www.justament.de, 10.10.2016: Ein Hoch auf die Walachei!

Recht cineastisch, Teil 28: „Tschick“ von Fatih Akin

Thomas Claer

tschickWelcher 14-Jährige würde sich schon so etwas trauen: einen alten Lada zu klauen und damit einfach abzuhauen, ohne genau zu wissen wohin, außer dass es von Berlin-Marzahn aus in die Walachei gehen soll, die in diesem Fall irgendwo südlich von Berlin liegt und zu einem unbestimmten Sehnsuchtsort wird. Maik Klingenberg jedenfalls, der Held in Wolfgang Herrndorfs Roman Tschick, hätte sich das normalerweise eher nicht getraut. Aber es gibt ja noch seinen neuen Mitschüler Andrej, den russischen Spätaussiedler, der wegen seines zungenbrecherischen Familiennamens nur Tschick genannt wird. Und als dieser zu Beginn der Sommerferien mit einem geklauten Lada bei Maik aufkreuzt, fahren die beiden einfach los, und es beginnt eine märchenhafte Odyssee, denn Landkarten sind laut Tschick „was für Muschis“.
Klar, dieser Stoff aus Herrndorfs mittlerweile sechs Jahre altem Bestseller schrie regelrecht nach seiner Verfilmung. Und Fatih Akin kam, sah – und hat geliefert. Vor allem in der Auswahl der Schauspieler beweist der zu Recht gefeierte deutsch-türkische Regisseur mal wieder ein exzellentes Händchen. Es genügt vollkommen, dass Tristan Göbel und Anand Batbileg sich selbst spielen, alles andere fügt sich hier gleichsam von allein. Auch dass einem die von Maik so verzweifelt angebetete Klassenschönheit Tatjana Cosic (Aniya Wendel) doch eigentlich recht banal vorkommt, passt ins Bild. So ist das in der Pubertät, wenn die erwachenden Hormone zu tanzen beginnen und den Verstand benebeln… Blendend rüber kommen auch die erfrischenden Dialoge zwischen den beiden jungen Abenteurern. Tschick hat die lustige Eigenheit, dass er stets ein immenses Halbwissen parat hat und mit seinen sehr bestimmt vorgebrachten Behauptungen immer wieder deutlich neben der jeweiligen Sache liegt. Unterwegs treffen die beiden auf die merkwürdigsten Typen und kommen in die aberwitzigsten Situationen. Und am Ende ist zwischen den beiden Protagonisten dann eine wunderbare Freundschaft entstanden, wie sie so wohl nur Teenager schließen können. Ein großer Kino-Spaß.

Tschick
Deutschland 2016
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Lars Hubrich, Hark Bohm, Fatih Akin
Darsteller: Tristan Göbel, Anand Batbileg, Mercedes Müller, Aniya Wendel u.v.a.

P.S.: Wer es den Helden dieses Filmes gleichtun, dabei aber juristisch sauber bleiben will, kann hier einen Lada (Baujahr 1981) mieten, um von Berlin aus die Walachei zu erkunden. Ab 30 Euro pro Stunde.

www.ladamieten.de

www.justament.de, 26.9.2016: Zwiespältig schön

Reinkarnation von Nico? Tocotronic für Mädchen? „Die Heiterkeit“ auf „Pop & Tod I+II“

Thomas Claer

die-heiterkeit„Du hörst und besprichst immer nur dieselben Sachen. Das ganze Zeug, das du noch von früher kennst. Jetzt probier doch endlich mal was anderes, das wirklich aus der Gegenwart kommt, du antriebsloser alter Sack!“ Wie oft ich diese Vorwürfe schon gehört habe – von meiner inneren Stimme. Also gut, dann widmen wir uns nun: der Band „Die Heiterkeit“. Zunächst einmal ist das ja grandios: Eine schöne junge Dame mit einer absolut ungewöhnlichen, tiefen, durchdringenden Stimme nennt ihre Band „Die Heiterkeit“ und trägt ihre Lieder mit einem ernsten, ja mürrischen Gesichtsausdruck vor, dabei niemals lächelnd. Natürlich denkt man bei dieser Stimme gleich an Nico von Velvet Underground, vielleicht noch an Christiane Rösinger. Aber auch an Hildegard Knef. Doch, doch! „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ ist gar nicht so weit weg von dieser Musik, die sich zwar als irgendwie Indie präsentiert, ihre Schlagerhaftigkeit dabei aber kaum verleugnen kann. Nach zwei Alben, einer programmatischen Ortsveränderung von Hamburg nach Berlin und mehreren Besetzungswechseln hat Bandleaderin Stella Sommer, zugleich einzig verbliebenes Gründungsmitglied von „Die Heiterkeit“, die Wurzeln zum Gitarrenpop zwar noch nicht völlig gekappt, aber ihr Spektrum auf „Pop & Tod I+II“ doch markant in Richtung, ja in welche Richtung bloß?, geöffnet. Seichtheit trifft es nicht ganz, sagen wir lieber: Unbestimmtheit. Einige veritable Popsongs sind herausgekommen, wenn auch solche der ungewöhnlichen Sorte. Besonders „Im Zwiespalt“ hat wirklich Klasse. Doch bringt gerade dieser Titel auch die Haltung des Rezensenten zum gesamten Album auf den Punkt. Vielleicht ist es ja etwas ungerecht, deutschen Songtexten eine so große Bedeutung zuzumessen, denn sobald Englisch gesungen wird, hört schließlich auch niemand mehr so genau auf den Inhalt. Doch wer nun mal auf Deutsch singt, so dass es hierzulande jeder verstehen kann, der sollte schon etwas zu sagen haben. Hat „Die Heiterkeit“ aber nicht. Zumindest versteht man es nur selten. Die gelegentlich angestellten Vergleiche mit Tocotronic können sich insofern auch nur auf deren Spätwerk beziehen, was somit alles andere als ein Kompliment ist. In ihren Interviews auf YouTube bekennt sich Stella Sommer, während ihr versehentlich ein Lächeln unterläuft, vehement zum Ideal der Anstrengungslosigkeit. „Dahingerotzt soll es klingen, und dahingerotzt ist es auch.“ Doch nicht nur jeder Musiker weiß, welche Anstrengung es oftmals kostet, damit es sich unangestrengt anhört. Wie sagte einst Rudi Carrell: „Man kann nur ein As aus dem Ärmel ziehen, wenn man vorher eins hineingesteckt hat.“ Was ich sagen will: Stella Sommer könnte noch deutlich mehr aus sich und ihrer Stimme und ihrer Band herausholen. Ein paar sehr hübsche Anfänge hat sie aber schon gemacht. Das Urteil lautet: mit Bedenken noch voll befriedigend (10 Punkte).

