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www.justament.de, 24.4.2017: Das Ende ist nahe

Der sechste Band von Marcel Prousts “Recherche”: Die Entflohene

Thomas Claer

Mit der Lektüre dieses großen Werkes über die Zeit verrinnt auch dem Leser seine Lebenszeit. Mehr als sieben Jahre sind seit der Besprechung des ersten Bandes, „In Swanns Welt“, an dieser Stelle vergangen. Und wenn ich auf meine ersten gelesenen Seiten der „Suche nach der verlorenen Zeit“ zurückblicke, dann wohl sogar ein Jahrzehnt. Zeit, in der vieles im Leben eines Menschen passieren kann, und in der man womöglich ein Anderer geworden ist, dem andere Dinge wichtiger geworden sind als die, die einen damals noch umgetrieben haben.

Albertine ist weg

Nun ist das Lese-Werk fast vollbracht. Der sechste der sieben Bände von Marcel Prousts „Recherche“, „Die Entflohene“, ebnet den Weg zum großen Finale. Albertine ist weg, so hatte der fünfte Band, „Die Gefangene“, geendet. Völlig überraschend war Marcels Langzeitfreundin eines Morgens mit gepacktem Koffer aus Paris abgereist. Und just im Moment seines Erschreckens darüber setzt die Handlung dieses vorletzten Bandes wieder ein. Immerhin einen Abschiedsbrief hat sie hinterlassen, der aber nicht viel mehr ist als die Fortsetzung gewisser „Ich verlasse dich-Spielchen“, die die beiden Liebenden schon seit geraumer Zeit miteinander gespielt haben. Er solle nicht versuchen, sie umzustimmen, ihr Entschluss sei endgültig u.s.w.
Zwar hatte zuvor ja auch Marcel über eine Trennung von Albertine nachgedacht, angesichts der „mäßigen Vergnügungen, die sie mir verschaffte“. „Aber unser Verstand, wie klar er auch sei, kann nicht deutlich erforschen, aus welchen Elementen unser Herzensgrund sich zusammensetzt…“ „Es war für mich zu einer festen Gewohnheit geworden, Albertine um mich zu haben…“ „So geschah es, dass meine Trennung von Albertine mir keineswegs das Feld aller möglichen Vergnügungen eröffnete, von denen ich geglaubt hatte, es sei mir nur durch ihre Gegenwart verstellt.“ Und so „verwandelte sich übergangslos die Qual der Eifersucht in Verzweiflung über die Trennung“. „Jetzt sah ich sie als furchterregende Gottheit, die … wenn sie sich von uns wendet, … uns die schrecklichsten Leiden bereitet und grausam wird wie der Tod.“

In den folgenden Tagen steigert sich Marcels Bitterkeit noch zusehends: „Dieses Unglück war das größte meines ganzen Lebens, und dennoch wurde das Leiden, das es mir bereitete, vielleicht noch von der Neugier übertroffen, die Ursache dieses Unglücks zu erfahren: nach wem Albertine verlangte, wem sie sich von neuem angeschlossen hatte.“ Er beauftragt seinen Freund, den Marquis Robert de Saint-Loup, Albertine hinterherzureisen – Marcel vermutet sie bei ihrer Tante – um ihr nachzuspionieren. Insbesondere nimmt Marcel an, dass Albertine aus erotischer Unersättlichkeit das Weite gesucht habe, glaubt er doch, um die Freundschaft Albertines „mit zwei Lesbierinnen“ zu wissen, weshalb er von „wohlorganisierten Orgien“ ausgeht. Die weise Erzählerstimme kommentiert dies mit Einsichten in die Begrenztheit aller Vernunft: „Das Leben selbst führt uns nach und nach, von Fall zu Fall, zu der Wahrnehmung, dass alles das, was für unser Herz oder für unseren Geist das Allerwichtigste ist, uns nicht durch vernunftmäßige Überlegung zuteil wird, sondern durch andere Mächte. Dann aber ist es der Verstand selbst, der im Gewahrwerden ihrer Überlegenheit auf Grund vernünftiger Einsicht vor jenen die Waffen streckt und sich darein ergibt, nur ihr Mitarbeiter und Diener zu sein.“ Und überhaupt, die Liebe:
„Eine der Ursachen aber für die unaufhörlichen Enttäuschungen in der Liebe liegt vielleicht in diesen ständigen Abweichungen, die bewirken, dass, während wir auf das ideale Wesen warten, das wir lieben, jede Begegnung uns eine Person aus Fleisch und Blut entgegenführt, die bereits sehr wenig von unserem Traum enthält.“ Und, schlimmer noch: „Vielleicht hat man ein Symbol und eine Wahrheit in der Erfahrung zu sehen, welchen winzigen Raum in unserer Beängstigung die einnimmt, auf die sie sich bezieht. Ihre Person spielt dabei tatsächlich eine geringe Rolle, die weitaus größere vielmehr der Ablauf von inneren Bewegungen und Ängsten, die wir infolge gewisser Zufälle um ihretwegen erlebt und die sich durch Gewohnheit an ihre Person festgeheftet haben.“
Ja, man darf sich da nichts vormachen: In erster Linie kreist der Liebende nur um sich selbst. Und das sogar dann, wenn man sich schon gut zu kennen glaubt: „Aber was man Erfahrung nennt, ist nur die unseren Augen zuteil werdende Offenbarung eines unserer Charakterzüge, der ganz natürlich wiedererscheint, und zwar um so nachdrücklicher, als wir ihn schon einmal vor uns selbst ans Licht gezogen haben, so dass die spontane Regung, die uns das erste Mal geleitet hatte, durch alle Suggestionen der Erinnerung auch noch eine Bestärkung erfährt. Das menschliche Plagiat, dem man am schwersten entgeht, ist für die Individuen (und sogar für die Völker, die in ihren Fehlern verharren und sie noch zunehmen lassen) immer das Plagiat ihrer selbst.“ „Die Bande zwischen einem Wesen und uns existiert nur in unserem Denken. Wenn das Gedächtnis nachlässt, lockern sie sich, und ungeachtet der Illusion, der wir gern erliegen würden, existieren wir nur allein. Der Mensch ist das Wesen, das nicht aus sich heraus kann, das die anderen nur in sich selber kennt und lügt, wenn es das Gegenteil behauptet.“

Da ist es dann auch völlig unwesentlich, dass Albertine, wie ganz nebenbei erwähnt wird, in den letzten Monaten erheblich zugenommen hat und mittlerweile als „rundlich und brünett“ beschrieben wird. „Lassen wir die hübschen Frauen den Männern, die über keine Phantasie verfügen!“

Um sich etwas abzulenken, liest Marcel einen Roman, findet aber keine große Freude daran: „Ich wusste, dass man einen Roman nicht lesen kann, ohne der Heldin die Züge derjenigen zu geben, die man liebt, aber wenn das Buch auch noch so glücklich ausgeht, ist unsere Liebe doch keinen Schritt weitergekommen…“ Genauso ist es.

„Man glaubt, dass man nach seinem Wunsch und Willen die Dinge um sich her ändern kann, man glaubt es, weil man ohne das keine günstige Lösung sieht. Man denkt nicht an die, die sich am häufigsten einstellt und die in der Tat auch die günstigste ist: wir gelangen nicht dazu, die Dinge nach unseren Wünschen zu ändern, aber ganz allmählich macht unser eigenes Wünschen eine Wandlung durch. Die Situation, die wir zu ändern hofften, weil sie uns unerträglich war, wird dann uninteressant für uns. Wir haben das Hindernis zwar nicht überwinden können, wie wir es durchaus wollten, aber das Leben hat uns dazu geführt, es zu umgehen, daran vorbeizugleiten, und wenden wir uns dann wieder nach der Ferne der Vergangenheit zurück, vermögen wir es kaum zu bemerken, so wenig ist es noch wahrnehmbar für uns.“

Kostenrechnung

Da kommt Marcel doch noch die (vermeintlich) rettende Idee: „Sie war sicher nur fortgegangen, um von mir bessere Bedingungen, mehr Freiheit, mehr Luxus zu erlangen.“ Schließlich ist Marcel ein reicher Mann, und Albertine hat – wie so viele ihrer Geschlechtsgenossinnen – eine ausgeprägte Neigung zu den Freuden des Konsums. Um Albertine zurückzugewinnen, schwebt Marcel vor, ihr mehrere Autos – konkret denkt er an die Marke Rolls Royce – und eine Jacht zu kaufen.

