Category Archives: Über Musik

Justament Mai 2012: Rücksichtslos emotional

Maike Rosa Vogel verblüfft auf ihrem zweiten Album „Unvollkommen“

Thomas Claer

Cover Maike RosaEs gibt sie noch, die Liedermacher. Nur ganz vereinzelt zwar, doch manchmal sind sie sogar jung und weiblich und haben einen Namen, der so vollkommen klingt, als ob er ausgedacht wäre, es aber gar nicht ist. Maike Rosa Vogel hieß schon so, als sie 1978 in einem sozialistischen Elternhaus in Frankfurt am Main das Licht der Welt erblickte, wobei für ihren zweiten Vornamen niemand anders als Rosa Luxemburg Pate stand. Und aufgewachsen ist sie, was tiefe Spuren hinterlassen hat, mit der Musik von Wolf Biermann und Franz-Josef Degenhardt. Sie hat die Schule vorzeitig abgebrochen, später als Postbotin, Kellnerin und Fahrradkurier gearbeitet und dabei immer Musik gemacht. Was für eine Biographie! Irgendwann besuchte sie die Popakademie in Mannheim und ist danach in Berlin gelandet. Dort ist im vorigen Jahr nach „Golden“ (2008) nun ihr zweites Album „Unvollkommen“ erschienen, produziert von keinem Geringeren als Sven Regener, der ihr bekennender Fan wurde und sie auch gleich als Vorprogramm für die letzte Element Of Crime-Tour engagiert hat. Niemand weiß, was ohne diesen prominenten Mentor aus ihr geworden wäre. Doch ist es wohl ein Glücksfall, wie es gekommen ist, denn Maike Rosa Vogel fällt in jeder Hinsicht aus dem Rahmen. So wie ihre Kindheits-Idole vermag sie allein mit ihrer akustischen Gitarre, die im Stil der Protestsänger nicht gezupft, sondern geschlagen wird, mehr Krach zu machen als so manche vielköpfige Band. Ihre mit leicht nasaler Stimme immer etwas rotzig vorgetragen Songs handeln, da nimmt die Sängerin kein Blatt vor den Mund, immer nur von ihr selbst, was aber gleichwohl, zumindest in ihren Augen, höchste politische Relevanz besitzt. Die Personen in ihnen erkennen sich daran, dass sie sich „falsch in dieser Welt“ fühlen. Und „Menschen werden nicht geliebt, weil sie so schön sind, sondern weil sie eine eigene Welt in sich tragen.“ Ja, so wünscht man es sich zumindest. Die rücksichtslos emotionalen, manchmal sehr direkten, oft aber auch ziemlich verschwurbelten und in all ihrer Ausführlichkeit nicht immer vollständig erschließbaren Texte mögen für manchen „mieser Pädagogikstudentinnen-Pseudo-Emokram“ sein (so heißt es in einem Kommentar auf YouTube). Und doch hat Maike Rosa Vogel auf „Unvollkommen“ eine Musik geschaffen, die Menschen „tief drin berühren“ will. Und es auch tut. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Unvollkommen
Our Choice (Rough Trade) 2011
Ca. € 17,-
ASIN: B004FGWF7G