Die Heiterkeit
Pop & Tod I + II
Buback Tonträger 2016
Ca. € 17,-
INDIGO CD 126062

www.justament.de, 26.9.2016: Aus erster Hand

„Der intelligente Investor“ von Value-Legende Benjamin Graham in Neuauflage

Thomas Claer

9783898799768-mainSeit mehr als 16 Jahren beschäftige ich mich mit der Börse, ohne dass ich bisher auch nur eine Zeile von Benjamin Graham (1894-1976), dem Begründer des Value Investings, gelesen hätte. Nun habe ich endlich dieses Versäumnis nachgeholt, doch konnte ich im „Intelligenten Investor“, Grahams über 600 Seiten dickem Hauptwerk, nicht viel entdecken, was sich wesentlich von meiner eigenen Strategie unterscheiden würde (abgesehen von den Passagen, die heute aufgrund der fortgeschrittenen technischen Entwicklung historisch überholt sind). Das liegt ganz offensichtlich daran, dass die Gedanken Grahams in zahlreichen anderen Investoren fortleben und dass gewissermaßen alles, was an der Börse Rang und Namen hat, entweder seinen Graham gelesen hat oder von Personen beeinflusst worden ist, die ihrerseits ihren Graham gelesen haben. Kein Wunder, ist doch der berühmteste Graham-Schüler kein Geringerer als Warren Buffett, der mutmaßlich erfolgreichste Investor aller Zeiten, an dem sich nicht wenige Anleger orientieren.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Wer nur ein vordergründiges Interesse an Geld, Aktien und Börse hat, der muss nicht unbedingt Graham lesen. Allerhand Einführungs-Bücher anderer Autoren fassen Grahams Grundsätze recht gut zusammen. Außerdem ist Grahams Klassiker, den der Börsenverlag nun als Neuauflage in einer originellen Geschenkbox mit Poster, Begleitbüchlein und beschrifteter Tasse herausbringt, auf dem Stand von 1972 (die Erstauflage erschien bereits 1949), wobei die zweifellos nützlichen Kommentierungen von Jason Zweig aus dem Jahr 2002 stammen, also auch nicht mehr so ganz taufrisch sind. Man muss also schon ein gehöriges Maß an wirtschaftshistorischem Wissensdurst mitbringen, um hier auf seine Kosten zu kommen.

Und doch hat es seinen Reiz, die Ideen des Value Investings einmal aus erster Hand kennenzulernen. Vieles wird man, zumal als Nachgeborener, der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, deren Börsengeschehen im Buch ausführlich beschrieben wird, noch gar nicht auf der Welt war, nur überfliegen. Aber immer wieder stößt man auf Überlegungen des Meisters, die die Lektüre zu einem Vergnügen machen.

Besonderen Wert legt Graham auf die scharfe Abgrenzung zwischen Investition und Spekulation. „Ein Investment verspricht, nach einer gründlichen Analyse, die Sicherheit des eingesetzten Kapitals und eine angemessene Rendite. Engagements, die diese Erfordernisse nicht erfüllen, sind spekulativ.“ Und an anderer Stelle sagt er: „Ein Investor berechnet den Wert einer Aktie auf der Grundlage der Geschäfte des Unternehmens. Ein Spekulant wettet darauf, dass der Kurs steigt, weil irgendjemand bereit ist, mehr für die Aktie zu bezahlen.“
Dabei verflucht selbst Graham das Spekulieren nicht per se. Der Spieltrieb sei im Menschen tief verankert, und mit einem kleinen Anteil „Spielgeld“ (Graham denkt hier an etwa zehn Prozent der zur Verfügung stehenden Summen) könne man auch ruhig spekulieren, also Traden um des schnellen Gewinns willen. Doch sei es unabdingbar, Investment und Spekulation bereits gedanklich streng voneinander zu trennen. Er empfiehlt sogar, unterschiedliche Konten für Investments und Spekulationen zu unterhalten. Ich muss zugeben, dass ich mich beim Lesen dieser Stelle ein wenig geschmeichelt fühlte, denn ich selbst rate schon seit Jahren dazu, zwei getrennte Depots zu führen, ein größeres Investment-Depot und ein kleineres für etwaige Kurzfrist-Spekulationen (welche aber nur sehr fortgeschrittenen Anlegern zu empfehlen sind), ohne dass ich bisher wusste, dass schon Graham diese Idee hatte. Ich hielt sie bislang für meine eigene…
Nüchtern stellt Graham fest, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen den langfristigen Erfolgen der Investoren und dem hastigen Rein und Raus der Börsen-Zocker: „Wenn Sie, liebe Leser, spekulieren und nicht investieren, dann verringern Sie Ihre eigenen Chancen, Vermögen aufzubauen, und vergrößern die eines anderen.“ Hier werden sicherlich viele an Kostolany denken, der davon sprach, dass die Aktien in Krisenzeiten aus den „zittrigen Händen“ in die „festen Hände“ übergehen.
Hervorzuheben ist ferner, dass Graham trotz seiner Fokussierung auf die hinter den Aktien stehenden Unternehmen auch ein sehr realistisches (und auch heute noch absolut zeitgemäßes) Bild von der Rolle der Börsenpsychologie oder besser der Anlegerpsychologie hatte. „Denn tatsächlich ist das größte Problem eines Investors – und auch sein schlimmster Feind – wahrscheinlich er selbst.“ Und es ist köstlich, wenn er hierzu Blaise Pascal zitiert: „Alles Unheil dieser Welt geht davon aus, dass die Menschen nicht still in ihrer Kammer sitzen können.“ In der Tat haben bis heute nur wenige die in den allermeisten Fällen unheilvolle Wirkung des Aktionismus an der Börse voll erkannt.
Auch das, was ich in meinem Buch als Liquiditäts-Management bezeichnet habe, findet sich bei Graham schon in ähnlicher Form, nur dass er eine situationsbedingt flexible Quote von Aktien und Anleihen im Depot empfiehlt. Mindestens ein Viertel der verfügbaren Mittel sollte man in Aktien und mindestens ein Viertel in sicheren Anleihen investiert haben, der Rest wäre je nach aktuellem Bewertungsniveau am Aktienmarkt auf diese beiden Anlageklassen zu verteilen: bei hohen Börsenständen müsste man den Aktienanteil runter- und den Anleiheanteil hochfahren, bei niedrigen Börsenständen das Gegenteil tun. Nun räumt schon Jason Zweig in seinen Kommentierungen von 2002 ein, dass man statt defensiver Anleihen inzwischen auch ebenso gut Termingelder nutzen könne. Aus heutiger Sicht würde ich ergänzen: Noch besser sind Tagesgeldkonten (die gab es damals noch nicht). Nur rate ich dazu, es sogar noch ruhiger angehen zu lassen, als Graham es empfiehlt, und gute Aktien nur bei krassen Überbewertungen (und auch dann nur Teile des Bestandes) zu verkaufen, ansonsten aber ihre Kursschwankungen auszusitzen und in aller Ruhe die Dividenden zu kassieren. Bei ausgemachter signifikanter Unterbewertung des Marktes hingegen würde ich die Liquiditätsquote sogar tendenziell auf Null herunterfahren, also (ganz ausnahmsweise!) voll investiert sein. Aber das sind Feinheiten, die jeder Anleger letztlich für sich selber herausfinden muss.

