Tag Archives: Die Heiterkeit

justament.de, 23.11.2020: Voll retro

“Die Heiterkeit”-Frontfrau Stella Sommer auf ihrer zweiten Solo-Platte “Northern Dancer”

Thomas Claer

Stella Sommer, die singende, musizierende, komponierende und textende examinierte Juristin, deren Veröffentlichungen mit ihrer Band “Die Heiterkeit” wir an dieser Stelle schon mehrfach mit Lob überschüttet haben, hat auch noch eine andere, lange Zeit verborgen gebliebene Seite. Und die lebt sie seit 2018 als Solo-Künstlerin aus. Wobei man einschränkend hinzufügen muss, dass sich die nominale Unterscheidung zwischen Band und Solo-Projekt wohl nicht jedem ihrer Hörer sogleich erschließen wird, da auf den “Heiterkeit”-Platten ja auch nur Stella Sommer mit wechselnden Begleitmusikerinnen agierte, während auf ihrer ersten “Soloveröffentlichung, der grandiosen Platte “13 Kinds of Happiness”, u.a. auch zwei frühere Bandkolleginnen von der “Heiterkeit” mitwirkten. Doch kommt es auf solche Feinheiten natürlich überhaupt nicht an. Und fest steht immerhin, dass sie auf ihren “Heiterkeit”-Alben deutsch singt und es manchmal auch indiegitarrenrockmäßig krachen lässt, wohingegen ihre Solo-Scheiben sich am Stil der Sechzigerjahre orientieren und (mit bislang einer Ausnahme: dem letzten Song der ersten CD) englisch besungen sind.

Es liegt nahe, dass Stella Sommer durch die vielen Nico (ex-Velvet Underground)-Vergleiche der Musikkritiker in all den Jahren auf den Trichter gekommen ist, selbst einmal eine Platte wie ihr stimmliches Leitbild, die frühe Nico, einzuspielen. Und dieser inzwischen schon mehr als zwei Jahre zurückliegende Versuch ist ihr so gut gelungen, dass sie nun mit dem Album “Northern Dancer” noch einmal nachgelegt hat. Abermals werden wir musikalisch und instrumental, auch optisch und was die ganze Inszenierung angeht (man betrachte nur das Video zum Song “A Lover Alone”, das mutmaßlich in einem englischen Park spielt!), in die frühen bis mittleren Sechziger zurückversetzt. Nur die Songtexte tanzen hier manchmal ein wenig aus der Reihe, denn die sind mitunter gewagter, als es seinerzeit (vor 1968!) opportun gewesen wäre. Das für mich schönste Lied der Platte, “Lights on the Water”, nicht ohne Grund effektvoll als “Hidden Track” ganz am Ende der CD platziert, beginnt mit den Worten: “Over this body I have limited control”. Da denkt man unwillkürlich an den alten Tocotronic-Song “Über Sex kann man nur auf Englisch singen”. Wäre ja sonst auch wirklich zu peinlich… Aber man erkennt auch, dass der an sich erfreuliche weigehende Wegfall sittlichkeitsgeleiteter Zensur heutzutage das Texten nicht unbedingt einfacher gemacht hat. Jedoch zieht sich Stella Sommer auch in dieser Hinsicht noch immer sehr achtbar aus der Affäre…

Alles in allem liefert “Northern Dancer” also, ähnlich wie sein Vorgänger, wieder ausnehmend stimmungsvolle Musik, die sich – passend zum aktuellen Corona-Lockdown – am besten alleine oder zu zweit genießen lässt. Wobei “Northern Dancer” die überwältigende düstere Eindringlichkeit von “13 Kinds of Happiness” dann allerdings doch nicht ganz erreichen kann. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).