Justament März 2012: Göttin Polly

PJ Harvey übertrifft sich selbst auf „Let England Shake“

Thomas Claer

Cover PJWenn Popsänger ein „politisches Album“ aufnehmen, dann ist höchste Vorsicht geboten. Man darf getrost davon ausgehen, dass ihnen künstlerisch nichts mehr einfällt und sie den Fans stattdessen nur ihre tadellose Gesinnung verkaufen wollen. Nein, der Hinweis auf diese so vielfach erlebte Gesetzmäßigkeit der Branche soll keine Entschuldigung sein, aber kann doch immerhin erklären, weshalb „Let England Shake“ von PJ Harvey so lange der Besprechung bei uns harren musste. Und schließlich hatten wir PJ ja auch schon zweimal in dieser Rubrik, und außerdem ist ihr inzwischen mit Anna Calvi gewissermaßen eine kleine Schwester herangewachsen, deren Debüt-CD ihrerseits noch zu besprechen wäre. Allein, „Let England Shake“ beweist, wie gründlich man sich doch täuschen kann! Reumütig muss der Rezensent bekennen, nicht nur dieses Album, sondern auch die Musikerin PJ Harvey bislang völlig unterschätzt zu haben. Wer sie bisher für eine ziemlich gute Sängerin und Komponistin mit vielen exzellenten Produktionen gehalten hat, sieht sich jetzt eher mit einer, ja, Pop-Göttin konfrontiert. Nein, darunter machen wir es auf keinen Fall, denn nach jedem erneuten Hören wächst die Gewissheit, seit Jahren nichts Vergleichbares im CD-Player gehabt zu haben. Da erscheint es dann auch ganz passend, dass das Werk in einer Kirche aus dem neunzehnten Jahrhundert in Dorset im Südwesten Englands aufgenommen wurde. Religiöse Konnotationen sind hier ohne weiteres angebracht. Doch auch wenn man versucht, dieses erlesene Meisterwerk ganz nüchtern zu betrachten, kommt man nicht umhin festzustellen, dass PJ Harvey auf ihren letzten Platten immer, immer besser geworden ist und sich nun, mit 42 Jahren, das ist der einzige Wermutstropfen, wohl nicht mehr weiter steigern kann. Eine solche Stimmigkeit, Eindringlichkeit und Leidenschaft zugleich, ein solch vollendetes Songwriting… Da tritt die inhaltliche Dimension der Lieder eher in den Hintergrund, doch kann auch sie überzeugen, denn es hat sich ja inzwischen längst bewahrheitet: Wer wollte England nach seinem alleinigen Ausscheren beim Euro-Rettungsgipfel nicht mal so richtig durchschütteln? Um es ganz schlicht mit der Moderatorin einer inzwischen abgesetzten Fernseh-Literatursendung zu sagen: Hören! Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).

PJ Harvey
Let England Shake
Island (Universal) 2011
Ca. € 17,-
ASIN: B004IXJEWK

Justament März 2012: 30 Jahre Trio-Platte

Scheiben vor Gericht Spezial

Thomas Claer

Cover TrioVor zehn Jahren hatten wir „9/11“, vor 20 Jahren erschien „Nevermind“ von Nirvana, aber vor 30 Jahren gab es ein Erdbeben in der deutschen Musiklandschaft, das die Welt noch nicht gesehen hatte – ausgelöst von einer bis dahin völlig unbekannten Formation aus dem niedersächsischen Großenkneten. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie damals plötzlich überall Trio-Herzen auf die Schulwände und –bänke geritzt und gezeichnet waren, das linke immer durchgestrichen. An jeder Ecke ertönte „Da Da Da – Ichliebdichnichtduliebstmichnicht“ und später dann auch „Anna – Lassmichreinlassmichraus“. Ja, auch wir in der damaligen DDR waren vom Trio-Fieber befallen. Was der breiten Masse aber entging (und damit leider auch mir, der ich seinerzeit noch zu klein und zu dumm dafür war), waren die noch aus der prä-kommerziellen Phase der Band stammenden kolossalen Songs des ersten Trio-Albums, auf dem der spätere Welthit „Da Da Da“ ursprünglich noch gar nicht enthalten war. Dieser einzigartige „Kuhstall-Sound“, eine wilde Mischung aus Punk und Dada, galt zu jener Zeit nur als etwas für die richtig harten Jungs. Es gab an unserer Schule so eine Clique aus Neunt- oder Zehntklässlern, die immer in einer Garage abhingen. Es wurde erzählt, sie hätten billigstes Hafenbräu-Bier gesoffen und Karo-Zigaretten ohne Filter gequarzt und dabei die Trio-Platte rauf und runter gehört, natürlich die irgendwie ins Land geschmuggelte und vom hundertfachen Kopieren arg lädierte Version auf einem Mono-Kassettenrekorder. In unserer Spießer-Diktatur war so etwas natürlich als absolut anrüchig verschrien, aber den Jungs war es egal. (Heutzutage sind Garagen-Gangs ja generell rehabilitiert. Auch Facebook wurde schließlich in einer Garage gegründet.) Erst ein Jahrzehnt später, nach der Wiedervereinigung, als Kurt Cobain auf MTV alles niederbrüllte, kaufte ich mir die Trio-Platte auf einem Flohmarkt in Bremen und wurde auf der Stelle zum Fan. Heute dokumentiert der Wikipedia-Eintrag „Trio (Album)“ ausführlich die Entstehungsgeschichte jedes einzelnen Songs von „Ja ja ja“ bis zu „Los Paul – du musst ihm voll in die Eier hau’n“. Von Musikjournalisten wurde „Trio“ mal zum besten deutschsprachigen Album aller Zeiten gewählt. Dem ist nichts hinzuzufügen. Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).

