Category Archives: Über Musik

www.justament.de, 5.9.2016: Leider erfolglos

Jennifer Rostocks ironischer Protestsong „Dann wähl die AfD!“

Thomas Claer

Die Berliner Spaßpunk-Band „Jennifer Rostock“ gehört hierzulande schon seit Jahren zu den richtig angesagten Acts. Der kuriose Bandname verweist auf ihre charismatische Frontfrau Jennifer Weist (30) und auf deren ursprüngliche Herkunft (sowie die aller übrigen – ausschließlich männlichen – Bandmitglieder) von der Ostseeküste. Neben dem enormen kommerziellen Erfolg ist vor allem auch die immer wieder ausgestellte Haltung der Band zu allerhand gesellschaftlichen Fragen erwähnenswert. Kurzum, „Jennifer Rostock“ sind Popstars mit Leitbildfunktion für ihr überwiegend junges Publikum. Der künstlerische Wert ihrer Darbietungen liegt beständig zwischen „nicht schlecht“ und „aber auch nicht richtig gut“. Durchaus sympathisch ist dabei die unverkennbare stilistische Orientierung an der Neuen Deutschen Welle und insbesondere an der Band „Ideal“ aus den seligen Achtzigern. Auch die “Ärzte” und die “Toten Hosen” lassen grüßen, an letztere erinnern allerdings besonders die mitunter sehr abschreckenden bombastischen Refrains. Hingegen muss man an die junge Nina Hagen denken, wenn sich Sängerin Jennifer Weist – vielfach gepierct und ganzkörpertätowiert – auf der Bühne zwischen den Songs unter dem Johlen der Zuschauer genüsslich ihr Geschlecht reibt. Und schließlich gehört zu „Jennifer Rostocks“ Bühnenshow auch noch die regelmäßige Präsentation von Jennifers nackten Brüsten, verbunden mit der Aufforderung an die Mädchen im Publikum, ebenfalls ihre Möpse freizulegen. Umstritten ist, ob dies tatsächlich – wie von der Band behauptet – als feministische Demonstration für die Gleichstellung der Frau durchgehen kann, oder ob hier nicht ein bloßer geschäftstüchtiger Exhibitionismus a la Kim Kardashian am Werk ist. Doch warum soll Jennifer ihren männlichen Testosteronrock-Kollegen nicht etwas Pussy-Power entgegensetzen? Gut singen kann sie übrigens auch noch…

Nun haben „Jennifer Rostock“ also anlässlich der Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin einen Anti-AfD-Song aufgenommen, der schon nach wenigen Tagen im Netz abermillionenfach geklickt worden ist. Man kann sie dazu nur beglückwünschen, doch wissen wir seit gestern Abend, dass alle agitatorische Mühe leider nicht viel gebracht hat. Das Wahlergebnis im Nordosten hat dieser Song offensichtlich kaum beeinflussen können, dennoch können wir froh sein, dass es ihn gibt. Denn nichts spricht dagegen, die altehrwürdige Gattung des politischen Protestsongs gelegentlich – und wann war es nötiger als jetzt? – wiederzubeleben, und noch dazu, wenn dies auf so gelungene Weise geschieht. Und schließlich: Es kommt ja auch noch die Wahl in Berlin am 17. September. Also wählt dort, liebe Leser, sofern ihr dort wahlberechtigt seid, unbedingt! „Nur bitte diesen Scheiß nicht!“ Das Urteil über Jennifer Rostocks AfD-Song lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

