justament.de, 18.11.2024: Entmutigung

Cover-Versionen von Wolf-Biermann-Songs auf “Re:Imagined – Lieder für jetzt!”

Thomas Claer

Zum 88. Geburtstag des scharfzüngigen Liedermachers und einstigen DDR-Dissidenten Wolf Biermann haben sich allerhand junge (aber auch einige nur vergleichsweise junge) Künstler zusammengetan, um seine alten Stücke neu zu interpretieren. Super, denkt man! Spitzenidee! Auch wenn man als ebenfalls schon ziemlich alter Rezensenten-Sack natürlich nur die wenigsten vom hier versammelten Interpreten-Nachwuchs kennt. Aber womöglich lässt sich ja sogar noch die eine oder andere Entdeckung machen… Tja, und dann hört man also rein in diese Platte, hört weiter und weiter – und wendet sich schließlich ab mit Grausen. Was Künstler wie Maxim, Alligatoah, Bonaparte, Torch und wie sie alle heißen da abliefern, das passt einfach hinten und vorne nicht zusammen. Die grandiosen alten Biermann-Lieder, die in ihren Originalversionen nur mit Gitarrenbegleitung und in all ihrer textlichen und stimmlichen Wucht vor allem dadurch funktionieren, dass sie regelmäßig haarscharf am Überpathetischen vorbeischrammen, kippen nun als seltsame Hybrid-Nummern mit Beats und Elektronik reihenweise um ins Abgeschmackte und Kitschige. Es geht einfach nicht zusammen. Ausnahmen bilden bezeichnenderweise die vereinzelt mitwirkenden Vertreter der Ü50- (Ina Müller), Ü60- (Katharina Franck) und Ü70-Fraktion (Wolfgang Niedecken), die schlichtweg ein ganz anderes Gefühl für die alten Songs mitbringen als all diese unbedarften Jungspunde.

In aktuellen Interviews hat Wolf Biermann dann auch immer wieder nur gesagt, wie sehr er sich darüber freue, dass die jungen Leute seine Lieder neu interpretierten. Über die Qualität der Ergebnisse hat er – offenbar aus gutem Grunde – geschwiegen. Dennoch ist es natürlich sehr zu begrüßen, dass die alten Biermann-Songs auf diesem Wege neue Aufmerksamkeit bekommen. Bleibt nur zu hoffen, dass dabei auch die um Längen besseren Originale wieder in den Blick geraten.

Wolf Biermann
Re:Imagined – Lieder für jetzt!
‎Clouds Hill (Warner) 2024
ASIN: B0DD937RZ3

justament.de, 21.10.2024: Mr. Hamburger Szene

Scheiben Spezial: Zum 30. Todestag von Wilken F. Dincklage

Thomas Claer

Die “Hamburger Szene” war in den Siebzigern so etwas Ähnliches wie später die “Neue Deutsche Welle” in den Achtzigern oder die “Hamburger Schule” in den Neunzigern: ein neues großes Musik-Ding, das für alle Beteiligten zum Label wurde; als Schlagwort erfunden jeweils von Musikjournalisten. Um 1973 herum hatte sich rund um die Hamburger Kneipe “Onkel Pö” ein “Jazz- und Spaßmusikerklüngel” (Wikipedia) gebildet, der vorwiegend Dixiland-Jazz mit Elementen der Rock- und Popmusik kombinierte; sehr schön textlich zusammengfasst in Udo Lindenbergs Titelstück seiner gleichnamigen LP “Alles klar auf der Andrea Doria”. Und eine zentrale Gestalt in dieser seit ca. 1975 so genannten “Hamburger Szene” war der umtriebige Wilken F. Dincklage (1942-1994), genannt der dicke Willem, der als Musiker, Radiomoderator, Musikproduzent, Schauspieler und Unternehmer nahezu überall irgendwie mitmischte. Noch dazu wurde er zum Herbergsvater der Szene, indem er 1972, gemeinsam mit dem Toningenieur Conny Plank, eine prächtige alte Villa in Hamburg-Winterhude mietete (das ehemalige Privathaus des Kanadischen Botschafters), dort den Kraut-Musikverlag gründete und eine große Zahl junger Künstler bei sich einquartierte.

Beinahe alles, was damals Rang und Namen in Hamburgs Musikszene hatte oder noch kriegen sollte, wohnte zumindest vorübergehend in Willems berühmter WG in der so genannten “Villa Kunterbunt”: Udo Lindenberg, Otto, Marius Müller-Westernhagen, Gottfried Böttger, Lonzo Westphal, Steffi Stephan, Peter Petrel und weitere seiner Kollegen aus der Rentnerband. Zeitweise hatte die WG 14 Bewohner. Als Nina Hagen zum Jahreswechsel 1976/77 in den Westen kam, fand sie ebenfalls Unterschlupf in Willems WG, blieb dort aber nicht lange. Und während ihr galanter Mitbewohner Otto Waalkes ihr Hamburg zeigte, schrieb ihr WG-Genosse Marius Müller-Westernhagen später über sie den leicht gehässigen Song “Guten Tag, ich bin Gerti aus der DDR”.

Aber zurück zu Willem, der in seiner Jugend eine Ausbildung zum Teeverkoster absolviert hatte und als Kaufmann u.a. als Ostblock-Experte eines Industriekonzerns tätig war. (Angeblich konnte er sich in acht Sprachen fließend unterhalten.) Neben seinem Job als Musikverleger pendelte Willem seit 1972 zwischen Hamburg und Saarbrücken, wo er als kundiger Musikjournalist im Hörfunkprogrramm des Saarländischen Rundfunks die Sendung “Pop Corner” moderierte und dort vornehmlich über die Hamburger Musikszene berichtete. Bald darauf ging Willem, der selbst Banjo und Gitarre spielte, auch eigene musikalische Wege und veröffentlichte mehre Singles und später auch Langspielplatten. Zu einer der Hymnen der “Hamburger Szene” avancierte 1975 sein unter dem Pseudonym “Daddy’s Group” erschienener Song “Lass die Morgensonne (endlich untergehn)”. Später allerdings geriet er mit Liedern wie “Tarzan ist wieder da” (1977) immer mehr auf die Blödel-Schiene. In den Achtzigern wurde Willem dann zum gefeierten Radio-Moderator beim NDR (“Hits mit Willem”, “Norddeutsche Top Fofftein”, “Musikraten und Singen”) und wirkte in mehreren Filmen als Schauspieler mit, so in der legendären Szene in der Rockerkneipe “Chrome de la Chrome” im ersten Otto-Film (1985). Nach Mauerfall und Wiedervereinigung moderierte Willem für Antenne Mecklenburg-Vorpommern und engagierte sich in der Stadt Wismar.

Vor 30 Jahren, am 18. Oktober 1994, starb Wilken F. Dincklage im Alter von erst 52 Jahren an einer Lungenembolie. Bei seinem Tod soll er mehr als 250 kg gewogen haben. Das Herz der Hamburger Szene hatte aufgehört zu schlagen.

justament.de, 14.10.2024: Turbulente Zwangsversteigerung

Gerichtsgeschichten aus Berlin, Teil 3

Thomas Claer

Der Berliner Investor und Privatier Johannes K. (Name von der Redaktion geändert) hatte sich über die Jahre ein hübsches Portfolio aus kleinen vermieteten Eigentumswohnungen in Berlin und neuerdings auch andernorts zusammengestellt. Doch einen unerfüllten Wunsch hatte er noch: eine Wohnung in seiner Geburtsstadt W., einem schmucken Städchen an der Ostseeküste, dessen historische Altstadt zum Weltkulturerbe der Unesco zählt. Die Zugverbindung von Berlin nach W. war nicht schlecht. Und dank Deutschlandticket war Johannes K., der sich nie ein Auto, aber dafür immer neue Wohnungen angeschafft hatte, auch jederzeit mobil. Außerdem wusste er, dass es in der Altstadt von W. in Bahnhofsnähe eine Menge kleiner Wohneinheiten gab, die seinerzeit nach der Wende in Eigentumswohnungen umgewandelt worden waren, und diese passten perfekt in sein Beuteschema. Doch waren die dortigen Preise in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten schon in beinahe luftige Höhen geklettert, bevor sie in den letzten drei Jahren – Corona, Ukraine-Krieg, Energiekrise und Zinsanstieg sei Dank – wieder ein ganzes Stück zurückgekommen waren.

