www.justament.de, 2.2.2015: Mal eben ein Pogrom

Recht cineastisch, Teil 20: „Wir sind jung. Wir sind stark“ von Burhan Qurbani

Thomas Claer

Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen (Foto: Wikipedia)

Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen (Foto: Wikipedia)

Rostock-Lichtenhagen im August 1992: Hunderte rechtsradikale jugendliche Gewalttäter werfen Brandsätze auf eine Aufnahmestelle für Asylbewerber und das benachbarte Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeiter. Tausende Schaulustige applaudieren ihnen dabei und rufen Parole wie: „Deutschland den Deutschen! Ausländer raus!“ Im brennenden Wohnheim befinden sich noch über hundert Vietnamesen und ein Kamerateam des ZDF. Zwischenzeitlich zieht sich die Polizei völlig zurück und überlässt die im Haus Eingeschlossenen, die in Todesangst auf das Dach zu flüchten versuchen, ihrem Schicksal… Im Rückblick wirken die Ereignisse eher noch monströser und ungeheuerlicher als aus damaliger Sicht. Hinzu kommt, dass sich seinerzeit auch die deutsche Politik auf allen Ebenen, um es vorsichtig auszudrücken, nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat. (Näheres hierzu unter Wikipedia.)

Der afghanischstämmige 34-jährige Filmregisseur Burhan Qurbani hat jenen dunklen 24. August 1992 in einem 128-minütigen Drama eingefangen und geht dabei implizit auch der Frage nach, wie es soweit überhaupt kommen konnte. Am Ende verlässt man das Kino tief erschüttert, aber nicht unbedingt viel klüger als zuvor. Die jugendliche Nazi-Clique, die am Abend die Brandsätze werfen wird, besteht aus zwei bis drei fanatischen Ideologen und mehreren tendenziell gleichgültigen Mitläufern, letzteres trifft vor allem auf die Mädchen in der Gruppe zu. Alle sind von den mächtigen Umwälzungen der letzten Jahre irgendwie frustriert und wissen nicht viel mit sich und der plötzlichen großen Freiheit anzufangen. Zwar hat der Filmtitel, der die jugendliche Stärke der Akteure betont, durchaus seine Berechtigung, aber genauer müsste er eigentlich heißen: „Wir sind jung. Wir sind verwirrt. Wir fühlen uns ohnmächtig und schwach, aber doch noch stark genug, um Jagd auf noch Schwächere zu machen und daraus neues Selbstbewusstsein für uns selbst zu ziehen.“ Noch viel erschreckender als die Ausschreitungen der jungen Leute (Jugend und Randale – das gibt es schließlich häufiger, und es ist Sache der Polizei, sich darum zu kümmern) ist natürlich die klatschende, antreibende und Parolen grölende Menschenmenge um sie herum. Es sind unzufriedene Menschen in einem trostlosen Plattenbaubezirk aus den Siebzigerjahren. Aber wir befinden uns immerhin in Rostock, das zu DDR-Zeiten – anders als etwa Dresden – keineswegs ein „Tal der Ahnungslosen“ gewesen ist. Rostock war immer stolz darauf, eine weltoffene Hansestadt zu sein. Sein Hafen war in der kleinen, engen DDR so etwas wie ein Tor zur großen, weiten Welt.

Was für mich besonders bedrückend ist: Ein paar Jahre zuvor bin ich im 60 km von Rostock entfernten Wismar und in einem Dorf in Nordwestmecklenburg zur Schule gegangen. Die Wende habe ich allerdings bereits im Westen erlebt. Später hörte ich, dass ehemalige Mitschüler von mir, darunter sogar ein früherer guter Freund, den ich noch Anfang 1990 von Bremen aus in Wismar besucht hatte, in die rechte Szene abgedriftet seien. Traurig, aber wahr.

Wir sind jung. Wir sind stark
Deutschland 2015
Regie: Burhan Qurbani
Drehbuch: Martin Behnke / Burhan Qurbani
Darsteller: Devid Striesow, Jonas Nay, Joel Basman, Le Hong Tran, Saskia Rosendahl, Thorsten Merten, David Schütter u.v.a.

www.justament.de, 19.1.2015: Noch immer Punk

Die aktuelle Vinyl-Maxi von Element Of Crime „Liebe ist kälter als der Tod“

Thomas Claer

element-of-crime-video-liebe-ist-kaelter-als-der-todNachzutragen ist noch, dass Element Of Crime kurz vor Weihnachten eine weitere EP herausgebracht haben, die wiederum einen Song ihres neuen Albums „Lieblingsfarben und Tiere“ sowie drei weitere Stücke enthält. Allerdings ist daraus diesmal, um es gleich vorweg zu nehmen, eine etwas zwiespältige Sache geworden.

Einerseits hat man, sofern man zu den Glücklichen gehört, die eines der nur 250 Exemplare des streng limitierten 10“ Vinyls abbekommen haben, natürlich keinen Grund, sich zu beschweren. (Da die Scheibe lediglich in ausgewählten Schallplattenläden verkauft wurde, bin ich ihretwegen sogar extra bis nach Kreuzberg gefahren.) Und schließlich erweist sich die Platte bereits deshalb als würdige „Singleauskopplung“, wie man es früher so schön genannt hat, weil sich auf ihr mit „Liebe ist kälter als der Tod“ tatsächlich der – jedenfalls für mich – stärkste Song des ganzen Albums befindet. Positiv zu vermerken ist ferner auch das sehr gelungene Ramones-Cover „Gimme Gimme Shock Treatment“, auf dem Sven Regener eindrucksvoll beweist, dass noch immer ein Punk in ihm steckt.

Andererseits hätte man sich von den beiden restlichen Stücken aber schon etwas mehr erwartet. Dass dem Titelstück das improvisierte Duett mit Ina Müller von „Rette mich vor mir selber“ aus der Fernsehsendung „Inas Nacht“ folgt (das jeder, der es wollte, längst auf YouTube gesehen hat), kann ja vielleicht noch angehen. Und wäre es nur dieses eine Füllstück, hätte man ja auch nichts weiter dazu gesagt. Aber dass sich daran auch noch der wohlbekannte Song „Love and Happiness“ von der 1988er LP „Freedom, Love and Happiness“ anschließt, angeblich als „Grüner-Punkt-Bonus“ (was immer das heißen mag), in Wirklichkeit aber als 26 Jahre alter Original-Album-Track, das geht dann doch etwas zu weit. Oder besser gesagt: Es ist enttäuschend, dass darüber hinaus nicht noch eine weitere EOC-Cover-Version eines anderen Liedes auf der Platte ist. Ein fünftes Stück hätte den Elements nämlich gut zu Gesicht gestanden, zumal die B-Seite der EP insgesamt nur auf eine Spielzeit von gerade mal gut drei Minuten kommt. Für sich genommen ist die Anordnung von „Gimme Gimme Shock Treatment“ und „Love and Happiness“ direkt nacheinander allerdings ein durchaus gelungener Einfall, da dem Zuhörer so bewusst wird, wie punkig manches von den frühen, noch englischsprachigen EOC seinerzeit klang, und wie stark sich Sven Regeners Stimme in den knapp drei Jahrzehnten, die dazwischen lagen, verändert hat.

Bedenkt man nun aber, dass sich die vier Stücke auch schon für moderate 2,50 EUR als Download erwerben lassen, dann relativiert das den soeben indirekt erhobenen Abzocke-Vorwurf zumindest ein wenig. Und dennoch: Vinyl bleibt Vinyl. Und wenigstens darauf hätte es bei diesem Preis ein Lied mehr sein dürfen. Das Gesamturteil lautet gleichwohl: voll befriedigend (11 Punkte).

Element Of Crime
Liebe ist kälter als der Tod
10“ Vinyl (Limited Edition 250 Stück)
Vertigo Berlin (Universal Music) 2014
ca. 12,00 EUR (vergriffen)
ASIN: B00PG11YBM
(auch als Download für 2,50 EUR erhältlich)

www.justament.de, 12.1.2014: Wir sind Charlie, wir sind Muslime, wir sind Houellebecq

Anmerkungen zur Presse-, Religions- und Kunstfreiheit

Thomas Claer

Anti-Pegida-Demo in Berlin-Hellersdorf

Anti-Pegida-Demo in Berlin

So unvorstellbar dumm die Attentäter auch gewesen sein mochten, die am vergangenen Mittwoch ein Blutbad in den Redaktionsräumen des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo anrichteten, um den Propheten Mohammed wegen ein paar blasphemischer Karikaturen zu rächen, eines hatten sie schon ganz richtig erkannt: Ihre Hauptfeinde waren nicht irgendwelche Hooligans oder der „Front National“, sondern, und hier konnten sie mit allen Fundamentalisten jeder Couleur einig sein, der Humor, die Ironie, das Recht zum Spotten. Denn diese Werte und Grundsätze sind, um es mit dem hier ausnahmsweise gebotenen Pathos zu sagen, womöglich das Heiligste überhaupt in einer freien Gesellschaft. Es gibt schlichtweg keinen besseren Maßstab für den Grad an Liberalität, der in einem Lande herrscht, als die Frage, was dort Satire darf und was nicht. Überflüssig zu erwähnen, wie allein die Antwort darauf in einem wirklich freien Land nur lauten kann. Natürlich darf Satire, um es mit den Worten eines unserer Propheten, des Hl. Kurt Tucholsky, zu sagen: ALLES. Ja, genau: ALLES, ALLES, ALLES.