Faszinierend ist ferner Grahams Beobachtung, dass oft nicht diejenigen den größten Erfolg an der Börse hatten, die „von Finanzen, Rechnungslegung und dem Geschehen an den Aktienbörsen viel verstanden“, sondern jene, die „vom Temperament her gut für die Kapitalanlage gerüstet waren“. Hier würde ich sogar noch über Graham hinausgehen, der fest davon ausging, dass „aggressive Investoren“ mit viel Know-how prinzipiell eine höhere Performance erzielen können als „defensive Investoren“, die einfach nur geduldig abwarten, grobe Fehler vermeiden, breit streuen und ansonsten die Dinge laufen lassen. Wenn ich mir etwa die seit Jahren erstaunlich schwach performenden Fonds von Value-Investor Prof. Max Otte ansehe (der ganz ausdrücklich im Sinne Grahams operiert!), dann habe ich den Eindruck, dass selbst die größten Koryphäen durch häufiges Umschichten erheblichen Schaden anrichten können. Hätte Max Otte etwa vor einem Jahr seine Ölwerte nicht im ungünstigsten Moment (offenbar unter dem Druck unzufriedener Investoren) verkauft, sondern deren Durststrecke einfach ausgesessen, dann stünde er jetzt weitaus besser da. Dies zeigt aber auch, dass es natürlich viel schwerer ist, einen Fonds zu managen (während ungeduldige Anleger mit den Hufen scharren) als einfach nur auf eigene Rechnung zu agieren und dabei niemandem außer sich selbst verantwortlich zu sein. Ich bin sicher, dass sich so – gerade auch als kleiner Privatanleger, wenn man nur etwas Mühe und Zeit aufwendet – die beste Performance erzielen lässt.

Fazit: Grahams „Intelligenter Investor“ ist ein Vertiefungsbuch, das nicht jeder Anleger brauchen wird, das seinen Lesern aber großes Vergnügen bereiten kann.

Benjamin Graham
Die große Value-Investing-Box
Der Bestseller über die richtige Anlagestrategie:„Intelligent Investieren“ in edler Metallbox
Enthält außerdem eine hochwertige Tasse, ein Poster und ein Plakat sowie ein Büchlein mit Gastbeiträgen von Hendrik Leber, Max Otte, Eckart Langen v. d. Goltz und John Mihaljevic.
9. Auflage der deutschen Ausgabe
Finanzbuchverlag 2016
640 Seiten | Broschur
59,99 €(D); 61,70 €(A)
ISBN 978-3-89879-976-8

Justament-Rezensent Dr. Thomas Claer ist Autor des Börsen-Buches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“.

www.justament.de, 5.9.2016: Leider erfolglos

Jennifer Rostocks ironischer Protestsong „Dann wähl die AfD!“

Thomas Claer

Die Berliner Spaßpunk-Band „Jennifer Rostock“ gehört hierzulande schon seit Jahren zu den richtig angesagten Acts. Der kuriose Bandname verweist auf ihre charismatische Frontfrau Jennifer Weist (30) und auf deren ursprüngliche Herkunft (sowie die aller übrigen – ausschließlich männlichen – Bandmitglieder) von der Ostseeküste. Neben dem enormen kommerziellen Erfolg ist vor allem auch die immer wieder ausgestellte Haltung der Band zu allerhand gesellschaftlichen Fragen erwähnenswert. Kurzum, „Jennifer Rostock“ sind Popstars mit Leitbildfunktion für ihr überwiegend junges Publikum. Der künstlerische Wert ihrer Darbietungen liegt beständig zwischen „nicht schlecht“ und „aber auch nicht richtig gut“. Durchaus sympathisch ist dabei die unverkennbare stilistische Orientierung an der Neuen Deutschen Welle und insbesondere an der Band „Ideal“ aus den seligen Achtzigern. Auch die “Ärzte” und die “Toten Hosen” lassen grüßen, an letztere erinnern allerdings besonders die mitunter sehr abschreckenden bombastischen Refrains. Hingegen muss man an die junge Nina Hagen denken, wenn sich Sängerin Jennifer Weist – vielfach gepierct und ganzkörpertätowiert – auf der Bühne zwischen den Songs unter dem Johlen der Zuschauer genüsslich ihr Geschlecht reibt. Und schließlich gehört zu „Jennifer Rostocks“ Bühnenshow auch noch die regelmäßige Präsentation von Jennifers nackten Brüsten, verbunden mit der Aufforderung an die Mädchen im Publikum, ebenfalls ihre Möpse freizulegen. Umstritten ist, ob dies tatsächlich – wie von der Band behauptet – als feministische Demonstration für die Gleichstellung der Frau durchgehen kann, oder ob hier nicht ein bloßer geschäftstüchtiger Exhibitionismus a la Kim Kardashian am Werk ist. Doch warum soll Jennifer ihren männlichen Testosteronrock-Kollegen nicht etwas Pussy-Power entgegensetzen? Gut singen kann sie übrigens auch noch…