Johannes K. legte sich also auf die Lauer und sondierte nun mindestens einmal wöchentlich die Immobilienangebote auf den einschlägigen Plattformen. Lange Zeit vergeblich, doch dann, an einem kalten Februarmorgen, traute er seinen Augen kaum. Er sah seine Traumwohnung – 1 Zimmer, Küche, Bad mit Südbalkon auf 35 qm im 2.OG eines Altbau von 1935, in unmittelbarer Bahnhofsnähe und nicht weit von einem Park gelegen, ein Edeka um die Ecke – in einer Zwangsversteigerung, terminiert schon für Mitte April. Der Verkehrswert, den ein bestellter Gutachter ermittelt hatte, war erschütternd niedrig: 29.600,00 Euro. Wie konnte das sein?! Gewissenhaft las Johannes K. das auf der ZVG-Seite frei verfügbare umfangreiche Sachverständigengutachten. Mit der Wohnung war soweit alles in Ordnung, nur war sie unbefristet und zu marktüblichen Konditionen vermietet, was ihren Wert selbstredend nach allen herangezogenen Bewertungsmodellen rasant auf Talfahrt schickte. Klar, wer so zentral und günstig im hübschen historischen Ambiente wohnt, zieht vermutlich niemals wieder freiwillig aus. Und da sich die Chancen auf eine etwaige erfolgreiche Eigenbedarfskündigung, noch dazu wenn man dort gar nicht dauerhaft wohnen will, als eher unbestimmt ausnehmen, wird als maßgebliches Kriterium zur Wertermittlung die durch den Überschuss aus den Mieteinnahmen erzielbare Rendite herangezogen. Und die wäre selbst beim geschätzten Verkehrswert von 29.600 Euro noch relativ bescheiden.

Doch das war Johannes K. gar nicht unrecht. Glaubte er doch, gerade dadurch eine reelle Chance auf den Erwerb des begehrten Objekts zu haben. Er musste nur bereit sein, eine noch weitaus geringere Rendite in Kauf zu nehmen, dann würde er die mitbietenden Konkurrenten schon erfolgreich aus dem Feld schlagen können. Er rechnete nach und kam auf einen Preis von gut 61.000 Euro, den er bieten müsste, also das Doppelte des Verkehrswerts aus dem Gutachten. Dann läge die Rendite bei äußerst schwachen 2,3 Prozent. Wer würde denn schon noch mehr Geld bieten, um dann eine noch unattraktivere Rendite zu erzielen? Da müsste man ja bekloppt sein! Joannes K. durchdachte seine finanziellen Verhältnisse. Eine Kreditaufnahme kam natürlich nicht infrage, dann würde ihm aber seine Frau gehörig aufs Dach steigen, die sich ohnehin schon immerfort an seiner Sparsamkeit störte. Höchstens knapp 10.000 Euro hinter dem Rücken seiner Frau von seinem alten Studienfreund in Hamburg leihen und sie ihm dann schnellstmöglich wieder zurückzahlen – das wäre vielleicht noch möglich. Einen kleineren fünfstelligen Betrag hatte er seit seinem letzten Wohnungskauf vor einem Jahr schon wieder angespart. Den Rest würde er aus Aktienverkäufen aufbringen können, denn sein Wertpapierdepot hatte sich wieder einmal glänzend entwickelt und war reif für Gewinnmitnahmen.

Auf der ZVG-Seite standen unter den Angaben zu dieser Versteigerungssache die Kontaktdaten einer Immobilien-Gesellschaft, die nähere Auskünfte zur besagten Wohnung geben könnte. Dort fragte Johannes K. an und erhielt die Auskunft, dass in diesem Falle kein Vorab-Erwerb der Wohnung möglich sei und ebensowenig eine Besichtigung. Doch erhielt er, wie alle anderen Interessenten auch, eine Menge Fotos vom Inneren des Objekts, welche die Mieterin zur Verfügung gestellt hatte. Alles wirkte solide, wenn auch ziemlich unaufgeräumt. Letzteres stimmte Johannes K. nur noch hoffnungsvoller, denn im Gegensatz zu manch anderem, so sah er es, besaß er die Fantasie, sich die Wohnung auch im aufgeräumten Zustand vorstellen zu können. Mit Bleistift auf Papier kalkulierte Johannes K. immer wieder mit unterschiedlichen Bietpreisen und errechnete so die jeweils erzielbare Rendite. Doch, es stimmte schon: gut 61.000 Euro müsste er schon aufbringen. Längst hatte er sich die Bahnverbindung nach G. herausgesucht, einem noch kleineren Ort westlich von W., an dem die Zwangsversteigerung stattfinden sollte. Johannes K. wurde beim Gedanken an seine Fahrt dorthin ganz nostalgisch, denn seine Eltern hatten einst ausgerechnet in G. einen Garten besessen, in dem Johannes K. unzählige unbeschwerte Kindheitstage verbracht hatte. Er fieberte dem Versteigerungstermin regelrecht entgegen und hatte auch schon die geforderte Sicherheitsleistung von 10 Prozent des lächerlichen Verkehrswertes aufs Konto der Justizkasse überwiesen.

Doch dann, zehn Tage vor dem Termin, erreichte ihn die ernüchternde E-Mail vom ZVG-Portal: Der Versteigerungstermin wird aufgehoben. Ach, wie schade!, fand Johannes K. Sollte alles Hoffen und Bangen umsonst gewesen sein? Einen Tag später kam aber eine weitere E-Mail von der Immobilien-Gesellschaft. “Der Termin wurde aufgehoben…” Ja, mein Gott, das wusste man doch schon. Aber dann folgte noch der Zusatz: “… aus organisatorischen Gründen. Eine neue Terminierung erfolgt in Kürze.” Oh, es gab tatsächlich noch eine Chance! Johannes K. war außer sich vor Freude. Täglich besuchte er fortan die ZVG-Seite, um nachzusehen, ob dort schon etwas stand. Und tatsächlich: Nach einigen Wochen erschien dort der neue Versteigerungstermin Ende September. Wieder in G., aber diesmal nicht im Amtsgericht, sondern im großen Saal des Rathauses der Stadt G. Offenbar hatte es also schon so viele “Anmeldungen” durch Überweisung der Sicherheitsleistung gegeben, dass absehbar war, dass der Platz im Gericht angesichts des großen Menschenandrangs nicht reichen würde. Also noch ein halbes Jahr warten, und es war mit vielen Bietkonkurrenten zu rechnen. Dennoch ließ sich Johannes K. nicht von seinem Optimismus abbringen. Wenn er mit seinen gut 61.000 kommen würde, wer sollte denn da schon noch mehr bieten wollen?!