www.justament.de, 16.7.2016: Der nächste Volltreffer

PJ Harvey auf „The Hope Six Demolition Project“

Thomas Claer

pj-harveyNach der „Jahrhundertplatte“ (Spex) „Let England Shake“, die auch in unserer Musikredaktion gebührend abgefeiert wurde, sind fünf Jahre ins Land gegangen. Doch alles Wachrütteln hat nichts geholfen: Die Briten haben in einem Akt kollektiver Verblendung für ihr Ausscheiden aus der EU gestimmt, während PJ Harvey unterdessen ihre nächste Platte herausgebracht hat. Und wieder ist es ein explizit politisches Album geworden, nur dass diesmal nicht das Vereinigte Königreich attackiert wird, sondern die Missstände in diversen Krisengebieten der Welt von Kosovo bis Afghanistan, die die Künstlerin allesamt bereist hat, um am Ende dann doch nur ihre Ohnmacht angesichts der jeweiligen lokalen Verhältnisse erfahren zu müssen und diese dann in wütende Protestsongs zu transformieren. Kurz gesagt, es ist eine Art vertonte Sozialreportage herausgekommen, die PJ Harvey natürlich auch schon allerhand Hohn und Spott angesichts ihrer solcherart naiven Haltung und Vorgehensweise eingebracht hat. Dabei sollte es doch auf der Hand liegen, dass die Naivität des Künstlers – anders als die des Sozialwissenschaftlers oder Politikers – eine erwünschte ist, führt sie doch auf direktem Wege zu jenem Zustand emotionalen Aufgewühltseins, aus dem heraus nicht selten die großen Würfe in der Kunst gelingen. Genug gefaselt. Die Musik auf PJ Harveys neuer Platte ist wieder einmal exzellent, und das lässt uns über alles andere hinwegsehen. Nun war eine nochmalige Steigerung nach dem besagten grandiosen Vorgänger ohnehin nicht mehr zu erwarten, das hätte dann schon so etwas wie Himmelsmusik am Tag des Jüngsten Gerichts sein müssen, doch ist „The Hope Six Demolition Project“ auf ganz eigene Art ein abermaliges Meisterwerk geworden. Es ist jazziger, mitunter sogar freejazziger!, souliger, gospelhafter als alles, was sie bisher gemacht hat. Bevorzugtes Instrument ist diesmal – man höre und staune – das Saxophon, von Polly ganz überwiegend höchstselbst gespielt. Dabei lassen sich dem Album seine Pop-Qualitäten durchaus nicht absprechen. Doch immer wenn man denkt, nun wird es aber doch allzu melodisch und gefällig, folgen auf der Stelle scharfe Dissonanzen, die zwar alles mächtig durcheinanderwirbeln, ohne aber dabei die folksonghaften Grundstrukturen der Stücke völlig über den Haufen zu werfen. Vor allem muss man die unbedingte Geschmackssicherheit der inzwischen 46-jährigen Vokal-Akrobatin gebührend herausstellen. Bemerkenswert ist nicht zuletzt, auf welch gekonnte Weise sie immer wieder Chorgesänge in die Songs einbaut. Keiner der elf Songs fällt ab, jeder packt einen auf andere Weise. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).

PJ Harvey
The Hope Six Demolition Project
Island (Universal) 2016
Ca. € 17,-
ASIN: B01AV5ZWZG

www.justament.de, 20.6.2016: As Time Goes By

Die Vinyl-EP “Wenn der Wolf schläft” von Element of Crime

Thomas Claer

coverDie subjektive Zeitwahrnehmung beschleunigt sich im Laufe des menschlichen Lebens bekanntlich zusehends. Immer schneller vergehen einem die Stunden und Tage, und hast du nicht gesehen, ist schon wieder ein Jahr vorbei. Für unsere Lieblingsband Element Of Crime, die aus vier inzwischen leidlich reifen Herren in den Fünfzigern respektive Sechzigern besteht, folgt daraus, dass nur noch bestenfalls alle fünf Jahre ein neues Album herausgebracht wird. Und warum auch nicht? Denn gefühlt sind die Intervalle zwischen den Veröffentlichungen damit in etwa so groß wie damals in den Achtzigern, als noch jedes Jahr eine neue EOC-Platte erschienen ist. Aber wie schafft man es, in der Zwischenzeit dennoch im Gespräch zu bleiben und in unserer schnelllebigen Zeit nicht völlig vergessen zu werden? Richtig, man bringt jedes Jahr wenigstens eine neue Single heraus, die ein Stück des vorigen Albums nebst ein paar ausgesuchten Spezialitäten für den geneigten Fan enthält. Und das dann, um den Kultfaktor zu erhöhen (wie man früher einmal sagte), auch noch als 10“-Vinyl.

Und also halten wir nun die inzwischen bereits dritte Single-Auskopplung aus dem 2014er Album „Lieblingsfarben und Tiere“ in den Händen, die den Namen trägt „Wenn der Wolf schläft, müssen alle Schafe ruhn“. Warum bloß gerade dieser Song?, denkt man sich. Da hätte es doch weitaus stärkere auf dem Album gegeben. Doch haben wir hier im musikalisch höchst mittelmäßigen Gewand einen geradezu philosophischen Text, der die Auswahl dieses Stücks allemal rechtfertigt. Wohl jeder, der durchs Leben geht, muss sich irgendwann mit der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“, wie es ein großer Denker einmal genannt hat, arrangieren, also kurz gesagt: mit der Wiederholung. Genau davon handelt dieses nachdenklich stimmende Lied, das en passant auch noch eine präzise Analyse der Marktstellung unserer Elements enthält: „Hinter uns sind die, die keiner mag, und vor uns die, die jeder Trottel liebt.“ Ja, genauso ist es.

An zweiter Stelle auf der Platte folgt ein uralter Bluessong namens „You’re Gonna Need Somebody on Your Bond”. Großartig. Wo haben sie den nur wieder ausgegraben? Unsere Recherche führt uns zum US-amerikanischen Sänger und Gitarristen Blind Willie Johnson (1897-1945). Laut Wikipedia ist er 48-jährig gestorben, weil sein Haus niederbrannte und er wegen seiner Armut in den Ruinen wohnen bleiben musste, wo er sich eine Lungenentzündung zuzog. Zuvor hatte er sich jahrelang als Straßenmusiker über Wasser gehalten. Unglaubliche Geschichte.
Song Nr. 3 ist ein ganz neuer EOC-Song. Nun mag man „Da ist immer noch Liebe in mir“ in musikalischer Hinsicht eine Spur zu gefällig finden, doch hat es auch dieses Lied textlich in sich: „Rot ist der Mond und grau ist die Sonne“. Keine Frage, das ist tiefste Romantik! Am Ende der Platte gibt es dann noch eine gelungene aktuelle Live-Version des EOC-Klassikers „Damals hinterm Mond“ vom ersten deutschsprachigen Album 1991. Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Element Of Crime
Wenn der Wolf schläft, müssen alle Schafe ruhn
10“ Vinyl
Vertigo Berlin (Universal Music) 2016
ca. 11,00 EUR
ASIN: B01AIXG97G
(auch als Download für 2,50 EUR erhältlich)

