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justament.de, 1.6.2020: Die Rache der Wilmersdorfer Witwen

Tiergarten macht den größten Sprung, Szenekieze rutschen ab, aber Gentrifizierung 2.0 in Geheimtipp-Lagen: Überraschendes und Erwartbares im neuen Wohnmarktreport Berlin

Thomas Claer

Da haben Berlin Hyp und CBRE mal wieder ganze Arbeit geleistet, denn unter all den Mietmarkt- und Immobilienmarkt-Erhebungen über das Wohnen in unserer Hauptstadt nimmt der inzwischen schon traditionsreiche „Wohnmarktreport Berlin“ eine Sonderstellung ein. Nirgendwo sonst lässt sich ein so immenses – frei zugängliches – Zahlenwerk finden, das von den Angebots-Mietpreisen des zurückliegenden Jahres über die durchschnittlichen Wohnungsgrößen bis hin zum mittleren Einkommen pro Haushalt reicht – und all das für jeden der 190 Postleitzahlbezirke dieser Stadt! Auch in diesem Jahr gräbt man sich als thematisch affiner Leser also gespannt durch die 168 Seiten, auf denen es wie immer eine Menge zu entdecken gibt.

Und zunächst einmal ist festzustellen: Die Zeiten rasant steigender Mieten sind wohl erst einmal vorbei. Mietpreisbremse und Berliner Mietendeckel haben ihre Wirkung nicht verfehlt – wenn auch in mancher Hinsicht anders als von ihren Urhebern beabsichtigt. Das Angebot an Bestandswohnungen der Baujahre vor 2014 dünnt aus. Der Mietmarkt verlagert sich offenbar zunehmend in rechtliche Grauzonen, oder die Eigentümer sind es leid und verkaufen an Selbstnutzer. Deren Nachfrage nimmt, wie die anhaltend steigenden Kaufpreise beweisen, weiter zu, was auch daran liegen könnte, dass Wohnungssuchende, die es sich leisten können, regelrecht zum Kaufen gezwungen werden, denn zum Mieten fehlt es infolge der öffentlichen Regulierungen schlicht an Angeboten. Kurzum, für Wohnungssuchende wird es künftig wohl eher noch schwieriger werden…

So ist zwar aus den genannten Gründen bei den gemessenen Mietpreisen von einem reichlich verzerrten Bild auszugehen. Und dennoch fehlt es den neuesten Erhebungen nicht an Aussagekraft, zeigen sie doch einige bemerkenswerte Trends auf: Der Mythos der Szenekieze scheint langsam zu verblassen. Während sich Friedrichshain und Prenzlauer Berg noch halbwegs halten können, geht es mit Nord-Neukölln und insbesondere Kreuzberg – nach jahrelangen rasanten Mietanstiegen – im Stadtteil-Ranking (siehe unten) doch signifikant bergab. Dafür erlebt der gutbürgerliche (zentrale) Westen eine Renaissance. Wilmersdorf springt von Platz 6 auf Platz 4, Tiergarten sogar von Platz 5 auf Platz 2 (den noch vor einem Jahr Kreuzberg innehatte, das nun aber bis auf Platz 6 durchgereicht wird). Einzig der fulminante Aufwärtstrend im neu-alternativen Bezirk Wedding, der jetzt nur noch knapp hinter dem großbürgerlichen Zehlendorf liegt, ist voll intakt.

Charlottenburg verharrt gut behauptet auf Platz 7 in Lauerstellung, profitiert dabei aber auch von einem neuartigen Trend in seinem Nordosten: Die noch vor wenigen Jahren als langweilig geschmähte Gegend um den Mierendorff-Platz (wo die Einkommensstruktur noch immer unterdurchschnittlich ist) hat nunmehr den Sprung auf Platz 22 der Kieze mit dem stärksten Mietpreis-Anstieg der letzten 11 Jahre geschafft – und das weitgehend ohne den sonst typischerweise preistreibenden Zuzug von Künstlern und Alternativen. Vielmehr erlebte diese Gegend zuletzt eine Ansiedlung von kleinen Start-Up-Büros in großer Zahl, die sich in den z.T. seit Jahren leer stehenden Ladenlokalen einquartierten. Ihnen folgte dann die entsprechende Gastronomie – eine Art Gentrifizierung 2.0 also…

Nun bleibt freilich abzuwarten, wie sich die Corona-Krise auf den Berliner Miet- und Kaufimmobilienmarkt auswirken wird. Wird sie angesichts von wirtschaftlicher Rezession und zunehmender Arbeitslosigkeit zu einer allgemeinen Abkühlung führen? Oder wird sich womöglich wiederholen, was schon in den Jahren nach der Finanzkrise zu beobachten war: Dass nämlich Deutschland schneller und besser als andere aus der Talsohle herauskommt und es dadurch erneut scharenweise junge Leute aus Süd- und Osteuropa in seine Hauptstadt zieht, deren Bevölkerungswachstum sich zuletzt deutlich abgeschwächt hat? Wie auch immer, es bleibt spannend auf Deutschlands „heißestem Immobilienmarkt“.

 

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm) gem. Wohnmarktreport 2019 (2008) nach Alt-Bezirken

1. Mitte (Alt) 15,47 (9,54) +62,2% alternativ/repräsentativ
2. Tiergarten 13,47 (6,33) +112,8% gemischt/lebendig
3. Friedrichshain 13,28 (6,60) +101,2% alternativ/lebendig
4. Wilmersdorf 13,11 (8,06) +62,7% großbürgerlich/bürgerlich
5. Prenzlauer Berg 13,04 (7,32) +78,1% alternativ/neubürgerlich
6. Kreuzberg 12,96 (6,37) +103,5% alternativ/lebendig
7. Charlottenburg 12,37 (7,24) +70,9% großbürgerlich/lebendig
8. Schöneberg 12,07 (7,24) +66,7% bürgerlich/lebendig
9. Zehlendorf 11,54 (7,94) +45,3% großbürgerlich/bürgerlich
10. Wedding 11,37 (5,26) +116,2% neualternativ/proletarisch
11. Neukölln 10,52 (5,23) +101,1% alternativ/proletarisch
12. Steglitz 10,42 (6,45) +61,6% bürgerlich/kleinbürgerlich
13. Treptow 10,31 (5,53) +86,4% proletarisch/lebendig
14. Pankow 10,30 (6,28) +64,0% bürgerlich/lebendig
15. Köpenick 9,86 (6,14) +60,6% bürgerlich/proletarisch
16. Tempelhof 9,62 (5,82) +65,3% kleinbürgerlich/bürgerlich
17. Lichtenberg 9,60 (5,50) +74,5% proletarisch/kleinbürgerl.
18. Weißensee 9,51 (5,50) +72,9% bürgerlich
19. Reinickendorf 9,25 (5,76) +60,6% kleinbürgerlich/bürgerlich
20. Spandau 8,81 (5,43) +62,2% kleinbürgerlich/lebendig
22. Hellersdorf 8,65 (5,30) +63,2% proletarisch/gemischt
21. Hohenschönhausen 8,23 (5,96) +38,1% proletarisch/gemischt
23. Marzahn 7,74 (4,85) +59,6% proletarisch/gemischt

