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Justament März 2008: Die ewigen Eiferer

Peter Sloterdijk mahnt zur Zivilisierung der monotheistischen Intoleranz-Kulturen

Thomas Claer

Cover Gottes EiferDem Monotheismus als solchem kritisch zu begegnen, ist derzeit en vogue. Vor allem der Ägyptologe Jan Assmann konnte zuletzt in mehreren Büchern und einem ihm gewidmeten SPIEGEL-Titel aufzeigen, wie eng einerseits Religionskriege und Terror, andererseits aber eben auch alle unsere modernen Universalismen letztlich mit dem Eingötter-Glauben zusammenhängen, der große Teile der Welt entscheidend geprägt hat. Wenn der Philosoph Peter Sloterdijk nun ein kompaktes und gedankenreiches Bändchen über die drei monotheistischen Weltreligionen und die ihnen jeweils affinen Konfliktneigungen vorlegt, macht er aus seinem Herzen keine Mördergrube. Weniger die Religionen selbst als vielmehr das mit ihnen in die Welt gekommene spezifische Eiferertum ist ihm herzlich zuwider.
Die eifernden Monotheismen, so Sloterdijk, ziehen ihren Elan “aus der phantastischen Vorstellung, es könne gelingen, gegen alle Irrungen und Wirrungen der kontrovers versprachlichten und multipel verbildlichten Wirklichkeit die einwertige Ursprache wiederherzustellen”. Den logischen Ursprung ihres Eiferertums sieht Sloterdijk daher im Herunterzählen auf die Eins, die nichts und niemanden neben sich duldet. Diese Eins sei die Mutter der Intoleranz. Anders als etwa in den religiösen Toleranzkulturen des alten Ägyptens oder des Buddhismus sei es für alle echten monotheistischen Eiferer evident, dass die Menschen es ohne den Zusammenprall mit dem “wahren Gott” nur zu glänzenden Lastern bringen könnten. Daher dürfe man, ginge es nach jenen, die Menschen nie in Ruhe lassen und solle ihre Gewohnheiten unterbrechen, wo man kann. In sein eigentliches Element, so Sloterdijk, komme das Eifern aber erst, wenn Strenge auf Unterkomplexität trifft. Und deshalb hält es der Verfasser auch für keinen Zufall, dass typische Eiferer instinktsicher im Humor den Feind erkennen, der jeder militanten Einseitigkeit das Geschäft verdirbt.
Keinesfalls lässt sich aber diese eifernde Intoleranz einfach von den Monotheismen abtrennen, ist sie doch geradezu kennzeichnend für sie und, Sloterdijk sagt es vorsichtshalber nur indirekt, hat sich von Moses über Jesus und Paulus (“der erste Puritaner, der erste Jakobiner und der erste Leninist in einer Person”) zu Mohammed sogar noch verschärft. War für das Judentum noch ein souveränistischer Separatismus mit defensiven Zügen prägend, waren es für das Christentum die Expansion durch Mission und für den Islam die Expansion durch den heiligen Krieg. Etwas knapper behandelt, doch in ihrer Nähe zum Religiösen markant herausgestellt, werden die Neo-Monotheismen, die Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts, vor allem die “atheistische Kirche des Kommunismus”. Erst von diesen Menschheitsideologen sei der Ruf des Moses: “Es töte ein jeder selbst den Bruder, Freund und Nächsten” in den größten Verhältnissen befolgt worden, erst in ihnen seien die hybriden Saaten des Monotheismus aufgegangen.
Was also ist zu tun, was hilft gegen das destruktive “Eiferertum als pathologisches Symptom”? Für Sloterdijk einzig und allein eine fortschreitende “Zivilisierung” der Monotheismen, wie sie etwa durch frühere Institutionalisierungs- und Säkularisierungsprozesse bereits erfolgreich angegangen worden ist. Das Fernziel ist jedenfalls klar: “Die Zivilisierung der Monotheismen ist abgeschlossen, sobald die Menschen sich für gewisse Äußerungen ihres Gottes, die unglücklicherweise schriftlich festgehalten wurden, schämen wie für die Auftritte eines im allgemeinen sehr netten, doch jähzornigen Großvaters, den man seit längerem nicht mehr ohne Begleitung in die Öffentlichkeit lässt.” (S.168)

Peter Sloterdijk
Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen
Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2007
218 Seiten, 17,80 €
ISBN-10: 3458710043

Justament Dez. 2007: Ein Alptraum für Juristen

Unsere Willensfreiheit ist nur eine Illusion, weiß der Evolutions-Biologe Franz M. Wuketis