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Stella Sommer

13 Kinds of Happiness

Affairs of the Heart / Indigo 2018

ASIN: B07CPMDQ16

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Stella Sommer

Northern Dancer

Northern Dancer Records (Membran) 2020

ASIN: B08H4WQXMS

justament.de, 11.3.2019: Heiter statt wolkig

„Die Heiterkeit auf ihrem großartigen vierten Album „Was passiert ist“

Thomas Claer

Juristen-Popstars, also erfolgreiche Gesangskünstler mit abgeschlossener juristischer Ausbildung, gibt es keineswegs wie Sand am Meer. Dieter Meier von Yello fällt einem da ein und auch noch der singende Rechtsanwalt Paolo Conte. Aber sonst? Von Juristinnen mit Popstar-Status hatte man bislang sogar noch nie etwas gehört. Doch nun ist alles anders, denn wir haben Stella Sommer, 32, examinierte Juristin, und ihre gefeierte Band „Die Heiterkeit“, mit der sie parallel zu ihrer Juristenausbildung seit 2010 drei vielbeachtete Alben aufgenommen hat. (Hinzu kommt noch ein sogenanntes Soloalbum im vorigen Jahr.)

Dieser Bandname, das muss man wissen, war von Anfang an nicht gerade als programmatisch zu verstehen. Reichlich unterkühlt in jeder Hinsicht präsentierte sich die ursprünglich aus Sankt Peter-Ording in Schleswig-Holstein stammende junge Dame mit den kryptischen Texten und der markanten Stimme (zwischen Nico und Hildegard Knef) auf ihren früheren Veröffentlichungen. Aber jetzt, auf ihrer vierten Platte, muss, wie es der Albumtitel bereits andeutet, etwas passiert sein. Denn eine ganz andere, viel positivere, ja überschwängliche Grundstimmung – vor allem im Vergleich zum etwas zwiespältigen Vorgängeralbum „Pop und Tod I+II“ von 2016 – durchzieht „Was passiert ist“. Die von der Musikpresse einst ausgerufene „Göttin aus Hamburg“, die mittlerweile längst in Berlin lebt, hat sich hier regelrecht neu erfunden. Vor allem gilt das für ihre Texte. Was bei ihr früher zumeist vage, wolkig und unbestimmt klang, ist nun erfreulich zugänglich geworden.

Man könnte auch sagen: Als Textdichterin ist Stella Sommer spürbar gereift. „Zeit ist nur ein Gummiband, das man zwischen Menschen spannt“, heißt es in „Jeder Tag ist ein kleines Jahrhundert“. (Ein wahrlich abgründiger Vers, wenn man es bedenkt.) Und „Das Loch ist bodenlos und frisst sich langsam groß“. Zu erleben sind kraftvolle Texte mit mutigen, unverbrauchten Metaphern. „Die Sterne am Himmel sind ausgelaufen, der Himmel ist jetzt ein Aschehaufen“. Wer so textet, geht voll ins Risiko – und wird am Ende belohnt. Man ahnt es ja, was das lyrische Ich umtreibt. „Ich bin in allem, was du siehst, in den Büchern, die du liest.“ „Es ist nur ein Blick, es ist ein Trick, es geht voran und zurück.“ Und „Ich bin in allem, was du kennst, eine Kerze, die immer brennt.“ Die Eisprinzessin wurde zum Schmelzen gebracht, wirkt befreit und beglückt.

Musikalisch ist dieses – Gott sei Dank nicht wieder so überlange – Album vielschichtig geraten mit Klavier, Bläsern und viel Elektronik. Nur selten wird es etwas rockig. Und leider gibt es gar keine Schrammel-Gitarren mehr, die noch die ersten beiden Heiterkeits-Platten geprägt hatten. Dafür aber viele Chöre, immer haarscharf an der Grenze zum Schlagerkitsch. Doch fällt das alles gar nicht besonders ins Gewicht, denn wir haben ihre Stimme, und wir haben ihre Texte. Auch die Kompositionen sind durchweg beachtlich, es sind kaum schwächere Songs auszumachen. Besonders schön vielleicht: „Wie finden wir uns?“ – eine wahrhaft große, vieldeutige Frage. Und dann heißt es in „Alles sieht groß aus“: „Wir wissen, was zu tun ist, und heben es uns auf“.

