Letzt „We Have All The Time In The World“, eigentlich gesungen von Louis Armstrong. Bei ihm muss ich immer an die 70er-Jahre-Parodie von Otto Waalkes denken, der alle möglichen Leute das deutsche Volkslied „Im Frühtau zu Berge“ singen ließ. Als Louis Armstrong klang das dann mit belegter und zugleich seltsam gepresster Stimme so: Wöwöwöwöwö – im- Fuih-tau zu Beg-ge-we go – falleraaaaaaaaah“ Sven Regener hingegen versucht erst gar nicht, den großen „Satchmo“ zu parodieren und singt „We Have All The Time In The World“, das einst in einem James-Bond-Film erklang, wie einen eigenen Song. Auch nicht schlecht. Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).

Element Of Crime
Lieblingsfarben und Tiere
Vinyl
Vertigo Berlin (Universal Music) 2014
7,95 EUR
ASIN: B00LXLQMAW

www.justament.de, 1.9.2014: Licht und Schatten

Phillip Boa & the Voodooclub auf „Bleach House“

Thomas Claer

boa-coverFrüher war alles besser. So falsch dieser Satz zumeist ist, bei diesem Musiker hat er eine gewisse Berechtigung. Denn einem fulminanten Frühwerk, das seinen frühen Ruhm in den Achtzigerjahren begründete, ließ Phillip Boa, der über die Jahre immer wieder andere Instrumentalisten um sich scharte, die dann als Voodooclub firmierten, ein recht durchwachsenes Anschlusswerk folgen. Als Besitzer aller bislang 18 Boa-Studioalben fühle ich mich schon fast wie der Sesamstraßen-Mann, der mit sich selbst hadert, weil er unablässig ein bestimmtes Restaurant aufsucht, nur um sich dort immer wieder aufs Neue über den unfähigen Kellner Grobi aufzuregen, der ihm stets die falschen Gerichte bringt. Nun war zwar auch nicht alles schlecht an den Voodooclub-Veröffentlichungen der letzten 20 Jahre. Nur musste man sich als leidgeprüfter Fan zumeist mit ein bis zwei guten Songs pro Album bescheiden, während auf den ersten sieben Platten noch jeder einzelne Track eine Offenbarung war. Zuletzt war es aber gerade wieder etwas aufwärts gegangen bei Phillip Boa. Auf dem Vorgängeralbum „Loyalty“ von 2012, das mit Platz 13 in der Verkaufscharts auch einen überraschenden kommerziellen Erfolg erzielte, waren mit „Sunny When It Rains“ und „Til the Day We Are Both Forgotten“ zwei wirklich große Popsongs – und darüber hinaus sogar noch ein paar weitere brauchbare Lieder.
Nun also „Bleach House“, die erste Platte nach dem sehr bedauerlichen (und diesmal wohl endgültigen) Ausscheiden der bezaubernden Co-Lead-Sängerin Pia Lund. An ihre Stelle tritt eine junge Sängerin namens Pris, die sich ganz wacker schlägt, wenn auch ihrer Stimme in den meisten Songs eher weniger Präsenz eingeräumt wird. Insgesamt ist der Boa-Sound jetzt wieder rockiger und weniger elektronisch. Das anarchische Getrommel, besonders im Titelsong „Kill the Future“, erinnert sogar angenehm an die ganz frühen Jahre. Doch immer dann, wenn Phillip Boa den wilden Mann spielen zu müssen glaubt und mit betont wuchtigen Refrains aufwartet, ist er wenig überzeugend – und genau hier liegt das Problem schon seit zwei Jahrzehnten! Vielmehr waren es in jenen Jahren die leisen, melancholischen, manchmal auch verspielten Songs wie „Punch & Judy Club“, „Faking to Blend in“, „Emma“ oder „Jane Wyman“, die oftmals am Ende noch alles rausgerissen haben. Auf „Bleach House“ findet sich Vergleichbares nur in Ansätzen. „Standing Blinded on the Rooftops“ hat noch am ehesten Popsong-Qualität, doch ist ausgerechnet hier die Produktion um einiges zu glatt geraten. Gleich mehrere Stücke werden nach durchaus ansprechendem Strophen-Teil von den bombastischen Refrains regelrecht zerstört. Unter den lauteren Songs geht noch am ehesten „Ueberblendung“ in Ordnung, das den bemerkenswert selbstkritischen Text “I sold my soul in the nineties“ enthält. Vermutlich würde es die Qualität der Boa-Veröffentlichungen erheblich steigern, wenn der Meister nur noch höchstens alle fünf Jahre ein neues Album rausbrächte.
Klar, der wahre Boa-Fan braucht auch diese Platte, alle anderen sollten aber besser zu den frühen Scheiben aus den Achtzigern oder zu späteren Lichtblicken wie C90 (2003) oder Loyalty (2012) greifen. Oder  die Voodooclub-Konzerte besuchen, die heute übrigens besser sind als jemals zuvor; es hat sich mit der Zeit eben doch eine große Menge exzellenter Songs angesammelt. Was „Bleach House“ angeht, so lautet das Urteil: befriedigend (8 Punkte).

