www.justament.de, 1.8.2016: Spricht so ein Rechtspopulist?
Gesammelte Reden von Peter Sloterdijk: „Was geschah im 20. Jahrhundert?“
Thomas Claer
Reichlich Prügel bezogen hat der Philosoph Peter Sloterdjk in den vergangenen Monaten ob seiner Äußerungen in der Flüchtlingsdebatte. Insbesondere hat sich SPIEGEL-Online-Kolumnist Georg Diez auf ihn eingeschossen und ihn wiederholt in die Nähe der rechtspopulistischen AfD gerückt. (Sogar SPD-Chef Sigmar Gabriel machte sich diese Vorwürfe unlängst zu eigen.) Vor allem delikat ist hieran, dass ein Musterschüler von Prof. Sloterdijk, der Karlsruher Philosophie-Dozent Marc Jongen, ausgerechnet für die AfD im Baden-Württembergischen Parlament sitzt und als intellektueller Vordenker dieser Partei gilt. Für Jongen ist Deutschland eine geknechtete Nation, der es an „thymotischen Energien“ fehle (ein auf den griechischen Philosophen Platon rekurrierender Neologismus Sloterdijks aus seinem 2006 erschienenen Werk „Zorn und Zeit“). Inzwischen hat Sloterdijk zum Gegenschlag ausgeholt, sich in einem Handelsblatt-Beitrag scharf von der AfD und seinem missratenen Zögling Jongen distanziert. Ein schaler Nachgeschmack bleibt dennoch.
Ist Peter Sloterdijk, der einstige Hippie-Philosoph und Indien-Erleuchtungssucher, die wortgewaltige Metaphernschleuder mit der Altachtundsechziger-Frisur, inzwischen wirklich vom „typischen Vertreter linker Kulturkritik“ zum „Überläufer ins Lager der Gegenaufklärung“ mutiert, wie es sogar bei Wikipedia unter dem Stichwort „Neue Rechte“ heißt? Da kommt der neue Band mit dem Titel „Was geschah im 20. Jahrhundert?“, der Sloterdijks wichtigste Reden aus den vergangenen zehn Jahren enthält, gerade recht, um diesen ungeheuerlichen Verdacht zu überprüfen.
Und ja, auch in diesem Buch finden sich einige anrüchige Formulierungen des Meisters, wie sie Georg Diez ja bereits zusammengetragen hat. Doch sollte man den Zusammenhang, in dem sie auftauchen, nicht verkennen. Ungefähr 80 Prozent der politisch relevanten Inhalte dieses Buches dürften ohne weiteres kompatibel mit dem Parteiprogramm der GRÜNEN sein: Im „Anthropozän“, also dem ganz wesentlich vom Homo sapiens bestimmten Erdzeitalter, in welchem wir uns seit zwei Jahrhunderten befänden, komme es ganz entscheidend auf einen Bewusstseinswandel der Menschheit in Richtung eines sparsameren Ressourcenverbrauchs an. Der „absolute Imperativ“ eines jeden Menschen müsse es daher heute sein, sein Leben so zu ändern, dass der Fortbestand der Menschheit und unseres Planeten auch weiterhin gewährleistet sei. Übrigens habe das Hauptereignis des 20. Jahrhunderts, um die Titelfrage des Buches zu beantworten, „im Ausbruch der westlichen Zivilisation aus dem Dogmatismus der Schwere bestanden“, d.h. das Leben der Menschen sei durch allerlei technische Erleichterungen zusehends komfortabler geworden. Doch hätten sich die durch diese Entwicklung bedingten Kollateralschäden längst zur existentiellen Bedrohung ausgewachsen.
Weiterhin heißt es in einem anderen Vortrag Sloterdijks aus dem Jahr 2010, die Menschheit bedürfe einer Zivilisierung, einer Selbstzähmung, die u.a. in einer „Domestikation zweiter Ordnung“ liegen könne. Alle erfolgreichen Kulturen seien, stark vereinfacht gesagt, häuslich nach innen, aber kriegerisch nach außen, d.h. gegenüber Kulturfremden, gewesen. Schon früher habe oft genug nur die zwischenstaatliche Diplomatie das Schlimmste verhindert. Auf einer höheren Stufe der Domestikation komme es aber gegenwärtig auf einen Wandel zu „höherstufigen politischen Domestikationseinheiten“ an, das Musterbeispiel dafür sei die Europäische Union. Fernziel müsse es sein, dass schließlich auch die großen, bislang nur „intern domestizierten Überlebenseinheiten“, die Civilisations im Sinne von Huntington, wiederum untereinander „über das Stadium der Nichthäuslichkeit hinausgelangen“.
Bis hierhin hätte wohl selbst Jürgen Habermas, der als Sloterdijks Intimfeind in der deutschen Philosophen-Zunft gilt, keine Einwände gehabt. Aber dann kommt es am Ende des Vortrags knüppeldick: Ganz beiläufig fordert Sloterdijk hier die „Entschärfung der Bevölkerungswaffe“. Neben den „noch unzureichend gezähmten polemischen Außenverhältnissen der Kulturen“ sei auch „das biologische Reproduktionsgeschehen in hohem Maße regulierungsbedürftig“. Das bedeute „die Absenkung der Geburtsraten in allen Kulturen auf Proportionen, die mit sozioökonomisch beherrschbaren Lebensbedingungen verträglich sind“. Und das schließe – Achtung! –„jede Art von Elendsfruchtbarkeit ebenso aus wie verwilderte Kampffortpflanzungen – wie man sie seit längerem in arabischen Ländern beobachtet“. Denn: „Riesige Gewaltentladungen werden hiervon die beinahe unvermeidliche Folge sein.“ Und Sloterdijk verweist auf die von der demographischen Forschung evident gemachte positive Korrelation zwischen überhöhten Geburtsraten und kriegerischen bzw. genozidalen Ereignissen. „Durch manifest oder latent polemisch motivierte Überproduktion von Menschen“ würden „vor allem die jungen Männer zwischen 15 und 30 Jahren zu einer Risikogruppe, die das Domestikationspotential ihrer eigenen Kulturen überfordern“. In den kommenden 20 Jahren stünden mehrere hundert Millionen junge Männer in der arabischen und afrikanischen Welt „für alle Arten von polemischen Aktivitäten bereit“. Es sei zu befürchten, dass nicht wenige von ihnen sich für religiös codierte Selbstvernichtungsprogramme rekrutieren ließen.
Was ist nun von diesen Ausführungen zu halten? Sind sie punktuelle islamophobe Panikmache, wie Gustav Seibt in seiner Rezension dieses Buches in der Süddeutschen Zeitung meinte, während er dem Autor im übrigen den gewohnten Respekt zollte? Oder müssen wir in diesen Tagen, nach den Anschlägen von Nizza, Würzburg, Ansbach und Rouen, nach jahrelangem Bürgerkrieg in Syrien und Irak, womöglich erkennen, dass Sloterdijk als Kassandra sogar richtiggelegen hat? Doch selbst wenn, was würde daraus folgen? Eine „Islamisierung des Abendlandes“ im Sinne von PEGIDA ist laut Sloterdijk jedenfalls nicht zu befürchten, diese Montagsspaziergänger hätten, so Sloterdijk in einem Fernsehinterview, nur „das tiefe innere Bedürfnis, einen Feind zu haben“.