Die Monate vergingen in quälender Langsamkeit. Im Juni senkte die EZB erstmals nach langer Zeit ihre Zinsen. Nun war also sehr wahrscheinlich der tiefste Punkt bei den Immobilienpreisen erreicht. Jetzt musste man kaufen! Doch Johannes K. konnte es nicht, weil er noch drei Monate bis zum Zwangsversteigerungstermin warten musste. Er war außer sich. Im Juli machte er mit seiner Frau einen Tagesausflug nach W. zu einer Außenbesichtigung des Objektes seiner Begierde. Er fotografierte dabei auch die Namensleiste am Klingelbrett und recherchierte, ob sich etwas über “seine” künftige Mieterin finden ließe, was ihm womöglich einen wertvollen Informationsvorsprung gegenüber seinen Bietkonkurrenten verschaffen könnte. Doch er fand nichts.

Anfang August passierte es dann: Die Aktienkurse an den Börsen brachen weltweit ein. Da war irgendwas mit Carry-Trades in Japan passiert. Und nun standen seine Aktien längst nicht mehr auf dem Niveau, wo sich der Gedanke an Gewinnmitnahmen noch aufdrängen würde. Traurig musste sich Johannes K. eingestehen, dass sich die fest eingeplanten Aktienverkäufe für ihn wohl nicht mehr lohnen würden. Für diese hatte er den besten Zeitpunkt also offenbar leider schon verpasst. Aber hätte er wirklich seine Positionen schon früher verkaufen sollen, nur in der unbestimmten Hoffnung, vielleicht bei der Zwangsversteigerung zum Zuge zu kommen? Und was, wenn es dann nicht klappte? Hätte, hätte, Fahrradkette… Es war zum Verzweifeln! Doch wundersamerweise ging es an der Börse schon nach kurzer Zeit wieder steil nach oben. Keine drei Wochen nach dem Crash standen die Kurse schon wieder höher als zuvor. Und Johannes K. frohlockte. “Alles ist möglich, wenn du fest daran glaubst.” Das hatte er mal in seinem Glückskeks aus dem China-Restaurant gelesen.

Im September senkte die EZB ein weiteres Mal die Zinsen. Johannes K. musste ans berühmte Rilke-Gedicht denken, das er für sich abgewandelt hatte in: Wer jetzt kein Haus kauft, kauft sich keines mehr. Hatte er überhaupt noch eine Chance? Doch es gab ja im September auch noch die Landtagswahlen in drei Ost-Bundesländern mit wahrlich schockierend hohen Stimmanteilen für AfD und Sahra Wagenknecht. Welcher Investor oder Interessent aus Westdeutschland – und nahezu alle Investoren oder Interessenten außer Johannes K., dem gebürtigen Ossi, kamen schließlich aus Westdeutschland – wollte denn eine Immobilie in Landstrichen mit hohem AfD- und BSW-Stimmenanteil erwerben? So entsetzt Johannes K. angesichts der Wahlergebnisse auch war, für “sein” nostalgisches Immobilienprojekt”, wie er es nannte, schöpfte er nun wieder neue Hoffnung. Noch dazu hatte ihm ein Kollege aus Frankfurt am Main, der mit dem Kauf eines Häuschens in Thüringen liebäugelte, verraten, dass er direkt nach den Landtagswahlen ans Werk gehen wolle. Tja, dachte Johannes K., aber was, wenn nun alle denselben Gedanken haben…?

Anderthalb Wochen vor dem Termin entdeckte Johannes K. auf Ebay Kleinanzeigen die Offerte einer kleinen Eigentumswohnung in W., allerdings ohne Preisangabe und nur mit dem Hinweis VB. Als er die Bilder und den Grundriss betrachtete, staunte er nicht schlecht. Die sah doch aus wie “seine” künftige Wohnung! Nur lag sie nicht im 2.OG, sondern im 1.OG. Es war also die Wohnung direkt darunter. Sie war jedoch bezugsfrei, hübsch eingerichtet mit IKEA-Möbeln und gut aufgeräumt. Im Begleittext stand noch der Hinweis, dass sich mit ihr eine Jahresmiete von 5.200 Euro netto erzielen ließe. Das war weit mehr, als der Mietspiegel der Stadt W. hergab. Und Johannes K. war sofort klar, dass hier eine möblierte und befristete Vermietung gemeint war, so wie er es ja auch mit mehreren seiner Wohnungen in Berlin praktizierte. Natürlich, die Fachhochschule war ja nicht weit. Daran hatte er natürlich auch längst gedacht für den Fall, dass die Wohnung in W. irgendwann mal frei würde. Er betrachtete noch einmal die Namen auf dem Klingelbrett auf seinem Foto. Demnach war der letzte Bewohner der möbliert und befristet vermieteten Wohnung eine Person mit iranischem Namen, die sich bei einer Google-Recherche als Dozent an der Fachhochchule erwies. Johannes K. entschloss sich nun, eine Art Testballon aufsteigen zu lassen und der Anbieterin dieser Wohnung die von ihm zum Kauf der darüberliegenden Wohnung eingeplanten 61.000 Euro zu bieten. Am Tag darauf kam die Rückmeldung, dass sein Gebot und die Preisvorstellung der Anbieterin zu weit auseinander lägen, um in Verhandlungen über den Kaufpreis eintreten zu können. Na gut, das war nun keine Überraschung, denn schließlich war diese Wohnung nicht vermietet. Drei Tage später war die Anzeige bereits wieder verschwunden.

Endlich war der große Tag gekommen. Vollkommen gegen seine Gewohnheit war Johannes K. schon um 3.45 Uhr aufgestanden, um mit dem ersten Zug frühmorgens in Richtung G. zu fahren. Um 9.30 Uhr sollte die Zwangsversteigerung beginnen. Schon um 9 Uhr hatte sich eine Gruppe von knapp 50 Personen vor dem Rathaus der kleinen Stadt eingefunden. Und es wurden dann immer mehr. Der große Saal des Rathauses war vollständig gefüllt. Die meisten waren Ältere, aber es waren alle Altersgruppen vertreten, auch viel internationales Publikum, asiatisch und nahöstlich aussehende Personen. Johannes K. zählte mehr als 150 Interessenten. Ob er da wohl eine Chance haben würde? Und dann kam es: Schon nach wenigen Sätzen verkündete die Justizangestellte, dass der Mietvertrag der Wohnung mittlerweile von der Mieterin zum Ende des laufenden Monats gekündigt worden sei. Die Wohnung werde also bezugsfrei an den Ersteigerer übergeben.

Das war natürlich eine ganz neue Situation, denn durch diesen Umstand dürfte der Wert der Wohnung zweifellos um ein Beträchtliches nach oben geschossen sein. Schließlich konnte man sie ja nun ohne weiteres selbst nutzen oder auch lukrativ möbliert und befristet vermieten. Es war somit klar, dass Johannes K. an diesem Tag leer ausgehen würde, denn mehr als die eingeplanten 61.000 Euro konnte und wollte er nicht aufbringen. Es dauerte dann auch nicht lange, da hatten schon die ersten Interessenten mehr als 61.000 Euro geboten. Danach ging es nun aber etwas langsamer nach oben als zuvor. Ab 80.000 Euro wurden die Gebotsschritte immer kleiner, und es waren nur noch zwei Bieter übriggeblieben, die es unter sich ausmachten: ein älteres deutsches Ehepaar und ein älterer Herr mit türkischem Namen. Alle anderen hatten schon die Segel gestrichen, ein vietnamesisches Paar ebenso wie ein jüngerer deutscher Mann und mehrere Anzugträger, die jeweils für Immobiliengesellschaften agierten. Am Ende erhielt das ältere deutsche Ehepaar für 82.500 Euro den Zuschlag.