www.justament.de, 16.5.2016: Uns Udo wird 70

Scheiben vor Gericht Spezial

Thomas Claer

Udo LindenbergRockmusik in deutscher Sprache, das musste man sich erst mal trauen. Udo Lindenberg gehörte in den frühen Siebzigern zu den ersten, die sich daran versuchten. Zum einen bereicherte er mit den Texten seiner mitreißenden Songs die deutsche Sprache als origineller Sprücheklopfer („Alles klar auf der Andrea Doria“, „Die Rock’n‘ Roll-Gespenster sind weg vom Fenster“). Im Kosmos der Lindenberg-Texte war immer irgendwie „alles easy“, auch noch, als irgendwann niemand mehr so sprach wie er und schon gar nicht die Jugend.

Aber zum anderen war da auch noch der empfindsame junge Mann mit den langen Haaren und zunächst noch ohne den später obligatorischen Hut, der seine Irritation über diese Welt auf anrührende Weise besang: „Du spieltest Cello/ in jedem Saal in unserer Gegend / ich saß immer in der ersten Reihe/ und ich fand dich so erregend“. Unglaublich schöne, poetische, zärtliche, romantische Songs sind in diesen frühen Jahren entstanden: „Ich träume oft davon, ein Segelboot zu klau‘n“ etwa oder „Bitte keine Love-Story“. Und natürlich auch das berühmte „Mädchen aus Ost-Berlin“ (1973), das die zwischenmenschliche Seite der deutschen Teilung aus westlicher Sicht beschreibt.

Vielleicht war das Bemerkenswerteste an Udo Lindenbergs späteren Schaffensperioden, die in künstlerischer Hinsicht längst nicht mehr mit seinem überwältigenden Frühwerk mithalten konnten, sein unablässiges Engagement für seine vielen Fans in der DDR. Zu einer Zeit als sich die westdeutsche Jugend schon lange nicht mehr für ihre ostdeutschen Altersgenossen interessierte und Kritik an den Zuständen im Realsozialismus mitunter als entspannungsfeindliche Hetze verpönt war, forderte er unverdrossen eine „Rock’n‘ Roll-Arena in Jena“, wollte mit dem „Sonderzug nach Pankow“ zu Erich Honecker fahren, der ihn jahrelang nicht in der DDR auftreten ließ, und veralberte den notorisch humorlosen Staats- und Parteichef später erneut in „Der Generalsekretär“.

Nach der Wiedervereinigung fiel Udo Lindenberg dann in eine tiefe Schaffenskrise, aus der er sich erst 2008 mit dem fulminanten Comeback-Album „Stark wie zwei“ befreite. Seitdem ist er wieder obenauf, tourt unablässig und füllt ganze Stadien, woran früher nicht zu denken war. Es sei ihm von Herzen gegönnt. Besonders hoch anzurechnen ist ihm ferner sein beharrlicher Einsatz gegen Rechtsextremismus, insbesondere in Ostdeutschland. Am 17. Mai feiert der große Udo Lindenberg seinen 70. Geburtstag. Prostata!

www.justament.de, 14.3.2016: When the Magic Comes Back

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor 30 Jahren erschien „Aristocracie“ von Phillip Boa & The Voodooclub

Thomas Claer

61RUUIfIjsLSolch eine Musik hatte die Welt noch nicht gehört. Es war wie eine Detonation, damals in den in ihren Hauptströmungen doch weitgehend geschmacklosen Achtzigern. Frisch und unverbraucht, kraftvoll und melodiös brachten Phillip Boa & The Voodooclub eine einzigartige Magie in die deutsche Popmusik. Harte Gitarrenriffs trafen auf afrikanisch anmutendes Getrommel, Pia Lundas Sirenengesang auf das brummige Genöle von Bandleader Phillip. Groß heraus kamen sie allerdings erst am Ende des Jahrzehnts mit ihren Alben „Copperfield“, „Hair“ und „Hispanola“, mit Single-Hits wie „Container Love“ und „This is Michael“. Von den wahren Boa-Fans weitaus mehr geliebt wird jedoch das noch viel aufregendere Frühwerk der Band, erschienen auf dem unabhängigen Constrictor-Label. Und ganz nebenbei gab es natürlich, wie es seinerzeit üblich war, allerhand Raubpressungen irgendwelcher Demo-Aufnahmen und Konzertmitschnitte, die zu horrenden Sammlerpreisen weiterverkauft wurden.