Was aber ist sonst noch anstößig in diesem Buch? Dass Auschwitz vom Autor nur als ein Horror-Ereignis neben vielen anderen im 20. Jahrhundert und nicht als Singularität bezeichnet wird? Geschenkt, ein übergeordneter Blick aus der geschichtlichen Distanz wird dies irgendwann ohnehin so beurteilen, wenngleich es gegenwärtig hierzulande noch immer gute Gründe gibt, insbesondere die unbedingte Wahrung der Würde der noch lebenden Opfer, an der politisch-historischen und rechtlichen Sonderstellung des Holocaust festzuhalten. Dass Sloterdijk ferner zustimmend einen Soziologen zitiert, der vom neuen Phänomen einer „parasitären Unterschicht“ spricht? Das kann man als – im übrigen gar nicht so selten anzutreffenden – „Sozialneid von oben“ ansehen. Dabei befand schon Marcel Proust in seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“, tatsächlich sei es weitaus anstrengender und führe oft zu einer weit größeren Erschöpfung, einen ganzen Tag lang rein gar nichts zu tun als unentwegt hart und schwer zu arbeiten…
Solche und in ähnliche Richtungen abzielende Passagen sorgen gleichsam für ein paar schrille neoliberale Farbtupfer – ergänzend zu den angeführten latent islamophoben und ansatzweise populistischen – auf dem grünlich grundierten Argumentationsteppich. In diesem Zusammenhang kann es allerdings schon erstaunen, dass Peter Sloterdijk sich vor einigen Jahren im SPIEGEL-Interview als notorischer SPD-Wähler geoutet hat, „wenn auch nicht aus philosophischen, sondern aus persönlichen und biographischen Gründen“. Und zuletzt bezeichnete er sich in der ZEIT als „linken Konservativen“. Nun ist aber auch wirklich fast alles dabei gewesen. Vielleicht ist er ja einfach nur ein bunter Hund…
Ansonsten ist „Was geschah im 20. Jahrhundert“ eine Art „Parerga und Paralipomina“ geworden, eine gelungene Zusammenstellung kleinerer Abhandlungen, die in den Hauptwerken keinen Platz mehr gefunden haben. Am besten ist Sloterdijk, wie immer, wenn er die Religion durch den Kakao zieht. In „Starke Beobachtung“ entwickelt er den Gedanken, dass die moderne Raumfahrt einen „Teil der göttlichen Funktion übernommen und auf technische Systeme (Beobachtungssatelliten) und natürliche Intelligenzen (Menschen an Bord von Raumstationen) übertragen hat. Einst, in Mesopotamien, habe „die Erfindung bzw. Offenbarung der Götter“ einem „überaus wichtigen psychopolitischen Zweck“ gedient: Es galt „die Menschen an den Gedanken zu gewöhnen, dass ihr Leben durchgehend unter der Beobachtung einer ebenso allwissenden wie allaufmerksamen Intelligenz stehe“, die „zugleich die Vollmacht besitzt, jedem einzelnen Menschen post mortem die moralische Bilanz seines Handelns zu präsentieren.“ Klar, so konnte man die Menschen äußerst effektiv disziplinieren. Alle höheren Kulturen, so Sloterdijk, beruhten auf der Idee, „es existiere eine externe Beobachterintelligenz, die imstande sei, sämtliche Lebensvorgänge synchron zu erfassen, auch jene, die sich in der Dunkelheit des Unwissens oder des bösen Willens verstecken.“ … „Was die Tradition Gott nennt, ist ein starker Beobachter, für den alle Tatsachen auf derselben Oberfläche liegen. Er sieht alles synchron und von allen Seiten, sei es von oben, sei es von innen.“ Ein Recht auf Privatheit war zu jener Zeit noch nicht bekannt. Und nun, so Sloterdijk weiter, schauten die Menschen des globalen Zeitalters erneut an den nächtlichen Himmel. „Sie glauben aber nicht nur, dass sie beobachtet werden, sie wissen es auch…“
Nicht jeder der Vorträge ist so witzig, leicht und pointiert geschrieben. „Derridas Traumdeutung“ etwa kann man schon für einen ziemlichen Schnickschnack halten. Doch ist „Odysseus der Sophist. Über die Geburt der Philosophie aus dem Geist des Reise-Stress“ einfach köstlich, ebenso die kleine Ideengeschichte des Indirekten „Der andere Logos oder: Die Vernunft der List“. Und auch „Die permanente Renaissance“ über Boccacios Decamerone und die Folgen sollte man sich nicht entgehen lassen. Fast überall ergreift Sloterdijk Partei für die Frechheit (beispielsweise die der Sophisten) und gegen die altehrwürdigen Autoritäten (wie etwa Platon).
So fragt man sich am Ende dieses ausgezeichneten Buches doch etwas besorgt, wie es passieren konnte, dass der sonst so gewitzte Sloterdijk sich mit so völlig derangierten Äußerungen zu Merkels Flüchtlingspolitik (das berüchtigte Cicero-Interview im vergangenen Frühjahr: „territorialer Imperativ“, „Lob der Grenzen“, „Souveränitätsverzicht“, Überrollung“, Lügenäther“, „keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung“) gegen viele der bislang von ihm selbst vertretenen Positionen und sich selbst damit in die rechte Ecke gestellt hat. Bis heute ist er offensichtlich damit beschäftigt, den Scherbenhaufen, den er selbst angerichtet hat, mit großem Aufwand wieder zusammenzukehren. Hätte er einfach nur gesagt, wie er es später beschwichtigend nachgeschoben hat, es gebe keine Pflicht, gegen die eigenen Interessen zu handeln, dann wäre das – insbesondere im Licht der jüngsten Ereignisse betrachtet – zweifellos bedenkenswert gewesen. Durch seine maßlosen verbalen Zuspitzungen jedoch (und wohl auch durch seine anschließenden ungeordneten Rückzugsmanöver) hat er am Ende vor allem sich selbst geschadet.
Wie heißt es in Sloterdijks grandiosem Religions-Rundumschlag „Gottes Eifer“ (2007): „Die Zivilisierung der Monotheismen ist abgeschlossen, sobald die Menschen sich für gewisse Äußerungen ihres Gottes, die unglücklicherweise schriftlich festgehalten wurden, schämen wie für die Auftritte eines im allgemeinen sehr netten, doch jähzornigen Großvaters, den man seit längerem nicht mehr ohne Begleitung in die Öffentlichkeit lässt.“ (S.168) Sollte es etwa auch mit unserem Lieblings-Philosophen, der im nächsten Jahr 70 wird, schon so weit gekommen sein? Im September erscheint erst einmal sein erster erotischer (!) Roman „Das Schelling-Projekt“. Wir sind gespannt.
Peter Sloterdijk
Was geschah im 20. Jahrhundert?