Hierfür macht er folgende Kostenrechnung auf, die tiefe Einblicke in seine Vermögensverhältnisse gewährt: „Ich hatte vor, außer den Automobilen die schönste Jacht zu kaufen, die es damals gab. Sie war zu haben, aber so teuer, dass sich kein Käufer dafür fand. Im übrigen würde sie noch nach dem Kauf, selbst vorausgesetzt, dass wir nur vier Monate im Jahr damit kreuzten, mehr als zweihunderttausend Francs jährlich an Unterhalt kosten. Auf einem Fuß von mehr als einer halben Million Francs pro Jahr würden wir also leben. Würde ich das sieben oder acht Jahre lang überhaupt durchhalten können? Aber das machte nichts aus: wenn ich nur mehr fünfzigtausend Francs Rente haben würde, könnte ich sie Albertine überlassen und mir das Leben nehmen. Das war der Entschluss, den ich fasste…“

Zweifellos liegt hierin eine Einladung an den Leser, den Umfang von Marcels Vermögen abzuschätzen. „Nur mehr fünfzigtausend Francs Rente“ (womit keine Altersversorgung, sondern die jährlichen Einnahmen aus festverzinslichen Wertpapieren gemeint sind) bedeutet, dass sein verbliebenes Vermögen bei einer angenommenen Verzinsung von fünf Prozent (damit es sich leichter rechnet) noch ca. 1 Million Francs beträgt. Wenn er zuvor sieben Jahre lang jeweils ½ Million Francs pro Jahr ausgibt, liegt sein Vermögen zum Ist-Zeitpunkt sogar bei 4,5 Millionen Franc, den unermesslich hohen Kaufpreis für die Anschaffung der Jacht sowie die ebenfalls nicht ganz billigen Autokäufe noch gar nicht mitgerechnet. Doch welchen Wert hatte damals, im frühen 20. Jahrhundert, ein französischer Franc? Während vor der Einführung des Euro etwa drei Francs dem Wert einer Deutschen Mark entsprachen, lag der Wechselkurs Reichsmark/Franc seinerzeit, wie eine Google-Recherche verrät, eher bei 1:1,2. Klar, die französischen Währungen hatten immer eine stärkere Inflationsneigung als die deutschen. Aber wie viel, in heutigen Euro beziffert, war damals eine Reichsmark wert? Auf der Homepage der Deutschen Bundesbank wird nach Belehrung über alle methodischen Unwägbarkeiten ein Verhältnis von 1:6,5 angegeben, also eine Reichsmark entsprach ungefähr einer Kaufkraft von heute 6,50 Euro. Demnach ließe sich unter Einbeziehung des damaligen Wechselkurses zwischen Franc und Reichsmark ein Umrechnungsfaktor zwischen damaligem Franc und heutigem Euro von etwa 1:5,5 ableiten. Marcel hätte also nach Jacht- und Autokäufen noch ca. 24,75 Millionen Euro besessen, weitere sieben Jahre später aber nur noch 5,5 Millionen Euro, denn die Jacht hätte ihn jährlich 1,1 Millionen Euro allein an Unterhalt gekostet, was selbst jene des berüchtigten Top-Managers Thomas Middelhoff weit übertrifft, der nur 40.000 Euro monatliche Unterhaltskosten, also gerade einmal 480.000 Euro pro Jahr an entsprechenden Aufwendungen zu beklagen hatte. Die mit dem nach sieben Jahren noch verbliebenen Vermögen erzielbare jährliche Rente von 50.000 Francs würde demnach der Kaufkraft von heute 275.000 Euro entsprechen. Für Marcel ist das als angenommenes Jahressalär für zwei Personen so wenig, dass er sich lieber umbringen will, um Albertine sämtliche Einnahmen zu überlassen. (Es wird in Marcels Kalkulation nicht ganz klar, ob er die Einnahmen aus dem Verkauf der Jacht bereits mitgerechnet hat.)

Solche Sorgen möchte man haben, wird nun mancher denken. Aber alles ist relativ: „Und leiden nicht sogar jene Landmädchen ohne gesellschaftliche Vorteile und ohne Verbindungen nach außen hin oder die Menschen, die vor der Vervollkommnung der Zivilisation gelebt haben, weniger, weil man unter diesen Umständen weniger Wünsche in sich trägt und weil man weniger wehmutsvoll vermisst, was man immer für unerreichbar gehalten hat und was aus diesem Grunde gleichsam unwirklich geblieben ist?“ Ein Gedanke von Sloterdijkschem Format…

Doch zurück zu Marcels Kostenrechnung, deren Konsequenzen er sich wie folgt ausmalt: „Wenn ich mich in fünf Jahren töten würde, so würde es für mich aus damit sein, alle die Dinge denken zu können, die unaufhörlich in meinem Geiste vorüberzogen. Ich würde nicht mehr auf der Erde wohnen und niemals dorthin zurückkehren. Mein Denken würde für immer zum Stillstand gekommen sein. Mein Ich aber erschien mir nur desto nichtiger, wenn ich es derart schon als etwas sah, was nicht existiert. Wie konnte es schwierig sein, derjenigen, zu der unser Denken unaufhörlich eilt (derjenigen, die wir lieben), dies andere Wesen zu opfern, an das wir niemals denken, nämlich uns? Daher erschien mir der Gedanke an meinen Tod wie auch die Vorstellung meines Ich als etwas Merkwürdiges; sie war mir keineswegs unangenehm. Plötzlich fand ich sie abschreckend traurig; ich hatte nämlich daran gedacht, dass, wenn ich nicht über mehr Geld verfügen könnte, es daran liege, dass meine Eltern noch lebten. Ich dachte plötzlich an meine Mutter. Die Vorstellung aber, sie würde nach meinem Tode leiden, konnte ich nicht ertragen.“

Und das wiederum spräche dann doch gegen den Kauf der teuersten Jacht für Albertine…

Bluff und Tod

Endlich kommt Bewegung in die Sache. Albertine hat die Nachstellungen von Saint-Looup bemerkt und schreibt an Marcel, dass er ihr doch gefälligst nicht in Person seines Freundes nachstellen solle. Er könne sich doch selbst an sie wenden, und womöglich würde sie ja doch zurückkommen, sofern er den starken Wunsch dazu verspüre…

„Die seit so langem verlorengegangene Süße, sie bei mir zu haben, berauschte mich.“ Nun muss Marcel nur noch ja sagen, aber er pokert noch höher, indem er Albertine zurückschreibt, dass er ja auch der Meinung sei, dass sie nicht gut zusammenpassten und er im übrigen in Kürze ihre Freundin Andrée treffen werde. Daraufhin blufft Albertine zurück, dass es ja nett sei, dass er sie von seinem Treffen mit Andrée in Kenntnis setze. Schließlich verlieren, wie sich später herausstellen wird, beide ungefähr zeitgleich die Nerven und richten Depeschen aneinander, die jeweils eine schnelle Rückkehr Albertines zu Marcel herbeisehnen.

Doch noch vor Erhalt von Albertines letzter Nachricht erreicht Marcel ein Telegramm ihrer Tante, dass Albertine tragisch verunglückt sei. Beim Ausreiten sei sie vom Pferd so heftig gegen einen Baum geschleudert worden, dass jede Hilfe zu spät kam. Nun steigern sich Marcels Leiden ins Unermessliche: „Die Kraft, die am häufigsten in der Sekunde den Weg um die Erde zurücklegt, ist nicht der elektrische Strom, sondern der Schmerz.“ „Die Kunst ist nicht das einzige, was die unbedeutendsten Dinge mit Zauber und Geheimnis zu umhüllen vermag; die gleiche Macht, sie in tiefinnerliche Beziehung zu uns zu setzen, ist auch dem Schmerz gegeben.“

Erstaunlich ist allerdings, dass Albertines Beerdigung im Buch mit keinem Wort erwähnt wird. Sollte Marcel an dieser nicht teilgenommen haben, obwohl Albertines Tante ihn doch im Telegramm ausdrücklich als engen Freund ihrer Nichte gewürdigt hatte?