Johannes K. erschien die Sache mit der überraschenden Kündigung der Mieterin schon recht seltsam, doch es würde sicherlich niemand irgendwem etwas beweisen können. So trat er also enttäuscht und mit leeren Händen die Heimreise an und setzte schon bald darauf seine Recherchen in den Immobilienportalen fort. Vielleicht würde er ja noch irgendwo ein Ersatzobjekt für sich finden, wenn auch nicht gerade in der offenbar so begehrten Stadt W.

justament.de, 7.10.2024: EoC – jetzt auch im Kino

Recht cineastisch, Teil 46: “Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin” von Charly Hübner

Thomas Claer

Das fehlte natürlich noch im Œuvre der großartigen Band Element of Crime: ein Film über ihre Historie und Gegenwart mit ganz viel Musik, zahlreichen Interviews und jeder Menge Einspielungen aus den Archiven. Nun hat sich Charly Hübner an ein solches Werk gewagt – und man kann sagen, dass es ihm in vollem Umfang gelungen ist. Klar, es ist kein objektives Zeugnis daraus geworden, vielmehr ein Film von einem großen Fan dieser Band für unzählige andere große Fans, zu denen selbstredend auch der Rezensent gehört, keine Frage.

Einwenden ließe sich allenfalls, dass die Bandgeschichte seit 1985 zuvor bereits im ausgezeichneten Podcast “Narzissen und Kakteen” hinlänglich erzählt worden ist und einem daher manches, wovon nun berichtet wird, schon ziemlich bekannt vorkommt. Doch erstens hört man als wahrer Elementianer solcherlei auch gerne zweimal, und zweitens sorgen die bewegten Bilder dazu, insbesondere jene aus den frühen Jahren ausgegrabenen, noch für Erlebnisse ganz anderer Art. Kurzum, dieser Film ist ein Geschenk für jeden Interessenten. Und womöglich kommen durch ihn ja sogar noch neue hinzu.

Ergänzend zum Film ist übrigens auch dessen Soundtrack erschienen, der sich aus den Höhepunkten von fünf Berliner Konzerten in verschiedenen Locations der Stadt im Sommer 2023 zusammensetzt, die im Film gleichsam als roter Faden dienen, wodurch ganz nebenbei auch noch sehr viel Stadtgeschichte der letzten Jahrzehnte miterzählt wird. Demnächst werden wir uns dem besagten Soundtrack noch einmal gesondert in unserer Rubrik “Scheiben vor Gericht” widmen. Wer aber “Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin” im Kino sehen möchte, der sollte sich beeilen, denn der Film wird voraussichtlich nur noch für kurze Zeit gezeigt werden.

Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin
Deutschland 2024
94 Minuten; FSK: 0
Regie: Charly Hübner
Drehbuch: Charly Hübner
Darsteller: Element of Crime u.v.a.

wertpapier-forum.de, 12.7.2024: Rezension des Buchs “Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger” von Thomas Claer

Habe zufällig entdeckt, dass ein gewisser John Silver auf der Seite wertpapier-forum.de neben vielen anderen Börsenbüchern auch mein im Jahr 2012 erschienenes kleines Werk rezensiert hat.

https://www.wertpapier-forum.de/topic/56820-rezensionen-von-b%C3%B6rsen-und-wirtschaftsb%C3%BCchern/page/5/

Hier seine Rezension im Wortlaut:

Auf Seite 4 des Buchs erfährt man ein paar Details über den Autor. Thomas Claer freier Journalist, Privatlehrer und Rechtsanwalt. „Als Kapital-Anleger ist er Autodidakt und seit über 12 Jahren ein ständiger Beobachter der Märkte.“ (S. 4).

Einleitung: Wozu dieses Buch?

Ziel ist es, den Leuten das Thema Aktie näher zu bringen. Leider sind im Vorwort ein paar merkwürdige Beispiele die für die Börse sprechen sollen. So spricht Claer über den Nikkei, dessen Höchststände bis 2012 noch lange nicht wieder erreicht wurden (jetzt aktuell in etwa schon) und des Weiteren schreibt Claer, dass man die Börse am ehesten noch mit dem Roulettespiel vergleichen kann (S. 11). Irgendwie finde ich das für einen Neuanleger nicht gerade ermutigend.

In der Einleitung erläutert Claer aber auch den Aufbau des Buchs. Er orientiert sich an den „vier Gs“ von Kostolany: Geld, Gedanken, Geduld und Glück (S. 15).

Kapitel 1: Geld

Claer empfiehlt allen zu sparen, um an der Börse anzulegen, außer Hartz4-Empfängern, denn für die würde es sich nicht lohnen, da sie ab einem gewissen Grad ihren Hartz4-Anspruch verlieren würden (S. 19-20). Toller Tipp. Etwas ähnliches schreibt er auch auf Seite 31. Wäre es nicht der bessere Tipp, sich aus der staatlichen Abhängigkeit zu befreien und dann an der Börse zu investieren?

Der nächste Tipp ist es, nie 100% anzulegen, „weil ja immer die Möglichkeit besteht, dass sich durch unvorhergesehene Ereignisse plötzlich ungeahnte Möglichkeiten ergeben…“ (S. 21). Mal ehrlich, wie oft kamen diese „ungeahnten Möglichkeiten“ und wie oft kamen sie nicht und wieviel Zinsen und andere Erträge hat man während dieser Wartezeit verschenkt? Und wenn die Möglichkeiten wirklich so ungeahnt sind, warum verkauft man dann nicht einfach etwas anderes dafür?

„Ganz besonders lohnt sich eine hohe Liquiditäts-Quote in schweren, dramatischen Krisen.“ (S. 22). Diese Krisen treten, grob gesagt, aber nur alle 10 oder 20 Jahre auf und gerade dann stellt sich die Frage, wann man kauft. Denn wenn man etwas zu früh oder etwas zu spät kauft, kann man die ganze Performance der Krise auch nicht mitnehmen.

Grundsätzlich empfiehlt Claer keine Beträge aus dem Depot für den Konsum zu entnehmen, weil das auf die lange Sicht Rendite kostet (S. 27) und auch das Spekulieren auf Kredit ist für den Privatanleger tabu (S. 30).

Schön ist der von Claer genannte „Dreisatz“ als „wundersamer Effekt … beim Vermögensaufbau“: Lebensmittel vom Discounter, Bücher vom Flohmarkt, CDs von Ebay (S. 30).

Kapitel 2: Gedanken

„Dieses Kapitel ist das längste des Buches…“ (S. 33) und das meiner Meinung nach zurecht, ist doch das Nachdenken das wichtigste für einen Anleger.

Als eine Gefahr für den Investor macht Claer die wahre Flut an Nachrichten aus, die sich heute auf den Anleger ergießt (S. 35). Ich denke aber, dass Claer hier zum falschen Schluss kommt, denn er meint, leichter hat es derjenige, welcher Aktien aus der 2. und 3. Reihe hat, weil dort die Informationen überschaubar seien. Ich vermute, dass Claer eher weniger in Small-Caps investiert, sonst würde er wissen, dass dies gerade ein wesentlicher Nachteil denn ein Vorteil für den Investor von Small-Caps ist (S. 35).

Die Frage „Investment oder Spekulation?“ (S. 36) löst Claer, indem er eine Zwei-Depot-Lösung empfiehlt, eines für Investments und eines für spekulative Käufe. Diese sollten strikt getrennt werden, auch um den Erfolg jeweils besser zu sehen. Das halte ich für vernünftig, damit der Anleger selber sieht, mit welcher Strategie er welches Risiko und welchen Ertrag generiert (S. 39).

Konkret zur Aktie Facebook gab Claer 2012 den Tipp, „Finger weg“, weil die Bewertung seiner Meinung nach zu hoch sei (S. 47). Heute weiss man, wie sehr er falsch lag. Dagegen empfiehlt Claer das ganze Buch hindurch die Aktie der Maschinenfabrik Berthold Hermle AG (Auch wenn Claer das ganze Buch über von „Bertram Hermle“ spricht, denke ich doch, dass er die Berthold Hermle AG meint). Diese hat sich zwar ordentlich entwickelt, liegt aber Meilen hinter Facebook zurück.