Gleich danach muss aber auch schon die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses kommen. Vermutlich ist es ja ein Gebot der politischen Klugheit, auf die „besorgten Bürger“ zuzugehen, die in Dresden und anderswo gegen eine angeblich drohende „Islamisierung“ des „christlichen Abendlandes“ auf die Straße gehen, ihre Sorgen und Ängste (auch die vor der angeblichen „Lügenpresse“) ernst zu nehmen, wie es immer so schön heißt. Sonst werden sie sich womöglich noch dauerhaft in ihrer vermeintlichen Opferrolle („Die da oben machen ja doch, was sie wollen.“) einrichten. Es muss aber klar sein, dass hier auf aggressive Weise an den existentiellen Prinzipien einer freien Gesellschaft gesägt wird. Die große Bewährungsprobe für unsere Zivilgesellschaft wird es daher sein, die überwältigende Mehrheit der rechts- und verfassungstreuen Muslime unter uns vor dem sich leider wieder ausbreitenden Generalverdacht gegen sie zu schützen.

Soweit ist alles klar. Etwas schwieriger liegt der Fall bei „Unterwerfung“, dem neuen Roman des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq. Darin entwirft dieser das Zukunftsszenario einer „Machtergreifung“ streng religiöser Muslime in Frankreich, welche die Scharia zum obersten Verfassungsprinzip machen, die Polygamie legalisieren u.s.w. Wird hier nicht die Freiheit der Kunst missbraucht, um politisch-religiöse Hetze gegen eine Minderheit zu betreiben? Ist das nicht gewissermaßen PEGIDA mit den Mitteln der Kunst? Nun, eine solche Deutung ist durchaus möglich. Manche werden solche Intentionen des Verfassers sogar für wahrscheinlich halten, zumal sich der Roman auch als durchsichtiger Versuch des Autors ansehen lässt, mit der größtmöglichen Provokation maximal Kasse zu machen. Und doch darf sich eine differenzierte Betrachtung niemals der Logik des Verdachts beugen. Schon eine flüchtige Durchsicht der ersten Rezensionen des Romans lässt dessen Vieldeutigkeit und Komplexität erkennen. Wahrscheinlich haben wir es sogar mit einer groß angelegten französischen Gesellschaftssatire zu tun. Es genügt aber bereits, dass es sich hier eindeutig um Kunst und nicht um Propaganda handelt, um Houellebecq, ähnlich wie sein Romanheld Kettenraucher und meistens schon um zwölf Uhr mittags betrunken, gegen seine Kritiker zu verteidigen. Kurz, die Freiheit der Kunst verdient einen ebenso unbedingten Schutz wie die der Presse und die der Religion.

www.justament.de, 8.1.2015: Pragmatischer Mix

Die „PLATOW Prognose 2015. Anlagestrategien für die Zinswende“

Thomas Claer

platowUnd hier gleich das nächste Börsenbuch. Diesmal ist es aber eher ein allgemein gehaltener Ausblick auf das neue Jahr aus dem Hause des traditionsreichen Börsenbriefs PLATOW in Buchform. Darin heißt es eingangs, das PLATOW-Expertenteam habe sich in Klausur begeben und gemeinsam über die wichtigsten Trends und Entwicklungen für das Jahr 2015 nachgedacht, woraus dann dieses Buch entstanden sei, das man bei einem Verkaufspreis von 61 Euro und einem Umfang von 254 Seiten nicht gerade als kostengünstig bezeichnen kann. Konkret besteht es aus zehn Aufsätzen, in denen überwiegend Persönlichkeiten aus den sogenannten Partnerunternehmen des PLATOW-Börsenbriefs über ihre Spezialgebiete informieren, um schließlich zum Teil ganz unverhohlen ihre Produkte zu empfehlen. (Der Geschäftsführer der FERI Trust stellt seine Finanzprodukte als „barrierefreie Kapitalanlage“ vor, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Annington preist die Immobilienaktien als „das Beste aus zwei Welten“, der Leiter des Management-Teams von BB Biotech erläutert die immensen Potentiale der Biotechnologie in „Moleküle, die Milliarden generieren“ u.s.w.) Diese Abschnitte sind zudem durchsetzt mit ganzseitigen Werbeanzeigen der entsprechenden, aber auch anderer Unternehmen. In vier weiteren Kapiteln werden die „weltweit 50 besten Aktien“ Aktien vorgestellt und empfohlen, die das PLATOW-Team angeblich aus über 10.000 Einzeltiteln ausgewählt hat. Nach welchen Kriterien, das bleibt im Dunkeln.
Nein, ganz so schlecht, wie es bis hierhin klingen mag, ist dieses Buch auch wieder nicht. Es ist ein pragmatischer Mix aus Werbung und Information, wie man ihn häufig auf diversen Internetseiten findet. Allerdings muss man schon die Chuzpe der Herausgeber anerkennen, dieses Werk nicht gratis, sondern zum Kauf anzubieten – und dann noch zu einem solchen Preis! Wer eine gute überregionale Tageszeitung liest oder auch ein Finanz- oder Wirtschaftsmagazin, wird an Informationen dieser Art vielleicht einen Tick weniger interessengeleitet, sicherlich aktueller und vor allem weitaus preiswerter kommen. Immerhin erhält man mit der PLATOW-Prognose aber auch ein Hardcover-Buch, dessen Herstellung zweifellos teuer ist.
Zurück zu den Inhalten. Trotz aller Einwände lässt sich dem Buch doch auch allerhand Nützliches entnehmen. Klartext redet vor allem das abschließende Immobilien-Kapitel. Wie die Lemminge, heißt es dort, strömten die Anleger derzeit in hochpreisige Immobilien-Investments, obwohl die Renditen, die sich aus deren Vermietung erzielen lassen, inzwischen kaum noch lohnend seien. Genau so ist es. Für Immobilien in guten Lagen ist es jetzt wirklich schon zu spät! Und wie ist es mit der Zinswende, vor der schon im Titel und Klappentext so inständig gewarnt wird, dass es dem Anleger die Schweißperlen auf die Stirn treiben kann? Der eine Text sagt so, der andere anders, wie man auf die mit Sicherheit irgendwann drohende Zinswende reagieren sollte. Aber ob wirklich schon 2015 oder wann sie denn überhaupt mal kommt, steht schließlich auch noch in den Sternen. (In Europa wird sie vielleicht noch lange Jahre auf sich warten lassen.) Nein, die Experten wissen auch nicht mehr als der gemeine Zeitungleser. Und wie ist es mit den empfohlenen „weltweit 50 besten Aktien“? Man liest es mit Interesse, und vom ersten Eindruck her sind eine Menge gute Unternehmen darunter. Aber man hätte sicherlich ebenso gut auch 50 andere empfehlen können. Mir persönlich wären fast alle in der Bewertung schon zu teuer. Aber ich wüsste leider auch nicht 50 günstigere zu sagen… Insgesamt sind die Aktien derzeit eben nicht mehr ganz billig. Am besten gefallen mir unter den empfohlenen Werten noch Indus Holding (aber die hab ich ohnehin schon seit zehn Jahren im Depot), Total und BHP Billiton. Die beiden letzteren sind gerade mächtig runtergeprügelt, werden aber bestimmt nicht Pleite gehen und bieten wenigstens richtig gute Dividendenrenditen, zumal sie erklärtermaßen nicht ihre Dividenden senken wollen. Aber darüber sollte sich jeder lieber seine eigenen Gedanken machen. Mein Rat an alle Anleger: Do it yourself!