So bleiben Marcel nur die Erinnerungen an seine Entflohene und Verunglückte: „Was nicht dank Albertine, sondern in einer parallelen Entwicklung, in den Stunden meiner Einsamkeit, dessen Süße ausgemacht hatte, war das durch die Reizwirkung identischer Augenblicke unaufhörlich erneuerte Wiederaufleben irgendwelcher früher durchmessenen. Das Geräusch des Regens hatte mir den Duft des Flieders von Combray wiedergeschenkt; das bewegliche Spiel der Sonne auf dem Balkon die Tauben der Champs-Elysées…“ „Man ist nur durch das, was man besitzt. Man besitzt aber nur, was man gegenwärtig hat; wie viele aber von unseren Erinnerungen, unseren Launen, unseren Ideen brechen in eine Ferne auf, in der wir sie aus den Augen verlieren! Dann aber können wir sie nicht mehr im Gesamtbestand unseres Wesens führen. Doch haben sie geheime Wege, auf denen sie in uns zurückzukehren vermögen…“

So erlebt er immer wieder Schübe sehnsuchtsvollen Angedenkens: „Ich sah Albertine wieder vor mir, wie sie sich, rosig unter dem schwarzen Haar, ans Pianola setzte; ich spürte auf meinen Lippen, die sie auseinanderzudrängen suchte, ihre Zunge, ihre mütterliche, unversiegliche, nährende, gebenedeite Zunge, deren verborgene Flamme und geheimer Gnadentau bewirkten, dass, wenn sie sie einzig über die Oberfläche meines Halses oder Leines gleiten ließ, ihre nur die Haut streifenden, aber gleichsam aus ihrem Innersten entstammenden Liebkosungen, die nur herausgekehrt waren, wie wenn ein Stoff seine Unterseite zeigt, auch noch in flüchtigsten Berührungen die geheimnisvolle Süße tiefer Durchdringung bekamen.“

Zwar muss er sich eingestehen:„Vielleicht hatten mein Vermögen, die Aussicht auf eine glänzende Partie sie ursprünglich angezogen…“ Jedoch: „Albertines Klugheit gefiel mir, weil sie assoziativ in mir das wieder heraufbeschwor, was ich ihre Süße nannte, so wie wir als die Süße einer Frucht eine gewisse Empfindung bezeichnen, die nur in unserem Gaumen existiert. Tatsächlich schoben sich, wenn ich an Albertines Klugheit dachte, meine Lippen instinktiv vor und kosteten eine Erinnerung aus, deren Wirklichkeit ich mir lieber als eine außerhalb von mir bestehende, objektive Überlegenheit eines Wesens vorstellte. Gewiss hatte ich Personen von größeren geistigen Ausmaßen gekannt. Aber die Unbegrenztheit der Liebe oder ihr Egoismus bewirkt, dass gerade die geistige und seelische Physiognomie der Wesen, die wir lieben, für uns am wenigsten objektiv definiert ist; wir retuschieren unaufhörlich nach Maßgabe unserer Wünsche und unserer Befürchtungen daran herum, wir trennen sie nicht von uns, sie sind nur ein unendlicher , unbestimmter Ort, an den wir unsere zärtlichen Gefühle aus uns selbst heraus verlagern… Und vielleicht hatte mein Unrecht daraus bestanden, dass ich nicht stärker den Versuch gemacht hatte, Albertine in sich selbst zu begreifen.“

Albertines Orgien

Doch auch nach Albertines Tod ist Marcel besessen von dem Gedanken, mehr über ihre mutmaßlichen geheimen erotischen Eskapaden herauszufinden: „Alle meine Wünsche verschmolzen in der ausschließlichen Neugier darauf, in welcher Weise Albertine ihre Lust empfand, wie sie aussehen mochte, wenn sie mit anderen Frauen zusammen war…“

Er beauftragt diverse Personen, etwas darüber in Erfahrung zu bringen. Es kommt heraus, dass Albertine sich bereits während ihrer Aufenthalte in Balbec, wo sie Marcel vor sechs Jahren kennengelernt hatte, in einem Duschetablissement mit jungen Mädchen getroffen haben soll. Ferner soll es Orgien am Strand mit jungen Wäscherinnen gegeben haben. So erscheint ihm rückblickend Balbec als ein „Ausschnitt der Hölle“.

Weitere Erkenntnisse ergeben sich für Marcel aus dem nun in die Tat umgesetzten Besuch Andrées, die immerhin Albertines beste Freundin gewesen ist. „Die Zungen lösen sich in seltsamer Weise und geben leicht einen Fehler preis, wenn niemand mehr den Groll der Schuldigen zu fürchten hat.“ Andrée gesteht Marcel zunächst alles und spricht freimütig über ihre Neigungen zu jungen Mädchen. Doch als Marcel es zu bunt treibt, indem er sie bittet, doch einmal ganz unverbindlich bei einem Vergnügen solcher Art zusehen zu dürfen, weist Andrée dies entrüstet zurück und bestreitet von nun an alles, was im Zusammenhang mit Albertine steht. Von deren diesbezüglichen Neigungen wisse sie angeblich gar nichts.

So bleibt es für Marcel, den auch die Unsicherheit der Zeugenaussagen aus Balbec ins Grübeln bringt, bei „Albertines eventueller Liebe zu irgendwelchen Frauen“.

Das Vergessen

Aber wie lange würde Marcel sein lebhaftes Interesse an seiner verstorbenen Freundin noch aufrechterhalten?

„Wie es eine Geometrie im Raum gibt, gibt es auch eine Psychologie in der Zeit, in der die Berechnungen einer Oberflächenpsychologie nicht mehr stimmen würden, weil man darin die Zeit und eine der Formen, die sie annimmt, nämlich das Vergessen, nicht genügend berücksichtigt hätte – das Vergessen, dessen Macht ich zu spüren begann und das ein so gewaltiges Werkzeug der Anpassung an die Wirklichkeit ist, weil es allmählich in uns die überlebte Wirklichkeit zerstört, die zu jener in beständigem Widerspruch steht. Ich hätte wahrlich gut und gern früher schon erraten können, dass ich eines Tages Albertine nicht mehr lieben würde. Als ich an den Unterschied in der Wichtigkeit, die ihre Person und ihre Handlungen einerseits für mich, andererseits für die anderen besaßen, begriffen hatte, dass meine Liebe weniger eine Liebe zu ihr als eine Liebe in ihr war, hätte ich verschiedene Folgerungen aus diesem subjektiven Charakter meiner Liebe ziehen können, zum Beispiel die, dass sie als ein Zustand meines Inneren eine geraume Zeit die Person, der sie galt, überleben konnte, aber auch, dass, da zwischen ihr und dieser Person kein wirkliches Band bestand und sie über keine Stütze außerhalb ihrerselbst verfügte, sie sich wie jeder Seelenzustand, auch der dauerhafteste, eines Tages außer Gebrauch gesetzt und ersetzt finden müsse, und dass an diesem Tag alles, was mich so innig und unaufhörlich mit der Erinnerung an Albertine verknüpft hatte, für mich nicht mehr existieren werde.“

Später spricht die Erzählerstimme von der „unermüdliche Zersetzungsarbeit des Vergessens“, aber auch von der „Grausamkeit der Erinnerung“. „Gewiss ist die Liebe deshalb nicht ewig, weil unsere Erinnerungen für uns nicht immer wahr bleiben und weil das Leben aus einer unaufhörlichen Erneuerung der Zellen besteht. (Das gilt aber nach heutigem Wissensstand nicht für die Gehirnzellen!, Anm. d.Verf.) Diese Erneuerung aber wird, soweit sie die Erinnerungen betrifft, gleichwohl durch die Aufmerksamkeit verzögert, die das, was sich wandeln soll, festzuhalten sucht und für kurze Zeit auch wirklich noch fixiert…“

Doch sieht Marcel schon kommen, dass selbst für ihn irgendwann die Erinnerung an Albertine verblassen wird: „Nicht weil die anderen tot sind, lässt unsere Zuneigung zu ihnen nach, sondern weil wir selbst sterben“, d.h. allmählich ein neues Ich werden, das gewissermaßen nur das Erbe unseres alten Ichs antritt.

Erster Artikel im Figaro

Doch es gibt nicht nur die Liebe im Leben. Schließlich hatte Marcel schon vor langen Jahren einen konkreten Berufswunsch formuliert, der ihm allerdings, selbst in seinem großbürgerlichen Umfeld, eine milde Skepsis einbrachte: Er wollte ein Schriftsteller werden. Zwar hatte sich seine Schreibtätigkeit jahrelang nur auf das Verfassen von Liebesbriefen beschränkt, doch nun, er dürfte inzwischen um die 30 sein, ist sein erster Artikel im „Figaro“ erschienen, was ihn sehr stolz macht. Immer wieder liest er seinen gedruckten Text aufs Neue und stellt sich dabei vor, wie der Artikel wohl auf einen unbefangenen Leser ohne Vorkenntnisse, ohne vorherige Befassung mit der Thematik wirken würde. Und nicht nur das: „Ich dachte an diese oder jene Leserin, in deren Schlafzimmer ich gern eingedrungen wäre…“ So wie viele Autoren träumt er davon, für seine Texte (und nicht nur aus anderen Gründen) geliebt zu werden. Aber das klappt nach aller Erfahrung nur in den seltensten Fällen…

Immerhin äußert sich Monsieur de Guermantes über Marcels Figaro-Artikel, nachdem er ihn gelesen hat: „Er bedauerte die etwas klischeehafte Form meines Stils, in dem eine noch reichlich geschwollene Ausdrucksweise und die Häufung von Metaphern ein wenig an die altmodisch anmutende Prosa Chateaubriands gemahne; hingegen beglückwünschte er mich vorbehaltlos dazu, dass ich mich ‚mit etwas beschäftigte‘. ‚Ich mag es gern, wenn man seine Hände rührt. Ich habe nichts übrig für die unnützen jungen Leute, diese Narrenzunft, die nur Wichtigtuer und Unruhestifter hervorbringt.‘“

