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www.justament.de, 31.12.2018: In der DDR gab es kein 1968

Über die grundverschiedene mental-kulturelle Prägung in Ost- und Westdeutschland

Thomas Claer

Ein mächtiger Sturm tobte über Europa, nein, längst nicht nur über Europa, sondern über der ganzen westlichen Welt und selbst noch in Teilen Asiens und Nordafrikas: der Sturm der Studentenproteste – und des gesellschaftlichen Wandels überhaupt. Damals, vor 50 Jahren, hörten junge Leute plötzlich nicht mehr Schlagerkitsch, sondern fetzige Rockmusik. Und von ihren Eltern ließen sie sich schon gar nichts mehr sagen. Langhaarige junge Männer rotteten sich in den Straßen zusammen und riefen „Ho-Ho Ho-Chi-Minh!“ Junge Frauen entblößten in Hör- und Gerichtssälen ihre Brüste und forderten Emanzipation. „Unter den Talaren“ ihrer Professoren hatten empörte Studenten „den Muff von tausend Jahren“ ausgemacht und begaben sich auf den „Marsch durch die Institutionen“, um das „kapitalistische Schweinesystem“ mal so richtig von Grund auf umzugestalten. Fortan gehörte, „wer zweimal mit der Selben“ pennte, bereits „zum Establishment“. Und selbstverständlich traute man „keinem über 30“… Kaum zu glauben, dass es ein Fleckchen Erde mitten in Europa gab, das von all dem kaum etwas mitbekommen hatte. Und doch es gab diese Region der Ahnungslosen, man nannte sie den Ostblock. Dort wehte der Wind der Veränderung, wenn überhaupt, nur als ein laues Lüftchen. Mauer und Stacheldraht hatten hier zwar längst nicht alles vom neuen Zeitgeist zurückhalten können, aber doch genug, um eine Menge von dem zu konservieren, was die westlichen Gesellschaften nach 1968 längst überwunden glaubten, auf dem „Müllhaufen der Geschichte“ wähnten: autoritäre Strukturen, Disziplin und Gehorsam, Homophobie und Fremdenfeindlichkeit zum Beispiel. Und so kam es, dass an der Nahtstelle zwischen Ost und West, an der innerdeutschen Grenze, nicht nur zwei entgegengesetzte politische Welten jahrzehntelang nebeneinander her lebten, sondern deren Bewohner auch grundverschiedene kulturelle Prägungen durchlaufen hatten. Sie sprachen dieselbe Sprache und konnten einander, wie sich später zeigen sollte, doch nur sehr begrenzt verstehen. Ein großes soziologisches Freiluftexperiment am lebenden Objekt gewissermaßen.

Ich selbst war 1968 noch gar nicht geboren. Erst drei Jahre später erblickte ich das Licht der Welt, doch konnte ich die Auswirkungen dieser weitgehend entgegengesetzten sozialen Codierungen in Ost und West sehr eindrucksvoll in der Schule studieren: erst im Osten – in einem Dorf nahe der innerdeutschen Grenze mit starker Armee-Präsenz – und später im Westen: in einer besonders liberalen Großstadt. Einen stärkeren Kontrast, als ich ihn damals erlebt habe, kann man sich nicht vorstellen. Das einzig Verbindende zwischen diesen beiden Welten war (neben der norddeutsch eingefärbten Sprache) die ironischerweise ihnen beiden zugeschriebene Farbe Rot. Aber ansonsten: Wie vollkommen unterschiedlich sich gleichaltrige junge Menschen doch verhalten konnten!