Albrecht F. Schirmacher, Frank Mahlmeister (Hrsg.)
PLATOW Prognose 2015. Anlagestrategien für die Zinswende
Platow Medien GmbH 2014
254 Seiten, 61,00 € (Abonnentenpreis: 54,00 Euro)
ISBN 978-3-943145-20-5

Justament-Rezensent Thomas Claer ist Autor des Börsenbuches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“.

www.justament.de, 5.1.2015: Zyklen statt Value

Das Börsenbuch „Das Börsenbuch“ von Thomas Müller und Alexander Coels

Thomas Claer

borsenbuchHier geht es aber mal so richtig zur Sache! Ein 500 Seiten dickes Börsenbuch mit dem Titel „Das Börsenbuch“ legen die Autoren Thomas Müller und Alexander Coels vor, was natürlich suggeriert, dass man außer diesem ganz bestimmt kein weiteres Börsenbuch bräuchte, um sich an der Börse zurechtzufinden. Aber braucht man denn dazu heutzutage überhaupt noch ein Börsenbuch, wo sich doch alles, was man über die Börse wissen muss, ohnehin schon im Internet finden lässt? Um es gleich zu sagen: In diesem Buch ist manches anders, als man denkt. Man kann nur jeden Leser davor warnen, sich an der Börse allein auf den Inhalt dieses Buches zu verlassen. Und doch steht eine Menge äußerst nützlicher Informationen darin, die man in dieser Genauigkeit sicherlich nirgendwo im Internet finden wird. Das Buch sollte aber statt „Das Börsenbuch“ lieber „Das große Buch der Börsenzyklen“ heißen, denn auf 338 der 502 Seiten geht es explizit um diese – und auf den restlichen Seiten indirekt letztlich auch…

Börsenzyklen also. Was soll man sich darunter vorstellen? Man kann es vielleicht mit dem „Hundertjährigen Kalender“ vergleichen, der im 17. Jahrhundert von Mauritius Knauer, einem Abt des Klosters Langheim, zur Vorhersage des Wetters in Franken verfasst wurde, um die klösterliche Landwirtschaft zu optimieren. Vereinfacht gesagt machte Knauer über einen langen Zeitraum präzise Wetterbeobachtungen für jeden Tag eines Jahres und erstellte dann aus den jeweiligen Durchschnittswerten seine Prognose für jeden Tag der kommenden Jahre. Aus meteorologischer Sicht ist das natürlich nicht haltbar. Übereinstimmungen werden von Fachmeteorologen als Zufälle gewertet. Und dennoch funktioniert dieser Kalender gar nicht so schlecht, weil sich die Erde grundsätzlich auf die gleiche Weise Jahr für Jahr um die Sonne und Tag für Tag um die eigene Achse dreht, während die Wetterberichte mit ihren kurzfristigen Vorhersagen bekanntlich auch oft danebenliegen.

Aber wie soll man mit diesem Ansatz künftige Börsenkurse vorhersagen können? Nun, bekanntlich sind die diesbezüglichen Prognosen unserer „Finanzmarktmeteorologen“, also der Wissenschaftler der Volks- und Betriebswirtschaftslehre, in der Regel so unzuverlässig, dass man nun wirklich nicht viel auf sie geben kann. Und ja, so wie das Wetter folgen auch die Börsenkurse bestimmten zyklischen Mustern. Jeder, der sich für die Börse interessiert, weiß, dass der September im langjährigen historischen Durchschnitt der bei weitem schlechteste Börsenmonat und die saisonal stärkste Phase jene von Oktober bis April ist. Aber wer weiß schon, dass Montage im Schnitt die schlechtesten und Freitage die besten Wochentage an der Börse sind oder dass die zweite Hälfte eines Jahrzehnts fast immer eine wesentlich bessere Kursentwicklung bringt als die erste? Woran das liegt? Man weiß es nicht genau, und hier wird die Vorgehensweise der Autoren Müller und Coels etwas problematisch. Sie blenden solche weitergehenden Fragen nahezu komplett aus und folgen gewissermaßen blind ihren in wahrlich beeindruckender Vielfalt vorgelegten langjährigen Verlaufsmustern. (Die diesen zugrundeliegenden Daten reichen für den deutschen Markt bis 1960, für den amerikanischen bis 1896 zurück). Als Absicherung gegen Kursverluste empfehlen sie lediglich die Orientierung an technischen Indikatoren wie dem Unterschreiten der 200 Tage-Linie oder die ergänzende Verwendung von Put-Optionsscheinen.

Man kann es schon kurios finden, dass in einem Börsenbuch weder Begriffe wie Kurs-Gewinn-Verhältnis, Kurs-Buchwert-Verhältnis noch Dividenden-Rendite vorkommen, dass weder die Rolle der Geldpolitik der Notenbanken für die Börse noch die des Geschäftsmodells für den Erfolg eines Unternehmens erklärt wird. Gewiss, die in den Börsenberichterstattungen nachgeschobenen Erklärungen für fallende oder steigende Kurse anhand realwirtschaftlicher Entwicklungen kann man getrost in der Pfeife rauchen („Die Kurse machen die Meldungen“, lautet zurecht ein beliebtes Börsen-Bonmot), und der langjährige Erfolg der Autoren mit ihrer Methode scheint ihnen ja auch Recht zu geben. Aber etwas mulmig wird einem doch bei Sätzen wie diesem auf S.20: „Es gibt keine wirkliche ‚Begründung‘ für Kursentwicklungen. Entscheidend ist einzig und allein, was die Kurse machen, und die Aneinanderreihung von Kursen ergibt Trends, und nur in Trends kann an der Börse Geld verdient werden…“ (Hier würde ich ausdrücklich widersprechen: Wer Aktien von hochwertigen Unternehmen mit stabilem Geschäftsmodell, hoher Dividendenrendite und kontinuierlich steigender Dividendenausschüttung besitzt, dem können die Trends der Kursverläufe sogar schnurzegal sein. Er kann sich zurücklehnen und sich zumindest für lange Zeit jahraus, jahrein über seine Dividendenerträge freuen.)

Auf S.25 heißt es dann: „Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden sich die Kurse in den kommenden 100 Jahren ähnlich entwickeln wie in den vergangenen.“ Woher um alles in der Welt wollen die Autoren das nur wissen? Es stimmt, dass sich die amerikanischen wie die deutschen Börsenindizes in ihrem langjährigen Verlauf immer wieder zum Mittelwert eines jährlichen Ertrags von 9 Prozent einschließlich ausgeschütterter Dividenden bewegt haben. Aber die Börsenentwicklung kann gar nichts anderes sein als ein zeitversetzter Spiegel der Realwirtschaft (Kostolany! Herr! Hund!). Wenn die Unternehmen irgendwann kein Geld mehr verdienen, dann können sie ihren Aktionären keine Dividenden mehr bezahlen, dann gibt es keinen Grund mehr für irgendjemanden, ihre Aktien zu kaufen, außer als irres Spekulationsobjekt. Es hat in der Menschheitsgeschichte immer wieder Phasen ohne ein nennenswertes Wirtschaftswachstum gegeben, beispielsweise, soweit mir bekannt ist, lange Jahrhunderte des Mittelalters. Die dem „Börsenbuch“ zugrundeliegende Börsenhistorie fällt mit einem – nur vorübergehend unterbrochenen – nahezu kontinuierlichen Wirtschaftswachstum zusammen. Sollte irgendwann die ganze Welt von der „japanischen Krankheit“, der lange anhaltenden Wachstumsschwäche, befallen werden und die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen global in einen Zustand der Sättigung übergehen, dann war es das vermutlich mit den steigenden Börsenkursen. Nun wird mancher vielleicht einwenden, eine solche Entwicklung sei aus heutiger Sicht schlichtweg unvorstellbar. Für die nächsten mindestens 20 Jahre glaube ich das auch, da der Wohlstandshunger der Schwellenländer im Zweifel auch die etwaigen Stagnationen in der westlichen Welt kompensieren und insbesondere die Geschäfte der Exportnationen bis auf weiteres gut anheizen dürfte. Aber hat eigentlich schon mal jemand zu Ende gedacht, wohin es führen wird, wenn mit der fortschreitenden Digitalisierung immer mehr Arbeitsplätze – von der Zugbesatzung über die Postausträger und Fließbandarbeiter aller Art bis zu den Taxi-, Bus- und Lkw-Fahrern – früher oder später wegfallen werden und was das für die weltweite Nachfrage nach Konsumgütern bedeuten wird? Insofern kann einem die Abgabe von Prognosen für den Aktienmarkt der nächsten 100 Jahre schon als recht waghalsig erscheinen.