Quelle: Wohnmarktreport Berlin 2020 / eigene Berechnungen

 

Top 30 der Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2019 (2008)

1. 10557 Moabit Südost / Hauptbahnhof / Bellevue (Tiergarten) 16,35 (6,50) +151,5%
2. 10785 Potsdamer Platz / Lützowstr. (Tiergarten) 16,32 (7,80) +109,2%
3. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) 16,00 (7,40) +116,2%
4. 10115 Chausseestraße (Mitte) 15,60 (8,40) +85,7%
5. 10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte) 15,52 (10,30) +50,7%
6. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (Kreuzberg) 15,23 (6,70) +127,3%
7. 10117 Unter den Linden (Mitte) 15,18 (12,60) +20,5%
8. 10119 Rosenthaler Platz (Mitte) 15,06 (9,00) +67,3%
9. 10623 Savignyplatz (Charlottenburg) 15,09 (9,00) +67,7%

10. 10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf) 15,00 (9,70) +54,6 %
11. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg) 14,44 (9,00) +60,4%
12. 10707 Olivaer Platz / Kurfürstendamm (Wilmersdorf) 14,42 (8,40) +71,7%
13. 14193 Grunewald (Wilmersdorf) 14,31 (10,60) +35,0%
14. 10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg) 14,19 (8,60 ) +65,0%
15. 13355 Humboldthain/ Brunnenviertel (Wedding) 14,06 (5,00) +181,2%
16. 10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg) 14,05 (7,80) +80,1%
17. 10245 Ostkreuz / Boxhagener Platz (Friedrichshain) 14,00 (6,80) +105,9%
18. 14057 Lietzensee (Wilmersdorf) 13,98 (7,60) +83,9%
19. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“)(Neukölln) 13,97 (5,50) +154,0%
20. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg) 13,91 (6,30) +120,8%
21. 10711 Halensee (Wilmersdorf) 13,91 (7,70) +80,6%
22. 10829 Schöneberger Insel / Julius-Leber-Brücke (Schöneb.) 13,80 (6,30) +119,0%
23. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain) 13,75 (6,60) +108,3%
24. 10787 Bahnhof Zoo/ Kurfürstenstraße (Tiergarten) 13,71 (8,30) + 65,2%
25. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg) 13,64 (7,70) +77,1%
26. 14195 Dahlem (Zehlendorf) 13,56 (9,40) +44,3%
27. 10439 Arnimplatz(Prenzlauer Berg) 13,52 (6,50) +108,0%
28. 12049 Hermannstraße West (Reuterkiez)(Neukölln) 13,41 (5,10) +162,9%
29. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten) 13,39 (5,90) +126,9%
30. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain) 13,36 (6,40) +108,8%

Quelle: Wohnmarktreport Berlin 2020 / eigene Berechnungen

 

Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Elfjahreszeitraum

1. 13355 Humboldthain/ Brunnenviertel (Wedding) 14,06 (5,00) +181,2%
2. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln) 13,41 (5,10) +162,9%
3. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln) 12,75 (5,00) +155,0%
4. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln) 13,97 (5,50) +154,0%
5. 10557 Moabit SO/ Hauptbahnhof / Bellevue(Tiergart.) 16,35 (6,50) +151,5%
6. 12055 Richardplatz (Neukölln) 12,26 (5,00) +145,2%
7. 12053 Rollbergstraße (Neukölln) 12,01 (4,90) +145,1%
8. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln) 12,53 (5,20) +141,0%
9. 13359 Soldiner Straße (Wedding) 11,00 (4,70) +134,0%
10. 12059 Weigandufer (Neukölln) 11,57 (5,00) +131,4%
11. 10557 Moabit SO / Hauptbahnhof / Bellevue (Tierg.) 15,00 (6,50) +130,7%
12. 10553 Beusselstraße (Moabit/Tiergarten) 11,74 (5,10) +130,2%
13. 13347 Nauener Platz (Wedding) 11,63 (5,10) +128,0%
14. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (Kreuzberg) 15,26 (6,70) +127,8%
15. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten) 13,39 (5,90) +126,9%
16. 12435 Treptower Park (Treptow) 12,65 (5,70) +121,9%
17. 13351 Rehberge (Wedding) 11,05 (5,00) +121,0%
18. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg) 13,91 (6,30) +120,8%
19. 10829 Schöneberger Insel / Julius-Leber-Brücke 13,80 (6,30) +119,0%
20. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) 16,00 (7,40) +116,2%
21. 10551 Birkenstraße (Moabit/Tiergarten) 11,63 (5,40) +115,4%
22. 10589 Mierendorff-Platz (Charlottenburg) 12,90 (6,00) +115,0%
23. 13405 Kurt-Schumacher-Damm (Reinickendorf) 10,00 (4,70) +112,8%
24. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg) 12,76 (6,00) +112,7%
25. 12439 Niederschöneweide (Treptow) 10,81 (5,10) +112,0%
26. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln) 10,55 (5,00) +111,0%
27. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain) 13,36 (6,40) +108,8%
28. 13357 Gesundbrunnen (Wedding) 10,64 (5,10) +108,6%
29. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain) 13,75 (6,60) +108,3%
30. 10559 Stephanstraße (Moabit/Tiergarten) 11,18 (5,30) +107,8%

Quelle: Wohnmarktreport Berlin 2020 / eigene Berechnungen

justament.de, 25.5.2020: Lärmend ist lange her

Die Einstürzenden Neubauten auf „Alles in allem“, ihrem ersten Studioalbum seit zwölf Jahren

