Category Archives: Über Musik

www.justament.de, 16.5.2016: Uns Udo wird 70

Scheiben vor Gericht Spezial

Thomas Claer

Udo LindenbergRockmusik in deutscher Sprache, das musste man sich erst mal trauen. Udo Lindenberg gehörte in den frühen Siebzigern zu den ersten, die sich daran versuchten. Zum einen bereicherte er mit den Texten seiner mitreißenden Songs die deutsche Sprache als origineller Sprücheklopfer („Alles klar auf der Andrea Doria“, „Die Rock’n‘ Roll-Gespenster sind weg vom Fenster“). Im Kosmos der Lindenberg-Texte war immer irgendwie „alles easy“, auch noch, als irgendwann niemand mehr so sprach wie er und schon gar nicht die Jugend.

Aber zum anderen war da auch noch der empfindsame junge Mann mit den langen Haaren und zunächst noch ohne den später obligatorischen Hut, der seine Irritation über diese Welt auf anrührende Weise besang: „Du spieltest Cello/ in jedem Saal in unserer Gegend / ich saß immer in der ersten Reihe/ und ich fand dich so erregend“. Unglaublich schöne, poetische, zärtliche, romantische Songs sind in diesen frühen Jahren entstanden: „Ich träume oft davon, ein Segelboot zu klau‘n“ etwa oder „Bitte keine Love-Story“. Und natürlich auch das berühmte „Mädchen aus Ost-Berlin“ (1973), das die zwischenmenschliche Seite der deutschen Teilung aus westlicher Sicht beschreibt.

Vielleicht war das Bemerkenswerteste an Udo Lindenbergs späteren Schaffensperioden, die in künstlerischer Hinsicht längst nicht mehr mit seinem überwältigenden Frühwerk mithalten konnten, sein unablässiges Engagement für seine vielen Fans in der DDR. Zu einer Zeit als sich die westdeutsche Jugend schon lange nicht mehr für ihre ostdeutschen Altersgenossen interessierte und Kritik an den Zuständen im Realsozialismus mitunter als entspannungsfeindliche Hetze verpönt war, forderte er unverdrossen eine „Rock’n‘ Roll-Arena in Jena“, wollte mit dem „Sonderzug nach Pankow“ zu Erich Honecker fahren, der ihn jahrelang nicht in der DDR auftreten ließ, und veralberte den notorisch humorlosen Staats- und Parteichef später erneut in „Der Generalsekretär“.

Nach der Wiedervereinigung fiel Udo Lindenberg dann in eine tiefe Schaffenskrise, aus der er sich erst 2008 mit dem fulminanten Comeback-Album „Stark wie zwei“ befreite. Seitdem ist er wieder obenauf, tourt unablässig und füllt ganze Stadien, woran früher nicht zu denken war. Es sei ihm von Herzen gegönnt. Besonders hoch anzurechnen ist ihm ferner sein beharrlicher Einsatz gegen Rechtsextremismus, insbesondere in Ostdeutschland. Am 17. Mai feiert der große Udo Lindenberg seinen 70. Geburtstag. Prostata!

www.justament.de, 14.3.2016: When the Magic Comes Back

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor 30 Jahren erschien „Aristocracie“ von Phillip Boa & The Voodooclub

Thomas Claer

61RUUIfIjsLSolch eine Musik hatte die Welt noch nicht gehört. Es war wie eine Detonation, damals in den in ihren Hauptströmungen doch weitgehend geschmacklosen Achtzigern. Frisch und unverbraucht, kraftvoll und melodiös brachten Phillip Boa & The Voodooclub eine einzigartige Magie in die deutsche Popmusik. Harte Gitarrenriffs trafen auf afrikanisch anmutendes Getrommel, Pia Lundas Sirenengesang auf das brummige Genöle von Bandleader Phillip. Groß heraus kamen sie allerdings erst am Ende des Jahrzehnts mit ihren Alben „Copperfield“, „Hair“ und „Hispanola“, mit Single-Hits wie „Container Love“ und „This is Michael“. Von den wahren Boa-Fans weitaus mehr geliebt wird jedoch das noch viel aufregendere Frühwerk der Band, erschienen auf dem unabhängigen Constrictor-Label. Und ganz nebenbei gab es natürlich, wie es seinerzeit üblich war, allerhand Raubpressungen irgendwelcher Demo-Aufnahmen und Konzertmitschnitte, die zu horrenden Sammlerpreisen weiterverkauft wurden.

Pünktlich zum 30-jährigen Erscheinens-Jubiläum des zweiten Voodooclub-Albums „Aristocracie“ präsentiert uns die Band nun eine wunderbare Neu-Edition dieser Platte mitsamt einer ungeheuren Sammlung von aufgearbeitetem Bonus- und Piraten-Material aus jener Zeit. Das Beste ist aber: Die phantastischen Songs von „Aristocracie“ gehören nun auch erstmals seit Jahrzehnten wieder zu ihrem Live-Programm. Besonders hervorzuheben ist hier die junge Sängerin Pris, die nach dem bedauerlichen Ausscheiden der wunderbaren Pia Lunda vor etwas mehr als einem Jahr deren Gesangspart im Voodooclub übernommen hat. Und ihre Stimme klingt wirklich verblüffend nach der jugendlichen Pia… Unser Urteil lautet: gut (14 Punkte).