Und so beschließt Marcel, sich künftig noch dem Schreiben noch intensiver zu widmen: „Dass in mir eine gewisse Geneigtheit zu arbeiten, die verlorene Zeit aufzuholen, ein anderes, überhaupt erst das richtige Leben anzufangen, auch weiterhin bestand, schenkte mir die Illusion, ich sei noch immer genauso jung…“

Staunen und Scham

Ein halbes Jahr später hat Marcel mit Andrée gewissermaßen freundschaftlichen Sex (wenige Wochen bevor sie ihre anderweitige Verlobung bekanntgeben wird), und im Anschluss daran berichtet sie plötzlich doch und sogar sehr ausführlich von ihrem intimen Verhältnis zu Albertine. Noch schmerzhafter für Marcel ist aber, dass Albertine damals in Balbec wohl auch etwas mit dem jungen Morell gehabt haben soll, dem Chauffeur und Geiger, der später für längere Zeit eine Beziehung mit dem Baron de Charlus unterhielt und diesen dabei um immense Summen erleichterte. Und ferner weiß Andrée zu berichten, dass Albertine später auf Betreiben ihrer Tante anderweitig heiraten sollte, da Marcel sie ja offensichtlich nicht ehelichen wollte; dies sei wahrscheinlich auch der Grund für Albertines plötzliche Trennung von Marcel gewesen. Ihre Tante habe es anstößig gefunden, dass sie so lange bei Marcel lebte, ohne mit ihm verheiratet zu sein. (Bekanntlich stammte Albertine aus nicht gerade großbürgerlichen Verhältnissen. Über ihre Tante hieß es, sie sei so arm, dass sie nur eine einzige Hausangestellte habe…) Daran aber, obwohl es doch so naheliegend war, hatte Marcel „niemals gedacht“.

„Staunen und eine gewisse Scham, die ich darüber empfand, dass ich mir nicht ein einziges Mal gesagt hatte, in welcher schiefen Situation Albertine sich bei mir befinde und dass diese ihrer Tante ein Ärgernis sein könne, dieses Staunen erlebte ich damals nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal. Wie oft ist es seither vorgekommen, dass, nachdem ich versucht hatte, die Beziehungen zwischen zwei Wesen und die daraus erwachsenden Krisen zu verstehen, plötzlich ein Dritter von seinem Gesichtspunkt aus zu mir darüber sprach und daraus sich dann vielleicht die ganze Krise erklärte! Wenn aber die Handlungen so undeutlich bleiben, wie sollten dann die Personen selbst es nicht sein?“

Unabhängig davon verübelt Marcel seiner Freundin aber dennoch, wie sehr sie ihn hintergangen hat:

„Einerseits ist die Lüge häufig ein Charakterzug; andererseits ist sie bei Frauen, die sonst nicht verlogen sind, eine natürliche, improvisierte, dann immer besser ausgebaute Verteidigungsstellung gegen jene plötzliche Gefahr, die imstande wäre, jedes Leben zu zerstören: die Liebe. Andererseits ist es kein Zufall, dass intellektuelle und sensible Menschen sich immer fühllosen und geistig unterlegenen Frauen unterwerfen und trotz allem auch sehr an ihnen hängen, und dass der Beweis dafür, dass sie nicht geliebt werden, sie keineswegs davon abhält, alles dafür herzugeben, um eine solche Frau bei sich zu behalten. Wenn ich sage, dass solche Männer ein Bedürfnis zu leiden haben, so gehe ich bestimmt nicht fehl…“

Finanzieller Ruin

Viele Jahre später. Mindestens ein Jahrzehnt ist vergangen. Marcel besucht gemeinsam mit seiner Mutter Venedig, „diese verzauberte Stadt“, von der er immer geträumt hat. Er verliert sich in den malerischen verwunschenen Gassen und macht, wie er es auch zu Hause in Paris tut, Jagd auf junge Mädchen „aus dem Volke“. An ernsthaften Partnerschaften, für die ohnehin nur „Frauen aus der Gesellschaft“ infrage kommen, hat Marcel schon lange kein Interesse mehr, außer die Betreffenden erinnern ihn an Albertine: „So bewirkte auch meine Liebe zu Albertine, dass ich ausschließlich eine gewisse Art von Frauen suchte, da ich diese in meinem Innern mit einer zaubervollen Vergangenheit in Beziehung setzen konnte.“ Aber das kommt praktisch nicht mehr vor. Stattdessen stellt er jungen Mädchen, bevorzugt 16-Jährigen, „aus dem Volke“ nach und bringt sie mit einem kleinen Taschengeld dazu, ihm ohne größere Umstände ihre sexuelle Gunst zu erweisen. Einmal in Paris hat er für solch eine Aktion schon eine Anzeige wegen Verführung Minderjähriger an den Hals bekommen. Der Polizeipräsident, der offenbar selbst eine Vorliebe für junge Mädchen hatte, riet ihm daraufhin, in Zukunft unbedingt vorsichtiger zu sein… Es ist zu jener Zeit für niedriggestellte junge Frauen offenbar ganz selbstverständlich, dass sie sich prostituieren. Sie können doch froh sein, wenn sie von feinen Herren wie Marcel ausgesucht und bezahlt werden…

Plötzlich erreicht Marcel eine niederschmetternde Nachricht von seinem Börsenmakler:

„Seit Albertines Tod hatte ich mich nicht mehr mit der Spekulation beschäftigt, die ich unternommen hatte, um ihretwegen über mehr Geld zu verfügen. Nun aber war einige Zeit vergangen, und große Weisheiten einer vorhergehenden Epoche waren durch die jetzige dementiert worden, so wie es früher dem Ausspruch von Thiers ergangen war, die Eisenbahn werde niemals ein Erfolg sein; die Papiere, von denen Monsieur de Norpois zu uns gesagt hatte: „Ihr Ertrag ist zweifellos nicht sehr groß, aber wenigstens wird das Kapital nie an Wert verlieren“, waren mehrfach gerade diejenigen, die am meisten fielen. Allein für die englischen Konsols und für die „Raffineries Say“ musste ich dem Makler die Differenz sowie derart erhebliche Beträge an Zinsprovisionen und für Reporte zahlen, dass ich mich von einem Tag zum anderen entschloss, alles zu verkaufen, wobei ich aber plötzlich feststellen musste, dass ich kaum noch den fünften Teil des Vermögens besaß, das ich von meiner Großmutter geerbt und zu Lebzeiten Albertines in Besitz gehabt hatte. Davon übrigens erfuhr in Combray der dort noch ansässige Teil meiner Familie und unsere Bekannten, und da man wusste, dass ich mit dem Marquis de Saint-Loup und den Guermantes verkehrte, hieß es: „Das kommt davon, wenn man zu hoch hinaus will.“ Man wäre dort sehr erstaunt gewesen zu erfahren, dass ich diese Spekulation wegen eines jungen Mädchens von so bescheidener Herkunft wie Albertine unternommen hatte.“

Marcel geht es also wie so vielen leichtsinnigen Aktienanlegern vor und nach ihm, die sich ohne besondere Kenntnisse und nur nach den Ratschlägen anderer engagieren. Im Crash verkaufen sie in größter Panik ihre Bestände an diejenigen, die damit auf lange Sicht gute Geschäfte machen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Doch ist es immerhin ein großer Fortschritt, dass heute niemand mehr auf leibhaftige und geschäftstüchtige Börsenmakler angewiesen ist, sondern jedermann seine Orders einfach und kostengünstig online erteilen kann. (Möge es nur bald auch den Immobilienmaklern so ergehen wie dem Großteil der Börsenmakler!)

Nun empfindet Marcel diese Ereignisse als seinen finanziellen Ruin, obwohl er nach vorsichtigen Schätzungen, siehe oben, doch noch mindestens umgerechnet 5 Millionen Euro übrig haben müsste. Doch eine solche Summe, die zu besitzen fast jeden anderen glücklich machen würde, ist für ihn kaum noch der Rede wert.