Thomas Claer

Zu den bedeutendsten und einflussreichsten deutschen Musik-Gruppen aller Zeiten zählen ohne jede Frage die Einstürzenden Neubauten, die aufgrund ihres programmatischen Bandnamens wohl selbst jenen vage bekannt sein dürften, die noch niemals eine Note von ihnen gehört haben (und dies wohl auch zeitlebens keinesfalls zu tun gedenken). Überhaupt erscheint es heute, rund vierzig Jahre nach ihren Anfängen in der Underground-Szene Berlin-Kreuzbergs, geradezu als ein Wunder, dass diese Brachial-Avantgardisten mit ihrem wundersam sperrigen Ansatz jemals Eingang in die Populärkultur finden konnten. Aber damals hat so etwas funktioniert – und sogar heute noch bilden ihre Fans (von denen es mehr gibt, als man denken könnte) eine verschworene Gemeinschaft, die mit ihren Helden mittels Crowdfunding durch dick und dünn geht.
Doch nicht nur das musikalische Konzept der Neubauten – der Einsatz diverser Altmetall-Teile von Schrottplätzen sowie Maschinenlärms als Musikinstrumente – war seinerzeit revolutionär. Auch hat sich Bandleader Blixa Bargeld (heute 61), dessen expressiver Gesangsstil damals auf viele Zeitgenossen schockierend gewirkt hat, über die Jahre als ein durchaus tiefsinniger Texter erwiesen – und dabei vor allem als ein Meister der lakonischen Verknappung: „Draußen ist feindlich“ hieß es bei ihm in den Achtzigern und „Architektur ist Geiselnahme“ in den Neunzigern. Spürbar gelitten hat die musikalische Substanz der Band allerdings durch das bedauerliche Ausscheiden von Perkussionist F.M. Einheit, der eine tragende Säule des frühen Neubauten-Sounds war, dessen notorische Differenzen mit Blixa Bargeld sich aber irgendwann als nicht mehr moderierbar erwiesen. Auch zwanzig Jahre später muss man leider feststellen: Er fehlt an allen Ecken und Enden.
„Alles in allem“, das neue Album, setzt nun den Weg fort, den die Neubauten bereits seit den späten Neunzigern beschritten haben: immer mehr weg vom infernalischen Lärm, dafür hin zu den eher leisen Tönen und melancholischen Melodien. So haben schon ihre letzten Studioalben in den Nullerjahren geklungen und auch ihre späteren Arbeiten für Theaterprojekte. Inhaltlich neu sind auf der aktuellen Platte aber die expliziten Berlin-Bezüge in Songs wie „Grazer Damm“ und „Wedding“. Ansonsten bleibt hier mehr oder weniger alles beim Alten, zumindest so, wie wir es aus den beiden zurückliegenden Jahrzehnten von ihnen kennen.
Die Einstürzenden Neubauten haben – das lässt sich somit sagen, ohne ihnen Unrecht zu tun – ihrem Gesamtwerk mit „Alles in allem“ nichts Wesentliches mehr hinzugefügt. Und dennoch hört man dieses Album gern.

Einstürzende Neubauten
Alles in allem
Potomak/Indigo 2020
ASIN: B086Y6JLHL

justament.de, 2.3.2020: Die Pet Shop Boys am Schlachtensee

Scheiben Spezial: Justament-Autor Thomas Claer macht seinen Frieden mit seinen Lieblingen von einst

Als ich Mitte der Achtziger im Osten, im Alter von ca. 14 Jahren, zum ersten Mal die Pet Shop Boys hörte, war ich wie elektrisiert. Unglaublich cool erschien mir dieses Lied, „West End Girls“, das sie in einer Fernsehsendung live zum Besten gaben. Ich glaube sogar, bin mir aber nicht mehr ganz sicher, dass dieses Erlebnis ganz am Anfang meiner Begeisterung für Popmusik stand. Auch die anderen Lieder dieses immer unterkühlt wirkenden Elektro-Duos aus London, die ich im West-Radio gehört und mit dem Kassettenrekorder aufgenommen hatte, gefielen mir sehr.

Weihnachten 1987 – meine Mutter und ich warteten noch auf unsere Ausreise in den Westen, während  mein Vater bereits dort war – hatte ich einen Wunsch frei und wünschte mir, was aufgrund einer Lockerung der Zollbestimmungen erst seit kurzem erlaubt war: dass mein Vater mir im Paket eine Popmusik-Schallplatte in den Osten schickte. Es war „Actually“ von den Pet Shop Boys, das so brillante Songs wie “It’s a Sin” und „What Have I Done To Deserve This“ enthielt – und ich liebte diese Platte. Die Musik klang für mich ungefähr so, wie ich mir damals den Westen vorstellte: aufreizend lässig, schön und unnahbar.

Und dann, im Frühling 1989, ließen sie uns endlich raus. Bald darauf fand ich mich wieder auf einem Bremer Gymnasium und sollte im Englisch-Unterricht conversation machen. Und so fragte ich also ganz unbefangen meine neuen Mitschüler: „Which music do you like best?“ Alle nannten sie dann Bands und Musiker, deren Namen ich noch nie gehört hatte, was mich sehr erstaunte, denn schließlich glaubte ich doch, mich mit Popmusik ziemlich gut auszukennen. Und dann sagte ich den verhängnisvollen Satz: „I like the Pet Shop Boys“. Die Reaktion meiner Mitschüler war für mich niederschmetternd. Einen Moment lang herrschte betretenes Schweigen, dann sagte einer: „Oh, das ist aber sehr kommerziell.“ Ein anderer ergänzte verächtlich: „Voll der Mainstream.“ Ich brauchte einige Zeit, bis ich begriff, dass sich in diesen Kreisen – es waren die Kinder des gehobenen Bürgertums – Ansehen und Reputation ganz maßgeblich über den Musikgeschmack definierten. Und hier galt vor allem: je unbekannter und schräger, desto besser. So unterschiedlich die Geschmäcker und Vorlieben hier auch waren, die zumeist auch mit bestimmten Kleidungsstilen und Verhaltensweisen korrespondierten: von Rasterlocken-Reggae-Fans über Schwarzmantel-Grufty-Underground und Müsli-Öko-Diskurs-Indie-Pop bis zu Lederjacken-Punks… Einig waren sich beinahe alle in der Verachtung des Mainstreams. Was in die Hitparaden kam und im Radio lief, das war banale Massenkultur und als solche völlig inakzeptabel. Das war Musik, das lernte ich mit der Zeit, für Haupt- oder Realschüler, nicht aber für Bremer Gymnasiasten…

Natürlich wusste ich nichts von alledem, als ich 17-jährig erstmals damit konfrontiert wurde. Mein Erfahrungshorizont hatte sich ja zwangsläufig zunächst auf das beschränkt, was ich aus West-Radio und West-Fernsehen kannte. Woher sollte ich, als gebürtiger Ossi, auch anderes kennen?  Aber obwohl ich die Dünkelhaftigkeit meiner neuen Mitschüler befremdlich fand, weckte sie doch meine Neugier. Was war das für eine Musik, die ihnen ein solches Überlegenheitsgefühl mir gegenüber gab? Wahrscheinlich war es auch mein Drang, dazugehören zu wollen… Ich begann also, mich für abseitigere Musikrichtungen zu interessieren. Und tatsächlich, irgendwann war ich geneigt, meinen Mitschülern recht zu geben. Die radiotaugliche Popmusik empfand ich nun im Vergleich zu dem, was es sonst noch so gab und was ich nun nach und nach für mich entdeckte, als ziemlich banal. Meine Mainstream-Pop-Platten, darunter auch die von den Pet Shop Boys, verkaufte ich eine nach der anderen.