Es ist insgesamt etwas merkwürdig, dass Claer auf den Seiten 47 – 51 konkrete Aktien empfiehlt. Auch wenn er am Anfang des Buchs schreibt, das Buch hat den „Stand 31.12.2011“, muss er doch selber wissen, wie schnell solche Tipps veraltern.

Im Unterkapitel 2.3 stehen auf den Seiten 52 – 61 die gängigsten Kennzahlen im Mittelpunkt. Insbesondere das KGV hat es ihm angetan. Und Waren Buffet. Es vergehen gefühlt keine 3 Seiten, in denen nicht Buffet irgendwo erwähnt werden muss.

Im Folgeunterkapitel 2.4 widmet sich Claer auf den Seiten 62 – 73 der Informationsbeschaffung über Aktien.

Gut gestreut, nie gereut. Und deshalb steht im Unterkapitel 2.5 die Diversifikation im Mittelpunkt. Der Anfang des Unterkapitels mit den Keynes Zitaten hat mir gut gefallen (S. 73). Keynes Meinung ist, im Gegensatz zum heutigen Mainstream, dass man sich lieber sehr sehr wenige Werte kaufen und diese dafür sehr sehr gut kennen sollte.

Überrascht hat mich der Tipp von Claer zu Einzelwerten. Hier empfiehlt er europäische anstatt US- oder Japan-Werten (S. 80 – 81). Das ist durchaus ungewöhnlich.

Merkwürdig fand ich auch die Ausführungen von Claer zu langen Zyklen mit Hinweisen auf die ersten bzw. zweiten Dekaden eines Jahrhunderts (S. 91- 93). Als ob eine Aktie weiß, welches Jahr wir gerade schreiben und als ob dies eine Bedeutung für eine Aktie hätte.

Die Seiten 91 – 97 befassen sich mit der Charttechnik. „Unter Value-Anhängern sorgen die Chartanalysen mancher Experten oft für Heiterkeit … wenn ihre Anhänger [der Charttechnik] auch mitunter erstaunliche Erfolge vorweisen können.“ (S. 97 – 98).

Claer ist der Meinung, dass die Börse manisch-depressiv ist und immer zu Übertreibungen in beide Richtungen neigt (S. 100). Claer zitiert dazu Prof. Max Otte: „Die Finanzmärkte sind irrational, ineffizient und prozyklisch, also von einem ins andere Extrem fallend.“ (S. 100).

Die Pro und Contra zum Setzen von Stop-Loss-Marken führt Claer sehr schön aus (S. 104 – 107). Fakt ist, dass es gute Gründe und gute Gründe dagegen gibt. Die meisten Autoren legen sich meistens auf eine Seite fest und negieren die andere Seite. Das ist hier, positiv, nicht der Fall.

Gut gefallen hat mir auch das Zitat von Kostolany das Claer auf S. 109 anführt: „Wenn die Börsenspekulation leicht wäre, gäbe es keine Bergarbeiter, Holzfäller und andere Schwerarbeiter. Jeder wäre Spekulant.“

Kapitel 3: Geduld

Warum Geduld an der Börse wichtig sein könnte, kann sich vermute ich so mancher denken. Warum aber Claer zusätzlich noch „Diskretion“ (S. 122 – 123) als Tugend anführt, gemeint ist die Diskretion über die eigenen Börsengeschäfte Dritten gegenüber, kann ich nicht so richtig nachvollziehen. Gerade die gemeinsame Analyse von Börsenerfolgen und insbesondere von -misserfolgen, bringt einen doch weiter und bringt Erkenntnisgewinn? Warum man mit der alleinigen Analyse erfolgreicher sein soll, kann ich nicht verstehen.

Kapitel 4: Glück

Nach ein paar Worten zur Wichtigkeit von Glück im Börsengeschehen, schließt das Buch mit einem Ausblick und Schluss.

Fazit:

Ein nettes durchschnittliches Buch zur Börse, bei dem ich aber das Gefühl hatte, dass es mehr von einem Hobbybörsianer und Theorie-Börsianer, als von einem Vollblut-Spekulanten geschrieben wurde.

Claer, Thomas, „Auf eigene Faust – Aktiensparen für Kleinanleger“, BoD – Books on Demand, Norderstedt, 2012, 132 Seiten

Anmerkung: Ich danke dem Rezensienten für seine interessante Besprechung und beschränke mich auf die Feststellung, dass sowohl mein Buch als auch seine Rezension zahlreiche Irrtümer enthalten. Aber das ist nicht weiter tragisch, denn wie sagte Kostolany: “Ich habe zu 49 Prozent falsch gelegen und zu 51 Prozent richtig. Die zwei Prozent Unterschied waren mein Erfolg.”

justament.de, 23.9.2024: Pest und Cholera

Nach den Landtagswahlen im Osten

Thomas Claer

Nun ist geschehen, was ja zu befürchten war: Zwar konnte sich die Brandenburgische SPD in einem gewaltigen Kraftakt noch an die Spitzenposition schieben und so immerhin verhindern, dass die weitgehend rechtsextremistische AfD zur stärksten politischen Kraft im märkischen Bundesland wurde. Doch dadurch haben die Grünen den Wiedereinzug in den Landtag verpasst, und die CDU wurde auf 12 Prozent geschreddert – mit der Folge, dass die bislang dort regierende Kenia-Koalition abgewählt ist und ohne das rechts-links-populistische Bündnis Sahra Wagenknecht – wie zuvor schon in Sachsen und Thüringen – keine Regierungsbildung möglich ist. Das ist – dies an die Adresse der siegestrunkenen Sozialdemokraten – wahrlich kein Grund zum Feiern, denn die frühere Galionsfigur der Kommunistischen Plattform in der Linkspartei wird nun ihre Ankündigung wahrmachen und alles daran setzen, über die Landespolitik erpressserischen Einfluss auf die deutsche Außenpolitik zu nehmen. “Wer mit dem BSW koalieren will, muss natürlich auch mit mir reden”, hatte Wagenknecht angekündigt und zur Bedingung für Koalitionen in den drei Ost-Bundesländern gemacht, dass sich die neuen Landesregierungen für ein Ende der Waffenlieferungen an die Ukraine und gegen die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen in Deutschland einsetzen. Wladimir Putin kann sich die Hände reiben. Seine Trolle haben ganze Arbeit geleistet und dafür gesorgt, dass fast die Hälfte der Mandate in Sachsen und exakt die Hälfte in Thüringen und Brandenburg an russlandfreundliche Parteien gegangen sind. Wäre es also besser, dann lieber Minderheitsregierungen aus demokratischen Parteien zu bilden? Diese müssten sich dann aber wechselnde Mehrheiten besorgen, womit die AfD wieder im Spiel wäre und die Brandmauer zu ihr in Gefahr geriete. Egal, wie man es dreht und wendet: Von stabilen Verhältnissen kann keine Rede sein.

Es macht wirklich fassungslos, wie es den beiden populistischen Parteien gelingen konnte, kontrafaktisch ein solches Klima der Angst zu erzeugen und dabei von den tatsächlich bestehenden Problemen abzulenken. Ja, Ostdeutschland hat ein enormes Zuwanderungsproblem. Es gibt dort nämlich zu wenige Zuwanderer – und nicht etwa zu viele, wie es AfD und BSW suggerieren. Und Investoren werden sich in Zukunft dreimal überlegen, ob sie sich dort ansiedeln, wenn es gar nicht genug Arbeitskräfte gibt und internationale Fachkräfte Gefahr laufen, ausgegrenzt und angepöbelt zu werden. Was hilft also? Der tapferen Hälfte der Ostdeutschen mit und ohne Migrationshintergrund, die sich diesen betrüblichen Tendenzen täglich entgegenstellt, entschieden den Rücken zu stärken. Die Brandmauer zur AfD muss ohne Wenn und Aber halten. Und das BSW darf unter keinen Umständen Einfluss auf die deutsche Außenpolitik bekommen. Untersuchungen zeigen, dass die beiden Extrem-Parteien ihr Wählerpotential bereits weitgehend ausgeschöpft haben. Es ist nicht damit zu rechnen, dass sie wie 1933 in ganz Deutschland die Oberhand gewinnen. Alarmierend ist ihre Stärke aber allemal.

justament.de, 9.9.2024: Alles Käse?

