justament.de, 25.3.2024: Sexiest Oma of Arab Pop
Scheiben Spezial: Natacha Atlas zum Sechzigsten
Thomas Claer
Zuerst war es nur ein Plattencover, das mich magisch angezogen hat. Damals in den Neunzigern, während meiner Studienzeit in Bielefeld. Es stand wohl für längere Zeit in der Kiste mit den Neuerscheinungen nahe dem Eingang meines favorisierten Schallplattenladens “Ween” am Jahnplatz. Immer, wenn ich diesen Laden aufsuchte, und das kam zu jener Zeit nicht selten vor, durchblätterte ich als erstes diese Kiste. Und immer blieb ich dann hängen an einer bunten LP namens “Diaspora” der belgisch-arabischen Sängerin Natacha Atlas, die auf der Coverabbildung im Stil der Königin Cleopatra posierte – in einem ägyptischen Palast, umgeben von allerlei Säulen mit geheimnisvollen Hyroglyphen-Zeichen, in einem langen blauen Gewand auf einem roten Sofa liegend. Als ich dann irgendwann später auch noch im Musikfernsehen (denn mit dem Internet war es seinerzeit noch nicht so weit her) auf ein Video stieß, in dem ebenjene Natacha Atlas zu orientalischen Klängen mit dezenten elektronischen Einsprengseln kunstvoll den Bauchtanz zelebrierte, war es endgültig um mich geschehen. Von nun an machte ich Jagd auf die Tonträger dieser kurvenreichen morgenländischen Schönheit. Ihre ersten vier CDs konnte ich kostengünstig im Second-Hand-Shop in der Jahnplatz-Passage erstehen, womit mein Begehren fürs Erste gestillt war. Die Musik war schon sehr speziell, sehr traditionell arabisch. Und ich beschloss, diese vier Alben in Ehren zu halten, meiner Sammlung aber keine weiteren von dieser Art mehr hinzuzufügen.
Dabei blieb es für lange Zeit, und so verlor ich Natacha Atlas allmählich aus den Augen. Doch dann, mehr als zwei Jahrzehnte später, konnte ich endlich wieder mehr Muße für meine musikalischen Leidenschaften finden – und kam noch einmal auf Natacha Atlas zurück. Eine große Zahl an Veröffentlichungen, so stellte ich fest, hatte sie über die Jahre herausgebracht und sich dabei in ganz unterschiedliche Genres vorgewagt: mehr und mehr weg vom temperamentvollen Ethno-Pop, hin zu meditativ-spirituellen Klängen, zu traditionellen Gesängen und schließlich, in den letzten Jahren, auch zunehmend zum Jazz. Ich fand das ganz großartig und wollte nun alles, aber wirklich alles!, von ihr haben. Und was soll ich sagen? Dank Medimops, Rebuy und Co. bekam ich es sogar noch zum kleinen Preis. Nicht weniger als 15 CDs, einschließlich Remix-, Best of- und Raritäten-Album, habe ich mittlerweile von ihr angehäuft. Und jede von ihnen bereitet mir auf ganz eigene Art Vergnügen. Am Donnerstag letzter Woche ist die verführerischste Stimme des arabischen Folk-Pop nun 60 Jahre jung geworden.
justament.de, 18.3.2024: Feminismus und wildes Gehopse
Recht cineastisch, Teil 44: „Poor Things“ von Giorgos Lanthimos
Thomas Claer
Eine Art Märchen für Erwachsene hat Regisseur Giorgos Lanthimos hier komponiert. Eigentlich passt die Geschichte ja hinten und vorne nicht zusammen, immer wieder finden sich haarsträubende logische Unstimmigkeiten. Aber das ist gar nicht weiter schlimm, denn auf rein psychologischer Ebene funktioniert das Ganze schließlich glänzend… Irgendwann im 19. Jahrhundert, irgendwo in England experimentiert der optisch verdächtig an Dr. Frankensteins Monster erinnernde Protohumangenetiker Dr. Godwin Baxter (Willem Dafoe) in seinem Herrenhaus wild mit Menschenmaterial herum. Gerade hat er dem Leichnam einer unlängst ertrunkenen jungen Dame das Gehirn eines Neugeborenen eingepflanzt und so einen neuen Menschen erschaffen, den er persönlich unter seine Obhut nimmt (so wie besagter Dr. Frankenstein es einst mit seinem Geschöpf getan hat). Im Ergebnis entsteht so ein recht obskures Hybridwesen, das aber vermutlich gewisse Männerphantasien bedient, nämlich ein Kind mit dem Körper einer reizvollen erwachsenen Frau, das schon bald sein sexuelles Erwachen erlebt. (Man stelle sich nur einmal die umgekehrte Konstellation vor, das wäre dann sogleich ein Fall für die Staatsanwaltschaft!) Doch diese etwas anrüchige und schmuddelige Ausgangslage tritt dann mit der Zeit in den Hintergrund, während sich zum einen eine große Liebesgeschichte abspielt und zum anderen ein ultra-feministisches Coming of Age entfaltet. Dr. Godwin Baxters Assistent Mark Ruffalo (Duncan Wedderburn) ist dem kapriziösen Laborprodukt Bella Baxter (Emma Stone) in einer so rührend bedingungslosen Hingabe zugetan, dass er dadurch am Ende… Aber das soll an dieser Stelle noch nicht verraten werden, denn dieses furiose Fimspektakel sollte sich jede und jeder unbedingt selbst auf der Leinwand zu Gemüte führen.
Poor Things (GB 2023)
Regie: Giorgos Lanthimos
Drehbuch: Tony McNamara
Darsteller: Emma Stone (Bella Baxter / Victoria Blessington), Mark Ruffalo (Duncan Wedderburn), Willem Dafoe (Dr. Godwin Baxter), Ramy Youssef (Max McCandles)
justament.de, 26.2.2024: Ende einer Verschwörung?