„Zweifellos kehren die Dinge den Menschen wegen der Dürftigkeit ihrer Sinne nur eine beschränkte Reihe ihrer zahllosen Attribute zu. Sie erscheinen uns farbig, weil wir Augen besitzen; wie viele andere Beiwörter würden sie außerdem noch verdienen, wenn wir über Hunderte von weiteren Sinnen verfügten? Doch ist dieser andersartige Aspekt, den sie haben könnten, leichter zu begreifen, wenn wir bedenken, wie ein anderer das, was in unserem Leben ein ganz minimales Ereignis ist, von dem wir nur einen Teil kennen, den wir jedoch für das Ganze halten, durch ein Fenster auf der anderen Seite des Hauses betrachtet und demgemäß eine andere Aussicht darauf hat.“

Auf der Rückreise tauscht sich Marcel mit seiner Mutter noch über allerhand spektakuläre News aus der Pariser Gesellschaft aus: Die von ihm in jungen Jahren heiß begehrte Gilberte, die Tochter des verstorbenen Swann und seiner Witwe Odette, hat geheiratet, und zwar ausgerechnet seinen Freund, den Marquis Robert de Saint-Loup. Hintergrund dieser spektakulären Hochzeit ist der Umstand, dass Odette sich nach dem Tod ihres Mannes mit dem völlig verarmten Grafen von Forcheville vermählt hatte, der auch Gilberte adoptierte, sodass diese nunmehr zur Mademoiselle de Forchevile wurde und eine gute Partie für den aus dem Hause der Guermantes stammenden Marquis geworden war. Gilberte, die von ihrem Vater Swann „den erlesensten Takt in Verbindung mit geistigem Charme geerbt“ hatte, soll nach einer weiteren Erbschaft (ein Onkel Swanns hatte ihr sein gesamtes Vermögen vermacht) über einen Besitz von 100 Millionen Franc verfügen, was, wie wir nun wissen, einer heutigen Kaufkraft von etwa 550 Millionen Euro entspricht, also mehr als einer halben Milliarde. Verglichen damit ist Marcel natürlich ein kleines Licht…

Allerdings hat der Marquis Robert de Saint-Loup, insofern seinem Onkel, dem Baron de Charlus nacheifernd, mittlerweile seine Homosexualität entdeckt (und das, obwohl er früher ausschließlich an jungen Damen interessiert war!), weshalb er neben seiner Ehe mit Gilberte eine Beziehung ausgerechnet zum Parvenü Morell, dem besagten Chauffeur und Geiger, unterhält, der bereits seinen Onkel, den Baron de Charlus, auf üble Weise abgezockt hat. Aber bei Robert de Saint-Loup lohnt es sich für Morell deutlich weniger, da dessen Frau Gilberte trotz ihres Reichtums sehr genau auf ihre Finanzen achtet und ihrem Mann kaum etwas überlässt, das er Morell zustecken könnte. Die Erzählerstimme kommentiert diesen „Geiz“ Gilbertes – im krassen Gegensatz zu ihrer verschwendungssüchtigen Mutter Odette – in Anspielung auf ihren jüdischen Vater Swann mit den Worten: „Welcher israelitische Vorfahr mochte da bei Gilberte seine Hände im Spiel haben?“

Marcel Proust
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 6:
Die Entflohene
Deutsch von Eva Rechel-Mertens
376 Seiten
Suhrkamp Verlag

Die Besprechungen der ersten fünf Bände der „Recherche“ gibt es hier:

www.justament.de/archives/1399
www.justament.de/archives/2517
www.justament.de/archives/4043
www.justament.de/archives/5841
www.justament.de/archives/6747

www.justament.de, 8.2.2016: Man liebt nur, was man nicht besitzt

Band 5 der „Recherche“ von Marcel Proust, „Die Gefangene“, widmet sich den Tücken der Zweisamkeit

Thomas Claer

proustAls ausdauernder Leser der “Suche nach der verlorenen Zeit” von Marcel Proust konnte man sich nach dem vierten der sieben Bände, „Sodom und Gomorra“, schon einmal die Frage stellen, wie es handlungstechnisch nun eigentlich noch über drei volle Bände weitergehen sollte. Klar, im siebten und letzten Band, der „Wiedergefundenen Zeit“, werden sich alle Kreise schließen, doch wie würden sich wohl Band 5 und 6 entwickeln, wo doch die Heirat zwischen Marcel und Albertine am Ende von Band 4 bereits ausgemachte Sache ist? Schließlich heißt es bei Kurt Tucholsky ganz treffend: „Es wird nach einem happy end/ Im Film jewöhnlich abjeblendt“. Soll nun etwa, so fragt  man sich ein wenig irritiert, abweichend von dieser Regel ausgerechnet das Eheleben der beiden Protagonisten vor dem Leser ausgebreitet werden, obgleich doch schon ebenjener Tucholsky erkannte: „Die Ehe ist zum jrößten Teile/ Vabrühte Milch und Langeweile“?

Nein, soweit darf es bei Proust natürlich nicht kommen. Die Handlung in „Die Gefangene“ setzt erst einige Jahre nach Marcels Entschluss, Albertine zu heiraten, in Paris wieder ein. Die beiden leben schon seit längerem in Marcels Elternhaus zusammen, allerdings ohne dass sie verheiratet wären. Marcel hält Albertine gewissermaßen hin. Sie ist jetzt etwa Mitte, er vielleicht schon Ende zwanzig. Albertine ist offensichtlich sehr an einer Heirat mit Marcel interessiert, schließlich ist er für sie eine glänzende Partie, doch spricht sie dies wohlweislich niemals aus, um ihre Ambitionen nicht zu gefährden. Vielleicht macht sie sich aber auch schlicht keine großen Gedanken darüber, der Leser erfährt im Wesentlichen nur Marcels Sicht auf die Dinge. Dessen ohnehin für die damalige Zeit – die Handlung spielt im frühen 20. Jh. – bemerkenswert lockeren großbürgerlichen Eltern lassen ihn auch in dieser Frage völlig frei gewähren. Zumal sie, was dem jungen Paar entgegenkommt, zur Zeit der Romanhandlung gerade abwesend sind. Marcels Mutter kümmert sich um die nach dem Tod von Marcels Großmutter allein auf sich gestellte kränkliche Tante in Combray. Marcels Vater, der – im krassen Gegensatz zu seinem Sohn! – pausenlos arbeitet, tritt überhaupt nicht in Erscheinung.

Das schöne Leben zu zweit

So gestaltet sich das Leben der jungen Leute überaus angenehm. Einer „geregelten Tätigkeit“ im eigentlichen Sinne gehen beide nicht nach. Für Albertine ist dies ohnehin nicht vorgesehen, Marcel verfolgt weiter den vagen Wunsch, Schriftsteller zu werden. Zwischenzeitlich hat er immerhin schon „einige Blätter“ geschrieben, und zwar eine Erzählung über den mittlerweile verstorbenen Swann und die Unmöglichkeit seines Verzichts auf Odette. Auch im Haushalt ist für die beiden nichts zu tun, da die Dienerin Francoise alle anfallenden Arbeiten verrichtet. Und außerdem räumt Francoise stets auf, was insbesondere Albertine an Unordnung produziert. Marcel kommentiert das mit den Worten: „Ich glaube, dass Albertine Mama unerträglich gewesen wäre, da diese … Gewohnheiten der Ordnung bewahrt hatte, von denen meiner Freundin die elementarsten Grundbegriffe fehlten.“ Für Ausfahrten steht ein Automobil mit Chauffeur zur Verfügung. Selbstverständlich bestehen finanziell keinerlei Beschränkungen. Nur einmal seufzt Marcels Mutter beiläufig in einem ihrer Briefe an ihn: „Wo geht nur das ganze Geld bei dir hin?“

Die Wohnsituation für die jungen Herrschaften in der Stadtvilla von Marcels Eltern kann als äußerst komfortabel bezeichnet werden. Jeder hat sein eigenes Zimmer mit eigenem Bad und  eigener Ankleide. Besonders großen Wert legt Marcel allerdings darauf, dass man ihn morgens immer ausschlafen lässt. Niemand, weder Albertine noch die Dienerin, darf ihn wecken, bevor er selbst das Glöckchen nach der Hausangestellten geläutet hat. (Ja, das tägliche Ausschlafenkönnen ist in der Tat so ziemlich der größte Luxus, den ein Mensch sich leisten kann. Vom eingangs erwähnten Kurt Tucholsky stammt der schöne Ausspruch: „Das Stigma aller Unterdrückten: früh aufstehen müssen.“) Überhaupt ist Marcel, was das Schlafen angeht (wie auch sonst), ein Genießer: „Der Schlaf ist göttlich, aber wenig dauerhaft; beim leisesten Anstoß verflüchtigt er sich. … Wie in der Musik bestimmte bei diesen verschiedenen Arten von Schlaf die Erhöhung oder Verminderung eines Intervalls die Schönheit.“ Und wenn Marcel nicht schläft, bleibt er auch gerne, besonders bei schönem Wetter, stundenlang im Bett liegen, ist dann für niemanden zu sprechen und durchlebt „Erinnerungsräusche“: „An diesem heiteren Sonnentag von morgens bis abends mit geschlossenen Augen liegenzubleiben, war eine ebenso erlaubte, gebräuchliche, heilsame, angenehme, der Jahreszeit entsprechende Sache, wie die Fensterläden gegen Hitze geschlossen zu halten. … Indem ich träge von Tag zu Tag weiterschiffte wie auf einem Kahn und vor mir immer neue verzauberte Erinnerungen auftauchen sah, die ich nicht selbst auswählte, sondern die, im Augenblick zuvor noch unsichtbar, mir von meinem Gedächtnis nacheinander angeboten wurden, ohne dass ich sie mir etwa aussuchen konnte, setzte ich träge in diesen immer gleichen Räumen meine Spazierfahrt in der Sonne fort.“

