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www.justament.de, 7.10.2012: Der Mann mit der Apfelschorle

Sven Regener mit seinem vierten Roman „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“

Thomas Claer

regener-coverLange war ja gerätselt worden, wovon der neue Roman von Sven Regener wohl handeln könnte, denn die Figur Frank Lehmann, die der Leser über drei Romane auf zusammen weit über 1000 Seiten ins Herz geschlossen hatte, war ja nach allseits kundgetaner Meinung des Autors schon irgendwie auserzählt. Nun ist es also raus: Herr Lehmanns bester Freund, der Bierzapfer-Kollege und unverstandene Schrott-Künstler Karl Schmidt, der ausgerechnet in der Nacht der Mauer-Öffnung einen durch ausgedehnte Schlaflosigkeit und massiven Drogenabusus beförderten depressiven Nervenzusammenbruch erlitten hat und von Geburtstagskind Frank Lehmann ins Kreuzberger Urban-Krankenhaus gebracht worden ist, nimmt den Erzählfaden im Frühjahr 1995 nunmehr aus der Ich-Perspektive wieder auf.

Karl, inzwischen 36 Jahre alt, lebt nun im „Clean Cut 1“, einer Drogenentzugs-WG in Hamburg-Altona und wird von Werner, seinem sozialpädagogischen Betreuer, streng auf totale Abstinenz getrimmt: keine Drogen, kein Alkohol. Erlaubt sind nur Kaffee und Zigaretten. Daneben hat Karl einen Job als Hilfshausmeister in einem Kinderkurheim und ist zudem verantwortlich für die Versorgung der Tiere des angeschlossenen Streichel-Zoos. Besonders demütigend ist für einen früheren Szene-Menschen wie Karl neben dem Arbeitsbeginn um 7 Uhr morgens natürlich auch, dass seine Mutter ihm den Job besorgt hat, die „ein hohes Tier beim Hamburger Senat“ ist. Als eines Tages seine früheren Kreuzberger Kumpels Ferdi und Raimund auftauchen und Karl einen Job anbieten, wagt dieser den Absprung. Doch traut Karl Schmidt sich selbst noch nicht so ganz. Die Psycho-Pillen hat er inzwischen abgesetzt, doch erlebt er immer wieder labile Schübe, die er aber einigermaßen unter Kontrolle bringen kann. Sicherheitshalber schwört er auch weiterhin auf völlige Abstinenz und ist genau dadurch der richtige Mann für Ferdi und Raimund, mit denen Karl schon um 1980 in der Berliner Avantgarde-Band „Glitterknitter“ zusammengespielt hat (Karl Schmidt übrigens an der Bohrmaschine). Die beiden früheren Bandkollegen betreiben nämlich inzwischen das sehr erfolgreiche Techno-Label „BumBum Records“ und suchen für ihre Tournee mit mehreren DJs einen zuverlässigen Fahrer, der garantiert keine Drogen nimmt und immer nüchtern bleibt.

Als Karl nach fünfjähriger Abwesenheit ins wiedervereinigte Berlin einfährt, erkennt er es kaum wieder. Auf der Suche nach dem BumBum-Büro in der Sophien-Straße in Mitte wundert er sich zunächst darüber, dass die S-Bahn-Station nicht mehr „Marx-Engels-Forum“, sondern „Hackescher Markt“ heißt. Label-Chef Ferdi, inzwischen 50 Jahre alt, einen Joint nach dem anderen rauchend und zur Illustration seiner Popmusik-Theorien ständig auf fragwürdige Weise „Masse und Macht“ von Elias Canetti zitierend, erklärt ihm dann, dass bei ihnen mittlerweile das Geld nur so durch die Decke regne. „Der Mauerfall … das war ja überhaupt der Hammer, plötzlich machen die da neben uns eine ganz neue Stadt auf und überall die leeren Gebäude, du glaubst ja nicht, was wir da mit Partys verdient haben, da sind wir einfach rein…“ BumBum landen einen Techno-Hit nach dem anderen, die organisatorische Arbeit wird ganz überwiegend von günstigen Praktikanten erledigt. Ferdi berichtet weiter, dass sie, wo soll man mit dem ganzen Geld denn sonst hin, gleich das ganze Haus mit dem Büro in der Sophienstraße gekauft haben und das daneben gleich auch noch. (Aus heutiger Sicht betrachtet, war das, vorsichtig gesagt, keine schlechte Idee…)

Es geht also los auf die „Magic Mystery-Tour“, für 12 Tage einmal quer durch Deutschland in einem kleinen engen Bus mit 10 Personen. Besonders erfüllend ist für Karl, der alle Schwierigkeiten überwindet und als einziger statt Bier mit Koks immer eisern seine Apfelschorle trinkt, die sich anbahnende Liebe zur mitreisenden DJane Rosa. Ihre erste persönliche Begegnung verläuft allerdings denkbar ungünstig für ihn: „Was läuft denn hier für ein schrottiges Gedudel?“, fragt Karl. Und der neben Rosa stehende Ferdi antwortet: „Das ist Rosas neuer Track.“ Doch Rosa ist so ganz anders als Karls frühere Gefährtinnen und auch als die immer aufs Neue enttäuschenden Flammen des Frankie Lehmann. Rosa findet es gar nicht so schlimm, dass er „aus der Klapsmühle“ kommt, und auch nicht, dass er so fett geworden ist (denn immerhin ist er ja noch groß und stark). Sein unsicherer beruflicher Status ist für sie ebenfalls nicht abschreckend, und sie interessiert sich nicht einmal für seine Vermögensverhältnisse. Vermutlich gibt es solche Frauen nur im Roman… Am Ende der Rave trifft Karl Schmidt auf der „Springtime“ in Essen dann sogar noch seinen früheren Kreuzberger Kneipen-Chef, den „Diskurs-Gastronomen“ Erwin Kächele („Kerle, Kerle, Kerle“), den schwäbischen Millionär mit dem Lebensstil eines Sozialhilfeempfängers. Auch Frank Lehmann soll in der Nähe sein, doch der von der anstrengenden Tour völlig übermüdete Karl verpennt das geplante Treffen mit ihm.

Aber immerhin erfährt der Leser dann am Ende des Buches doch noch, wie es mit Herrn Lehmann nach der Wende weitergegangen ist: Gemeinsam mit seinem geschäftstüchtigen Chef Erwin Kächele hat er die hervorragend laufende Firma „Rave Gastro Berlin“ gegründet, die sich um die gastronomische Versorgung von Techno-Großveranstaltungen kümmert. Klar, Frank Lehmann ist, wie wir aus „Neue Vahr Süd“ wissen, gelernter Einzelhandelskaufmann. Und außerdem hatte er von seinen vielen Sonderschichten im „Einfall“, wie es in „Herr Lehmann“ hieß, „sehr viel Geld gespart“. Das wird er dann wohl als Gesellschafter in die neue Firma überführt haben. Womöglich ist damals auch die eine oder andere Mark an der Steuer vorbei geflossen, weshalb Erwin auch seinerzeit immer so panische Angst vor den „Zivilbullen“ hatte. Selbst der langweilige Informatiker Kristall-Reiner, der Frank Lehmann die schöne Köchin Katrin als Freundin ausspannte (denn Herr Lehman war in ihren Augen viel zu unambitioniert), wurde von Erwin verdächtigt, ein Spitzel zu sein. Hoffentlich hat Katrin später von Frank Lehmanns „Karriere“ erfahren und sich darob in eines ihrer hübschesten Körperteile gebissen…

Ist „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ nun also ein gutes Buch, das viele Leser verdient? Ja und nein. Sicher, der Plot ist mal wieder ganz ausgezeichnet. Und gut schreiben kann Sven Regener in seiner sehr individuellen Mischung aus Einfühlsamkeit und Schnodderigkeit, aus opulentem Satzbau und Gossenslang, wenn es drauf ankommt, auch. „Das dunkle Gefühl“ der sich immer wieder anschleichenden Depression des Karl Schmidt ist glänzend geschildert, ebenso die zarte Liebesgeschichte zwischen Karl und Rosa (die ja schon rein namenstechnisch nach einer Fortsetzung in Ost-Berlin schreit). Die Dialoge zwischen den beiden sind vor allem deshalb so gelungen, weil sie in jenem frühen Stadium ihrer Beziehung zueinander noch vorsichtig miteinander umgehen und sich vor ihren Antworten noch Zeit zum Nachdenken nehmen – im Gegensatz zum hemmungslosen Draufloslabern der übrigen Romanfiguren. Ja, dieses Buch hat eigentlich nur einen einzigen gravierenden Fehler: Es ist mit über 500 Seiten um mindestens 150 Seiten zu lang! Zwar liegt der besondere Witz des Romans natürlich nicht zuletzt in den Redundanzen, die in den Gesprächen der Figuren fast schon permanent verhandelt werden, aber irgendwann, spätestens auf der nicht enden wollenden Rave-Tournee, kommt dann doch der Punkt, an dem man als Leser so langsam ein wenig genervt ist. Eine eingedampfte Version auf 300 bis 350 Seiten wäre ein richtig gutes Buch geworden.