Trio
Trio
Mercury (Universal 1981
Ca. € 17,- (gebraucht)
ASIN: B000005S09

Justament Nov. 2011: Plim-plim und Geknatter

Björk enttäuscht auf „Biophilia“

Thomas Claer

Cover BjörkWas haben wir Björk geliebt in all den Jahren – und nicht nur ihre musikalische Wandlungsfähigkeit vom Chaos-Punk ihrer Mädchenband Kukl, die 1986 als Vorgruppe der Einstürzenden Neubauten in West-Berlin zu sehen war, über den College-Pop der Sugarcubes bis hin zu den grandiosen Solo-Platten wie „Post“ (1995) oder „Homogenic“ (1997). Vor allem auch waren es die mit dem Erscheinen ihrer Alben jeweils verbundenen optischen Neuinszenierungen mit all den verrückten Kleidern und Kostümen, die uns immer wieder so entzückten. Björk, so läst sich heute sagen, ist Islands wirkungsmächtigster Kulturexport seit Brünhilde mit dem Temperament eines Eyjafjallajökull. (Unvergesslich, wie sie vor Jahren eine Journalistin malträtierte, die sich auf einem Flughafen ihrem Sohn genähert hatte.) Doch auch die reiferen Platten der heute 46-jährigen, deren Erscheinungsintervalle sich vernünftigerweise mit der Zeit etwas vergrößerten, hatten ihre Qualitäten. So konnte noch ihr Vorgängeralbum „Volta“ in seiner melodiösen und rastlosen Zugänglichkeit rundweg überzeugen (Justament 4-2007 berichtete). Und nun also das technisch beispiellos hochgerüstete „Biophilia“, ihr siebtes Solo-Studioalbum, „das von einem Multimediapaket aus Apps, Installationen, Live-Shows, Workshops, speziell angefertigten Instrumenten, einer Filmdokumentation und einer Website mit 3D-Animationen begleitet wird“, weiß Wikipedia. Aber so klingt die Platte dann leider auch über weite Strecken – nach steriler Multimedia. Viel Plim-Plim und Techno-Gewummer, dazwischen wieder Chorgesänge (die schon ihr 2001er Album „Vespertine“ nach unten gezogen haben) und seltsame Sphärenklänge. Gut wird es eigentlich nur dann, wenn Björks noch immer kraftvolle Stimme da mal durchdringt. Und in einigen besseren Momenten stellt sich auf „Biophilia“ auch beinahe wieder der alte Zauber ein. Doch ganz überwiegend geraten die leisen Klänge larmoyant, und die kräftigeren werden zum stumpfen Geknatter. Dazu passt leider auch Björks Outfit. Viel ist nicht von ihr zu erkennen unter einer überdimensionierten grellroten Perücke und einem metallischen Kleid. Wie konnte ihr nur die Stilsicherheit vergangener Tage so abhanden kommen? Das Gesamturteil lautet: befriedigend (8 Punkte).

Björk
Biophilia
Vertigo Be (Universal) 2010
Ca. € 17,-
ASIN: B00425DMO0

Justament, Nov. 2011: Odin für alle!