Thomas Claer

Cover WuketisVielen narzisstischen Kränkungen sah sich der moderne Mensch schon ausgesetzt: Erst sagte ihm Kopernikus, die Sonne drehe sich nicht um die Erde, sondern die Erde um die Sonne. Später offerierte ihm Darwin, dass der Mensch nicht Gottes Geschöpf sei, sondern vom Affen abstamme. Dann fand Freud heraus, dass das Ich nicht Herr im eigenen Hause und der Mensch maßgeblich von unbewussten Trieben gesteuert sei. Doch was wir jetzt erleben, ist ein besonders schwerer Anschlag auf unser Selbstwertgefühl: Schon seit Jahren behaupten Hirnforscher, dass ihren Experimenten zufolge der Mensch keinen freien Willen habe. Bevor wir eine Hand heben, fanden sie heraus, haben neuronale Vorgänge schon über unsere Handlung entschieden. Warum das eigentlich keine Überraschung ist, erklärt der Wiener Biologe Franz M. Wuketis nun aus der Sicht des Evolutions-Forschers. Als Produkt der Evolution sei der menschliche Geist eben nur ein Überlebens-Instrument wie andere Organe auch und nicht zur objektiven Erkenntnis seiner Umwelt oder gar zur freien Selbstbestimmung geschaffen. Doch brachte die rasante Entwicklung der Gehirnfunktion der höheren Primaten jene sich selbst verstärkenden Rückkopplungen hervor, durch die es allmählich zur Abstraktion der Außenwelt durch Symbole und zur beträchtlichen Erweiterung der Vorstellungskraft bis hin zur Antizipation künftiger Ereignisse kam. Dabei seien Illusionen oft sehr nützlich im “struggle for life” und begünstigten ungemein das “survival of the fittest”. Und ein Musterbeispiel für solch eine Illusion sei auch die Annahme, der Mensch könne sich in jeder Situation stets so oder anders entscheiden. Tatsächlich sei das Verhalten des Menschen aber vollständig durch seine genetische Ausstattung sowie die Summe seiner Sozialisationserfahrungen determiniert. Er werde sich, sofern er keinen äußeren Zwänge unterliegt, letztlich immer so verhalten, wie es für ihn am angenehmsten ist. Aus evolutionsbiologischer Sicht sei auch nichts anderes denkbar. Entschieden tritt Wuketis dem unter Philosophen und auch naturwissenschaftlichen Sachbuch-Autoren wie Hoimar von Ditfurth lange sehr populären Dualismus entgegen, wonach es eine eigenständige Welt des Geistes gebe, die mit den materiellen Gehirnen interagiere. Vielmehr sei der Geist nur eine Funktion des Gehirns wie die Bewegung eine Funktion der Gliedmaßen.
Für Juristen ist das alles ein Alptraum, denn wie sollte man Straftäter verurteilen, wenn sie allesamt gar nicht anders konnten? Womöglich sind am Ende auch noch sämtliche zivilrechtlichen Verträge unwirksam, wenn alle Beteiligten unter permanenten schweren Willensmängeln leiden. Da hilft dann wohl nur noch der Rückgriff auf den  Strafrechtler Eduard Kohlrausch (1874-1948), für den die Freiheit eine “staatsnotwendige Fiktion” war, an der festzuhalten sei, weil nur auf diese Weise eine unverzichtbare Voraussetzung des Strafrechts erfüllt werden könne. Im Übrigen wird Wuketis, der sein Buch salopp und unterhaltsam bis zur Krawalligkeit abgefasst hat, besonders gerne ausfällig gegen Politiker und Juristen: “Wir Menschen sind Affen, und so verhalten wir uns auch. Gesetzgeber, Staatsanwälte, Richter und Rechtsanwälte sind davon natürlich nicht auszunehmen, auch wenn die meisten von ihnen über die Natur des Menschen – und damit über ihre eigene Natur – nichts wissen und nichts wissen wollen. Grundlegende biologische Kenntnisse gehören nicht zum Ausbildungsmuster von Juristen” (S.150). Das ist vielleicht – siehe oben – auch besser so. Wo soll das schließlich hinführen?

Franz M. Wuketis
Der freie Wille. Die Evolution einer Illusion
Hirzel Verlag Stuttgart 2007
181 Seiten, 22,00 €
ISBN-10: 3777615099