Nun kann man Marcels Gewohnheiten für dekadent halten, doch „der Snobismus ist zwar eine ernste Krankheit der Seele, aber örtlich begrenzt und nicht dazu angetan, sie ganz und gar zu zerstören.“ Glücklicherweise nimmt Albertine ihrem Freund solche Eskapaden jedenfalls zunächst nicht krumm, denn immerhin beschäftigt er sich „doch unaufhörlich damit, wie sie ihre Zeit verbrachte“. Und – was nicht zu unterschätzen ist – Marcel tankt Kraft durch sein langes Schlafen: „Da unser Wohlbefinden sehr viel weniger aus unserem guten Gesundheitszustand als aus dem ungenutzten Überschuss unserer Kräfte resultiert, können wir ebensogut wie durch Vermehrung der letzteren durch Beschränkung unserer Aktivität dazu gelangen. Diejenige, von der ich überströmte und deren Potential ich im Bett liegend intakt hielt, machte mich springlebendig im Innern, so wie eine Maschine, die sich nicht vom Platz rühren kann, in sich selber schnurrt.“

Wusste man in Balbec noch nichts Genaues über das Ausmaß der körperlichen Annäherung zwischen Marcel und Albertine, so besteht darüber mittlerweile kein Zweifel mehr: Marcel erfüllt „die Pflichten eines blühenden und schmerzlichen Kultes, der der Jugend und Schönheit der Frau wie eine Opfergabe dargebracht wurde.“ Sehr explizit heißt es über Albertine: „Ihre beiden kleinen hochsitzenden Brüste waren so rund, dass sie weniger einen integrierenden Teil ihres Körpers zu bilden als vielmehr wie zwei Früchte daran gereift zu sein schienen; und ihr Leib, bei dem die Stelle verborgen war, an der es beim Manne hässlich wird, als sei ein Haken steckengeblieben in einer Statue, von der man den Mantel abgeschlagen hat, fügte sich da, wo die Schenkel zusammentreffen, mit zwei muschelartigen Wölbungen zu einer sanften, ruhevollen, abschließenden Linie gleich der des Horizonts, wenn die Sonne untergegangen ist.“

Besonders lustvoll gestaltet sich der Liebesakt für Marcel jedoch, wenn er sich ergänzend dazu vor seinem inneren Auge noch einmal den Strand von Balbec vorstellt: „Hinter diesem jungen Mädchen spielten wie hinter dem purpurfarbenen Licht, das aus meinen Fenstervorhängen in Balbec niederfiel, während draußen das Konzert der Musikanten aufklang, in perlmutfarbenen Tönen die bläulichen Wellenlinien des Meeres.“ Und hinsichtlich Albertines und ihrer Freundinnen befindet er: „Sie waren … erblühte junge Mädchen geworden, aus deren Schar ich die schönste Rose gepflückt und allen anderen fortgenommen hatte.“

Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf

Nun entdeckt Marcel aber neben seiner Meeres-Obsession noch einen weiteren „Fetisch“ an sich: „Ich habe bezaubernde Abende im Geplauder, im Spiel mit Albertine verbracht, aber niemals so süße, wie wenn ich sie schlafen sah. … Der Länge nach auf meinem Bett ausgestreckt, in einer Haltung von einer Natürlichkeit, die man nicht hätte erfinden können, fand ich sie einer langgestielten Blüte ähnlich, die man dorthin gelegt hatte; und so war es in der Tat: die Macht zu träumen, die ich nur in ihrer Abwesenheit besaß, fand ich in jenen Augenblicken auch in ihrer Nähe wieder, als sei sie eben im Schlaf zu einer Pflanze geworden. Dadurch verwirklichte ihr Schlummer in gewissem Maße, was die Liebe als Möglichkeit enthielt. Wenn ich allein war, konnte ich an sie denken, aber sie fehlte mir, ich besaß sie nicht; wenn sie da war, sprach ich zu ihr, aber war zu fern von mir selbst, um zugleich denken zu können. Wenn sie schlief, brauchte ich nicht mehr zu sprechen, ich wusste, dass ihr Blick nicht länger auf mir ruhte, ich hatte nicht mehr nötig, an meiner eigenen Oberfläche zu leben.“

Über mehrere engbedruckte Seiten wird ausschließlich die schlafende Albertine beschrieben: „Ihr Schlaf, an dessen Gestade ich mit immer neuer Lust träumte, so dass ich nicht müde wurde, sie immer wieder zu kosten, war eine ganze Landschaft für mich. Ihr Schlaf rückte etwas so Ruhevolles, so sinnlich Köstliches dicht an meine Seite wie etwa die Vollmondnächte in der Bucht von Balbec. … Ich hörte das Geräusch ihrer Atemzüge, die in kurzen Abständen über ihre Lippen kamen, regelmäßig wie Brandungswellen, aber sanfter und leiser. In dem Augenblick jedoch, da mein Ohr diesen göttlichen Laut in sich aufnahm, schien mir in ihm die gesamte Persönlichkeit, das ganze Leben der reizvollen Gefangenen, die dort vor meinen Augen ausgestreckt lag, verdichtet enthalten zu sein. … Ihre Brauen, die so geschwungen waren, wie ich es niemals gesehen hatte, umgaben die Wölbung der Augenlider wie ein weiches Seevogelnest … Ihre nach und nach immer tiefere Atmung hob regelmäßig ihre Brust und darüber auch noch ihre gekreuzten Hände, ihre Perlen, die auf so verschiedene Art bei der gleichen Bewegung ihren Platz verschoben wie Fischerboote und Ankerketten, die eine Bewegung der Wellen zu leisem Schaukeln bringt. Dann, wenn ich spürte, dass ihr Schlaf seinen Höhepunkt erreicht hatte, dass ich mich nicht mehr an Klippen des Bewusstsein stoßen würde, die jetzt von der hohen Flut des Tiefschlafs überdeckt waren, sprang ich entschlossen lautlos auf das Bett, ich streckte mich neben ihr aus, umfasste sie mit meinen Armen, drückte die Lippen auf ihre Wangen und ihr Herz und legte dann auf alle Teile ihres Körpers meine freigebliebene Hand, die nun auch wie die Perlen vom Atem meiner Freundin leicht emporgehoben wurde; ja ich selbst wurde von ihrer rhythmischen Bewegung leise auf und  nieder gewiegt: ich hatte mich auf dem Schlummer Albertines eingeschifft. … Das stärker werdende Geräusch ihres Atems konnte die Illusion erzeugen, sie keuche vor Lust, doch als die meine auf dem Höhepunkt war, konnte ich sie umarmen, ohne ihren Schlaf unterbrochen zu haben. … Ich genoss ihren Schlummer in selbstloser und beschwichtigender Liebe, so wie ich Stunden hindurch dem leisen Wellenschlag der Brandung lauschen konnte. … Diesem Vergnügen aber, ihrem Schlaf zuzuschauen, das ebenso süß war, wie ihr Leben nahe bei mir zu spüren, bereitete ein anderes ein Ende, nämlich das, sie erwachen zu sehen.“ Doch schließt diese Schlaf-Orgie mit dem beunruhigenden Satz: „Süße heitere Augenblicke, die scheinbar so unschuldig sind, unter denen sich aber doch eine ungeahnte Möglichkeit des Unheils drohend erhebt…“

Nur der Vollständigkeit halber sei noch eine dritte, besonders kuriose Vorliebe Marcels auf diesem Sektor erwähnt: „Einen immateriellen, zuweilen aber nicht weniger intimen Reiz als bei der Annäherung und Vermischung unserer Körper stellte ich in der unserer Schatten fest.“ Wer es nicht glaubt, der möge es googeln: Tatsächlich gibt es auch heute noch „Schattenfetischisten“. Wie sagt die Stimme aus dem Off: „In jedem Augenblick muss man zwischen der Gesundheit, der Vernunft auf der einen Seite und den subtilen Genüssen des Geistes auf der anderen wählen.“