Torfrock haben eine neue Best-of-CD-Box, werden von der rechten Szene vereinnahmt und wehren sich

Thomas Claer

Cover TorfrockDie beinharte Bagaluten-Band Torfrock (gegründet 1977) hat – vordergründig betrachtet – textlich und musikalisch so manches im Gepäck, was rechten Kameraden gefallen könnte. Mehrere ältere Lieder der Spaß-Combo handeln von Rollo dem Wikinger, der mit seinen Gefolgsleuten nach altgermanischem Brauch in großen Mengen Met in sich hineinschüttet, um dann zahlreiche Eigentums-, Sittlichkeits- und Körperverletzungsdelikte zu begehen. Auch beten die Mannen aus der Wikingersiedlung Haitabu – und ihre Frauen wie die „volle Granate“ Renate – regelmäßig zum Germanengott Odin (auch bekannt als Votan). Alle diese Informationen hat nach früheren Verlautbarungen der Band ein gewisser Willi Wühlkelle, Leiter des Amtes für Altertumsforschung im fiktiven Torfstecherdorf Torfmoorholm, ausgerechnet einem Runenstein in eben jenem Torfmoorholm entnommen. Und musikalisch sorgt insbesondere das pfiffige Flöten- und Krummhornspiel von Bandleader Klaus Büchner, heute 62, in diesen Songs für die Anmutung: So könnte die Musik der alten Wikinger einst geklungen haben.
Aber natürlich ist das Unsinn! Nicht nur, weil Klaus Büchners wichtigste Flöte in Wirklichkeit aus Südamerika stammt, sondern weil das ganze, auch die entsprechende Bühnenshow mit den Plastik-Wikingerhelmen und den Odin-Rufen in den Konzerten, nur ein eklektizistisch verfahrender Folklore-Klamauk ist. Aber einer von großer musikalischer Eingängigkeit und überwätligender textlicher Komik. Und Torfrock, deren wichtigste Schaffensphase von 1977 bis 1980 währte, sind immer noch ziemlich aktiv, bevorzugt mit Live-Auftritten im norddeutschen ländlichen und kleinstädtischen Raum. So kommt es wohl, dass manche Blut- und Boden-Dumpfbacken das in den falschen Hals kriegen und auf YouTube unter den Torfrock-Songs (und unter Torfrock-Covern rechtsradikaler Bands) ihre scheußliche Propaganda posten. Da bleibt den guten Torfmoorholmern nur die schärfste Abgrenzung. Auf ihrer Homepage http://www.torfrock.de heißt es inzwischen im liebenswert holprigen und grammatikalisch stets unsauberen Torfrock-Sprech: „Wir daddeln für alle Welt, schwarz oder weiss- und labern kein Rassisten-Scheiss!“ Das komplette Frühwerk der Band, nämlich sämtliche Songs ihrer ersten beiden Platten „…dat matscht so schön“ (1977) und „Ratta-Ta-Zong“ (1978), sowie einige bessere Stücke aus späteren Jahren finden sich jetzt auf einem umfangreichen Sampler mit dem etwas irreführenden Namen „Neues aus Torfmoorholm“. Das Urteil lautet: gut (14 Punkte).

Torfrock
Neues aus Torfmoorholm (3CDs)
Sony Music 2010
Ca. € 10,-
ASIN: B003XIO8LI

