justament.de, 17.7.2023: Die späte Liebe zu den kleinen Silberlingen
Scheiben Spezial: Justament-Autor Thomas Claer über seine wachsende Begeisterung für einen inzwischen sehr altmodischen Tonträger
Lange Zeit habe ich keine CDs gemocht. Damals, in meiner Jugend in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern, war das für mich eine Grundsatzentscheidung. Es gab nur entweder… oder. So wie in noch früheren Epochen ästhetische Debatten über Alternativen wie “Spitzdach oder Flachdach?” geführt wurden oder über “Geschüttelt oder gerührt?”, so war die Frage zu meiner Zeit: “Platte oder CD?” Und mein Herz schlug ganz klar fürs schwarze Vinyl. In einem Schallplattenladen in unserer Gegend, der jetzt leider dichtgemacht hat, weil der Betreiber in Rente gegangen ist, hing jahrzehntelang an der Fensterscheibe der Spruch “CDs sind Sondermüll”. Das hätte ich vor drei Jahrzehnten sicherlich auch unterschrieben.
Wie wunderschön doch so eine Schallplatte ist, so hübsch verpackt in der großen und kunstvoll gestalteten Hülle… Und wenn man sie dann langsam und genussvoll herauszieht und auf den Plattenteller legt, sich dieser zu drehen beginnt und man darauf wartet, dass die Nadel mit gemütlichem Knistern in den feinen Rillen versinkt… Wie kalt und steril ist doch dagegen die Compact Disc mit ihrem glasklaren Klang, begleitet nur vom feinen Sirren, Klackern und Ticken der nachgeführten Laserlinse. Und wie trostlos nehmen sich die viel zu kleinen CD-Hüllen aus, auf denen sich oftmals selbst mit sehr guten Augen kaum ihre Beschriftung entziffern lässt. Im tiefsten Grunde meines Herzens bin ich noch heute dieser Meinung.
Und doch hat auch die CD ihre unbestreitbaren Vorzüge, so wie die Schallplatte ihre kaum zu leugnenden Nachteile hat. Noch dazu erscheint all das heute, wo Musik zumeist seelenlos aus großen Wolken gestreamt wird, in ganz neuem Licht: Längst sind Vinyl und CD keine Gegensätze mehr, sondern liegen doch, genau besehen, recht eng beieinander als Tonträger der alten Schule, die einer bestimmten Musik ein haptisches und optisches Äquivalent beigeben, woraus dann ein Gesamtkunstwerk entsteht. Welchen Sinn soll es eigentlich haben, Geld dafür zu bezahlen, dass man die Möglichkeit hat, auf Millionen Lieder zuzugreifen? Das ist doch am Ende beinahe so, als ob man gar nichts hätte. Man verhungert dann in der Fülle, wie es bei Goethe heißt. Auch das präziseste Superhirn wird sich ab einer bestimmten Menge angehörter Musik nicht mehr daran erinnern können, was man schon gehört hat und was nicht. Und was man vergessen hat, das hat man nie besessen, solange kein gut bestückter Schallplattenschrank oder CD-Ständer einem zurück ins Gedächtnis ruft, was man bereits besitzt. Na gut, man könnte vielleicht Listen führen über das bereits Angehörte. Aber wozu? Das wäre doch viel zu umständlich und vor allem ohne jeden ästhetischen Reiz. Der Kunstsammler Heinz Berggruen soll gesagt haben, ein schönes Bild brauche auch immer einen schönen Rahmen, so wie eine schöne Frau ein schönes Kleid brauche. Ein gestreamtes Lied aber ist – verglichen mit jenem auf einem Tonträger – noch weniger als eine Postkarte im Vergleich zum gerahmten Bild an der Wand.
