justament.de, 26.8.2024: Witzig ist’s, wenn jemand lacht

Sven Regeners acht Jahre alte Vorlesung über “Humor in der Literatur”erscheint als kleines Büchlein

Thomas Claer

Vermutlich um den zahlreichen Regener-Fans die Wartezeit bis zum nächsten Lehmann-Roman zu verkürzen, ist der Galiani-Verlag auf die Idee gekommen, die im Rahmen seiner Gastprofessur an der Uni Kassel bereits 2016 vom Autor gehaltene Poetik-Vorlesung “Über Humor in der Literatur” als schmales Bändchen herauszubringen. Dabei täuscht die Seitenzahl von immerhin 90 angesichts des sehr großen gewählten Schriftbilds sogar noch über den tatsächlich viel knapperen Umfang des Textes hinweg, zumal im Buch auch ein Anhang mit einer (noch älteren) Regener-Laudatio für den Kollegen Frank Schulz enthalten ist, aus der noch dazu im Hauptteil mehr als vier Seiten wörtlich zitiert werden. Aber schlimm ist das natürlich alles nicht. Auch nicht, dass auf dem Buchdeckel etwas hochtrabend von einem “kühnen Versuch über ein großes, fast unerforschtes Thema” die Rede ist. Im Gegenteil muss man froh sein, dass der Verfasser auf die zahlreichen existenten Humor-Theorien nicht weiter eingegangen ist (abgesehen von einem kurzen Exkurs zu den einschlägigen Ausdeutungen Sigmund Freuds), denn bis heute hat wohl noch niemand überzeugend darlegen können, was es mit dem Lustigen und Komischen in der Welt nun wirklich auf sich hat. Das kann selbstredend auch der Romanautor und Musiker Sven Regener nicht leisten, aber ihm gelingen in seinen knappen Annäherungen und Einkreisungen der Thematik doch einige bemerkenswerte Treffer, und das vor allem bezugnehmend auf sein eigenes Romanwerk.

Ob Humor zwingend eine, wie es bei Regener heißt, “kalte Technik, herz- und mitleidlos” sein muss, das mag man bezweifeln. Aber sein Ansatz, dass das Witzige und Lustige eine Art der Daseinsbewältigung neben mehreren anderen wie etwa Kunst oder Religion ist und den Menschen dabei hilft, sich mit ihrer Existenz mitsamt dem Wissen um ihre eigene Vergänglichkeit zu versöhnen, ist sicher nicht von der Hand zu weisen. Ebenso plausibel ist Regeners Humor-Begriff (anknüpfend an den legendären Kunstbegriff seines Romanhelden Karl Schmidt), wonach darunter schlichtweg alles fällt, was mindestens einen anderen Menschen zum Lachen bringt. Brauchbar ist ferner die Kategorisierung des Humors in die drei Spielarten übel, flach und gut, wobei sich hieran allerdings bemängeln ließe, dass damit eine moralische und eine qualitative sowie eine aus beidem gemischte Kategorie einander gegenübergestellt werden. Gut kann nämlich sowohl handwerklich gut gemacht (im Gegensatz zu schlecht oder mangelhaft gemacht) als auch moralisch gut (im Gegensatz zu böse) bedeuten. Würde man also auch noch zwischen diesen beiden Arten von gut differenzieren, ergäbe sich ein vierachsiges dreidimensionales Koordinatensystem mit den Polen moralisch gut und böse auf der einen und den Polen handwerklich gut und schlecht auf der anderen Ebene. Demnach gäbe es dann also auch handwerklich gut gemachten, aber moralisch verwerflichen Humor, etwa solchen, der sich gegen Schwächere oder Minderheiten richtet. Und es gäbe auch politisch korrekten Humor, der aber einfach nur flach ist. Am schlimmsten wäre, so gesehen, natürlich ein übler und zugleich flacher Humor, und die beste Variante wäre einer mit Niveau und zugleich tadelloser Gesinnung, wobei letztere allerdings auch nicht zu indiskret im Vordergrund stehen dürfte, denn das zöge dann wiederum das Niveau herab…

Doch zum Glück wird in Regeners Vorlesung gar nicht so viel theoretisiert, sondern auch ausführlich auf die veritable Problematik der missverstandenen Humorrezeption eingegangen. Immer liegt es ja auch maßgeblich am jeweiligen Leser, was in der Literatur als witzig empfunden und worüber aus welchen Gründen gelacht wird. Und der Autor hat darauf am Ende gar keinen Einfluss mehr. So werden etwa Leser, die in Herrn Lehmann eine verkrachte Existenz sehen und sich über sein ambitionsloses Bierzapferdasein lustig machen, womöglich aus ganz anderen Gründen beim Lesen des Romans lachen als andere Leser, die ihn von Anfang an ins Herz geschlossen und sich vielleicht in ihm wiedererkannt haben, denn letztere lachen ja dann zugleich auch über sich selbst. Und so ist anzunehmen, dass auch eher Leserinnen und Leser mit Humor und Herz zu diesem Bändchen greifen werden.