Pünktlich zum 30-jährigen Erscheinens-Jubiläum des zweiten Voodooclub-Albums „Aristocracie“ präsentiert uns die Band nun eine wunderbare Neu-Edition dieser Platte mitsamt einer ungeheuren Sammlung von aufgearbeitetem Bonus- und Piraten-Material aus jener Zeit. Das Beste ist aber: Die phantastischen Songs von „Aristocracie“ gehören nun auch erstmals seit Jahrzehnten wieder zu ihrem Live-Programm. Besonders hervorzuheben ist hier die junge Sängerin Pris, die nach dem bedauerlichen Ausscheiden der wunderbaren Pia Lunda vor etwas mehr als einem Jahr deren Gesangspart im Voodooclub übernommen hat. Und ihre Stimme klingt wirklich verblüffend nach der jugendlichen Pia… Unser Urteil lautet: gut (14 Punkte).

YouTube-Links:

Boy Scout

When my Mother Comes Back

For What Bastards

My Sweet Devil

Empires Burning

THE BOA REMASTERS – ARISTOCRACIE
Deluxe Edition with Bonus Tracks + Unreleased Material + BONUS CD “Original Pirate Material: Early Live Recordings 1986-1988”
Mediabook, 36p Booklet, 34 Tracks, 136 Minuten
Constrictor 2015
ASIN: B00ZUVC28C

www.justament.de, 8.2.2016: Es lebe der Ska!

Scheiben vor Gericht spezial: Vor 40 Jahren gründete sich die Band Madness

Thomas Claer

Madness_-_One_Step_Beyond...Wohl jeder kennt „Our House“, den berühmten Song der englischen Band Madness aus den frühen Achtzigern, aber keineswegs allgemein bekannt ist, dass diese Band schon vor ihrer ganz großen Popularität eine Vorgeschichte als heißer Londoner Szene-Act hatte. Angefangen haben die späteren Brit-Pop-Giganten nämlich als lupenreine Ska-Formation, zunächst 1976 unter dem Namen The Invaders; seit April 1979 nannte sich die Band dann Madness.

Die Ska-Musik, die heute wohl nur noch Insidern ein Begriff ist, stammt ursprünglich aus Jamaika und gilt als temporeichere Vorläuferin der eher gemächlichen Reggae-Musik. Mit dieser gemeinsam hat sie den charakteristischen Offbeat, worunter in der Musik Töne zwischen den Zählzeiten eines Metrums verstanden werden. Diese raffinierte Akzentuierung wirkt auf das menschliche Gemüt dergestalt, dass ein starkes Bedürfnis nach rhythmischer Bewegung entsteht. Und weil ja der Ska, insbesondere in der Musik der frühen Madness, deutlich schneller ist als der Reggae, hat sich als seine Begleiterscheinung ein wilder und ganz und gar ungewöhnlicher Tanzstil etabliert, bei dem hektisch mit den Armen gerudert und der restliche Körper auf ganz eigenartige Weise verdreht wird: das Skanking. Besonders bizarr mutet es an, wenn eine Menschengruppe diesen Tanz synchronisiert hintereinander stehend aufführt. (Noch heute wird auf Ska-Konzerten so getanzt, wie ich vor ein paar Jahren beim Auftritt einer Ska-Gruppe in Berlin selbst erlebt habe.) In der Kurzbeschreibung heißt das so wie die unübertroffene Debüt-Platte der Band Madness: ONE STEP BEYOND!

Ihre Musikvideos aus jener frühen Phase sind so unglaublich gut, dass vor der weiteren Textlektüre wenigstens die hier vorgeschlagenen unbedingt in Augenschein genommen werden sollten:

https://www.youtube.com/watch?v=N-uyWAe0NhQ
https://www.youtube.com/watch?v=XJOLwy7un3U
https://www.youtube.com/watch?v=PSTHMxBttlU
https://www.youtube.com/watch?v=Pw-8AGRcyvk
https://www.youtube.com/watch?v=N1p8BNPn-Wg
https://www.youtube.com/watch?v=KwIe_sjKeAY

Eine ganz eigene Note bekommt der frühe Madness-Sound durch den ausschweifenden Einsatz des Saxophons. Überhaupt verleihen die vielen Bläser dieser Musik einen besonderen Charme. Allerdings hat so ziemlich alles, was dann nach der ihrerseits schon recht poppigen dritten Platte „Absolutely“ mit ihrem Mega-Hit „Our House“ (1982) kam, kaum noch etwas mit dem fulminanten Frühwerk dieser Band zu tun. Und das liegt wohl nicht nur an der Kommerzialisierung ihres Sounds allein.