Landgericht Bielefeld entscheidet: Bielefeld gibt es doch
Thomas Claer
Schon seit langen Jahren ist sie in aller Munde: die sogenannte Bielefeld-Verschwörung. Irgendwelche Witzbolde hatten die Legende in Umlauf gebracht, dass es die Metropole am Teutoburger Wald mitsamt Dr. Oetker, Sparrenburg und Reform-Uni in Wirklichkeit gar nicht gebe. Doch nun hat das Landgericht Bielefeld – endlich, muss man sagen – ein Machtwort gesprochen: Wie erst jetzt bekannt wurde, erging bereits im vergangenen Herbst (Urt. v. 26.09.2023, Az. 1 O 181/22) das Urteil, wonach die Millionenklage eines Schlaubergers gegen die Marketing-Abteilung der Stadt Bielefeld auf Auszahlung von einer Million Euro abgewiesen wurde. 2019 hatte die Marketing-Abteilung ein Preisgeld in dieser Höhe für denjenigen ausgelobt, der beweisen könne, dass es Bielfeld tatsächlich nicht gebe. Der Mann hatte daraufhin als Beweis für die Nichtexistenz der Stadt ein mathematisches Axiom eingereicht, womit er aber, wie jetzt feststeht, nicht durchgekommen ist. Entscheidend – und auch wegweisend über das Verfahren hinaus – ist die Urteilsbegründung der Bielefelder Richter, in der es u.a. heißt: “Der erforderliche Erfolg wäre, nach dem objektiven Empfängerhorizont nur der offensichtlich unmögliche empirische Beweis der Nichtexistenz Bielefelds gewesen. Der axiomatische Beweis innerhalb eines axiomatischen Systems war nicht erfasst.” Und nun der entscheidende Satz: “Dass die Stadt Bielefeld existiert, ist eine offenkundige Tatsache und bedarf keines Beweises (im Sinne der ZPO), § 291 ZPO.” Großartig. Das musste doch einmal festgestellt werden. Der abgewiesene Kläger hat nun Gerichtskosten im fünfstelligen Bereich sowie die Anwaltskosten der Marketing GmbH zu tragen, welche bereits vorgerichtlich bei fast 8.500 Euro gelegen haben sollen…
justament.de, 19.2.2024: Reichels Riffs mit 80
Achim Reichel auf “Schön war es doch! Das Abschiedskonzert”
Thomas Claer
Will ein gealterter Rockmusiker nicht irgendwann auf der Bühne tot umfallen, so wie der sprichwörtliche Cowboy, der am Lebensende beim Reiten aus dem Sattel kippt, so muss er den passenden Zeitpunkt für einen würdigen Abgang finden. Achim Reichel, deutscher Rockstar der ersten Stunde und seitdem über sechs Jahrzehnte im Musikgeschäft gut dabei, hat nun seinen 80. Geburtstag zum Anlass genommen, gewissermaßen die Gitarre an den Nagel zu hängen. Allerdings nicht ohne zuvor noch ein letztes Mal auf Tournee zu gehen und seinen Fans eine Doppel-CD mit seinem Abschiedskonzert zu bescheren.
Aber schon wieder eine Live-Platte von ihm? Es gab doch zuvor schon drei, nämlich zum 50., 60. und 70. Geburtstag. Was soll denn da jetzt noch drauf sein, was man nicht schon zur Genüge kennt?! Ein wenig skeptisch hört man also rein in “Schön war es doch! Das Abschiedskonzert”, um dann doch erleichtert festzustellen: So haben wir seine Songs noch nicht gehört – nämlich eingespielt unter Hinzuziehung eines Bläserensembles, das seine Band nicht nur bei bestimmten einzelnen, sondern bei mehr oder weniger allen Liedern unterstützt. Heraus kommt dabei ein weitgehend anderes Gewand seiner bekannten Gassenhauer. Es ist schon ziemlich mutig, Seemannslieder wie “Kuddel Daddel Du” oder “Halla Ballu Balle” mit ausgiebigen Trompeten-Soli auszuschmücken. Selbst “Aloha Heja He, das jüngst zum Überraschungs-Hit in China avancierte, kriegt nun Bläserklänge verpasst. Und man muss schon sagen: Achim Reichel beweist auch noch auf seinen mutmaßlich letzten musikalischen Metern, dass er immer für eine unerwartete Wendung gut ist.