Sven Regener
Zwischen Depression und Witzelsucht: Humor in der Literatur
Galiani Verlag Berlin, 1. Aufl. 2024
90 Seiten; 14,00 Euro
ISBN: 978-3-86971-310-6

justament.de, 19.8.2024: Zwei Lehrerinnen, Teil 2

Recht historisch: So war Schule in der DDR

Thomas Claer

Unsere neue Klassenlehrerin ab der 5. Klasse, Frau D., begegnete uns von Anfang an mit großer Freundlichkeit. Dabei schloss sie, soweit ich mich erinnere, auch ausnahmslos alle gleichermaßen in ihre Zuwendung ein. Obwohl sie ebenso wie ihre Vorgängerin Frau K. Parteimitglied war, interpretierte sie ihre Rolle doch grundlegend anders. Kaum jemals führte sie mit uns politische Diskussionen, wobei sich das in den von ihr bei uns unterrichteten Fächern, Russisch und Musik, wohl auch weniger aufdrängte als zuvor in Deutsch bei Frau K. Schon ganz am Anfang verkündete Frau D. uns ihr Motto, das sie aus einer russischen Fabel entlehnt hatte: “Wie man in den Wald hineinruft, so kommt es auch wieder heraus.” So ähnlich habe ich es viele Jahre später auch immer meinen Studenten gesagt, und so halten es wohl auch noch heute viele Lehrer und Dozenten mit ihren Schülern und Studenten: “Wenn ihr mir keinen Ärger macht, dann mache ich euch auch keinen.” Mir imponierte dieser Pragmatismus von Frau D. schon damals sehr. Sie drohte uns auch nicht, setzte uns nicht ständig unter Druck und machte sogar noch einen ziemlich interessanten und lebendigen Unterricht. Mit Frau D. als Klassenlehrerin ging daher ein kollektives Aufatmen durch unsere Klasse.

Natürlich fragte auch Frau D. mich irgendwann in der 5. Klasse, ob ich nicht im Thälmann-Pionierrat mitarbeiten wolle. (Seit der vierten Klasse trugen wir ja schon die roten Halstücher der Thälmann-Pioniere und nicht mehr die blauen der Jungpioniere.) Und ich sagte dann das, was ich immer sagte, wenn ich danach gefragt wurde, so etwas wie “Och, nee.” Aber Frau D. blieb hartnäckig: “Warum eigentlich nicht?” Und ich begann dann zu lavieren: “Ach naja, ich weiß nicht. Ich möchte nicht so gerne…” Und nun kam Frau D., die genau wusste, wie sehr ich mich für Fußball interessierte, mit einem für mich völlig überraschenden Vorschlag. “Du könntest doch die Sportberichterstattung im Pionierrat übernehmen! Da sollte auch jemand alle anderen über sportliche Ereignisse informieren.” Auf diese Weise wollte sie mich also locken, und tatsächlich kriegte sie mich damit. Als ich dann schließlich im Thälmann-Pionierrat saß, merkte ich allerdings bald, dass mich dort niemand nach sportlichen Ereignissen fragte. Aber jetzt saß ich nun einmal da drin, und blieb es auch auf Dauer.

Später, ab der 8. Klasse, als ich nach unserem Umzug längst eine andere Schule besuchte, sollte ich sogar Verantwortlicher für die Gestaltung der Wandzeitung in der FDJ-Leitung werden. Und da begann ich dann, eine von mir erdachte Strategie anzuwenden, die man Subversion durch groteske Übererfüllung der Vorgaben nennen könnte. Ich schrieb politische Artikel für die Wandzeitung, die aus einer Aneinanderreihung ideologischer Floskeln in vollkommen übertriebener Form bestanden. Vor beinahe jedes Substantiv platzierte ich Adjektive wie “ruhmreich”, “glorreich” oder “heldenhaft”, auch wenn sie dort eigentlich überhaupt nicht hinpassten. Doch niemand, wirklich niemand nahm Notiz von meinen Verballhornungen. Die Lehrer fanden, was ich da geschrieben hatte, “sehr schön”. Und ansonsten hat es vermutlich nie jemand gelesen.

Aber zurück in die 5. Klasse und zu Frau D. Eine große Überraschung war es für mich, als mein Vater mir nach dem ersten Elternabend mit Frau D. erklärte, von nun an im Elternaktiv der Klasse mitzuarbeiten. Mein Vater im Elternaktiv?! Das konnte doch nicht wahr sein! Er hatte doch bis dahin immer großen Wert darauf gelegt, sich aus solchen Dingen komplett herauszuhalten. Doch nun hatte ihn offensichtlich Frau D. irgendwie dazu überredet. Keine Ahnung, wie sie das geschafft hatte, aber sie hatte ja auch eine durchaus charmante Art… Sie war wohl einige Jahre jünger als Frau K., wenn auch nicht viel jünger. Ich vermute, dass Frau K. damals so um die 50 gewesen sein muss und Frau D. vielleicht Anfang 40…

Doch die vielen Freiheiten, die Frau D. uns ließ, stiegen uns dann irgendwann zu Kopfe. So oft hatte sie uns gesagt, dass sie immer ein offenes Ohr für unsere Sorgen und Probleme hätte und dass wir ihr auch ruhig ehrlich unsere Meinung sagen könnten. Und dann – es könnte in der 6. Klasse gewesen sein – taten es einige wirklich. “Wozu wählen wir denn den Thälmann-Pionierrat eigentlich in einer extra dazu einberufenen Versammlung, wenn das Ergebnis doch immer schon vorher feststeht und nie anders als einstimmig zustande kommt?”, wurde Frau D. gefragt. Und außerdem seien doch gar nicht die beliebtesten Schüler der Klasse im Pionierrat, sondern nur die mit den besten Noten. Manche davon, besonders unsere notorischen Klassenstreberinnen, seien aber doch eigentlich eher unbeliebt. Die würden bestimmt nicht in den Pionierrat gewählt werden, wenn wir frei darüber abstimmen könnten. Naja, sagte da Frau D. zu uns, das mache man nun einmal so bei uns. “Aber wenn ihr wollt, dann schreibt doch mal jeder fünf Namen auf einen Zettel, wen ihr am liebsten im Pionierrat haben wollt.” Das taten wir dann, und heraus kam, dass die Vorsitzende unseres Pionierrates und ihre Stellvertreterin weit abgeschlagen am Ende landeten. Das schien auch Frau D. zu überraschen. Sollten also die betreffenden beiden Musterschülerinnen wirklich bei der nächsten Wahlversammlung aus dem Pionierrat geworfen werden? Was hätten dann wohl deren Eltern dazu gesagt? Wie sollte Frau D. aus dieser Nummer wieder rauskommen?!