Es klingt verrückt, und das war es auch. Ausgerechnet diese ursprünglich aus Jamaika stammende Musik hat seinerzeit Fans aus dem rechtsradikalen Spektrum angezogen. Aber natürlich nicht nur solche. Zwei sehr unterschiedliche subkulturelle Lager standen sich damals in London um 1980 auf Ska-Konzerten, insbesondere auch auf jenen von Madness, gegenüber: auf der einen Seite die eher bürgerlichen Mods in ihren maßgeschneiderten Anzügen und mit Pork Pie-Hüten. (Das war natürlich ein provozierender Kontrapunkt gegen die damals dominante Schlurfi-Kultur der Hippies.) Den Mods nahestehend waren die Suedeheads, eine ebenfalls eher bürgerliche Variante der frühen Skinheads ohne politische Ausrichtung. Und auf der anderen Seite die damals noch junge Bewegung der Skinheads, die aus den ursprünglich von jamaikanischen Einwanderern gegründeten Rudeboys hervorgegangen war und später von rassistischen Londoner Arbeiterklasse-Jugendlichen okkupiert wurde. Wobei diese jungen Rassisten dann nicht nur den optischen Stil der jamaikanischen Jugendlichen – Arbeitsstiefel, Hosenträger, Kurzhaarfrisuren – kopierten, sondern auch deren Musik, den Ska, für sich vereinnahmten. Es soll zu jener Zeit bei Madness-Konzerten auch häufig zu Schlägereien zwischen Mods/Suedeheads und rechtsradikalen Skinheads gekommen sein. Als beim Madness-Auftritt einmal eine Vorgruppe mit dunkelhäutigem Sänger spielte, wurde dieser von Skinheads aus dem Publikum rassistisch beleidigt, woraufhin sich mehrere Bandmitglieder von Madness mit Teilen des Publikums prügelten. Vermutlich war die Band irgendwann auch dieser „Skinhead-Kontroverse“ überdrüssig und öffnete sich immer umfassender in Richtung Allerweltspop…

Aber wie bin ich überhaupt auf Madness gekommen? Es war in den frühen Neunzigern. In meinem Oberstufen-Schuljahrgang in Bremen gab es einen, der schon etwas älter war, weil er zwei Klassen wiederholen musste. Er hatte den Spitznamen Dicke Bahns, was wohl eine Verballhornung seines bürgerlichen Namens Dirk B. gewesen sein muss. Dicke Bahns war bekannt für seinen exzentrischen wie exzellenten Musikgeschmack. Er hörte nur das ganz schräge Zeug: Phillip Boa, die Pogues, die Pixies natürlich sowieso. Einmal beobachtete ich auf dem Schulhof, wie ihm jemand eine Audio-Cassette in die Hand drückte und ihm sagte: „Machste da mal Phillip Boa rauf?!“ „Jo, geht klar.“ Das wollte ich auch, und ich bekam es. Dirk mixte auch für mich ein Phillip Boa-Tape. Der frühe Phillip Boa war natürlich ganz heißer Stoff, das Beste überhaupt. Und dann traute ich mich irgendwann, Dirk zu fragen: „Wie heißt eigentlich die Band, die „Our House“ singt?“ Er sah mich Ahnungslosen sehr mitleidig an und antwortete mit süffisantem Grinsen: „Madness“. Einige Zeit darauf waren wir bei Dicke Bahns zum Geburtstag eingeladen, was schon eine große Ehre war. Und da sah ich in Dirks Zimmer seine Plattensammlung, die mich vor Neid erblassen ließ. Einige Platten lagen scheinbar zufällig und wahllos angeordnet im Zimmer herum. (Heute denke ich, die hat Dirk vor unserem Besuch extra so hingelegt, um uns zu beeindrucken.) Und neben mehreren streng limitierten Editionen, zum Teil mit farbigem Vinyl, von den Pogues und den Smiths lag da auch „One  Step Beyond“ von Madness. Es versteht sich von selbst, dass ich mir diese Platte bei nächster Gelegenheit auf dem Flohmarkt besorgte – und dass ihr noch heute ein Ehrenplatz in meiner Plattensammlung zukommt!

Madness – One Step Beyond – 35th Anniversary Edition (CD+DVD)
Union Square Music (Soulfood)
ASIN: B00MH9NERS
11,69 EUR (bei Amazon)

PS: Von der anderen großen Ska-Gruppe jener Zeit neben Madness, den Specials, die zur Hälfte aus dunkelhäutigen Musikern bestanden, gibt es sogar eine „Skinhead Symphony“:

https://www.youtube.com/watch?v=kwAMvg97FMI
https://www.youtube.com/watch?v=cntvEDbagAw
https://www.youtube.com/watch?v=lgCZN1rU5co

www.justament.de, 4.1.2016: Zum Tod von Lemmy Kilmister

Scheiben vor Gericht spezial

Thomas Claer

Nein, mit Heavy Metal hatte ich nie viel am Hut. Das rührt wahrscheinlich noch von ganz früher her. Zu meiner Schulzeit in den Achtzigern waren nämlich ungefähr die Hälfte der Jungs in meiner Klasse (aber kein einziges Mädchen, wohlgemerkt) begeisterte Heavy Metal/Hardrock-Fans und hörten auf ihren in die Schule und auch überall sonst hin mitgebrachten Mono-Kassettenrecordern, deren Batterien ständig der Saft ausging, dabei stets wild Luftgitarre spielend, Songs von Bands wie Bon Jovi, Scorpions und Iron Maiden.