Justament Sept. 2011: Reduziert bis opulent

Nina Nastasia klingt auf “Ootlaster” überraschend vielschichtig

Thomas Claer

27 SCHEIBEN Nina Nastasia Cover OutlasterEin vielleicht ewiger Geheimtipp ist sie: die ausgerechnet aus Hollywood (andere Quellen sagen: aus Los Angeles) stammende US-amerikanische Sängerin und Songwriterin Nina Nastasia. Anfang der Neunziger soll es sie nach New York verschlagen haben, wo sie sich, glaubt man http://www.laut.de, zunächst als Kellnerin verdingt hat, dabei aber so unglücklich war, dass sie schon bald darauf Musik zu machen begann. Seitdem gilt Nina Nastasia als die zumeist traurige Frau mit der akustischen Gitarre, deren Songs bevorzugt als “freudlos” oder auch “bittersüß” beschrieben werden. Entdeckt wurde sie damals vom Doyen aller Indie-Produzenten, Steve Albini, der schon den Pixies, PJ Harvey und Nirvana die rechten Aufnahme- und Einspielungswege wies und das fortan auch bei Nina Nastasia tat. Ihr 2000er Debüt “Dogs” gehörte dabei zu seinen ganz großen Favoriten. Und auch der selige BBC-DJ John Peel zählte zu Ninas Fans. Nun hatten aber ihre vier folgenden Alben, um es wohlwollend zu sagen, einen großen Wiedererkennungswert. Zwar erweiterte sich mit der Instrumentierung allmählich auch das musikalische Spektrum: Das sehr feine “Run to Ruin” (2003) enthielt ausschließlich Streichinstrumente, die Co-Produktion “You Follow Me” (2007) mit Jack White von den Dirty Three wurde auch maßgeblich von dessen Schlagzeug bestimmt. Doch erst auf dem aktuellen Album “Outlaster” ist Nina Nastasia mit ungeheurer Wucht über sich und ihre früheren Veröffentlichungen hinausgewachsen. Viel gewagt hat sie, so muss man befinden, und noch mehr gewonnen! Unmöglich zu benennen, wie viele unterschiedlichste musikalische Einflüsse hier zusammenkommen: Ein Tango fehlt ebenso wenig wie Streichorchesterklänge – bis hin zu orientalisch anmutendem Gesang. Aber dieser Eklektizismus funktioniert großartig, und das nicht zuletzt, weil die Klangpoetin aus Wildwest dies alles stimmlich mit bemerkenswerter Souveränität bewältigt. Allenfalls das eine oder andere Vibrato hätte sie besser ausgespart, was aber nicht weiter ins Gewicht fällt.
Unterstützend wirkt sich freilich auch die Präsenz des Multiinstrumentalisten Paul Bryan und weiterer hochkarätiger Gastmusiker aus. In der Summe erleben wir auf “Outlaster” die leidenschaftlichste Nina Nastasia, die wir je hatten. Das Urteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Nina Nastasia – Outlaster
Outlaster
Fat Cat (rough trade) 2010
Ca. € 17,-
ASIN: B00009NH6K