Doch da musste Frau D. gar nicht lange überlegen. Sie legte einfach fest, dass der Pionierrat mit der nächsten Wahlversammlung von 5 auf 7 Schüler aufgestockt wurde, und so konnten die bisher noch nicht darin vertretenen Beliebtheitsköniginnen ebenso dort mitmachen wie unsere beiden weniger populären Musterschülerinnen. Eine wirklich großartige, ja salomonische Entscheidung! Politisch gesehen waren das damals, wohl ca. Ende 1984, wohl schon die ersten Vorboten von Gorbatschow, Glasnost und Perestroika… Bald darauf habe ich nach dem besagten Umzug meiner Familie diese Schule verlassen und dann nicht mehr viel von Frau D. gehört, geschweige denn von Frau K. Was ich aber aus diesen kindlichen Erfahrungen mit meinen beiden so unterschiedlichen Klassenlehrerinnen dauerhaft mitgenommen habe, ist die Erkenntnis, dass es zumeist und fast überall mehr auf die einzelnen handelnden Person ankommt als auf die jeweils bestehenden Strukturen. Wie mein späterer Deutschlehrer in Bremen immer gesagt hat: “Es gibt immer so’ne und so’ne.” Und auch in den schlimmsten Systemen und Parteien gibt es mutmaßlich immer irgendwo anständige Menschen. Zumindest das kann einem doch etwas Hoffnung machen in den aktuell so schwierigen Zeiten.

justament.de, 12.8.2024: Zwei Lehrerinnen, Teil 1

Zwei Lehrerinnen, Teil 1

Recht historisch: So war Schule in der DDR

Thomas Claer

Wenn ich auf meine Schulzeit in den späten Siebziger- und Achtzigerjahren in der DDR zurückblicke, dann denke ich oft an meine beiden Klassenlehrerinnen in Wismar, die mein kindliches Ich beide tief beeindruckt haben – wenn auch auf jeweils unterschiedliche, ja sogar ziemlich entgegengesetzte Weise.

Die erste Klassenlehrerin, Frau K., war vier Jahre lang, von der ersten bis zur vierten Klasse, also von Herbst 1978 bis Sommer 1982, für uns verantwortlich, was natürlich im Leben von so jungen Menschen, wie wir es damals waren, eine beinahe endlos lange Zeit gewesen ist. Frau K. war überaus streng in jeder Hinsicht. Ich kann mich nicht erinnern, jemals einem so strengen und autoritären Menschen begegnet zu sein. Selbst meine Mutter, die auch überall als Respektsperson galt, war nicht annähernd so streng wie sie. Frau K. stand aber auch voll und ganz (im Gegensatz zu meinen Eltern) für politische Linientreue. Dabei lag ihr, anders als manchen ihrer Kolleginnen und Kollegen, deutlich weniger die jubelnde Begeisterung über die angeblich großen Errungenschaften des Sozialismus als vielmehr die unbedingte Wachsamkeit gegenüber dem imaginierten Klassenfeind. Mit welchem Abscheu sie die Worte USA und BRD oder gar NATO aussprach, wenn sie im Deutschunterricht die aktuellen politischen Ereignisse mit uns diskutierte! Stets forderte sie uns auf, Stellung zu beziehen zu irgendwelchen Begebenheiten. Wenn unsere Klassenstreberinnen ihr dann in ihrem Hass auf die “Lügen des Imperialismus” beipflichteten, zeigte sie deutlich ihre Genugtuung. Wenn aber, was häufiger vorkam, sich niemand meldete, weil wir kleinen Knirpse und Knirpsinnen oft auch einfach nicht wussten, was wir sagen sollten, sah sie uns finster und durchdringend an und sagte dann halblaut, wobei sie ein Auge halb zukniff: “Keine Meinung ist auch eine Meinung.” Bei Frau K. musste man immer ein schlechtes Gewissen haben. Oft dachte ich mir irritiert: “Bin ich jetzt ein Klassenfeind? Ein Gegner des Sozialismus? Nur weil ich nichts gesagt habe?”

Man muss Frau K. zugute halten, dass sie ganz offensichtlich felsenfest an all das glaubte, was sie uns erzählte. Die leicht augenzwinkernde Dienst-nach-Vorschrift-Haltung manch anderer Lehrer, bei denen man sich nie so ganz sicher war, was sie wirklich dachten, ging ihr vollkommen ab. Sie war das, was man damals eine “Überzeugte”, eine “Hundertprozentige” nannte. Die gab es zwar, aber es war eine überschaubare Minderheit. Die Mehrzahl auch und gerade unter den Parteigenossen war eher pragmatisch eingestellt. Später als Jugendlicher, als ich mit wachsendem politischen Bewusstsein immer genauer hinzuhören begann, wer wann und wo was sagte, bemerkte ich, dass die DDR-kritischsten Äußerungen sogar oftmals von Parteimitgliedern kamen, allerdings nur im privaten Umfeld.