Nun will ich keineswegs behaupten, dass ich damals, so mit 15 oder 16, einen besseren Musikgeschmack als jene Mitschüler gehabt hätte, dann wohl schon eher einen noch schlechteren. Aber wir hatten alle eine Entschuldigung: Wir waren im Osten und hatten somit kaum eine Chance, an bessere Musik zu kommen. Vor allem gab es in unserem Dorf aber auch niemanden weit und breit, der einem bessere Musik hätte nahebringen können. Auf popmusikaffine Lehrer sollte ich erst zwei Jahre später in einer anderen Welt treffen: auf einem Bremer Gymnasium, wo ich wahrscheinlich der einzige war, der diese antiautoritären Lehrkräfte unglaublich cool fand, denn in meinem bisherigen Leben hatte ich ja nur das absolute Kontrastprogramm erlebt…

Aber zurück zum Heavy Metal: Dass es auch bessere Spielarten dieser Genre-Musik gibt, ist mir erst viele Jahre später aufgegangen. Vor allem solche, die ohne dieses ewige Gejaule und das Hymnenhafte auskommen, die hart und schnell und ehrlich geradeaus spielen, so wie Motörhead. Dennoch hat es mich nie besonders interessiert, eher schon: Lemmy Kilmister als Stilikone. Als Motörhead besonders im vergangenen Jahrzehnt immer populärer wurden, hat man ja schon manchmal was von ihm aufgeschnappt, ein Interview hier, ein unverschämt lässiger Spruch dort. Lemmy Kilmister, der Ex-Junkie und Alkoholiker, der sich fortwährend darüber wundern konnte, überhaupt noch am Leben zu sein, der eine Explosion des Krematoriums bei seiner Einäscherung voraussagte, hatte sich dem Rock’n Roll als Lebenshaltung verschrieben. Und wer ihn jemals auf der Bühne erlebt hat, was auf YouTube ja leicht möglich ist, wie er mit seinen Bandkollegen ein überwiegend deutlich jüngeres Publikum in seinen Bann zieht, dem ist es dann auch egal, dass sich doch eigentlich jedes Lied fast wie das andere anhört. Diese hochenergetische Musik hat selbst dem bekennenden Metal-Banausen noch etwas zu sagen. Klar, Motörhead gehörten zu den Ersten ihrer Richtung und haben unzählige andere Bands beeinflusst, die nach ihnen kamen. Sie haben Speed-Metal, Trash-Metal und das ganze Zeug vorweggenommen. Doch blieben sie vor allem deshalb unerreicht, weil sie so einen großartigen Bandleader hatten.

Zuletzt mussten Motörhead mehrere Konzerte absagen, da ihr Frontman sich schlecht fühlte. Am vorigen Montag, vier Tage nach seinem 70. Geburtstag, ist Lemmy Kilmister für immer von der Rock’n Roll-Bühne abgetreten.

www.justament.de, 30.11.2015: Die Welt ist schlecht, aber s i e ist es nicht

Maike Rosa Vogel auf ihrem vierten Album „Trotzdem gut“

Thomas Claer

trotzdem16x9Die Sängerin und Liedermacherin Maike Rosa Vogel, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, ist so etwas wie eine Heilige. Während sich andere erklärte „Gutmenschen“, die sich überall korrekt positionieren und immer auf der richtigen Seite stehen, nicht selten dem Verdacht der Heuchelei aussetzen, ist an der 37-jährigen Wahlberlinerin garantiert alles echt. Man nimmt es ihr ab, dass sie sich für Flüchtlinge einsetzt, die Naturzerstörung und die menschliche Gier anprangert. Wenn sie dem Publikum auf den Konzerten ihre Seele öffnet, ist sie erkennbar ganz bei sich selbst. Vor allem aber sind ihr die überschwänglichen Kritiken all der bis über beide Ohren in sie verknallten Musikrezensenten offenbar nicht im Mindesten zu Kopf gestiegen. Uneingebildet und natürlich wie eh und je präsentiert sie uns – drei Jahre nach der letzten Platte „Für fünf Minuten“ – nun ihr neues Album „Trotzdem gut“, das erstmals im Eigenvertrieb erscheint. Dieser Schritt ist mutig und konsequent zugleich, und man kann sie hierzu nur beglückwünschen. Ihre Fans werden schon weiterhin zu ihr finden, auch ohne Plattenfirma.

