Justament, Nov. 2011: Odin für alle!

Torfrock haben eine neue Best-of-CD-Box, werden von der rechten Szene vereinnahmt und wehren sich

Thomas Claer

Cover TorfrockDie beinharte Bagaluten-Band Torfrock (gegründet 1977) hat – vordergründig betrachtet – textlich und musikalisch so manches im Gepäck, was rechten Kameraden gefallen könnte. Mehrere ältere Lieder der Spaß-Combo handeln von Rollo dem Wikinger, der mit seinen Gefolgsleuten nach altgermanischem Brauch in großen Mengen Met in sich hineinschüttet, um dann zahlreiche Eigentums-, Sittlichkeits- und Körperverletzungsdelikte zu begehen. Auch beten die Mannen aus der Wikingersiedlung Haitabu – und ihre Frauen wie die „volle Granate“ Renate – regelmäßig zum Germanengott Odin (auch bekannt als Votan). Alle diese Informationen hat nach früheren Verlautbarungen der Band ein gewisser Willi Wühlkelle, Leiter des Amtes für Altertumsforschung im fiktiven Torfstecherdorf Torfmoorholm, ausgerechnet einem Runenstein in eben jenem Torfmoorholm entnommen. Und musikalisch sorgt insbesondere das pfiffige Flöten- und Krummhornspiel von Bandleader Klaus Büchner, heute 62, in diesen Songs für die Anmutung: So könnte die Musik der alten Wikinger einst geklungen haben.
Aber natürlich ist das Unsinn! Nicht nur, weil Klaus Büchners wichtigste Flöte in Wirklichkeit aus Südamerika stammt, sondern weil das ganze, auch die entsprechende Bühnenshow mit den Plastik-Wikingerhelmen und den Odin-Rufen in den Konzerten, nur ein eklektizistisch verfahrender Folklore-Klamauk ist. Aber einer von großer musikalischer Eingängigkeit und überwätligender textlicher Komik. Und Torfrock, deren wichtigste Schaffensphase von 1977 bis 1980 währte, sind immer noch ziemlich aktiv, bevorzugt mit Live-Auftritten im norddeutschen ländlichen und kleinstädtischen Raum. So kommt es wohl, dass manche Blut- und Boden-Dumpfbacken das in den falschen Hals kriegen und auf YouTube unter den Torfrock-Songs (und unter Torfrock-Covern rechtsradikaler Bands) ihre scheußliche Propaganda posten. Da bleibt den guten Torfmoorholmern nur die schärfste Abgrenzung. Auf ihrer Homepage http://www.torfrock.de heißt es inzwischen im liebenswert holprigen und grammatikalisch stets unsauberen Torfrock-Sprech: „Wir daddeln für alle Welt, schwarz oder weiss- und labern kein Rassisten-Scheiss!“ Das komplette Frühwerk der Band, nämlich sämtliche Songs ihrer ersten beiden Platten „…dat matscht so schön“ (1977) und „Ratta-Ta-Zong“ (1978), sowie einige bessere Stücke aus späteren Jahren finden sich jetzt auf einem umfangreichen Sampler mit dem etwas irreführenden Namen „Neues aus Torfmoorholm“. Das Urteil lautet: gut (14 Punkte).

Torfrock
Neues aus Torfmoorholm (3CDs)
Sony Music 2010
Ca. € 10,-
ASIN: B003XIO8LI

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