Freuden der Äußerlichkeit

Auch in einer anderen Hinsicht gestaltet sich Albertines Leben mit Marcel als sehr genussvoll: „Das Drum und Dran der weiblichen Toilette brachte für Albertine große Freuden mit sich. Ich konnte mir das Vergnügen nicht versagen, ihr jeden Tag eine neue zu bereiten.“ Das heißt: Marcel kauft ihr alles, was sie haben will. . „Albertine hegte für alle diese Dinge eine viel lebhaftere Neigung als die Herzogin von Guermantes, weil – wie jedes Hindernis, das sich dem Besitz entgegenstellt – die Armut, großzügiger als der Überfluss, den Frauen viel mehr schenkt als nur die Toiletten, die sie sich nicht kaufen können: nämlich das Verlangen danach, das erst eine wirkliche, ins einzelne gehende und in die Tiefe reichende Kenntnis davon verleiht.“ Doch „der Besitz von dem, was man liebt, ist eine noch größere Freude als die Liebe selbst.“ Dennoch war Albertine, was Marcel ausdrücklich betont, „nicht oberflächlich, las viel, wenn sie allein, und las mir vor, wenn wir zusammen waren.“ Und durch all das gibt sie ihm „eine Ruhe, wie sie (indem sie uns der Wirklichkeit enthebt, das Glück in uns selbst zu suchen) aus einem Gefühl von Familienfrieden und häuslichem Glück erwächst.“

Schatten über dem jungen Glück: Eifersucht und Langeweile

Zum ständigen Begleiter wird Marcel jedoch seine Eifersucht auf Albertines fragwürdige Kontakte zu ihren diversen Freundinnen. Ständig spioniert er ihr nach und wird dabei auch immer wieder fündig, was in ihm ein „Gefühl des Grauens“ auslöst. Mit Entsetzen entdeckt er „das ausschweifende Leben, das Albertine vor der Zeit unserer Bekanntschaft geführt hatte“. Doch auch während der Romanhandlung setzt Albertine ihre Aktivitäten fort. „Ich spürte, wie ihr Wesen sich zugunsten anderer Wesen, mit denen ich sie nicht hindern konnte, in Verbindung zu treten, mir entzog.“ Mit immer neuen Ausreden und Lügen („Die Lüge ist das wichtigste und meistverwendete Werkzeug der Selbsterhaltung.“) versucht Albertine,  dies zu vertuschen. „Einerseits war es mir stets unmöglich, einen Schwur von ihr anzuzweifeln; andererseits befriedigten ihre Erklärungen keineswegs meinen Verstand.“ Doch kommt Marcel in einem klaren Moment zur Selbstdiagnose: „Ich litt infolge einer Interferenz meiner nervösen Erregungen, von denen meine Eifersucht nur das Echo war.“

Mit den heutigen medialen Möglichkeiten hätte Marcel leicht erkennen können, dass intime Kontakte junger Frauen zu ihren Freundinnen, selbst wenn sie sich in festen heterosexuellen Partnerschaften befinden, wohl zu allen Zeiten weit verbreitet waren und es bis heute sind  (http://www.cosmopolitan.de/liebe-unter-freundinnen-ziemlich-beste-busenfreundinnen-67490.html), sich also keineswegs so ungeheuerlich ausnehmen, wie es Marcel vorkommt. (Was im übrigen auch einer besonders beliebten Männerphantasie mit offensichtlich wahrem Kern entspricht…)

Doch muss Marcel sich eingestehen, dass es gerade seine rasende Eifersucht ist, die sein Interesse an Albertine überhaupt noch aufrechterhält: „Von Albertine hatte ich nichts mehr zu erwarten. Täglich erschien sie mir weniger hübsch, einzig das Begehren, das sie bei anderen weckte, hob sie, wenn ich davon erfuhr, wieder zu leiden begann und sie jenen streitig machen wollte, in meinen Augen noch einmal zu neuem Ansehen empor. Sie konnte mir Leiden bereiten, aber durchaus keine Freude. Durch das Leiden allein wurde meine quälende Anhänglichkeit an sie genährt. … Ich war unglücklich. … Weil ich sie wie einen geheimnisvollen Vogel, dann wie eine große Schauspielerin der Meeresküste ersehnt und vielleicht sogar in Besitz genommen hatte, war sie mir einst so wundervoll erschienen. Nachdem ich den Vogel eingefangen hatte, … hatte Albertine nahezu ihre Schönheit eingebüßt, … war zur grauen Gefangenen geworden, auf ihr trübes Selbst zurückgeführt…“ Und er kommt zur schockierenden Erkenntnis: „Ich hatte eine erste Albertine gekannt, dann aber hatte sie sich plötzlich in eine zweite verwandelt, die gegenwärtige. Für die Verwandlung aber konnte ich einzig mich selbst verantwortlich machen.“

So stellen sich bei ihm auch ernste Zweifel an seinen Heiratsplänen ein: „Ich fragte mich, ob eine Heirat mit Albertine nicht mein Leben ruinieren würde, einerseits, weil ich damit die für mich zu schwere Aufgabe übernehmen müsste, mich einem anderen Wesen zu widmen, andererseits aber auch dadurch, dass sie mich zwang, infolge der unaufhörlichen Gegenwart einer Frau abwesend von mir selbst zu leben und mich für immer der Freuden der Einsamkeit beraubte. … Ich fühlte, wie das Leben, die Welt, deren Freuden ich noch niemals richtig gekostet hatte mir im Austausch gegen eine Frau entging, an der ich nichts Neues mehr zu finden vermochte. … Ich fühlte, dass mein Leben mit Albertine, soweit ich nicht eifersüchtig war, nichts als Langeweile, soweit ich es aber war, nur Leiden bedeutete.“

Nun denkt Marcel daran, was ihm sein verstorbener Freund Swann mit auf den Weg gegeben hat: „Ich staunte, wenn Swann nachträglich einer Frau, die mir unbedeutend erschienen war, die Würde eines Kunstwerks verlieh, indem er sie vor mir, so wie er es galanterweise auch ihr selbst gegenüber getan hatte, mit einem Porträt von Luini verglich oder in ihrer Toilette das Kleid oder die Schmuckstücke eines Gemäldes von Giorgione wiederfand. So etwas gab es bei mir nicht. Sogar – um die Wahrheit zu sagen – als ich Albertine wie einen von einer wundervollen Patina überhauchten musizierenden Engel zu betrachten begann und mich zu ihrem Besitz beglückwünschte, dauerte es nicht lange, bis sie mir wieder gleichgültig wurde…Man liebt nur da, wo man einem Unzugänglichen nachspürt, man liebt nur, was man nicht besitzt…“ Oder anders gesagt: „Diese Liebe konnte nur von Dauer sein, wenn sie unglücklich blieb.“

Wie jeder weiß, der einmal in einer Partnerschaft gelebt hat, ist für deren Gelingen die Entwicklung einer gemeinsamen Streitkultur von zentraler Bedeutung. Häufig zu beobachten sind dabei „inszenierte“ Trennungsszenen, bei denen beide Seiten mit der Drohung des endgültigen Zerwürfnisses eine Art Krieg gegeneinander führen und dabei alle strategischen und taktischen Register ziehen. So ist es auch bei Marcel und Albertine: „So kehrten wir einander eine Außenseite zu, die sich stark von der inneren Wirklichkeit unterschied. Zweifellos ist es immer so, wenn zwei Wesen einander gegenüberstehen, da jedes von ihnen über einen Teil von dem in Unkenntnis bleibt, was der andere eigentlich ist, und selbst über das, was er weiß, da er es nur zum Teil versteht… In der Liebe aber wird dieses Missverständnis auf die Spitze getrieben, weil wir – außer vielleicht, solange wir noch Kinder sind – es darauf anlegen, dass der äußere Anschein, den wir uns geben, nicht eigentlich genau unser Denken widerspiegelt, sondern das, was dieses Denken für das geeignetste hält, um uns an das Ziel unserer Wünsche zu bringen… Von einem gewissen Alter an tun wir aus Eigenliebe und kluger Einsicht so, als legten wir gerade auf die Dinge, die wir am meisten wünschen, keinen Wert. In der Liebe aber zwingt uns die einfache Einsicht … schon früh zu einem solchen Geist der Doppelzüngigkeit.“

Noch paradoxer wird es nur, wenn einer der beiden wirklich den Absprung im Sinn hat, „weil bei einer Trennung derjenige, der nicht mit wahrer Liebe liebt, die zärtlichen Dinge sagt, während wahre Liebe sich nicht deutlich ausspricht … denn die tausend Freundlichkeiten der Liebe können schließlich bei dem, der sie einflößt, aber nicht empfindet, eine Zuneigung, eine Dankbarkeit wachrufen, die weniger egoistisch ist als das Gefühl, das diese Regungen erzeugt, und die vielleicht nach Jahren der Trennung, wenn bei dem ehemals Liebenden nichts mehr davon zu finden ist, bei der Geliebten noch immer fortbesteht.“ Tatsächlich ist es Albertine, die scheinbar um jeden Preis bei Marcel bleiben will (was ja auch – ganz nüchtern betrachtet – allein in ihrem Interesse liegen kann) und dann – am Ende dieses Bandes – plötzlich und völlig überraschend mit gepacktem Koffer verschwunden ist. „Liebe ist“, weiß die Stimme aus dem Off, „Raum und Zeit, dem Herzen fühlbar gemacht.“