„Welche Krisen auch in der Zukunft auf uns zukommen mögen, früher oder später werden die Aktienbörsen ihre Kursniveaus vor der Krise zurückerobern und neue Höchstkurse markieren“, heißt es auf S. 35. Klar, denn in der Börsengeschichte ist es ja bisher auch immer noch mal gutgegangen. Nach dieser Logik müsste sich allerdings jeder Mensch für unsterblich halten, denn in seinem bisherigen Leben hat er sich ja schließlich auch von jeder Krankheit  wieder erholt. Und so sorglos-frisch-fröhlich geht es weiter im Buch: „Wir können uns auf den Kopf stellen, aber die Zielrendite von Dax und Dow Jones beträgt 9 Prozent jährlich.“ (S.42) „Die Aktienmärkte kennen langfristig nur den Weg nach oben.“ (S.45) Wohlgemerkt: Die etwas reißerisch auf dem Buchtitel verkündete  Zielmarke für den Dax im Jahr 2039 von 100.000 Punkten halte ich keineswegs für aus der Luft gegriffen, die im Schlusskapitel „Börsenvision“ anvisierten exorbitanten Marken für die entferntere Zeit danach hingegen schon. (Das spricht, nebenbei gesagt, aus meiner Sicht auch dafür, lieber heute als morgen in Aktien zu investieren.) Es ist natürlich grundsätzlich richtig, dass die möglichst einfachen Strategien an der Börse meistens erfolgreicher sind als die zu komplizierten, und es ernten ja auch die dümmsten Bauern mitunter die größten Kartoffeln. Aber sich als denkender Mensch deshalb gedankliche Scheuklappen anzulegen oder gar einfach seinen Kopf abzuschalten, scheint mir dann doch keine gute Lösung zu sein.

Kurz gesagt, die Autoren schießen mit ihrem im Prinzip wohlbegründeten Ansatz aufgrund ihrer methodischen Maßlosigkeit häufiger über das Ziel hinaus. Abgesehen davon liefert das „Börsenbuch“ aber eine ungeheure Fülle von Material, mit dessen Hilfe sich an der Börse – ergänzend zu anderen bewährten Methoden – langfristig unter Zyklengesichtspunkten (vermutlich gewinnbringend) agieren lässt. Positiv ist ferner zu vermerken, dass im Buch eindringlich vor Börseninvestments auf Pump gewarnt wird und – immerhin – in einem Kasten auf S. 464 kurz das Liquiditätsmanagement von Warren Buffett vorgestellt wird, ohne jedoch weiter auf seinen Value-Ansatz einzugehen. Mit ihrem Eingangskapitel „Warum jeder an der Börse investieren sollte“ rennen die Verfasser beim verständigen Leser hoffentlich ohnehin offene Türen ein.

Machen wir abschließend noch die Probe aufs Exempel und wagen wir eine Börsenprognose für den Dax und den Dow Jones für das Jahr 2015 auf der Basis des in diesem Buch aufgezeigten Zyklenansatzes. (Deren Treffsicherheit mag dann jeder Leser selbst nach 12 Monaten beurteilen.) Beginnen wir mit dem in der Vergangenheit treffsichersten Indikator, dem Wahl-Zyklus: 2015 ist in Deutschland ein Zwischenwahljahr (durchschnittliche Dax-Performance +16,1 Prozent) und in den USA ein Vorwahljahr (durchschnittliche Dow Jones-Performance +12,3 Prozent). Das verspricht jeweils eine deutlich überdurchschnittliche Kursentwicklung im neuen Jahr. Hinzu kommt, dass sich der Dax in der Regierungszeit großer Koalitionen mit durchschnittlich +12,37 Prozent deutlich besser entwickelte als unter sonstigen CDU-geführten (+8,71 Prozent) oder SPD-geführten (-0,37 Prozent) Regierungen. Auch der Dow-Jones lief unter demokratischen Präsidenten mit +7,58 Prozent besser als unter republikanischen mit +3,64 Prozent. Auch das scheinen also sehr gute Vorzeichen für das neue Börsenjahr zu sein. Nun soll aber auch noch der Jahrzehnt-Zyklus zu seinem Recht kommen: Der Dax performte in Fünferjahren bisher im Schnitt mit sagenhaften 25,81 Prozent. Der Dow Jones übertrifft dies noch mit geradezu unglaublichen 31,44 Prozent. (Tatsächlich sind Fünferjahre in beiden Indizes die besten Jahre überhaupt.) Bessere Vorgaben kann man sich vom Jahrzehnt-Zyklus her also nicht wünschen. Weiterhin ist der Zyklus der Vier-Jahres-Tiefs zu erwähnen. Und tatsächlich ist 2014 (wie zuvor 2010, 2006, 2002 u.s.w.) ein Jahr gewesen, in dem Dax und Dow Jones im Herbst – wie auf Bestellung – einen markanten Tiefpunkt ausgebildet haben. Anschließend kommt es meistens zu einer längeren stärkeren Aufwärtsbewegung. Also auch dieser Indikator liefert positive Signale. Bleibt noch der überaus wichtige Januar-Indikator, wonach die drei Faustformeln gelten: „Erster Handelstag gut, ganzes Jahr gut“, „Erste Handelswoche gut, ganzes Jahr gut“ und „Ganzer Januar gut, ganzes Jahr gut“. Der erste Indikator ist 2015 allerdings negativ ausgefallen, denn der erste Handelstag brachte am vorigen Freitag für Dax und Dow Jones leichte Verluste. Doch könnte insbesondere ein guter erster Gesamtmonat noch alles herausreißen, denn die Trefferquote des Januar-Indikators liegt beim Dow Jones bei 74 Prozent, beim Dax nur bei 61 Prozent.

Fazit: Aus Zyklensicht deutet sich ein geradezu exzellentes Börsenjahr 2015 an, wobei aber sicherheitshalber noch der Januar abgewartet werden sollte. Und wie sind die Vorgaben für 2015 aus allgemeiner Sicht jenseits der Börsenzyklen? Von den Unternehmensgewinnen her ist der Dow Jones (gemessen am auf 10 Jahre geglätteten Shiller-KGV) bereits ziemlich hoch bewertet, der Dax mit seinen jetzt knapp 9.800 Punkten hingegen etwa seinem langjährigen Durchschnittswert entsprechend, also weder zu teuer noch zu billig. Berücksichtigt man noch den anhaltenden geldpolitischen Rückenwind in Europa durch die Niedrigzinspolitik und die womöglich noch weiteren ergänzenden Maßnahmen der EZB auf der einen Seite und die angekündigte Zinswende der Fed auf der anderen Seite, spricht viel für eine stärkere Entwicklung europäischer, insbesondere deutscher Aktien, aber auch einiges für eine relativ schwächere Entwicklung amerikanischer Aktien. Bedenkt man dann noch die konjunkturfördernde Wirkung des niedrigen Ölpreises und des niedrigen Eurokurses für Deutschland, dann kann man schon fast von einem rundum positiven Gesamtbild für den deutschen Aktienmarkt sprechen. Einzige, aber nicht unwesentlicher Schönheitsfehler sind die drohenden politischen Störfeuer, insbesondere aufgrund der Russland-Problematik, und die noch nicht vollständig ausgestandene Euro-Krise. Doch da politische Börsen in aller Regel kurze Beine haben, könnten sich aufgrund der etwaigen politisch bedingten Volatilität im Jahresverlauf sogar besonders lukrative Einstiegsmöglichkeiten bieten.

Zu Risiken und Nebenwirkungen dieser Börsenprognose konsultieren Sie ein Börsenbuch Ihrer Wahl oder das Internet, aber fragen Sie niemals Ihren ahnungslosen Bankberater.

Thomas Müller, Alexander Coels
Das Börsenbuch
TM Börsenverlag 2014
502 Seiten, 39,95 €
ISBN-10: 3930851814

Justament-Rezensent Thomas Claer ist Autor des Börsenbuches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“.

JURA-Juristische Ausbildung, Dezember 2014: Wenn aus Lust Frust wird

Der Sammelband „Wem gehört der Mond? Texte rund um die Juristenausbildung aus 14 Jahren Justament“

Katharina Mohr

MondAlle Volljuristen teilen eine Gemeinsamkeit: Sie haben zwei Staatsexamina bestanden. Wie sich Studium und Referendariat gestaltet haben und auf welche Weise sie schließlich durch die Prüfungen gekommen sind, ist hingegen bei jedem individuell verschieden. Oder – halt! – könnte es sein, dass es auch hierbei für viele eine fast unheimlich anmutende Ähnlichkeit in den Erlebnissen und Erkenntnissen gegeben hat?