Nun haben „Jennifer Rostock“ also anlässlich der Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin einen Anti-AfD-Song aufgenommen, der schon nach wenigen Tagen im Netz abermillionenfach geklickt worden ist. Man kann sie dazu nur beglückwünschen, doch wissen wir seit gestern Abend, dass alle agitatorische Mühe leider nicht viel gebracht hat. Das Wahlergebnis im Nordosten hat dieser Song offensichtlich kaum beeinflussen können, dennoch können wir froh sein, dass es ihn gibt. Denn nichts spricht dagegen, die altehrwürdige Gattung des politischen Protestsongs gelegentlich – und wann war es nötiger als jetzt? – wiederzubeleben, und noch dazu, wenn dies auf so gelungene Weise geschieht. Und schließlich: Es kommt ja auch noch die Wahl in Berlin am 17. September. Also wählt dort, liebe Leser, sofern ihr dort wahlberechtigt seid, unbedingt! „Nur bitte diesen Scheiß nicht!“ Das Urteil über Jennifer Rostocks AfD-Song lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

www.justament.de, 22.8.2016: Kinder, Kinder

Der Erzählungsband „Lettipark“ von Judith Hermann

Thomas Claer

LettiparkNeue Kurzgeschichten von Judith Hermann? Sieben Jahre nach ihrem letzten Erzählungsband und zwei Jahre nach ihrem verunglückten Roman-Debüt, das wir ihr längst verziehen haben? Da freut man sich doch gleich und beginnt erwartungsvoll zu lesen. Aber schnell merkt man, dass die Judith Hermann von 2016 nicht mehr jene von 1998 ist, die uns seinerzeit in „Sommerhaus, später“ mit dem „Sound einer neuen Generation“ betörte. (Womöglich ließe sich in diesem Zusammenhang auch von der „Generation Berlin“ sprechen, denn nicht wenige von uns sind damals sozusagen mit diesem Buch im Gepäck – gleich neben Sven Regeners „Herr Lehmann“ und Wladimir Kaminers „Russendisko –  in die Hauptstadt gezogen, auf der Suche nach dem wilden Leben in der noch unfertigen Metropole.) Inzwischen jedoch ist mit der Autorin auch das Personal ihrer Erzählungen um fast zwei Jahrzehnte gealtert, was nicht unbeträchtliche Spuren hinterlassen hat.
Nun sind die insgesamt 17, allesamt recht kurzen Geschichten dieses Buches sowohl inhaltlich als auch personell sehr heterogen. (Stilistisch sind sie es nicht unbedingt, dafür aber qualitativ.) Judith Hermanns Ich-Erzähler schlüpfen in die unterschiedlichsten Charaktere, sind mal männlich, mal weiblich, mal arm, mal gut situiert. Doch sind sie fast alle verheiratet und haben Kinder, manche sind geschieden und leben in Patchwork-Familien. Überhaupt dreht sich bei ihnen fast alles um den Nachwuchs. Wo bleiben da, so fragt man sich, die vielen Singles, die fast 50 Prozent kinderlosen Akademiker? Nun, auch sie treten vereinzelt auf, etwa als besessene Frau mit fanatischem Kinderwunsch, die schließlich ein russisches Kind adoptiert, woraufhin ihr Lebensgefährte sich fragt, ob er nicht besser die Reißleine ziehen sollte. Es liegt wohl auch daran, dass Leute mit Kindern meistens nur Leute mit Kindern kennen und Kinderlose meistens nur Kinderlose. Problematisch daran ist allein, dass die häufige Fixierung auf Kinder und Jugendliche diesen Geschichten nicht unbedingt guttut. Marcel Reich Ranicki muss es wohl geahnt haben, als er Judith Hermann nach ihren ersten Erfolgen mit den Worten warnte: „Bekommen Sie bloß kein Kind. Dann werden Sie nie wieder ein gutes Buch schreiben!“
Eine Geschichte, „Papierflieger“, die von einer alleinerziehenden Mutter und ihrem Freund handelt, den sie aber nur zum Aufpassen auf den Kleinen gebrauchen kann und will, ist trotzdem richtig gut geworden. Die kleinen poetischen Momente des Lebens vermag diese Autorin manchmal sehr gut einzufangen, mitunter auch die großen existentiellen wie in der Titel-Erzählung „Lettipark“, wo die Protagonistin zufällig an der Supermarktkasse eine alte Bekannte trifft – und alles, was früher einmal gewesen ist, kommt wieder in ihr hoch. Was Judith Hermann nicht so gut kann, ist das Setzen von Schluss-Pointen, mit denen sie jedenfalls in diesem Band regelrecht auf Kriegsfuß steht. Manche Geschichten werden durch ihr schwaches Ende regelrecht ruiniert. Ansonsten wird in diesen Erzählungen viel gereist, dafür aber – in krassem Gegensatz zu früher – fast gar nicht mehr geraucht. Geblieben jedoch ist die Melancholie, die über allen Geschichten liegt. Lachen musste ich beim Lesen nur ein einziges Mal, als die Ich-Erzählerin von einem gesprächigen Freund berichtete. Beim Telefonat mit diesem legte sie zwischenzeitlich den Hörer beiseite, um den Geschirr-Abwasch zu erledigen. Als sie ihn wieder aufnahm, redete ihr Freund noch immer munter weiter und hatte die längere Abwesenheit des Gegenübers gar nicht bemerkt. Kam mir irgendwie bekannt vor.

Judith Hermann
Lettipark. Erzählungen
Fischer Verlag Frankfurt a. M. 2016
187 Seiten, 18,99 EUR
ISBN: 978-3-10-002493-0

www.justament.de, 8.8.2016: Nichts zu retten

Recht cineastisch, Teil 27: „Toni Erdmann“ von Maren Ade

Thomas Claer

toni erdmannDas Verhältnis von Eltern zu ihren erwachsenen Kindern ist oftmals heikel, was wohl bereits in der Grundkonstellation angelegt ist. Einerseits die Altvorderen, die ihre Zöglinge in jahrelanger engagierter pädagogischer Arbeit dem eigenen Bilde entsprechend geformt zu haben glauben, andererseits die mitunter völlig missratenen Produkte dieser Erziehung, die irgendwann eine eigene Persönlichkeit und einen eigenen – dem elterlichen nicht selten diametral entgegengesetzten – Willen entwickeln. Die große Kunst der Elterngeneration besteht dann darin, sich mit dem abweichenden Lebensweg ihrer Kinder abzufinden, ihren Frieden damit zu machen. Doch gibt es nun einmal für alles Grenzen, denn wie schlimm muss es für einen gestandenen Achtundsechziger-Vater, einen antiautoritären, friedens- und umweltbewegten Gymnasiallehrer, sein, wenn seine einzige Tochter so völlig auf die schiefe Bahn geraten ist und etwas geworden ist, was seine schlimmsten Befürchtungen noch weit übertroffen hat: Unternehmensberaterin in einer internationalen Consulting-Gesellschaft. Dies ist die Ausgangssituation in Maren Ades vielgerühmtem Film „Toni Erdmann“, der nach seinem triumphalen Auftritt in Cannes nun auch in den deutschen Kinos zu sehen ist.