Unvergesslich ist mir geblieben, wie einer meiner Mitschüler offenbar denunziert worden war, weil er gesagt haben sollte, unsere Horterzieherin, Frau R., sei ja wohl “ein Albtraum”. Unsere Klassenlehrerin Frau K. fragte in der Deutschstunde unvermittelt, ob jemand von uns wisse, was ein Albtraum sei. Als sich niemand meldete, nahm sie den Denunzierten aufs Korn, trat dicht an ihn heran, nannte ihn beim Namen und forderte ihn auf zu erklären, was ein Albtraum sei. Als er vorgab, es nicht zu wissen, erklärte Frau K. der Klasse, dass ein Albtraum “etwas ganz Schlimmes” sei. Und noch schlimmer sei es, einen Menschen als Albtraum zu bezeichnen, was aber, ha!, unser Mitschüler getan habe – und das auch noch in Bezug auf unsere Horterzieherin. Wie wir anderen das denn finden würden?! Sofort gingen die Finger hoch: “Frau R. ist immer lieb und nett zu uns” (was nun wirklich nicht stimmte, denn sie war mit Grund äußerst unbeliebt), und niemand dürfe sie deshalb so bezeichnen. Das reichte Frau K. aber noch nicht. Sie wollte immer noch mehr Verurteilungen unseres Mitschülers von uns hören. Ein Schlauberger äußerte sich daraufhin gewitzt und diplomatisch: “Angenommen, nur mal angenommen, dass Frau R. wirklich ein Albtraum wäre, so dürfte man das doch nicht sagen, denn das sei unverschämt.” Ich sagte nichts dazu, wie eigentlich fast immer in solchen Situationen, obwohl ich sonst durchaus gesprächig gewesen bin. Und am Ende kam dann wieder von Frau K. ihr drohendes “Keine Meinung ist auch eine Meinung.”

Mich hatte sie sowieso immer auf dem Kieker. Dass ich als recht guter Schüler mich hartnäckig weigerte, in den Gruppenrat und später Jungpionierrat einzutreten, musste ihr natürlich sehr verdächtig vorkommen. Womöglich war ich ja vom Elternhaus irgendwie staatsfeindlich beeinflusst. Das war aber gar nicht der Fall, denn dazu waren meine Eltern viel zu vorsichtig. Ich hatte nur einfach keine Lust dazu, weil mir das ganze politische Zeug irgendwie sehr unsympathisch war. Und immerhin drängten mich meine Eltern auch nicht, in den Jungpionierrat zu gehen, was ich ihnen aus heutiger Sicht hoch anrechne. Denn damals hatten sie bestimmt noch keine Ausreisepläne in den Westen. Und wer in diesem Staat Karriere machen wollte, der tat gut daran, von klein auf, solche Ämter zu bekleiden. Aber ich wollte einfach nicht. Da musste dann später schon eine andere Lehrerin kommen mit gänzlich anderen Methoden…

(Wird fortgesetzt.)

justament.de, 5.8.2024: Lieblingslieder

Im September erscheint eine Compilation mit Coverversionen von Manfred-Krug-Songs

Thomas Claer

Für uns Juristen ist Manfred Krug (1937-2016) ja dank der unübertroffenen Anwaltsserie “Liebling Kreuzberg” immer eine Art Schutzheiliger gewesen. Und keine Frage, er war ja auch ein toller Schauspieler. Dass er daneben aber auch noch auf eine bewegte Karriere als Sänger zurückblicken konnte, wobei er seine größten Erfolge hierbei noch vorwiegend in der DDR feierte, daran erinnert sich heute kaum noch jemand. Wirklich kaum jemand?! Die kleine Hamburger Plattenfirma Krokant unter der Regie von Albrecht Schrader (gebürtiger Wessi) und Florian Sievers (gebürtiger Ossi) macht sich nun daran, den Sänger Manfred Krug dem drohenden Vergesssen zu entreißen. Am 20. September soll eine Compilation mit 13 Cover-Versionen von Manfred-Krug-Songs erscheinen, interpretiert von “Künstlerinnen und Künstlern aus allen Ecken des deutschsprachigen Pop- und Indiekosmos”, wie es vollmundig im Ankündigungstext der Plattenfirma heißt. Da ist man natürlich gleich Feuer und Flamme und sieht nach, wen von den angekündigten Interpreten man denn kennt. Ernüchtert muss man leider feststellen: Es sind nicht allzu viele. Um ehrlich zu sein, kenne ich überhaupt keinen dieser neuen Krug-Interpreten. Aber das muss nichts heißen. Womöglich kann man ja auf diesem Wege sogar richtig tolle Musikerinnen oder Musiker kennenlernen, auf die man sonst nie gestoßen wäre.