Das ändert aber nichts daran, dass, so wie der große Walter Kempowski als Chronist des deutschen Bürgertums gilt, sich Sven Regener mittlerweile als redlicher Chronist des deutschen Szenelebens im ausgehenden 20. Jahrhundert etabliert hat. Wir verdanken Kempowski sieben Bände seiner bürgerlichen Chronik. Wenn Regener, 52, sein bisheriges Tempo durchhält und alle vier Jahre mit einem weiteren Band aufwartet, kann er bis zum Eintritt ins Rentenalter mit Kempowski gleichziehen. Wir warten auf eine Fortsetzung, bei der der Autor vielleicht einen Tick schneller als diesmal zum Punkt kommt.

Sven Regener
Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt
Verlag Galiani Berlin 2013
503 Seiten, EUR 22,99
ISBN: 978-3-86971-073-0

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www.justament.de, 22.7.2013: Wenig Worte, viel gesagt

Vor 90 Jahren erschien “Der Prophet” von Khalil Gibran

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Thomas Claer

Manchmal dauert es einfach etwas länger. Schon sieben oder acht Jahre dürfte es her sein, dass meine Kollegin mich frank und frei fragte, ob ich in dieser Kolumne denn nicht auch einmal ihr Lieblingsbuch besprechen könnte. Ich ließ mir von ihr über das Buch berichten, wurde neugierig und sagte zu. Doch dann muss es mir wohl irgendwann in Vergessenheit geraten sein. Vor zwei oder drei Jahren entdeckte ich das schmale Bändchen dann in einer “Bücherbox”, einer ausrangierten Telefonzelle, wie es sie in Berlin wunderbarer Weise in immer größerer Zahl gibt, wo jeder seine aussortierten Bücher ablegen und/oder die dort vorgefundenen mitnehmen kann. Seitdem lag “Der Prophet” von Khalil Gibran auf meinem Schreibtisch. So richtig mochte ich zunächst nicht ran, ich hatte keine ganz großen Erwartungen an das Buch. Aber wie man sich doch täuschen kann! Vorige Woche fand ich dann auf einem der angeblich über 50 Berliner Flohmärkte, auf denen sich der immer wieder märchenhafte Sommer in dieser Stadt in besonders vollen Zügen genießen lässt, die Hörbuch-CD des “Propheten”, gelesen von Otto Sander. Der Preis – ein Euro! – stimmte auch. Nun gab es kein Zurück mehr. Und wie es der Zufall wollte, feiert das Werk just in diesem Jahr sein 90-jähriges Erscheinungsjubiläum.
Also genug der Vorrede: Dieses Buch ist eine Entdeckung, um nicht zu sagen: eine Offenbarung. Doch wer ist sein Autor Khalil Gibran? Geboren 1883 als Gibran Khalil Gibran bin Mikha’il bin Sa’ad im heutigen Libanon (damals Osmanisches Reich) und schon 1895 nach Boston in die USA emigriert, kehrte er 1897 (mit vierzehn Jahren!) zum Studium der Kunst und Literatur in den Libanon zurück, lebte vorübergehend in Paris, dann wieder in Boston, feierte Erfolge als Maler, studierte als 25-Jähriger weiter in Paris, begann zu schreiben und ließ sich ab 1912 als Philosoph und Dichter in New York nieder, wo er 1931 mit nur 48 Jahren an Leberkrebs verstarb. Seine frühen Werke hatte er auf Arabisch verfasst, seit 1918 schrieb er fast nur noch auf Englisch. Er gilt als ein Wanderer zwischen den Welten des Orients und des Okzidents, der es über Generationen hinweg mit seinen stilistisch oftmals anrührenden und inhaltlich spirituellen Büchern zu großer Popularität brachte. Kritiker werfen seinen Werken hingegen einen Hang zur Sentimentalität und namentlich seinen Romanen eine allzu schwache Zeichnung ihrer Figuren vor. Nun, wenn man sein überwiegend aphoristisch gehaltenes Büchlein “Der Prophet” liest, glaubt man gerne, dass die wahre Bestimmung dieses Autors wohl doch eher die Philosophie als die Romanschriftstellerei gewesen ist, denn in Friedrich Nietzsche-Manier (Zarathustra lässt grüßen) verkündet dort ein weiser Mann, in diesem Falle der Prophet Al Mustafa (“der Erwählte und Geliebte”), einer Menschenmenge seine Weisheiten. Doch was vier Jahrzehnte zuvor bei Nietzsche schwerverdaulich bleibt und auf den zweifelhaften Übermenschen hinausläuft, ist bei Khalil Gibran angenehm geerdet. Auf wenigen Seiten entwirft er eine ganz eigene lebenspraktische Alltagsphilosophie, die ohne irgendwelche Zukunftsvisionen und ohne erhobenen Zeigefinger auskommt und die vom Geiste der Toleranz und des Respekts beseelt ist. In kraftvollen poetischen Bildern bringt er so ziemlich alles und jedes auf den Punkt, ohne sich in Abschweifungen zu verlieren. “Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr, sind ihre Wege auch schwer und steil. Und wenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin, auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann.” Viel mehr ist hierzu eigentlich gar nicht zu sagen… Natürlich hat auch bei diesem Verfasser – die Kapitelüberschriften (“Von der Liebe”, “Von der Arbeit”, “Von der Freundschaft” etc.) verraten es – der große Montaigne Pate gestanden, aber Khalil Gibran kann es weitaus knapper – ein Montaigne für kurz Angebundene gewissermaßen. Eine Menge der Sätze dieses Propheten ist wirklich universell, andere können einen aber auch schon mal ins Grübeln bringen. Da hat man sich bald zwanzig Jahre lang mit seiner Frau auf der Straße immer zu zweit einen Kaffee geteilt (denn da spart man schließlich am meisten), um dann bei Khalil Gibran unter der Rubrik “Von der Ehe” lesen zu müssen: “Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher.” Und gleich danach heißt es: “Gebt einander von eurem Brot, aber esst nicht vom selben Laib.” Tja, erst heute haben wir uns wieder einen Döner geteilt… Man sollte sich der Gefahren von zu viel Nähe in der Zweisamkeit also bewusst sein.
Was der Prophet “von den Kindern” zu sagen weiß, ist sicherlich eine der bekanntesten Passagen des Buches und hat vermutlich schon Millionen “Erwartungsgeschädigten” aus der Seele gesprochen: “Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch, und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken.” Ebenso vielsagend sind die Ausführungen “Vom Geben”, die sich wie ein Aufschrei gegen kleinbürgerliche Moralvorstellungen lesen. “Es gibt jene, die von dem Vielen, das sie haben, wenig geben – und sie geben um der Anerkennung willen, und ihr verborgener Wunsch verdirbt ihre Gaben.” Ja, das einzige Geben, das eine Berechtigung hat, ist demnach das an diejenigen, die etwas haben wollen oder wirklich gebrauchen können, alles andere ist, um es zurückhaltend auszudrücken, fragwürdig. Und am schlimmsten wird es, wenn Abwägungen getroffen werden, wer denn bestimmte Gaben überhaupt verdient und wer nicht, oder dann, wenn Dankbarkeit für ungebetene Geschenke erwartet wird… Danke, Khalil!
Insbesondere den Juristen seien die Passagen “Von Schuld und Sühne” ins Stammbuch geschrieben, ja, man wünscht sich solcherlei Betrachtungen beinahe in Strafrechts-Lehrbüchern: “Und wenn einer von euch im Namen der Rechtschaffenheit strafen und die Axt an den Baum des Bösen legen möchte, soll er ihn bis zu seinen Wurzeln prüfen; und wahrhaftig, er wird die Wurzeln des Guten und Bösen finden, des Fruchtbaren und des Unfruchtbaren, alle ineinander verflochten im stillen Herzen der Erde.” Das ist eine der zentralen Botschaften des Buches: Wer sich immer so sicher ist, was richtig und falsch ist, was gut und schlecht ist, auf welcher Seite man unbedingt stehen sollte, der täte besser daran, etwas mehr nachzudenken und seine vorschnellen Schlüsse selbstkritisch zu überprüfen. Und umgekehrt ist auch die Vorstellung, dass bestimmte menschliche Handlungen von ausschließlich guten und edlen Motiven geleitet werden, bestenfalls naiv. Später heißt es noch im Text: “Sage nicht: ‚Ich habe die Wahrheit gefunden’, sondern besser: ‚Ich habe eine Wahrheit gefunden.’ ” Nehmt das, all ihr wichtigtuerischen Ideologen dieser Welt! Und den guten Lehrer erkenne man daran, dass er seinen Schülern nicht seine eigene Weltsicht aufzwingen, sondern sie zum selbständigen Denken erziehen will. Bravo!
Irgendwo findet sich dann aber auch der Satz, dass die erbärmlichsten Menschen jene sind, die Gold und Silber anhäufen. Hierin erweist sich, dass auch dieser Autor ein Mensch aus Fleisch und Blut ist, der eigene Ressentiments entwickelt, die er, so wie viele andere auch, zu verabsolutieren geneigt ist. Dass viel Geld auch von klugen Menschen vor allem deshalb geliebt wird, weil es ihnen die Freiheit ermöglicht, ein Leben nach eigenem Gusto zu führen, lässt er nicht gelten. Nein, von der Freiheit hält dieser Philosoph, an dem offensichtlich auch Karl Marx nicht ganz spurlos vorbeigegangen ist, nicht viel. Die Freiheit überfordert den Menschen. Ihre parolenhafte Verkündung erscheint ihm als pure Schönfärberei: “Wie Sklaven sich vor einem Tyrannen erniedrigen und ihn preisen, obwohl er sie tötet.” Freiheit ist eher etwas für Übermenschen, an die er nicht glaubt. “Wirklich frei werdet ihr nicht sein, wenn eure Tage ohne Sorge sind und eure Nächte ohne jeden Wunsch und Kummer, sondern erst dann, wenn sie euer Leben umfassen und ihr euch dennoch nackt und ungebunden über sie erhebt.” Also wohl eher niemals. Und passend hierzu stimmt Khali Gibran auch noch ein Loblied auf die Arbeit an: “Mit Liebe arbeiten”, das sei es doch. “Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe.” Na, wenn er meint…
Am Ende des Buches kommt dann die Frage nach der Religion. Und hier windet sich der Prophet, der zuvor doch hin und wieder, wenn auch recht nebulös, von Gott gesprochen hat, ganz ähnlich wie weiland Goethes Faust, als dieser von Gretchen mit nämlicher Frage überrumpelt wird. Er sagt nicht “Namen sind Schall und Rauch”, aber doch: “Habe ich denn bislang nicht ständig über Religion gesprochen?” Denn Religion sei doch irgendwie alles … beziehungsweise nichts. Und hier erinnert er dann doch wieder an Montaigne, der als freier Geist zwar wie selbstverständlich von “seiner christlichen Religion” spricht und sich dann doch über alle ihre zentralen Dogmen stillschweigend hinwegsetzt. Wenn Khalil Gibran auf diese Weise noch ein paar verbohrte Religiöse auf die Wege des freien und kritischen, auch selbstkritischen Denkens mitnehmen kann, dann ist das natürlich schwer in Ordnung.