Justament Okt. 2007: Mensch Meier

Das erste Buch des Popmusikers und Performancekünstlers Dieter Meier  

Thomas Claer

Meier CoverAuch wenn er es in seinem Buch nur ein einziges Mal und nur andeutungsweise erwähnt (“ein als Student der Jurisprudenz getarnter Spieler”): Neben Paolo Conte ist der Schweizer Dieter Meier (Jahrgang 1945) vermutlich der einzige internationale Popmusikstar mit abgeschlossener juristischer Ausbildung. Doch hat Meier, mit seiner Band YELLO seit 1980 ein Pionier der elektronischen Musik, der eigentliche Erfinder der Techno-Musik (“Bostich”) und des Musikvideos (mit “Da Da Da” von Trio) die Rechtswissenschaft schon früh weit hinter sich gelassen. Aus dem Zürcher Geldadel stammend und daher von der Notwendigkeit der Erwerbsarbeit befreit, schloss er sich nach seinem Jurastudium diversen Happeningzirkeln an, experimentierte als Performencekünstler, stellte seine Exponate auf mehreren documentas aus, avancierte vorübergehend zum Pokerspiel-Profi und Schweizer Nationalspieler im Golfsport, bis es 1979 zur schicksalhaften Begegnung mit dem Lkw-Fahrer Boris Blank und dem gelernten Rohkaffeekaufmann Carlos Perón kam, welche sich – so sagt es die Legende – ihrerseits kurz zuvor bei Tonaufnahmen in einer Autoschrottpresse kennen gelernt hatten. Sie, die ihre Klangexperimente fortan zusammenführten, engagierten Dieter Meier kurzerhand als Sänger und YELLO war geboren. Es folgte eine beispiellose Karriere mit weltweit mehr als 10 Millionen verkauften Tonträgern. Meiers revolutionäre Musikvideos zu den YELLO-Songs (“The Evening’s young”, “Oh yeah”) prägten das junge Genre maßgeblich, wurden mit Preisen überhäuft und werden noch heute auf youtube abgefeiert. (Dass die Band allerdings seit den mittleren Achtzigern musikalisch stagnierte, wurde meist mit dem Ausscheiden des genialen Carlos Perón (1983) in Zusammenhang gebracht, dessen Soloalben “Impersonator I” (1981) und “Nothing ist true – everything is permitted” (1984) zu den unsterblichen Klassikern der elektronischen Musik gehören.)
Nach all den langen Jahren mit YELLO hat Dieter Meier nun also sein erstes Buch veröffentlicht und sich damit einen Jugendtraum erfüllt, denn er wollte, so sagt er, eigentlich immer Schriftsteller werden. Man darf sich das Buch des Popstars Meier aber nicht wie eines seiner Kollegen 50 Cent oder Madonna vorstellen. Meier, ganz Bildungsbürger, gibt als literarische Vorlieben Robert Walser und Walter Benjamin an. Der Band enthält kurze Prosatexte mit immer wieder eingeschobenen lyrischen Ausflügen, die während der letzten 20 Jahre u.a. in der ZEIT und der NZZ  erschienen sind. Geschrieben wurden diese Texte ausschließlich auf einer alten Schreibmaschine, dem “Hermes Baby”, in welche der Genussmensch Meier, der sinnlichen Erbauung wegen, seine sprachlichen Werke einzutippen pflegt. Diese, überwiegend gut lesbar, meist pointiert und ironisch (“Die Schwerarbeit des Müßiggangs”), legen Zeugnis ab von den Ambitionen und Leiden des Menschen Dieter Meier, den, wie er bekennt, ein Leben lang die Fratze des Ungenügens angegafft hat. Denn als von aller materiellen Not Entbundener fühlte er sich stets dazu angehalten, etwas ganz Außerordentliches zu schaffen. Dieser Anspruch habe ihn in jungen Jahren fast in den Wahnsinn getrieben. Die erste wirkliche Bestätigung in jener Zeit zwischen Matura und Popkarriere verschaffte ihm seine Laufbahn als Pokerspieler, wo er schnell einen exzellenten Ruf als gefürchteter “Bluffer” erwarb.
Heute betätigt sich Meier auch als Bio-Winzer in Argentinien und als Unternehmer, aus infantilem Antrieb, wie er sagt, um seinem hochbetagten Vater zu beweisen, dass er es auch auf diesem Felde doch noch zu etwas bringen kann.

Dieter Meier
Hermes Baby . Geschichten und Essays
Ammann Verlag Zürich 2006
160 Seiten, mit DVD, 19,90 €
ISBN 3-250-60093-8