YouTube-Links:

Boy Scout

When my Mother Comes Back

For What Bastards

My Sweet Devil

Empires Burning

THE BOA REMASTERS – ARISTOCRACIE
Deluxe Edition with Bonus Tracks + Unreleased Material + BONUS CD “Original Pirate Material: Early Live Recordings 1986-1988”
Mediabook, 36p Booklet, 34 Tracks, 136 Minuten
Constrictor 2015
ASIN: B00ZUVC28C

www.justament.de, 8.2.2016: Es lebe der Ska!

Scheiben vor Gericht spezial: Vor 40 Jahren gründete sich die Band Madness

Thomas Claer

Madness_-_One_Step_Beyond...Wohl jeder kennt „Our House“, den berühmten Song der englischen Band Madness aus den frühen Achtzigern, aber keineswegs allgemein bekannt ist, dass diese Band schon vor ihrer ganz großen Popularität eine Vorgeschichte als heißer Londoner Szene-Act hatte. Angefangen haben die späteren Brit-Pop-Giganten nämlich als lupenreine Ska-Formation, zunächst 1976 unter dem Namen The Invaders; seit April 1979 nannte sich die Band dann Madness.

Die Ska-Musik, die heute wohl nur noch Insidern ein Begriff ist, stammt ursprünglich aus Jamaika und gilt als temporeichere Vorläuferin der eher gemächlichen Reggae-Musik. Mit dieser gemeinsam hat sie den charakteristischen Offbeat, worunter in der Musik Töne zwischen den Zählzeiten eines Metrums verstanden werden. Diese raffinierte Akzentuierung wirkt auf das menschliche Gemüt dergestalt, dass ein starkes Bedürfnis nach rhythmischer Bewegung entsteht. Und weil ja der Ska, insbesondere in der Musik der frühen Madness, deutlich schneller ist als der Reggae, hat sich als seine Begleiterscheinung ein wilder und ganz und gar ungewöhnlicher Tanzstil etabliert, bei dem hektisch mit den Armen gerudert und der restliche Körper auf ganz eigenartige Weise verdreht wird: das Skanking. Besonders bizarr mutet es an, wenn eine Menschengruppe diesen Tanz synchronisiert hintereinander stehend aufführt. (Noch heute wird auf Ska-Konzerten so getanzt, wie ich vor ein paar Jahren beim Auftritt einer Ska-Gruppe in Berlin selbst erlebt habe.) In der Kurzbeschreibung heißt das so wie die unübertroffene Debüt-Platte der Band Madness: ONE STEP BEYOND!

Ihre Musikvideos aus jener frühen Phase sind so unglaublich gut, dass vor der weiteren Textlektüre wenigstens die hier vorgeschlagenen unbedingt in Augenschein genommen werden sollten:

https://www.youtube.com/watch?v=N-uyWAe0NhQ
https://www.youtube.com/watch?v=XJOLwy7un3U
https://www.youtube.com/watch?v=PSTHMxBttlU
https://www.youtube.com/watch?v=Pw-8AGRcyvk
https://www.youtube.com/watch?v=N1p8BNPn-Wg
https://www.youtube.com/watch?v=KwIe_sjKeAY

Eine ganz eigene Note bekommt der frühe Madness-Sound durch den ausschweifenden Einsatz des Saxophons. Überhaupt verleihen die vielen Bläser dieser Musik einen besonderen Charme. Allerdings hat so ziemlich alles, was dann nach der ihrerseits schon recht poppigen dritten Platte „Absolutely“ mit ihrem Mega-Hit „Our House“ (1982) kam, kaum noch etwas mit dem fulminanten Frühwerk dieser Band zu tun. Und das liegt wohl nicht nur an der Kommerzialisierung ihres Sounds allein.

Es klingt verrückt, und das war es auch. Ausgerechnet diese ursprünglich aus Jamaika stammende Musik hat seinerzeit Fans aus dem rechtsradikalen Spektrum angezogen. Aber natürlich nicht nur solche. Zwei sehr unterschiedliche subkulturelle Lager standen sich damals in London um 1980 auf Ska-Konzerten, insbesondere auch auf jenen von Madness, gegenüber: auf der einen Seite die eher bürgerlichen Mods in ihren maßgeschneiderten Anzügen und mit Pork Pie-Hüten. (Das war natürlich ein provozierender Kontrapunkt gegen die damals dominante Schlurfi-Kultur der Hippies.) Den Mods nahestehend waren die Suedeheads, eine ebenfalls eher bürgerliche Variante der frühen Skinheads ohne politische Ausrichtung. Und auf der anderen Seite die damals noch junge Bewegung der Skinheads, die aus den ursprünglich von jamaikanischen Einwanderern gegründeten Rudeboys hervorgegangen war und später von rassistischen Londoner Arbeiterklasse-Jugendlichen okkupiert wurde. Wobei diese jungen Rassisten dann nicht nur den optischen Stil der jamaikanischen Jugendlichen – Arbeitsstiefel, Hosenträger, Kurzhaarfrisuren – kopierten, sondern auch deren Musik, den Ska, für sich vereinnahmten. Es soll zu jener Zeit bei Madness-Konzerten auch häufig zu Schlägereien zwischen Mods/Suedeheads und rechtsradikalen Skinheads gekommen sein. Als beim Madness-Auftritt einmal eine Vorgruppe mit dunkelhäutigem Sänger spielte, wurde dieser von Skinheads aus dem Publikum rassistisch beleidigt, woraufhin sich mehrere Bandmitglieder von Madness mit Teilen des Publikums prügelten. Vermutlich war die Band irgendwann auch dieser „Skinhead-Kontroverse“ überdrüssig und öffnete sich immer umfassender in Richtung Allerweltspop…

