Tag Archives: Rockmusik

www.justament.de, 16.5.2016: Uns Udo wird 70

Scheiben vor Gericht Spezial

Thomas Claer

Udo LindenbergRockmusik in deutscher Sprache, das musste man sich erst mal trauen. Udo Lindenberg gehörte in den frühen Siebzigern zu den ersten, die sich daran versuchten. Zum einen bereicherte er mit den Texten seiner mitreißenden Songs die deutsche Sprache als origineller Sprücheklopfer („Alles klar auf der Andrea Doria“, „Die Rock’n‘ Roll-Gespenster sind weg vom Fenster“). Im Kosmos der Lindenberg-Texte war immer irgendwie „alles easy“, auch noch, als irgendwann niemand mehr so sprach wie er und schon gar nicht die Jugend.

Aber zum anderen war da auch noch der empfindsame junge Mann mit den langen Haaren und zunächst noch ohne den später obligatorischen Hut, der seine Irritation über diese Welt auf anrührende Weise besang: „Du spieltest Cello/ in jedem Saal in unserer Gegend / ich saß immer in der ersten Reihe/ und ich fand dich so erregend“. Unglaublich schöne, poetische, zärtliche, romantische Songs sind in diesen frühen Jahren entstanden: „Ich träume oft davon, ein Segelboot zu klau‘n“ etwa oder „Bitte keine Love-Story“. Und natürlich auch das berühmte „Mädchen aus Ost-Berlin“ (1973), das die zwischenmenschliche Seite der deutschen Teilung aus westlicher Sicht beschreibt.

Vielleicht war das Bemerkenswerteste an Udo Lindenbergs späteren Schaffensperioden, die in künstlerischer Hinsicht längst nicht mehr mit seinem überwältigenden Frühwerk mithalten konnten, sein unablässiges Engagement für seine vielen Fans in der DDR. Zu einer Zeit als sich die westdeutsche Jugend schon lange nicht mehr für ihre ostdeutschen Altersgenossen interessierte und Kritik an den Zuständen im Realsozialismus mitunter als entspannungsfeindliche Hetze verpönt war, forderte er unverdrossen eine „Rock’n‘ Roll-Arena in Jena“, wollte mit dem „Sonderzug nach Pankow“ zu Erich Honecker fahren, der ihn jahrelang nicht in der DDR auftreten ließ, und veralberte den notorisch humorlosen Staats- und Parteichef später erneut in „Der Generalsekretär“.

Nach der Wiedervereinigung fiel Udo Lindenberg dann in eine tiefe Schaffenskrise, aus der er sich erst 2008 mit dem fulminanten Comeback-Album „Stark wie zwei“ befreite. Seitdem ist er wieder obenauf, tourt unablässig und füllt ganze Stadien, woran früher nicht zu denken war. Es sei ihm von Herzen gegönnt. Besonders hoch anzurechnen ist ihm ferner sein beharrlicher Einsatz gegen Rechtsextremismus, insbesondere in Ostdeutschland. Am 17. Mai feiert der große Udo Lindenberg seinen 70. Geburtstag. Prostata!

www.justament.de, 14.9.2015: Erst das Model, dann die Kosaken

Die „Ukrainians“ präsentieren die Geschichte der Rockmusik – natürlich auf Ukrainisch!

Thomas Claer

ukrainiansDie Geburtsstunde der Ukrainians war in den späten Achtzigern. Peter Solowka, ukrainischstämmiger Gitarrist der damals sehr angesagten englischen Indie-Band „The Wedding Present“ spielte auf einer der legendären John-Peel-Sessions bei der BBC während einer Pause zwischen den Aufnahmen ein ukrainisches Volkslied vor sich hin, woraufhin DJ-Ikone John Peel die Band mit der Idee überraschte, sie solle doch mal eine Platte mit ukrainischen Volksliedern einspielen – durchsetzt mit Rock- und Punkelementen, versteht sich. Gesagt getan, es wurden noch zwei geeignete Gastmusiker engagiert, der fabelhafte Sänger und Geiger Len Liggins und der Mandolinenspieler Roman Remeynes – und heraus kam im April 1989 die völlig verrückte Mini-LP „Ukrainski Vistupi V Iwana Piela“, eine Platte, die Maßstäbe setzte für so ziemlich alles, was in diesem Genre fortan noch kommen sollte: von den Leningrad Cowboys bis zu Wladimir Kaminers Russendisko. Als Wedding-Present-Gitarrist Peter Solowka dann 1991 nach Differenzen mit Bandleader David Gedge aus der Band geworfen wurde, gründete er kurzentschlossen mit den besagten früheren Gastmusikern Len Liggins und Roman Remeynes seine eigene Combo – und das waren und sind noch heute die „Ukrainians“. Über die Jahre veröffentlichten sie fünf durchweg überzeugende Alben mit überwiegend eigenen Kompositionen zwischen Punkrock und ukrainischer Folklore.

Eine besondere Spezialität der Band waren aber seit 1993, als sie eine grandiose EP mit Liedern der Kollegen von The Smiths im ukrainischen Klangbild veröffentlichte („Pisni is The Smiths“), Coverversionen westlicher Rocksongs im krawallfolkloristisch-ukrainischen Gewand. Weitere Song-Adaptionen dieser Art von Kraftwerk- (1996), Prince- (1996) und Sexpistols-Liedern (2002) folgten. Und welch eine Freude – nun präsentieren sie uns ein ganzes Album von dieser Sorte! Die inzwischen bis auf die Gründungsmitglieder Peter Solowka und Len Liggins runderneuerte Band unternimmt dabei einen Streifzug durch die Geschichte der Rockmusik und überführt dabei 16 unsterbliche Klassiker – u.a. von den Beatles, Nirvana, den Beach Boys und The Velvet Underground – in den Ukrainians-Klangkosmos. Jede dieser sonderbaren Song-Versionen ist auf eigene Weise interessant. Vor allem bei den mollgetönten Stücken wie etwa „The One I Love“ von R.E.M. muss man schon sehr genau hinhören, um zu bemerken, dass es sich hier NICHT um alte ukrainische Volkslieder handelt, so täuschend echt gelingen die Adaptionen. Manchmal, wie zur Verdeutlichung dieser melodischen Verwandtschaft, bauen sie in einen Popsong am Ende auch einfach noch eine alte Volksweise mit ein. So endet die ukrainische Version des Kraftwerk-Evergreens „Das Model“ mit einem Kosakenmarsch. Lobend hervorzuheben ist schließlich ist auch noch die aktuell-politisch anspielungsreiche Anordnung des Eröffnungssongs: Es handelt sich um “Back in the U.S.S.R.“ von den Beatles! Alles in allem also ein Riesenspaß. Das Urteil lautet: 14 Punkte (gut).

The Ukrainians
Istoria Rok-Musiki Ukrainskoju Mowoju
A History Of Rock Music In Ukrainian
Zirka Records 2015
ZRKCD10