Suhrkamp Verlag Berlin 2016
348 Seiten, 26,95 €
ISBN: 978-3-518-42507-7
www.justament.de, 16.7.2016: Der nächste Volltreffer
PJ Harvey auf „The Hope Six Demolition Project“
Thomas Claer
Nach der „Jahrhundertplatte“ (Spex) „Let England Shake“, die auch in unserer Musikredaktion gebührend abgefeiert wurde, sind fünf Jahre ins Land gegangen. Doch alles Wachrütteln hat nichts geholfen: Die Briten haben in einem Akt kollektiver Verblendung für ihr Ausscheiden aus der EU gestimmt, während PJ Harvey unterdessen ihre nächste Platte herausgebracht hat. Und wieder ist es ein explizit politisches Album geworden, nur dass diesmal nicht das Vereinigte Königreich attackiert wird, sondern die Missstände in diversen Krisengebieten der Welt von Kosovo bis Afghanistan, die die Künstlerin allesamt bereist hat, um am Ende dann doch nur ihre Ohnmacht angesichts der jeweiligen lokalen Verhältnisse erfahren zu müssen und diese dann in wütende Protestsongs zu transformieren. Kurz gesagt, es ist eine Art vertonte Sozialreportage herausgekommen, die PJ Harvey natürlich auch schon allerhand Hohn und Spott angesichts ihrer solcherart naiven Haltung und Vorgehensweise eingebracht hat. Dabei sollte es doch auf der Hand liegen, dass die Naivität des Künstlers – anders als die des Sozialwissenschaftlers oder Politikers – eine erwünschte ist, führt sie doch auf direktem Wege zu jenem Zustand emotionalen Aufgewühltseins, aus dem heraus nicht selten die großen Würfe in der Kunst gelingen. Genug gefaselt. Die Musik auf PJ Harveys neuer Platte ist wieder einmal exzellent, und das lässt uns über alles andere hinwegsehen. Nun war eine nochmalige Steigerung nach dem besagten grandiosen Vorgänger ohnehin nicht mehr zu erwarten, das hätte dann schon so etwas wie Himmelsmusik am Tag des Jüngsten Gerichts sein müssen, doch ist „The Hope Six Demolition Project“ auf ganz eigene Art ein abermaliges Meisterwerk geworden. Es ist jazziger, mitunter sogar freejazziger!, souliger, gospelhafter als alles, was sie bisher gemacht hat. Bevorzugtes Instrument ist diesmal – man höre und staune – das Saxophon, von Polly ganz überwiegend höchstselbst gespielt. Dabei lassen sich dem Album seine Pop-Qualitäten durchaus nicht absprechen. Doch immer wenn man denkt, nun wird es aber doch allzu melodisch und gefällig, folgen auf der Stelle scharfe Dissonanzen, die zwar alles mächtig durcheinanderwirbeln, ohne aber dabei die folksonghaften Grundstrukturen der Stücke völlig über den Haufen zu werfen. Vor allem muss man die unbedingte Geschmackssicherheit der inzwischen 46-jährigen Vokal-Akrobatin gebührend herausstellen. Bemerkenswert ist nicht zuletzt, auf welch gekonnte Weise sie immer wieder Chorgesänge in die Songs einbaut. Keiner der elf Songs fällt ab, jeder packt einen auf andere Weise. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).
PJ Harvey
The Hope Six Demolition Project
Island (Universal) 2016
Ca. € 17,-
ASIN: B01AV5ZWZG
www.justament.de, 20.6.2016: As Time Goes By
Die Vinyl-EP “Wenn der Wolf schläft” von Element of Crime
Thomas Claer
Die subjektive Zeitwahrnehmung beschleunigt sich im Laufe des menschlichen Lebens bekanntlich zusehends. Immer schneller vergehen einem die Stunden und Tage, und hast du nicht gesehen, ist schon wieder ein Jahr vorbei. Für unsere Lieblingsband Element Of Crime, die aus vier inzwischen leidlich reifen Herren in den Fünfzigern respektive Sechzigern besteht, folgt daraus, dass nur noch bestenfalls alle fünf Jahre ein neues Album herausgebracht wird. Und warum auch nicht? Denn gefühlt sind die Intervalle zwischen den Veröffentlichungen damit in etwa so groß wie damals in den Achtzigern, als noch jedes Jahr eine neue EOC-Platte erschienen ist. Aber wie schafft man es, in der Zwischenzeit dennoch im Gespräch zu bleiben und in unserer schnelllebigen Zeit nicht völlig vergessen zu werden? Richtig, man bringt jedes Jahr wenigstens eine neue Single heraus, die ein Stück des vorigen Albums nebst ein paar ausgesuchten Spezialitäten für den geneigten Fan enthält. Und das dann, um den Kultfaktor zu erhöhen (wie man früher einmal sagte), auch noch als 10“-Vinyl.
Und also halten wir nun die inzwischen bereits dritte Single-Auskopplung aus dem 2014er Album „Lieblingsfarben und Tiere“ in den Händen, die den Namen trägt „Wenn der Wolf schläft, müssen alle Schafe ruhn“. Warum bloß gerade dieser Song?, denkt man sich. Da hätte es doch weitaus stärkere auf dem Album gegeben. Doch haben wir hier im musikalisch höchst mittelmäßigen Gewand einen geradezu philosophischen Text, der die Auswahl dieses Stücks allemal rechtfertigt. Wohl jeder, der durchs Leben geht, muss sich irgendwann mit der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“, wie es ein großer Denker einmal genannt hat, arrangieren, also kurz gesagt: mit der Wiederholung. Genau davon handelt dieses nachdenklich stimmende Lied, das en passant auch noch eine präzise Analyse der Marktstellung unserer Elements enthält: „Hinter uns sind die, die keiner mag, und vor uns die, die jeder Trottel liebt.“ Ja, genauso ist es.
An zweiter Stelle auf der Platte folgt ein uralter Bluessong namens „You’re Gonna Need Somebody on Your Bond”. Großartig. Wo haben sie den nur wieder ausgegraben? Unsere Recherche führt uns zum US-amerikanischen Sänger und Gitarristen Blind Willie Johnson (1897-1945). Laut Wikipedia ist er 48-jährig gestorben, weil sein Haus niederbrannte und er wegen seiner Armut in den Ruinen wohnen bleiben musste, wo er sich eine Lungenentzündung zuzog. Zuvor hatte er sich jahrelang als Straßenmusiker über Wasser gehalten. Unglaubliche Geschichte.
Song Nr. 3 ist ein ganz neuer EOC-Song. Nun mag man „Da ist immer noch Liebe in mir“ in musikalischer Hinsicht eine Spur zu gefällig finden, doch hat es auch dieses Lied textlich in sich: „Rot ist der Mond und grau ist die Sonne“. Keine Frage, das ist tiefste Romantik! Am Ende der Platte gibt es dann noch eine gelungene aktuelle Live-Version des EOC-Klassikers „Damals hinterm Mond“ vom ersten deutschsprachigen Album 1991. Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).
Element Of Crime
Wenn der Wolf schläft, müssen alle Schafe ruhn
10“ Vinyl
Vertigo Berlin (Universal Music) 2016
ca. 11,00 EUR
ASIN: B01AIXG97G
(auch als Download für 2,50 EUR erhältlich)
www.justament.de, 13.6.2016: Die mit dem Wolf rummacht
Recht cineastisch, Teil 26: „Wild“ von Nicolette Krebitz
Thomas Claer
Zur Abwechslung mal eine Mädchenphantasie im Kino – auch nicht schlecht. Vielleicht mehr junge (und junggebliebene) Damen, als man denkt, träumen offenbar insgeheim von einem wilden, behaarten Wesen, das ihnen womöglich sogar das Menstruationsblut mit der Zunge aus… Aber halt, in diesem Moment kommt für Ania, die als IT-Spezialistin in einer Werbeagentur arbeitet, und in einer kleinen Zweiraumwohnung in der Plattenbauwüste von Halle-Neustadt lebt, das böse Erwachen. Denn sie hat ihr Objekt der Begierde, einen leibhaftigen Wolf, der in der Nähe eines Wäldchens unweit ihres Wohnhauses herumstreifte, zuerst betäubt und dann einfach mit nach Hause genommen. Dort eingesperrt in Anias verriegeltem Schlafzimmer, während Ania sich nur noch im anderen Zimmer aufhält, verrichtet das wilde Tier sein zu erwartendes Zerstörungswerk. Durch ein Loch in der Wand wirft Ania ihrem behaarten Kameraden regelmäßig riesige Fleischstücke zu. Und mit der Zeit wird der raue Geselle etwas zugänglicher.