Phillip Boa & the Voodooclub
Bleach House
Cargo Records 2014
Ca. € 17,-
CARCD 141

www.justament.de, 23.6.2014: Weltpremiere!

Scheiben vor Gericht spezial: Element Of Crime mit fünf neuen Songs live auf dem Oranienplatz in Kreuzberg

Thomas Claer

IMG_0957Unter dem Motto „Früher haben wir hier gewohnt, und heute spielen wir hier“ absolvierten unsere Elements am Samstag einen vielumjubelten Auftritt auf der „Fete de la Musique“ auf dem Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg. Mit besonderer Spannung aber hatten die zu Tausenden herbeigeströmten Fans auf die versprochenen Kostproben aus dem für den Herbst angekündigten neuen EOC-Album – dem ersten seit fünf Jahren – gewartet, und sie wurden nicht enttäuscht: Gleich fünf neue Songs gab Sven Regeners muntere Kapelle – neben fünf weiteren wohlbekannten Gassenhauern – zum Besten. Nach 45 Minuten war dann allerdings Schluss, weil die nächsten Bands an der Reihe waren.

„Na, und“, werden jetzt alle fragen, die nicht dabei sein konnten, „wie waren denn die neuen Lieder?“ Um es zurückhaltend zu sagen: Jede Sekunde des Wartens hat sich voll gelohnt. Zwar bedarf es wohl keiner besonderen Erwähnung, dass sich vom musikalischen Konzept her bei Element Of Crime nicht viel verändert hat. Nur, dass diesmal noch zusätzlich ein Saxophonist mit dabei war (das hatten sie, glaube ich, letztmals auf dem Debütalbum „Basically Sad“ von 1985), der insbesondere einen Teil von Sven Regeners Trompeten-Einsätzen ersatzweise übernahm. Gute Idee! Denn gleichzeitig singen und Trompete spielen, das hat noch keiner geschafft. Und bei früheren Live-Auftritten musste daher immer so einiges von Regeners Trompetengeschmetter notgedrungen unter den Tisch fallen. Jetzt zum Glück nicht mehr.

Aber zurück zu den fünf neuen Songs. Sehr stark sind sie, ironischer und melancholischer denn je, sowohl textlich als auch musikalisch, da kommt womöglich ein großes Album auf uns zu. Gleich das Eröffnungslied „Am Morgen danach“ brilliert mit vielsagenden Andeutungen wie „Du ohne Schirm, ich ohne Plan, war ja klar“. Ähnlich verhält es sich mit „Schade, dass ich das nicht war“, das sogar etwas temporeicher daherkommt, als wir es sonst von den Elements gewohnt sind. Hingegen wird in „Hauptsache Du“ die anfänglich zu befürchtende Kitschnähe („Nie zuvor hab ich ein Lächeln geseh‘n wie das deine“) rasch durch einen beherzten oxymoratischen Blick auf die Widersprüchlichkeiten des Alltags ausgetrieben:  „Heimatlos und viel zu Hause“, „Unterbeschäftigt und viel zu viel zu tun“. Wer kennt das nicht?

Als absolutes Highlight erweist sich dann aber das hintersinnig-dunkle „Liebe ist kälter als der Tod“. „Auf alles, was da kommt, scheißend“ reift im lyrischen Ich schließlich die Erkenntnis: „Je länger man kaut, desto süßer das Brot“.  Der letzte der neuen Songs, „Bildschirm und Goldfisch“, ist dann noch eine Hymne an die eigene Unerreichbarkeit, rein technisch betrachtet – es geht um abgeschaltete Handys und defekte Wohnungstürklingeln. Schon beim zweiten Hören (man hat natürlich alles gefilmt und mit nach Hause genommen) kommt es einem vor, als ob man die Songs schon seit 20 Jahren kennen würde. Und das ohne dass sie einfach nur ein Abklatsch der früheren wären, ganz und gar nicht!