Wer das vor kurzem erschiene hellblaue Büchlein „Wem gehört der Mond? Texte rund um die Juristenausbildung aus 14 Jahren Justament“ zur Hand nimmt, den beschleicht das Gefühl, dass es noch eine weitere Gemeinsamkeit gibt: Alle Mitautoren des Buches haben auf dem Weg in die Befähigung zum Richteramt einige skurrile, häufig ernüchternde und manchmal sogar erschreckende Erfahrungen gemacht. Zwar lässt sich die Juristenwerdung in Deutschland nicht mit den Initiationsriten der Grandes Ecoles – den besten Hochschulen in Frankreich – vergleichen, die unter dem Begriff „Bizutage“ bekannt wurden und nichts anderes sind als brutale Misshandlungen und Demütigungen junger Studenten durch ihre älteren Mitstudenten. Doch eine gewisse Form der Demütigung und Unterdrückung durch Professoren, Prüfer im Examen, Ausbilder im Referendariat und durch Kommilitonen und Mitreferendare scheint der juristischen Ausbildung nicht fremd zu sein.

Die wahren Geschichten in den Kapiteln „Best of Jurastudium“ und „Tagebücher anonymer Rechtsreferendare“ zeugen von Diensten wie Einkäufe erledigen und Kaffeekochen, die Referendare in Anwaltskanzleien oder bei der Staatsanwaltschaft verrichten müssen, von ausgerissenen Seiten in den Kommentaren der Uni-Bibliothek, um es dem Mitstudenten schier unmöglich zu machen, die entscheidende Frage in seiner Hausarbeit zu lösen, von der gegenseitigen Panikmache in den Repetitorien und von cholerischen Prüfern, die den Prüfling nicht ausreden lassen, sondern ihn beim ersten falschen Wort laut anschnauzen.

Was in den einzelnen Texten des Bändchens auf wunderbar erleuchtende und zugleich äußerst humorvolle Weise beschrieben wird, ist die Erklärung für die „déformation professionelle“, die allen Juristen unterstellt wird und die sich bei einigen Exemplaren schön beobachten lässt. Die Neigung, die berufsbedingte Perspektive unbewusst auch auf andere Lebenssituationen anzuwenden, kann sich zum Beispiel dergestalt zeigen, dass – man verzeihe das derbe Beispiel, das sich aber im entfernten Bekanntenkreis so zugetragen hat – der Ehemann (ein Jurist) seine Ehefrau, die er als Fremdgeherin im Verdacht hat, mit den Worten zur Rede stellt: „Hast Du den Geschlechtsverkehr vollzogen?“.

Aber, mal ehrlich, wer wundert sich über diese Deformierung der Persönlichkeit, wenn schon dem jungen Jurastudenten nahegelegt wird, bloß niemandem von seinen schlechten Ergebnissen in Klausuren oder Hausarbeiten zu berichten, um nicht aus der Lerngruppe ausgeschlossen zu werden, und wenn man ihm gleich vermittelt, dass er keine Ahnung von gar nichts hat und nicht damit rechnen kann, auf dem hart umkämpften Anwaltsmarkt auch nur eine halbe Stufe der Karriereleiter zu erklimmen. Stattdessen soll er sich gefälligst an den Kopierer stellen und dankbar sein, dass er bedeutsame Schriftsätze aus der Feder bedeutsamer Juristen vervielfältigen darf. Ansonsten hat er den Mund zu halten, es sei denn, der Professor drangsaliert ihn in der Vorlesung vor dem versammelten Semester mit Fragen wie „Wem gehört der Mond?“. Wenn er darauf aber die juristisch korrekte Antwort nicht weiß, dann gnade ihm der liebe Gott, damit er nicht am gebügelten Hemdkragen mitsamt seinem noch knickfreien Schönfelder, den seine Eltern stolz in der heimischen juristischen Fachbuchhandlung erworben und ihm bei ihrem ersten Besuch im Studentenwohnheim überreicht haben, aus dem Hörsaal geworfen wird.

Was für Persönlichkeiten sollen bei dieser Art der „Behandlung“ am Ende herauskommen? Es ist kein Wunder, dass in der juristischen Ausbildung – wie in den Texten beschrieben – aus Jura-Lust schnell Jura-Frust wird und der Glaube an das Schlechte im Juristen sich tief verfestigt, was zu entsprechenden Schlussfolgerungen und Konsequenzen für das eigene Verhalten führt.

Denjenigen Juristen, die vor 1970 geboren sind und die Kinder der Generation Golf und erst Recht diejenigen der Generation Y allesamt für verweichlichte Mimosen halten, da sie keinerlei Belastung mehr ertragen könnten und deshalb naturgemäß auch nicht für den juristischen Beruf geeignet seien, empfehle ich das letzte Kapitel des Buches mit dem Titel „Drum herum“. Es hält einige schöne Texte bereit, die zeigen, dass auch junge Juristen in der Lage sind, intelligente und feine Überlegungen zur juristischen Sprache und zur Rechtsgeschichte anzustellen.

Die vielfältigen Geschichten von der Lust und vom Frust bei der Juristerei sind in der Textsammlung „Wem gehört der Mond?“ zusammengestellt, die das Beste aus 14 Jahren Justament in sich vereint. Ende der 90er Jahre haben zwei Referendarinnen die Zeitschrift Justament aus der Taufe gehoben, seit 2000 erscheint sie im Berliner Lexxion Verlag. Die Justament hat in den letzten 14 Jahren jungen Juristen Anregungen für ihre eigene Ausbildung gegeben und die vielen verschiedenen Möglichkeiten der Gestaltung von Studium und Referendariat aufgezeigt. Sie hat immer wieder den Blick in die Praxis gerichtet und gestandene Richter, Rechtsanwälte, Staatsanwälte und Verwaltungsjuristen zu Wort kommen lassen, um Berufsbilder zu beschreiben und junge Juristen dadurch bei der eigene Berufswahl zu unterstützen. Bei alledem ist in der Justament der Humor nie zu kurz gekommen – auch um der oben beschriebenen „déformation professionelle“ entgegenzuwirken. Die Redaktion und das Online-Portal der Justament werden seit vielen Jahren von Dr. iur. Thomas Claer geleitet, der den Textband herausgegeben hat.

Allen angehenden Juristen, den schon examinierten jungen Juristen und den gestandenen älteren Juristen sei zum Abschluss der ultimative Selbsttest ans Herz gelegt: die Lektüre von „Alex prüft die Liebe im Examen“. Wer sich beim ersten Satz fragt: „Was soll daran lustig sein? Es ist doch selbstverständlich, dass ich mich nicht durch die Liebe von der Examensvorbereitung ablenken lasse!“, dem ist mit großer Wahrscheinlichkeit eine glänzende Karriere als Anwalt in einer anglo-amerikanischen Großkanzlei beschieden. Allerdings muss er oder sie eventuell damit leben, dass sich der Lebenspartner eines Tages dem Klavierlehrer oder der Nachbarin zuwendet. Wer hingegen bei diesem Satz schallend lachen muss, kann zumindest von sich behaupten, das Herz am rechten Fleck zu haben. Ob er oder sie allerdings jemals aus der „Feld-Wald-und-Wiesen-Ecke“ herauskommen und halbwegs gewinnbringende Mandate akquirieren wird, ist eine andere Frage. Auf die Generation des perfekten Volljuristen, der beides kann – korrekt subsummieren und herzlich über sich lachen – warten wir noch!

Thomas Claer (Hrsg.)
Wem gehört der Mond? Texte rund um die Juristenausbildung aus 14 Jahren justament
BoD 2014
186 Seiten, 12,00 €
ISBN: 9-783735-737366

Die Rezensentin Dr. Katharina Mohr ist Rechtsanwältin in Berlin.