Einer der Songs ist schon vorab erschienen: “Um die weite Welt zu sehn” in der Version von Masha Qrella. Und wer dort reinhört, kann feststellen, dass es sich um eine durchaus ansprechende Interpretation handelt. Die schwarz-weißen Filmszenen mit dem jungen Manfred Krug im Hintergrund untermalen das Stück auf eine sehr stimmige Weise. Die Sängerin hätte man von der Stimme her vielleicht auf 20 oder 30 geschätzt. Doch googelt man sie, so stellt sich heraus, dass sie bereits Ende 40 ist. Da hat sie ja Manfred Krug noch selbst erlebt, was schon einiges erklärt. Interessant wäre es natürlich, wenn auch mal 20- oder 30-Jährige… Aber wie sollen die schon auf Manfred Krug kommen? Wahrscheinlich ist Masha Qrella eine der Jüngsten auf dem Album. Doch muss das keineswegs gegen diese Veröffentlichung sprechen. Vielleicht sogar im Gegenteil… Kurzum, wir warten gespannt auf die anderen 12 Songs und lassen uns überraschen.

justament.de, 22.7.2024: Schöngezoomt

Scheiben Spezial: Vor 40 Jahren erschien “1001 Nacht” von Klaus Lage

Thomas Claer

“Du wolltest dir bloß den Abend vertreiben…” Mit diesen Worten beginnt der berühmteste Song des heute 74-jährigen singenden Sozialarbeiters Klaus Lage, der als 20-Jähriger seiner niedersächsischen Heimatstadt Soltau den Rücken kehrte und sich wie so viele junge Westdeutsche seiner Generation im Aussteiger-Paradies West-Berlin ansiedelte. Dort jobbte er in sozialen Einrichtungen sowie als Erzieher in einem Kinderheim und machte nebenher als Sänger und Gitarrist in diversen Formationen von sich reden. Bis er dann in den Achtzigern eine erfolgreiche Solo-Karriere startete, zunächst mehr als Liedermacher, bald darauf als Kopf und Namensgeber einer klassischen Rockband. Es dauerte nicht lange, und der kleinwüchsig-untersetzte Vollbartträger mit der großartigen Soulstimme gehörte mit Single-Hits wie “1001 Nacht”, “Monopoli”, und “Faust auf Faust” zu den ganz großen Popstars im letzten Jahrzehnt vor der deutschen Wiedervereinigung.

Dabei machten ihn seine oftmals sehr direkten und anschaulichen Texte über Alltagsgeschichten bis hin zu fragwürdigen Details (Schweißperlen, Gerüche von Haaren) und überkorrekten Ausdeutungen von Frauentypsgeschmacksfragen (“Mit meinen Augen”) allerdings angreifbar – und sorgten nicht zuletzt für reichlich Hohn und Spott seiner Kritiker, denen er als gemütlicher Kumpeltyp von nebenan wohl auch einfach nicht glamourös genug für die Popkultur erschien… Als besonders umstritten galt von jeher auch der Text seines besagten Erfolgstitels “1001 Nacht”: Wie Geschwister hatten das lyrische Ich und die Nachbarstochter ihre Kindheit miteinander verbracht, vielerlei Freizeitaktivitäten gemeinsam unternommen, ohne jemals mehr als ein rein kameradschaftliches Interesse füreinander zu entwickeln (“Wir waren nur Freunde und wollten’s auch bleiben”). Doch dann, so heißt es im Songtext, habe es plötzlich “Zoom gemacht” – und sie seien ineinander verliebt gewesen. Eine doch reichlich unwahrscheinliche Konstellation, so denkt man sich. Schließlich hat doch die Humanethologie schon vor Jahrzehnten nachgewiesen, dass eine große Nähe in Kindheitstagen zuverlässig jedes spätere sexuelle Begehren der Betreffenden füreinander ausschließt, was offenbar einen natürlichen Schutzmechanismus gegen Inzestrisiken darstellt.

Ist also Klaus Lages Geschichte von “Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert” letztlich nur Bullshit? Nein, nicht ganz. Zwar ist es zutreffend, dass sich Verliebtheit, wie es z.B. im berüchtigten 44. Kapitel von “Die Welt als Wille und Vorstellung” des Philosophen Arthur Schopenhauer (1789-1860) mit dem Titel “Metaphysik der Geschlechtsliebe” heißt, zwischen zwei Menschen in aller Regel sofort bei ihrer ersten Begegnung, konkret bei ihrem ersten Blickkontakt, einstellt – oder gar nicht. Doch hat vor kurzem eine soziologische Studie ergeben, dass die Mehrheit aller hierzulande eingegangenen Partnerschaften unter Personen stattfinden, die sich bereits seit langen Jahren gekannt haben und anfänglich keineswegs ineinander verliebt gewesen sein sollen. Wie kann das sein? Hat also doch Klaus Lage Recht, und Schopenhauer und die Humanethologie haben Unrecht?! Zur Auflösung dieses bei näherer Betrachtung nur scheinbaren Widerspruchs sollte man sich vergägenwärtigen, dass vermutlich nur ein relativ kleiner Anteil aller Menschen in seiner enthusiastischen Verliebtheit auch auf Erwiderung beim jeweiligen Objekt seiner Begierde hoffen darf. Infolgedessen ist es naheliegend, dass sich die relativ Vielen, die in ihren primären Ambitionen leer ausgehen, dann schließlich – quasi sekundär –  in pragmatischer Absicht untereinander zusammenfinden und sich ihr jeweiliges Gegenüber am Ende sprichwörtlich schöntrinken oder auch schönreden oder aber – wie im Song von Klaus Lage – schönzoomen. So gesehen beruht der große Erfolg von “1001 Nacht” womöglich auch darauf, dass hier ein reichlich beschönigendes Narrativ verbreitet wird. Denn wohl mancher wird sich gerne darin wiedererkennen, dass es bei ihm (oder ihr) nun einmal plötzlich und unerwartet “Zoom” gemacht habe – wie vor 40 Jahren im Song von Klaus Lage.

justament.de, 24.6.2024: Höhere Höranstalt

Scheiben Spezial: Ein zweiteiliger ARD-Dokumentarfilm kanonisiert die “Hamburger Schule”

Thomas Claer

Drei Jahrzehnte ist es nun schon her, dass das vorläufig letzte “große Ding” der deutschen Popmusik, das sich ganz explizit als “antikommerziell” definierte, seinen Höhepunkt erlebte. Seinerzeit, das muss man wissen, galt Hamburg noch als veritables Zentrum der deutschen Popkultur, und wer damals jung war und was erleben wollte, den zog es noch längst nicht so schnurgerade nach Berlin, wie es dann spätestens seit der Jahrtausendwende der Fall gewesen ist, als schließlich sogar maßgebliche Vertreter der “Hamburger Schule” der Hansestadt den Rücken kehrten und ihre Zelte in Berlin aufschlugen.