???????????????????????????????Gelungen war letztlich auch die Auswahl der fünf altbekannten Stücke im Programm. Dachte man nach „Am Ende denk ich immer nur an dich“, „Immer da, wo du bist, bin ich nie“ und „Delmenhorst“ schon, dass ausschließlich das letzte Jahrzehnt zum Zuge käme, gab es dann als Zugabe doch noch zwei Knaller aus den frühen Neunzigern, nämlich „Weißes Papier“ und als Schlusspunkt „Draußen hinterm Fenster“.

Ganz ausdrücklich zu loben ist ferner noch die exzellente Vorgruppe, das Berliner Lagerfeuer-Duo „Apples in Space“, dessen wunderschönes Lied „Vespa“ schon den Soundtrack von „Haialarm am Müggelsee“ schmückte, jenem Klamauk-Film, den Sven Regener im letzten Jahr gemeinsam mit Regisseur Leander Haußmann gedreht hat.  Apropos Leander Haußmann: Der befand sich auch im Publikum und war schon von weitem daran zu erkennen, dass er als nahezu einziger nicht auf seine stetig brennende Zigarette verzichten konnte. Noch vor zehn oder 15 Jahren hätte über einem solchen Live-Musik-Fest eine dichte Nikotinwolke geschwebt, inzwischen sind aber die Kreuzberger Konzertbesucher offensichtlich schon ebenso gentrifiziert wie ihre Wohngegend.

Übrigens lässt sich auf dem Oranienplatz neuerdings eine kulinarische Köstlichkeit probieren, die mancher vielleicht noch nicht kennen wird: In einer bunten Bude am südwestlichen Rand des Platzes werden in verschiedenen Variationen ausschließlich „Tantuni“ verkauft. Das sind ursprünglich aus der Region Mersin im Süden der Türkei stammende Teigrollen, gefüllt mit gegartem Hackfleisch, Tomate, Zwiebel, Petersilie, Chili, Kümmel und schwarzem Pfeffer. Sehr lecker! Die kosten zwar mit 3,50 EUR einen Euro mehr als der gemeine Döner, aber es lohnt sich ganz unbedingt! Und dann war am Samstag auch noch, wie es der Zufall so wollte, Christopher Street Day. Und einer der Umzüge verlief durch die Oranienstraße. Da gab es dann noch allerhand buntes Volk zu bestaunen.

Das Gesamturteil lautet: gut (15 Punkte).

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www.justament.de, 12.5.2014: Rückkehr der Giganten

Nach 23 Jahren wieder ein Album von den Pixies

Thomas Claer

Cover PixiesMan glaubt es kaum, aber nach einer Pause von fast einem Vierteljahrhundert haben die Bostoner Lärm-Virtuosen doch noch ihr sechstes Studio-Album aufgenommen – kein geringes Risiko für eine Band von solchem Format und mit solcher Reputation: Kenner zählen die Pixies zu den einflussreichsten Musikgruppen aller Zeiten.
Ein Jahrzehnt nach ihrer gefeierten Wiedervereinigung (die sich allerdings auf häufige Konzertauftritte beschränkt hat) haben sie es nun also gewagt – und wären um ein Haar gescheitert. Während der Aufnahmen kehrte Bassistin und Co-Leadsängerin Kim Deal, deren erbitterte Richtungskämpfe mit Band-Boss Black Francis schon seinerzeit das Ende ihrer ersten Schaffensperiode (1986-1993) eingeleitet hatten, abermals der Band den Rücken – und diesmal wohl für immer. Doch die verbliebenen drei (männlichen) Bandmitglieder, Gitarrist Joey Santiago, Drummer David Lovering und der besagte Black Francis, zogen die Sache eben allein durch. Das Ergebnis ist durchaus respektabel. Sehr wild und hardrockig und wie in alten Zeiten klingt der Opener „What Goes Boom“, der einen auf der Stelle in Entzücken versetzt. Da fühlt man sich doch gleich um mindestens 20 Jahre verjüngt! Nur leider geht es dann nicht mehr ganz so weiter. Die trotz mancher stimmlichen und instrumentalen Temperamentsausbrüche vergleichsweile ruhige Gangart der darauffolgenden Lieder der Platte lässt ahnen, dass die menschliche Körperchemie mit um die fünfzig wohl doch anders als mit Mitte zwanzig funktioniert. Einige der Songs wären auf einem der unzählbaren Frank-Black-Alben (für Nichteingeweihte: so heißt das weniger ambitionierte Solo-Projekt von Black Francis) vielleicht doch besser aufgehoben. Und doch gibt es ein paar Perlen auf dem Album, die für den einen oder anderen Hänger zwischendurch mehr als entschädigen. Zuallererst ist hier „Bagboy“ zu nennen, das einzige Stück, auf dem die abtrünnige Kim Deal noch stimmlich vertreten ist. (Um so schmerzlicher vermisst man sie in den anderen Liedern.) Zweifellos ist „Bagboy“ der stärkste Song der ganzen CD: Glaubt man anfangs noch, sich versehentlich in einen Rapsong verirrt zu haben, so explodiert bald darauf der Über-Refrain – ungeheuer poppig, ohne banal zu sein. Genau dafür haben wir die Pixies immer geliebt! Auch „Magdalena 318“ und „Snakes“ sind ziemlich toll. Besonders gelungen ist ferner – wie auch schon damals in den 80ern – die aufwendige Cover-Gestaltung. Insgesamt also eine Platte, die völlig in Ordnung geht. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).