Natürlich ist es kein Zufall, dass die Schallplatte in den beiden vergangenen Dekaden eine triumphale Wiederauferstehung gefeiert hat. Doch liegt hierin bereits ein Teil des Problems, denn mittlerweile ist sie zum sündhaft teuren Luxus-Accessoire geworden. Muss das wirklich sein: horrende Summen für Platten ausgeben, die man noch vor ein paar Jahren für wenige Euros auf Flohmärkten finden konnte? Hier bietet sich nun die CD als vergleichsweise spottbillige Alternative zu ihrer großen Schwester, der Schallplatte, an, zumindest wenn man sie aus zweiter Hand erwirbt, wozu es ja dank Medimops, Rebuy und Co. fortwährend erstklassige Gelegenheiten gibt. Auch das Verschicken der CDs kostet kaum zwei Euro, während man fürs Versenden der klobigen schwarzen Vinyl-Scheiben in großen stabilen Plattenkartons weitaus tiefer in die Tasche greifen muss. Und wie bequem ist es doch mit den CDs: rein, raus, vor, zurück. Alles geht schnell und einfach und ist nicht so zeitraubend wie bei den Platten. Außerdem verspringen die CDs einem nicht im Player, auch dann nicht, wenn man beim Musikhören Frühsport treibt (bzw. umgekehrt) und dabei den Fußboden erschüttert. Und fürs Lesen der CD-Beschriftungen liegt schon seit langen Jahren eine Lupe auf unserem Küchentisch.
Wohl über anderthalb Dekaden habe ich mir nun schon zu Tiefstpreisen Unmengen an CDs zusammengekauft, zumeist solche, die ich vor zwanzig oder dreißig Jahren sehr gerne gehabt hätte, aber mir damals nicht leisten konnte. Mittlerweile besitze ich schon weitaus mehr CDs als Schallplatten. Doch das fällt gar nicht auf, weil die CDs viel weniger Platz beanspruchen. Nur meiner Frau ist es inzwischen aufgefallen, dass meine vielen CDs langsam, aber sicher unsere Wohnung vollstellen, weshalb sie ein striktes CD-Ständer-Anschaffungsverbot verhängt hat. (Den größten Teil meiner CD-Ständer habe ich über Ebay Kleinanzeigen geschenkt bekommen von Leuten, die keine Verwendung mehr für sie hatten.) Glücklicherweise ist es mir vor kurzem dennoch gelungen, zwei besonders große CD-Ständer mit reichlich Fassungsvermögen unauffällig in der Speisekammer zu platzieren, womit ich bei meiner Frau so gerade eben noch durchgekommen bin. Doch versuche icn schon nach Kräften, mich bei meinen weiteren CD-Anschaffungen zu bremsen, denn ob der Aufbewahrungsplatz für mein gesamtes restliches Leben ausreichen wird, das steht noch in den Sternen…
justament.de, 26.6.2023: Das Beste seit Honeymoon
Lana Del Rey auf “Did You know that there’s a tunnel under Ocean Blvd”
Thomas Claer
Blickt man auf die zahlreichen Veröffentlichungen der amerikanischen Musikerin und Stil-Ikone Lana Del Rey seit ihrem gefeierten Debüt “Born to Die” (2012) zurück, das allerdings genau genommen gar nicht ihr Debüt, sondern bereits ihr zweites Studio-Album war, doch weil es das erste, ihr Frühwerk “Lana Del Ray a.k.a. Lizzy Grant” (2010), bis heute nicht mal als gepressten Tonträger gibt, kann man es schwerlich für voll nehmen… Blickt man also auf Lana Del Reys Alben der letzten zwölf Jahre zurück, dann fällt auf, dass dem fulminanten, aber doch recht inhomogenen “Born to Die” ihre beiden vermutlich stärksten Platten folgten, auf denen sie ihren sehr besonderen Stil nicht nur gefunden, sondern zugleich auch schon perfektioniert hat: Ultraviolence (2014) und Honeymoon (2015). Danach wurde sie schwächer, namentlich auf “Lust for Life” (2017), auf dem sie u.a. mit mehreren prominenten Rappern kooperierte, was sich als nicht sehr vorteilhaft für sie erwiesen hat. Die drei folgenden Alben “Norman Fucking Rockwell” (2019), “Chemtrails over the Country Club” und “Blue Banisters” (beide 2021) waren dann wiederum gelungener und auf jeweils eigene Weise interessant, wenn auch längst nicht so überragend wie ihre Werke von 2012 bis 2015.