Wir befinden uns also in den Neunzigern. Mauerfall und Wiedervereinigung lagen noch nicht lange zurück, ebensoweing die furchtbaren Pogrome in mehreren ost-, aber auch westdeutschen Städten. Und so brauchte es, um letzterem etwas entgegenzusetzen, eine neue musikalische Jugendbewegung mit dezidiert politischer Haltung und ganz viel intellektuellem Überschuss. Ein findiger Musikjournalist fand dafür den passenden Namen – und die “Hamburger Schule” war geboren.  Eine Plattenfirma mit dem schönen Namen “L’ Age d’Or” (Goldenes Zeitalter) nahm die maßgeblichen Protagonisten unter Vertrag und holte sie, die fast alle aus der deutschen Provinz stammten, allesamt an die Alster. Dort traf man sich dann in Kneipen und Szenelokalen mit Namen wie “Pudelklub” im Schanzenviertel oder auf St. Pauli. Nur eine Hand voll Bands von ihnen ist dann wirklich groß rausgekommen, allen voran Blumfeld, Die Sterne und Tocotronic.

Der sehr sehenswerte Zweiteiler “Die Hamburger Schule – Musikszene zwischen Pop und Politik” (hier ansehbar in der ARD-Mediathek) nimmt den Betrachter mit auf eine Zeitreise zurück in die eigene Jugend und geht auch inneren Widersprüchlichkeiten dieser Bewegung nach, wie der, dass es in der Szene nur ganz wenige Frauen gab. Man hätte auch noch ergänzen können, dass sie fast ausschließlich aus jungen Menschen aus den alten Bundesländern und ohne Migrationshintergrund bestand.

justament.de, 20.5.2024: In der Mausefalle?

Neues von Stella Sommer, aber anderes als gedacht

Thomas Claer

Nachdem die wunderbare Stella Sommer uns zuletzt mit gleich zwei englischsprachigen “Solo-Platten” in Folge erfreut hat (“Norcern Dancer, 2020; Silence Wore a Silver Coat, 2022), wäre es nun eigentlich Zeit gewesen für die heiß ersehnte fünfte Platte ihres deutschsprachigen Hauptprojekts “Die Heiterkeit”. Aber weit gefehlt. Stattdessen revitalisiert sie ein Nebenprojekt aus früheren Tagen an der Grenze zwischen Originalität und Albernheit: Die Mausis. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Max Gruber hatte sie diese obskure zweiköpfige Formation bereits 2017 ins Leben gerufen, Auftritte auf einigen Bühnen im Mäusekostüm mit aufgesetzten Ohren absolviert und schließlich eine Vinyl-EP mit vier thematisch im grauen Nageruniversum angesiedelten Songs (“Was kann ein Mausi dafür?”) herausgebracht. Es folgte noch ein Weihnachtslied auf YouTube (“A Mausi Christmas”) im Jahr darauf. Das war es dann – dachte man eigentlich.

Doch nun ein solcher Paukenschlag: Am 16. August 2024 erscheint “In einem blauen Mond”, das Debütalbum von Die Mausis, die von ihrer Plattenfirma Bubak als “die  personell kleinste und gleichzeitig größte Supergroup dieses Landes” bezeichnet werden. Die erste sogenannte Single daraus (es ist nur ein Song auf YouTube ohne physischen Tonträger) heißt so wie das Album und ist bereits seit einigen Tagen abrufbar. Noch dazu findet ein Release-Konzert am Tag der Albumveröffentlichung, also am 16.8.24, in Berlin statt, und zwar in der Kantine im Berghain!

Neugierig klickt man also auf den neuen Song “In einem blauen Mond”. Und ja, textlich ist das schon ganz ambitioniert und gelungen. Aber musikalisch fehlen hier leider einfach die zündenden Ideen. Auch beim dritten und vierten Hören kann dieses Lied nicht wirklich überzeugen, wobei die fünf besagten älteren Songs der Mausis nun auch nicht gerade das Gelbe vom Ei waren. Es bleibt also abzuwarten, ob das angekündigte erste Mausis-Album noch positiv überraschen kann. Ansonsten bleibt einem dann wohl nur noch das Warten auf die nächste Heiterkeit-Platte.

justament.de, 6.5.2024: Hart wie Mozart – gewesen

Scheiben Spezial: Zum Tod des Musikers, Krawall-Poeten und Erotomanen Kiev Stingl (1943-2024)

