Justament Sept. 2007: Schluss mit Loseblatt?

Thomas Claer

VCover Schönfelderon Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) ist das Bonmot überliefert, dass eine Handlung nicht schon deshalb vernünftig sein muss, weil sie mit einem ernsthaften Gesichtsausdruck ausgeführt wird. Ähnliche Gedanken mögen stillschweigend auch schon Generationen deutscher Juristen beim regelmäßig zelebrierten Einsortieren der nachgelieferten Gesetzestexte der “Schönfelder-Loseblattsammlung” gekommen sein. Eine anspruchslose, zeitraubende und dabei völlig stupide Tätigkeit ist das, aber unverzichtbar, um stets auf dem jeweils neuesten Stand der Gesetzgebung zu sein. Und genau der ist gefragt in den Klausuren, die über das künftige Hopp oder Topp auf dem Arbeitsmarkt entscheiden. Doch hat das Gesetzblatteinordnen neben den fraglosen kontemplativen oder gar meditativen Effekten auch noch einen eminent gewissensberuhigenden Ertrag: Es kann dem Betroffenen das gute Gefühl verleihen, schon etwas Sinnvolles und Wichtiges für sein Studium oder Referendariat getan zu haben. Und – schlimmer noch – die Befriedigung ist mitunter sogar größer als beim kaum verstandenen, ewig nebulösen Lernstoff. Einen Anschlag auf dieses allseits verhasste und doch womöglich insgeheim liebgewonnene juristische Ritual unternimmt nun der Beck-Verlag, indem er den “Schönfelder” – erstmals wieder seit der dritten Auflage 1934 – als gebundene Ausgabe anbietet. Zweimal im Jahr sollen aktuelle Neuausgaben erscheinen. Natürlich gibt es aber auch weiterhin die Loseblattsammlung. Was wird sich also durchsetzen? Für die gebundene Ausgabe sprechen das etwas schlankere Format und der eingesparte Sortieraufwand. Doch wird man beim Loseblattsystem trotz der beträchtlichen laufenden Kosten für jede Nachlieferung (7-15 Euro, bis zu sechsmal im Jahr) eher unter dem Anschaffungspreis zweier gebundener Bücher jährlich (fast 80 Euro) bleiben. Und aktueller ist man natürlich mit den Nachlieferungen. Aus ökologischer Sicht erscheint ebenfalls die Loseblattversion vorzugswürdig, besonders angesichts der gegenwärtig bekanntlich kolossalen Zahl angehender und praktizierender Juristen: Man stelle sich einmal den Berg von annähernd 200.000 ausrangierter Gesetzessammlungen vor, der künftig zweimal im Jahr zu entsorgen wäre. Er wäre jeweils 14 km hoch.

Schönfelder
Deutsche Gesetze I/2007 (Gebundene Ausgabe)
Beck Juristischer Verlag; April 2007, 4100 Seiten
€ 39,80
ISBN-10: 3406561063

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