Nur einmal noch hörte ich später wieder etwas von den Pet Shop Boys. Ungefähr 1993, während meines Zivildienstes, saß ich im Warteraum vor dem Blutspenden und hörte dort aus dem Radio die mir wohlbekannten Stimmen: „Go West“ war ihr ganz neuer Hit. Was für eine opulente Hymne auf die Freiheit und die westliche Dekadenz! Ich war wohl ähnlich angetan wie damals, als ich zum ersten Mal „West End Girls“ gehört hatte. Ich bemerkte auch, dass alle Anwesenden, die Patienten wie die Krankenschwestern, ihre Köpfe hoben und sich einen Moment lang diesen überwältigenden Klängen hingaben. Aber meine innere Stimme sagte mir: „Das darfst du jetzt nicht gut finden! Das ist durch und durch kommerzielle, oberflächliche, verlogene Musik für den schlechten, verdorbenen Massengeschmack!“

Und dann erschien 2005 von meiner Lieblingsband Element of Crime die Single „Delmenhorst“. Und sie enthielt mit „You Only Tell Me You Love Me When You’re Drunk“ eine Coverversion eines (späteren) Songs von den Pet Shop Boys. Ein unglaublich schönes, ein wirklich großartiges Lied, das musste ich zugeben. Aber wie konnte das sein? Die Pet Shop Boys hatten doch mittlerweile Zigmillionen und Abermillionen Tonträger verkauft. Das konnte doch nichts taugen. Oder vielleicht doch?

Weitere anderthalb Jahrzehnte vergingen, und noch immer hatte ich mit den Pet Shop Boys, meinen alten Lieblingen aus Teenager-Tagen, gewissermaßen eine Rechnung offen. Und nun las ich im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung einen längeren Artikel über die Pet Shop Boys, inzwischen beide Mitte 60, in ihrer neuen Wahlheimat Berlin. Seit Jahren schon, so erfuhr ich, haben sich die beiden rüstigen Herren am Nollendorfplatz einquartiert. Das passt natürlich, denn die Pet Shop Boys gelten mittlerweile als ausgesprochene Schwulen-Ikonen, hatten ja auch bereits in den Achtzigern, als andere das noch befremdlich fanden, ganz offen schwul gelebt. Und an Berlin, so sagen sie, gefalle ihnen einfach alles, bis auf die vielen Hipster hier. „Sie halten sich allein deshalb für cool, weil sie in Berlin wohnen und einen Vollbart tragen.“ Aber ansonsten sei alles gut in Berlin, auch dass niemand sie in der U-Bahn erkenne, ob sie nun mit der U3 nach Friedrichshain führen oder zum Schlachtensee im Südwesten. Zum Schlachtensee? Ja, dort machten sie regelmäßig ausgedehnte Spaziergänge. Einmal um den See dauert genau eine Stunde – und dann mit der U-Bahn wieder zurück.

Als ich das las, bekam ich große Lust, auch mal wieder einen Ausflug zum wunderschönen Schlachtensee zu unternehmen. Gesagt, getan. Nach einer knappen halben Stunde S-Bahn-Fahrt standen wir am Ufer. „Wir sind noch schneller am Schlachtensee als die Pet Shop Boys“, sagte ich freudig zu meiner Frau. Beim Rundgang um den See beobachtete ich dann die zahlreichen Spaziergänger. Ja, es waren sogar des öfteren zwei ältere Herren gemeinsam unterwegs, aber die Pet Shop Boys waren nicht darunter. Wieder zu Hause stellte ich mir dann mittels YouTube eine CD mit ihren alten Hits aus den Achtzigern zusammen, „aus meiner Zeit“ sozusagen. Und ich bekam beim Anhören am nächsten Morgen während meines Frühsports eine regelrechte Gänsehaut. Nein, das waren keineswegs banale Klänge. Zugegeben, manches davon wirkt aus heutiger Sicht übertrieben bombastisch produziert, etwa das inhaltlich ganz ausgezeichnete „It’s a Sin“. Aber vieles ist so fein arrangiert, von solch unterkühlter hintergründiger Schönheit. Man höre nur das auf den ersten Blick so unscheinbare Lied „Rent“ („I love you, you pay my rent“). Die frühen Pet Shop Boys, so kommt es mir heute vor, verkörpern ungefähr das, was Friedrich Nietzsche als „Oberflächlichkeit aus Tiefe“ beschrieben hat. Oder in den Worten von Rüdiger Safranski: „Das Geheimnis liegt an der Oberfläche. Die Oberfläche des Lebens selbst ist so unendlich tief, dass wir jenseits der Erscheinung keine Tiefe mehr suchen müssen. Der Tanz ist eine Wahrheit in sich. Das Charmieren, die Koketterie ist eine Wahrheit in sich.“ Und ich muss zugeben: Auch kommerzielle, scheinbar oberflächliche Musik kann richtig gut sein. Die Pet Shop Boys sind der Beweis.

justament.de, 23.9.2019: Gesicht zeigen fürs Klima

Justament-Autor Thomas Claer über „Fridays for Future“

Es ist Freitag. Und diesmal sind auch wir mit dabei. Wir quetschen uns in den von bunt geschmückten Schülern überfüllten Regionalexpress, der um zwanzig vor zwölf von unserem S-Bahnhof zum Hauptbahnhof fährt. „Es kommt immer auf den einzelnen Lehrer an“, sagt ein junges Mädchen zu seiner Begleiterin, „aber unsere Direktorin am ‚Gottfried Keller‘ entschuldigt das grundsätzlich nicht.“ Trotzdem sind wohl mehr als jemals zuvor zu den Schülerprotesten gekommen, die an diesem Tag auch noch vom weltweiten „Streiken fürs Klima“ aller Altersgruppen begleitet werden. Mit den Menschenmassen werden wir über die Spreebrücke in Richtung Brandenburger Tor geschoben. Überall sieht man selbstgemalte Plakate. „Muttermilch ohne Mikroplastik!“, hat eine junge Frau, die ihren Säugling auf dem Arm trägt, auf ihr Transparent geschrieben. Eine ältere Dame streckt ein Schild mit der Aufschrift „Omas for your Future“ in die Höhe. Auch diverse Berufsgruppen haben sich positioniert, von „Hebammen for Future“ bis zu „Lehrer for Future“. Wir hören hochemotionale Ansprachen, die immer wieder von tosendem Applaus unterbrochen werden. Neben uns interviewt ein ZDF-Filmteam einen Herrn im grauen Anzug. Wir erkennen Bernd Riexinger von der Linkspartei. An mehreren Ständen gibt es Flyer und Aufkleber für mehr Klimaschutz. Gleich soll Carola Rackete sprechen, die Kapitänin des Flüchtlingsrettungsschiffs aus dem Mittelmeer, aber ihre Rede wird immer wieder verschoben.