Vielleicht hat man mit all den medialen Jubelorgien den Beteiligten gar keinen so großen Gefallen getan, denn es handelt sich letztlich doch nur um eine im Grunde harmlose Komödie, die allerdings hier und da ein paar sehr gelungene ironische Spitzen und darüber hinaus auch einige anrührende Momente enthält. Hier von einer „Rettung des deutschen Kinos“ zu sprechen ist aber schon deshalb übertrieben, weil es in den vergangenen Jahren nun wirklich eine ganze Reihe an hochwertigen deutschen Filmen gegeben hat, von denen wir auch in dieser Rubrik mehrere  vorgestellt haben.

Was „Toni Erdmann“ dennoch besonders reizvoll macht, sind die tiefen Einblicke in das weitgehend freudlose Leben der „High Potentials“. Wer sich schon immer gefragt hat, was diese Spitzenverdiener in jenen obskuren Consulting-Firmen wohl den ganzen Tag so machen, der bekommt dies in Person der vom Ehrgeiz zerfressenen Ines (großartig gespielt von Sandra Hüller) nebst ihren Kolleginnen und Kollegen sehr anschaulich illustriert. Im Verlaufe des Filmes zeigt sich dann aber, dass Ines doch etwas vom Witz ihres Vaters mitbekommen hat – und beide kommen sich auf überraschende Weise menschlich näher.

Toni Erdmann
Deutschland 2016
Regie: Maren Ade
Drehbuch: Maren Ade
Darsteller: Sandra Hüller, Peter Simonischek, Thomas Loibl, Michael Wottenborn u.v.a.

www.justament.de, 1.8.2016: Spricht so ein Rechtspopulist?

Gesammelte Reden von Peter Sloterdijk: „Was geschah im 20. Jahrhundert?“

Thomas Claer

SloterdijkReichlich Prügel bezogen hat der Philosoph Peter Sloterdjk in den vergangenen Monaten ob seiner Äußerungen in der Flüchtlingsdebatte. Insbesondere hat sich SPIEGEL-Online-Kolumnist Georg Diez auf ihn eingeschossen und ihn wiederholt in die Nähe der rechtspopulistischen AfD gerückt. (Sogar SPD-Chef Sigmar Gabriel machte sich diese Vorwürfe unlängst zu eigen.) Vor allem delikat ist hieran, dass ein Musterschüler von Prof. Sloterdijk, der Karlsruher Philosophie-Dozent Marc Jongen, ausgerechnet für die AfD im Baden-Württembergischen Parlament sitzt und als intellektueller Vordenker dieser Partei gilt. Für Jongen ist Deutschland eine geknechtete Nation, der es an „thymotischen Energien“ fehle (ein auf den griechischen Philosophen Platon rekurrierender Neologismus Sloterdijks aus seinem 2006 erschienenen Werk „Zorn und Zeit“). Inzwischen hat Sloterdijk zum Gegenschlag ausgeholt, sich in einem Handelsblatt-Beitrag scharf von der AfD und seinem missratenen Zögling Jongen distanziert. Ein schaler Nachgeschmack bleibt dennoch.

Ist Peter Sloterdijk, der einstige Hippie-Philosoph und Indien-Erleuchtungssucher, die wortgewaltige Metaphernschleuder mit der Altachtundsechziger-Frisur, inzwischen wirklich vom „typischen Vertreter linker Kulturkritik“ zum „Überläufer ins Lager der Gegenaufklärung“ mutiert, wie es sogar bei Wikipedia unter dem Stichwort „Neue Rechte“ heißt? Da kommt der neue Band mit dem Titel „Was geschah im 20. Jahrhundert?“, der Sloterdijks wichtigste Reden aus den vergangenen zehn Jahren enthält, gerade recht, um diesen ungeheuerlichen Verdacht  zu überprüfen.

Und ja, auch in diesem Buch finden sich einige anrüchige Formulierungen des Meisters, wie sie Georg Diez ja bereits zusammengetragen hat. Doch sollte man den Zusammenhang, in dem sie auftauchen, nicht verkennen. Ungefähr 80 Prozent der politisch relevanten Inhalte dieses Buches dürften ohne weiteres kompatibel mit dem Parteiprogramm der GRÜNEN sein: Im „Anthropozän“, also dem ganz wesentlich vom Homo sapiens bestimmten Erdzeitalter, in welchem wir uns seit zwei Jahrhunderten befänden, komme es ganz entscheidend auf einen Bewusstseinswandel der Menschheit in Richtung eines sparsameren Ressourcenverbrauchs an. Der „absolute Imperativ“ eines jeden Menschen müsse es daher heute sein, sein Leben so zu ändern, dass der Fortbestand der Menschheit und unseres Planeten auch weiterhin gewährleistet sei. Übrigens habe das Hauptereignis des 20. Jahrhunderts, um die Titelfrage des Buches zu beantworten, „im Ausbruch der westlichen Zivilisation aus dem Dogmatismus der Schwere bestanden“, d.h. das Leben der Menschen sei durch allerlei technische Erleichterungen zusehends komfortabler geworden. Doch hätten sich die durch diese Entwicklung bedingten Kollateralschäden längst zur existentiellen Bedrohung ausgewachsen.

Weiterhin heißt es in einem anderen Vortrag Sloterdijks aus dem Jahr 2010, die Menschheit bedürfe einer Zivilisierung, einer Selbstzähmung, die u.a. in einer „Domestikation zweiter Ordnung“ liegen könne. Alle erfolgreichen Kulturen seien, stark vereinfacht gesagt, häuslich nach innen, aber kriegerisch nach außen, d.h. gegenüber Kulturfremden, gewesen. Schon früher habe oft genug nur die zwischenstaatliche Diplomatie das Schlimmste verhindert. Auf einer höheren Stufe der Domestikation komme es aber gegenwärtig auf einen Wandel zu „höherstufigen politischen Domestikationseinheiten“ an, das Musterbeispiel dafür sei die Europäische Union. Fernziel müsse es sein, dass schließlich auch die  großen, bislang nur „intern domestizierten Überlebenseinheiten“, die Civilisations im Sinne von Huntington, wiederum untereinander „über das Stadium der Nichthäuslichkeit hinausgelangen“.