Aber wie bin ich überhaupt auf Madness gekommen? Es war in den frühen Neunzigern. In meinem Oberstufen-Schuljahrgang in Bremen gab es einen, der schon etwas älter war, weil er zwei Klassen wiederholen musste. Er hatte den Spitznamen Dicke Bahns, was wohl eine Verballhornung seines bürgerlichen Namens Dirk B. gewesen sein muss. Dicke Bahns war bekannt für seinen exzentrischen wie exzellenten Musikgeschmack. Er hörte nur das ganz schräge Zeug: Phillip Boa, die Pogues, die Pixies natürlich sowieso. Einmal beobachtete ich auf dem Schulhof, wie ihm jemand eine Audio-Cassette in die Hand drückte und ihm sagte: „Machste da mal Phillip Boa rauf?!“ „Jo, geht klar.“ Das wollte ich auch, und ich bekam es. Dirk mixte auch für mich ein Phillip Boa-Tape. Der frühe Phillip Boa war natürlich ganz heißer Stoff, das Beste überhaupt. Und dann traute ich mich irgendwann, Dirk zu fragen: „Wie heißt eigentlich die Band, die „Our House“ singt?“ Er sah mich Ahnungslosen sehr mitleidig an und antwortete mit süffisantem Grinsen: „Madness“. Einige Zeit darauf waren wir bei Dicke Bahns zum Geburtstag eingeladen, was schon eine große Ehre war. Und da sah ich in Dirks Zimmer seine Plattensammlung, die mich vor Neid erblassen ließ. Einige Platten lagen scheinbar zufällig und wahllos angeordnet im Zimmer herum. (Heute denke ich, die hat Dirk vor unserem Besuch extra so hingelegt, um uns zu beeindrucken.) Und neben mehreren streng limitierten Editionen, zum Teil mit farbigem Vinyl, von den Pogues und den Smiths lag da auch „One  Step Beyond“ von Madness. Es versteht sich von selbst, dass ich mir diese Platte bei nächster Gelegenheit auf dem Flohmarkt besorgte – und dass ihr noch heute ein Ehrenplatz in meiner Plattensammlung zukommt!

Madness – One Step Beyond – 35th Anniversary Edition (CD+DVD)
Union Square Music (Soulfood)
ASIN: B00MH9NERS
11,69 EUR (bei Amazon)

PS: Von der anderen großen Ska-Gruppe jener Zeit neben Madness, den Specials, die zur Hälfte aus dunkelhäutigen Musikern bestanden, gibt es sogar eine „Skinhead Symphony“:

https://www.youtube.com/watch?v=kwAMvg97FMI
https://www.youtube.com/watch?v=cntvEDbagAw
https://www.youtube.com/watch?v=lgCZN1rU5co

www.justament.de, 4.1.2016: Zum Tod von Lemmy Kilmister

Scheiben vor Gericht spezial

Thomas Claer

Nein, mit Heavy Metal hatte ich nie viel am Hut. Das rührt wahrscheinlich noch von ganz früher her. Zu meiner Schulzeit in den Achtzigern waren nämlich ungefähr die Hälfte der Jungs in meiner Klasse (aber kein einziges Mädchen, wohlgemerkt) begeisterte Heavy Metal/Hardrock-Fans und hörten auf ihren in die Schule und auch überall sonst hin mitgebrachten Mono-Kassettenrecordern, deren Batterien ständig der Saft ausging, dabei stets wild Luftgitarre spielend, Songs von Bands wie Bon Jovi, Scorpions und Iron Maiden.

Nun will ich keineswegs behaupten, dass ich damals, so mit 15 oder 16, einen besseren Musikgeschmack als jene Mitschüler gehabt hätte, dann wohl schon eher einen noch schlechteren. Aber wir hatten alle eine Entschuldigung: Wir waren im Osten und hatten somit kaum eine Chance, an bessere Musik zu kommen. Vor allem gab es in unserem Dorf aber auch niemanden weit und breit, der einem bessere Musik hätte nahebringen können. Auf popmusikaffine Lehrer sollte ich erst zwei Jahre später in einer anderen Welt treffen: auf einem Bremer Gymnasium, wo ich wahrscheinlich der einzige war, der diese antiautoritären Lehrkräfte unglaublich cool fand, denn in meinem bisherigen Leben hatte ich ja nur das absolute Kontrastprogramm erlebt…