Justament Sept. 2011: Zum Tod von Amy Winehouse

Scheiben vor Gericht – spezial –

Thomas Claer

26 SCHEIBEN Amy Cover1Seit mindestens zwei Jahren war ein neues Album der britischen Sängerin und Songwriterin Amy Winehouse (1983-2011) angekündigt, dessen Erscheinen aber immer wieder verschoben wurde. Wir hätten es, wäre es denn erschienen, an dieser Stelle prominent gewürdigt. Dazu wird es nun nicht mehr kommen, wobei man natürlich nicht weiß, wie viel unveröffentlichtes Material in den nächsten Monaten noch posthum in Michael Jackson-Manier auf den Markt geworfen wird. Als Amy Winehouse ihre epochalen Platten “Frank” und “Black to Black” veröffentlichte, gab es diese Rubrik noch nicht. So wollen wir dieser Ausnahmekünstlerin zumindest jetzt die Ehre erweisen, die ihr gebührt.
26 SCHEIBEN Amy Cover2Es war schon eine Tragödie mit dieser ungewöhnlich begabten Sängerin, der Tochter eines jazzbegeisterten Londoner Taxifahrers jüdischer Abstammung. Eine solche Stimme hatte es in der Popmusik lange nicht mehr gegeben. So inbrünstig und traurig, so durchdringend und schön sang sie uns von Liebe und Schmerz, von ihrem Leiden an dieser Welt. Wie aufregend war ihre Wiederbelebung der schwärzesten Soulmusik aus den Sechzigern, wie extravagant ihre dazu passende Bienenstock-Frisur. Doch kaum war sie von den Kritikern hochgejubelt und vom Massenpublikum entdeckt, da erwies sich ihre Prominenz auch schon als Fluch. Bald wirkte sie so kaputt, so völlig fertig, so durch den Wind, wie kein Image-Berater es besser hätte für sie erfinden können. Nur leider war es keine Show. Sie pfiff tatsächlich fortwährend auf dem letzten Loch, und niemand konnte ihr helfen. Arme Amy! Ihre Lunge war krank von den vielen Zigaretten und vom Crack, auch ihr Magen machte das nicht mehr mit. Die zerstörerische Hassliebe zu ihrem vorübergehenden Ehemann Blake Fielder-Civil füllte über die Jahre ebenso regelmäßig die Klatschspalten der Boulevard- und Musikpresse wie ihre ständigen Alkohol- und sonstigen Drogenexzesse. Am Ende verweigerte sie nach mehreren fehlgeschlagenen Entziehungskuren auch die Einnahme von Medikamenten gegen ihre manisch-depressive Störung.
Love is a Losing Game! Nun gehört auch sie zum obskuren “Club 27”, zu dem eine Reihe legendärer Musiker gezählt werden, die im Alter von 27 Jahren gestorben sind: Janis Joplin (Überdosis Heroin 1970) war gerade vor einer Woche auf arte zu sehen, außerdem Brian Jones (im Swimmingpool ertrunken 1969), Jimi Hendrix (erstickt am Erbrochenen 1970), Jim Morrison (Herzversagen 1971) und Kurt Cobain (Kopfschuss mit Schrotflinte 1994). In Deutschland erwischte es die melancholische Chanteuse Alexandra (Verkehrsunfall 1969) in diesem Alter. Durch ihren frühen Tod ist Amy Winehouse nun endgültig unsterblich geworden. Das Urteil lautet: gut (15 Punkte).

Amy Winehouse
Back to Black
Island (Universal) 2006
Ca. € 10,-
ASIN: B000KG5THI

Amy Winehouse
Frank
Mercury (Universal) 2004
Ca. € 7,-
ASIN: B0002N4U1A

www.justament.de, 23.5.2011: Seelenverkäufer

R.E.M. auf ihrem neuen Album Collapse into Now

Thomas Claer

scheiben-tc-rem-collapsEin neues Album von R.E.M.? Na und? Wen interessiert das denn? Mit denen ist man doch schon seit Ewigkeiten fertig, denkt man. Spätestens seit 1996, seit ihrem Fünfplattenvertrag mit Warner, der ihnen die damals allgemein als obszön empfundene Summe von 80 Millionen US-Dollar einbrachte, hatten die einstigen Galionsfiguren des amerikanischen Alternative-Rock ganz einfach jede Credibility verloren. Aber es gibt sie noch. Und in Zeiten, wo junge blasse Nerds für zusammengeschusterte Internetseiten Milliarden einsacken, sieht man vielleicht manches in milderem Licht. Außerdem wurde die neue Platte teilweise in Berlin aufgenommen und soll sogar, so wurde im Vorfeld gemunkelt, stilistisch an Element of Crime erinnern. O.K., das zieht natürlich beim Justament-Rezensenten. Also mal reingehört in „Collapse into Now“, zuvor aber noch einmal die Erinnerungen ans Frühwerk der Band aufgefrischt. Die sorgsam verwahrten alten Scheiben bleiben im Plattenschrank, alle Song-Perlen von einst warten ja nur wenige Klicks entfernt auf YouTube. Oh, da wird einem aber ganz sonderbar. Klar, diese Songs sind schon recht pathetisch. Man hört es jetzt mit ein paar Jahren Abstand naturgemäß deutlicher heraus als damals. Und doch ist es vollkommen unmöglich, Liedern wie „Maps and Legends“, „Fall on me“, ja selbst dem Welthit „Losing My Religion“ (mit dem 1992 der große Ausverkauf begann) ohne ein Gefühl der Ergriffenheit zu lauschen. Was für eine großartige Musik! Und nun also das neue Album, das 15. Studioalbum der Band soll es schon sein. Da muss man aber inzwischen so einiges verpasst haben. Soviel ist sicher: Nach Element Of Crime klingen sie nun wirklich nicht, dafür aber nach all den Jahren immer noch sehr nach R.E.M. Mal kraftvoll und rockig, mal elegisch. Nur gibt es, mit jedem Hören wird es deutlicher, doch recht häufig überaus glatte, fast schon banale Passagen. Nicht, dass diese Musik einem gänzlich unangenehm wäre, aber alles ist eben nicht besonders aufregend. Auch das ambitionierteste Stück „ÜBerlin“ ragt nur unwesentlich heraus. Der Eindruck verdichtet sich, dass R.E.M. ihren großen alten Songs nichts von Belang mehr hinzuzufügen haben. Vielleicht ist das ja der Preis der Kommerzialisierung! Wäre Bandleader Michael Stipe (inzwischen 51) damals seinem Freund und Kollegen Kurt Cobain ins Nirvana gefolgt, wären R.E.M. unsterbliche Helden geblieben. Das Urteil lautet: befriedigend (8 Punkte).