Und nun präsentiert uns Lana Del Rey also ihr mittlerweile – je nach Zählweise – achtes oder neuntes Album mit dem ebenso mysteriösen wie sperrigen Titel “Did You know that there’s a tunnel under Ocean Blvd”. Es enthält nicht weniger als 16 Songs, was normalerweise ein Problem wäre, aber hier gar nicht besonders schadet, da es in all dieser Fülle kaum Schwachpunkte gibt. Ja, “Did You know”, das ganz anders ist als seine Vorgänger, abwechslungsreich und überraschend vielschichtig, lässt sich durchaus als großer Wurf ansehen. Auch wenn diesmal eine Rekordzahl an Gastmusikern mitgewirkt hat, haben die vielen Köche keinesfalls den Brei verdorben. Es fällt sogar schwer, einen bestimmten Track herauszuheben. Am besten, man hört komplett alles durch, und das gleich mehrfach. Wer mag, kann sich mit Hilfe des sehr umfangreichen Wikipedia-Eintrags auch noch mit den inhaltlichen Aspekten der CD auseinandersetzen. Doch auch, wer dies ausspart, wird auf seine Kosten kommen. Kurzum, Lana Del Rey hat ihrem Gesamtkunstwerk ein überzeugendes Kapitel hinzugefügt. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).
Lana Del Rey
Did You know that there’s a tunnel under Ocean Blvd
Urban (Universal Music) 2023
ASIN: B0BP4R3GMB
justament.de, 29.5.2023: Einfach nur zusammen sein
Scheiben Spezial: Vor 50 Jahren gelang Udo Lindenberg der Durchbruch mit “Alles klar auf der Andrea Doria”
Thomas Claer
Im Frühjahr 1973, in einem Alter, in dem andere legendäre Popstars schon drauf und dran waren, sich mittels Überdosis oder Schrotflinte in die ewigen Jagdgründe des Musikerhimmels zu befördern, hatte der Sänger und Schlagzeuger Udo Lindenberg gerade erst seinen ganz großen Wurf gelandet. Und entgegen aller Wahrscheinlichkeit, trotz fortwährender Alkohol- und Nikotinexzesse, weilt er sogar heute noch unter uns und hat gerade erst seinen 77. Geburtstag würdevoll begangen – bei bester Gesundheit, nach allem, was man weiß.
Damals, vor 50 Jahren, hatte der Panikrocker im Frühstadium immerhin schon ein beachtliches Frühwerk mit kleinen Hits wie “Hoch im Norden” und “Candy Jane vorgelegt, dem er nun mit “Alles klar auf der Andrea Doria” sein ultimatives Meisterwerk folgen ließ. Auf dieser Platte stimmte einfach alles, jeder Song ein Volltreffer!
Vor allem aber widmete sich der junge Lindenberg in seinen Songtexten mit viel Chuzpe, Naivität und gesundem Menschenverstand auch heiklen politischen Fragen wie den innerdeutschen Beziehungen: Wenn man sich innerhalb ein und derselben Stadt nicht frei bewegen darf und der westliche Besucher seine östliche Geliebte hinter Mauern eingesperrt zurücklassen muss, dann ist etwas ganz grundsätzlich nicht in Ordnung. “Wir woll’n doch einfach nur zusammen sein”, heißt es im Song “Mädchen aus Ost-Berlin”, mit dem die sehr spezielle Beziehung zwischen dem “kleinen Udo” und der seitdem immer größer werdenden Zahl seiner Fans in der Deutschen Demokratischen Republik ihren Anfang nahm. Immer wieder gab es fortan DDR-Bezüge in den Lindenberg-Songs, kulminierend im “Sonderzug nach Pankow”, der 1983 sogar für eine Art kleine deutsch-deutsche Staatsaffäre sorgte. Wenn sich in 40 Jahren deutscher Teilung dann doch noch so viel Verbindendes zwischen Ost- und Westdeutschen erhalten hat, dann ist das nicht zuletzt solchen unermüdlichen Brückenbauern wie Udo Lindenberg zu verdanken.