Aber zurück zum Heavy Metal: Dass es auch bessere Spielarten dieser Genre-Musik gibt, ist mir erst viele Jahre später aufgegangen. Vor allem solche, die ohne dieses ewige Gejaule und das Hymnenhafte auskommen, die hart und schnell und ehrlich geradeaus spielen, so wie Motörhead. Dennoch hat es mich nie besonders interessiert, eher schon: Lemmy Kilmister als Stilikone. Als Motörhead besonders im vergangenen Jahrzehnt immer populärer wurden, hat man ja schon manchmal was von ihm aufgeschnappt, ein Interview hier, ein unverschämt lässiger Spruch dort. Lemmy Kilmister, der Ex-Junkie und Alkoholiker, der sich fortwährend darüber wundern konnte, überhaupt noch am Leben zu sein, der eine Explosion des Krematoriums bei seiner Einäscherung voraussagte, hatte sich dem Rock’n Roll als Lebenshaltung verschrieben. Und wer ihn jemals auf der Bühne erlebt hat, was auf YouTube ja leicht möglich ist, wie er mit seinen Bandkollegen ein überwiegend deutlich jüngeres Publikum in seinen Bann zieht, dem ist es dann auch egal, dass sich doch eigentlich jedes Lied fast wie das andere anhört. Diese hochenergetische Musik hat selbst dem bekennenden Metal-Banausen noch etwas zu sagen. Klar, Motörhead gehörten zu den Ersten ihrer Richtung und haben unzählige andere Bands beeinflusst, die nach ihnen kamen. Sie haben Speed-Metal, Trash-Metal und das ganze Zeug vorweggenommen. Doch blieben sie vor allem deshalb unerreicht, weil sie so einen großartigen Bandleader hatten.

Zuletzt mussten Motörhead mehrere Konzerte absagen, da ihr Frontman sich schlecht fühlte. Am vorigen Montag, vier Tage nach seinem 70. Geburtstag, ist Lemmy Kilmister für immer von der Rock’n Roll-Bühne abgetreten.

www.justament.de, 30.11.2015: Die Welt ist schlecht, aber s i e ist es nicht

Maike Rosa Vogel auf ihrem vierten Album „Trotzdem gut“

Thomas Claer

trotzdem16x9Die Sängerin und Liedermacherin Maike Rosa Vogel, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, ist so etwas wie eine Heilige. Während sich andere erklärte „Gutmenschen“, die sich überall korrekt positionieren und immer auf der richtigen Seite stehen, nicht selten dem Verdacht der Heuchelei aussetzen, ist an der 37-jährigen Wahlberlinerin garantiert alles echt. Man nimmt es ihr ab, dass sie sich für Flüchtlinge einsetzt, die Naturzerstörung und die menschliche Gier anprangert. Wenn sie dem Publikum auf den Konzerten ihre Seele öffnet, ist sie erkennbar ganz bei sich selbst. Vor allem aber sind ihr die überschwänglichen Kritiken all der bis über beide Ohren in sie verknallten Musikrezensenten offenbar nicht im Mindesten zu Kopf gestiegen. Uneingebildet und natürlich wie eh und je präsentiert sie uns – drei Jahre nach der letzten Platte „Für fünf Minuten“ – nun ihr neues Album „Trotzdem gut“, das erstmals im Eigenvertrieb erscheint. Dieser Schritt ist mutig und konsequent zugleich, und man kann sie hierzu nur beglückwünschen. Ihre Fans werden schon weiterhin zu ihr finden, auch ohne Plattenfirma.

Allerdings packt einen „Trotzdem gut“, anders als seine Vorgänger, nicht gleich vom ersten Moment an. Man braucht etwas länger, um mit dieser Platte warm zu werden. Musikalisch hat sich das Spektrum ein wenig in Richtung Folk verschoben. Wir hören Banjo und Violinen. Sven Regener, die treue Seele, spielt Bass und Trompete. Und gerade weil ihre Songs diesmal gelegentlich etwas abrutschen auf dem schmalen Grat zwischen großer Emotion und Betroffenheitskitsch, wird einem bewusst, was für großartige Lieder uns Maike Rosa Vogel auf ihren früheren Alben geschenkt hat. Doch gibt es solche Lieder, man bemerkt es spätestens beim dritten oder vierten Hören, auch auf „Trotzdem gut“. Zum Beispiel „Du hältst meine Hand“ – eine Hymne an das kleine große Glück der Zweisamkeit. Und ganz bestimmt spricht „Verschwendete Zeit“ unzähligen zugewanderten Berlinern aus der Seele, die sich von ihren besorgten Provinz-Eltern die ewig gleichen bitteren Vorwürfe anhören müssen: „Sie glauben an das Unglück, das da draußen auf uns lauert/ Und uns anspringt und uns einholt, wenn wir tun, was uns gefällt“. Doch das lyrische Ich weiß es gottlob besser: „Die schlimmsten Zeiten meines Lebens waren die/ Als ich anderen mehr glaubte als mir selbst“. Je länger man diesem Album lauscht, desto mehr Perlen entdeckt man auf ihm. Auch „San Francisco“ und „Für mich auch“ sind sehr schön.