Die Mausis auf “In einem blauen Mond”

Thomas Claer

Nun ist sie also erschienen, die schon vor geraumer Zeit angekündigte Debüt-Platte der Mausis, worunter sich das obskure Duett von Stella Sommer und einem jungen Mann namens Max Gruber (auch bekannt unter dem Künstlernamen Drangsal) verbirgt. Und als sich nach neuer Musik von der wunderbaren Stella Sommer regelrecht verzehrender Fan ist man hin und hergerissen. Denn es fragt sich, wieviel Stella Sommer, wie wir sie kennen und lieben, in den Mausis überhaupt enthalten ist. Tonangenend ist hier nämlich zweifellos und durch die Bank ihr Kollege Gruber, und dementsprechend klingen die Songs doch recht seicht und ein ums andere Mal ins Schlagerhafte kippend. Immerhin: Der Titel- und zugleich Eröffnungssong (wenn man das weitgehend überflüssige Intro zu Beginn der Platte außen vorlässt) “In einem blauen Mond” erweist sich nach mehreren Hördurchgängen dann doch noch als veritabler Ohrwurm, weshalb es wohl auch eine gute Wahl war, gerade dieses Lied bereits im Vorfeld zur “Single” auszurufen. Der Rest des Albums kann an dieses Stück jedoch qualitativ kaum heranreichen.

Die Texte bewegen sich in einer harmlos-unverbindlichen Parallelwelt aus Mäuse-Ulkereien und Alltags-Verdichtungen, was nicht weiter schlimm wäre, wenn nur die Songs musikalisch etwas ideenreicher und inspirierter wären. Erst im Schlusslied “Am Ufer der Zeit” klingt Stella Sommer endlich wie Stella Sommer, nämlich düster und betörend. Doch bereits zur Mitte des Liedes kommt dann doch wieder ihr Mitarbeiter Gruber um die Ecke, übernimmt den Gesangspart und lenkt so auch diesen Song in (s)eine wenig gute Richtung… Ein jedenfalls witziges und insofern überzeugendes Lied trägt den schönen Titel “Ich leg mein Geld in Käse an” mitsamt dem vielsagenden Nachschub “Wieso? Weil ich es kann.” Man könnte hierin einen der rar gesäten Höhepunkte dieses Albums sehen, und das nicht nur, weil Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow hier einen gesanglichen Gastauftritt absolviert. Gute Ansätze finden sich ferner noch in “Ausgerechnet ich” und im “ABC der Ängste”.

Will man es positiv sehen, so hat Stella Sommer mit diesem Album ihre Vielseitigkeit unter Beweis gestellt und ihr ungewöhnliches Nebenprojekt, das bereits 2017 einmal kurzzeitig existierte, zu neuem Leben erweckt. Das Gesamturteil lautet gleichwohl nur: noch befriedigend (7 Punkte). Im übrigen sind wir der Meinung, dass eine neue Heiterkeit-Platte erscheinen sollte.

Die Mausis
In einem blauen Mond
2024 Käsescheiben

justament.de, 26.8.2024: Witzig ist’s, wenn jemand lacht

Sven Regeners acht Jahre alte Vorlesung über “Humor in der Literatur”erscheint als kleines Büchlein

Thomas Claer

Vermutlich um den zahlreichen Regener-Fans die Wartezeit bis zum nächsten Lehmann-Roman zu verkürzen, ist der Galiani-Verlag auf die Idee gekommen, die im Rahmen seiner Gastprofessur an der Uni Kassel bereits 2016 vom Autor gehaltene Poetik-Vorlesung “Über Humor in der Literatur” als schmales Bändchen herauszubringen. Dabei täuscht die Seitenzahl von immerhin 90 angesichts des sehr großen gewählten Schriftbilds sogar noch über den tatsächlich viel knapperen Umfang des Textes hinweg, zumal im Buch auch ein Anhang mit einer (noch älteren) Regener-Laudatio für den Kollegen Frank Schulz enthalten ist, aus der noch dazu im Hauptteil mehr als vier Seiten wörtlich zitiert werden. Aber schlimm ist das natürlich alles nicht. Auch nicht, dass auf dem Buchdeckel etwas hochtrabend von einem “kühnen Versuch über ein großes, fast unerforschtes Thema” die Rede ist. Im Gegenteil muss man froh sein, dass der Verfasser auf die zahlreichen existenten Humor-Theorien nicht weiter eingegangen ist (abgesehen von einem kurzen Exkurs zu den einschlägigen Ausdeutungen Sigmund Freuds), denn bis heute hat wohl noch niemand überzeugend darlegen können, was es mit dem Lustigen und Komischen in der Welt nun wirklich auf sich hat. Das kann selbstredend auch der Romanautor und Musiker Sven Regener nicht leisten, aber ihm gelingen in seinen knappen Annäherungen und Einkreisungen der Thematik doch einige bemerkenswerte Treffer, und das vor allem bezugnehmend auf sein eigenes Romanwerk.

Ob Humor zwingend eine, wie es bei Regener heißt, “kalte Technik, herz- und mitleidlos” sein muss, das mag man bezweifeln. Aber sein Ansatz, dass das Witzige und Lustige eine Art der Daseinsbewältigung neben mehreren anderen wie etwa Kunst oder Religion ist und den Menschen dabei hilft, sich mit ihrer Existenz mitsamt dem Wissen um ihre eigene Vergänglichkeit zu versöhnen, ist sicher nicht von der Hand zu weisen. Ebenso plausibel ist Regeners Humor-Begriff (anknüpfend an den legendären Kunstbegriff seines Romanhelden Karl Schmidt), wonach darunter schlichtweg alles fällt, was mindestens einen anderen Menschen zum Lachen bringt. Brauchbar ist ferner die Kategorisierung des Humors in die drei Spielarten übel, flach und gut, wobei sich hieran allerdings bemängeln ließe, dass damit eine moralische und eine qualitative sowie eine aus beidem gemischte Kategorie einander gegenübergestellt werden. Gut kann nämlich sowohl handwerklich gut gemacht (im Gegensatz zu schlecht oder mangelhaft gemacht) als auch moralisch gut (im Gegensatz zu böse) bedeuten. Würde man also auch noch zwischen diesen beiden Arten von gut differenzieren, ergäbe sich ein vierachsiges dreidimensionales Koordinatensystem mit den Polen moralisch gut und böse auf der einen und den Polen handwerklich gut und schlecht auf der anderen Ebene. Demnach gäbe es dann also auch handwerklich gut gemachten, aber moralisch verwerflichen Humor, etwa solchen, der sich gegen Schwächere oder Minderheiten richtet. Und es gäbe auch politisch korrekten Humor, der aber einfach nur flach ist. Am schlimmsten wäre, so gesehen, natürlich ein übler und zugleich flacher Humor, und die beste Variante wäre einer mit Niveau und zugleich tadelloser Gesinnung, wobei letztere allerdings auch nicht zu indiskret im Vordergrund stehen dürfte, denn das zöge dann wiederum das Niveau herab…

Doch zum Glück wird in Regeners Vorlesung gar nicht so viel theoretisiert, sondern auch ausführlich auf die veritable Problematik der missverstandenen Humorrezeption eingegangen. Immer liegt es ja auch maßgeblich am jeweiligen Leser, was in der Literatur als witzig empfunden und worüber aus welchen Gründen gelacht wird. Und der Autor hat darauf am Ende gar keinen Einfluss mehr. So werden etwa Leser, die in Herrn Lehmann eine verkrachte Existenz sehen und sich über sein ambitionsloses Bierzapferdasein lustig machen, womöglich aus ganz anderen Gründen beim Lesen des Romans lachen als andere Leser, die ihn von Anfang an ins Herz geschlossen und sich vielleicht in ihm wiedererkannt haben, denn letztere lachen ja dann zugleich auch über sich selbst. Und so ist anzunehmen, dass auch eher Leserinnen und Leser mit Humor und Herz zu diesem Bändchen greifen werden.