Thomas Claer

Als Musiker war er mindestens so talentiert wie seine Kollegen aus der ersten Generation der deutschsprachigen Rockmusik – damals in den Siebzigern. Und als Textdichter spielte er ohnehin in einer ganz anderen Liga: Kiev Stingl, bürgerlich Gerd Stingl, der sich – inspiriert von einem seiner frühen Theaterstücke, in dem alle Figuren die Namen von Städten trugen – nach der Hauptstadt der damals noch sowjetischen Ukraine benannte. Dass nach allerhand Skandalen, etwa einer während eines Rundfunkinterviews wütend von ihm gegen die Studiowand geworfenen Bierflasche, seine Lieder nicht mehr im Radio gespielt wurden, fand er völlig in Ordnung. Denn er, der sich sein Leben lang als stolzer Solitär sah, der sich mit niemandem aus seiner pöbelhaften Umgebung und am wenigsten mit seinem Publikum gemein machen wollte, legte stets Wert darauf, sich nie selbst um die Veröffentlichung seiner künstlerischen Werke bemüht zu haben. Entdeckt und gefördert wurde er von anderen, die ihn bewunderten: zuerst von Achim Reichel, auf dessen Ahorn-Label Stingls erste drei Platten “Teuflisch” (1975), “Hart wie Mozart” (1979) und “Ich wünsch den Deutschen alles Gute” (1981) erschienen; später vom Yello-Musiker Dieter Meier, der sein viertes und letztes Album “Grausam das Gold und jubelnd die Pest” (1989) produzierte, auf dem Mitglieder der Einstürzenden Neubauten mitwirkten. Neben einigen Gedichtbänden sind von ihm dann nur noch ein paar neu abgemischte frühe Musikstücke aus seiner Jugend erschienen (“X R I NUIT”, 2022).

Sein einziger Ehrgeiz, so bekannte Kiev Stingl einmal, sei es gewesen, seinen Lyriker-Kollegen Wolf Wondratschek (“Früher begann der Tag mit einer Schusswunde”) in der Auflage zu übertreffen. Doch nicht einmal das ist ihm gelungen. Außer einer kleinen verschworenen, durchaus auch prominenten Fan-Gemeinde (“Kiev Stingl war ein Gott für uns”, so der Rammstein-Keyboarder Flake), hat wohl kein größeres Publikum jemals Notiz von ihm genommen. Was für Kiev Stingl jedoch nie ein Malheur war, wie er in seinem letzten Interview auf laut.de verriet: “weil ich von Anfang an frei bleiben wollte und schon früh gemerkt hatte, wie andere in den Schlamassel dieses Vermarktens und Verbratens geraten. (…) Geltung bekam ich in kleineren Kreisen. Es gab ja früher nicht nur negative Kritik, sondern von intelligenterer Seite durchaus euphorische Kommentare” (siehe oben).

Da lag es natürlich nahe, ihn als “Underground-Poeten” zu klassifizieren, was Kiev Stingl dann aber auch wieder nicht recht war. Das Einzige, was ihm am Begriff “Underground” gefalle, sei der Kontext zur Band Velvet Underground, die er inbrünstig verehrte und der er erkennbar musikalisch nacheiferte – bis hin zum sehr an Lou Reed erinnernden Gesangsstil. “Ich war mir immer sicher, dass meine Sachen außergewöhnlich und einzigartig sind”, so Stingl weiter in besagtem Interview. Und: “In bestimmten Momenten des Schmerzes, der Wollust und ähnlichen exzessiven Gefühlszuständen fing ich an Lieder zu machen. Also ohne große Planung, das strömte so aus mir heraus.”

Zentrales Thema und zugleich Motiv seiner Textdichtung war vor allem die Erotik. “Möglicherweise trieben mich die Frauen ins Künstlertum… insofern, als sie meine Lust an geregelter Arbeit völlig zunichte machten.” Wobei sich sein ausgeprägter Hang zur Obszönität immer wieder Bahn brach: “Oh, du mit deinen lila Lippen / Du mit deinen Milchkuhtitten / Es riecht nach Blut / Alles was sie tut / Teuflisch, du bist so teuflisch!” (1975). Auch über sein lyrisches Werk lässt sich nämliches sagen: “Die Nacht fickt das Licht / Blut, Darling, vergiss mein nicht”. Rückblickend konterte Stingl die gegen ihn häufig vorgebrachten Sexismus-Vorwürfe mit den Worten: “Ich bin ja auch jemand, der zurückschlägt und die Wunden, die mir Frauen geschlagen haben, nicht vergisst. Wenn ich mir diese Lieder gestattet habe, heißt das, ich habe die Dinge nicht runtergeschluckt. Denn es ist ein großer Irrtum von Naiven, zu glauben, Frauen seien harmlose Wesen, die man nicht angehen dürfe. Das ist ein Trugschluss der neueren Zeit.”

Am 24.2.2024 ist das verkannte Genie Kiev Stingl gleichsam von seiner kleinen exklusiven Bühne endgültig abgetreten.

justament.de, 22.4.2024: Mr. Menschenwürde

Immanuel Kant zum 300. Geburtstag

Thomas Claer

Wohl kein anderer Philosoph verkörpert so unmittelbar den Geist unseres Grundgesetzes. Was in Art. 1 als Grundlage unserer Rechtsordnung postuliert wird, ihre Bindung an die unantastbare Menschenwürde, geht direkt auf den großen Aufklärer Immanuel Kant (1724-1804) zurück. Das Individuum ist demnach gleichsam heilig und darf niemals zum bloßen Mittel zur Erreichung übergeordneter Zwecke degradiert werden. Anders gesagt: Ein Staat soll in erster Linie für seine Bürger dasein und nicht umgekehrt. Dies ist eine fundamentale Richtungsentscheidung, die unser Gemeinwesen elementar von Autokratien unterscheidet, in denen ein Menschenleben keinlerlei Bedeutung hat.