Ja, er ist wieder da. Freund Isegrim, wie er bei Goethe hieß, ist nach anderthalb Jahrhunderte währender Abwesenheit in die deutschen Wälder zurückgekehrt, wo er noch in den Märchen der Brüder Grimm als großmutter- und geißleinfressendes Scheusal sein Unwesen trieb. (Und man hatte auch missliebigen Menschen angedichtet, bei Mondschein seines gleichen zu werden.) Nun also gehört er wieder zu unserem Alltag, ist eigentlich sehr menschenscheu, reißt gelegentlich mal ein Schaaf und beflügelt ansonsten die Phantasie junger Frauen wie Ania (Lilith Stangenberg) in „Wild“, dem neuen Film von Nicolette Krebitz. Der Film, an dem in erster Linie Frauen mitgewirkt haben, ist auf diffuse Weise feministisch, auf jeden Fall aber sehr mutig und herausfordernd.
Die – man muss wohl sagen – tragische Heldin Ania ist eine Art weiblicher Nerd (klar, sie ist Informatikerin), vielleicht nicht so hübsch, dass alle Jungs sich nach ihr umdrehen, aber doch attraktiv genug, um ganz eigene Reize zu entfalten, denen insbesondere Boris, ihr Chef in der Firma, bald erliegt. Jedoch ist Ania an ihren Mitmenschen nicht besonders interessiert, sondern, nun ja, wie gesagt nur am dem haarigen Gesellen aus dem Wald, dem sie am Ende, als ihr Vermieter sie wegen der völlig verwahrlosten Wohnung abgemahnt hat, in die Wildnis folgt und mit dem sie fauliges Wasser aus Pfützen schlürft. So lehren die Wünsche, um es mit Peter Sloterdijk zu sagen, durch ihr Wahrwerden das Fürchten. Ein sehenswerter Film.
Wild
Deutschland 2016
Regie: Nicolette Krebitz
Drehbuch: Nicolette Krebitz
Darsteller: Lilith Stangenberg, Georg Friedrich, Silke Bodenbender, Saskia Rosendahl u.v.a.
www.justament.de, 16.5.2016: Uns Udo wird 70
Scheiben vor Gericht Spezial
Thomas Claer
Rockmusik in deutscher Sprache, das musste man sich erst mal trauen. Udo Lindenberg gehörte in den frühen Siebzigern zu den ersten, die sich daran versuchten. Zum einen bereicherte er mit den Texten seiner mitreißenden Songs die deutsche Sprache als origineller Sprücheklopfer („Alles klar auf der Andrea Doria“, „Die Rock’n‘ Roll-Gespenster sind weg vom Fenster“). Im Kosmos der Lindenberg-Texte war immer irgendwie „alles easy“, auch noch, als irgendwann niemand mehr so sprach wie er und schon gar nicht die Jugend.
Aber zum anderen war da auch noch der empfindsame junge Mann mit den langen Haaren und zunächst noch ohne den später obligatorischen Hut, der seine Irritation über diese Welt auf anrührende Weise besang: „Du spieltest Cello/ in jedem Saal in unserer Gegend / ich saß immer in der ersten Reihe/ und ich fand dich so erregend“. Unglaublich schöne, poetische, zärtliche, romantische Songs sind in diesen frühen Jahren entstanden: „Ich träume oft davon, ein Segelboot zu klau‘n“ etwa oder „Bitte keine Love-Story“. Und natürlich auch das berühmte „Mädchen aus Ost-Berlin“ (1973), das die zwischenmenschliche Seite der deutschen Teilung aus westlicher Sicht beschreibt.
Vielleicht war das Bemerkenswerteste an Udo Lindenbergs späteren Schaffensperioden, die in künstlerischer Hinsicht längst nicht mehr mit seinem überwältigenden Frühwerk mithalten konnten, sein unablässiges Engagement für seine vielen Fans in der DDR. Zu einer Zeit als sich die westdeutsche Jugend schon lange nicht mehr für ihre ostdeutschen Altersgenossen interessierte und Kritik an den Zuständen im Realsozialismus mitunter als entspannungsfeindliche Hetze verpönt war, forderte er unverdrossen eine „Rock’n‘ Roll-Arena in Jena“, wollte mit dem „Sonderzug nach Pankow“ zu Erich Honecker fahren, der ihn jahrelang nicht in der DDR auftreten ließ, und veralberte den notorisch humorlosen Staats- und Parteichef später erneut in „Der Generalsekretär“.
Nach der Wiedervereinigung fiel Udo Lindenberg dann in eine tiefe Schaffenskrise, aus der er sich erst 2008 mit dem fulminanten Comeback-Album „Stark wie zwei“ befreite. Seitdem ist er wieder obenauf, tourt unablässig und füllt ganze Stadien, woran früher nicht zu denken war. Es sei ihm von Herzen gegönnt. Besonders hoch anzurechnen ist ihm ferner sein beharrlicher Einsatz gegen Rechtsextremismus, insbesondere in Ostdeutschland. Am 17. Mai feiert der große Udo Lindenberg seinen 70. Geburtstag. Prostata!
www.justament.de, 25.4.2016: Alles nicht so schlimm?!
Vor 30 Jahren ereignete sich die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Ein persönlicher Rückblick
Thomas Claer
Am 26. April 1986, dem Tag der schweren Nuklearkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl, war ich 14 Jahre alt und besuchte die achte Klasse der „Polytechnischen Oberschule“ eines kleinen mecklenburgischen Dorfes nahe der Grenze zur BRD. Ich würde mich als auch damals schon politisch sehr interessiert bezeichnen. Meine Informationen bezog ich in erster Linie aus dem Westfernsehen, das damals auf drei Kanälen für uns zu empfangen war. (Das Privatfernsehen mit seinen Verlockungen für junge Menschen sollte schon bald darauf hinzukommen, aber im Frühjahr 1986 empfingen wir, wenn ich mich richtig erinnere, noch kein RTL und SAT1.) Ich las auch damals schon gerne Zeitungen, allerdings notgedrungen nur die gleichgeschaltete DDR-Presse. Hier war für mich eigentlich nur der Sportteil interessant. Den Rest überflog ich allenfalls flüchtig, ihn empfand ich als völlig ungenießbar…
Natürlich war für einen aufgeweckten DDR-Jungen inmitten der grauen sozialistischen Tristesse der bunte Westen auf dem Bildschirm eine einzige Verlockung. Ich muss auch zugeben, seinerzeit durchaus empfänglich für die Konsumreize des westlichen Werbefernsehens gewesen zu sein. Schon in den unteren Schulklassen hatte ich eine Menge an Reklamespots und –Gesängen auswendig gekonnt, wahrscheinlich mehr als irgendein Westkind. Doch mit zunehmendem Alter erwies sich für mich auch die westliche Politik als sehr reizvoll – mit ihren kontroversen Debatten und Auseinandersetzungen, die im scharfen Kontrast zum steifen und langweiligen Einheitsbrei der DDR-Politik standen. Besonders anziehend waren für mich aber von Anfang an „Die Grünen“, dieser bunte Haufen mit seinen wehenden Kleidern, zotteligen Bärten und langen Haaren, der seit den frühen Achtzigern die westdeutschen Parlamente aufmischte. Die ganz überwiegend ablehnenden Kommentare über diese Bewegung sowohl aus meinem näheren Umfeld als auch – insbesondere – von unserer West-Verwandtschaft weckten erst recht mein Interesse an ihr.