Textlich besonders interessant wird es dann auf „Der kultivierteste Sommer meines Lebens“. Hier zeigt uns Maikes lyrisches alter ego, dass es auch mal ganz anders kann: Den ganzen Sommer lang sind die Erzählerin und ihr Geliebter „in Museen gegangen“, haben „gute Filme geschaut“, sich nicht vom Fußballfahnenschwenken anstecken lassen und ausgedehnt Zeitung gelesen. Doch irgendwann reicht es dann dem lyrischen Ich: „Ich wollte einfach schnellen Sex… ich bin ganz gerne auch mal nicht so klug/ Und ich bin ganz gerne auch mal nicht so gut/ Und viel mehr als das/ Hatten wir uns beide nicht zu sagen“. Man rechnet schon mit dem Schlimmsten. Wird sie ihn, den kulturbeflissenen Intellektuellen, der zu wenig auf die wilden Begierden seiner Partnerin eingeht, eiskalt abservieren? Doch zum Glück kommt es anders. Freudig bleibt sie bei ihm, „Weil du nur mich liebst/ Und sonst nichts auf der Welt“. Na dann toi, toi, toi…

Gewidmet ist diese CD übrigens den Berliner Hebammen, „die so viel mehr tun als ihre Arbeit und denen wir alles zu verdanken haben“. Danke, Maike, für diese Hommage an die wahren Helden des Alltags, die in ihren unterbezahlten Jobs Erfüllung finden und dafür von den Karriere-Fuzzis und -Tussis auch noch herablassend behandelt werden. Unser Urteil für diese Platte lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Trotzdem gut
Eigenvertrieb Maike Rosa Vogel 2015
www.maikerosavogel.com

www.justament.de, 26.10.2015: Ein Hype namens Wanda

Die österreichischen Senkrechtstarter mit ihrem neuen Album „Bussi“

Thomas Claer

wandaNicht mal ignorieren, das war mein erster Gedanke, als ich vor einem Jahr erstmals den Klängen von Wanda lauschte, jener rustikalen Mundart-Kapelle aus Österreich, die inzwischen allerorts als Rettung der deutschen Popmusik gefeiert wird. Von umjubelten Auftritten in Berlin mit kreischenden Mädchen war damals die Rede, doch was ich dann von ihnen hörte, riss mich keineswegs vom Stuhl. Es lässt sich, und das gilt heute noch genauso wie vor 12 Monaten, so unendlich viel einwenden gegen diese sonderbare Spaß-Combo: angefangen vom oft kaum verständlichen österreichischen Gesang über die sich vornehmlich um „Amore“ und Alkohol drehenden Texte (das am häufigsten besungene Getränk ist ausdrücklich der Schnaps, prolliger geht es nun wirklich nicht) bis hin zu den Auftritten des Sängers auf den Konzerten mit entblößtem Oberkörper. Wie peinlich ist das denn? Und musikalisch mischen sich hier biederer Rock und Schlager, was nun auch nicht unbedingt etwas großartig Neues ist.
Woher also kommt dieser Hype? Ich selbst ertappte mich irgendwann dabei, dass mir manche Wanda-Liedzeilen nicht mehr aus dem Kopf gingen. Einige ihrer Lieder, längst nicht alle, haben schon, das muss man zugeben, etwas Raffiniertes. (Doch das gilt z.B. auch für die Banalitäten von ABBA und muss für sich genommen nicht viel bedeuten.) Aber – und das ist entscheidend – Wanda verkörpern mit ihrer demonstrativen Scheiß-egal-Pose eine Haltung, der man am Ende doch Respekt zollen muss. So schmutzig wie der kettenrauchende Sänger Michael Marco Fitzthum kann niemand sonst über die großen und kleinen Dramen des Lebens singen: „Es ist wahrscheinlich etwas Wahres dran, wenn du sagst, dass man daran sterben kann“, heißt es im stärksten Song des neuen Albums „Meine beiden Schwestern“, den sie auch live im ZDF bei aspekte präsentierten.
Überhaupt sind die Texte hintergründiger, als man zunächst denkt. Und wenn sie unablässig die Amore besingen, dann zumeist deren vollkommenste Spielart, die nur vorgestellte. An Wanda kommt man derzeit einfach nicht vorbei. Nicht einmal das mit dem oberkörperfreien Singen darf man wohl so eng sehen, zumindest solange es den Mädchen noch gefällt… Wenn uns Miley Cyrus oder Lady Gaga ihre Brüste zeigen, finden es ja schließlich auch alle schön. Das Gesamturteil lautet: mit Bedenken noch voll befriedigend (10 Punkte).

Wanda
Bussi
Vertigo Berlin (Universal) 2015
ASIN: B012BTVOZ2

Wanda
Amore
Problembär Records (rough trade) 2014
ASIN: B00MVCX74Q

www.justament.de, 14.9.2015: Erst das Model, dann die Kosaken

Die „Ukrainians“ präsentieren die Geschichte der Rockmusik – natürlich auf Ukrainisch!