Wie kann es dann aber sein, dass ausgerechnet der russische Gewaltherrscher Wladimir Putin einmal bekräftigt hat, dass er den Königsberger Philosophen schätze? Jener Putin, der seine Untertanen in geistiger Unmündigkeit und wirtschaftlicher Armut hält. Der alle, die nicht nach seiner Pfeife tanzen, ermorden oder ins Lager sperren lässt. Der in seiner nun schon mehr als zwei Jahre währenden “Spezialoperation” hunderttausendfach junge Menschen in den Tod geschickt hat, nur um seinem “Imperium” (dem bereits größten Flächenstaat der Erde) noch ein paar weitere Quadratkilometer Land einzuverleiben und dabei sein Nachbarvolk auszulöschen (das es ja angeblich gar nicht gibt). Man kann es sich wohl nur so erklären, dass Kant für Putin sehr nützlich ist, um dem Westen immer wieder dessen eigene Widersprüchlichkeit vor Augen zu führen. Indem er z.B. Flüchtlinge aus Elendsgebieten in großer Zahl anlockt und versucht, sie in die Europäische Union zu schleusen, damit diese dort zur Überlastung der Aufnahmesysteme beitragen und innere Zwietracht säen sollen, um so letztlich russlandfreundlichen Populistenparteien Zulauf zu verschaffen. Gleichzeitig will er dadurch den Westen zur Inhumanität gegenüber den Flüchtlingen zwingen, zum Verrat an den eigenen Prinzipien, zur Doppelmoral. Der Kantische Universalismus ist nämlich dann nicht mehr aufrecht zu erhalten, wenn – zugespitzt formuliert – die ganze Welt ihn gleichzeitig am selben Ort einfordert. Natürlich geht Putins teuflischer Plan nur solange auf, wie in seinem Land (und bei seinem Freund Lukaschenko) weiterhin so viel Mangel herrscht, dass niemand von den Flüchtenden auf die Idee käme, sich dort ansiedeln zu wollen…

Zurück zu Kant. Nicht nur für unsere Verfassung hat er Pate gestanden, sondern auch für große Teile des Völkerrechts und nicht zuletzt für die Charta der Vereinten Nationen. Die internationale Friedensordnung hat er in seinen Schriften ebenso antizipiert wie die Grundlagen der Rechtsstaatlichkeit, die Unterscheidung von Recht und Moral. Solange zumindest das Kant-Denkmal in Kaliningrad noch steht, gibt es nach wie vor Hoffnung, dass das Licht der Aufklärung eines Tages auch wieder in Russland aufscheinen wird.

justament.de, 1.4.2024: Banalität des Monströsen

Recht cineastisch, Teil 45: “The Zone of Interest” von Jonathan Glazer

Thomas Claer

Rudolf Höß ist ein Mann im besten Alter, ein rühriger Familienvater und dazu beruflich sehr engagiert. Von früh bis spät arbeitet er fleißig an seinem Projekt und wird dafür von allen Seiten mit Anerkennung und Lob überschüttet. Er habe wirklich Herausragendes geleistet, heißt es überall. Seine Frau und seine Schwiegermutter unterstützen ihn dabei nach Kräften, halten ihm zu Hause den Rücken frei. Eine ganz normale deutsche Familienidylle also. Der einzige Haken daran ist, was Rudolf Höß beruflich so gemacht hat: Drei Jahre lang, von 1940 bis 1943, war er Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz, hat den Aufbau dieses Vernichtungslagers geleitet und sich auch schwierigen logistischen Detaillproblemen gewidmet wie der Beschaffung passender hochmoderner Verbrennungsöfen zur Beseitigung des vergasten Menschenmaterials.

Dass ein Film das zumindest bis heute mönströseste Verbrechen der Menschheitsgeschichte, den Holocaust, auf solche Weise erzählt, nämlich aus Tätersicht und mit Fokus auf das alltägliche Klein-Klein, das hat es bisher noch nicht gegeben. In diese Lücke ist nun “Zone of Interest” des britischen Regisseurs Jonathan Glazer gestoßen, der mit dieser Glanzleistung zurecht sowohl beim Filmfest in Cannes als auch bei der Oscarverleihung in Los Angeles für Furore gesorgt hat. Eine sehr gute Entscheidung war es zweifellos, die Hauptrollen mit deutschen Schauspielern, Sandra Hüller und Christian Friedel, zu besetzen. Denn diese verkörpern ihre Charaktere sehr überzeugend und… wenn es angesichts dieser Thematik nicht so obszön klänge, könnte man fast sagen: authentisch.

Ob dieser durchweg leise, scheinbar unspektakuläre, aber immer anspielungsreiche Film sich wirklich so gut für ein Massenpublikum eignet, wie es die Zuschauerzahlen suggerieren, mag man bezweifeln. Dennoch bleibt es sein großes Verdienst, einem eigentlich nun wirklich auserzählten Stoff noch einmal eine andere Sichtweise auf ihn hinzugefügt und dabei das Andenken an die Opfer dieser Gräueltaten neu belebt zu haben. Und das zu einer Zeit, in der so manches Entsetzliche, das man längst überwunden geglaubt hatte, wieder sein fürchterliches Haupt erhebt…

The Zone of Interest
Großbritannien / Polen / USA 2023
106 Minuten; FSK: 12
Regie: Jonathan Glazer
Drehbuch: Jonathan Glazer
Darsteller: Christian Friedel, Sandra Hüller, Johann Karthaus u.v.a.