Wenn man angesichts von immerhin 22 Songs auf den beiden Scheiben dennoch sein großes Bedauern darüber ausdrücken muss, dass so viele tolle Lieder von ihm leider wieder ausgespart wurden, dann spricht das zweifellos auch für die hohe Qualität seines Schaffens. Andererseits fragt man sich aber schon, warum es ausgerechnet seine recht mäßige Version des Volkslieds “Der Mond ist aufgegangen” aufs Album geschafft hat. Aber na gut, dafür gibt es diesmal sogar einen ganz neuen Song dazu, dessen Titelzeile zugleich für den Namen des Albums steht – und sicherlich auch ein passendes Fazit für Reichels Rückblick auf seine Musiker-Laufbahn abgibt: “Aber schön war es doch”, im Original ein alter Schlager von Hildegard Knef, wird – unterlegt mit Reichels unverwechselbaren Gitarrenriffs – zum gelungenen Schlusspunkt dieses stimmigen zweifachen Silberlings. Und vermutlich ja auch zum Schlusspunkt seiner Musikerkarriere – aber wer weiß das schon in diesem Business? Womöglich folgt ja 2034 auch noch das fünfte Live-Album zum 90. Geburtstag…
Achim Reichel
Schön war es doch! Das Abschiedskonzert (2CD)
Tangram / BMG 2024
ASIN: B0CPHGPP9C
justament.de, 12.2.2024: Stimme der kritischen Vernunft
Stimme der kritischen Vernunft
Zum Tod von Alfred Grosser (1925-2004)
Thomas Claer
Nun hat er also die 100 doch nicht mehr ganz geschafft. In den letzten Jahren war es zwar ruhiger um ihn geworden, doch blieb der umtriebige Politologe und Publizist Alfred Grosser bis zuletzt ein engagierter und streitbarer Geist im Dienste der Aussöhnung und Toleranz. Geboren in Deutschland und schon als Jugendlicher während der Nazi-Herrschaft nach Frankreich emigriert, legte er sich von dort aus dann unermüdlich für die deutsch-französische Verständigung ins Zeug und prägte als Hochschullehrer und Person des öffentlichen Lebens mehrere Generationen seiner Studenten, Leser und Zuhörer. In seinen späten Jahren hat er einmal einen seiner Kniffe verraten: War er irgendwo zu einem Vortrag eingeladen, was sehr häufig vorkam, dann sagte er dort immer auch etwas, was sein jeweiliges Publikum gar nicht gerne hören wollte. So erinnerte er die christlichen Kirchen an ihre historischen Verbrechen und die deutschen Gewerkschaften an ihre Kapitulation vor Hitler. Damals, 1991, wusste ich das noch nicht, als ich mit 19 Jahren das Glück hatte, bei einem seiner Auftritte dabei zu sein, was ich vor vier Jahren wie folgt geschildert habe:
„Doch noch in der aufgeheizten Phase während des Golfkriegs bekam unsere Schule Besuch von einem berühmten Intellektuellen. Der deutsch-französische Politologe Alfred Grosser hielt bei uns einen Vortrag – durch Vermittlung, wie es hieß, des stellvertretenden Rektors der Schule, der bekanntermaßen ein CDU-Mann war. Damals konnte man noch nicht einfach jemanden mal eben googeln. Daher steckte ich den armen Alfred Grosser gedanklich sogleich in die für mich unliebsame Schublade “konservativ”, zumal er in seinem Vortrag auch gleich entsprechend loslegte: Dass er mit erheblicher Verspätung erschienen sei, das liege an diesen sogenannten Friedens-Demonstrationen, die mal wieder den ganzen Verkehr lahmgelegt hätten. Dabei sei der Name “Friedensbewegung” doch ziemlich anmaßend, denn er suggeriere schließlich, dass alle anderen nicht für den Frieden wären, was aber überhaupt nicht der Fall sei. Und zur innenpolitischen Kontroverse anlässlich des Golfkriegs, den er ausdrücklich unterstützte, meinte er: Deutschland hätte sich auch an dieser internationalen Militäraktion mit UN-Mandat beteiligen müssen. Das wiedervereinigte Deutschland müsse lernen, auch selbst Verantwortung in der Welt zu übernehmen. Es müsse sich verabschieden vom Traum, eine Art Schweiz sein zu wollen und sich immer aus allem rauszuhalten. Dafür sei das Land zu groß und zu bedeutsam. Er habe gerade lange darüber mit seinen Freunden bei den hessischen Grünen diskutiert. (An dieser Stelle fragte ich mich irritiert, wie jemand mit solchen Ansichten Freunde bei den Grünen haben konnte. Ich hielt diesen Hinweis daher für wenig glaubhaft und vermutete einen Trick, um sich bei uns, den linksalternativen Bremer Schülern, irgendwie “einzuschleimen”.) Mehrere Wortmeldungen von Schülern und Lehrern führten daraufhin die Argumente der Friedensbewegung ins Feld, doch Prof. Grosser hielt argumentativ gekonnt dagegen, indem er sich auf die westliche Wertegemeinschaft berief und darauf, dass Deutschland sich, gerade aufgrund seiner Vergangenheit, nie wieder international isolieren dürfe. Es war wirklich schwer, noch etwas dagegen vorzubringen, was mich auch irgendwie wütend machte. Darüber hinaus bemerkte Alfred Grosser, dass er den letzten Bundestagswahlkampf vor der Wiedervereinigung “sehr traurig” gefunden habe, denn die konservative Bundesregierung habe den Eindruck erweckt, die deutsche Einheit sei ohne große Anstrengung zu erringen und die Opposition habe immer nur vorgerechnet, wie viel alles kosten würde. Kein deutscher Politiker habe den Menschen gesagt, dass zwar große Herausforderungen auf sie zukämen, aber mit großer gemeinsamer Kraftanstrengung alle Schwierigkeiten zu überwinden seien… Dabei entging mir nicht, dass Prof. Grosser in seinen Ausführungen die SPD als “Sozialisten” bezeichnet hatte. Ha, dachte ich, so will er sie diskreditieren, indem er sie in die linksradikale Ecke stellt. Keinen Moment lang dachte ich daran, dass in Frankreich, wo Alfred Grosser als Hochschullehrer tätig war, die Sozialdemokraten schlicht unter der Bezeichnung “Sozialisten” firmieren…
Bald darauf wurde ich von der Redaktion der Schülerzeitung gefragt, ob ich nicht einen Artikel über den Vortrag von Prof. Grosser an unserer Schule schreiben könnte. Natürlich ließ ich mich nicht lange bitten, denn dies war gewissermaßen meine erste journalistische Arbeit, auf die ich rückblickend aber keineswegs stolz bin. Denn ich ging in diesem Text, der die Überschrift “Macht der Sprache” trug, hart mit Alfred Grosser ins Gericht und kritisierte ihn dafür, dass er mit “rhetorischen Taschenspielertricks” am Ende scheinbar immer Recht behielt, ohne wirklich auf das berechtigte Ansinnen der Friedensbewegung einzugehen. Es dauerte aber nicht lange, ich glaube es war schon nach wenigen Monaten, da bereute ich zutiefst, was ich da geschrieben hatte. Denn mittlerweile war ich ein regelrechter Fan von Alfred Grosser geworden, den ich endlich als unabhängige liberale Stimme näher kennen- und schätzen gelernt hatte. Auf dem Flohmarkt an der Bremer Bürgerweide hatte ich zum Preis von 50 Pfennigen ein schon ziemlich zerknicktes und ramponiertes Exemplar seines Buches “Versuchte Beeinflussung. Reden und Aufsätze” aus den frühen Achtzigern erstanden und mit wachsender Begeisterung gelesen. Auch verfolgte ich nun regelmäßig die Fernseh-Gesprächsrunde “Baden-Badener Disput”, ausgestrahlt zu später Stunde auf 3Sat, in der Alfred Grosser ein ebenso ständiger Gast war wie der Philosoph Peter Sloterdijk, dessen “Kritik der zynischen Vernunft” ich auch schon eifrig studiert hatte…
Und so kann ich mich nun, nach dreißig Jahren, endlich bei Alfred Grosser, der gottlob noch lebt, aber mittlerweile auch schon 95 Jahre alt ist, für meinen damaligen unqualifizierten Text in der Schülerzeitung öffentlich entschuldigen.“
Am vergangenen Mittwoch ist der große europäische Intellektuelle und deutsch-französische Brückenbauer nun mutmaßlich in die ewigen Jagdgründe des aufgeklärten Denkens eingetreten.