Justament Sept. 2007: Peng, Rumpel, Schepper

Cover HerzogFelix Herzog bringt berühmte Strafrechts-Fälle als Comic heraus

Thomas Claer

Merkwürdige Geschichten hören die jungen Studenten in den Strafrechtsvorlesungen an der Uni. Sie klingen so unwahrscheinlich, dass man sie kaum glauben würde, hätte man nicht schon im ersten Semester gelernt, um Gottes willen niemals den Sachverhalt in Frage zu stellen: Da erschleicht sich ein Heiratsschwindler das Vertrauen seines Opfers und bringt es dazu, mit ihm eine Lebensversicherung auf Gegenseitigkeit abzuschließen. Sodann gaukelt er der Dame vor, er sei ein außerirdischer Abgesandter vom Stern Sirius und verfüge über besondere Fähigkeiten. Zum Beispiel könne er mit Hilfe eines von ihr in die gefüllte Badewanne geworfenen Föns ihre Seele in eine schönere menschliche Hülle schlüpfen lassen. Die Dame glaubt dem Heiratsschwindler und kommt dadurch zu Tode, worauf dieser bei der Versicherung seine Ansprüche anmeldet. Oder die folgende Begebenheit: Zwei Räuber überfallen einen Supermarkt. Auf der Flucht mit der Beute erschießt der eine versehentlich den anderen, weil er ihn für einen Verfolger hält.
“Sirius-Fall”, “Verfolgerverwechslungs-Fall” und andere prominente und kuriose Lehrbuchfälle wie der Jauchegruben-Fall, der Katzenkönig-Fall und der Kirschendieb-Fall sind Ereignissen nachgebildet, die zumindest tatsächlich irgendwann einmal so vor Gericht verhandelt wurden. Damit diese Fälle, einschließlich der jeweiligen Lösungen und Problemerörterungen, sich aber auch wirklich und nachhaltig in den Hirnwindungen der Studiosi einnisten, gibt es nun als besondere Lernhilfe eine Comic-Version der 30 brisantesten von ihnen. Wer ein gutes visuelles Gedächtnis hat oder aber einfach nur mal ohne schlechtes Gewissen einen Comic lesen möchte, wird hiervon profitieren. Verantwortlich für das revolutionäre Projekt zeichnet der derzeit in Bremen lehrende Felix “Strafrecht” Herzog, nicht zu verwechseln mit Ö-Rechtler Roman “Ex-Bundespräsi” Herzog, der längst seinen wohlverdienten Ruhestand genießt. 30 Kurzcomics des Zeichners Matthias Huberty findet der Leser neben den von Prof. Herzog verknappten und mit anschaulichen Personennamen (z.B. Herr Holzer im Haustyrannen-Fall) versehenen Fallschilderungen. Man mag einwenden, dass die Bildgeschichten sich in manchen Fällen nicht aus sich selbst heraus erklären. Zum einen haben die einzelnen Bildchen ein recht kleines Format und sind in schwarz-weiß gehalten, zum anderen haben wir es eher mit einer Art simplem Brachial-Comic zu tun. Wer Asterix & Obelix oder das Mosaik von Hannes Hegen bevorzugt, wird vielleicht enttäuscht sein. Aber das ist Geschmackssache! Auch das Peng, Rumpel, Schepper, dem Raschel, Würg und Bäng, wie es die Norddeutschen ganz ähnlich aus den Werner-Büchern kennen, kann reizvoll sein, mitunter sogar richtig witzig. Und Zeichner Huberty, bei dem es sich um einen Mitschüler von Prof. Herzogs Tochter handeln soll, schreckt auch vor gewaltsamen und erotischen Darstellungen nicht zurück, was dem Unterhaltungswert der Publikation jedenfalls nicht abträglich ist.
In der Summe ist das Buch die eigentlich längst fällige Umsetzung einer guten Idee, die wohl schon manchem Jura-Studenten einmal gekommen ist. Dem Justament-Kolumnisten kam sie vor etlichen Jahren anlässlich einer Hausarbeit im Zivilrecht. Und nun warten wir gespannt auf die mutmaßlich nächsten Folgen dieser Reihe: Zivilrecht illustrated und Öffentliches Recht illustrated. Oder kommen womöglich bald die ersten Lehrfilmchen – Vorbild: Fahrschule – in allen Rechtsgebieten zum Download aufs Handy?

Felix Herzog
Strafrecht illustrated. 30 Fälle aus dem Strafrecht in Wort und Bild
merus verlag Hamburg 2007
171 Seiten, 15,90 €
ISBN 978-3-939519-10

Justament Sept. 2007: Schluss mit Loseblatt?

Thomas Claer

VCover Schönfelderon Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) ist das Bonmot überliefert, dass eine Handlung nicht schon deshalb vernünftig sein muss, weil sie mit einem ernsthaften Gesichtsausdruck ausgeführt wird. Ähnliche Gedanken mögen stillschweigend auch schon Generationen deutscher Juristen beim regelmäßig zelebrierten Einsortieren der nachgelieferten Gesetzestexte der “Schönfelder-Loseblattsammlung” gekommen sein. Eine anspruchslose, zeitraubende und dabei völlig stupide Tätigkeit ist das, aber unverzichtbar, um stets auf dem jeweils neuesten Stand der Gesetzgebung zu sein. Und genau der ist gefragt in den Klausuren, die über das künftige Hopp oder Topp auf dem Arbeitsmarkt entscheiden. Doch hat das Gesetzblatteinordnen neben den fraglosen kontemplativen oder gar meditativen Effekten auch noch einen eminent gewissensberuhigenden Ertrag: Es kann dem Betroffenen das gute Gefühl verleihen, schon etwas Sinnvolles und Wichtiges für sein Studium oder Referendariat getan zu haben. Und – schlimmer noch – die Befriedigung ist mitunter sogar größer als beim kaum verstandenen, ewig nebulösen Lernstoff. Einen Anschlag auf dieses allseits verhasste und doch womöglich insgeheim liebgewonnene juristische Ritual unternimmt nun der Beck-Verlag, indem er den “Schönfelder” – erstmals wieder seit der dritten Auflage 1934 – als gebundene Ausgabe anbietet. Zweimal im Jahr sollen aktuelle Neuausgaben erscheinen. Natürlich gibt es aber auch weiterhin die Loseblattsammlung. Was wird sich also durchsetzen? Für die gebundene Ausgabe sprechen das etwas schlankere Format und der eingesparte Sortieraufwand. Doch wird man beim Loseblattsystem trotz der beträchtlichen laufenden Kosten für jede Nachlieferung (7-15 Euro, bis zu sechsmal im Jahr) eher unter dem Anschaffungspreis zweier gebundener Bücher jährlich (fast 80 Euro) bleiben. Und aktueller ist man natürlich mit den Nachlieferungen. Aus ökologischer Sicht erscheint ebenfalls die Loseblattversion vorzugswürdig, besonders angesichts der gegenwärtig bekanntlich kolossalen Zahl angehender und praktizierender Juristen: Man stelle sich einmal den Berg von annähernd 200.000 ausrangierter Gesetzessammlungen vor, der künftig zweimal im Jahr zu entsorgen wäre. Er wäre jeweils 14 km hoch.