Weiterhin finden sich auf der “Andrea Doria”-Platte epochale Songperlen wie das zarte Liebeslied“ Cello”, das fast schon existentialistische “Er wollte nach London” oder das melancholische “Nichts haut einen Seemann um”. Und wie radikal modern war seinerzeit der Text von “Ganz egal”: “Und wieso auch nicht / Es ist doch ganz egal / Ob du ein Junge oder ‘n Mädchen bist”. Kurzum, diese Platte und ihr Nachfolger “Ball Pompös” (1974) sind das Beste, was Udo Lindenberg jemals geschaffen hat. Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).
Udo Lindenberg & das Panikorchester
Alles klar auf der Andrea Doria
Telefunken/ Warner 1973
ASIN: B000069K14
justament.de, 1.5.2023: Verlassen in Berlin
Element of Crime auf ihrem 15. Studio-Album “Morgens um vier”
Thomas Claer
Dass Element of Crime, die erklärten Lieblinge überwiegend großstädtischer Nachtmenschen, Melancholiker und Romantiker, sich zuletzt auf jeder neuen Platte noch etwas stärker als jeweils zuvor präsentierten, das konnte man so langsam fast schon beängstigend finden. Doch nun, im 39. Jahr ihrer Bandhistorie, ist dieser langjährige Trend gebrochen. Mit ihrem jüngst erschienenen neuen Album lassen sie, auf hohem Niveau zwar, aber doch unverkennbar, ein wenig nach. Aber auch wenn “Morgens um vier” nicht ganz mit dem Vorgänger “Schafe, Monster und Mäuse” von 2018 mithalten kann, so hält es für den geneigten Hörer doch genügend Höhenpunkte bereit, um ihm zumindest den diesjährigen bislang so nasskalten Frühling gebührend zu versüßen.
Überzeugen kann vor allem der Beginn. Das erkennbar in der Corona-Zeit entstandene “Unscharf mit Katze” ist ein mustergültiger EoC-Song erster Güte, der all das enthält, was diese Band so groß und bedeutsam gemacht hat: scheppernde Gitarrenriffs, wuchtige Trompeteneinschübe, Sven Regeners knarzig-angerauten Gesang und eine wie gewohnt ausgefeilte, hintersinnige Textdichtung. Doch gerade hier, bei den Texten, läuft es diesmal, wenn man das ganze Album betrachtet, weniger rund als zuletzt. Neben lyrischen Glanzleistungen (“Aus unsren Mündern kommen Schall und Rauch”) stehen mitunter wenig schlüssige Sprachbilder wie bereits im Eröffnungssong das von der unscharf aufgenommenen Katze und der Axt in den Händen, bei denen man sich in der Tat fragen muss, worauf sie hinauslaufen sollen. Dies gilt auch für manche Passage der anderen Songs, etwa den rätselhaften Refrain “Was mein ist, ist auch dein”. Nachvollziehbarer ist da schon das auf recht witzige Weise den Trivialautor Johannes Mario Simmel zitierende “Liebe ist nur ein Wort”. Sehr schön und stimmungsvoll geraten, sowohl textlich wie auch musikalisch, sind das Titel- und zugleich Schlussstück “Morgens um vier” sowie das gemeinsam mit dem Isolation-Berlin-Sänger Tobias Bamborschke eingesungene “Dann kommst du wieder”, das einen irgendwie an den mehr als dreißig Jahre alten “Weeping Song” von Nick Cave im Duett mit Blixa Bargeld erinnert.