Khalil Gibran
Der Prophet
Neuausgabe Patmos Verlag Düsseldorf und Zürich München 2010
96 Seiten, EUR 9,90
ISBN-10: 3491725739

Justament April 2013: Kapital will sich amüsieren

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Haus in Moabit (Foto: TC)

Der anhaltende Hauptstadt-Boom sorgt auch für  Goldgräberstimmung auf dem Berliner Immobilienmarkt

Thomas Claer

Ein Szenebezirk funktioniert ungefähr so, wie es die Band Tocotronic schon vor 14 Jahren beschrieben hat: „Hier in unserer Straße / Sind wir fröhlich und entspannt / Wir reden meistens über etwas / Das uns auf den Nägeln brennt / An jeder Ecke stehen Menschen / Deren Meinung uns gefällt / Und der Himmel ist ganz blau / Weil er Ozon enthält.“ Hier ist die Welt der jungen Leute noch in Ordnung, aber ein solches Glück kann nie von Dauer sein: „Das dunkle Königreich wird nicht mehr aufzuhalten sein / Das Schlechte in der Welt bricht nunmehr über uns hinein“ Ganz einerlei, ob hiermit vielleicht auch der irgendwann drohende Eintritt ins Berufsleben oder das Erwachsenwerden schlechthin gemeint waren. Zu den dunklen Mächten, von denen hier geraunt wird, zählt zweifellos der massive Kapitalzufluss in die hippen, von Studenten und Künstlern bewohnten Gegenden unserer Großstädte, der die schönen Altbauwohnungen teuer werden lässt und die kreative Klasse womöglich irgendwann von dort verdrängen wird.
Auf dem Wohnimmobilienmarkt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nämlich eine markante Veränderung vollzogen: Zwar gibt es auch weiterhin Interessenten fürs „Häuschen im Grünen“, das Reihenhaus oder die Doppelhaushälfte, wo sich die geneigte Familie fernab von Lärm und Lastern der Innenstädte wohlfühlen kann. Die Musik aber spielt seit geraumer Zeit in den immer begehrter werdenden zentralen Citylagen, je studentischer und alternativer geprägt, desto besser. Das große Geld, das einst die Ruhe der Vorstädte schätzte, langweilt sich heute dort und will sich viel lieber in den zentralen Lagen amüsieren. Wie das aussehen kann, lässt sich insbesondere in unserer von der Jugend der Welt so heiß geliebten Hauptstadt beobachten, deren Innenstadt längst einer einzigen Partymeile gleicht.
Der australische Musiker Robert F. Coleman schrieb vor einigen Monaten in der New York Times über einen Sommer mit seinen Bandkollegen in Berlin-Neukölln: „Um uns wimmelte es von Bars, Parks, Mädchen und Tischtennisplatten. Wir waren in einem hedonistischen Paradies gelandet. Das Bier war billiger als Mineralwasser, die Drogen mühelos zu beschaffen, die beste Tanzmusik der Welt an jedem beliebigen Wochentag in Reichweite… Hier (war) das Seltsame normaler als das Normale: Eltern mit XL-Bierflaschen in der Hand sehen ihren Kindern beim Schaukeln zu, Nudisten sonnen sich in öffentlichen Parks, ehemalige Stasispitzel sitzen in ihren Stammkneipen und murmeln in ihre Drinks. Überall um uns brummten die Cafés, lesende, redende, lachende Menschen säumten die Kanalufer, die riesigen Parks waren voller Picknickdecken, Grillrauch und Sonnenschein. Bloß schien niemand zu arbeiten. Ich kam mir irgendwie ausgetrickst vor. Das Leben war einfach zu leicht. Der Alltagsstress, an den wir gewöhnt waren, existierte nicht, er wurde jede Nacht durch ein neues Abenteuer verdrängt: Partys in leer stehenden Schwimmbädern, Raves auf verlassenen Flugplätzen, Nachtclubs, die tagelang geöffnet blieben … Es gab zu wenig Grenzen – und uns fehlte die Willensstärke, um Nein zu sagen. Die unerklärliche Energie der Stadt hatte uns gepackt… Eines Tages – ich starrte gerade eine Nudistin in der Hasenheide an – merkte ich, dass wir in einer Art Künstler-Paradox feststeckten …“
Das Problem ist nur: Wenn eines Tages nur noch Reiche in der Berliner Innenstadt leben, wer soll dann für die gute Stimmung sorgen?