Schönfelder
Deutsche Gesetze I/2007 (Gebundene Ausgabe)
Beck Juristischer Verlag; April 2007, 4100 Seiten
€ 39,80
ISBN-10: 3406561063

Justament Juni 2007: Goethe als Kapitalismuskritiker

Der Soziologe Oskar Negt deutet den Faust II gesellschaftswissenschaftlich

Thomas Claer

Negt CoverMit Goethes Faust können eigentlich fast alle etwas anfangen. Auch wem sich nicht jede hintergründige Frotzelei Mephistos und jede zeitbezogene Anspielung Faustens auf Anhieb erschließt, wird an dem dramatischen Plot und der lebendigen Sprache seine Freude haben. Und noch viel mehr gilt das für die vermutlich glücklichen Experten, die über das nötige Rüstzeug verfügen, um sich dem Werk systematisch zu nähern. Doch leider kann hier nur von der Tragödie erstem Teil die Rede sein. Dass es noch einen zweiten, von Goethe erst kurz vor seinem Tode freigegebenen, Band des Faust gibt, dem nahezu alle Volkstümlichkeit des ersten abgeht, wird gerne ausgeblendet. Denn dieser ist nicht nur für den gemeinen Leser eine Zumutung. “Ach”, heißt es dann bei all jenen, die das Buch nach seitenlangen Chorgesängen irgendwelcher altgriechischer und neuheidnischer Fabelwesen entnervt aus der Hand legen, “hätte er doch nur einen zweiten ersten Teil geschrieben!” Goethe selbst hat den Faust II  geheimnisvoll als “versiegelten Text” bezeichnet und betont, er erfordere eine deutlich größere Anstrengung des Verstandes und sei eher für die Nachwelt bestimmt. In die lange Reihe der Interpreten reiht sich nun auch der emeritierte Hannoveraner Soziologe und Philosoph Oskar Negt (Jahrgang 1934) ein, seines Zeichens Horkheimer- und Adorno-Epigone, früher Vordenker der 68er Bewegung und Gewerkschaftsspezialist, einem größeren Publikum bekannt auch durch die vielen gemeinsamen Bücher mit dem Juristen, Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge. Der explizit linke, an Kant und Marx geschulte Sozialwissenschaftler Negt also betrachtet Faust II im anzuzeigenden Buch durch die soziologische Brille und erkennt in ihm nicht weniger als einen geschichtsphilosophischen Schlüsseltext. Die Figur Faust erscheint ihm als paradigmatische Gestalt für die Moderne. Kapitalistischer Erwerbsgeist, moderne Wissenschaft und Ruhelosigkeit des Daseins ergreifen allmählich vom Menschen Besitz. Doch erst im zweiten Teil des Dramas lässt Faust sein verzweifeltes Intellektuellendasein endgültig hinter sich und mutiert zum fanatischen Unternehmer, der aus Brachen nutzbares Land gewinnt und dabei buchstäblich über Leichen geht. Während Faust von den desaströsen Folgen seines Handelns nichts wissen will, präsentiert ihm Mephisto als dunkler Aufklärer, der die Dinge beim Namen nennt, die Bilanz: “Krieg, Handel und Piraterie, / Dreieinig sind sie, nicht zu trennen”. Der ganz im Sinne der Puritaner immer strebend sich bemühende Faust nimmt so auch Max Webers Theorie zur Entstehung des modernen Kapitalismus aus dem Geiste der protestantischen Arbeitsethik vorweg und verkörpert die innerweltliche Askese eines totalen Erwerbsstrebens. Dadurch wird Faust für Oskar Negt zum Vorboten des Totalitarismus und in gewisser Weise sogar des Nationalsozialismus. Darüber kann den Verfasser auch die idealistische Tendenz der letzten Rede Fausts (“Ein Sumpf zieht am Gebirge hin …”) – überdies vor Arbeitssklaven und einer zwielichtigen Führungsmannschaft gehalten – nicht hinwegtäuschen, die mit dessen wirklichen Leben, wie es sich den Texten entnehmen lässt, “absolut nichts zu tun hat”. Tatsächlich betrachtete Goethe, dem in seinen späten Jahren die Beschleunigungstendenzen seiner Zeit nicht geheuer waren (“Alles ist ultra, … alles veluziferisch.”), die frühkapitalistische Entwicklung mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu. Und vieles davon findet sich eben auch in seiner Figur Faust. Dank Oskar Negt ist uns das noch klarer geworden.

Oskar Negt
Die Faust-Karriere. Vom verzweifelten Intellektuellen zum gescheiterten Unternehmer
Steidl Verlag Göttingen 2006
301 Seiten, 16,80 €
ISBN 3-86521-188-7

Justament April 2007: Wider den Zeitgeist

Julian Nida-Rümelin verteidigt unser herkömmliches Demokratie- und Sozialstaatsmodell