Dieses Bad in der Menge der Gleichgesinnten gibt offenbar allen Beteiligten ein Gefühl der Erhabenheit, das auch uns ein Stück weit erfasst hat. Jahrzehntelang musste ich mich in meiner Generation und vor allem auch unter Jüngeren als weitgehender Flugvermeider und beinahe Auto-Hasser wie eine notorische Spaßbremse fühlen. Und nun das. Jedoch steigen, wenn ich die vielen Familien mit kleinen Kindern sehe, dann doch allerhand Bedenken und Fragen in mir hoch, auf die ich keine Antworten finde. Darf man kleine Kinder so für politische Zwecke instrumentalisieren? Auf Pegida-Demos z.B. empfindet man so etwas doch zurecht als besonders abscheulich. Und werden diese engagierten Menschen, die sich doch nach allen soziologischen Erkenntnissen vorwiegend aus der gehobenen und gebildeten bürgerlichen Mittelschicht rekrutieren und dadurch nachweislich einen besonders tiefen ökologischen Fußabdruck hinterlassen, nun plötzlich alle ihren Lebensstil völlig umkrempeln? Werden sie nun allesamt auf den gediegenen Flugzeug-Familienurlaub am Mittelmeer verzichten und stattdessen mit dem Fahrrad an die Mecklenburgische Seenplatte fahren? Werden sie jetzt statt der gesunden, aber ökologisch desaströsen Avocados aus Südamerika lieber regionalen Beelitzer Spargel essen?

Neben uns packt ein Mann im Mehr-Klimaschutz-T-Shirt seine mitgebrachten Brote aus. Sie sind ausgerechnet in Aluminium-Folie eingewickelt. Also das geht ja nun gar nicht!! Aber andere mit moralisch erhobenem Zeigefinger belehren wollen, das wäre im Zweifel noch schlimmer. Wir sagen also nichts dazu und wissen: Es gibt noch viel zu tun!

justament.de, 9.9.2019: Aktuell wie uff’m Basar

Recht cineastisch Spezial: Vor 40 Jahren erschien „Das Leben des Brian“

Thomas Claer

Dieser Film gehört zu meinen cineastischen Lieblingswerken. Hier hat die britische Komiker-Truppe Monty Python vor vier Jahrzehnten einen wahren Filmklassiker erschaffen. Lange Jahre konnte – zumindest in unseren Breiten – keiner mehr so richtig verstehen, warum sich seinerzeit so viele über seine ruchlose Blasphemie aufgeregt hatten. Seit einigen Jahren aber hat so vieles von dem, was in diesem Streifen durch den Kakao gezogen wird, wieder traurige Aktualität erlangt: vom religiösen Fanatismus bis zum dilettantischen Sektierertum politischer Akteure. Aber statt nun noch mehr Worte über einen Film zu verlieren, über den doch längst schon alles gesagt ist, schildere ich lieber eine vor kurzem erlebte Begebenheit auf einem Berliner Flohmarkt, die mich stark an die Basarszene aus „Life of Brian“ erinnert hat:

Ein Flohmarktbesucher betrachtet an einem der Stände mit Interesse eine potthässliche Porzellanfigur: „Wat soll‘n die kosten?“
Darauf der Händler: „20 Euro.“
Der Besucher: „Nee, dit is mir viel zu teuer. 15 Euro geb ick dir dafür.“
Der Händler: „20 Euro und keinen Euro wenija. Ick brauch det Geld.“
Der Besucher: „Na jut, 16 Euro.“
Der Händler: „Nüscht is: 19 Euro.“
So geht es noch einige Zeit hin und her. Schließlich einigen sie sich auf 17,50 Euro. Der Kunde gibt einen 20-Euro-Schein. Aber der Händler kann ihm nicht rausgeben. Er hat nur einen 5-Euro-Schein.
Der Besucher, nach einigem Zögern: „Lass jut sein, passt schon.“
Der Händler schiebt ihm seinen 5-Euro-Schein zu: „Nee, den nimmste jetzt.“
Der Besucher, einen Schritt zurücktretend: „Nee, den kannste behalten, den will ick nich.“
Der Händler: „Det is jetzt nich dein Ernst. Du nimmst den jetzt!!“
Der Besucher, sich mit der Figur entfernend: „Nee, is jut.“
Der Händler läuft ihm nach mit dem Schein in der Hand: „Den nimmst du jetzt!!“
Im Gedränge kann ich die beiden nicht mehr sehen und erfahre so nicht mehr, wie es ausgegangen ist…

justament.de, 2.9.2019: Und wieder im Oktober…

Live-Album von EoC erscheint am 10.10.2019

Thomas Claer

Auch in diesem Jahr können wir also in freudiger Erwartung dem Monat Oktober entgegenfiebern, denn wie schon im Vorjahr bringen unsere Lieblinge von Element of Crime in diesem Herbst abermals eine neue Platte heraus. Und das hat es wirklich seit 1990 nicht mehr gegeben: Es wird ein reguläres Live-Album sein und den Titel „Live im Tempodrom“ tragen. „Live im was?“, wird vielleicht der eine oder andere Ignorant nun fragen. Und hiermit sei ihm gesagt, dass das Tempodrom ein bekanntes und noch dazu traditionsreiches Berliner Veranstaltungszentrum ist, unter dessen Dach sich übrigens auch noch das beliebte Erholungsbad Liquidrom befindet, das unsereiner bislang aber leider ebenfalls nur vom Hörensagen kennt. Und treffenderweise heißt der erste Song von diesem Album, der sich bereits auf YouTube ansehen lässt: „Geh doch hin“.

Abgesehen von dem glänzenden Einfall, ausgerechnet einen Song mit diesem Titel als Appetitmacher für ein Live-Album auszuwählen, weist „Geh doch hin“, dieses grandiose Lied aus dem Jahr 1991 über die zwischenmenschliche Eifersucht, aber auch schon der ganzen Platte die Richtung. Denn wie sich der ebenso bereits feststehenden Titelliste entnehmen lässt, wird sie zahlreiche ältere Songs aus den Oeuvre der Elements enthalten, die schon seit Ewigkeiten nicht mehr in Konzerten von ihnen zu hören waren, so auch das wohl philosophischste aller EoC-Stücke: „Wer ich wirklich bin“ von 1996. Ansonsten stammen von den 25 Liedern, die sowohl auf einer Doppel-CD als auch wahlweise auf einer Dreifach-LP erhältlich sein werden, gleich zehn vom aktuellen Studio-Album „Schafe, Monster und Mäuse“, was angesichts der herausragenden Qualität dieser Platte auch völlig in Ordnung geht. Worauf jedenfalls ich mich aber am meisten freue, ist die neue Live-Version von „Schwere See, mein Herz“ aus dem Jahr 1993.

justament.de, 5.8.2019: Ich mach dich Friedhof!