www.justament.de, 8.12.2014: Hommage an Herbert Grönemeyer

Scheiben vor Gericht spezial: Vor 30 Jahren erschien „4630 Bochum“

Thomas Claer

bochum-coverHerbert Grönemeyer hat eine neue Platte, aber um die soll es hier gar nicht gehen. Ich kann nämlich mit seinem aktuellen Werk nicht mehr viel anfangen und habe es auch seit ca. Mitte der neunziger Jahre nicht mehr so richtig verfolgt. Dennoch würde  ich nie ein schlechtes Wort über ihn verlieren, zumal er als Typ nach wie vor ziemlich einmalig ist. Es gibt nicht viele Popmusik-Künstler mit einer so unverwechselbaren Art zu singen, „wie ein ausgeschütteter Sack Kartoffeln“, so hat ein Kollege von der Süddeutschen Zeitung es einmal beschrieben. (Was die Originalität des Gesangsstils angeht, können da wohl nur noch der große Udo Lindenberg und der unselige Heino mithalten.) Das Beste daran ist, dass er das völlig ungekünstelt hinkriegt. Er habe noch nie anders gesungen, könne nicht anders singen und wisse auch gar  nicht, wie er es anstellen sollte, anders zu singen, verriet er jüngst in einem Interview. Seine Großmutter, die eine klassische Gesangsausbildung genossen hatte, habe ihm schon vor sehr langer Zeit gesagt, wenn er auf solche Weise singe, dann könne da nie etwas draus werden…
Vor 30 Jahren erlebte der damals 28-jährige Herbert Grönemeyer seinen kommerziellen Durchbruch und künstlerischen Höhepunkt zugleich mit der auch aus heutiger Sicht noch großartigen Platte „4630 Bochum“. Zuvor hatte er ein Jurastudium abgebrochen (sic!), als Sänger ein paar Platten aufgenommen, die sich verkaufstechnisch als grandiose Flops erwiesen, und hielt sich mit Theaterrollen über Wasser. Zu jener Zeit hatten sich seine Eltern schon ängstlich gefragt, was bloß noch aus dem Jungen werden solle. Und so kam es, dass der junge Grönemeyer ganz viel Wut und Trotz und Ungewissheit in seine Kompositionen und Texte einfließen ließ – und genau damit sein Meisterwerk erschuf. Nein, musikalisch und produktionstechnisch ist bestimmt nicht alles an dieser Platte gelungen. Die zeittypischen Keyboard-Klänge kann man durchaus als impertinent empfinden, die langsamen Stücke sind dem triefenden Kitsch manchmal bedenklich nahe. Und doch: All diese ernsten Vorbehalte des Zuhörers lösen sich förmlich auf angesichts der gewaltigen Energie, mit der dieser merkwürdige Ruhrpott-Poet seine Sicht der Dinge herausknödelt, -stochert und –brüllt. Und textlich ist er dabei streckenweise brillant.

Schatten im Blick, Lachen ist gemalt
Deine Gedanken sind nicht mehr bei mir
Streichelst mich mechanisch, völlig steril
Eiskalte Hand, mir graut vor dir

Fühl mich leer und verbraucht, alles tut weh
Hab Flugzeuge in meinem Bauch
Kann nichts mehr essen, kann dich nicht vergessen
Aber auch das gelingt mir noch

Viel besser kann man es nicht sagen. Eine volle Breitseite gegen die verräterische Angebetete, die schon deshalb keiner Schonung bedarf, weil sie gedanklich bereits anderweitig im siebten Himmel schwebt. Vor allem die „Flugzeuge im Bauch“ sind eine Metapher, die gewissermaßen wie ein Dampfhammer den Nagel auf den Kopf trifft und auf der Stelle versenkt. Gewiss ist es ein relativer Luxus, so unter Liebesqualen zu leiden. Nüchtern betrachtet sind Hunger, Zahnweh und sonstige Krankheiten allemal schlimmer. Doch ist es ja gerade das Perfide am Liebesschmerz, dass er immer auch eine Spur von Süße enthält, was die Intensität seiner Wahrnehmung paradoxerweise um ein Vielfaches steigern kann, ganz ähnlich wie die gefühlte Temperatur der Luft mitunter beträchtlich unter der auf dem Thermometer angezeigten liegt. „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,: Gab mir ein Gott, zu sagen, wie ich leide“, heißt es bei Goethe. Auch der junge Grönemeyer konnte offensichtlich solch höherer Einflüsterungen sicher sein.

Und das gilt auch für einen anderen Song auf dem Album, in dem sich das lyrische Ich über alle opportunistischen und pragmatischen Bedenken hinwegsetzt und an Friedens- und Umweltdemonstrationen teilnimmt, die in bestimmten, für seine weitere Karriereplanung vermutlich nicht unwichtigen Kreisen, als anrüchig gelten:

Sie werden dich fotografier’n
Sie werden dich registrier’n
Du verbaust dir dein ganzes Leben
Warum nur du, es gibt doch soviele andere

Kämpfen für ein Land,
Wo jeder noch reden kann
Herausschrei‘n, was ihm weh tut
Wer ewig schluckt, stirbt von innen

Hier wirft sich gleichsam der verhinderte Jurist mit Macht für die Meinungs- und Versammlungsfreiheit in die Bresche. Und das drei Jahrzehnte vor Edward Snowden, zu einer Zeit, als sich der sprichwörtliche Marsch der Protestgeneration durch die Institutionen gerade erst in Bewegung gesetzt hatte und die oberen Etagen, im Besonderen die des juristischen Establishments, noch ganz anders tickten.
Aber ist es denn heute wirklich so viel anders? Haben wir nicht immer noch unzählige Juristen, die, wenn es drauf ankommt, sicherheitshalber lieber schweigen um der lieben Karriere willen? Doch wie sollte es auch anders sein? Schon zu allen Zeiten galt das ungeschriebene Gesetz: „Wes‘ Brot ich ess‘, des‘ Lied ich sing“. Wer nicht mitspielt, ist ganz schnell draußen. Und natürlich können die wenigsten mit einer Laufbahn als Popstar rechnen, die sie für den Verzicht auf eine solcherart gebückte Existenz auch materiell ausreichend entschädigt. Trotzdem gibt es auch heute Juristen, die sich von niemandem etwas sagen lassen und kein Blatt vor den Mund nehmen. Ganz schön blöd, werden jetzt manche sagen. Ach, wascht ihr nur eure Autos! Das Urteil für die Grönemeyer-Platte, auf der sich auch noch solche Song-Granaten wie „Alkohol“, „Männer“, „Amerika“ oder das Titelstück „Bochum“ befinden, lautet: gut (13 Punkte).

Herbert Grönemeyer
4630 Bochum
Grönland (Universal Music)
€ 9,99 (bei Amazon)
ASIN: B000023Y1M

www.justament.de, 1.12.2014: Zum Tod des “Mosaik”-Zeichners Hannes Hegen

Thomas Claer empfiehlt – Spezial –

digedagsSo etwas wie das „Mosaik von Hannes Hegen“ konnte wohl nur in der DDR entstehen. Verglichen mit westlichen Comics waren diese östlichen Bildgeschichten, die mich durch meine Kindheit und Jugend begleiteten, viel anspruchsvoller in fast jeder Hinsicht. Ein ausgedehnter Fortsetzungsroman aus bunten Heften führte die drei liebenswerten Kobolde Dig, Dag und Digedag in wechselnder Begleitung quer durch alle Länder und Zeiten. Sie bestritten Gladiatorenkämpfe im alten Rom, flogen durch den Weltraum auf fremde Planeten (auf denen es mitunter wie beim westlichen Klassenfeind aussah), zogen um 1284 mit dem Ritter Runkel von Rübenstein aus der deutschen Provinz in den Orient, um nach einem vergrabenen Schatz zu suchen, den ein Vorfahre des Rübensteiners dort einst auf der Flucht vor den Sarazenen angeblich vergraben hatte, verbrüderten sich mit Indianern und versklavten Schwarzen im Amerika des 19. Jahrhunderts, weilten am Hofe des osmanischen Sultans in Konstantinopel.
Die zeichnerische Umsetzung war liebevoll und meisterhaft opulent. Lange Zeit gab es statt Sprechblasen ausführliche Bildunterschriften. Mit Bildungszitaten wurde keineswegs gegeizt. Natürlich stand dahinter auch der Parteiauftrag, dem „westlichen Schund“ eine eigene überlegene sozialistische Kultur entgegenzusetzen. Herausgekommen ist eine kleine „Weltgeschichte von unten“, die alle ideologischen Vorgaben spielend unterlief. Die Digedags waren notorische Autoritätenverspotter. Und immer traf es die Richtigen: die Mächtigen, Reichen, Aufgeblasenen, gerne auch Polizei und Militär.
Zweifellos hat es der Qualität der Zeitschrift nicht geschadet, dass sie keinen „Markt bedienen“ musste. Es gab in der DDR (wo westliche Comics nicht zu kriegen waren), abgesehen vom deutlich weniger ambitionierten „Atze“, keine einschlägigen Konkurrenten um die Gunst des Publikums. Das hatte zwar etwas von einer Zwangsbeglückung. Doch anders, als man es sonst im traurig-realen Sozialismus erleben musste, zogen die Zwangsbeglückten aus dem Mosaik einen großartigen Nutzen – und das zum unschlagbaren Dauer-Tiefpreis von 60 Pfennigen pro Heft! (Da es im Sozialismus keine Inflation geben durfte, waren alle einmal festgesetzten Preise, egal für welche Güter, eingefroren für alle Ewigkeit.) Selten etwas geändert wurde aber auch an der Höhe der Auflage, die sich mit gut 600.000 Exemplaren dauerhaft als viel zu niedrig erwies. Die Folge war, dass die Mosaik-Hefte zur „Bückware“ wurden, die schwer zu bekommen war und leidenschaftlich gejagt, gesammelt und getauscht wurde. Da sich mit DDR-Geld damals kaum jemand locken ließ, man konnte sich eh nichts Besonderes dafür kaufen (viel wichtiger war es, die richtigen Leute zu kennen, die an der jeweiligen Quelle saßen), wurden besonders begehrte Hefte aus den 50er und 60er Jahren seinerzeit bevorzugt gegen Autoersatzteile, Waschmaschinen oder Farbfernseher eingetauscht. Oder sogar gegen verbotenes Erotik-Material aus dem Westen…
Für die Ostdeutschen blieben Hannes Hegens alte Mosaik-Hefte auch nach der Wende das Nonplusultra. Prominente Künstler wie Uwe Tellkamp und Neo Rauch bekannten sich zu ihrer Mosaik-Begeisterung. Für Heft 1 aus dem Jahr 1955 müssen Sammler inzwischen hohe vierstellige Euro-Beträge hinblättern. (Ich selbst betrachte meine Mosaik-Sammlung als Teil meiner Altersvorsorge.) Westdeutsche Comicfreunde konnten sich hingegen nur zögernd für die Bildgeschichten aus dem Osten erwärmen. Am 8. November ist der Mosaik-Schöpfer Hannes Hegen, der eigentlich Johannes Hegenbarth hieß, 89-jährig in Berlin gestorben.