Thomas Claer

Cover NidaDieses Buch des Münchener Philosophie-Professors und früheren Kulturstaatsministers ist eigentlich eher ein kleiner Sammelband, besteht es doch aus vier recht unterschiedlichen Texten, die in den letzten Jahren jeweils bereits für sich allein im Umlauf waren: einem Universitäts- und einem Tagungsvortrag, einem Beitrag zu einem anderen Sammelband und einem erweiterten Aufsatz aus der Frankfurter Rundschau. Neben der im Titel aufgeworfenen Frage nach dem Wahrheitsanspruch der Demokratie, die im ersten Abschnitt des Buches behandelt wird, geht es noch um die Problematik der Universalität und Partikularität, ferner um die alte Frage der Begründung von Ethik und Moral und schließlich findet sich auch eine engagierte Verteidigung der Gleichheit als Basiswert neben der Freiheit. Am Ende weiß der Leser recht gut Bescheid über die Meinung des Verfassers zu den großen Themen der Zeit, ihre philosophische Begründung und Hinterfragung. Die hin und wieder auftretenden Überschneidungen und Wiederholungen haben insofern auch ihr Gutes, als einem dadurch der ziemlich komplizierte Stoff mehrfach begegnet, was dem Verständnis tendenziell zuträglich ist. Doch wird, wer keine fachphilosophische Vorbildung in den behandelten Gebieten hat, aufstöhnen angesichts der “Perspektive einer globalen und demokratischen Zivilgesellschaft als Ausweitung der lokalen und nationalen Netzwerke der Kooperation und der Begründungsspiele, gegründet auf deskriptiven und normativen Konsensen, die durch Deliberation gestiftet und stabilisiert werden” (S.51). Weitgehend im Dickicht der Begriffe verirrt hat sich der Leser spätestens, wenn es auf S.141 heißt: “Die Eigenständigkeit des Normativen gegenüber dem Axiologischen lässt sich verschärfen zu der These, dass das Axiologische gegenüber dem Normativen derivativ sei.” Aha. Was Nida-Rümelin in diesem oft anstrengenden Fachjargon sagen will, ist etwa folgendes: Die Demokratie darf kein neutrales Spiel des Interessenausgleichs sein. Sie verkörpert einen nicht zu unterschätzenden Wert an sich, indem sie, anders als alle anderen Gesellschaftssysteme, als öffentlicher Vernunftgebrauch fungiert. Denn trotz aller potentiell schädlicher Einflüsse wie subjektiver Vorlieben, Interessen oder kollektiver Identitäten geht es in ihr letztlich und maßgeblich doch immer um Argumente, um die gestritten und über die abgestimmt wird. Insofern muss die Demokratie einen rationalen Wahrheitsanspruch erheben. Die modischen kulturrelativistischen Strömungen taugen nicht viel, denn wir können gemäß unseren Denkstrukturen gar nicht anders, “als für Überzeugungen, die uns wohlbegründet erscheinen, universelle Geltung zu beanspruchen” (S.73). Zu unseren unverzichtbaren Grundwerten gehört neben der Freiheit auch die Gleichheit. Wer sie aufgibt, würde “das normative Fundament der politischen Moderne und der Europäischen Demokratie zerstören” (S.134 f.). Neben dem Neoliberalismus versucht auch eine diffuse große Koalition aus mitfühlenden Konservativen und linken Modernisierern, begleitet von einem Großteil der heutigen Sozialphilosophie, den Grundwert der Gleichheit durch eine bloße Solidarität zu ersetzen. Der Anspruch auf ein menschenwürdiges Dasein, verkörpert vom Sozialstaat alten Typs, weicht so dem bloßen Empfang von Alimenten wie Hartz IV. Dadurch kehren mit rasantem Tempo die Strukturen der alten Ständeordnung wieder. Soweit der Verfasser. Das Problem ist nur, wie sich in einer globalisierten Welt ein solches konventionelles Sozialstaatskonzept ohne den hohen Preis weit reichender Abschottung verteidigen lässt.

Julian Nida-Rümelin
Demokratie und Wahrheit
Verlag C.H. Beck München 2006
160 Seiten, 19,50 €
ISBN 3-406-54985-3