Recht cineastisch, Teil 36: „Nur eine Frau“ von Sherry Hormann

Thomas Claer

„In meinem Land herrscht Gewissens- und Fickfreiheit!“ (nach anderer Quelle: “In meinem Staat herrscht Gedanken- und Fickfreiheit!“), soll Friedrich der Große (1712-1786) einmal geäußert haben. Aber auch dies (in mäßigem Deutsch): „Alle Religionen Seindt gleich und guht wan nuhr die leüte so sie profsiren Erliche leüte seindt, und wen Türken und Heiden kähmen und wollten das Land Pöpliren, so wollen wier sie Mosqueen und Kirchen bauen.“ Zweieinhalb Jahrhunderte später zeigt sich nun, dass es mitunter gar nicht so einfach ist, diese im Grunde sehr löbliche Toleranz- und Willkommenskultur unter einen Hut zu bringen. Denn die Probleme beginnen spätestens dann, wenn man sich ausgesprochene Intoleranzkulturen ins Land holt, die gerade auch in ihren Gotteshäusern Stimmung gegen die liberale Mehrheitsgesellschaft machen und diese verachten. Ob es einem gefällt oder nicht: Zu Deutschland gehören mittlerweile auch Familienstrukturen mit archaisch geprägten Ehrvorstellungen, die ihren Angehörigen (und nicht nur ihnen) das Leben zur Hölle machen – und das auch noch mitten in unseren weltoffenen Großstädten, in denen doch jeder nach seiner Facon glücklich werden sollte. Schuld daran ist gewiss nicht „der Islam“ und sind schon gar nicht „die Muslime“, denn diese und jener sind ihrerseits sehr vielfältig und verdienen es nicht, über einen Kamm geschoren zu werden. Dennoch kann man es nur als völlig falsch verstandene Toleranz ansehen, wenn unsere Rechtsordnung es hinnimmt, dass Frauen in bestimmten Milieus als Menschen zweiter Klasse behandelt und ihnen elementare Freiheiten vorenthalten werden. (Und dass ein Teil der muslimischen Frauen sich auch noch freiwillig solchen rückständigen Moral- und Bekleidungsvorschriften unterwirft, macht alles nur noch schlimmer.)

Der Ehrenmord an der türkisch-kurdischstämmigen Berlinerin Hatun Sürüci, der 2005 deutschlandweit für Entsetzen gesorgt hatte, ist nun mitsamt seiner Vorgeschichte und seinen Folgen auf eindrucksvolle Weise von Sherry Hormann verfilmt worden. Dieser Film ist zugleich ein Aufschrei der Empörung über die – wie zu befürchten ist – hierzulande noch immer zahlreichen in ähnlicher Weise bestehenden familiären Unterdrückungs- und Überwachungsstrukturen. Und vor allem setzt er jenen tapferen Frauen (und manchmal auch Männern) ein Denkmal, die sich dagegen zur Wehr setzen.

Nur eine Frau
Deutschland 2019
97 Minuten, FSK: 12
Regie: Sherry Hormann
Drehbuch: Florian Oeller
Produktion: Sandra Maischberger
Darsteller: Almila Bagriacik (Hatun Aynur Sürüci), Aram Arami (Tarik Sürüci), Jacob Matschenz (Tim) u.v.a.

justament.de, 15.4.2019: Es boomt, wohin man blickt

Der aktuelle „Wohnmarktreport Berlin“ bestätigt die laufenden Trends

Thomas Claer

Hauseingang in Berlin-Kreuzberg

Seit ziemlich genau zehn Jahren befinden sich die Immobilienmärkte, insbesondere in unseren Großstädten, in einem signifikanten Aufwärtstrend. Was Vermieter und Projektentwickler jubeln lässt, kann manchen Mietern allerdings die Schweißperlen auf die Stirn treiben. Wohnen ist, so hört man es längst an jeder Ecke, zur „sozialen Frage unserer Zeit geworden“. Wohl nirgendwo aber ist diese Entwicklung so krass verlaufen wie in unserer Hauptstadt, wo sich die Mietpreise bei Wohnungs-Neuvermietungen im letzten Jahrzehnt – von einem sehr niedrigen Ausgangsniveau aus – beinahe verdoppelt haben. Besonders aussagekräftig sind die Zahlen des aktuellen „Wohnmarktreports Berlin“, herausgegeben von CBRE und Berlin Hyp, wenn man sie, was untenstehend getan wird, mit jenen von vor genau zehn Jahren vergleicht. Besondere Gewinner dieser Entwicklung sind zentral gelegene, ehemals ärmliche Stadtviertel wie Nord-Neukölln, Moabit oder Wedding, die mittlerweile zu heiß begehrten Innenstadtlagen mutiert sind. Dicht dahinter folgen die schon lange Zeit etablierten Zentrumslagen, und zwar besonders die trendigen Szenebezirke Kreuzberg, Friedrichshain und Prenzlauer Berg, aber auch eher bürgerliche Bezirke wie Charlottenburg, Tiergarten oder Schöneberg. Weniger stark am Aufschwung partizipieren konnten hingegen gutbürgerliche Randlagen wie Zehlendorf. Jedoch lässt sich seit einigen Jahren beobachten, dass auch sie zunehmend stärker vom Aufwärtstrend erfasst werden, so wie auch die als weniger attraktiv geltenden Randbezirke wie Reinickendorf oder Spandau bis hin zu den einst berüchtigten Plattenbau-Bezirken Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen. Längst gibt es in Berlin keinen Flecken mehr, der nicht vom Boom erfasst wäre.

Quellen: „Wohnmarktreports Berlin“ (hg. von CBRE und Berlin Hyp) sowie eigene Berechnungen

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm) gem. Wohnmarktreport 2018 (2008) nach Alt-Bezirken

1. Mitte (Alt) (15,13/9,54/+58,6%/alternativ/repräsentativ)
2. Kreuzberg (13,06/6,37/+105,0%/alternativ/lebendig)
3. Friedrichshain (12,73/6,60/+79,2%/alternativ/lebendig)
4. Prenzlauer Berg (12,60/7,32/+72,1%/alternativ/neubürgerlich)
5. Tiergarten (12,57/6,33/+98,6%/gemischt/lebendig)
6. Wilmersdorf (12,12/8,06/+50,4%/großbürgerlich/bürgerlich)
7. Charlottenburg (11,90/7,24/+64,3%/großbürgerlich/lebendig)
8. Schöneberg (11,77/ 7,24/+49,9%/bürgerlich/lebendig)
9. Zehlendorf (10,93/ 7,94/+33,5%/großbürgerlich/bürgerlich)
10. Wedding (10,81/5,26/+105,5%/proletarisch/lebendig)
11. Neukölln* (10,54/5,23/+101,5%/alternativ/proletarisch)
12. Pankow (10,21/6,28/+58,3%/bürgerlich/lebendig)
13. Steglitz (10,11/6,45/+56,7%/bürgerlich/kleinbürgerlich)
14. Treptow (10,06/5,53/+81,9%/proletarisch/lebendig)
15. Lichtenberg (9,77/5,50/+77,6%/proletarisch/kleinbürgerlich)
16. Köpenick (9,60/6,14/+42,8%/bürgerlich/proletarisch)
17. Tempelhof (9,47/ 5,82/+62,7%/kleinbürgerlich/bürgerlich)
18. Weißensee (9,41/5,50/+71,1%/bürgerlich)
19. Reinickendorf (8,97/ 5,76/+55,7%/kleinbürgerlich/bürgerlich)
20. Spandau (8,38/5,43/+54,3%/kleinbürgerlich/lebendig)
21. Hohenschönhausen (8,35/5,96/+40,1%/proletarisch/gemischt)
22. Hellersdorf (8,11/5,30)/+53,0%/proletarisch/gemischt)
23. Marzahn (7,77/4,85/+60,2%/proletarisch/gemischt)