Bis hierhin hätte wohl selbst Jürgen Habermas, der als Sloterdijks Intimfeind in der deutschen  Philosophen-Zunft gilt, keine Einwände gehabt. Aber dann kommt es am Ende des Vortrags knüppeldick: Ganz beiläufig fordert Sloterdijk hier die „Entschärfung der Bevölkerungswaffe“. Neben den „noch unzureichend gezähmten polemischen Außenverhältnissen der Kulturen“ sei auch „das biologische Reproduktionsgeschehen in hohem Maße regulierungsbedürftig“. Das bedeute „die Absenkung der Geburtsraten in allen Kulturen auf Proportionen, die mit sozioökonomisch beherrschbaren Lebensbedingungen verträglich sind“. Und das schließe – Achtung! –„jede Art von Elendsfruchtbarkeit ebenso aus wie verwilderte Kampffortpflanzungen – wie man sie seit längerem in arabischen Ländern beobachtet“. Denn: „Riesige Gewaltentladungen werden hiervon die beinahe unvermeidliche Folge sein.“ Und Sloterdijk verweist auf die von der demographischen Forschung evident gemachte positive Korrelation zwischen überhöhten Geburtsraten und kriegerischen bzw. genozidalen Ereignissen. „Durch manifest oder latent polemisch motivierte Überproduktion von Menschen“ würden „vor allem die jungen Männer zwischen 15 und 30 Jahren zu einer Risikogruppe, die das Domestikationspotential ihrer eigenen Kulturen überfordern“. In den kommenden 20 Jahren stünden mehrere hundert Millionen junge Männer in der arabischen und afrikanischen Welt „für alle Arten von polemischen Aktivitäten bereit“. Es sei zu befürchten, dass nicht wenige von ihnen sich für religiös codierte Selbstvernichtungsprogramme rekrutieren ließen.

Was ist nun von diesen Ausführungen zu halten? Sind sie punktuelle islamophobe Panikmache, wie Gustav Seibt in seiner Rezension dieses Buches in der Süddeutschen Zeitung meinte, während er dem Autor im übrigen den gewohnten Respekt zollte? Oder müssen wir in diesen Tagen, nach den Anschlägen von Nizza, Würzburg, Ansbach und Rouen, nach jahrelangem Bürgerkrieg in Syrien und Irak, womöglich erkennen, dass Sloterdijk als Kassandra sogar richtiggelegen hat? Doch selbst wenn, was würde daraus folgen? Eine „Islamisierung des Abendlandes“ im Sinne von PEGIDA ist laut Sloterdijk jedenfalls nicht zu befürchten, diese Montagsspaziergänger hätten, so Sloterdijk in einem Fernsehinterview, nur „das tiefe innere Bedürfnis, einen Feind zu haben“.

Was aber ist sonst noch anstößig in diesem Buch? Dass Auschwitz vom Autor nur als ein Horror-Ereignis neben vielen anderen im 20. Jahrhundert und nicht als Singularität bezeichnet wird? Geschenkt, ein übergeordneter Blick aus der geschichtlichen Distanz wird dies irgendwann ohnehin so beurteilen, wenngleich es gegenwärtig hierzulande noch immer gute Gründe gibt, insbesondere die unbedingte Wahrung der Würde der noch lebenden Opfer, an der politisch-historischen und rechtlichen Sonderstellung des Holocaust festzuhalten. Dass Sloterdijk ferner zustimmend einen Soziologen zitiert, der vom neuen Phänomen einer „parasitären Unterschicht“ spricht? Das kann man als – im übrigen gar nicht so selten anzutreffenden  – „Sozialneid von oben“ ansehen. Dabei befand schon Marcel Proust in seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“, tatsächlich sei es weitaus anstrengender und führe oft zu einer weit größeren Erschöpfung, einen ganzen Tag lang rein gar nichts zu tun als unentwegt hart und schwer zu arbeiten…

Solche und in ähnliche Richtungen abzielende Passagen sorgen gleichsam für ein paar schrille neoliberale Farbtupfer – ergänzend zu den angeführten latent islamophoben und ansatzweise populistischen – auf dem grünlich grundierten Argumentationsteppich. In diesem Zusammenhang kann es allerdings schon erstaunen, dass Peter Sloterdijk sich vor einigen Jahren im SPIEGEL-Interview als notorischer SPD-Wähler geoutet hat, „wenn auch nicht aus philosophischen, sondern aus persönlichen und biographischen Gründen“. Und zuletzt bezeichnete er sich in der ZEIT als „linken Konservativen“. Nun ist aber auch wirklich fast alles dabei gewesen. Vielleicht ist er ja einfach nur ein bunter Hund…

Ansonsten ist „Was geschah im 20. Jahrhundert“ eine Art „Parerga und Paralipomina“ geworden, eine gelungene Zusammenstellung kleinerer Abhandlungen, die in den Hauptwerken keinen Platz mehr gefunden haben. Am besten ist Sloterdijk, wie immer, wenn er die Religion durch den Kakao zieht. In „Starke Beobachtung“ entwickelt er den Gedanken, dass die moderne Raumfahrt einen „Teil der göttlichen Funktion übernommen und auf technische Systeme (Beobachtungssatelliten) und natürliche Intelligenzen (Menschen an Bord von Raumstationen) übertragen hat. Einst, in Mesopotamien, habe „die Erfindung bzw. Offenbarung der Götter“ einem „überaus wichtigen psychopolitischen Zweck“ gedient: Es galt „die Menschen an den Gedanken zu gewöhnen, dass ihr Leben durchgehend unter der Beobachtung einer ebenso allwissenden wie allaufmerksamen Intelligenz stehe“, die „zugleich die Vollmacht besitzt, jedem einzelnen Menschen post mortem die moralische Bilanz seines Handelns zu präsentieren.“ Klar, so konnte man die Menschen äußerst effektiv disziplinieren. Alle höheren Kulturen, so Sloterdijk, beruhten auf der Idee, „es existiere eine externe Beobachterintelligenz, die imstande sei, sämtliche Lebensvorgänge synchron zu erfassen, auch jene, die sich in der Dunkelheit des Unwissens oder des bösen Willens verstecken.“ … „Was die Tradition Gott nennt, ist ein starker Beobachter, für den alle Tatsachen auf derselben Oberfläche liegen. Er sieht alles synchron und von allen Seiten, sei es von oben, sei es von innen.“ Ein Recht auf Privatheit war zu jener Zeit noch nicht bekannt. Und nun, so Sloterdijk weiter, schauten die Menschen des globalen Zeitalters erneut an den nächtlichen Himmel. „Sie glauben aber nicht nur, dass sie beobachtet werden, sie wissen es auch…“

Nicht jeder der Vorträge ist so witzig, leicht und pointiert geschrieben. „Derridas Traumdeutung“ etwa kann man schon für einen ziemlichen Schnickschnack halten. Doch ist „Odysseus der Sophist. Über die Geburt der Philosophie aus dem Geist des Reise-Stress“ einfach köstlich, ebenso die kleine Ideengeschichte des Indirekten „Der andere Logos oder: Die Vernunft der List“. Und auch „Die permanente Renaissance“ über Boccacios Decamerone und die Folgen sollte man sich nicht entgehen lassen. Fast überall ergreift Sloterdijk Partei für die Frechheit (beispielsweise die der Sophisten) und gegen die altehrwürdigen Autoritäten (wie etwa Platon).