Justament März 2007: Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein

Die Welterklärungsformel des Völkermordforschers Gunnar Heinsohn

Thomas Claer

Cover HeinsohnEs gibt Bücher, nach deren Lektüre man die Welt mit anderen Augen sieht. Das seit der Erstausgabe 2003 nun schon in achter Auflage vorliegende Thesenbuch des Bremer Völkermordforschers Gunnar Heinsohn zählt gewiss dazu. Nun ist einem ja jede Bereicherung des eigenen Horizonts durch die Eröffnung neuer Perspektiven willkommen. Aber besonders gilt das, wenn endlich einmal jahrzehntelang unangetastete Tabus aufgegriffen und ohne die Vorurteile einer politisch korrekten Gesinnung nüchtern untersucht werden. Heinsohn hat gemeinsam mit einigen anderen auf diesem Gebiet forschenden Sozialwissenschaftlern die weltpolitischen Faktoren Bio- und Geburtenpolitik aus der Schmuddelecke herausgeholt, in der sie sich seit Hitlers “Mein Kampf” befanden. Nach ihrer Beobachtung gab es während aller bedeutenden welthistorischen Ereignisse in den jeweiligen Gesellschaften einen signifikanten Überhang an “überzähligen Söhnen”, das heißt jungen Männern, für die man aufgrund der in jeder Gesellschaft naturgemäß begrenzten Zahl an einflussreichen Positionen keine Verwendung hatte. Dieser “youth bulge”, so der Autor, musste sich in irgendeiner Form entladen und tat es nur zu oft durch (Bürger-) Kriege, Revolutionen oder gar Völkermorde. Die jeweiligen Anlässe dafür seien dabei relativ beliebig gewesen. Eine zumindest subjektiv empfundene Ungerechtigkeit oder ein erhabenes Ziel, für das sich die in ihren Familien zweit-, dritt- oder viertgeborenen zornigen jungen Männer einsetzen konnten, ließ sich dann schon finden. Von jungen Frauen ist in diesem Zusammenhang nur deshalb nicht die Rede, weil diese historisch erst spät und nur in Gesellschaften ohne “youth bulge” als Konkurrenten der jungen Männer um die begehrten gesellschaftlichen Stellungen in Erscheinung getreten sind. Ob vor der französischen Revolution, den Kreuzzügen, der europäischen Eroberung Amerikas oder den Weltkriegen: Stets gab es einen kräftigen youth bulge. Selbst den in historischer Perspektive vergleichsweise harmlosen Ereignissen von 1968 in der westlichen Welt ging ein kleiner youth bulge der Nachkriegs-Babyboomer voraus. Wie entstehen aber solche Jungmänner-Überhänge? Keineswegs sind sie der “Normalzustand”, denn schon in den ältesten Kulturen gab es ein reichhaltiges Wissen und eine entwickelte Praxis der Empfängnisverhütung und Geburtenkontrolle (bis hin zur Kleinkindstötung). Doch wurde und wird dies mitunter von den jeweils Mächtigen aus politischem Kalkül gezielt unterdrückt und sanktioniert. Bestes Beispiel dafür ist laut Heinsohn die Hexenverfolgung der frühen Neuzeit, von welcher vor allem die weisen Hebammen betroffen waren. Sie fungierte als grausames Mittel zur Wiederbevölkerung Europas nach den Pest-Katastrophen im Spätmittelalter, denen nicht weniger als die Hälfte aller Europäer zum Opfer fiel. Die Folge dieser Bevölkerungsexplosion (und des modernen, auf Privateigentum basierenden Wirtschafssystems) war der märchenhafte Aufstieg der Länder Europas zu den maßgeblichen Weltmächten der Neuzeit. Und auch der vor unseren Augen sich vollziehende größte youth bulge der Menschheitsgeschichte in der muslimischen Welt wird nicht zuletzt von der politischen Agitation extremistischer Ideologen getragen, man denke nur an Pakistan und Palästina. Am Ende aber steht ein optimistischer Ausblick: Durch die zunehmende Verstädterung und den damit einhergehenden Abbau der ländlich-patriarchalischen Mentalität sei global mit einer deutlichen Senkung des Bevölkerungswachstums ab 2025 zu rechnen. Bis dahin könne es allerdings noch sehr ungemütlich werden.

Gunnar Heinsohn
Söhne und Weltmacht. Terror im Aufstieg und Fall der Nationen
orell füssli Verlag 8. Auflage 2006
190 Seiten, 24,00 €
ISBN 978-3-280-06008-7

Justament Dez. 2006: Juristische Theologie

Friedrich Wilhelm Graf untersucht das Verhältnis zwischen göttlichen und menschlichen Gesetzen

Thomas Claer

Graf CoverIn der Rechtswissenschaft wird der Begriff “Dogmatik”, jener Schmähwort vergangener politischer Debatten, mit welchem das Gegenüber der unverzeihlichen Ignoranz und Verbiestertheit bezichtigt wurde, in einem durchaus positiven Sinne benutzt. Wem das im ersten Semester des Jurastudiums klar geworden ist, der bekommt bereits eine Ahnung von der vielfach unterschätzten Nähe der Juristerei zur traditionell dogmatischsten aller Wissenschaften, der Theologie.

Nur dass es vermutlich seit den 68-er Umbrüchen mehr ungläubige Theologen gibt als ungläubige Juristen. Dabei ist das Religiöse, anders als es sich ein hochmütiger Fortschrittsglaube lange gewünscht hat, längst wieder ein großes Thema geworden – selbst hierzulande, zumal Benedikt XVI. (“Wir sind Papst!”) das seinige dazu beiträgt. Schon wird der Konflikt zwischen Gläubigen und Ungläubigen zur zentralen Auseinandersetzung unseres Jahrhunderts erklärt. Genüsslich vermerkt der liberale Theologe Friedrich Wilhelm Graf, Autor von “Die Wiederkehr der Götter” (2004), die neue Bedeutsamkeit der Glaubensfragen und entlarvt in seinem aktuellen Essay auch noch die Sphäre des Rechts als durchgängig religiös kontaminiert. Von den “konfessions-kulturell codierten Subtexten” in den Deutungskämpfen um tragende Begriffe der Verfassung bis zum Gottesbezug in der GG-Präambel, der nicht recht zur religiös-weltanschaulichen Neutralität des Staates passen will, entdeckt er immer neue Bezüge, Anknüpfungspunkte und verborgene Voraussetzungen. Aber das kann schon deshalb nicht überraschen, weil es sich bei den drei unseren Kulturkreis bestimmenden monotheistischen Glaubenslehren jeweils um dezidierte Gesetzesreligionen handelt. Dies hat die Entstehung des säkularen Rechtsstaats nicht einfacher gemacht. Nicht nur der KORAN, auch die BIBEL lehrt die Gläubigen, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen (Apostelgeschichte, Kap. 5). Folglich kommt es auf Strategien an, die oftmals unheimliche Macht der göttlichen Gesetze zu beschränken. Hier wirbt Graf in erster Linie für mehr Toleranz und um eine konsequentere Gleichbehandlung aller Konfessionen vor dem Gesetz. Der Verfasser greift in seinem lehrreichen – und durch eine opulente Bebilderung auch sehr anschaulichen – Text einige politisch brisante Fragen auf und vermittelt dem Leser das diesbezügliche Hintergrundwissen.