1. Mitte (Alt): 11,09 (9,54)/ +16,2%/ zentral/ alternativ/repräsentativ

2. Prenzlauer Berg: 9,38 (7,32)/ +28,1 %/ zentral/ alternativ/neubürgerlich

3. Wilmersdorf: 9,07 (8,06)/ +12,5 %/ zentral/ großbürgerlich/bürgerlich

4. Kreuzberg: 8,91 (6,37)/ +39,9 %/ zentral/ alternativ/lebendig

5. Zehlendorf: 8,75 (7,94)/ +10,2 %/ Randlage/ großbürgerlich/bürgerlich

6. Friedrichshain: 8,65 (6,60)/+31,1 %/ zentral/ alternativ/lebendig

7. Schöneberg: 8,52 (7,24)/+17,7 %/ zentral/ bürgerlich/lebendig

8. Charlottenburg: 8,33 (7,24)/ +15,0 %/ zentral/ großbürgerlich/lebendig

9. Tiergarten: 8,15 (6,33)/ +28,7  %/ zentral/ gemischt/lebendig

10. Steglitz: 7,46 (6,45)/ +15,7 %/ Randlage/ bürgerlich/kleinbürgerlich

11. Neukölln*: 7,05 (5,23)/ +34,8 %/ zentral/ alternativ/proletarisch

12. Pankow: 7,01 (5,99)/ +17,0 %/ Randlage/ bürgerlich/lebendig

13. Weißensee: 6,93 (5,65)/ +16,3 %/ Randlage/ bürgerlich

14. Tempelhof: 6,80 (5,82)/ +16,8 %/ Randlage/ kleinbürgerlich/bürgerlich

15. Lichtenberg: 6,79 (5,50)/ +18,2 %/ Randlage/ proletarisch/kleinbürgerlich

16. Köpenick: 6,79 (6,11)/ +11,1 %/ außerhalb/ bürgerlich/proletarisch

17. Treptow: 6,57 (5,47)/ +20,1 %/ Randlage/ proletarisch/lebendig

18. Wedding: 6,56 (5,26)/ +24,7 %/ zentral/ proletarisch/lebendig

19. Reinickendorf: 6,53 (5,76)/ +13,4 %/ Randlage/ kleinbürgerlich/bürgerlich

20. Spandau: 5,99 (5,43)/ +10,3 %/ außerhalb/ kleinbürgerlich/lebendig

21. Hohenschönhausen: 5,96 (5,96)/  +/-0,0 %/ außerhalb/ proletarisch/gemischt

22. Hellersdorf: 5,81 (5,30)/ + 9,6 %/ außerhalb/ proletarisch/gemischt

23. Marzahn: 5,39 (4,85)/ +11,1 %/ außerhalb/ proletarisch/gemischt

* Neukölln-Nord: 7,69 (5,08)/ + 51,4 %/ zentral/ alternativ/proletarisch

Neukölln-Süd: 6,24 (5,41)/ +15,3 %/ Randlage/ kleinbürgerlich

Angebotskaltmieten in Berliner „Altbezirken“ nach Medianwerten 2012 (2008)/ Veränderung/ Lage /Sozialstruktur (Aufstellung gemäß Bezirksgrenzen vor der Gebietsreform 2002, weil so differenzierteres Bild möglich). Quelle: GSW-Report, eigene Berechnungen.

www.justament.de, 18.3.2013: Neukölln disst überall

Die Juristin Inger-Maria Mahlke und ihr fulminanter Gentrifizierungs-Roman „Rechnung offen“

Thomas Claer

lit-tc-mahlke-rechnung-offfenUm es gleich vorweg zu sagen: Dieser Roman ist nichts für zart besaitete Gemüter, denn seine Protagonisten hassen und verachten und bekämpfen sich mit einer Inbrunst, wie sie nur in den besten Familien vorkommt. Aber der Reihe nach: Die im Zentrum des Buches stehende dreiköpfige Familie Jansen ist eigentlich gut dabei im neuerdings aufstrebenden Berlin: Vater Claas betreibt eine prima laufende psychologische Beratungs-Paxis, Schwerpunkt: Behandlung von Depressionen. Doch zwischen ihm und seiner Frau Theresa, die als freie Jura-Dozentin an der FU immerhin fast die monatlichen Mietkosten der luxuriösen Charlottenburger Altbauwohnung erwirtschaften kann, knirscht es gewaltig. Vor allem ist es ein Ärgernis für Theresa, dass ihr Mann unablässig Antiquitäten auf Ebay ersteigert (bisweilen lässt er sogar seine Patienten warten, wenn gerade eine Auktion ausläuft) und damit die Wohnung vollstellt. Irgendwelche Finanz-Heinis haben Claas zum Kauf eines Mietshauses im einstigen Problem- und nunmehrigen Trendbezirk Neukölln überredet, natürlich auf Pump, weil das wohl steuerlich günstiger ist. Claas hat das anscheinend selbst kaum richtig durchgerechnet, seine Frau interessiert das ganze ohnehin nicht. Als sich dann herausstellt, dass etliche Altmieter schon ewig keine Miete mehr gezahlt haben, als Gerichts- und Räumungskosten anwachsen, öffnet Claas irgendwann gar nicht mehr die immer neuen Briefe mit den Rechnungen und Pfändungsbeschlüssen, und bald ist sein Konto nicht mehr gedeckt. Indessen hat sich die etwa 20-jährige Tochter Ebba, das Sorgenkind, übergewichtig, antriebslos und sogar an einer Ausbildung als Kindergärtnerin scheiternd, in einer freigewordenen Wohnung im väterlichen Neuköllner Mietshaus einquartiert. Dorthin, allerdings in eine andere der  total versifften Wohnungen des Hauses, zieht auch Vater Claas, als ihn seine Frau nach einem Streit vor die Tür setzt. Der Leser erfährt von den überwiegend traurigen Existenzen, die in diesem Hause sonst noch ihr Dasein fristen, aber auch von der Aufbruchstimmung durch die „Invasion“, die erst „im letzten Jahr begonnen hatte“: „Im Sommer waren sie braungebrannt, im Winter rotwangig, saßen mit Laptops in Cafés, in Eile auf ihren Fahrrädern, verabredet, immer verabredet…“ Das alte Neukölln bestand noch aus „Gemüsehändlern, Wettbüros, Dönerimbissen, 99-Cent-Läden, Lidl-Märkten und Kneipen, in deren Schaufenstern Silvestergardinen bleichten“. Das neue Neukölln sieht dann so aus: „Die Kneipe an der Ecke war weg…Im Frühjahr hatte in den Räumen ein Café aufgemacht, die Tapeten hatten sie runtergerissen… Sofas standen kreuz und quer und kleine Couchtische und Sessel… und alle mussten übereinandersteigen, wenn sie zu ihren Plätzen wollten. Bei den neuen Geschäften war unklar, was sie verkauften. In den Schaufenstern hingen Plakate… In manchen Läden reihenweise Tische mit Computern…“
Ohne Frage ein dankbares Thema hat sich die 35-jährige Juristin Inger-Maria Mahlke, aufgewachsen in Lübeck, FU-Absolventin und selbst in Neukölln lebend, für ihren zweiten Roman „Rechnung offen“ ausgesucht. So viele grundverschiedene Welten prallen in diesem Umbruchs-Bezirk gerade jetzt aufeinander, dass dies nach einer literarischen Verarbeitung geradezu schreit. Allerdings bedarf es beim Leser schon eines Minimums an juristischem (Mietrecht!) und ökonomischem (Entwicklung der Immobilienpreise!) Hintergrundwissen, um die entscheidenden Ereignisse der Geschichte, die im Roman nur sehr knapp angedeutet werden, angemessen nachvollziehen zu können. Dafür erhalten Nebensächlichkeiten immer wieder sehr breiten Raum, was aber mit dem, sagen wir, etwas eigenwilligen Schreibstil der Autorin zu tun hat, der in seiner nicht uneleganten Verschrobenheit ein wenig an Günter Grass erinnert. Allerdings fehlt ihr, anders als diesem, der überreichliche Sinn fürs Erotische, das im Buch nahezu völlig ausgespart bleibt. Sehr wohl aber pflegt Inger-Maria Mahlke einen Naturalismus, der sich der ausgiebigen Beschreibung von Körperausdünstungen, Speichelflüssen und, ja, auch Kackwürsten widmet. Das ist Geschmacks-, aber letztlich auch Gewöhnungssache. Und gewiss ist es manchmal etwas anstrengend, den vielen erzählerischen Sprüngen der Autorin zu folgen, die einem in ihrem Reduktionsenthusiasmus immer aufs Neue das Rätsel aufgibt, an welchem Ort und in welchem Strang der Handlung  man sich denn nun schon wieder gerade befindet. Doch bei weitem rausgerissen wird all das durch den wirklich grandiosen Plot des Romans mit seinem überraschenden Ende mitsamt einer bösen Pointe. Wir wollen noch nichts verraten.

Inger-Maria Mahlke
Rechnung offen. Roman
Berlin Verlag 2013
284 Seiten, EUR 19,99
ISBN 978-3-827ß-1130-5