So fragt man sich am Ende dieses ausgezeichneten Buches doch etwas besorgt, wie es passieren konnte, dass der sonst so gewitzte Sloterdijk sich mit so völlig derangierten Äußerungen zu Merkels Flüchtlingspolitik (das berüchtigte Cicero-Interview im vergangenen Frühjahr: „territorialer Imperativ“, „Lob der Grenzen“, „Souveränitätsverzicht“, Überrollung“, Lügenäther“, „keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung“) gegen viele der bislang von ihm selbst vertretenen Positionen und sich selbst damit in die rechte Ecke gestellt hat. Bis heute ist er offensichtlich damit beschäftigt, den Scherbenhaufen, den er selbst angerichtet hat, mit großem Aufwand wieder zusammenzukehren. Hätte er einfach nur gesagt, wie er es später beschwichtigend nachgeschoben hat, es gebe keine Pflicht, gegen die eigenen Interessen zu handeln, dann wäre das – insbesondere im Licht der jüngsten Ereignisse betrachtet – zweifellos bedenkenswert gewesen. Durch seine maßlosen verbalen Zuspitzungen jedoch (und wohl auch durch seine anschließenden ungeordneten Rückzugsmanöver) hat er am Ende vor allem sich selbst geschadet.

Wie heißt es in Sloterdijks grandiosem Religions-Rundumschlag „Gottes Eifer“ (2007): „Die Zivilisierung der Monotheismen ist abgeschlossen, sobald die Menschen sich für gewisse Äußerungen ihres Gottes, die unglücklicherweise schriftlich festgehalten wurden, schämen wie für die Auftritte eines im allgemeinen sehr netten, doch jähzornigen Großvaters, den man seit längerem nicht mehr ohne Begleitung in die Öffentlichkeit lässt.“ (S.168) Sollte es etwa auch mit unserem Lieblings-Philosophen, der im nächsten Jahr 70 wird, schon so weit gekommen sein? Im September erscheint erst einmal sein erster erotischer (!) Roman „Das Schelling-Projekt“. Wir sind gespannt.

 

Peter Sloterdijk

Was geschah im 20. Jahrhundert?

Suhrkamp Verlag Berlin 2016

348 Seiten, 26,95 €

ISBN: 978-3-518-42507-7

www.justament.de, 16.7.2016: Der nächste Volltreffer

PJ Harvey auf „The Hope Six Demolition Project“

Thomas Claer

pj-harveyNach der „Jahrhundertplatte“ (Spex) „Let England Shake“, die auch in unserer Musikredaktion gebührend abgefeiert wurde, sind fünf Jahre ins Land gegangen. Doch alles Wachrütteln hat nichts geholfen: Die Briten haben in einem Akt kollektiver Verblendung für ihr Ausscheiden aus der EU gestimmt, während PJ Harvey unterdessen ihre nächste Platte herausgebracht hat. Und wieder ist es ein explizit politisches Album geworden, nur dass diesmal nicht das Vereinigte Königreich attackiert wird, sondern die Missstände in diversen Krisengebieten der Welt von Kosovo bis Afghanistan, die die Künstlerin allesamt bereist hat, um am Ende dann doch nur ihre Ohnmacht angesichts der jeweiligen lokalen Verhältnisse erfahren zu müssen und diese dann in wütende Protestsongs zu transformieren. Kurz gesagt, es ist eine Art vertonte Sozialreportage herausgekommen, die PJ Harvey natürlich auch schon allerhand Hohn und Spott angesichts ihrer solcherart naiven Haltung und Vorgehensweise eingebracht hat. Dabei sollte es doch auf der Hand liegen, dass die Naivität des Künstlers – anders als die des Sozialwissenschaftlers oder Politikers – eine erwünschte ist, führt sie doch auf direktem Wege zu jenem Zustand emotionalen Aufgewühltseins, aus dem heraus nicht selten die großen Würfe in der Kunst gelingen. Genug gefaselt. Die Musik auf PJ Harveys neuer Platte ist wieder einmal exzellent, und das lässt uns über alles andere hinwegsehen. Nun war eine nochmalige Steigerung nach dem besagten grandiosen Vorgänger ohnehin nicht mehr zu erwarten, das hätte dann schon so etwas wie Himmelsmusik am Tag des Jüngsten Gerichts sein müssen, doch ist „The Hope Six Demolition Project“ auf ganz eigene Art ein abermaliges Meisterwerk geworden. Es ist jazziger, mitunter sogar freejazziger!, souliger, gospelhafter als alles, was sie bisher gemacht hat. Bevorzugtes Instrument ist diesmal – man höre und staune – das Saxophon, von Polly ganz überwiegend höchstselbst gespielt. Dabei lassen sich dem Album seine Pop-Qualitäten durchaus nicht absprechen. Doch immer wenn man denkt, nun wird es aber doch allzu melodisch und gefällig, folgen auf der Stelle scharfe Dissonanzen, die zwar alles mächtig durcheinanderwirbeln, ohne aber dabei die folksonghaften Grundstrukturen der Stücke völlig über den Haufen zu werfen. Vor allem muss man die unbedingte Geschmackssicherheit der inzwischen 46-jährigen Vokal-Akrobatin gebührend herausstellen. Bemerkenswert ist nicht zuletzt, auf welch gekonnte Weise sie immer wieder Chorgesänge in die Songs einbaut. Keiner der elf Songs fällt ab, jeder packt einen auf andere Weise. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).

PJ Harvey
The Hope Six Demolition Project
Island (Universal) 2016
Ca. € 17,-
ASIN: B01AV5ZWZG

www.justament.de, 20.6.2016: As Time Goes By

Die Vinyl-EP “Wenn der Wolf schläft” von Element of Crime

Thomas Claer

coverDie subjektive Zeitwahrnehmung beschleunigt sich im Laufe des menschlichen Lebens bekanntlich zusehends. Immer schneller vergehen einem die Stunden und Tage, und hast du nicht gesehen, ist schon wieder ein Jahr vorbei. Für unsere Lieblingsband Element Of Crime, die aus vier inzwischen leidlich reifen Herren in den Fünfzigern respektive Sechzigern besteht, folgt daraus, dass nur noch bestenfalls alle fünf Jahre ein neues Album herausgebracht wird. Und warum auch nicht? Denn gefühlt sind die Intervalle zwischen den Veröffentlichungen damit in etwa so groß wie damals in den Achtzigern, als noch jedes Jahr eine neue EOC-Platte erschienen ist. Aber wie schafft man es, in der Zwischenzeit dennoch im Gespräch zu bleiben und in unserer schnelllebigen Zeit nicht völlig vergessen zu werden? Richtig, man bringt jedes Jahr wenigstens eine neue Single heraus, die ein Stück des vorigen Albums nebst ein paar ausgesuchten Spezialitäten für den geneigten Fan enthält. Und das dann, um den Kultfaktor zu erhöhen (wie man früher einmal sagte), auch noch als 10“-Vinyl.