Kam im Osten ein neuer Schüler in die Klasse, wurde er von seinen neuen Mitschülern zuerst interessiert angesehen, sodann auf Schritt und Tritt beobachtet und schließlich neugierig befragt, woher er denn komme und was er so treibe. Nichts davon im Westen. Niemand nahm Notiz von einem Neuankömmling. Überhaupt bestand so eine West-Klasse aus mehreren Grüppchen, die sich offenbar überhaupt nicht miteinander abgaben. Die Gruppenzugehörigkeit, das lernte ich schnell, manifestierte sich vor allem auch in der Kleidung (Ökos, Popper, Grufties, Rocker, Normalos…), während im Osten alle ganz ähnlich angezogen waren und fortwährend jeder mit jedem kommunizierte. Kam man dann schließlich doch mit den West-Kindern ins Gespräch, erwiesen sie sich mitunter als freundlich, doch – jedenfalls im Vergleich zur ganz natürlichen Herzlichkeit der Ostdeutschen – auch als irgendwie unterkühlt. Ganz anders aber war es bei den Lehrern! Während sich die Ost-Lehrer ausnahmslos als Autoritätspersonen präsentierten, die auch gerne mal laut wurden, um Ruhe und Ordnung durchzusetzen, traten die West-Lehrer in vielen Fällen als ausgesprochene Kumpeltypen auf, die sich mit ihren Schülern z.B. über Popmusik und Filme unterhielten und sogar mit ihnen Computerspiele tauschten. Manche männlichen West-Lehrer hatten lange Haare oder waren zerfetzt und abgerissen gekleidet. Und dann der Sportunterricht! Im Osten wurde man im Kasernenhofton herumkommandiert, musste am Anfang der Stunde strammstehen und auch öfter mal in Reih und Glied marschieren. Im Westen liefen eigentlich alle fortwährend durcheinander, ohne dass sich jemand daran gestört hätte. Das T-Shirt trugen die West-Kinder lässig über der Hose, im Osten wäre man dafür vom Lehrer angeschnauzt worden.

In der Schule hatte man im Osten pünktlich zu erscheinen, sonst gab es Ärger, aber so richtig. Im Westen hingegen trudelte alle paar Minuten ein weiterer Nachzügler ein. Wurde im Osten etwas Organisatorisches angesagt, dann geschah dies jeweils genau einmal. Hatte jemand etwas nicht gleich mitbekommen, weil er geträumt hatte oder abgelenkt war, und er fragte nach, so wurde er vom Lehrer vor der versammelten Klasse für seine Unaufmerksamkeit blamiert. Ganz anders im Westen: So ziemlich alles wurde von den Lehrern zweimal, dreimal oder viermal laut und deutlich wiederholt – und dennoch gab es fast immer noch eine Nachfrage: „Also wann sollen wir uns noch mal treffen??“ Wurde auf Klassenfahrten ein Treffpunkt vereinbart, dann waren im Osten stets alle zu der vorgegebenen Zeit anwesend. Im Westen plante man in solchen Fällen immer großzügig noch eine halbe Stunde Zeitpuffer ein – und doch fehlte am Ende noch der eine oder die andere.

Im Osten war es gefährlich, ein Außenseiter zu sein, denn dann wurde man vom Kollektiv gemobbt, wobei es dieses Wort damals noch gar nicht gab. Von den Lehrern hatte man dann wenig Hilfe zu erwarten, sondern wurde höchstens von ihnen ermahnt, sich doch endlich einmal besser ins Klassenkollektiv einzufügen. Ganz anders im Westen. Dort appellierten die Lehrer ausdrücklich an das Sozialverhalten, forderten ihre Schüler auf, niemanden auszugrenzen. Aber die West-Schüler kamen – anders als Ost-Schüler – zumeist gar nicht auf die Idee, andere zu mobben, weil diese ihnen völlig egal waren. Für West-Schüler zählte nur der eigene Freundeskreis; was andere taten oder nicht taten, kümmerte sie nicht.

Gibt es solche mentalen Unterschiede zwischen Ost und West auch heute noch? Wahrscheinlich längst nicht mehr so ausgeprägt wie vor 30 Jahren, aber ganz bestimmt gibt es sie noch. Gewisse regionale, auch personale Kontinuitäten lassen sich nicht so leicht aus der Welt schaffen, und warum auch? Gruppenspezifische mentale Unterschiede gibt es hierzulande schließlich auch zwischen Nord und Süd, zwischen Arm und Reich, zwischen Stadt und Land, zwischen Eingeborenen und Migranten.

Was folgt nun aus all dem? Ich weiß es nicht, nur so viel: Dass im Westen oder im vereinigten Deutschland alles in jeder Hinsicht besser wäre als damals im Osten, lässt sich nun wirklich nicht behaupten. Wo viel Licht ist, da ist immer auch viel Schatten. Und umgekehrt. Insbesondere ist die Freiheit, die sich vor 50 Jahren mit der 1968er Revolte ausgebreitet hat – nicht zuletzt im westlichen Erziehungssystem – ein durchaus zweischneidiges Schwert. Zu viel davon kann leicht fragwürdige Nebenwirkungen oder unbeabsichtigte Folgen mit sich bringen. Aber wenn ich mich entscheiden müsste: Dann doch bitte lieber zu viel Freiheit als zu wenig…