justament.de, 5.2.2024: Brett vorm Kopf
Recht cineastisch Spezial: Warum “Die Feuerzangenbowle” kein Nazi-Film ist. Eine Entgegnung auf Sonja Zekri
Thomas Claer
Wohl kaum einen Film habe ich in meinem Leben so oft gesehen wie “Die Feuerzangenbowle”. Ende Januar 1944, also vor genau 80 Jahren, erstmals aufgeführt in Berlin, nach Ende der Nazi-Zeit aber zunächst verschämt in den Archiven verschwunden, wurde der legendäre Pennäler-Ulkstreifen dann Anfang der Sechzigerjahre in Ost- und Westdeutschland gleichermaßen wiederentdeckt – und hat seitdem unzählige Wiederholungen auf diversen Fernsehkanälen und in Kinosälen erlebt. Seinen zahlreichen Fans gilt er generationsübergreifend als wahrer Klassiker der Schulfilm-Klamotte. Es ist ja auch wirklich zu komisch, wie sich die ernsthaften und verbiesterten Pauker fortwährend der ausgelassenen Streiche ihrer Zöglinge erwehren müssen.
Doch hat es schon seit Jahrzehnten immer wieder herbe Kritik an der scheinbar so harmlosen Schüler-Komödie wegen ihrer etwaigen Nazi-Kontaminiertheit gegeben. Jüngst hat nun die geschätzte und verehrte Sonja Zekri im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung (vom 27.1.2024) zum abermals großen Schlag gegen den anrüchigen Filmspaß ausgeholt. Vor allem beklagt sie, womit sie zweifellos einen Punkt hat, die monströse Geschmacklosigkeit, die bereits darin liege, zeitgleich mit Kriegsverbrechen und Holocaust überhaupt einen solchen Film in die Welt gesetzt zu haben. Dieser enthalte zudem eine Menge Nazi-Ideologeme, angefangen vom vorgestrigen Frauenbild (positiv gezeichnete Unschuld vom Lande versus arrogante Großstadt-Dame aus Berlin) bis hin zum – unstrittig – NS-Propaganda verbreitenden Geschichtslehrer Dr. Brett. Noch dazu ist dieser Dr. Brett, der von der Erziehung der Jugend analog zu nicht schief wachsen dürfenden Bäumen schwadroniert, die einzige Filmfigur, für die es in der Romanvorlage von Heinrich Spörl aus dem Jahr 1933 keine Entsprechung gibt. Das heißt, er wurde offenbar allein zu propagandistischen Zwecken noch nachträglich in die Handlung eingefügt. Und schließlich, so erfährt man auch noch aus Sonja Zekris Text, sei Hauptdarsteller Heinz Rühmann nach den Dreharbeiten sogar eigens mit den Filmrollen auf die Wolfsschanze gefahren, um vom Führer höchstselbst die Freigabe des Films zur öffentlichen Aufführung zu erwirken, die ihm wegen befürchteter Untergrabung von Autoritäten zunächst verweigert worden war. Woraufhin sich Hermann Göring dann den Film mit Heinz Rühmann angesehen und anschließend Hitler darauf angesprochen habe. Und der Führer habe ihn gefragt: “Ist dieser Film komisch?” Und Göring habe das bejaht. Worauf Hitler erklärt habe: “Dann ist er fürs deutsche Volk freizugeben.”
Ist also “Die Feuerzangenbowle” somit eindeutig als Nazi-Film überführt, den man sich keinesfalls mehr anschauen sollte, zumal von jeder öffentlichen Aufführung auch noch die Inhaberin der Filmrechte profitiert, welche (bezeichnenderweise) AfD-Mitglied ist?
Um es gleich deutlich zu sagen: Man kann das alles durchaus so sehen, aber zwingend ist es keineswegs. Fest steht allein, dass sich daraus, dass der Film im Dritten Reich entstanden ist, gewisse Konsequenzen für ihn ergeben. Einen Anti-Kriegsfilm oder einen Anti-NS-Film zu drehen, wäre zu jener Zeit in Deutschland nicht möglich gewesen. Es sei daran erinnert, dass der Komponist der Filmmusik der “Feuerzangenbowle” noch vor der Erstaufführung wegen des Erzählens politischer Witze hingerichtet wurde. (Auch das steht in Sonja Zekris Artikel.) Wie stark der Film nun allerdings mit Nazi-Ideologie durchsetzt ist oder ob er sich nicht vielmehr als auffällig unpolitisch oder sogar dezent subversiv ausnimmt, darüber lässt sich trefflich streiten. Die meisten seiner Inhalte spiegeln wohl eher den allgemeinen Geist jener Jahre wider als einen spezifischen Nazi-Ungeist. Eindeutig nationalsozialistisch tritt allein der besagte Geschichtslehrer Dr. Brett auf. Doch wird er im Film wirklich positiv gezeichnet? Zeugt nicht bereits sein Name vom Gegenteil? Ist nicht die naheliegendste Assoziation, die sich hier einstellt, das sprichwörtliche Brett vorm Kopf, das in Anlehnung an ein hölzernes Sedativum für Ochsen die Verbohrtheit, Inflexibilität oder Begriffsstutzigkeit von jemandem bezeichnet. Wenn dieser Lehrer in die Klasse kommt, herrscht – anders als bei seinen Kollegen – augenblicklich Ruhe und Disziplin. Das werden viele damals gut gefunden haben. Aber machen ihn seine autoritären Erziehungsmethoden wirklich zu einem Sympathieträger bei seinen Schülern und dem Publikum? Ist er nicht sogar eher eine absichtsvoll ambivalent gehaltene Figur, die sowohl die damaligen ideologischen Vorgaben bedient als auch zugleich dem Betrachter Raum dazu lässt, auf Distanz zu gehen?