Sven Regener
Zwischen Depression und Witzelsucht: Humor in der Literatur
Galiani Verlag Berlin, 1. Aufl. 2024
90 Seiten; 14,00 Euro
ISBN: 978-3-86971-310-6

justament.de, 19.8.2024: Zwei Lehrerinnen, Teil 2

Recht historisch: So war Schule in der DDR

Thomas Claer

Unsere neue Klassenlehrerin ab der 5. Klasse, Frau D., begegnete uns von Anfang an mit großer Freundlichkeit. Dabei schloss sie, soweit ich mich erinnere, auch ausnahmslos alle gleichermaßen in ihre Zuwendung ein. Obwohl sie ebenso wie ihre Vorgängerin Frau K. Parteimitglied war, interpretierte sie ihre Rolle doch grundlegend anders. Kaum jemals führte sie mit uns politische Diskussionen, wobei sich das in den von ihr bei uns unterrichteten Fächern, Russisch und Musik, wohl auch weniger aufdrängte als zuvor in Deutsch bei Frau K. Schon ganz am Anfang verkündete Frau D. uns ihr Motto, das sie aus einer russischen Fabel entlehnt hatte: “Wie man in den Wald hineinruft, so kommt es auch wieder heraus.” So ähnlich habe ich es viele Jahre später auch immer meinen Studenten gesagt, und so halten es wohl auch noch heute viele Lehrer und Dozenten mit ihren Schülern und Studenten: “Wenn ihr mir keinen Ärger macht, dann mache ich euch auch keinen.” Mir imponierte dieser Pragmatismus von Frau D. schon damals sehr. Sie drohte uns auch nicht, setzte uns nicht ständig unter Druck und machte sogar noch einen ziemlich interessanten und lebendigen Unterricht. Mit Frau D. als Klassenlehrerin ging daher ein kollektives Aufatmen durch unsere Klasse.

Natürlich fragte auch Frau D. mich irgendwann in der 5. Klasse, ob ich nicht im Thälmann-Pionierrat mitarbeiten wolle. (Seit der vierten Klasse trugen wir ja schon die roten Halstücher der Thälmann-Pioniere und nicht mehr die blauen der Jungpioniere.) Und ich sagte dann das, was ich immer sagte, wenn ich danach gefragt wurde, so etwas wie “Och, nee.” Aber Frau D. blieb hartnäckig: “Warum eigentlich nicht?” Und ich begann dann zu lavieren: “Ach naja, ich weiß nicht. Ich möchte nicht so gerne…” Und nun kam Frau D., die genau wusste, wie sehr ich mich für Fußball interessierte, mit einem für mich völlig überraschenden Vorschlag. “Du könntest doch die Sportberichterstattung im Pionierrat übernehmen! Da sollte auch jemand alle anderen über sportliche Ereignisse informieren.” Auf diese Weise wollte sie mich also locken, und tatsächlich kriegte sie mich damit. Als ich dann schließlich im Thälmann-Pionierrat saß, merkte ich allerdings bald, dass mich dort niemand nach sportlichen Ereignissen fragte. Aber jetzt saß ich nun einmal da drin, und blieb es auch auf Dauer.

Später, ab der 8. Klasse, als ich nach unserem Umzug längst eine andere Schule besuchte, sollte ich sogar Verantwortlicher für die Gestaltung der Wandzeitung in der FDJ-Leitung werden. Und da begann ich dann, eine von mir erdachte Strategie anzuwenden, die man Subversion durch groteske Übererfüllung der Vorgaben nennen könnte. Ich schrieb politische Artikel für die Wandzeitung, die aus einer Aneinanderreihung ideologischer Floskeln in vollkommen übertriebener Form bestanden. Vor beinahe jedes Substantiv platzierte ich Adjektive wie “ruhmreich”, “glorreich” oder “heldenhaft”, auch wenn sie dort eigentlich überhaupt nicht hinpassten. Doch niemand, wirklich niemand nahm Notiz von meinen Verballhornungen. Die Lehrer fanden, was ich da geschrieben hatte, “sehr schön”. Und ansonsten hat es vermutlich nie jemand gelesen.

Aber zurück in die 5. Klasse und zu Frau D. Eine große Überraschung war es für mich, als mein Vater mir nach dem ersten Elternabend mit Frau D. erklärte, von nun an im Elternaktiv der Klasse mitzuarbeiten. Mein Vater im Elternaktiv?! Das konnte doch nicht wahr sein! Er hatte doch bis dahin immer großen Wert darauf gelegt, sich aus solchen Dingen komplett herauszuhalten. Doch nun hatte ihn offensichtlich Frau D. irgendwie dazu überredet. Keine Ahnung, wie sie das geschafft hatte, aber sie hatte ja auch eine durchaus charmante Art… Sie war wohl einige Jahre jünger als Frau K., wenn auch nicht viel jünger. Ich vermute, dass Frau K. damals so um die 50 gewesen sein muss und Frau D. vielleicht Anfang 40…

Doch die vielen Freiheiten, die Frau D. uns ließ, stiegen uns dann irgendwann zu Kopfe. So oft hatte sie uns gesagt, dass sie immer ein offenes Ohr für unsere Sorgen und Probleme hätte und dass wir ihr auch ruhig ehrlich unsere Meinung sagen könnten. Und dann – es könnte in der 6. Klasse gewesen sein – taten es einige wirklich. “Wozu wählen wir denn den Thälmann-Pionierrat eigentlich in einer extra dazu einberufenen Versammlung, wenn das Ergebnis doch immer schon vorher feststeht und nie anders als einstimmig zustande kommt?”, wurde Frau D. gefragt. Und außerdem seien doch gar nicht die beliebtesten Schüler der Klasse im Pionierrat, sondern nur die mit den besten Noten. Manche davon, besonders unsere notorischen Klassenstreberinnen, seien aber doch eigentlich eher unbeliebt. Die würden bestimmt nicht in den Pionierrat gewählt werden, wenn wir frei darüber abstimmen könnten. Naja, sagte da Frau D. zu uns, das mache man nun einmal so bei uns. “Aber wenn ihr wollt, dann schreibt doch mal jeder fünf Namen auf einen Zettel, wen ihr am liebsten im Pionierrat haben wollt.” Das taten wir dann, und heraus kam, dass die Vorsitzende unseres Pionierrates und ihre Stellvertreterin weit abgeschlagen am Ende landeten. Das schien auch Frau D. zu überraschen. Sollten also die betreffenden beiden Musterschülerinnen wirklich bei der nächsten Wahlversammlung aus dem Pionierrat geworfen werden? Was hätten dann wohl deren Eltern dazu gesagt? Wie sollte Frau D. aus dieser Nummer wieder rauskommen?!