* Neukölln-Nord (11,87/ 5,08/+133,7%/alternativ/proletarisch)
Neukölln-Süd (8,84/ 5,41/+63,4%/kleinbürgerlich/proletarisch)

Top 30 der Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2018 (2008)

1. 10117 Unter den Linden (Mitte) (15,93/12,60/+26,4%)
2. 10785 Potsdamer Platz / Lützowstr. (Tiergarten) (15,73/7,80/+101,7%)
3. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) (15,48/7,40/+109,2%)
4. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (15,26 /6,70/+127,8%)
5. 10557 Moabit Südost / Hauptbahnhof / Bellevue (Tiergarten) (15,00/6,50/+130,7%)
6. 10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte) (15,00/10,30/+45,6%)
7. 10115 Chausseestraße (Mitte) (14,75/8,40/+75,6%)
8. 10119 Rosenthaler Platz (Mitte) (14,49/9,00/+61,0%)
9. 10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg) (14,28/8,60 /+66,0%)
10. 10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf) (14,00/9,70/+44,3 %)
11. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg) (13,77/9,00/+53,0%)
12. 10245 Ostkreuz / Boxhagener Platz (Friedrichshain) (13,50/6,80/+98,5%)
13. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain) (13,41/6,60/+103,2%)
14. 10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg) (13,12/7,80/+68,2%)
15. 10585 Dt. Oper (Charlottenburg) (13,11/6,60/+98,6%)
16. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“)(Neukölln) (13,07/5,50/+156,3%
17. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg) (13,00/6,20/+109,7%)
18. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg) (13,00/7,70/+68,8%)
19. 14193 Grunewald (Wilmersdorf) (13,00/10,60/+22,6%)
20. 14057 Lietzensee (Wilmersdorf) (12,99/7,60/+70,9%)
21. 10711 Halensee (Wilmersdorf) ( 12,89/7,70/+67,4%)
22. 10777 Viktoria-Luise-Platz (Schöneberg) (12,82/7,60/+68,7%)
23. 10789 Tauentzienstr. / Kurfürstendamm (Wilmersdorf) (12,54/9,10/+37,8%)
24. 10623 Savignyplatz (Charlottenburg) (12,74 /9,00/+41,6%)
25. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg) (12,86/6,80/+89,1%)
26. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg) (12,79/6,30/+103,0%)
27. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg) (12,68/6,00/+111,3%)
28.10967 Graefestraße (Kreuzberg) (12,63/6,30/+100,5%)
29. 10829 Schöneberger Insel / Julius-Leber-Brücke (Schöneb.) (12,60/6,30/+100,0%)
30. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenburg) (12,58/6,60/+90,6%)

Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Zehnjahreszeitraum

1. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln) (13,07/5,50/+156,3%)
2. 12053 Rollbergstraße (Neukölln) (12,53/4,90/+155,7%)
3. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln) (12,51/5,00/+150,2%)
4. 12055 Richardplatz (Neukölln) (12,01/5,00/+140,2%)
5. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln) (12,48 /5,20/+140,0%)
6. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln) (12,12/5,10/+137,6%)
7. 13355 Humboldthain/ Brunnenviertel (Wedding) (11,75/5,00/+135,0%)
8. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln) (11,62/5,00/+132,4%)
9. 10557 Moabit Südost / Hauptbahnhof / Bellevue (15,00/6,50/+130,7%)
10. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (Kreuzberg) (15,26/6,70/+127,8%)
11. 12059 Weigandufer (Neukölln) (11,31/5,00/+126,2%)
12. 10553 Beusselstraße (Moabit/Tiergarten) (11,52/ 5,10/+125,9%)
13. 13359 Soldiner Straße (Wedding) (10,41/4,70/+121,5%)
14. 13351 Rehberge (Wedding) (10,82/5,00/+116,4%)
15. 13347 Nauener Platz (Wedding) (11,00/5,10/+115,7%)
16. 10783 Bülowbogen/Bülowstraße (Schöneberg) (11,91/5,60/+112,7%)
17. 12435 Treptower Park (Treptow) (12,08/5,70/+111,9%)
18. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg) (12,68/6,00/+111,3%)
19. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg) (13,00/6,20/+109,7 %)
20. 13357 Gesundbrunnen (Wedding) (10,68/5,10/+109,4%)
21. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) (15,48/7,40/+109,2%)
22. 10559 Stephanstraße (Moabit/Tiergarten) ( 11,01/5,30/+107,8%)
23. 10551 Birkenstraße (Moabit/Tiergarten) (11,10/5,40/+105,6%)
24. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten) (12,07/5,90/+104,6%)
25. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain) (13,41/6,60/+103,2%)
26. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (12,79/6,30/+103,0%)
27. 12439 Niederschöneweide (Treptow) (10,32/5,10/+102,4%)
28. 12347 Britz-West (Neukölln) (10,34/5,10/+101,7%)
29. 10785 Potsdamer Platz/ Lützowstr. (Tiergarten) (15,73/7,80/+101,7%)
30. 10967 Graefestraße (Kreuzberg) (12,63/6,30/+100,5%)

justament.de, 11.3.2019: Heiter statt wolkig

„Die Heiterkeit auf ihrem großartigen vierten Album „Was passiert ist“

Thomas Claer

Juristen-Popstars, also erfolgreiche Gesangskünstler mit abgeschlossener juristischer Ausbildung, gibt es keineswegs wie Sand am Meer. Dieter Meier von Yello fällt einem da ein und auch noch der singende Rechtsanwalt Paolo Conte. Aber sonst? Von Juristinnen mit Popstar-Status hatte man bislang sogar noch nie etwas gehört. Doch nun ist alles anders, denn wir haben Stella Sommer, 32, examinierte Juristin, und ihre gefeierte Band „Die Heiterkeit“, mit der sie parallel zu ihrer Juristenausbildung seit 2010 drei vielbeachtete Alben aufgenommen hat. (Hinzu kommt noch ein sogenanntes Soloalbum im vorigen Jahr.)

Dieser Bandname, das muss man wissen, war von Anfang an nicht gerade als programmatisch zu verstehen. Reichlich unterkühlt in jeder Hinsicht präsentierte sich die ursprünglich aus Sankt Peter-Ording in Schleswig-Holstein stammende junge Dame mit den kryptischen Texten und der markanten Stimme (zwischen Nico und Hildegard Knef) auf ihren früheren Veröffentlichungen. Aber jetzt, auf ihrer vierten Platte, muss, wie es der Albumtitel bereits andeutet, etwas passiert sein. Denn eine ganz andere, viel positivere, ja überschwängliche Grundstimmung – vor allem im Vergleich zum etwas zwiespältigen Vorgängeralbum „Pop und Tod I+II“ von 2016 – durchzieht „Was passiert ist“. Die von der Musikpresse einst ausgerufene „Göttin aus Hamburg“, die mittlerweile längst in Berlin lebt, hat sich hier regelrecht neu erfunden. Vor allem gilt das für ihre Texte. Was bei ihr früher zumeist vage, wolkig und unbestimmt klang, ist nun erfreulich zugänglich geworden.