Ist es angesichts seines Entstehungsumfelds nicht vielmehr bemerkenswert, dass ein über weite Strecken so frecher und aufmüpfiger, fortwährend Autoritäten verspottender Film seinerzeit überhaupt zugelassen wurde? Und ist nicht der vordergründig unpolitische Schlussmonolog, in dem Hans Pfeiffer (mit drei f) ausführt, dass nur unsere Träume und Erinnerungen wahr seien, was Sonja Zekri als Augenverschließen vor den Nazi-Verbrechen deutet, das bereits auf die anschließenden Verdrängungen der Nachkriegszeit verweise, vielleicht sogar im Gegenteil ein verstecktes Statement gegen ein durchideologisiertes System? Ist es für Kulturprodukte aus totalitären, gleichgeschalteten Gesellschaften nicht oftmals sogar ein Qualitätsmerkmal, wenn sie “unpolitisch” sind, denn welche politische Haltung könnte sich in ihnen denn schon klar und deutlich ausdrücken außer doktrinärer Parolenhaftigkeit entsprechend den ideologischen Vorgaben? Anders gesagt: Das einzig mögliche Mittel des Aufbegehrens ist hier, wenn überhaupt, die Subversion, etwa durch versteckte Andeutungen oder Mehrdeutigkeiten. Und nun möge jede und jeder selbst darüber urteilen, ob sich in diesem Film mehr Staatspropaganda oder mehr Hinweise auf Subversion finden lassen. Kurzum, “Die Feuerzangenbowle” ist ein Film aus Nazi-Deutschland, aber deshalb noch lange kein Nazi-Film.
justament.de, 29.1.2024: Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat in Gefahr
75 Jahre Grundgesetz und Ausblick auf ein Schicksalsjahr
Thomas Claer
Rückblickend betrachtet sind die 75 Jahre Grundgesetz in Westdeutschland und immerhin auch schon 34 Jahre Grundgesetz in Gesamtdeutschland, die wir in diesem Jahr feiern können, eine enorme Erfolgsgeschichte. Vor allem auch, wenn man bedenkt, zu welch märchenhaftem Wohlstand es die Deutschen in dieser Zeit gebracht haben. Selbst den Ärmsten geht es hierzulande – rein materiell gesehen – weit besser als jemals zuvor und so gut wie kaum irgendwo sonst auf der Welt. Die ungebrochene Attraktivität Deutschlands als Einwanderungsland legt hiervon ebenfalls Zeugnis ab. Insbesondere hat auch die deutsche Einheit, also die Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West, in den zurückliegenden dreieinhalb Jahrzehnten letztlich eine sehr positive Entwicklung genommen. Wenn auch die Wirtschaftskraft der neuen Bundesländer noch immer hinter der im Westen zurückbleibt, so ist doch die massenhafte Abwanderung überwiegend junger Menschen aus dem Osten, die noch bis in die Zehnerjahre hinein zu beklagen war, nicht nur längst zum Stillstand gekommen, sondern hat sich mancherorts schon beinahe umgekehrt. Zuletzt haben sich sogar vermehrt bedeutende internationale Unternehmen für den Auf- und Ausbau von Standorten in Ostdeutschland entschieden. Selbst die heftigen Krisen der letzten drei Jahre, zuerst Corona, dann Ukraine-Krieg und vorübergehender Energiemangel, haben den Big Player in der Mitte Europas keineswegs aus der Bahn geworfen. Das aktuell leichte Schwächeln der Konjunktur geschieht auf kaum vermindert hohem Niveau. Soweit die Fakten.
Nun sollte dies alles doch eigentlich Anlass sein zu einem selbstbewussten und zuversichtlichen Blick nach vorn, aber das ist es leider ganz und gar nicht. Im Gegenteil: Die Stimmung ist offenbar so miserabel wie noch nie. Unsere Bundesregierung, die das Land in vielerlei Hinsicht mit Bravour durch die besagten schweren Krisen geführt, die in kürzester Frist die Energieversorgung radikal umgestellt und dennoch erfolgreich gesichert, die mit dem 49-Euro-Ticket breiten Bevölkerungsschichten zu unkomplizierter, kostengünstiger und umweltverträglicher Mobilität verholfen hat, ist nach der Hälfte der Legislaturperiode so unbeliebt wie keine ihrer Vorgängerregierungen. Doch auch die demokratischen Oppositionskräfte stehen keineswegs blendend da. Stattdessen liegt eine laut Verfassungsschutz in zumindest drei Landesverbänden “gesichert rechtsextremistische” Partei, die u.a. Millionen Zugewanderte zwangsweise “remigrieren” sowie unser Land aus der Europäischen Union hinausführen (und diese zerstören) will, in gleich drei ostdeutschen Bundesländern, wo in diesem Herbst Landtagswahlen anstehen, mit weitem Abstand vorne. So wie sie auch in den beiden anderen östlichen Ländern an erster Stelle und bundesweit stabil mit mehr als 20 Prozent auf Platz zwei liegt. Noch vor wenigen Jahren hätte man eine solche Situation für vollkommen unvorstellbar gehalten. Also was ist da los?