www.justament.de, 11.3.2013: Die Fallstricke der Wohnungsvermietung

Der „Vermieter-Ratgeber“ von Matthias Nöllke in 8. Auflage im Praxistest

Thomas Claer

vermieter-ratgeberDa hat man also gewissermaßen die Seiten gewechselt und ist nach langen Jahren als Mieter zunächst zum Eigentümer und nun sogar zum Vermieter einer kleinen Wohnung „aufgestiegen“. (Nicht weil man Krösus wäre, sondern – eher im Gegenteil – aufgrund der sich aus einem Dasein als Geringverdiener ergebenden Sparzwänge und Vorsorge-Notwendigkeit.) Und einem frisch gebackenen Vermieter kommt natürlich ein zuverlässiger Vermieter-Ratgeber gerade recht, um den unzähligen Fallstricken zu entgehen, die eine Wohnungsvermietung so mit sich bringen kann. Aber hält der handlich und kompakt daherkommende „Vermieter-Ratgeber“ von Matthias Nöllke aus dem Haufe-Verlag auch, was er verspricht? Der Praxis-Test ergibt ein Sowohl-als-auch.
Das Buch ist durchweg flüssig geschrieben und vermeidet glücklicherweise weitgehend die trockene Paragraphenhuberei. Der an der Chronologie der Abläufe ausgerichtete Aufbau ermöglicht ein schrittweises und kontinuierliches Studium der Materie. Uneingeschränkt dankbar kann man dem Verfasser für seinen stets erhobenen Zeigefinger sein, nur ja den Mietvertrag und alles Drumherum gründlich vorzubereiten und die nötigen gedanklichen und praktischen Vorbereitungen darauf nicht auf die lange Bank zu schieben. Wohl wahr: Wer die Dinge als Vermieter im Frühstadium schleifen lässt und allein seinem Improvisationstalent vertraut, wird das womöglich kaum jemals wieder gutmachen können. Es gilt das gern zitierte Bonmot, wonach es heutzutage leichter ist, sich von seinem Ehepartner zu trennen als von seinem Mieter. Allerdings malt der Autor das Schreckgespenst des potentiell skrupellosen und querulatorischen Mieters so detailliert an die Wand, dass einen manchmal das ungute Gefühl beschleicht, er könnte damit manchen Mieter erst auf bestimmte boshafte Einfälle bringen, auf die dieser von alleine nie gekommen wäre.
Ein anderer Einwand, der sich aber angesichts des Immobilienbooms in unseren Großstädten aus der Natur der Sache ergibt, ist die mangelnde Praktikabilität mancher Hinweise im Buch. Bei Wohnungsbesichtigungen niemals mehrere Interessenten gleichzeitig in die Wohnung zu lassen, sondern sie  im Abstand von 15 Minuten nacheinander einzubestellen, wie es der Autor empfiehlt, ist jedenfalls in Großstädten inzwischen wohl generell wegen der Masse an Bewerbern nicht mehr möglich. (Als goldrichtig erwies sich hingegen die Anregung, die Besichtigenden Mieterselbstauskunfts-Fragebögen ausfüllen zu lassen und über die Angaben in diesen mit jenen ins Gespräch zu kommen.)
Doch auf welche Weise sollte man seinen Mieter überhaupt suchen? Wer das im Zeitalter des Web 2.0 für eine fast schon überflüssige Frage hält, muss sich über den „Vermieter-Ratgeber“ aus dem Jahr 2012 doch ziemlich wundern, denn der behandelt die Mietersuche über das Internet in gerade einmal sechs Zeilen mit dem Befund, dass dies zwar auch mal weiterhelfen könne, zumal es ja in der Regel kostenlos sei, man die Erfolgsaussichten aber nicht überschätzen sollte, denn der Mietmarkt sei ein lokaler Markt, auf dem das wichtigste Medium noch immer die Lokalzeitung sei. Das erinnert mit Verlaub an das berühmte Diktum Kaiser Wilhelms, der seinerzeit das Automobil für eine „vorübergehende Erscheinung“ hielt und weiter fest an die Zukunft des  Pferdes glaubte. Wir schalteten also für stolze 39,95 EUR für zwei Wochen (Mindestlaufzeit) eine Anzeige bei Immobilienscout24, die wir aber, da wir mit der Verwaltung der vielen Anfragen schon bald nicht mehr nachkamen, bereits nach vier Tagen und drei Sammelbesichtigungsterminen wieder von der Seite nahmen, zumal wir unsere Mieterin dann bereits gefunden hatten.
Vielleicht liegt es ja an diesem offenkundigen Aktualisierungsstau, dass die 2012er Auflage dieses ansonsten wirklich brauchbaren Ratgebers inzwischen nicht mehr erhältlich ist. Eine neue Auflage, die die genannten Mängel beseitigt, dürfte in Vorbereitung sein. Tipp: Darauf noch warten und dann zugreifen, sofern Bedarf besteht.

Matthias Nöllke
Vermieter-Ratgeber. Sicher und rentabel vermieten
Haufe Verlag Freiburg, 8. Auflage 2012
226 Seiten, EUR 16,95
ISBN 978-3-648-01265-9

www.justament.de, 31.12.2012: Vorwärts und nicht vergessen…

Recht cineastisch Spezial: 80 Jahre „Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?“

Thomas Claer

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Bert Brecht und Hanns Eisler (Foto: Jüdisches Museum)

Dieser Film war von Anfang an ein Politikum. Vor 80 Jahren wurde „Kuhle Wampe“, der in Berlin spielende kommunistische Propaganda-Kunstfilm mit Drehbuch von Bertolt Brecht und Musik von Hanns Eisler, erst von den Prüfstellen der Weimarer Republik verboten, dann von diesen nach heftigen Protesten als zensierte Fassung erlaubt und schließlich einige Wochen nach der „Machtergreifung“ endgültig von den Nazis verboten. Nach dem Krieg galt er lange als verschollen, tauchte später wieder auf und ist seit 2008 als DVD mit ausführlichem Booklet in der Filmedition Suhrkamp erhältlich (bei Amazon für 15,99 EUR).

Benannt ist der Film nach einer Laubenkolonie und einem Zeltplatz am Müggelsee in Berlin-Friedrichshagen im äußersten Südosten von Berlin. (Diese Gegend machte jüngst durch vehemente Proteste ihrer Anwohner gegen die Flugrouten des neuen Berliner Flughafens von sich reden.) Hier lebten während der Weltwirtschaftskrise (1929 ff.) viele arbeitslose Arbeiterfamilien, die ihre Mietwohnungen in der Innenstadt nicht mehr bezahlen konnten. Und diese Verdrängung der Armen aus dem Stadtzentrum ist nicht das einzige Deja-vu-Erlebnis, das sich beim Ansehen dieses Filmklassikers einstellt. Ähnlich wie damals stellt sich auch heute nach einer tiefen globalen Wirtschaftskrise wieder einmal „die Systemfrage“ (so auch der Titel einer aktuellen Serie im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung). Verelendung, Massenarbeitslosigkeit, eine perspektivlose Jugend – das erleben wir derzeit akut in etlichen Ländern Südeuropas. Und wenn nicht alles täuscht, dann hat uns hierzulande nur eine Mischung aus gesunder Wirtschaftskraft (Exportwunder!), vergleichsweise solider Haushaltspolitik und entschlossenen Agenda 2010-Reformen vor ähnlichen Zuständen bewahrt. Wie explosiv die soziale Lage – jedenfalls im europäischen Maßstab betrachtet – im Grunde auch heute wieder ist, wird deutlich, wenn man sich die Situation von 1932 vor Augen hält: Demokratie, Marktwirtschaft und Parlamentarismus hatten eindeutig abgewirtschaftet. Die demokratischen Regierungen in Deutschland hatten ihre Chance nicht genutzt. Die Zeit war reif für etwas Neues. Was dann aber kam, nämlich die Machtübernahme der Nazis, das hatte die proletarische Bewegung gewiss nicht gewollt, wohl aber – unfreiwillig – mit herbeigeführt. Der Film ist ein Musterbeispiel für die Unterscheidung zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik, die ursprünglich von Max Weber stammt und die Helmut Schmidt so oft im Munde führte. Die damals (und nicht nur damals!) mehr als berechtigte ätzende Kapitalismus-Kritik schürte eine anti-demokratische Stimmung, die aber kaum der kommunistischen Weltrevolution diente, sondern letztlich nur den selbsterklärten Führern der „arischen Volksgemeinschaft“ in den Sattel  geholfen hat.

Die Mitglieder der Kommission, die über das Verbot des Filmes zu befinden hatte, das zeigt ein ebenfalls auf der DVD enthaltener nachgestellter Dokumentarfilm, hatten die Gefährdung der noch jungen Demokratie deutlich vor Augen. Als Kompromisslösung wurde dann Ende 1932 eine entschärfte Version freigegeben, die heute leider die einzige noch erhaltene ist. Die Zensur beschränkte sich im Wesentlichen auf als sittlich anstößig empfundene Stellen wie die solidarische Sammlung von 90 Mark unter den Arbeiterfamilien für eine Kindesabtreibung und eine Nacktbadeszene im Müggelsee. (Noch 20 Jahre später ereilte den Film „Die Sünderin“ mit Hildegard Knef in Westdeutschland wegen eines weitaus kürzeren und harmloseren Nacktauftritts dasselbe Schicksal.) Der politische Charakter des Films, der dann mit großem Erfolg in den Kinos der Berliner Arbeiterbezirke gezeigt wurde, veränderte sich durch die Kürzungen nur unerheblich.
Aber ist dieser propagandistische Film denn auch künstlerisch gelungen? Obwohl die politische Tendenz hier erkennbar Vorrang vor jedem ästhetischen Anspruch haben sollte und die Figuren durchweg holzschnittartig gezeichnet sind, entfaltet sich in ihm doch eine ganz eigene Magie. Eine besondere Rolle dabei spielt die dissonante und schrille, ja streckenweise unheimliche Musik Hanns Eislers, des kommunistischen Schönberg-Schülers, der 18 Jahre später die DDR-Nationalhymne komponieren sollte. Vor allem der Gesang der Arbeiterchöre, die auf einer Sportveranstaltung am Müggelsee immer wieder das „Solidaritätslied“ anstimmen, geht einem durch Mark und Bein. Man muss bedenken: Tonfilme gab es damals erst seit kurzer Zeit. Darüber hinaus erinnert manches in „Kuhle Wampe“ an ein Brechtsches episches Theaterstück mit den berühmten V-Effekten. Insbesondere die Heimfahrt mit der S-Bahn vom Müggelsee in die Innenstadt, auf der sich eine lebhafte Diskussion zwischen etlichen Fahrgästen mit unterschiedlichen politischen Auffassungen und sozialem Status über das politische Weltgeschehen entwickelt, ist von raffinierter gestalterischer Hintergründigkeit.