Thomas Claer

ukrainiansDie Geburtsstunde der Ukrainians war in den späten Achtzigern. Peter Solowka, ukrainischstämmiger Gitarrist der damals sehr angesagten englischen Indie-Band „The Wedding Present“ spielte auf einer der legendären John-Peel-Sessions bei der BBC während einer Pause zwischen den Aufnahmen ein ukrainisches Volkslied vor sich hin, woraufhin DJ-Ikone John Peel die Band mit der Idee überraschte, sie solle doch mal eine Platte mit ukrainischen Volksliedern einspielen – durchsetzt mit Rock- und Punkelementen, versteht sich. Gesagt getan, es wurden noch zwei geeignete Gastmusiker engagiert, der fabelhafte Sänger und Geiger Len Liggins und der Mandolinenspieler Roman Remeynes – und heraus kam im April 1989 die völlig verrückte Mini-LP „Ukrainski Vistupi V Iwana Piela“, eine Platte, die Maßstäbe setzte für so ziemlich alles, was in diesem Genre fortan noch kommen sollte: von den Leningrad Cowboys bis zu Wladimir Kaminers Russendisko. Als Wedding-Present-Gitarrist Peter Solowka dann 1991 nach Differenzen mit Bandleader David Gedge aus der Band geworfen wurde, gründete er kurzentschlossen mit den besagten früheren Gastmusikern Len Liggins und Roman Remeynes seine eigene Combo – und das waren und sind noch heute die „Ukrainians“. Über die Jahre veröffentlichten sie fünf durchweg überzeugende Alben mit überwiegend eigenen Kompositionen zwischen Punkrock und ukrainischer Folklore.

Eine besondere Spezialität der Band waren aber seit 1993, als sie eine grandiose EP mit Liedern der Kollegen von The Smiths im ukrainischen Klangbild veröffentlichte („Pisni is The Smiths“), Coverversionen westlicher Rocksongs im krawallfolkloristisch-ukrainischen Gewand. Weitere Song-Adaptionen dieser Art von Kraftwerk- (1996), Prince- (1996) und Sexpistols-Liedern (2002) folgten. Und welch eine Freude – nun präsentieren sie uns ein ganzes Album von dieser Sorte! Die inzwischen bis auf die Gründungsmitglieder Peter Solowka und Len Liggins runderneuerte Band unternimmt dabei einen Streifzug durch die Geschichte der Rockmusik und überführt dabei 16 unsterbliche Klassiker – u.a. von den Beatles, Nirvana, den Beach Boys und The Velvet Underground – in den Ukrainians-Klangkosmos. Jede dieser sonderbaren Song-Versionen ist auf eigene Weise interessant. Vor allem bei den mollgetönten Stücken wie etwa „The One I Love“ von R.E.M. muss man schon sehr genau hinhören, um zu bemerken, dass es sich hier NICHT um alte ukrainische Volkslieder handelt, so täuschend echt gelingen die Adaptionen. Manchmal, wie zur Verdeutlichung dieser melodischen Verwandtschaft, bauen sie in einen Popsong am Ende auch einfach noch eine alte Volksweise mit ein. So endet die ukrainische Version des Kraftwerk-Evergreens „Das Model“ mit einem Kosakenmarsch. Lobend hervorzuheben ist schließlich ist auch noch die aktuell-politisch anspielungsreiche Anordnung des Eröffnungssongs: Es handelt sich um “Back in the U.S.S.R.“ von den Beatles! Alles in allem also ein Riesenspaß. Das Urteil lautet: 14 Punkte (gut).

The Ukrainians
Istoria Rok-Musiki Ukrainskoju Mowoju
A History Of Rock Music In Ukrainian
Zirka Records 2015
ZRKCD10

www.justament.de, 10.8.2015: Lagerfeuer forever

Apples in Space auf ihrem streckenweise bezaubernden Debüt

Thomas Claer

applesZwei junge Leute mit Hippie-Frisuren, eine zarte weibliche und eine nicht minder sanfte männliche Stimme, dazu zwei Gitarren, die so etwas wie Folk-Pop absondern, fertig ist die perfekte Lagerfeuer-Romantik. Und just an einem sommerlichen Lagerfeuer hatte das Berliner Duo „Apples in Space“ auch seinen ersten richtungsweisenden Auftritt, nämlich vor einem Jahr im ansonsten reichlich albernen Klamauk-Film „Haialarm am Müggelsee“ von Sven Regener und Leander Haußmann, die schon seit langem als dicke Freunde bekannt sind. Es soll hier nicht verschwiegen werden, dass es sich beim jungen Philipp Haußmann, der einen Hälfte von Apples in Space, um den Sohn des besagten Film- und Theaterregisseurs Leander Haußmann handelt, was dem Ganzen einen, sagen wir, etwas anrüchigen Beigeschmack gibt, denn welcher junge Mensch lässt sich schon gerne von seinen Eltern und deren Freunden protegieren? (Und nicht nur das: Inzwischen lässt Vater Haußmann seinen Sohn auch noch die Musik in seinen Theaterinszenierungen spielen.) Wobei man das heute, wo man nicht mal mehr eine Studentenbude ohne Bürgschaft der Eltern bekommt, bekanntlich längst nicht mehr so eng sieht wie etwa noch vor 20 Jahren…

Und schließlich ist da ja auch noch die andere Hälfte von Apples in Space, die elfengleiche Norwegerin Julie Mehlum, die Haußmann jun. vor fünf Jahren auf einer Interrail-Tour begegnet ist (allein dieser Umstand gibt natürlich schon alle Pluspunkte der Welt!). Diese junge Dame ist ein gesangliches Naturtalent und sorgt ganz maßgeblich für den charakteristischen Apples in Space-Sound: eine Prise vom frühen Leonard Cohen, eine Spur Bob Dylan, ein Hauch von Simon & Garfunkel – und all das mit der allerunschuldigsten Hippie-Attitüde.