Allerdings packt einen „Trotzdem gut“, anders als seine Vorgänger, nicht gleich vom ersten Moment an. Man braucht etwas länger, um mit dieser Platte warm zu werden. Musikalisch hat sich das Spektrum ein wenig in Richtung Folk verschoben. Wir hören Banjo und Violinen. Sven Regener, die treue Seele, spielt Bass und Trompete. Und gerade weil ihre Songs diesmal gelegentlich etwas abrutschen auf dem schmalen Grat zwischen großer Emotion und Betroffenheitskitsch, wird einem bewusst, was für großartige Lieder uns Maike Rosa Vogel auf ihren früheren Alben geschenkt hat. Doch gibt es solche Lieder, man bemerkt es spätestens beim dritten oder vierten Hören, auch auf „Trotzdem gut“. Zum Beispiel „Du hältst meine Hand“ – eine Hymne an das kleine große Glück der Zweisamkeit. Und ganz bestimmt spricht „Verschwendete Zeit“ unzähligen zugewanderten Berlinern aus der Seele, die sich von ihren besorgten Provinz-Eltern die ewig gleichen bitteren Vorwürfe anhören müssen: „Sie glauben an das Unglück, das da draußen auf uns lauert/ Und uns anspringt und uns einholt, wenn wir tun, was uns gefällt“. Doch das lyrische Ich weiß es gottlob besser: „Die schlimmsten Zeiten meines Lebens waren die/ Als ich anderen mehr glaubte als mir selbst“. Je länger man diesem Album lauscht, desto mehr Perlen entdeckt man auf ihm. Auch „San Francisco“ und „Für mich auch“ sind sehr schön.

Textlich besonders interessant wird es dann auf „Der kultivierteste Sommer meines Lebens“. Hier zeigt uns Maikes lyrisches alter ego, dass es auch mal ganz anders kann: Den ganzen Sommer lang sind die Erzählerin und ihr Geliebter „in Museen gegangen“, haben „gute Filme geschaut“, sich nicht vom Fußballfahnenschwenken anstecken lassen und ausgedehnt Zeitung gelesen. Doch irgendwann reicht es dann dem lyrischen Ich: „Ich wollte einfach schnellen Sex… ich bin ganz gerne auch mal nicht so klug/ Und ich bin ganz gerne auch mal nicht so gut/ Und viel mehr als das/ Hatten wir uns beide nicht zu sagen“. Man rechnet schon mit dem Schlimmsten. Wird sie ihn, den kulturbeflissenen Intellektuellen, der zu wenig auf die wilden Begierden seiner Partnerin eingeht, eiskalt abservieren? Doch zum Glück kommt es anders. Freudig bleibt sie bei ihm, „Weil du nur mich liebst/ Und sonst nichts auf der Welt“. Na dann toi, toi, toi…

Gewidmet ist diese CD übrigens den Berliner Hebammen, „die so viel mehr tun als ihre Arbeit und denen wir alles zu verdanken haben“. Danke, Maike, für diese Hommage an die wahren Helden des Alltags, die in ihren unterbezahlten Jobs Erfüllung finden und dafür von den Karriere-Fuzzis und -Tussis auch noch herablassend behandelt werden. Unser Urteil für diese Platte lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Trotzdem gut
Eigenvertrieb Maike Rosa Vogel 2015
www.maikerosavogel.com

www.justament.de, 26.10.2015: Ein Hype namens Wanda

Die österreichischen Senkrechtstarter mit ihrem neuen Album „Bussi“

Thomas Claer

wandaNicht mal ignorieren, das war mein erster Gedanke, als ich vor einem Jahr erstmals den Klängen von Wanda lauschte, jener rustikalen Mundart-Kapelle aus Österreich, die inzwischen allerorts als Rettung der deutschen Popmusik gefeiert wird. Von umjubelten Auftritten in Berlin mit kreischenden Mädchen war damals die Rede, doch was ich dann von ihnen hörte, riss mich keineswegs vom Stuhl. Es lässt sich, und das gilt heute noch genauso wie vor 12 Monaten, so unendlich viel einwenden gegen diese sonderbare Spaß-Combo: angefangen vom oft kaum verständlichen österreichischen Gesang über die sich vornehmlich um „Amore“ und Alkohol drehenden Texte (das am häufigsten besungene Getränk ist ausdrücklich der Schnaps, prolliger geht es nun wirklich nicht) bis hin zu den Auftritten des Sängers auf den Konzerten mit entblößtem Oberkörper. Wie peinlich ist das denn? Und musikalisch mischen sich hier biederer Rock und Schlager, was nun auch nicht unbedingt etwas großartig Neues ist.
Woher also kommt dieser Hype? Ich selbst ertappte mich irgendwann dabei, dass mir manche Wanda-Liedzeilen nicht mehr aus dem Kopf gingen. Einige ihrer Lieder, längst nicht alle, haben schon, das muss man zugeben, etwas Raffiniertes. (Doch das gilt z.B. auch für die Banalitäten von ABBA und muss für sich genommen nicht viel bedeuten.) Aber – und das ist entscheidend – Wanda verkörpern mit ihrer demonstrativen Scheiß-egal-Pose eine Haltung, der man am Ende doch Respekt zollen muss. So schmutzig wie der kettenrauchende Sänger Michael Marco Fitzthum kann niemand sonst über die großen und kleinen Dramen des Lebens singen: „Es ist wahrscheinlich etwas Wahres dran, wenn du sagst, dass man daran sterben kann“, heißt es im stärksten Song des neuen Albums „Meine beiden Schwestern“, den sie auch live im ZDF bei aspekte präsentierten.
Überhaupt sind die Texte hintergründiger, als man zunächst denkt. Und wenn sie unablässig die Amore besingen, dann zumeist deren vollkommenste Spielart, die nur vorgestellte. An Wanda kommt man derzeit einfach nicht vorbei. Nicht einmal das mit dem oberkörperfreien Singen darf man wohl so eng sehen, zumindest solange es den Mädchen noch gefällt… Wenn uns Miley Cyrus oder Lady Gaga ihre Brüste zeigen, finden es ja schließlich auch alle schön. Das Gesamturteil lautet: mit Bedenken noch voll befriedigend (10 Punkte).