R.E.M. – Collapse into Now
Collapse into Now
Warner Brothers 2011
Ca. € 17,-
ASIN: B004KB4RL8

PS: Am 21. September 2011 gaben R.E.M. auf ihrer Website die Auflösung ihrer Band bekannt. Als ob sie diesen Text gelesenn hätten…

Justament März 2011: Fromme Rehabilitierung

Nina Hagen entdeckt ihren “Personal Jesus”

Thomas Claer

23 SCHEIBEN TC Nina HagenIn Würde zu altern, das ist die große Herausforderung für so viele Rock’n Roll-Helden von einst. Doch kann man nicht unbedingt behaupten, dass dies Nina Hagen, inzwischen auch schon 55, besonders gut gelungen wäre. Wenn sie in den letzten Jahren ein ums andere Mal durch mittelmäßige Fernsehshows tingelte und wild grimassierend von UFOs und Erleuchtung schwadronierte, sich schließlich sogar für menschenverachtende Casting-Shows im Privatfernsehen hergab, dann dachte man nur mit Wehmut an die rebellische junge Frau von ehedem, die eine so einzig- wie großartige Mischung aus Komik und Erotik verkörperte. Vom launisch-frechen DDR-Schlagersternchen (“Du hast den Farbfilm vergessen”) wandelte sie sich nach ihrer Übersiedlung in den Westteil Berlins schnell zur exzentrischen Punk-Diva, die 1978 mit “Nina Hagen Band” eines der stärksten deutschen Punk-Alben aller Zeiten herausbrachte. Sie sang darauf vom Klo auf’m Bahnhof-Zoo, vom Farbfernsehen zwischen Ost und West und vom Feminismus (“Ich bin nicht deine Fickmaschine”), fühlte sich “unbeschreiblich weiblich” und war dabei immer “sooo heiß” … einfach unvergesslich!
Nun ist Nina Hagen also, ausgerechnet sie, die notorische Autoritätenverspotterin!, irgendwie auf die christliche Schiene gekommen. “Personal Jesus” ist die Zusammenstellung von 13 Hagenschen Neuinterpretationen bekannter (ganz überwiegend amerikanischer Gospel-) Songs aus (ganz überwiegend) längst vergangenen Zeiten. Und das vage Misstrauen des Rezensenten findet umgehend Bestätigung: Die etwas dümmliche Fröhlichkeit der meisten dieser Nummern kann einem schon nach kurzer Zeit auf den Wecker fallen, ganz zu schweigen von ihrem oft einfältigen Inhalt. Unwillkürlich fühlt man sich an die “Jungen Christen” in der Comedy-Sendung Switch, an Sarah Palin und die amerikanische Tea Party-Bewegung erinnert. Seine starken Momente hat das Album hingegen, wenn es musikalisch in Richtung Pop, Jazz oder Blues geht. “Personal Jesus” von Depeche Mode ist eben einfach ein echt starker Song, dessen Nina-Adaption sich dem Original nahezu als ebenbürtig erweist. Auch “Sometimes I ring up heaven” lässt sich hören und ganz besonders das mindestens 70 Jahre alte “Mean old world”. Hier stimmt einfach alles, auch Ninas verrauchte Stimme, die allerdings eindringlich vor Augen bzw. Ohren führt, wohin jahrzehntelanger Nikotin-Abusus führen kann. Positiv anzumerken ist schließlich noch, dass die CD, was bei einer unrettbaren Ulknudel wie Nina Hagen schon etwas heißen will, völlig ohne Blödeleien auskommt. Gut, dass jemand sie gebremst hat. Das Gesamturteil lautet daher: befriedigend (8 Punkte).