Und auch sonst gibt es so vieles, das einem beim Betrachten aus heutiger Sicht ins Auge springt. Welche Ironie ist es doch, dass ausgerechnet die dunklen, ärmlichen, kleinen Hinterhauswohnungen in den Berliner Arbeiterbezirken, die damals als Inbegriff eines elenden Lebens galten, heute zu horrenden Quadratmeterpreisen ihren Besitzer wechseln und von ultraschicken Hipstern bewohnt werden. Und welche humane Botschaft liegt in der 2. Strophe des Solidaritätsliedes:

„Schwarzer, Weißer, Brauner, Gelber!
Endet ihre Schlächterei!
Reden erst die Völker selber,
werden sie schnell einig sein.“

Doch wird dieser Optimismus, der sich im übrigen weitgehend mit dem des demokratischen Liberalismus deckt, leider täglich aufs Neue erschüttert. Sobald man „die Völker“ nämlich über sich selbst bestimmen lässt, wählen sie am liebsten Fundamentalisten an die Macht, die als erstes ihre Freiheitsrechte beschneiden und zu „heiligen Kriegen“ gegen „die Ungläubigen“ aufrufen. Doch wusste schließlich auch Brecht schon: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!“

„Und wer wird die Welt ändern?“ fragt einer während der besagten Diskussion in der S-Bahn. Und ein Mädchen antwortet: „Die, denen sie nicht gefällt!“ Das hätten die heutigen Occupy-Aktivisten nicht viel anders ausgedrückt.  Fazit: Nicht alles, was Propaganda ist, muss schlechte Kunst sein.

Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?
Deutschland 1932
Regie: Slatan Dudow
Drehbuch: Bertolt Brecht / Ernst Ottwalt
Musik: Hanns Eisler
Balladen: Helene Weigel und Ernst Busch
Darsteller: Alfred Schäfer, Hertha Thiele, Max Sablotzki, Lili Schoenborn, Willi Schur, Ernst Busch, Martha Wolter, Adolf Fischer, Ernst Geschonneck u.v.a.
In weiteren Rollen: 4 000 Mitglieder des Arbeitersportvereins Fichte, die Arbeiterspieltruppe „Das rote Sprachrohr“, Uthmann-Chor, Sängervereinigung Norden, Arbeitersänger Groß-Berlin, Chor der Berliner Staatsoper

www.justament.de, 12.11.2012: Charascho!

Recht cineastisch, Teil 13: „Russendisko“ nach Wladimir Kaminer – jetzt auf DVD!

Thomas Claer

drum-herum-recht-cineastisch-tc-russendisko_posterWer mit Anfang oder Mitte zwanzig in eine aufregende, noch unfertige, große und bunte Stadt kommt und dort zahlreiche verrückte Abenteuer erlebt, hat dort vielleicht die besten Jahre seines Lebens. So geht es im Film „Russendisko“ – frei nach dem gleichnamigen autobiographischen Erzählungsband von Wladimir Kaminer aus dem Jahr 2000 – drei jungen Russen, die im Juli 1990 nach Berlin kommen und dort trotz ihrer mehr als prekären Lebensumstände eine berauschende Zeit durchleben. Zunächst sind Wladimir, Andrej und Mischa im Ausländerwohnheim in Marzahn untergebracht. Die beiden ersteren haben von der „gewendeten“ (Noch-) DDR aufgrund ihres Judentums „humanitäres Asyl“ erhalten. Wladimirs Vater hatte seinem Sohn dringend zur Auswanderung nach Berlin geraten, denn dass die Freiheit in Russland Einzug hält, das könne nicht von Dauer sein. (Welch prophetische Worte!) Als das Besuchervisum von Mischa abgelaufen ist, flüchten die drei Freunde aus dem Ausländerheim und wohnen fortan noch beengter in einem Auto, das sie sich unter mysteriösen Umständen verschafft haben. In der Erwirtschaftung ihres Lebensunterhalts sind die drei erfinderisch, aber die Stadt macht es ihnen auch nicht allzu schwer. Andrej beginnt mit Bierdosen zu handeln, die er im Supermarkt einkauft und auf dem Alexanderplatz an Passanten verhökert. Später entdeckt er als lukratives Geschäftsfeld die Veräußerung von Original-Bruchstücken aus der Berliner Mauer an Touristen. Mischa spielt Gitarre auf der Straße und auf Plätzen. Nur Wladimir, der Lustigste von allen, der anfangs noch mit einem Hut das Geld für Mischas Gitarrenspiel einsammelt, weiß so gar nicht, was er mit seinem Leben anfangen soll. Die Erlösung kommt, als seine Eltern aus Moskau ihrem Sohn nach Berlin folgen und ihm seine geliebte Schallplattensammlung mitbringen. Fortan veranstaltet er im Cafe Burger in der Torstraße in Mitte die bald schon zu großer Berühmtheit gelangende „Russendisko“. Das zahlreiche russisch-jüdische und später immer gemischter werdende Publikum ist begeistert. Inzwischen hat er mit der von der Insel Sachalin stammenden Tänzerin Olga, deren Herz er gewinnt, indem er ihr fortwährend unwahrscheinliche Geschichten erzählt, auch seine große Liebe gefunden. Zwar gelingt es dem Film recht gut, die Stimmung jener Jahre einzufangen. Doch unbedingt vorzugswürdig sind und bleiben Wladimir Kaminers Hörbücher – mit starkem russischen Akzent.

Russendisko
Deutschland 2012
Regie: Oliver Ziegenbalg
Drehbuch: Oliver Ziegenbalg
100 Minuten, FSK: 6
Darsteller: Matthias Schweighöfer, Friedrich Mücke, Christian Friedel, Peri Baumeister u.v.a.