Der absolute Übersong des Albums ist aber das ganz und gar bezaubernde „Vespa“. Manchmal ist alles ganz einfach. „Well I think you saved my life“, heißt es im Text. Und genau das möchten wir auch diesem Lied zugutehalten. Zumindest hat es uns diesen Sommer gerettet. Auch wenn die anderen neun Lieder gegenüber „Vespa“ etwas abfallen, so lässt sich doch alles gut hören; insbesondere „The Never Read Letter“ kann ebenfalls überzeugen.

Produziert ist das Album von Element Of Crime-Drummer Richard Pappik sowie Sven Regeners Ehefrau Charlotte Goltermann, und als Vorgruppe von Element Of Crime haben Apples in Space natürlich nochmals an Popularität gewonnen. Na wenn schon, sie haben es sich redlich verdient! Das Urteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

Apples in Space
Apples in Space (Tonpool)
ASIN: B00T3Q19RU
17,98 (bei Amazon)

www.justament.de, 6.7.2015: Reichel trifft Radbruch

Altmeister Achim Reichel auf seinem Album „Raureif“

Thomas Claer

raureifEigentlich hatte ja endgültig Schluss sein sollen nach fünf Jahren „Solo mit euch“- Tournee, Achim Reichels kurzweiligem Rückblick auf ein bewegtes halbes Bühnenjahrhundert. Aber irgendwie hat es den auch mit 71 noch jungenhaft wirkenden Rock-Veteran wohl noch einmal gejuckt. Und so präsentiert er uns nach 16 Jahren Unterbrechung, die er u.a. mit Balladen-Vertonungen und Volkslied-Adaptionen zubrachte, tatsächlich noch einmal eine richtige Pop-Platte. Sie klingt, das lässt sich schon nach wenigen Takten sagen, nicht unbedingt überraschend, sondern vielmehr altvertraut. Die meisten der Stücke erinnern mehr oder weniger deutlich an frühere Kompositionen des Hamburgers, wobei die Arrangements diesmal fast durchweg recht stimmig geworden sind. Der Auftaktsong „Dolles Ding“ lässt einen unvermeidlich an „Die Schlange und das Paradies“ von 1986 denken, doch kommt hier noch der sehr pointierte Bläsereinsatz hinzu, welcher dem Lied einen durchaus besonderen Drive gibt. „In der Hängematte“ ist hingegen ein angenehm entspannter Bluesrock-Song, dem man allenfalls die aus dem Munde eines über Siebzigjährigen vielleicht ein wenig gewagt wirkende Textpassage „Nimm mich! Ich will dich! Deinen Hunger still ich!“ vorhalten könnte. Die restlichen Lieder des Albums sind von schwankender Qualität, doch knüpft Reichel von der luftigen Instrumentierung her sogar an seine stärkste Phase in den mittleren und späten Siebzigern an.
Besonderes Augenmerk verdient allerdings die inhaltliche Seite, denn erkennbar nutzt Achim Reichel sein Alterswerk auch zur Behandlung grundsätzlicher Themen, mit denen er in seinem langen Leben womöglich noch nicht ganz fertig geworden ist. Zum Beispiel ist da diese Geschichte, die er, wie es im Booklet der CD ausdrücklich heißt, selbst irgendwann in den Achtzigern so erlebt und nun im Lied „Dolles Ding“ verarbeitet hat: Das lyrische Ich fährt mit dem Auto in tiefster Nacht an eine einsame Straßenkreuzung auf dem Lande. Die Ampel steht auf rot, es ist weit und breit niemand zu sehen. „Da bin ich ohne Not“, so heißt es im Song, „rüber bei Rot“. Und es kommt, wie es kommen muss: Die Polizei, die plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht ist, verhängt ein Bußgeld. Das empörte lyrische Ich legt dagegen Einspruch ein und verliert später vor Gericht mit Pauken und Trompeten.
Rechtlich ist der Fall natürlich klar: Der Verwaltungsakt „Rote Ampel“, auch wenn er in der konkreten Situation unsinnig sein mag, gilt dennoch, solange er nicht nichtig ist. Und nichtig ist er nur, wenn ihm seine Fehlerhaftigkeit „auf der Stirn geschrieben steht“, was wohl nur bei einer defekten dauerhaft rot leuchtenden Ampel anzunehmen wäre. Rechtsphilosophisch betrachtet kommt hier ferner die berühmte „Radbruchsche Formel“ ins Spiel, wonach grundsätzlich die Rechtssicherheit stärker wiegt als die Einzelfallgerechtigkeit, abgesehen von Fällen „unerträglichen Unrechts“. Um aber ein solches anzunehmen, braucht es schon Nazi-Gräueltaten oder Schießbefehle an der Mauer. Kurz, rote Ampeln in tiefer Nacht an einsamen Kreuzungen sind weder nichtig noch unerträgliches Unrecht und deshalb trotz allem zu beachten. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass in Berliner Szenevierteln das Überqueren der Straße bei roten Ampeln zumindest durch Fußgänger gemeinhin als Kavaliersdelikt angesehen und sogar gewohnheitsrechtlich polizeilich toleriert wird. Das tut die Berliner „Polente“ gewissermaßen ohne Anerkennung einer Rechtspflicht… Weil aber Achim Reichel sein jahrzehntelanger Ärger über dieses Missgeschick auch irgendwie sympathisch macht und er ohnehin ein dufter Typ ist, lautet das Gesamturteil hier: voll befriedigend (10 Punkte).