Und dann berichteten plötzlich die West-Nachrichten von einem mutmaßlichen Unfall in einem sowjetischen Atomkraftwerk. Immer neue Sondersendungen wurden ausgestrahlt. Detaillierte Grafiken gaben Auskunft über die Verbreitung der Strahlenwolke bis weit nach Westeuropa. Gesundheitsexperten informierten darüber, welche Gemüsesorten man wegen Verstrahlung lieber nicht essen sollte. Auch Kinder sollten keinesfalls mehr in Sandkästen spielen. So ging das tage-, ja wochenlang. Nun lag bekanntlich unsere DDR eindeutig östlich von der kollektiv alarmierten Bundesrepublik und damit noch deutlich dichter als diese an der Ukraine, aus der die mysteriöse Strahlung stammte. Doch in den DDR-Medien kam die Nuklearkatastrophe praktisch nicht vor. Nur ganz beiläufig erschien eine kurze Notiz in der Zeitung, wonach es keinerlei Grund zur Besorgnis gebe, es sei nichts Schlimmes passiert und die Situation vollkommen unter Kontrolle.
Natürlich befragten wir in der Schule unsere Physiklehrerin, eine wirklich sympathische, wenn auch ziemlich strenge Dame. Ach, das mit der Radioaktivität sei nun wirklich nicht so schlimm, klärte sie uns auf. Marie Curie habe schließlich auch immer ein strahlendes Stück Plutonium in der Tasche gehabt, und ihr habe es ja auch nicht geschadet. Besonders linientreue Lehrer ermahnten uns auch, wir sollten uns keinesfalls von der Hysterie aus den westlichen Medien beeinflussen lassen. Diese hätten ein Interesse daran, die Sowjetunion in ein schlechtes Licht zu rücken. Niemand müsse sich irgendwelche Sorgen machen, es sei ganz bestimmt alles in Ordnung.
In den Wochen und Monaten darauf setzte im Westfernsehen eine Debatte über die Zukunft der Atomenergie ein. Sehr interessiert verfolgte ich die einschlägigen Talkshows und kannte schon bald alle Argumente pro und contra. Und als bald darauf im Deutschunterricht das Thema „Kurzvorträge“ an der Reihe war und jeder von uns ein zehnminütiges Referat über ein beliebiges Thema halten sollte, da fasste ich den waghalsigen Entschluss, über die Zukunft der Atomenergie zu reden. Ich positionierte mich dann in meinem Vortrag als gemäßigter Atom-Kritiker und plädierte zwar nicht für einen sofortigen Atomausstieg der DDR, aber doch für einen schrittweisen Ausstieg innerhalb von zwanzig Jahren. Das war nach damaligen Maßstäben eine ungeheuerliche Provokation. Nun muss ich einräumen, dass ich eigentlich kein besonders mutiger Mensch bin, aber eine Mischung aus jugendlichem Leichtsinn und aus ehrlicher Empörung über die ständige Verharmlosung des Themas in unserem Lande trieb mich zu diesem riskanten Schritt. Es muss wohl auch noch vor der Republikflucht meines Vaters Ende 1986 und unserem darauffolgenden Ausreiseantrag gewesen sein. Ich hatte also noch davon auszugehen, mein restliches Leben in der DDR zu verbringen. So gesehen war es wirklich nicht besonders schlau, mit solch einer Aktion negativ aufzufallen und mir womöglich meine Zukunft in diesem Staat zu verbauen…
Es herrschte Totenstille im Klassenraum, als ich über dieses Thema sprach. Ich glaube, alle waren schockiert, dass jemand sich so etwas traute. Die Deutschlehrerin ließ mich ausreden. Auch für sie war das natürlich eine heikle Situation. Nach dem Vortrag fragte sie die Klasse, was denn von meinen Ausführungen zu halten sei. Erwartungsgemäß gab es niemanden, der mich unterstützte. Die meisten blickten nach unten und waren froh, dazu nichts sagen zu müssen. Einige strebsame Mädchen verurteilten meine Position. Die DDR könne nicht ohne Kernenergie auskommen und im Sozialismus seien die Gefahren doch schließlich in den Griff zu bekommen. Die Lehrerin pflichtete ihnen bei und leitete über zum nächsten Vortrag. Nach der Stunde kamen einige Mitschüler zu mir und äußerten sich anerkennend über meinen Vortrag. Ich habe nie erfahren, ob mein Referat irgendwelche negativen Folgen für mich hatte. Auf meine Deutschnote hatte es jedenfalls keine Auswirkungen, zumal mich die Deutschlehrerin als besonderen Leistungsträger ihres Kurses wohl auch mochte…
Was ich mir damals nicht träumen ließ, geschah nur knapp vier Jahre später: Das einzige DDR-Atomkraftwerk in Greifswald wurde am 22. Juli 1990 stillbelegt, womit der Ausstieg der DDR aus der Atomkraft vollzogen war, nur dass es bald darauf die DDR nicht mehr geben sollte. Doch auch der gesamtdeutsche Ausstieg aus der Atomenergie soll bis zum 31.12.2022 abgeschlossen sein, das wäre dann 36 Jahre nach Tschernobyl. Einerseits empfinde ich aus heutiger Sicht eine gewisse Genugtuung darüber, zumal ich Atomkraftwerke nach wie vor für ziemlich gefährlich und nur eingeschränkt beherrschbar halte. Andererseits bin ich mir heute längst nicht mehr so sicher wie damals, ob nicht die CO2-Emissionen der Kohlekraftwerke das noch schlimmere Übel sind…
www.justament.de, 4.4.2016: Und Satire bewegt doch etwas!
Erdowie, Erdowo, Erdogan… Herzlichen Glückwunsch, Extra 3!
Thomas Claer
Seit Jahrzehnten hat sich niemand mehr über deutsche Satire aufgeregt. Und nun das: In Ankara bestellt die türkische Regierung den deutschen Botschafter ein und beschwert sich über ein Lied der NDR-Satire-Sendung Extra 3, das den türkischen Präsidenten wegen seines problematischen Umgangs mit der Pressefreiheit attackiert.
Letztmalig geschah Vergleichbares im März 1987, als die Regierung Irans sich über die Verunglimpfung des Ayatollah Chomeini beklagte, der in der Fernsehsendung Rudis Tagesshow scheinbar mit seinen Händen in Damenunterwäsche wühlte. Der Iran wies daraufhin zwei deutsche Diplomaten aus und schloss vorübergehend seine Generalkonsulate in Hamburg und Frankfurt sowie das Goethe-Institut in Teheran. Als Grund gab die Agentur IRNA an, Ajatollah Sejed Ruhollah Khomeini sowie “die iranische Revolution und die Muslime der Welt” seien beleidigt worden. Das Religionsministerium erklärte, die Sendung sei ein Ausdruck des Hasses auf den Islam und die Islamische Republik Iran. Rudi Carrell, der anonyme Morddrohungen erhalten hatte und unter Polizeischutz stand, musste sich öffentlich “beim iranischen Volk” entschuldigen.
Ebenfalls in den Achtzigerjahren hatte sich die bayrische Staatsregierung mehrfach über das Fernseh-Satiremagazin Scheibenwischer wegen seines angeblich „bayernfeindlichen Programms“ echauffiert. Am 22. Mai 1986 blendete sich der Bayrische Rundfunk während der Scheibenwischer-Sendezeit vom laufenden ARD-Programm aus, da der BR-Programmdirektor kein Gehör mit seiner Forderung nach ARD-weiter Absetzung der Folge fand.