Man könnte auch sagen: Als Textdichterin ist Stella Sommer spürbar gereift. „Zeit ist nur ein Gummiband, das man zwischen Menschen spannt“, heißt es in „Jeder Tag ist ein kleines Jahrhundert“. (Ein wahrlich abgründiger Vers, wenn man es bedenkt.) Und „Das Loch ist bodenlos und frisst sich langsam groß“. Zu erleben sind kraftvolle Texte mit mutigen, unverbrauchten Metaphern. „Die Sterne am Himmel sind ausgelaufen, der Himmel ist jetzt ein Aschehaufen“. Wer so textet, geht voll ins Risiko – und wird am Ende belohnt. Man ahnt es ja, was das lyrische Ich umtreibt. „Ich bin in allem, was du siehst, in den Büchern, die du liest.“ „Es ist nur ein Blick, es ist ein Trick, es geht voran und zurück.“ Und „Ich bin in allem, was du kennst, eine Kerze, die immer brennt.“ Die Eisprinzessin wurde zum Schmelzen gebracht, wirkt befreit und beglückt.

Musikalisch ist dieses – Gott sei Dank nicht wieder so überlange – Album vielschichtig geraten mit Klavier, Bläsern und viel Elektronik. Nur selten wird es etwas rockig. Und leider gibt es gar keine Schrammel-Gitarren mehr, die noch die ersten beiden Heiterkeits-Platten geprägt hatten. Dafür aber viele Chöre, immer haarscharf an der Grenze zum Schlagerkitsch. Doch fällt das alles gar nicht besonders ins Gewicht, denn wir haben ihre Stimme, und wir haben ihre Texte. Auch die Kompositionen sind durchweg beachtlich, es sind kaum schwächere Songs auszumachen. Besonders schön vielleicht: „Wie finden wir uns?“ – eine wahrhaft große, vieldeutige Frage. Und dann heißt es in „Alles sieht groß aus“: „Wir wissen, was zu tun ist, und heben es uns auf“.

Stella Sommer hat auf dieser Platte etwas ganz Eigenständiges geschaffen. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte)

Die Heiterkeit
Was passiert ist
Buback 2019

Über die Band

www.justament.de, 10.12.2018: 50 Jahre Schlacht am Tegeler Weg

Ein Film- und Diskussionsabend in Berlin-Charlottenburg

Thomas Claer

Landgericht Berlin (Foto: TC)

Gestern im „Haus am Mierendorffplatz“. Der kleine Raum ist rappelvoll. Auf der Leinwand läuft ein Dokumentarfilm aus den Achtzigern. Hier, rund ums nahe gelegene Landgericht Berlin am Tegeler Weg, wurde Rechtsgeschichte geschrieben. Damals, vor fünfzig Jahren, tobte dort die legendäre „Schlacht am Tegeler Weg“. Während im Gericht über die Aberkennung der Anwaltszulassung des damaligen Apo-Anwalts Horst Mahler wegen „Unwürdigkeit“ gestritten wurde (er hatte zuvor an einer Demonstration gegen die Springer-Presse teilgenommen), hatten sich draußen hunderte Studenten und Sympathisanten versammelt und lieferten sich eine wilde Straßenschlacht mit der Polizei. Am Ende standen 130 verletzte Polizisten. Einige der damaligen Demonstrationsteilnehmer sind anwesend, auch die Regisseurin des gezeigten Films. Nur leider fehlt Alt-Aktivist und LinksanwaltHans-Christian Ströbele, mittlerweile 79. Zunächst hatte er seine Teilnahme zugesagt, musste dann aber leider doch aus gesundheitlichen Gründen passen. Bei der letzten Großdemo gegen den Mietenwahnsinn sei er noch dabei gewesen, heißt es.

Überhaupt besteht das Publikum hauptsächlich aus rüstigen Siebzigern, die in der anschließenden munteren Diskussion genüsslich in ihren Erinnerungen schwelgen. Die große Streitfrage ist mal wieder, wie schon im Dokumentarfilm, wie denn der LkW mit den Pflastersteinen, die später von den Demonstranten auf die Polizisten geworfen wurden, durch die Absperrungen der Polizei gelangen konnte. Zwei Theorien habe es damals gegeben: Verfassungsschutz und CIA. Demgegenüber zitiert ein Anwohner die Meinung seiner Nachbarin: In den Straßen seien doch damals überall die Straßenbahnschienen abmontiert und Pflastersteine aus den Straßen in LkWs verladen worden. Nein, widerspricht ein anderer, die besagten Steine seien doch viel größer gewesen, das habe man im Film doch deutlich erkennen können. Und ein Dritter berichtet, dass ein Polizist sogar zugegeben habe, als „agent provocateure“ gehandelt zu haben, doch den lassen wiederum andere nicht als zuverlässigen Zeugen gelten. Nein, diese Frage ist wohl einfach nicht mehr abschließend zu klären…

Eine Anekdote reiht sich an die nächste. Ein Herr im Pullover berichtet, wie er damals in der S-Bahn von Bauarbeitern angespuckt worden sei, die ihn als „Scheiß-Student“ beschimpften. Auch die Straßenbauarbeiter vor Ort hätten wohl übelste Beleidigungen in Richtung der Demonstranten gerufen. 90 Prozent der Zeitungslandschaft war Springer-Presse. Und die habe gehetzt, was das Zeug hielt. Ja, so war das damals. Eine aufregende Zeit sei das gewesen, da sind sich alle einig. Aber wie ist es denn heute? Doch eigentlich fast genauso aufregend! Und nun gehen die Meinungen munter auseinander. Die Gelbwesten in Frankreich? Ganz großartig, finden die einen. Oh nein, echauffieren sich die anderen. Und Rechts und Links lägen manchmal eben doch dicht beieinander, das sähe man doch an Horst Mahler, damals linker Apo-Aktivist, heute wegen mehrfacher Volksverhetzung verurteilter Rechtsextremist. Und in Frankreich stünden Rechte und Linke schon Seite an Seite, in Italien und Griechenland koalierten sie miteinander. Nein, das machen wir nicht mit, protestieren mehrere ältere Damen. Keine Gleichsetzung von Rechts- und Linksradikalismus! Das sei doch ein himmelweiter Unterschied! Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die Diskussionsfreude der Aktivisten von einst auch nach 50 Jahren noch kaum nachgelassen hat und dass politisches Temperament wohl auch keine Frage von Alt oder Jung ist.