Achim Reichel
Raureif
Tangram (Indigo) 2015
ASIN: B00OVG45ZU

www.justament.de, 18.5.2015: Dirk mag sich einfach nicht mehr so

Tocotronic mit ihrem elften, dem „roten Album”

Thomas Claer

tocoRein optisch ist das neue Tocotronic-Album in seinem knallroten Cover ja eine durchaus runde Sache geworden, und auch die Marketing-Abteilung hat ganze Arbeit geleistet, wie das Erscheinungsdatum 1. Mai samt abendlichem Konzert im Kreuzberger SO36 beweist. Doch geht es inhaltlich auf der elften Platte der Tocos in über 20 Jahren Bandgeschichte mitnichten um den politischen Kampf oder gar die Arbeiterbewegung. (Man hätte es den Männern um Bandleader Dirk v. Lowtzow, seines Zeichens der Spross eines alten deutschen Landadelsgeschlechts mit Stammsitz in Mecklenburg, trotz mancher Flirts mit dem Salonbolschewismus in der Vergangenheit auch nicht so recht abgenommen.) Nein, das Thema des „roten Albums“ soll nicht weniger sein als: „die Liebe“.
Um gleich mit dem Positiven zu beginnen: Die Texte enthalten hin und wieder einige recht gelungene Passagen wie  „Unter deiner Decke fasst mich das Chaos an“ oder auch „Ein Geheimnis vertraue ich dir noch an: Ich bin leicht zu haben / Nimm dir, was du kriegen kannst!“. Doch leider lässt die musikalische Umsetzung mal wieder sehr zu wünschen übrig. Man kann es ja verstehen, dass sich die Band nach all den Jahren nicht mehr ständig wiederholen, sondern ab und zu auch etwas Neues ausprobieren will. Aber musste sie wirklich solche Unmengen Weichspüler in ihre Songs schütten, dass man glauben muss, man hätte sich auf ein Schlagerfestival verirrt? Mit traumwandlerischer Sicherheit wurde auch diesmal wieder ausgerechnet einer der schwächsten Titel des Albums zur Single gemacht: „Die Erwachsenen“. Nicht der aus der Feder eines 44-Jährigen reichlich alberne, wenn auch in der Sache nicht ganz unzutreffende Text („Man kann den Erwachsenen nicht trauen“) ist hier das Problem, sondern die unerträglich kitschige Musik, wie ironisch sie auch immer gemeint sein mag. Es ist wirklich nur zum Weglaufen. Eine besonders schlimme Vorstellung ist es, dass sich davon womöglich junge Leute angesprochen fühlen könnten, die ja inzwischen bekanntlich eher wieder die seichten Klänge lieben, während sie z.B. krachenden Punkrock als die altmodische Musik ihrer Großeltern verspotten.
Allenfalls dem Auftaktsong, dem elektronisch instrumentierten, wenn auch textlich etwas rätselhaften „Prolog“, lässt sich noch etwas abgewinnen. Einen überraschenden Lichtblick gibt es dann aber immerhin ganz am Ende der CD – oder besser gesagt: nach ihrem regulären Ende: den „hidden Track“ „Ich hab ein Date mit Dirk“. Der ist zwar nicht weniger weichlich und verrätselt als die meisten anderen Stücke dieses Tonträgers, doch sorgen hier zielsichere Selbstironie und -kritik endlich einmal für einen überzeugenden Kontrapunkt. Der volle Text lautet: „Ich hab ein Date mit Dirk am ersten Frühlingstag/ Ich will wissen, ob er mich noch mag“. Die naheliegendste Interpretation dieser Zeile ist selbstverständlich die, dass das lyrische Ich hier gedanklich seinem früheren jugendlichen „Alter Ego“ begegnet (angeregt von Proust, das ist ja klar) und sich die bange Frage stellt, ob es von diesem wohl noch gemocht wird. Im Song bleibt es offen, aber wir kennen die Antwort schon: Nein, Dirk, dein früheres Ich würde dir angesichts dieser Platte vermutlich ein „Ich mag dich einfach nicht mehr so“ entgegennölen. Das Urteil lautet: 7 Punkte (befriedrigend).

Tocotronic
Tocotronic („Das rote Album“)
Vertigo Berlin (Universal Music) 2015
ASIN: B00U9XT7MK

PS: Ohne jede Einschränkung empfehlen wir jedoch weiterhin das grandiose Frühwerk der Band aus den Neunzigern, also die Scheiben „Digital ist besser“, „Nach der verlorenen Zeit“, „Wir kommen um uns zu beschweren“, „Es ist egal, aber“ und „K.O.O.K.“, sowie ihre stärkste Platte aus den Nullerjahren „Kapitulation“.