Nun gut, teilweise hat unsere Regierung etwas unglücklich und ungeschickt operiert wie etwa beim neuen Heizungsgesetz, das aber im Grunde genommen schon vor spätestens einem Jahrzehnt überfällig gewesen wäre (und dessen Äquivalente etwa in skandinavischen Ländern schon vor dreißig Jahren auf den Weg gebracht wurden, im überparteilichen Konsens wohlgemerkt), nur dass die Vorgängerregierungen sich fortwährend davor gedrückt haben und nun scheinheilig der Ampel den Schwarzen Peter dafür zuschieben. Die begreiflicherweise wenig populären aktuellen Sparmaßnahmen infolge des unglückseligen BVerfG-Urteils sind letztlich auch nur eine Spätfolge der krisenbedingten Zahlenakrobatik bereits der vorherigen Regierung, die aber damit beim höchsten Gericht noch durchgekommen ist…
Doch ist die Wahrnehmung offenbar in nicht unbeträchtlichen Teilen der Bevölkerung eine andere. Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa hat in seinem Umfeld die folgende, anscheinend weit verbreitete Haltung beobachtet: “Eigentlich ist unser Dörfchen okay – und dann kommt der Staat und setzt uns ein Flüchtlingsheim hin. Und dann will die Regierung an die Heizung ran. Es reicht ihr also offenbar nicht, dass sie ins Dorf eindringt, sie will in mein Haus. Und mit der Impfung dringt sie sogar in meinen Körper vor. Und mein Denken will sie auch noch beeinflussen, ich darf das N-Wort nicht mehr sagen, ich muss gendern.” (Süddeutsche Zeitung vom 26.1.2024) Das mögen die enttäuschten Stimmen derer sein, die sich von der Politik nicht gehört fühlen. Aber sollte man auf solche Stimmen hören? Doch wohl besser nicht. Es macht wirklich einigermaßen fassungslos, wenn Menschen, die mindestens neun Jahre lang in diesem Staat zur Schule gegangen sind, sich erkennbar von jeder Vernunft ab- und verschwörerischen Weltsichten zugewandt haben.
In der gestrigen ZDF-Nachrichtensendung erklärte ein befragter Passant in einem thüringischen Landkreis: “Die Partei der Mitte ist für mich die AfD.” Erschreckenderweise sind solche absonderlichen Auffassungen vor allem im ostdeutschen kleinstädtischen und ländlichen Raum längst keine Seltenheit mehr. Der Berliner Soziologe Steffen Mau konstatiert: “Insbesondere die Entwicklung im Osten ist beunruhigend: Die Partei ist da vielerorts im Grunde schon eine Volkspartei. Zumal Untersuchungen zeigen, dass die Leute, die dort inzwischen für die AfD eintreten oder sogar Parteifunktionäre sind, vielfach überhaupt nicht mehr vom klassischen rechtsradikalen Rand kommen, sondern Teil der Zivilgesellschaft waren und sind, also seit Jahr und Tag aktiv in Vereinen und Verbänden, lokal oder regional bekannt und vernetzt. Die viel beschworene Brandmauer und Dämonisierung im sozialen Alltag lässt sich da schwer durchhalten…” (Süddeutsche Zeitung ebd.)
Doch sind tatsächlich vor allem die Ostdeutschen verrückt geworden? Vielleicht als Spätfolge der Vereinigungsschocks und -traumata? Der Soziologe Hartmut Rosa hält dem sehr pointiert entgegen: “Mit Blick auf verblüffend ähnliche Probleme in Frankreich, Ungarn, Polen, der Schweiz oder den Niederlanden würde ich sagen, dass nicht die Situation in Ostdeutschland ein Sonderfall ist, sondern die in Westdeutschland.” (Süddeutsche Zeitung ebd.) Stimmt, denn ganz ähnlich bekloppte Einstellungen und Äußerungen wie aus sächsischen Dörfern kennen wir zur Genüge von Trump-Anhängern in den USA, von Bolsonaro-Fans in Brasilien und vielen anderen mehr. Deutschland hingegen gehört zu den wenigen Ländern, die den Rechtspopulismus bisher noch einigermaßen kleinhalten konnten. Noch funktionieren hier ganz überwiegend – und das nicht nur im “alten Westen” – die Zivilgesellschaft, die Demokratie, die rechtsstaatlichen Institutionen, wie auch die noch nicht völlig von den asozialen Fake-Netzwerken samt ihren Putin-Trollen verdrängten “alten” Medien.