 

Friedrich Wilhelm Graf

Moses Vermächtnis

Über göttliche und menschliche Gesetze

Verlag C.H. Beck München 2006

100 Seiten, € 12,-

ISBN: 987 3 406 54221 3

Justament Dez. 2006: Nietzsche in Blond

Der Philosoph Peter Sloterdijk ortet das Ressentiment als Haupttriebkraft der Geschichte

Thomas Claer

Sloterdijk CoverDas Zeitalter der umfassenden Welterklärungen durch philosophische Systeme ist bekanntlich seit geraumer Zeit vorüber. Allenfalls mit ironischer Distanz greift die zeitgenössische Philosophie die ehrwürdigen Lehrsätze vergangener Epochen noch auf – in der Überzeugung, dass ganzheitlichkeit und Widerspruchsfreiheit in einer atomisierten Welt nicht mehr zu haben sind. Und doch arbeitet einer mit beharrlichem Fleiß an einem groß angelegten Welterklärungs-System, das gleichwohl gänzlich metaphysikfrei daherkommt und durch assoziative thematische Offenheit ebenso wie durch eine überaus luzide Sprache besticht. Drohte Peter Sloterdijks Sphären-Trilogie, deren dritter Band an dieser Stelle besprochen wurde (justament 4/2004), noch an ihrer Überfülle zu ersticken, nimmt sich die hier anzuzeigende essayistisch gehaltene Zugabe als ein Geniestreich ersten Ranges aus. Der Verfasser legt mit einem beherzten Brückenschlag zwischen psychologischer Anthropologie auf der einen sowie Politik und (vor allem jüngerer) Geschichte auf der anderen Seite nicht weniger vor als eine globale Deutung der Menschheitshistorie – und zwar – “zwei berühmte Kollegen aus dem Jahr 1848” lassen grüßen – als “eine Geschichte der Zornverwertungen”. Das griechische Kennwort für das “Organ” in der Brust von Helden und Menschen, von dem die großen Aufwallungen ausgehen, lautet thymos – es bezeichnet den Regungsherd des stolzen Selbst. Die Psychoanalyse hingegen, die seit dem 20. Jahrhundert als psychologisches Leitwissen dient, habe, so Sloterdijk, die Natur ihres Gegenstands in wesentlicher Hinsicht verkannt, indem sie die conditio humana insgesamt von der Erotik zu erklären versuche. Sie bringe dasn Wort Stolz nur mit Neurosen in Verbindung und habe keine zureichende Erklärung für menschliche Dispositionen wie Mut, Beherztheit, Geltungsdrang, Verlangen nach Gerechtigkeit, Gefühl für Würde und Ehre sowie kämpferisch-rächerische Energien, welche Sloterdijk der “Thymotik des Menschen” zurechnet. Aus dem angestauten und gleichsam verfestigten Zorn entstehe dann das Ressentiment, das Friedrich Nietzsche (1844-1900) als “Basiseffekt des metaphysischen Zeitalters und seiner modernen Nachspiele” (Sloterdijk) entlarvte, also der Epoche monotheistischen Religionen und der modernen Emanzipationsbewegungen bis hin zu den Großtotalitarismen des vergangenen Jahrhunderts. Anknüpfend an Nietzsche beschreibt der Autor zunächst die “Thymotik” im allgemeinen, dann in längeren Kapiteln ausführlich die thymotischen Wurzeln des katholizismus und Kommunismus und schließlich die aktuelle “Zornzerstreuung in der Ära der Mitte”. Dabei zeigt er sich nicht zuletzt dadurch auf der Höhe der Zeit, dass er siene Befunde in eine metaphorische Sprache der Ökonomie übersetzt: Von Zorngeschäften ist die Rede, Weltbankemn des Zorns sieht der Verfasser am Werk. Am Ende spricht er dem politischen Islam aufgrund dessen Mangels an politisch-kultureller Substanz mit Nachdruck die Fähigkeit ab, als Erbe des Kommunismus eine “Weltbank der Dissidenz” zu errichten.

Sloterdijks Darstellung ist geistreich, originell, mit einem Wort brillant. Doch ist sie dadurch auch alles andere als politisch korrekt. Auf Ablehnung vielerorts wird etwa seine Interpretation des Kommunismus als primärer und dem NS kausal vorhergehender Linksfaschismus stoßen. Jedoch ist Sloterdijk, soviel ist sicher, anders als weiland Ernst Nolte national-apologetischer Motive gänzlich unverdächtig. Das “vertikale Denken”, so bekannte er einst, erfolge eben nicht in rechts-Links-Schemata.

 

Peter Sloterdijk

Zorn und Zeit. Politisch-psychologischer Versuch

Suhrkamp Verlag Frankfurt 2006

356 S., 22,80 €

ISBN 3-518418-40-8