Kunsttheorie

Wohl dem, der seine Freuden nicht nur aus der Liebe zu ziehen vermag. Schon vor Albertines Verschwinden schärft Marcel seine Sinne für die schönen Künste. Entsprechend der Theorie des im Buch nicht namentlich erwähnten Schopenhauer, des pessimistischen Misanthropen, bewegt sich das menschliche Leben zuverlässig zwischen den Polen Schmerz und Langeweile. Den einzigen Ausweg, jedenfalls zu Lebzeiten (im Jenseits winkt ja noch das Eintauchen in die Weltseele), bieten die glücklichen Momente des  Kunstgenusses. So ähnlich, und doch auf eigene Weise, erlebt es auch Marcel, insbesondere was den  „spezifischen Rauschzustand durch Musik“ angeht. „Wie das Spektrum uns die Zusammensetzung des Lichts objektiv sichtbar macht, so gestatten uns die Harmonien eines Wagner, die Farben eines Elstir, die Essenz und die Beschaffenheit der Empfindungen eines andern kennenzulernen, in welche die Liebe zu einem Wesen uns nicht einzudringen erlaubt. … Wird dieses Unaussagbare, das jeweils gerade dem seine besondere Nuancierung verleiht, was jeder von uns empfindet, aber dennoch auf der Schwelle der Äußerungen zurücklassen muss, durch welche er mit anderen nur insoweit in Beziehung zu treten vermag, als er sich auf äußerere, allen gemeinsam zugängliche, bedeutungslose Dinge beschränkt, nicht erst durch die Kunst zutage gefördert, sobald diese in den Farben des Spektrums die innere Struktur jener Welten nach außen hin sichtbar macht, die wir als Individuen bezeichnen und die wir ohne die Kunst nie kennenlernen würden? … Die einzig wahre Reise, der einzige Jungbrunnen wäre für uns, wenn wir nicht neue Landschaften aufsuchten, sondern andere Augen hätten, das All mit den Augen eines anderen, von hundert anderen betrachten, die hundert verschiedenen Welten sehen könnten, die jeder einzelne sieht, die jeder von ihnen ist.“ Das aber vermögen wir nur in der Kunst, „wir fliegen dann wirklich von Stern zu Stern.“

Noch esoterischer wird es, als Marcel sich gedanklich über die Gespräche im Anschluss an eine  Musikaufführung echauffiert: „Aber was bedeuteten ihre Worte, die wie jede nur am Äußern haftende menschliche Rede mich so gleichgültig ließen, verglichen mit dem himmlischen musikalischen Thema…Ich fühlte mich wahrhaft wie ein Engel, der, aus dem Rausch des Paradieses herabgestürzt, in die trivialste Wirklichkeit fällt. Und ich fragte mich, ob nicht … die Musik das einzige Beispiel dessen sei, was – hätte es keine Erfindung der Sprache, Bildung von Wörtern, Analyse der Ideen gegeben – die mystische Gemeinschaft der Seelen hätte werden können. Sie ist wie eine Möglichkeit, der nicht weiter stattgegeben wurde; die Menschheit hat eigene Wege eingeschlagen, die der gesprochenen und geschriebenen Sprache. Aber diese Rückkehr zum Nichtanalysierbaren war so berauschend, dass mir beim Verlassen des Paradieses die Berührung mit mehr oder weniger klugen Menschen außerordentlich banal erschien. … Ein Versprechen, dass es noch etwas anderes gebe – etwas, das zweifellos die Kunst verwirklichen kann, etwas anderes als das Nichts, das ich in allen Vergnügungen und in der Liebe selbst gefunden hatte…“

Klatsch und Tratsch von Monsieur de Charlus

Ansonsten bietet auch dieser Band der „Recherche“ wieder viel redundantes Geschwafel der „vornehmen Gesellschaft“. Hervorzuheben sind hier allein die Plaudereien des Baron de Charlus, der im übrigen von Madame Verdurin, der Gastgeberin einer schon aus den früheren Bänden bekannten illustren Salonrunde, auf ziemlich niederträchtige Weise gemobbt und aus der Runde herausgedrängt wird. Doch eben dieses Schicksal hatte ja selbst der brillante Swann zu seinen Lebzeiten erlitten. Nun verrät immerhin Baron de Charlus noch einige Details über diesen und insbesondere über dessen fatale Ehefrau Odette de Crecy: „Die Liebhaber, die Odette nacheinander gehabt hatte (sie hatte bald mit dem einen, bald mit dem anderen gelebt), diese Liebhaber begann Monsieur de Charlus mit der gleichen Sicherheit herzuzählen, als sage er die Reihe der Könige von Frankreich auf. … Aber Sie werden nicht von mir verlangen, dass ich Ihnen Swanns Geschichte erzähle, wir hätten da für zehn Jahre Stoff, verstehen Sie, denn ich kenne ihn wie kein anderer. … Sie ließ sich Odette de Crecy nennen und durfte das auch durchaus, da sie nur getrennt von einem Crecy lebte, dessen Frau sie war, einem sehr ehrenwerten und übrigens ganz echten Crecy, dem sie bis zum letzten Heller alles abgenommen hat. … Er lebte von einer ganz kleinen Pension, die Swann ihm ausgesetzt hatte. Ich vermute jedoch stark, dass seit dem Tode meines Freundes die Rente ihm nicht mehr ausgezahlt worden ist.“

Und schließlich redet Charlus geradezu obsessiv über Homosexualität, nur nicht über seine eigene: „Ich selbst lebe, wie Sie ja wissen, ganz und gar im Abstrakten, mich interessiert das alles nur unter einem transzendentalen Gesichtspunkt.“ – „Die Beharrlichkeit, mit der Monsieur de Charlus immer wieder zu seinem Thema zurückkehrte – für das im übrigen sein stets in gleicher Richtung sich betätigender Geist einen gewissen Scharfblick besaß – hatte etwas auf eine schwer entwirrbare Weise Peinliches; er war öde wie ein Gelehrter, der außerhalb seines Spezialfaches nichts kennt, aufreizend wie ein Eingeweihter, der sich auf die ihm anvertrauten Geheimnisse etwas zugute tut und darauf brennt, sie anderen zu verraten; unsympathisch wie jemand, der, sobald es um seine eigenen Fehler geht, sich darüber verbreitet, ohne zu merken, dass er Missfallen damit erregt; versklavt wie ein Süchtiger und hemmungslos unvorsichtig wie mancher Kriminelle.“ Prof. Brichot schlägt vor, eigens für Charlus einen Lehrstuhl für Homosexualität einzurichten, „oder noch besser: ein Institut für Spezialfragen der Psychophysiologie“.

Bonmots

Natürlich enthält auch „Die Gefangene“ wieder eine Überfülle von zeitlosen Bonmots über die verschiedensten Dinge des Lebens:

„Es scheint, dass bei Tatmenschen der Geist – überbeansprucht durch die Aufmerksamkeit auf das, was in der nächsten Stunde geschehen wird – nur sehr wenig Dinge dem Gedächtnis übergibt.“ Nur ist es heute für die vergesslichen Tatmenschen weitaus schwerer, sich im Nachhinein herauszureden, weil so viel früher Gesagtes medial aufgezeichnet worden ist, was später gegen sie verwendet werden kann.

„Das Gedächtnis ist eben weit weniger eine unseren Blicken immer gegenwärtige Kopie der verschiedenen Fakten unseres Lebens, als vielmehr ein Nichts, aus dem sekundenlang eine momentane Ähnlichkeit uns in einer Art von Auferstehung tote Erinnerungen heraufzuholen erlaubt; aber dabei gibt es immer tausend kleine Einzelheiten, die nicht in diese potentielle Erinnerungssphäre hinabgesunken sind, sondern für uns ewig unüberprüfbar bleiben.“ Es sei denn, man findet auf YouTube ein Video von der in der eigenen Kindheit geschauten Fernsehsendung und staunt, mit welch anderen Augen man sie heute betrachtet.

Vor allem aber gilt: „Wir stellen uns eben die Zukunft wie einen in einen leeren Raum projizierten Reflex der Gegenwart vor, während sie oft das bereits ganz nahe Ergebnis von Ursachen ist, die uns zum größten Teil entgehen.“

Marcel Proust
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 5:
Die Gefangene
Deutsch von Eva Rechel-Mertens
551 Seiten
Suhrkamp Verlag