In diesem Jahr wird es aber nun wirklich ernst: Europawahlen im Juni, drei Landtagswahlen in Ostdeutschland im Herbst und schließlich, am wichtigsten und folgenreichsten: die US-Präsidentschaftswahl im November. Schon bei den drei Landtagswahlen steht laut Steffen Mau “die Demokratie auf der Kippe”, bei den US-Wahlen gilt gleiches für unsere Sicherheit. Man kann nur inständig hoffen, dass hinter den Kulissen – auf nationaler wie auf europäische Ebene – bereits jetzt die nötigen Vorkehrungen getroffen werden, um dem Worst Case zumindest etwas entgegensetzen zu können. Aber vielleicht geschieht ja doch noch ein Wunder und Michelle Obama kandidiert statt Joe Biden und besiegt Trump, und alles wird gut. Doch das wäre wohl zu schön, um wahr zu werden…
justament.de, 15.1.2024: Die Liebe kommt nicht aus Berlin
Scheiben Spezial: Die Songs des Jahres 2023
Thomas Claer
So etwas haben wir noch nie gemacht: einen Rückblick auf die besten Songs des abgelaufenen Jahres. Doch damit an dieser Stelle nicht immer nur jahraus, jahrein von unseren altbekannten Lieblingen wie Element of Crime, Tocotronic, Björk oder Udo Lindenberg die Rede ist, gehen wir nun auch einmal neue Wege. Aber hoppla: Udo Lindenberg ist, ob man es glaubt oder nicht, auch bei den Hits des Jahres 2023 mit dabei! Dazu gleich unten mehr…
Die Kollegen von der Musikzeitschrift “Diffus” haben also eine Liste der “Top 10 Songs national” mit den dazugehörigen Musikvideos zusammengestellt. Und wir hören uns da einfach mal durch. Unter den Top 10 des Jahres, da sollte doch bestimmt etwas Gutes dabei sein, denkt man sich – und wird bitter enttäuscht. Eigentlich wollte ich zu jedem der zehn Songs ein paar Sätze verlieren, aber das ginge hier nun wirklich entschieden zu weit. Sagen wir es lieber allgemeiner: Damit ein Lied als gut bezeichnet werden kann, darf es zunächst einmal nicht zu vulgär und auch nicht zu sentimental sein. Dieses Kriterium stellt schon eine ziemlich große Hürde dar, denn die meisten Lieder auf der Welt (und auch in dieser Liste) sind wohl entweder das eine oder das andere. Und noch dazu sollte ein gutes Lied einen gewissen Wiedererkennungswert haben, sollte also originell sein, etwa von einer eingängigen Melodie getragen werden, die aber andererseits auch nicht zu gefällig sein darf, denn das wäre dann schon wieder banal…
Um es kurz zu machen, in diesen Top 10 gibt es manchmal ein paar gute Ansätze. Gleich mehrere Songs transportieren sehr unterstützenswerte inhaltliche Botschaften. In “Baba” von Apsilon geht es um eine Vater-Sohn-Beziehung im migrantischen Kontext. Und dabei wird den bekannten und berüchtigten toxischen Männlichkeitsbildern in der Rap-Szene hier zweifellos etwas Positives entgegengesetzt, was natürlich schon per se lobenswert ist.
In “3 Sekunden” von Celine feat. Paula Hartmann wird die immer wieder viel diskutierte männliche Übergriffigkeit gegenüber Frauen angeprangert. Damit haben die beiden jungen Damen natürlich vollkommen recht. Dennoch nimmt man ihnen ihr “Wir wollen einfach nur von Männern in Ruhe gelassen werden” am Ende doch nicht so ganz ab… In zwei weiteren Songs breitet jeweils ein empfindsamer junger Mann mit großer Ausführlichkeit sein Innerstes aus, wobei der vulgäre Rapsong dabei fast noch erträglicher ist als die kitschtriefende Ballade…
Womit wir bei Udo Lindenberg wären. Der große Meister hat sich doch in seinen alten Tagen tatsächlich noch einmal zu einem Duett mit einem Gangsta-Rapper namens Apache 207 herabgelassen. Das war wohl ein Riesen-Hit im letzten Jahr. Ist aber ein ziemlich schwacher Song. Im begleitenden Video steht der Gangsta-Rapper vor Gericht und wird dort wegen Diebstahls und einiger Straßenverkehrsdelikte zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, die er aber im Hausarrest absitzen darf, egal wo. Und daraufhin nimmt Udo Lindenberg seinen Kumpel kurzerhand mit ins Hotel, in dem er schon seit Jahrzehnten wohnt und sein Geld verprasst, und raucht mit ihm dort auf dem Balkon Zigarren. Nun ja…
Zwei Lieder erinnern ziemlich an die selige Neue Deutsche Welle und werden auch ausdrücklich als “NNDW” kategorisiert. Doch leider fehlt ihnen vollkommen die Frische und das Anarchische der alten NDW. Ein weiterer Song einer jungen Sängerin wird als “Indie” angepriesen, ist aber beim besten Willen nur gähnend langweilig.
Ein letzter Song ist noch übrig: “Die Liebe kommt nicht aus Berlin” von Brutalismus 3000 – eine trashige, schnelle Elektropopnummer, man könnte auch Techno dazu sagen. Dieses Lied ist immerhin ziemlich originell, wenn auch nicht unbedingt überragend. Hat es hierzulande schon jemals einen Hit-Song in (teilweise) slowakischer Sprache gegeben? Es ist wohl das einzige Lied in der Liste, das musikalisch noch halbwegs etwas taugt. Also wenn das die Hits des Jahres sein sollen…
P.S.: Vor einem Jahr habe ich in der entsprechenden Liste für 2022 allerdings ein Lied gefunden, das mir sehr gefallen hat: “Wildberry Lillet” von Nina Chuba. Das ist zwar auch durchaus vulgär, aber dabei angenehm selbstironisch – und so witzig: “Ich will haben, haben, haben!” Warum gibt es nicht mehr Lieder von dieser Sorte?
justament.de, 8.1.2024: Compliance-Panne im Roten Rathaus?
Der Regierende Bürgermeister von Berlin und seine Bildungssenatorin sind nun offiziell ein Paar. Kann das gutgehen?