Solche Sternstunden der Wirkung von Satire sind hierzulande selten geworden, doch nun dürfen wir wieder eine erleben! Was jedoch ihren Effekt noch viel umfassender macht als jemals zuvor, sind die heutigen technisch-medialen Möglichkeiten. Schon mehr als fünf Millionen Male wurde der Erdogan-Spot bislang auf YouTube angeklickt. Die Redaktion von Extra 3 hat inzwischen sogar für türkische und englische Untertitel gesorgt. Besonders freuen darf man sich darüber, dass der Satire-Song auch bei unseren Deutsch-Türken auf Interesse stoßen wird, die bei früheren Wahlen stets mit besonders großer Mehrheit für Erdogan gestimmt haben. Bleibt nur zu hoffen, dass sich auch Wladimir Putin mal die Extra 3-Songs über sich zu Gemüte führt und auf ähnliche Weise die Werbetrommel für diese rühren wird, vor allem bei den Russlanddeutschen. Und auch Jaroslaw Kaczynski, Viktor Orban und Kim Jong Un sind dazu herzlich eingeladen!
Abschließend noch ein Tipp für die PKK-Kämpfer: Vielleicht habt ihr es ja noch nicht gemerkt, aber Präsident Erdogan freut sich vermutlich riesig über eure Bombenanschläge, weil er sich vor allem ihretwegen weiter an der Macht halten kann. Solltet ihr ihn aber wirklich ärgern wollen, dann müsstet ihr schon die Waffen aus der Hand legen und ihm argumentativ Contra geben. Oder, noch besser, ihn so richtig nach Strich und Faden verarschen, den lupenreinen Demokraten vom Bosporus, die Sonne der Menschheit. Ach nein, das war ja der andere…
www.justament.de, 14.3.2016: When the Magic Comes Back
Scheiben vor Gericht Spezial: Vor 30 Jahren erschien „Aristocracie“ von Phillip Boa & The Voodooclub
Thomas Claer
Solch eine Musik hatte die Welt noch nicht gehört. Es war wie eine Detonation, damals in den in ihren Hauptströmungen doch weitgehend geschmacklosen Achtzigern. Frisch und unverbraucht, kraftvoll und melodiös brachten Phillip Boa & The Voodooclub eine einzigartige Magie in die deutsche Popmusik. Harte Gitarrenriffs trafen auf afrikanisch anmutendes Getrommel, Pia Lundas Sirenengesang auf das brummige Genöle von Bandleader Phillip. Groß heraus kamen sie allerdings erst am Ende des Jahrzehnts mit ihren Alben „Copperfield“, „Hair“ und „Hispanola“, mit Single-Hits wie „Container Love“ und „This is Michael“. Von den wahren Boa-Fans weitaus mehr geliebt wird jedoch das noch viel aufregendere Frühwerk der Band, erschienen auf dem unabhängigen Constrictor-Label. Und ganz nebenbei gab es natürlich, wie es seinerzeit üblich war, allerhand Raubpressungen irgendwelcher Demo-Aufnahmen und Konzertmitschnitte, die zu horrenden Sammlerpreisen weiterverkauft wurden.
Pünktlich zum 30-jährigen Erscheinens-Jubiläum des zweiten Voodooclub-Albums „Aristocracie“ präsentiert uns die Band nun eine wunderbare Neu-Edition dieser Platte mitsamt einer ungeheuren Sammlung von aufgearbeitetem Bonus- und Piraten-Material aus jener Zeit. Das Beste ist aber: Die phantastischen Songs von „Aristocracie“ gehören nun auch erstmals seit Jahrzehnten wieder zu ihrem Live-Programm. Besonders hervorzuheben ist hier die junge Sängerin Pris, die nach dem bedauerlichen Ausscheiden der wunderbaren Pia Lunda vor etwas mehr als einem Jahr deren Gesangspart im Voodooclub übernommen hat. Und ihre Stimme klingt wirklich verblüffend nach der jugendlichen Pia… Unser Urteil lautet: gut (14 Punkte).
YouTube-Links:
THE BOA REMASTERS – ARISTOCRACIE
Deluxe Edition with Bonus Tracks + Unreleased Material + BONUS CD “Original Pirate Material: Early Live Recordings 1986-1988”
Mediabook, 36p Booklet, 34 Tracks, 136 Minuten
Constrictor 2015
ASIN: B00ZUVC28C
www.justament.de, 22.2.2016: Die Letzten werden die Ersten sein
Im neuen Wohnmarktreport Berlin bestätigen sich die signifikanten Trends
Thomas Claer
Der Wedding (siehe Foto) hat bei den Angebotsmieten neuerdings Steglitz überholt, der Norden von Neukölln liegt nun schon vor Zehlendorf. Gleiches gilt für Moabit. Und Kreuzberg hat ohnehin schon seit Jahren alle abgehängt. Um von Prenzlauer Berg und Friedrichshain gar nicht mehr zu reden… Man muss es sich schon auf der Zunge zergehen lassen, was der jährlich erscheinende Berliner Wohnmarktreport auch diesmal wieder an brisantem Zahlenmaterial liefert: Die einstigen Armenhäuser Berlins im Zentrum der Stadt explodieren förmlich, sind gefragt wie nie und lassen die vormals so guten Gegenden des gediegenen Bürgertums über weite Strecken ziemlich alt aussehen.
Nun waren Szenebezirke wie Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Friedrichshain ja auch schon vor einigen Jahren angesagt. Und dass sich Neukölln-Nord inzwischen vom Problemkiez zum Hipster-Eldorado gewandelt hat, darüber ist auch schon unendlich viel geschrieben worden. Neu ist jedoch, dass die noch immer stark von Arbeitslosigkeit, Jugendbanden, Müll auf den Straßen und Frauen mit Kopftüchern geprägten Bezirke Wedding und Moabit voll vom Aufschwung erfasst worden sind. Man muss schon genau hinschauen, um die noch zaghaften Veränderungen im dortigen Staßenbild zu bemerken: ein Künstler-Atelier hier, eine Szenekneipe dort – und vor allem immer mehr junge Leute mit studentischem Habitus. Noch sind sie in der Minderheit, doch manche Ecken wie rund um die Malplaquetstraße in Wedding (nahe Leopoldplatz) haben sie schon vollständig okkupiert. Kurz gesagt: Schmuddeligkeit trifft auf Lifestyle. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, was bald die Oberhand gewinnen wird.
Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm 2015/2008) nach Alt-Bezirken* gem. Wohnmarktreport Berlin /eigenen Berechnungen
1. (1.) Mitte (Alt) (12,64 /9,54/+32,5%/ alternativ/repräsentativ)
2. (9.) Kreuzberg (11,18 /6,37/+75,5%/ alternativ/lebendig)
3. (4.) Prenzlauer Berg (10,81/7,32/+47,7%/ alternativ/neubürgerlich)
4. (7.) Friedrichshain (10,72/6,60/+62,4%/ alternativ/lebendig)
5. (2.) Wilmersdorf (10,18/8,06/+26,3%/ großbürgerlich/bürgerlich)
6. (6.) Schöneberg (10,06/7,24/+39,0%/ bürgerlich/lebendig)
7. (10.) Tiergarten**(10,06/6,33/+58,9%/ gemischt/lebendig)
8. (5.) Charlottenburg (9,89/7,24/+36,6%/ großbürgerlich/lebendig)
9. (3.) Zehlendorf (9,51/7,94/+19,8%/ großbürgerlich/bürgerlich)
10. (22.) Neukölln***(8,69/5,23/+66,2%/ alternativ/proletarisch)
11. (21.) Wedding (8,53/5,26/+62,2%/ proletarisch/lebendig)
12. (8.) Steglitz (8,47/6,45/+31,3%/ bürgerlich/kleinbürgerlich)
12. (11.) Pankow (8,45/6,28/+34,6%/ bürgerlich/lebendig)
13. (17.) Lichtenberg (8,35/5,50/+51,8%/ proletarisch/kleinbürgerlich)
16. (16.)Weißensee (8,17/5,50/+48,5%/ bürgerlich)
15. (12.) Köpenick (7,95/6,11/+30,1%/ bürgerlich/proletarisch)
17. (14.) Tempelhof (7,84/5,82/+34,7%/ kleinbürgerlich/bürgerlich)
18. (18.) Treptow (7,80/5,47/+42,6%/ proletarisch/lebendig)
19. (15.) Reinickendorf (7,47/5,76/+29,7%/ kleinbürgerlich/bürgerlich)
20. (13.) Hohenschönhausen (7,28/5,96/+22,2%/ proletarisch/gemischt)
21. (19.) Spandau (7,04/5,43/+29,7%/ kleinbürgerlich/lebendig)
22. (20.) Hellersdorf (6,89/5,30/+30,0%/ proletarisch/gemischt)
23. (23.) Marzahn (6,42/4,85/ +32,4%/ proletarisch/gemischt)
Berlin insgesamt (8,99/6,27/+43,4 %)
* Alt-Bezirke heißt: Man legt die 23 alten Bezirke von vor der Gebietsreform 2001 zugrunde und nicht die zwölf neuen Bezirke, die durch Zusammenlegungen von sozial z.T. sehr heterogenen Gebieten entstanden sind, was seitdem oft zu irreführenden Verzerrungen in den Statistiken geführt hat.
** Moabit (9,55/5,64/+69,3%/ proletarisch/lebendig)
Tiergarten-Süd (11,32/8,05/+40,6%/ repräsentativ/lebendig)
***Neukölln-Nord (9,64/5,08/+89,8%/ alternativ/proletarisch)
Neukölln-Süd (7,45/5,41/+37,7%/ kleinbürgerlich/proletarisch)
Top 30 aller Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2015/2008
1. 10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte/13,70/10,30/+33,0%)
2. 10117 Unter den Linden (Mitte/13,38/12,60/+ 6,2%)
3. 10119 Rosenthaler Platz (Mitte/13,06/9,00/+45,1%)
4. 10785 Potsdamer Platz / Lützowstr. (Tiergarten/13,01/7,80/+66,8%)
5. 10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg/12,01/8,60/+39,6%)
6. 10115 Chausseestraße (Mitte/11,99/8,40/+42,7%)
7. 10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg/11,80/7,80/+51,3%)
8. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg/11,79/6,30/+87,2%)
9. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenburg/11,61/6,60/+75,9%)
10. 14193 Grunewald (Wilmersdorf/11,61/10,60/+9,5%)
11. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg/11,50/6,00/+91,7%)
12. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg/11,50/6,20/+85,5%)
13. 14195 Dahlem (Zehlendorf/11,50/9,40/+22,3%)
14. 10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf/11,43/9,70/+17,8 %)
15. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg/11,41/9,00/+26,8%)
16. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain/11,11/6,60/+68,3%)
17. 10245 Ostkreuz / Boxhagener Platz (Friedrichshain/11,11/6,80/+63,4%)
18. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg/11,11/7,70/+44,3%)
19. 10777 Viktoria-Luise-Platz (Schöneberg/11,07/7,60/+45,7%)
20. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte/11,06/7,40/+49,5%)
21 .10967 Graefestraße (Kreuzberg/11,03/6,30/+75,1%)
22. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg/11,00/6,80/+61,8%)
23. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg/10,98/6,30/+74,3%)
24. 10623 Savignyplatz (Charlottenburg/10,86/9,00/+20,7%)
25. 10711 Halensee (Wilmersdorf/10,67/7,70/+38,6%)
26. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain/10,65/6,40/+66,4%)
27. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln/10,64/5,50/+93,5%)
28. 10707 Olivaer Platz / Kurfürstendamm (Wilmersdorf/10,60/8,40/+26,2%)
29. 10407 Danziger Straße (Prenzlauer Berg/10,57/ 7,20/ +46,8%)
30. 14057 Lietzensee (Charlottenburg/10,55/7,60/+38,8%)
Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Siebenjahreszeitraum
1. 12053 Rollbergstraße (Neukölln/10,37/4,90/+111,7%)
2. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln/10,04/5,00/+100,8%)
3. 12055 Richardplatz (Neukölln/10,00/5,00/+100,0%)
4. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln/10,01/5,10/+96,3%)
5. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln/10,64/5,50/+93,5%)
6. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln/10,01/5,20/+92,5%)
7. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg/11,50/6,00/+91,7%)
8. 12059 Weigandufer (Neukölln/9,53/5,00/+90,6%)
9. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln/9,45/5,00/+89,0%)
10. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg/11,79/6,30/+87,2%)
11. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg/11,50/6,20/+85,5%)
12. 13347 Nauener Platz (Wedding/9,09/5,10/+78,3%)
13. 10551 Birkenstraße (Moabit/Tiergarten/9,52/5,40/+76,3%)
14. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenb./11,61/6,60/+75,9%)
15. 10559 Stephanstraße (Moabit/Tiergarten/9,31/5,30/+75,7%)
16. 10553 Beusselstraße (Moabit/Tiergarten/8,94/5,10/+75,3%)
17. 10967 Graefestraße (Kreuzberg/11,03/6,30/+75,1%)
18. 13359 Soldiner Straße (Wedding/8,20/4,70/+74,5%)
19. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg/10,98/6,30/+74,3%)
20. 13357 Gesundbrunnen (Wedding/8,86/5,10/+73,7%)
21. 10317 Rummelsburg (Lichtenberg/10,00/5,80/+72,4%)
22. 10783 Bülowbogen/Bülowstraße (Schöneberg/9,62/5,60/+71,8%)
23. 10823 Alt-Schöneberg /Eisenacher Str. (Schöneberg/10,77/6,30/+71,0%)
24. 13351 Rehberge (Wedding/8,50/5,00/+70,0%)
25. 10827 Crellestraße/Kleistpark (Schöneberg/10,00/5,90/+69,5%)
26. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten/10,00/5,90/+69,5%)
27. 12435 Treptower Park (Treptow/ 9,65/5,70/+69,3%)
28. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain/11,11/6,60/+68,3%)
29. 10785 Potsdamer Platz/ Lützowstr. (Tiergarten/13,01/7,80/+66,8%)
30. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain/10,65/6,40/+66,4%)
Quelle jeweils: Wohnmarktreport Berlin / eigene Berechnungen
www.justament.de, 8.2.2016: Es lebe der Ska!
Scheiben vor Gericht spezial: Vor 40 Jahren gründete sich die Band Madness
Thomas Claer
Wohl jeder kennt „Our House“, den berühmten Song der englischen Band Madness aus den frühen Achtzigern, aber keineswegs allgemein bekannt ist, dass diese Band schon vor ihrer ganz großen Popularität eine Vorgeschichte als heißer Londoner Szene-Act hatte. Angefangen haben die späteren Brit-Pop-Giganten nämlich als lupenreine Ska-Formation, zunächst 1976 unter dem Namen The Invaders; seit April 1979 nannte sich die Band dann Madness.