Wanda
Bussi
Vertigo Berlin (Universal) 2015
ASIN: B012BTVOZ2

Wanda
Amore
Problembär Records (rough trade) 2014
ASIN: B00MVCX74Q

www.justament.de, 14.9.2015: Erst das Model, dann die Kosaken

Die „Ukrainians“ präsentieren die Geschichte der Rockmusik – natürlich auf Ukrainisch!

Thomas Claer

ukrainiansDie Geburtsstunde der Ukrainians war in den späten Achtzigern. Peter Solowka, ukrainischstämmiger Gitarrist der damals sehr angesagten englischen Indie-Band „The Wedding Present“ spielte auf einer der legendären John-Peel-Sessions bei der BBC während einer Pause zwischen den Aufnahmen ein ukrainisches Volkslied vor sich hin, woraufhin DJ-Ikone John Peel die Band mit der Idee überraschte, sie solle doch mal eine Platte mit ukrainischen Volksliedern einspielen – durchsetzt mit Rock- und Punkelementen, versteht sich. Gesagt getan, es wurden noch zwei geeignete Gastmusiker engagiert, der fabelhafte Sänger und Geiger Len Liggins und der Mandolinenspieler Roman Remeynes – und heraus kam im April 1989 die völlig verrückte Mini-LP „Ukrainski Vistupi V Iwana Piela“, eine Platte, die Maßstäbe setzte für so ziemlich alles, was in diesem Genre fortan noch kommen sollte: von den Leningrad Cowboys bis zu Wladimir Kaminers Russendisko. Als Wedding-Present-Gitarrist Peter Solowka dann 1991 nach Differenzen mit Bandleader David Gedge aus der Band geworfen wurde, gründete er kurzentschlossen mit den besagten früheren Gastmusikern Len Liggins und Roman Remeynes seine eigene Combo – und das waren und sind noch heute die „Ukrainians“. Über die Jahre veröffentlichten sie fünf durchweg überzeugende Alben mit überwiegend eigenen Kompositionen zwischen Punkrock und ukrainischer Folklore.

Eine besondere Spezialität der Band waren aber seit 1993, als sie eine grandiose EP mit Liedern der Kollegen von The Smiths im ukrainischen Klangbild veröffentlichte („Pisni is The Smiths“), Coverversionen westlicher Rocksongs im krawallfolkloristisch-ukrainischen Gewand. Weitere Song-Adaptionen dieser Art von Kraftwerk- (1996), Prince- (1996) und Sexpistols-Liedern (2002) folgten. Und welch eine Freude – nun präsentieren sie uns ein ganzes Album von dieser Sorte! Die inzwischen bis auf die Gründungsmitglieder Peter Solowka und Len Liggins runderneuerte Band unternimmt dabei einen Streifzug durch die Geschichte der Rockmusik und überführt dabei 16 unsterbliche Klassiker – u.a. von den Beatles, Nirvana, den Beach Boys und The Velvet Underground – in den Ukrainians-Klangkosmos. Jede dieser sonderbaren Song-Versionen ist auf eigene Weise interessant. Vor allem bei den mollgetönten Stücken wie etwa „The One I Love“ von R.E.M. muss man schon sehr genau hinhören, um zu bemerken, dass es sich hier NICHT um alte ukrainische Volkslieder handelt, so täuschend echt gelingen die Adaptionen. Manchmal, wie zur Verdeutlichung dieser melodischen Verwandtschaft, bauen sie in einen Popsong am Ende auch einfach noch eine alte Volksweise mit ein. So endet die ukrainische Version des Kraftwerk-Evergreens „Das Model“ mit einem Kosakenmarsch. Lobend hervorzuheben ist schließlich ist auch noch die aktuell-politisch anspielungsreiche Anordnung des Eröffnungssongs: Es handelt sich um “Back in the U.S.S.R.“ von den Beatles! Alles in allem also ein Riesenspaß. Das Urteil lautet: 14 Punkte (gut).

The Ukrainians
Istoria Rok-Musiki Ukrainskoju Mowoju
A History Of Rock Music In Ukrainian
Zirka Records 2015
ZRKCD10