Thomas Claer
Frisch verliebte Politiker sind oft gar nicht mal die schlechtesten. Als seinerzeit Rudolf Scharping mit seiner Gräfin im Pool planschte und dabei medienwirksam von den Bildzeitungs-Paparazzi abgelichtet wurde, galt er als “der beste Verteidigungsminister, den Deutschland je hatte” (so jedenfalls Willi Winkler in der Süddeutschen Zeitung). Die letzten beiden französischen Präsidenten vor dem aktuell amtierenden hatten ebenfalls frische Liebesgeschichten am Laufen, was aber im sprichwörtlichen Land der Galanterie gar keine besonders große Sache war. Oder Joschka Fischer, der als Außenminister plötzlich eine blutjunge Journalistin ehelichte, die dann aber schon nach wenigen Monaten wieder Reißaus nahm. Doch schon bald darauf hatte er wieder eine Neue. Na gut, von Boris Johnson und seinen Eskapaden wollen wir hier lieber schweigen…
Blind und unzurechnungsfähig sind die frisch Verliebten zumeist nur im Hinblick auf das Objekt ihres Begehrens. Ansonsten machen sie in der Regel sogar einen besonders guten Job. Was sie auch anpacken, es gelingt ihnen mit spielender Leichtigkeit. Die Verliebtheit verleiht ihnen Flügel. Besonders gut ist das derzeit am Regierenden Bürgermeister von Berlin zu beobachten. Noch vor einem Jahr galt seine Nominierung zum CDU-Spitzenkandidaten in der Hauptstadt als äußerst umstritten. Sollte dieser steife, verkniffene Typ wirklich eine Wahl gewinnen könnten? Als das dann aber – durch für ihn glückliche Umstände, muss man wohl sagen – wider Erwarten geklappt hatte, konnte er das Amt der Bildungssenatorin mit seiner Wunschkandidatin besetzen. Und seitdem hat er, wie man so sagt, einen Lauf. Kaum im neuen Amt angekommen präsentierte der einstige rechtslastige Grantler sich plötzlich weltoffen-liberal, grenzte sich schärfer als beinahe alle anderen in seiner Partei gegen die rechte AfD ab und traute sich dabei sogar, sich mit Parteichef Friedrich Merz anzulegen. Sein Wahlversprechen, für mehr innere Sicherheit zu sorgen, hat er zumindest mit einem großen Polizeiaufgebot an Silvester in Neukölln eindrucksvoll eingelöst. (Nur von mehr Sauberkeit in Berlin, seinem anderen großen Wahlversprechen, kann angesichts der hier weiterhin überall vermüllten Straßen und Wege leider keine Rede sein…)
Vor drei Tagen gaben Kai Wegner und Katharina Günther-Wünsch nun ihre Verbindung offiziell bekannt, nachdem es schon monatelang darüber Gerüchte gegeben hatte. Aber ein frisch gebackenes Liebespaar innerhalb ein und derselben Regierung eines Bundeslandes? Kann so etwas gutgehen? Verboten ist es nicht, und es verstößt auch nicht einmal gegen bestehende senatsinterne Compliance-Grundsätze. Aber auch wenn Bürgermeister und Senatorin noch so sehr beteuern, Privates und Berufliches stets sauber voneinander trennen zu können, sind die Interessenkonflikte doch vorprogrammiert. Allein der Eindruck, hier könnte bereits bei der Postenvergabe nicht ganz unerheblich gemauschelt worden sein, und dass solches erst recht für die Zukunft zu befürchten ist, hat eine verheerende Wirkung auf das Außenbild des Berliner Senats. Zumindest hierzulande ist eine solche Konstellation in der Politik auch beispiellos. Daher kann es aus all dem nur eine Konsequenz geben: Entweder der Regierende Bürgermeister muss seinen Posten räumen oder die Bildungssenatorin den ihren!
justament.de, 1.1.2024: Viel Gutes bewirkt
Zum Tod von Wolfgang Schäuble (1942-2003)
Thomas Claer
Wolfgang Schäuble war ein Vollblutpolitiker, der sich in vielfacher Weise um unser Land verdient gemacht hat. Ein halbes Jahr vor dem Mauerfall unter Helmut Kohl zum Bundesinnenminister geworden handelte er als Verhandlungsführer auf westdeutscher Seite die Verträge zur deutschen Einheit aus. Querschnittsgelähmt durch ein Attentat eines Geistesgestörten auf ihn neun Tage nach der Wiedervereinigung setzte er seine politische Karriere im Rollstuhl fort und wurde so zum Role Model für viele Menschen mit Handicap. Doch nicht nur das. Mit einer fulminanten Rede während der entscheidenden Debatte im Bundestag sorgte er 1991 maßgeblich dafür, dass Berlin zur Deutschen Hauptstadt wurde, wofür sich die Stadt später mit der Verleihung der Ehrenbürgerschaft an ihn bedankte. Eigentlich wäre Schäuble der “natürliche” Kohl-Nachfolger im Kanzleramt gewesen, doch es kam anders. Wegen seiner Verstrickungen in die CDU-Spendenaffäre, die er als treuer Parteisoldat offenbar nicht vermeiden konnte, musste er später, nach sieben Jahren Rot-Grün, einer jungen politisch unbelasteten Frau aus dem Osten den Vortritt lassen. Während ihrer Kanzlerschaft diente er ihr dann 12 Jahre lang loyal als Minister, bis er seine Karriere schließlich als Bundestagspräsident ausklingen ließ.
Beispielhaft für seine politische Urteilskraft sei hier sein Satz vor einer Schulklasse im März 2014 im Zuge der Annexion der Krim durch Russland erwähnt: „Das kennen wir alles aus der Geschichte. Mit solchen Methoden hat schon der Hitler das Sudetenland übernommen – und vieles andere mehr.“ Dieser Vergleich führte damals zu scharfer Kritik aus Regierungsparteien und Opposition gleichermaßen. Kanzlerin Merkel und Außenminister Steinmeier distanzierten sich von ihm, und Schäuble, damals Finanzminister, musste klarstellen, dass er Putins Russland nicht mit dem deutschen Nazi-Regime gleichgesetzt habe… Der weitere Fortgang der Dinge ist bekannt.
Schäubles letzte politische Großtat war dann, dass er 2021 innerhalb seiner Partei energisch auf die Kanzlerkandidatur Armin Laschets bestanden und dadurch sehr wahrscheinlich einen skrupellosen Populisten mit notorischem Hang zu Schmutzeleien im Kanzleramt verhindert hat. Ferner ist anzunehmen, dass sich Schäubles stetiger beratender Einfluss auch mäßigend auf den amtierenden CDU-Vorsitzenden ausgewirkt hat, weshalb nun umso größerer Anlass zur Sorge besteht, dass dem womöglich künftigen Bundeskanzler noch öfter als bisher die Gäule durchgehen könnten…
Am zweiten Weihnachtstag ist Wolfgang Schäuble endgültig von der politischen Bühne abgetreten.