Die Ska-Musik, die heute wohl nur noch Insidern ein Begriff ist, stammt ursprünglich aus Jamaika und gilt als temporeichere Vorläuferin der eher gemächlichen Reggae-Musik. Mit dieser gemeinsam hat sie den charakteristischen Offbeat, worunter in der Musik Töne zwischen den Zählzeiten eines Metrums verstanden werden. Diese raffinierte Akzentuierung wirkt auf das menschliche Gemüt dergestalt, dass ein starkes Bedürfnis nach rhythmischer Bewegung entsteht. Und weil ja der Ska, insbesondere in der Musik der frühen Madness, deutlich schneller ist als der Reggae, hat sich als seine Begleiterscheinung ein wilder und ganz und gar ungewöhnlicher Tanzstil etabliert, bei dem hektisch mit den Armen gerudert und der restliche Körper auf ganz eigenartige Weise verdreht wird: das Skanking. Besonders bizarr mutet es an, wenn eine Menschengruppe diesen Tanz synchronisiert hintereinander stehend aufführt. (Noch heute wird auf Ska-Konzerten so getanzt, wie ich vor ein paar Jahren beim Auftritt einer Ska-Gruppe in Berlin selbst erlebt habe.) In der Kurzbeschreibung heißt das so wie die unübertroffene Debüt-Platte der Band Madness: ONE STEP BEYOND!
Ihre Musikvideos aus jener frühen Phase sind so unglaublich gut, dass vor der weiteren Textlektüre wenigstens die hier vorgeschlagenen unbedingt in Augenschein genommen werden sollten:
https://www.youtube.com/watch?v=N-uyWAe0NhQ
https://www.youtube.com/watch?v=XJOLwy7un3U
https://www.youtube.com/watch?v=PSTHMxBttlU
https://www.youtube.com/watch?v=Pw-8AGRcyvk
https://www.youtube.com/watch?v=N1p8BNPn-Wg
https://www.youtube.com/watch?v=KwIe_sjKeAY
Eine ganz eigene Note bekommt der frühe Madness-Sound durch den ausschweifenden Einsatz des Saxophons. Überhaupt verleihen die vielen Bläser dieser Musik einen besonderen Charme. Allerdings hat so ziemlich alles, was dann nach der ihrerseits schon recht poppigen dritten Platte „Absolutely“ mit ihrem Mega-Hit „Our House“ (1982) kam, kaum noch etwas mit dem fulminanten Frühwerk dieser Band zu tun. Und das liegt wohl nicht nur an der Kommerzialisierung ihres Sounds allein.
Es klingt verrückt, und das war es auch. Ausgerechnet diese ursprünglich aus Jamaika stammende Musik hat seinerzeit Fans aus dem rechtsradikalen Spektrum angezogen. Aber natürlich nicht nur solche. Zwei sehr unterschiedliche subkulturelle Lager standen sich damals in London um 1980 auf Ska-Konzerten, insbesondere auch auf jenen von Madness, gegenüber: auf der einen Seite die eher bürgerlichen Mods in ihren maßgeschneiderten Anzügen und mit Pork Pie-Hüten. (Das war natürlich ein provozierender Kontrapunkt gegen die damals dominante Schlurfi-Kultur der Hippies.) Den Mods nahestehend waren die Suedeheads, eine ebenfalls eher bürgerliche Variante der frühen Skinheads ohne politische Ausrichtung. Und auf der anderen Seite die damals noch junge Bewegung der Skinheads, die aus den ursprünglich von jamaikanischen Einwanderern gegründeten Rudeboys hervorgegangen war und später von rassistischen Londoner Arbeiterklasse-Jugendlichen okkupiert wurde. Wobei diese jungen Rassisten dann nicht nur den optischen Stil der jamaikanischen Jugendlichen – Arbeitsstiefel, Hosenträger, Kurzhaarfrisuren – kopierten, sondern auch deren Musik, den Ska, für sich vereinnahmten. Es soll zu jener Zeit bei Madness-Konzerten auch häufig zu Schlägereien zwischen Mods/Suedeheads und rechtsradikalen Skinheads gekommen sein. Als beim Madness-Auftritt einmal eine Vorgruppe mit dunkelhäutigem Sänger spielte, wurde dieser von Skinheads aus dem Publikum rassistisch beleidigt, woraufhin sich mehrere Bandmitglieder von Madness mit Teilen des Publikums prügelten. Vermutlich war die Band irgendwann auch dieser „Skinhead-Kontroverse“ überdrüssig und öffnete sich immer umfassender in Richtung Allerweltspop…
Aber wie bin ich überhaupt auf Madness gekommen? Es war in den frühen Neunzigern. In meinem Oberstufen-Schuljahrgang in Bremen gab es einen, der schon etwas älter war, weil er zwei Klassen wiederholen musste. Er hatte den Spitznamen Dicke Bahns, was wohl eine Verballhornung seines bürgerlichen Namens Dirk B. gewesen sein muss. Dicke Bahns war bekannt für seinen exzentrischen wie exzellenten Musikgeschmack. Er hörte nur das ganz schräge Zeug: Phillip Boa, die Pogues, die Pixies natürlich sowieso. Einmal beobachtete ich auf dem Schulhof, wie ihm jemand eine Audio-Cassette in die Hand drückte und ihm sagte: „Machste da mal Phillip Boa rauf?!“ „Jo, geht klar.“ Das wollte ich auch, und ich bekam es. Dirk mixte auch für mich ein Phillip Boa-Tape. Der frühe Phillip Boa war natürlich ganz heißer Stoff, das Beste überhaupt. Und dann traute ich mich irgendwann, Dirk zu fragen: „Wie heißt eigentlich die Band, die „Our House“ singt?“ Er sah mich Ahnungslosen sehr mitleidig an und antwortete mit süffisantem Grinsen: „Madness“. Einige Zeit darauf waren wir bei Dicke Bahns zum Geburtstag eingeladen, was schon eine große Ehre war. Und da sah ich in Dirks Zimmer seine Plattensammlung, die mich vor Neid erblassen ließ. Einige Platten lagen scheinbar zufällig und wahllos angeordnet im Zimmer herum. (Heute denke ich, die hat Dirk vor unserem Besuch extra so hingelegt, um uns zu beeindrucken.) Und neben mehreren streng limitierten Editionen, zum Teil mit farbigem Vinyl, von den Pogues und den Smiths lag da auch „One Step Beyond“ von Madness. Es versteht sich von selbst, dass ich mir diese Platte bei nächster Gelegenheit auf dem Flohmarkt besorgte – und dass ihr noch heute ein Ehrenplatz in meiner Plattensammlung zukommt!
Madness – One Step Beyond – 35th Anniversary Edition (CD+DVD)
Union Square Music (Soulfood)
ASIN: B00MH9NERS
11,69 EUR (bei Amazon)
PS: Von der anderen großen Ska-Gruppe jener Zeit neben Madness, den Specials, die zur Hälfte aus dunkelhäutigen Musikern bestanden, gibt es sogar eine „Skinhead Symphony“:
https://www.youtube.com/watch?v=kwAMvg97FMI
https://www.youtube.com/watch?v=cntvEDbagAw
https://www.youtube.com/watch?v=lgCZN1rU5co