www.justament.de, 17.11.2014: Brisante Zwangsversteigerung

Gerichtsgeschichten aus Berlin, Teil 1

Thomas Claer

Amtsgericht Charlottenburg (Foto: Wikipedia)

Amtsgericht Charlottenburg (Foto: Wikipedia)

Johannes K. (Name von der Redaktion geändert) bekam von jemandem eine für seine Verhältnisse nicht ganz unbedeutende Summe zurückgezahlt, von welcher er nicht unbedingt hatte annehmen können, sie jemals wiederzusehen. Es waren um die 10.000 Euro. Was also anfangen mit dem unerwarteten Geldsegen? Seine Ehefrau wusste es sofort: „Kauf mir einen Flügel!“, forderte sie, die eine passionierte Klavierspielerin und mit ihrem Instrument schon seit langem nicht mehr ganz zufrieden war. Doch ist ein Klavier und erst recht ein Flügel kein Musikinstrument wie jedes andere. Es ist immer auch zugleich ein Möbelstück, das sich in die Wohnung einfügen muss. Und nun sollte also solch ein kolossales Teil statt des guten alten Klaviers ins Wohnzimmer ihrer gemeinsamen Wohnung kommen und dort gewissermaßen alles Feng Shui auf den Kopf stellen? Darüber, so fand Johannes K., könne nur im ehegemeinschaftlichen Konsens entschieden werden, und er jedenfalls, soviel stand fest, war völlig dagegen. Um einen Flügel anschaffen zu können, so meinte er, bräuchte man zuerst einmal eine größere Wohnung, und daran war nun wirklich nicht zu denken. Auch durch alle Überredungskünste seiner Frau ließ er sich nicht umstimmen. Und überhaupt stand der Sinn ihm eigentlich mehr danach, das Geld gewinnbringend zu investieren, als es in hedonistischer Manier einfach auf den Kopf zu hauen.

Ein paar Tage später kamen Johannes K. und seine Frau auf einem Spaziergang an den Kleingartenanlagen nahe ihrer Berliner Wohnung vorbei und erblickten in einer der Parzellen ein Schild, auf dem in großen Buchstaben „ZU VERKAUFEN“ stand, darunter war eine Telefonnummer aufgeschrieben. Bei seiner anschließenden Internetrecherche zu Hause am PC fand Johannes K. heraus, dass es sich bei diesen Kleingärten um Pachtgärten handelte, die gegen Abschlagzahlung für das jeweilige Gartenhäuschen – üblicherweise um die 10.000 Euro – an neue Pächter abgetreten wurden. Johannes K. dachte den ganzen Abend an nichts anderes. Vor seinem geistigen Auge entstanden Bilder von lauen Sommerabenden, an denen Grillfleisch mit selbstgezogenem Gemüse serviert wurde. Seine Frau erklärte ihr Einverständnis mit seinen Plänen – allerdings unter der Bedingung, dass Johannes K. alle anfallenden Arbeiten allein zu verrichten bereit sei. Ein wenig wurmte es Johannes K. aber doch, dass der Garten, abgesehen von etwas Obst und Gemüse, keine geldwerten Erträge abwerfen würde. Da fiel ihm die Nähe zum S-Bahnhof ein. Schließlich waren in den letzten Jahren unzählige Ferienwohnungen in ihrer Wohngegend entstanden. Da könnte man doch, so dachte er, zumindest ab und zu das Gartenhäuschen auch an Berlin-Touristen vermieten. Und gleich darauf fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Wie oft hatten seine Frau und er sich in den vergangenen Monaten gewundert, wenn sie immer wieder ganze Familien mit Rollkoffern vom S-Bahnhof in Richtung der Gartenanlage ziehen sahen. Die hatten sich, wie ihm jetzt schlagartig klar wurde, also doch nicht im Weg geirrt! Johannes K. zuckte seinen Taschenrechner und berechnete die zu erwartende Rendite. Er war nun fest entschlossen zuzugreifen. Am nächsten Tag ging er mit seiner Frau noch einmal zur besagten Parzelle. Das Schild, das dort gehangen hatte, war aber bereits wieder verschwunden…

Einige Zeit danach klickte sich Johannes K. durch die Gerichtsseiten mit den Immobilien-Zwangsversteigerungen. Vor fast zehn Jahren war er einmal interessehalber auf einer solchen Versteigerung im Amtsgericht Wedding gewesen. Damals ging es um eine leer stehende, renovierungsbedürftige Wohnung im wenig angesagten Reinickendorf. Nachkriegsbau, gut 70 qm, Verkehrswert: 70.000. Außer ihm, der ja nur zuschauen wollte, war nur noch ein weiterer Interessent erschienen, der die Wohnung für gerade einmal 70 % des Verkehrswertes ersteigerte. Johannes K. war seinerzeit zwar auf anderem Wege, aber ebenfalls zu sehr günstigen Preisen an seine bescheidenen Eigentumswohnungen in Berlin gekommen und hatte seitdem mit großer Genugtuung den stetigen Anstieg der Immobilienpreise verfolgt. Und nun erblickte er genau das, was er gesucht hatte: einen Garagenstellplatz in relativer Nähe seiner Wohnung zum Verkehrswert von 10.000 Euro, langjährig vermietet für monatlich 100 Euro abzüglich 15 Euro Hausgeld. Johannes K. errechnete unter Berücksichtigung aller Nebenkosten eine stolze jährliche Rendite im hohen einstelligen Prozentbereich. Allerdings musste er bei seiner Analyse der Mikrolage feststellen, dass andere Stellplätze im Umfeld für Monatsmieten von nur 60 Euro angeboten wurden und trotzdem seit Monaten leer standen. Nach umfassender Abwägung aller Chancen und Risiken, auch unter Berücksichtigung der künftig zumindest in den Innenstadtlagen irgendwann zu erwartenden deutlichen Abnahme der Zahl individuell genutzter Fahrzeuge aufgrund attraktiverer Carsharing-Angebote mit selbstfahrenden Kfz kam Johannes K. zum Ergebnis, dass sich die Sache nur bis zu einem Kaufpreis von 10.500 Euro dauerhaft für ihn lohnen würde. Er war nun entschlossen, bis zu dieser Höhe für den Stellplatz mitzubieten. Um aber besser auf die Situation beim Versteigerungstermin vorbereitet zu sein, besuchte er im Vorfeld drei andere Zwangsversteigerungen in Berliner Amtsgerichten.

Beim ersten Termin ging es um eine Wohnung in Lichtenberg, ganz nahe am Szene- und Partyviertel Friedrichshain gelegen, 3 Zimmer, 73 qm, Baujahr 1905, 3.OG, billig vermietet, Mietrückstände, Verkehrswert laut Gutachten: 106.000 Euro. Über 30 Besucher drängten sich in den kleinen Saal im Amtsgericht Lichtenberg, ein sehr internationales Publikum, darunter viele Jüngere. Nach dramatischem Bietergefecht erteilte der Rechtspfleger den Zuschlag für 170.000 Euro (160 Prozent des Verkehrswerts) an ein deutsch-chinesisches Paar, das sich überglücklich in den Armen lag. Bei den unterlegenen Bietern flossen die Tränen…

Am Tag darauf das Kontrastprogramm: Eine Wohnung am östlichen Stadtrand in Hellersdorf, ziemlich abgelegen, S- und U-Bahn weit entfernt, 105 qm, Baujahr 1996, Erdgeschoss in villenartigem Haus, vermietet, die Mieter hatten die Miete um 70 Prozent gemindert. Verkehrswert laut Gutachten: 135.000 Euro. Nur drei Besucher waren außer Johannes K. erschienen, zwei davon waren die Mieter der Wohnung: ein älteres Paar, das sich vor Gericht darüber beschweren wollte, dass es seit Jahren nicht wüsste, wer ihr Vermieter sei. Der Eigentümer der Wohnung sei völlig überschuldet und habe seine Mietansprüche an einen der Kreditgeber abgetreten, an den die Mieter jetzt ihre Miete zahlten, aber niemand kümmere sich um die Wohnungsmängel: Schimmel in den Räumen, Nässe im Keller… Die Rechtspflegerin entgegnete den Mietern, sie könne ihnen auch nicht weiterhelfen. Die Vertreterin der Gläubigerbank erklärte, dass sie nur bei Geboten ab Höhe des Verkehrswerts einer Zuschlagerteilung zustimmen werde. Es wurde kein Gebot abgegeben und das Verfahren eingestellt.