Justament Okt. 2010: Stadt der Extreme

Ein rechtskultureller Versuch über unsere Hauptstadt

Thomas Claer

Nachmittags in der Berliner Ringbahn: Ein zotteliger Mann mittleren Alters fährt seinen Kinderwagen, weil er nicht gleich durchkommt, einem jungen Mädchen mit voller Wucht von hinten in die Hacken. Die schreit laut auf, worauf er knurrt: „Geh doch aus dem Weg!“ Darauf sie: „Arschloch!“ Eine ganz alltägliche Begebenheit in Berlin, der Stadt, in der sich offensichtlich andere kommunikative Codes ausgebildet haben als anderswo. Schon Goethe wusste: Dort lebt „ein so verwegener Menschenschlag beisammen, dass man mit der Delikatesse nicht weit reicht, sondern dass man Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muss, um sich über Wasser zu halten.” Ja, Grobheit und Rücksichtslosigkeit dominieren noch heute die zwischenmenschlichen Begegnungen in der Hauptstadt. Wer sich als Fußgänger versehentlich auf den Radweg verirrt, wird ohne Vorwarnung angefahren, wer als Radfahrer auch nur kurz den Fußgängerweg benutzt, bekommt unter wilden Verfluchungen einen Fußtritt ins Hinterrad. Fragt man einen Berliner nach dem Weg, antwortet der: „Seh ick aus wie `ne Infosäule?“ Überall, wo es eng oder unübersichtlich wird, wird gepöbelt, gedrängelt und geschubst.
Woran kann das liegen, fragt man sich? Hat es, wie ja gerne unterstellt wird, mit dem derzeit fast schon sprichwörtlich berüchtigten Status der Spree-Metropole als Armenhaus Deutschlands, als Prekariats-Hauptstadt zu tun? Hier könnte ein Vergleich mit dem anderen Unterschichten-Stadtstaat weiterhelfen, dem pro Einwohner noch höher als Berlin verschuldeten Bremen, das die Hauptstadt auch beim Prokopfeinkommen, der Arbeitslosenquote und der Leistungsschwäche der Schulkinder noch in den Schatten stellt. Nach dieser Logik müsste nämlich das schöne Bremen eine Stadt der Unhöflichkeiten und Unverfrorenheiten sein. Tatsächlich ist jedoch, wie ein Aufenthalt an der Weser beweist, so ziemlich das Gegenteil ist Fall: hanseatische Noblesse allenthalben. Betritt man in Bremen mit dickem Rucksack oder Koffer die Straßenbahn, wird man nicht nur nicht beschimpft und zur Seite gedrängt, sondern es wird extra zusammengerückt, damit alle sitzen können. Sucht jemand den Fahrkartenautomaten oder versteht dessen Handhabung nicht sofort, springt sogleich jemand auf und bittet seine Hilfe an. Die Menschen sind regelrecht zuvorkommend. Wer mit dem Fahrrad am Weserdeich unterwegs ist, muss erstaunt feststellen, dass die Fußgänger, wenn Radfahrer kommen, freiwillig einen Schritt beiseite treten. Die Leute sagen freundlich „Bitte schön!“ und „Danke schön!“ Kurz: Es ist eine andere Welt. An Reichtum oder Armut kann es also nicht liegen.
Zurück in Berlin: Schon der Umgangston ist ein ganz anderer. „Ja wat is denn det hier? Kann ick hier vielleicht mal durch?“, trompetet einer hinter uns und unserem Koffer auf der Rolltreppe. In dieser Stadt herrscht eine geheimnisvolle, über Jahrzehnte und Jahrhunderte seltsam beständige Kontinuität der Grobschlächtigkeit.
Denkt man nun aber, es würde womöglich besser in Berlin, wenn man sich wenigstens selber anders verhielte, vielleicht nicht gerade so ausgesucht zuvorkommend wie ein Bremer, aber doch einfach nur neutral und höflich, dann hat man die Gefahren unterschätzt, die sich allein daraus ergeben können: Eine südländisch aussehende Frau mittleren Alters in der U-Bahn, die in irgendwelche Unterlagen vertieft war, hatte nicht bemerkt, dass ihr Kugelschreiber heruntergefallen war. Ich saß neben ihr und hob ihr also den Schreiber auf. Kann sein, dass ich dabei freundlich gelächelt habe. Die Frau missdeutete mein Verhalten völlig, gab jede Zurückhaltung auf und legte los: „Kennen Sie unseren Herrn Jesus Christus?“ Am besten ist dann immer, man sagt „Ja, ja …“ und wimmelt ab. Aber sie ließ nicht locker in ihrem Missionierungseifer, kam mir mit dem jüngsten Tag, mit Umkehr und Apokalypse. Verärgert fragte ich sie schließlich: „Woher wollen Sie das eigentlich alles so genau wissen?“ Und schon war ich in eine völlig unsinnige, notwendigerweise tautologische Diskussion mit ihr geraten, der ich mich erst durch Verlassen des Wagens entziehen konnte. Aber auch auf den Bahnhöfen muss man sich in Acht nehmen: Im hippen Prenzlauer Berg, im S-Bahnhof Schönhauser Allee, erlebte ich einmal, wie ein Mann in den Vierzigern aus dem Zug stieg und sich wenigen Sekunden später mit großer Selbstverständlichkeit mitten auf dem Bahnsteig übergab. Ich konnte gerade noch einen Schritt zurücktreten, um nichts von seinem Erbrochenen abzubekommen. Im allerdings nicht gerade hippen S-Bahnhof Jungfernheide im bürgerlichen Charlottenburg konnte ein äußerlich völlig unauffälliger junger Mann wohl wegen des strömenden Regens ausnahmsweise seine Notdurft nicht draußen an der Hecke neben dem Eingang verrichten, wo man sonst immer zahlreiche Männer (allerdings nie Frauen) beim „kleinen Geschäft“ beobachten kann. So stellte er sich eben einfach drinnen in der Bahnhofshalle an die Wand, immerhin mit dem Rücken zu den Passanten, die aber um die sich rasch ausbreitende Pfütze einen großen Bogen zu machen gezwungen waren. Mit etwas Glück konnte ich auch hier noch rechtzeitig ausweichen. So was erlebt man wohl nur in Berlin.

www.justament.de, 3.5.2010: Everybody’s Darling

Eine Ausstellung im Schloss Charlottenburg zum 200. Todestag der preußischen Königin Luise

Thomas Claer

Bild LuiseVor zweihundert Jahren gab es natürlich noch keinen Popstarkult im eigentlichen Sinne. Aber wie will man es sonst nennen, wenn eine junge, schöne und allseits beliebte preußische Königin ihre Tücher auf besondere Weise um die Schultern zu tragen pflegte, und junge Menschen verschiedenster Stände imitierten es? Und all das entstand nur mit den Popularitätsverbreitungsmitteln der damaligen Zeit: Gemälden, immer wieder Gemälden, ein paar versprengten Journalen für die Gebildeten und ansonsten Hörensagen. Die Maler standen förmlich Schlange, um sie zu porträtieren. Doch weit mehr als ihre Schönheit war es ihr natürlicher Charme, der Luise von Mecklenburg-Strelitz (1776-1810), die siebzehnjährig den etwa sechs Jahre älteren späteren preußischen König Friedrich Wilhelms III. ehelichte, zum Gegenstand allgemeiner Verehrung machte. Und so makaber es klingen mag: Nichts ist dem unsterblichen Ruhm förderlicher als ein früher Tod. Mit nur 34 Jahren hat eine Lungenentzündung sie hinweggerafft – worauf die Vereinnahmung und Legendenbildung begann.

Ungezwungene Umgangsformen
Klar, ein solcher Stoff ist wie geschaffen für eine Sonderausstellung im ohnehin sehenswerten Schloss Charlottenburg in Berlin. Kein Wunder, dass die Besucher in Scharen dorthin strömen. Sie werden nicht enttäuscht. Mag man auch die anhaltende Tendenz zur Kommerzialisierung im Ausstellungswesen beklagen, ist es doch allemal anschaulicher, durch die Privatgemächer der Königin zu spazieren, als sich nur durch Wikipedia oder die zahlreichen Verfilmungen oder Bücher zu unterrichten.
Schon der erste Augenschein verrät: Luise wirkt überraschend zeitgenössisch, regelrecht modern mutet der Schnitt ihrer Kleidung auf etlichen Porträts an. Gepriesen wird in den Zitaten auf den Wandtafeln vor allem der für die damaligen Verhältnisse erfrischend unaristokratische Stil der Königin. Von ungezwungenen Umgangsformen ist die Rede, sie duzte sich sogar mit ihrem Gemahl. Doch ging sie bei ihren Tabubrüchen so behutsam vor und erwies der Etikette gerade noch so viel Respekt, dass sie konservative Kreise nicht völlig gegen sich aufbrachte.
Vieles an ihr gilt als Produkt der Erziehung ihrer liberalen Großmutter in Darmstadt, bei der sie ab 1786 aufwuchs und, wie es hieß, so manche Freiheiten genoss. Über den Besuch der vierzehnjährigen Luise (gemeinsam mit Schwester und Oma) in Frankfurt schreibt die Mutter Goethes an ihren Sohn: “Das Zusammentreffen mit der Prinzessin von Mecklenburg hat mich außerordentlich gefreut … von einer steifen Hofetikette waren sie da in voller Freyheit – tantzend – sangen und sprangen den gantzen Tag …” Noch als Jugendliche wird Luise als “kindlich unbefangen und verspielt” beschrieben. Dabei war sie keine eifrige Schülerin, in ihren Briefen häuften sich Rechtschreibfehler. Doch tat das der ihr überall entgegengebrachten Bewunderung keinen Abbruch.

Liebesheirat mit Friedrich Wilhelm
Obgleich von den Eltern arrangiert kann ihre Ehe mit Friedrich Wilhelm als ausgesprochene Liebesheirat gelten, was seinerzeit bekanntlich eher die Ausnahme war. Zum ersten Mal traf Luise den 22-jährigen Kronprinzen am 14. März 1793, am 19. März machte er ihr persönlich seinen Heiratsantrag, und am 24. April fand die offizielle Verlobung statt. Bereits Weihnachten 1793 feierte man Hochzeit. Nach Berichten von Augenzeugen wirkte der Bräutigam, sonst eher schüchtern und introvertiert, an diesem Tag heiter und ausgelassen. Und was auch schon sehr modern anmutet, es gab einen Ehevertrag. Weniger fortschrittlich allerdings war sein Inhalt: Luise sollte eine bestimmte Summe Geldes “zu selbsteigener Disposition” erhalten, die sich bei der Geburt eines Sohnes, nicht aber bei der Geburt einer Tochter deutlich erhöhen würde. Tatsächlich gebar Luise, die 1797 mit 21 Jahren Königin wurde, dann nicht weniger als zehn Kinder in knapp 17 Ehejahren (sieben von ihnen erreichten das Erwachsenenalter), darunter den späteren deutschen Kaiser Wilhelm I. (Nebenbei gesagt ist Luise somit auch die Urgroßmutter des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II.) Das hohe Ansehen der Königin war nicht zuletzt ihrem Pflichtbewusstsein geschuldet, das sie trotz eher leichtlebiger Veranlagung in ihrer hoheitlichen Position walten ließ.