Und also halten wir nun die inzwischen bereits dritte Single-Auskopplung aus dem 2014er Album „Lieblingsfarben und Tiere“ in den Händen, die den Namen trägt „Wenn der Wolf schläft, müssen alle Schafe ruhn“. Warum bloß gerade dieser Song?, denkt man sich. Da hätte es doch weitaus stärkere auf dem Album gegeben. Doch haben wir hier im musikalisch höchst mittelmäßigen Gewand einen geradezu philosophischen Text, der die Auswahl dieses Stücks allemal rechtfertigt. Wohl jeder, der durchs Leben geht, muss sich irgendwann mit der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“, wie es ein großer Denker einmal genannt hat, arrangieren, also kurz gesagt: mit der Wiederholung. Genau davon handelt dieses nachdenklich stimmende Lied, das en passant auch noch eine präzise Analyse der Marktstellung unserer Elements enthält: „Hinter uns sind die, die keiner mag, und vor uns die, die jeder Trottel liebt.“ Ja, genauso ist es.

An zweiter Stelle auf der Platte folgt ein uralter Bluessong namens „You’re Gonna Need Somebody on Your Bond”. Großartig. Wo haben sie den nur wieder ausgegraben? Unsere Recherche führt uns zum US-amerikanischen Sänger und Gitarristen Blind Willie Johnson (1897-1945). Laut Wikipedia ist er 48-jährig gestorben, weil sein Haus niederbrannte und er wegen seiner Armut in den Ruinen wohnen bleiben musste, wo er sich eine Lungenentzündung zuzog. Zuvor hatte er sich jahrelang als Straßenmusiker über Wasser gehalten. Unglaubliche Geschichte.
Song Nr. 3 ist ein ganz neuer EOC-Song. Nun mag man „Da ist immer noch Liebe in mir“ in musikalischer Hinsicht eine Spur zu gefällig finden, doch hat es auch dieses Lied textlich in sich: „Rot ist der Mond und grau ist die Sonne“. Keine Frage, das ist tiefste Romantik! Am Ende der Platte gibt es dann noch eine gelungene aktuelle Live-Version des EOC-Klassikers „Damals hinterm Mond“ vom ersten deutschsprachigen Album 1991. Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Element Of Crime
Wenn der Wolf schläft, müssen alle Schafe ruhn
10“ Vinyl
Vertigo Berlin (Universal Music) 2016
ca. 11,00 EUR
ASIN: B01AIXG97G
(auch als Download für 2,50 EUR erhältlich)

www.justament.de, 13.6.2016: Die mit dem Wolf rummacht

Recht cineastisch, Teil 26: „Wild“ von Nicolette Krebitz

Thomas Claer

WildZur Abwechslung mal eine Mädchenphantasie im Kino – auch nicht schlecht. Vielleicht mehr junge (und junggebliebene) Damen, als man denkt, träumen offenbar insgeheim von einem wilden, behaarten Wesen, das ihnen womöglich sogar das Menstruationsblut mit der Zunge aus… Aber halt, in diesem Moment kommt für Ania, die als IT-Spezialistin in einer Werbeagentur arbeitet, und in einer kleinen Zweiraumwohnung in der Plattenbauwüste von Halle-Neustadt lebt, das böse Erwachen. Denn sie hat ihr Objekt der Begierde, einen leibhaftigen Wolf, der in der Nähe eines Wäldchens unweit ihres Wohnhauses herumstreifte, zuerst betäubt und dann einfach mit nach Hause genommen. Dort eingesperrt in Anias verriegeltem Schlafzimmer, während Ania sich nur noch im anderen Zimmer aufhält, verrichtet das wilde Tier sein zu erwartendes Zerstörungswerk. Durch ein Loch in der Wand wirft Ania ihrem behaarten Kameraden regelmäßig riesige Fleischstücke zu. Und mit der Zeit wird der raue Geselle etwas zugänglicher.
Ja, er ist wieder da. Freund Isegrim, wie er bei Goethe hieß, ist nach anderthalb Jahrhunderte währender Abwesenheit in die deutschen Wälder zurückgekehrt, wo er noch in den Märchen der Brüder Grimm als großmutter- und geißleinfressendes Scheusal sein Unwesen trieb. (Und man hatte auch missliebigen Menschen angedichtet, bei Mondschein seines gleichen zu werden.) Nun also gehört er wieder zu unserem Alltag, ist eigentlich sehr menschenscheu, reißt gelegentlich mal ein Schaaf und beflügelt ansonsten die Phantasie junger Frauen wie Ania (Lilith Stangenberg) in „Wild“, dem neuen Film von Nicolette Krebitz. Der Film, an dem in erster Linie Frauen mitgewirkt haben, ist auf diffuse Weise feministisch, auf jeden Fall aber sehr mutig und herausfordernd.
Die – man muss wohl sagen – tragische Heldin Ania ist eine Art weiblicher Nerd (klar, sie ist Informatikerin), vielleicht nicht so hübsch, dass alle Jungs sich nach ihr umdrehen, aber doch attraktiv genug, um ganz eigene Reize zu entfalten, denen insbesondere Boris, ihr Chef in der Firma, bald erliegt. Jedoch ist Ania an ihren Mitmenschen nicht besonders interessiert, sondern, nun ja, wie gesagt nur am dem haarigen Gesellen aus dem Wald, dem sie am Ende, als ihr Vermieter sie wegen der völlig verwahrlosten Wohnung abgemahnt hat, in die Wildnis folgt und mit dem sie fauliges Wasser aus Pfützen schlürft. So lehren die Wünsche, um es mit Peter Sloterdijk zu sagen, durch ihr Wahrwerden das Fürchten. Ein sehenswerter Film.

Wild
Deutschland 2016
Regie: Nicolette Krebitz
Drehbuch: Nicolette Krebitz
Darsteller: Lilith Stangenberg, Georg Friedrich, Silke Bodenbender, Saskia Rosendahl u.v.a.