www.justament.de, 12.1.2014: Wir sind Charlie, wir sind Muslime, wir sind Houellebecq

Anmerkungen zur Presse-, Religions- und Kunstfreiheit

Thomas Claer

Anti-Pegida-Demo in Berlin-Hellersdorf

Anti-Pegida-Demo in Berlin

So unvorstellbar dumm die Attentäter auch gewesen sein mochten, die am vergangenen Mittwoch ein Blutbad in den Redaktionsräumen des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo anrichteten, um den Propheten Mohammed wegen ein paar blasphemischer Karikaturen zu rächen, eines hatten sie schon ganz richtig erkannt: Ihre Hauptfeinde waren nicht irgendwelche Hooligans oder der „Front National“, sondern, und hier konnten sie mit allen Fundamentalisten jeder Couleur einig sein, der Humor, die Ironie, das Recht zum Spotten. Denn diese Werte und Grundsätze sind, um es mit dem hier ausnahmsweise gebotenen Pathos zu sagen, womöglich das Heiligste überhaupt in einer freien Gesellschaft. Es gibt schlichtweg keinen besseren Maßstab für den Grad an Liberalität, der in einem Lande herrscht, als die Frage, was dort Satire darf und was nicht. Überflüssig zu erwähnen, wie allein die Antwort darauf in einem wirklich freien Land nur lauten kann. Natürlich darf Satire, um es mit den Worten eines unserer Propheten, des Hl. Kurt Tucholsky, zu sagen: ALLES. Ja, genau: ALLES, ALLES, ALLES.

Gleich danach muss aber auch schon die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses kommen. Vermutlich ist es ja ein Gebot der politischen Klugheit, auf die „besorgten Bürger“ zuzugehen, die in Dresden und anderswo gegen eine angeblich drohende „Islamisierung“ des „christlichen Abendlandes“ auf die Straße gehen, ihre Sorgen und Ängste (auch die vor der angeblichen „Lügenpresse“) ernst zu nehmen, wie es immer so schön heißt. Sonst werden sie sich womöglich noch dauerhaft in ihrer vermeintlichen Opferrolle („Die da oben machen ja doch, was sie wollen.“) einrichten. Es muss aber klar sein, dass hier auf aggressive Weise an den existentiellen Prinzipien einer freien Gesellschaft gesägt wird. Die große Bewährungsprobe für unsere Zivilgesellschaft wird es daher sein, die überwältigende Mehrheit der rechts- und verfassungstreuen Muslime unter uns vor dem sich leider wieder ausbreitenden Generalverdacht gegen sie zu schützen.

Soweit ist alles klar. Etwas schwieriger liegt der Fall bei „Unterwerfung“, dem neuen Roman des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq. Darin entwirft dieser das Zukunftsszenario einer „Machtergreifung“ streng religiöser Muslime in Frankreich, welche die Scharia zum obersten Verfassungsprinzip machen, die Polygamie legalisieren u.s.w. Wird hier nicht die Freiheit der Kunst missbraucht, um politisch-religiöse Hetze gegen eine Minderheit zu betreiben? Ist das nicht gewissermaßen PEGIDA mit den Mitteln der Kunst? Nun, eine solche Deutung ist durchaus möglich. Manche werden solche Intentionen des Verfassers sogar für wahrscheinlich halten, zumal sich der Roman auch als durchsichtiger Versuch des Autors ansehen lässt, mit der größtmöglichen Provokation maximal Kasse zu machen. Und doch darf sich eine differenzierte Betrachtung niemals der Logik des Verdachts beugen. Schon eine flüchtige Durchsicht der ersten Rezensionen des Romans lässt dessen Vieldeutigkeit und Komplexität erkennen. Wahrscheinlich haben wir es sogar mit einer groß angelegten französischen Gesellschaftssatire zu tun. Es genügt aber bereits, dass es sich hier eindeutig um Kunst und nicht um Propaganda handelt, um Houellebecq, ähnlich wie sein Romanheld Kettenraucher und meistens schon um zwölf Uhr mittags betrunken, gegen seine Kritiker zu verteidigen. Kurz, die Freiheit der Kunst verdient einen ebenso unbedingten Schutz wie die der Presse und die der Religion.

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