Einsatz in der großen Politik
Sie unterstützte ihren Gatten bei dessen politischen Geschäften nach Kräften, machte Außenpolitik und eine gute Figur in ihren Begegnungen mit dem russischen Zaren Alexander und Napoleon. Über Zar Alexander (den Namensgeber des Berliner Alexanderplatzes) liest man in ihren Aufzeichnungen: “Er ist wunderbar gut gebaut und von sehr stattlicher Erscheinung. Er sieht aus wie ein junger Herkules.” Besonders ausführlich widmet sich die Ausstellung ihrem Aufeinandertreffen mit Napoleon, der anschließend an seine Frau nach Paris schreibt: “Die Königin von Preußen ist wirklich bezaubernd, sie ist voller Koketterie zu mir. Aber sei ja nicht eifersüchtig …”

Mausoleum, Insel, Propaganda
Gleich nach Luises Tod ließ Friedrich Wilhelm ein beeindruckendes Mausoleum im Park des Schlosses Charlottenburg errichten, wo sie (wie später noch andere wichtige Familienmitglieder) ihre letzte Ruhestätte fand. Ihr liebster Aufenthaltsort im Charlottenburger Schlosspark erhielt Skulpturen von Amor und Aphrodite, eine steinerne Büste mit ihrem Antlitz und fortan den Namen “Luiseninsel”. Weitgehend schuldlos ist Luise an ihrer postumen politisch-propagandistischen Instrumentalisierung durch deutschnationale Kreise. “Mehr als von der Verleumdung ihrer Feinde hat Luise von der Phrasenhaftigkeit ihrer Verehrer zu leiden gehabt”, befand Theodor Fontane in seinen “Wanderungen durch die Mark Brandenburg” (1862). Wie ungebrochen auch heute noch ihre Wirkung ist, beweist ein frisches Graffiti am Ausgang des Schlossparks zur Spree: ein Herz mit der Inschrift “Luise”.

Luise. Leben und Mythos der Königin
6. März – 30. Mai 2010
Schloss Charlottenburg, Berlin

Justament April 2010: Feuer und Flamme

Warum die brennenden Autos in Berlin die Gentrifizierung nur vorantreiben

Thomas Claer

FeuerBeeindruckend minutiös listet es die Seite http://www.brennende-autos.de auf: 533 Brandanschläge von Unbekannten auf Autos hat es in Berlin seit dem Frühjahr 2007 gegeben (Stand: 1.4.10). Die Tendenz ist dabei stark zunehmend: Gingen im gesamten Jahr 2008 lediglich 135 Fahrzeuge in Flammen auf, waren es 2009 bereits 212. Fast jede Nacht, heißt das, brennt in Berlin irgendwo ein Pkw. Betroffen sind, die Karte auf besagter Internetseite verrät es, ganz überwiegend die Innenstadtbezirke Kreuzberg, Friedrichshain, Mitte und Prenzlauer Berg, also jene Bezirke, in denen Stadtsoziologen schon seit mehr als einem Jahrzehnt eine ausgeprägte Tendenz zur Gentrifizierung ausgemacht haben, also zur gezielten Aufwertung der Stadtviertel durch Restaurierung, Umbau und Verränderung der Bevölkerungsstruktur. Keineswegs ausschließlich, aber doch mehrheitlich trifft es Luxusfahrzeuge der Marken Mercedes (118 Fälle) und BMW (55 Fälle). Vereinzelte Bekenntnisse aus der linksautonomen “Szene” bestätigen nur, was ohnehin jeder weiß: Die Brandstiftungen sollen politische Aktionen gegen die “kapitalistische Gentrifizierung” darstellen. Brennen nur möglichst viele Nobelkarossen, dann werden es sich die Yuppies schon überlegen, ob sie unbedingt hier wohnen wollen, war laut “taz” aus Kreuzberg zu vernehmen. Assistiert werden die feurigen autonomen Bemühungen regelmäßig durch gezielte Brandsätze auf Baustellen von Luxus-Wohnhäusern sowie entsprechende Graffiti: An Parolen wie “Fuck Yuppies!” oder “Yuppies und Schwaben raus!” an Häuserwänden hat man sich ja inzwischen schon gewöhnt.

Haben wir es bei den Zündeleien nun also mit einer neuen Form des sozialen Protestes zu tun oder sind es letztlich doch nur stinknormale Brandstiftungen gem. § 306 Abs. 1 Nr. 4, 1. Var. StGB – allerdings in ungewöhnlich großer Zahl? Für letzteres plädiert der Kriminologe Christian Pfeifer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) und füherer niedersächsischer Landesjustizminister (SPD). Er sieht nur “ganz normale Brandstifter” am Werk, die “politisch nichts bewegen” können, zitiert ihn die “taz”. Schließlich seien Brandstifter “meistens Serientäter.” “Jede neue Tat bedeutet eine Luststeigerung. Macht ausüben. Manche haben sogar ein Hochgefühl, vergleichbar einem Orgasmus, wenn sie aus sicherer Entfernung den Anblick der Flammen und die Aufregung genießen. Dieses Tatütata, wenn Polizei und Feuerwehr kommen und sich überall die Fenster öffnen.” Manche Brandstifter würden nun eben “ein politisches Mäntelchen drumhängen”. Slogans wie “Ein brennendes Auto eine Straftat – 100 brennende Autos eine politische Aktion” bezeichnet Pfeifer als “dumme Sprüche”. Die Einzigen, die durch die Brandanschläge auf die meist vollkaskoversicherten Autos beglückt würden, seien die Taxifahrer, weil das Opfer eine Weile keinen fahrbaren Untersatz habe.

Teil der Krawall-Folklore
Doch ist das alles? Könnte es nicht sein, dass die brennenden Autos sehr wohl etwas Größeres bewirken, nämlich stadtsoziologisch und damit gewissermaßen auch politisch, nur gänzlich anders, als es sich die autonomen Feuerteufel vorstellen können? Sind sie nicht schon zu einem Teil der Krawall-Folklore geworden, ähnlich den ritualisierten Gewalt-Eskalationen wie wir sie seit langen Jahren am 1. Mai erleben? Wer die Entwicklung der Mieten und Immobilienpreise in den entsprechenden Bezirken in den letzten Jahren verfolgt hat, der wird feststellen, dass autonome Krawalle eine zahlungskräftige Klientel keineswegs vom Zuzug in die schicken, coolen Szeneviertel abhalten konnten. Ganz im Gegenteil: Der Revolutions-Chic der autonomen Protestler gibt den Trend-Bezirken erst jene Spur von Anrüchigkeit, die die Gegenden für eine sich als irgendwie “alternativ” fühlende, wohlhabende und amüsierfreudige Schicht so richtig hipp macht. Sogar viele Prominente, von Sandra Maischberger über Alfred Biolek (“Mein New York ist heute Prenzlauer Berg.”) bis zu diversen internationalen Filmstars, wohnen inzwischen in den Berliner Szenebezirken.
Die, die man früher als “Spießer” bezeichnet hat, mögen in den ruhigen, gediegenen Vierteln am südwestlichen Stadtrand bleiben. Wer jedoch das blühende Leben, das Bunte, das ständige Abenteuer liebt, den zieht es in die angesagten Szenebezirke.
Das hat natürlich, wie gesagt, inzwischen seinen Preis. Fast vierhunderttausend Euro kostet eine Vier-Zimmer-Luxuswohnung etwa am Viktoriapark in Kreuzberg. Das mag Münchener, Hamburger oder Frankfurter nicht sonderlich beeindrucken, doch muss man wissen, dass die durchschnittlichen Berliner Eigentumswohnungen noch immer für fünfstellige Summen gehandelt werden.

Arme Autonome
Den Krawall-Brüdern geht es also wie der wütenden jungen Frau in jenem alten Film, dessen Namen ich vergessen habe. Sie schreit und tobt und wütet gegen ihren Ehemann, doch der lächelt nur überlegen und sagt: “Du bist hinreißend, Liebling, wenn du dich aufregst!” Es ist wie beim Protestsong gegen die Kommerzialisierung, der an die Spitze der Hitparade gelangt. Lenin hätte die autonomen Brandstifter als “nützliche Idioten der Gentrifizierung” bezeichnet.
Neulich war ich zu Besuch in einer der Kreuzberger Luxuswohnungen. Der Bildschirmschoner auf dem Laptop der Bewohnerin zeigte ein Bildnis von Che Guevara.