Stella Sommer hat auf dieser Platte etwas ganz Eigenständiges geschaffen. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte)

Die Heiterkeit
Was passiert ist
Buback 2019

http://dieheiterkeit.de/

www.justament.de, 26.9.2016: Zwiespältig schön

Reinkarnation von Nico? Tocotronic für Mädchen? „Die Heiterkeit“ auf „Pop & Tod I+II“

Thomas Claer

die-heiterkeit„Du hörst und besprichst immer nur dieselben Sachen. Das ganze Zeug, das du noch von früher kennst. Jetzt probier doch endlich mal was anderes, das wirklich aus der Gegenwart kommt, du antriebsloser alter Sack!“ Wie oft ich diese Vorwürfe schon gehört habe – von meiner inneren Stimme. Also gut, dann widmen wir uns nun: der Band „Die Heiterkeit“. Zunächst einmal ist das ja grandios: Eine schöne junge Dame mit einer absolut ungewöhnlichen, tiefen, durchdringenden Stimme nennt ihre Band „Die Heiterkeit“ und trägt ihre Lieder mit einem ernsten, ja mürrischen Gesichtsausdruck vor, dabei niemals lächelnd. Natürlich denkt man bei dieser Stimme gleich an Nico von Velvet Underground, vielleicht noch an Christiane Rösinger. Aber auch an Hildegard Knef. Doch, doch! „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ ist gar nicht so weit weg von dieser Musik, die sich zwar als irgendwie Indie präsentiert, ihre Schlagerhaftigkeit dabei aber kaum verleugnen kann. Nach zwei Alben, einer programmatischen Ortsveränderung von Hamburg nach Berlin und mehreren Besetzungswechseln hat Bandleaderin Stella Sommer, zugleich einzig verbliebenes Gründungsmitglied von „Die Heiterkeit“, die Wurzeln zum Gitarrenpop zwar noch nicht völlig gekappt, aber ihr Spektrum auf „Pop & Tod I+II“ doch markant in Richtung, ja in welche Richtung bloß?, geöffnet. Seichtheit trifft es nicht ganz, sagen wir lieber: Unbestimmtheit. Einige veritable Popsongs sind herausgekommen, wenn auch solche der ungewöhnlichen Sorte. Besonders „Im Zwiespalt“ hat wirklich Klasse. Doch bringt gerade dieser Titel auch die Haltung des Rezensenten zum gesamten Album auf den Punkt. Vielleicht ist es ja etwas ungerecht, deutschen Songtexten eine so große Bedeutung zuzumessen, denn sobald Englisch gesungen wird, hört schließlich auch niemand mehr so genau auf den Inhalt. Doch wer nun mal auf Deutsch singt, so dass es hierzulande jeder verstehen kann, der sollte schon etwas zu sagen haben. Hat „Die Heiterkeit“ aber nicht. Zumindest versteht man es nur selten. Die gelegentlich angestellten Vergleiche mit Tocotronic können sich insofern auch nur auf deren Spätwerk beziehen, was somit alles andere als ein Kompliment ist. In ihren Interviews auf YouTube bekennt sich Stella Sommer, während ihr versehentlich ein Lächeln unterläuft, vehement zum Ideal der Anstrengungslosigkeit. „Dahingerotzt soll es klingen, und dahingerotzt ist es auch.“ Doch nicht nur jeder Musiker weiß, welche Anstrengung es oftmals kostet, damit es sich unangestrengt anhört. Wie sagte einst Rudi Carrell: „Man kann nur ein As aus dem Ärmel ziehen, wenn man vorher eins hineingesteckt hat.“ Was ich sagen will: Stella Sommer könnte noch deutlich mehr aus sich und ihrer Stimme und ihrer Band herausholen. Ein paar sehr hübsche Anfänge hat sie aber schon gemacht. Das Urteil lautet: mit Bedenken noch voll befriedigend (10 Punkte).

Die Heiterkeit
Pop & Tod I + II
Buback Tonträger 2016
Ca. € 17,-
INDIGO CD 126062