Einige Tage später ging es vor dem Amtsgericht Charlottenburg um eine 2-Zimmer-Wohnung, 55 qm mit Balkon im 1.OG eines unschönen Nachkriegsbaus von 1962, direkt neben der lauten Stadtautobahn, aber im zentralen und gutbürgerlichen Bezirk Wilmersdorf gelegen, vermietet für 242 Euro kalt an eine türkische Familie mit Satellitenschüssel auf dem Balkon. Verkehrswert laut Gutachten: 105.000 Euro. (Johannes K. errechnete eine jährliche Rendite aufs eingesetzte Kapital von kaum 2 Prozent.) 15 Besucher waren erschienen. Die Gläubigerbank erklärte eingangs, dass sie nur bei Geboten ab Höhe des Verkehrswerts einer Zuschlagerteilung zustimmen werde. Bis auf zwei Teilnehmer, die vorzeitig den Saal verlassen hatten, saßen alle anderen bis zum Ende der Bieterzeit auf ihren Plätzen und belauerten sich gegenseitig intensiv, ob nicht doch noch jemand ein Gebot abgeben würde. Es bot aber niemand. Schließlich setzte der Rechtspfleger einen weiteren Termin in dieser Sache an.

Dann war endlich der große Tag gekommen. Johannes K. machte sich auf den Weg ins Gericht, um „seinen“ Garagenstellplatz mit der attraktiven Rendite für allerhöchstens 10.500 Euro zu ersteigern. Er hatte sich eine ausgefeilte Strategie überlegt, mit der er hoffte, die anderen Interessenten möglicherweise ausstechen zu können. Doch bereits im Flur vor dem Sitzungssaal sah er die Dame von der Gläubigerbank, die ihm schon von der Versteigerung im Amtsgericht Lichtenberg bekannt war. Gleich zu Beginn erklärte diese, dass sie nur bei Geboten ab 12.000 Euro einer Zuschlagerteilung zustimmen werde (stolze 20 Prozent über der Höhe des Verkehrswerts laut Gutachten), woraufhin sie einen triumphierenden Blick in die Runde der enttäuschten Gesichter warf. Es waren neun Personen anwesend, von denen immerhin noch sechs trotzdem Gebote abgaben. Für Johannes K. aber, der genau gerechnet hatte, war dieses Preisniveau bereits zu hoch. Er beschränkte sich darauf, das Geschehen als Zuschauer zu verfolgen. In kleinen Schritten arbeiteten sich fünf Bieter, offensichtlich Privatleute, von denen manche den Stellplatz vielleicht selber nutzen wollten, langsam und tapfer nach oben. Wenige Sekunden vor Ablauf der Bieterzeit waren sie bei 12.650 Euro angelangt. Da trat plötzlich ein Mann von einer Projektentwicklungs GmbH in Erscheinung, der bis dahin nur unbeteiligt daneben gesessen hatte, und bot 13.000 Euro. Einer der Privatmänner hielt mit 13.010 Euro dagegen. Darauf der GmbH-Mann: 13.500 Euro. Dann wieder der Privatmann: 13.600 Euro. Und schließlich der GmbH-Mann: 14.000,- Euro. Das war‘s dann. Johannes K. zog daraus den Schluss, dass die Zeit der Immobilien-Schnäppchen in Berlin nun aber endgültig zu Ende sei…

Doch er hatte ja noch immer seine 10.000 Euro. Sollte es denn wirklich keine lukrative Anlagemöglichkeit mehr für sein Geld geben? Da setzte im Oktober plötzlich und unerwartet eine heftige Korrektur an den Aktienmärkten ein. Immer tiefer und tiefer stürzten die Kurse innerhalb weniger Tage. Für Johannes K. war das wie ein Geschenk des Himmels. Ihm war klar, dass es sich schon aufgrund der ausgedehnten Niedrigzinspolitik der Notenbanken und deren sonstiger geldpolitischer Maßnahmen nur um eine temporäre Irritation an den Märkten handeln konnte. Im Notfall, da war er sich ganz sicher, stünden Politik und Zentralbanken angesichts der explosiven Weltlage jederzeit bereit, um die Situation zu entschärfen. Auch würden sich auf diesem Kursniveau ohnehin früher oder später Schnäppchenjäger finden, die  sich zu moderaten Einstandspreisen mit konservativen Dividendentiteln eindecken und die Kurse weiter stabilisieren würden. Und so geschah es. Beherzt griff auch Johannes K. zu und kann sich nun bei überschaubarem Risiko über jährliche Ausschüttungen von fast 500 Euro freuen, was einer Rendite von knapp 5 Prozent entspricht. Na also, mehr wollte er doch gar nicht.

www.justament.de, 3.11.2014: Auf der Höhe

Element Of Crime überzeugen auf „Lieblingsfarben und Tiere“

Thomas Claer

lieblingsfarbenImmer, wenn die Berliner Combo Element Of Crime eine neue Platte rausbringt, ist das ein größeres Ereignis. Klar, es kommt ja auch nicht mehr allzu oft vor. Ganze drei Studioalben waren von ihnen seit der letzten Jahrtausendwende erschienen, nun haben wir das vierte. Und es enthält auch gerade mal zehn Songs. Ist es schlecht, dass sie sich so zurückhalten? Nein, es ist genau richtig, und vor allem ist es dieser Ausnahmeband völlig angemessen. Nur das Allerbeste darf das Licht der Öffentlichkeit erblicken.

Schon beim ersten Hören zeigt sich, dass sich Sven Regener und seine Mitstreiter auf „Lieblingsfarben und Tiere“ in jeder Hinsicht treu geblieben sind. Wie wenn man gute alte Freunde nach vielen Jahren wiedertrifft und sie einem völlig unverändert erscheinen. Klickt man sich hingegen durch 20 Jahre alte Element-Auftritte auf YouTube, muss man sich doch sehr wundern, wie verspannt und pathetisch sie damals wirkten. Jedenfalls kommt einem das heute so vor, damals fand man das allerdings ganz und gar nicht. Man darf es vielleicht gar nicht ganz zu Ende denken, wie viele der persönlichen ästhetischen Urteile, die zwar nicht gerade Anspruch auf Objektivität, aber doch auf eine gewisse Verbindlichkeit erheben wollen, blind von den unergründlichen Prozessen der eigenen Körperchemie gesteuert werden…

„Lieblingsfarben und Tiere“ also. Das Titelstück ist eher mittelprächtig geraten, zwei bis drei andere Lieder auch. Der Rest ist gut bis sehr gut bis überragend. Die reifen Elements haben zu einer fast schon beängstigenden Stilsicherheit gefunden. Das locker-luftige, von  Countryklängen durchsetzte musikalische Gewand steht ihnen ausgezeichnet. Besondere Höhepunkte sind „Am Morgen danach“, „Schade, dass ich das nicht war“, „Liebe ist kälter als der Tod“, „Immer so weiter“ und „Dunkle Wolke“, womit auch schon das halbe Album aufgezählt wäre. Der Song „Dieselben Sterne“ dagegen erscheint auf den ersten Blick etwas schlagerhaft und bieder, gewinnt aber enorm, je mehr man sich auf ihn einlässt. Und vor allem: Was für ein scheinbar schlichter, doch im Verborgenen geradezu philosophischer Text! Wer Ohren hat, der höre! Überhaupt sind Sven Regeners Texte einmal mehr einsame Spitze. Ferner hat sich auch seine Stimme deutlich verbessert, seit er mit dem Rauchen aufgehört hat. Kurz: Wir erleben eine Band auf der Höhe ihres Schaffens. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).

Element Of Crime
Lieblingsfarben und Tiere
Vertigo Berlin (Universal Music) 2014
ASIN: B00N3AYOB0