Nina Hagen
Personal Jesus
Koch Universal Music (Universal) 2010
Ca. € 17,-
ASIN: B003M8DV5S

Justament März 2011: Elementare Adaptionen

Element Of Crime präsentieren “Fremde Federn”

Thomas Claer

22 SCHEIBEN TC EOC CoverNun haben sie es also doch noch getan. Schon vor fast zehn Jahren, gleich nach dem Romantik-Album, wurde die Idee im Forum auf der EOC-Homepage lebhaft diskutiert, mal eine B-Seiten-Compilation rauszubringen. Und jetzt wird unsere Geduld also belohnt. Auf “Fremde Federn” finden sich nicht weniger als 20 von Element Of Crime gespielte, aber von anderen mehr oder weniger prominenten Musikern geschriebene Songs, die es bislang nur auf – zum Teil längst vergriffenen – Singles oder auf irgendwelchen Samplern oder Soundtracks gab. Und allein für das vortreffliche Wortspiel des Album-Titels hätten sie eigentlich schon alle Punkte in dieser Rubrik verdient. Doch wie so oft im Leben, wenn sich ein großer Wunsch erfüllt, stellt sich zwangsläufig auch eine gewisse Enttäuschung ein. Die Rockversion des “Liedes von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens” aus der Dreigroschenoper etwa klingt ohne das laute Geknister auf der Satellite Town-Single, die ich vor langen Jahren einmal erstanden habe, seltsam unvollständig, irgendwie längst nicht mehr so toll. Beim “Ruf aus der Gruft”, dieses Stück befand sich nur auf der dazugehörigen Maxi-Single, die ich zu meinem Leidwesen bis heute nirgendwo auftreiben konnte, handelt es sich gar nur um eine zweiminütige und ziemlich maue Instrumental-Version.
Aber genug gemeckert. Alles in allem ist diese Zusammenstellung dann nämlich doch der erwartete Hochgenuss. Welche andere Band verstünde es schon, Stücke so unterschiedlichen Temperaments und aus in so diametraler Opposition zueinander stehenden kulturellen Milieus mit solch spielerischer Leichtigkeit ins eigene Klanguniversum zu transformieren? Besonders überzeugt ihre Interpretation betagter deutscher Schlager, die deren mitunter erstaunlicher textlicher Raffinesse auf überraschende Weise neue Geltung verschafft. So lautet die Definition von “Heimat” im gleichnamigen, ehedem von Freddy Quinn gesungenen, Song: “Wo ich die Liebste fand/ da ist mein Heimatland”. Na, wenn das so ist, wird man am Ende sogar noch gerne heimattreu. Besondere Höhepunkte sind ferner “Leider nur ein Vakuum” (von Udo Lindenberg), “Zwei Gitarren” und “Akkordeon” (jeweils von Alexandra), “You only tell me you love me, when you’re drunk” (von den Pet Shop Boys), “Blaumeise Yvonne (von Andreas Dorau), “Le Vent Nous Portera” (von Noir Desir) und “She brings the rain” (von Can). Das Gesamturteil lautet: gut (14 Punkte).

Element Of Crime
Fremde Federn
Vertigo Be (Universal) 2010
Ca. € 17,-
ASIN: B00425DMO0