Doch da musste Frau D. gar nicht lange überlegen. Sie legte einfach fest, dass der Pionierrat mit der nächsten Wahlversammlung von 5 auf 7 Schüler aufgestockt wurde, und so konnten die bisher noch nicht darin vertretenen Beliebtheitsköniginnen ebenso dort mitmachen wie unsere beiden weniger populären Musterschülerinnen. Eine wirklich großartige, ja salomonische Entscheidung! Politisch gesehen waren das damals, wohl ca. Ende 1984, wohl schon die ersten Vorboten von Gorbatschow, Glasnost und Perestroika… Bald darauf habe ich nach dem besagten Umzug meiner Familie diese Schule verlassen und dann nicht mehr viel von Frau D. gehört, geschweige denn von Frau K. Was ich aber aus diesen kindlichen Erfahrungen mit meinen beiden so unterschiedlichen Klassenlehrerinnen dauerhaft mitgenommen habe, ist die Erkenntnis, dass es zumeist und fast überall mehr auf die einzelnen handelnden Person ankommt als auf die jeweils bestehenden Strukturen. Wie mein späterer Deutschlehrer in Bremen immer gesagt hat: “Es gibt immer so’ne und so’ne.” Und auch in den schlimmsten Systemen und Parteien gibt es mutmaßlich immer irgendwo anständige Menschen. Zumindest das kann einem doch etwas Hoffnung machen in den aktuell so schwierigen Zeiten.

justament.de, 12.8.2024: Zwei Lehrerinnen, Teil 1

Zwei Lehrerinnen, Teil 1

Recht historisch: So war Schule in der DDR

Thomas Claer

Wenn ich auf meine Schulzeit in den späten Siebziger- und Achtzigerjahren in der DDR zurückblicke, dann denke ich oft an meine beiden Klassenlehrerinnen in Wismar, die mein kindliches Ich beide tief beeindruckt haben – wenn auch auf jeweils unterschiedliche, ja sogar ziemlich entgegengesetzte Weise.

Die erste Klassenlehrerin, Frau K., war vier Jahre lang, von der ersten bis zur vierten Klasse, also von Herbst 1978 bis Sommer 1982, für uns verantwortlich, was natürlich im Leben von so jungen Menschen, wie wir es damals waren, eine beinahe endlos lange Zeit gewesen ist. Frau K. war überaus streng in jeder Hinsicht. Ich kann mich nicht erinnern, jemals einem so strengen und autoritären Menschen begegnet zu sein. Selbst meine Mutter, die auch überall als Respektsperson galt, war nicht annähernd so streng wie sie. Frau K. stand aber auch voll und ganz (im Gegensatz zu meinen Eltern) für politische Linientreue. Dabei lag ihr, anders als manchen ihrer Kolleginnen und Kollegen, deutlich weniger die jubelnde Begeisterung über die angeblich großen Errungenschaften des Sozialismus als vielmehr die unbedingte Wachsamkeit gegenüber dem imaginierten Klassenfeind. Mit welchem Abscheu sie die Worte USA und BRD oder gar NATO aussprach, wenn sie im Deutschunterricht die aktuellen politischen Ereignisse mit uns diskutierte! Stets forderte sie uns auf, Stellung zu beziehen zu irgendwelchen Begebenheiten. Wenn unsere Klassenstreberinnen ihr dann in ihrem Hass auf die “Lügen des Imperialismus” beipflichteten, zeigte sie deutlich ihre Genugtuung. Wenn aber, was häufiger vorkam, sich niemand meldete, weil wir kleinen Knirpse und Knirpsinnen oft auch einfach nicht wussten, was wir sagen sollten, sah sie uns finster und durchdringend an und sagte dann halblaut, wobei sie ein Auge halb zukniff: “Keine Meinung ist auch eine Meinung.” Bei Frau K. musste man immer ein schlechtes Gewissen haben. Oft dachte ich mir irritiert: “Bin ich jetzt ein Klassenfeind? Ein Gegner des Sozialismus? Nur weil ich nichts gesagt habe?”

Man muss Frau K. zugute halten, dass sie ganz offensichtlich felsenfest an all das glaubte, was sie uns erzählte. Die leicht augenzwinkernde Dienst-nach-Vorschrift-Haltung manch anderer Lehrer, bei denen man sich nie so ganz sicher war, was sie wirklich dachten, ging ihr vollkommen ab. Sie war das, was man damals eine “Überzeugte”, eine “Hundertprozentige” nannte. Die gab es zwar, aber es war eine überschaubare Minderheit. Die Mehrzahl auch und gerade unter den Parteigenossen war eher pragmatisch eingestellt. Später als Jugendlicher, als ich mit wachsendem politischen Bewusstsein immer genauer hinzuhören begann, wer wann und wo was sagte, bemerkte ich, dass die DDR-kritischsten Äußerungen sogar oftmals von Parteimitgliedern kamen, allerdings nur im privaten Umfeld.

Unvergesslich ist mir geblieben, wie einer meiner Mitschüler offenbar denunziert worden war, weil er gesagt haben sollte, unsere Horterzieherin, Frau R., sei ja wohl “ein Albtraum”. Unsere Klassenlehrerin Frau K. fragte in der Deutschstunde unvermittelt, ob jemand von uns wisse, was ein Albtraum sei. Als sich niemand meldete, nahm sie den Denunzierten aufs Korn, trat dicht an ihn heran, nannte ihn beim Namen und forderte ihn auf zu erklären, was ein Albtraum sei. Als er vorgab, es nicht zu wissen, erklärte Frau K. der Klasse, dass ein Albtraum “etwas ganz Schlimmes” sei. Und noch schlimmer sei es, einen Menschen als Albtraum zu bezeichnen, was aber, ha!, unser Mitschüler getan habe – und das auch noch in Bezug auf unsere Horterzieherin. Wie wir anderen das denn finden würden?! Sofort gingen die Finger hoch: “Frau R. ist immer lieb und nett zu uns” (was nun wirklich nicht stimmte, denn sie war mit Grund äußerst unbeliebt), und niemand dürfe sie deshalb so bezeichnen. Das reichte Frau K. aber noch nicht. Sie wollte immer noch mehr Verurteilungen unseres Mitschülers von uns hören. Ein Schlauberger äußerte sich daraufhin gewitzt und diplomatisch: “Angenommen, nur mal angenommen, dass Frau R. wirklich ein Albtraum wäre, so dürfte man das doch nicht sagen, denn das sei unverschämt.” Ich sagte nichts dazu, wie eigentlich fast immer in solchen Situationen, obwohl ich sonst durchaus gesprächig gewesen bin. Und am Ende kam dann wieder von Frau K. ihr drohendes “Keine Meinung ist auch eine Meinung.”

Mich hatte sie sowieso immer auf dem Kieker. Dass ich als recht guter Schüler mich hartnäckig weigerte, in den Gruppenrat und später Jungpionierrat einzutreten, musste ihr natürlich sehr verdächtig vorkommen. Womöglich war ich ja vom Elternhaus irgendwie staatsfeindlich beeinflusst. Das war aber gar nicht der Fall, denn dazu waren meine Eltern viel zu vorsichtig. Ich hatte nur einfach keine Lust dazu, weil mir das ganze politische Zeug irgendwie sehr unsympathisch war. Und immerhin drängten mich meine Eltern auch nicht, in den Jungpionierrat zu gehen, was ich ihnen aus heutiger Sicht hoch anrechne. Denn damals hatten sie bestimmt noch keine Ausreisepläne in den Westen. Und wer in diesem Staat Karriere machen wollte, der tat gut daran, von klein auf, solche Ämter zu bekleiden. Aber ich wollte einfach nicht. Da musste dann später schon eine andere Lehrerin kommen mit gänzlich anderen Methoden…

(Wird fortgesetzt.)