Pixies
Indie Cindy
Pixies Music 2014-05-10
ASIN: B00J4SP83S

www.justament.de, 24.3.2014: Soundtrack eines Lebensgefühls

Das siebte Notwist-Album „Close to he Glass“

Thomas Claer

cover-notwistWelch ein Glück, die begnadeten Soundtüftler aus Oberbayern sind wieder da – mit einem Album, das durchaus mehr zu bieten hat als bloße Ruhmesverwaltung. Viel muss man heute wohl nicht mehr sagen zum traurig-schönen Notwist-Sound, zum universellen Soundtrack eines verloren-urbanen Lebensgefühls. Kaum zu glauben, dass die Brüder Markus und Micha Acher in den frühen Neunzigern mit zwei Heavy-Rock-Platten angefangen haben. Davon war später aber nicht mehr viel zu hören. Zwischen 1995 und 2002 erschienen dann ihre großen Pop-Meisterwerke, an denen man sich nicht satthören konnte: das bunte Album „12“, das blaue Album „Shrink“ und das rote Album „Neon Golden“. Teil der Kernbesetzung neben den Acher-Brüdern ist seit 1997 auch Martin „Konsole“ Gretschmann, der für die elektronische Komponente sorgt. Und ganz nebenbei begründeten die Musiker durch zahlreiche verwandte Nebenprojekte wie Lali Puna und Ms. John Soda mit der „Weilheimer Schule“ der notwistesken Pop-Musik eine Art südliches Pendant zur „Hamburger Schule“ des nördlicheren Indie-Pop.
Das letzte Jahrzehnt ließen The Notwist allerdings etwas geruhsamer angehen. Ihre vorige Platte „The Devil You + Me“ von 2008 war eher zwiespältig: Genau fünf exzellente Songs standen sechs reichlich misslungenen gegenüber, auf denen sie sich, man muss es so hart sagen, ein wenig im Bombast verirrt hatten. Jetzt sind sie aber glücklicherweise wieder voll und ganz bei sich angekommen. Der Einstieg in „Close tot he Glas“ ist betont elektronisch. Es frickelt, knarzt und loopt nicht mehr nur wie bisher, nein, neuerdings piept und tutet es sogar bei ihnen. Doch das gibt sich dann im weiteren Verlauf der Platte. Der große Kracher ist natürlich die Single „Kong“. Beim anfänglichen Hören klingt Markus Achers hohe Stimme zu Beginn zwar noch etwas befremdlich, doch dann hat man flugs diesen Ohrwurm in sich und wird ihn nicht mehr los. In der Mitte des Albums folgen ein paar sehr schöne und sehr reduzierte Gitarren-Songs. Und am Ende gibt es plötzlich noch ein paar regelrechte Ambient-Tracks, die an die frühen Pink Floyd und die Anfänge von YELLO erinnern. Mit etwas Gewöhnung lässt sich auch denen etwas abgewinnen. So ließe sich allenfalls einwenden, dass es auf dieser Platte hin und wieder eine Spur zu poppig zugeht. Aber na wenn schon… Alles in allem also wieder eine rundum erfreuliche und dabei überraschend vielfältige Scheibe der Weilheimer. Nicht umsonst haben sie jahrelang dran gefeilt. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).

The Notwist
Close to the Glass
City Slang (Universal) 2014
Ca. € 16,-
ASIN: B00GRHBEAA