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www.justament.de, 10.12.2018: 50 Jahre Schlacht am Tegeler Weg

Ein Film- und Diskussionsabend in Berlin-Charlottenburg

Thomas Claer

Landgericht Berlin (Foto: TC)

Gestern im „Haus am Mierendorffplatz“. Der kleine Raum ist rappelvoll. Auf der Leinwand läuft ein Dokumentarfilm aus den Achtzigern. Hier, rund ums nahe gelegene Landgericht Berlin am Tegeler Weg, wurde Rechtsgeschichte geschrieben. Damals, vor fünfzig Jahren, tobte dort die legendäre „Schlacht am Tegeler Weg“. Während im Gericht über die Aberkennung der Anwaltszulassung des damaligen Apo-Anwalts Horst Mahler wegen „Unwürdigkeit“ gestritten wurde (er hatte zuvor an einer Demonstration gegen die Springer-Presse teilgenommen), hatten sich draußen hunderte Studenten und Sympathisanten versammelt und lieferten sich eine wilde Straßenschlacht mit der Polizei. Am Ende standen 130 verletzte Polizisten. Einige der damaligen Demonstrationsteilnehmer sind anwesend, auch die Regisseurin des gezeigten Films. Nur leider fehlt Alt-Aktivist und LinksanwaltHans-Christian Ströbele, mittlerweile 79. Zunächst hatte er seine Teilnahme zugesagt, musste dann aber leider doch aus gesundheitlichen Gründen passen. Bei der letzten Großdemo gegen den Mietenwahnsinn sei er noch dabei gewesen, heißt es.

Überhaupt besteht das Publikum hauptsächlich aus rüstigen Siebzigern, die in der anschließenden munteren Diskussion genüsslich in ihren Erinnerungen schwelgen. Die große Streitfrage ist mal wieder, wie schon im Dokumentarfilm, wie denn der LkW mit den Pflastersteinen, die später von den Demonstranten auf die Polizisten geworfen wurden, durch die Absperrungen der Polizei gelangen konnte. Zwei Theorien habe es damals gegeben: Verfassungsschutz und CIA. Demgegenüber zitiert ein Anwohner die Meinung seiner Nachbarin: In den Straßen seien doch damals überall die Straßenbahnschienen abmontiert und Pflastersteine aus den Straßen in LkWs verladen worden. Nein, widerspricht ein anderer, die besagten Steine seien doch viel größer gewesen, das habe man im Film doch deutlich erkennen können. Und ein Dritter berichtet, dass ein Polizist sogar zugegeben habe, als „agent provocateure“ gehandelt zu haben, doch den lassen wiederum andere nicht als zuverlässigen Zeugen gelten. Nein, diese Frage ist wohl einfach nicht mehr abschließend zu klären…

Eine Anekdote reiht sich an die nächste. Ein Herr im Pullover berichtet, wie er damals in der S-Bahn von Bauarbeitern angespuckt worden sei, die ihn als „Scheiß-Student“ beschimpften. Auch die Straßenbauarbeiter vor Ort hätten wohl übelste Beleidigungen in Richtung der Demonstranten gerufen. 90 Prozent der Zeitungslandschaft war Springer-Presse. Und die habe gehetzt, was das Zeug hielt. Ja, so war das damals. Eine aufregende Zeit sei das gewesen, da sind sich alle einig. Aber wie ist es denn heute? Doch eigentlich fast genauso aufregend! Und nun gehen die Meinungen munter auseinander. Die Gelbwesten in Frankreich? Ganz großartig, finden die einen. Oh nein, echauffieren sich die anderen. Und Rechts und Links lägen manchmal eben doch dicht beieinander, das sähe man doch an Horst Mahler, damals linker Apo-Aktivist, heute wegen mehrfacher Volksverhetzung verurteilter Rechtsextremist. Und in Frankreich stünden Rechte und Linke schon Seite an Seite, in Italien und Griechenland koalierten sie miteinander. Nein, das machen wir nicht mit, protestieren mehrere ältere Damen. Keine Gleichsetzung von Rechts- und Linksradikalismus! Das sei doch ein himmelweiter Unterschied! Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die Diskussionsfreude der Aktivisten von einst auch nach 50 Jahren noch kaum nachgelassen hat und dass politisches Temperament wohl auch keine Frage von Alt oder Jung ist.