Thematisch kreisen die Lieder auf bewährte Weise – und insofern dann doch ans Vorgängeralbum anknüpfend – auffällig oft um die Themenfelder liebeskrankes, verlassenes lyrisches Ich und Berlin, gerne auch beides miteinander verbindend wie in “Ohne Liebe geht es auch” und “Wieder Sonntag”, das endlich einmal der Flohmarktkultur unserer Hauptstadt ein verdientes Denkmal setzt. Was die Kompositionen auf dieser Platte angeht, so fallen zwar auch sie etwas hinter diejenigen auf den vorherigen Alben zurück, doch sind sie dabei nicht unbedingt schlechter als etwa auf “Immer da wo du bist bin ich nie” (2009) oder “Psycho” (1999). Kurzum, für die Liebhaber der Elements hat dieses Album, wenn es auch nicht gerade ihr bestes sein mag, durchaus eine Menge zu bieten. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).
Element of Crime
Morgens um vier
Vertigo Berlin (Universal Music)
ASIN: B0BTNSM71K
justament.de, 10.4.2023: Vielsagender Nachtrag
Achim Reichel mit seinen “Machines” live in der Elbphilharmonie
Thomas Claer
Dieses Album hatte Achim Reichel unbedingt noch herausbringen wollen – als krönenden Abschluss seines musikalischen Lebenswerks gewissermaßen, als I-Tüpfelchen auf der schier unglaublichen Wiederbelebung seines abgefahrenen Siebzigerjahre-Krautrock-Experiments “A.R. & Machines” in der Hamburger Elbphilharmonie am 15. September 2017. Begleitend zu diesem legendären Konzert ist damals eine opulente Box mit allen Werken aus jener Zeit erschienen, von der “Grünen Reise” (1971) bis zu “Erholung” (1975), und dazu noch mit reichlich unveröffentlichtem Material (Justament berichtete). Doch nun, mehr als ein halbes Jahrzehnt später, kommt auch noch der Konzertmitschnitt hinterher – und dies mit voller Berechtigung, denn im Klangtempel an der Waterkant hat diese einzigartige Musik noch einmal einen ganz eigenen Drive bekommen. Ferner finden sich auf dieser CD auch Stücke, die es nur hier und nirgendwo sonst gibt, wie das Titelstück “Another Green Journey”. Wie es im Booklet heißt, war dieses Projekt für Achim Reichel der gelebte Traum, “das kompromisslos eigene Ding in die Welt zu pflanzen”, sich von den übermächtigen angloamerikanischen Leitbildern zu emanzipieren. Nur hat es dann eben fast noch ein halbes Jahrhundert gedauert, bis diese obskuren Klänge schließlich doch noch ein breiteres Publikum erreicht haben. Es fragt sich nur, warum diese Live-CD unbedingt als Doppelalbum zusammen mit der “Grünen Reise” von 1971 erscheinen muss, über die doch wohl jeder Interesent dieser Musik ohnehin bereits verfügen dürfte.
Die Frage ist nun allerdings, ob das für Achim Reichel schon der Schlusspunkt war, oder ob da vielleicht noch etwas kommen könnte. Gerade ist der mittlerweile 79-Jährige noch einmal auf Deutschland-Tournee gegangen. Was von ihm aber definitiv noch fehlt, ist eine Raritäten-CD. So gibt es etwa seine grandiose Macky-Messer-Version mit Shanty-Chor im Stile seines Shanty-Alb’ms (1976) bislang nur auf Vinyl, nämlich auf seiner 1981 auf dem Ahorn-Label herausgebrachten Werkschau “Rock in Deutschland Vol 7”, die auch noch eine Reihe weiterer Tracks enthält, die auf keinem seiner regulären Alben erschienen sind, wie die Studio-Version von “Sie hieß Mary Ann”. Auch sein Elvis-Presley-Cover “Im Ghetto” (1984) wurde noch nie auf CD gepresst. Es gäbe also zweifellos eine Menge Schätze zu entdecken…
A.R. & Machines
71/17 Another Green Journey: Live at Elbphilharmonie (2CDs)
Bmg Rights Management (Warner) 2022
ASIN: B0BCCY3H19
justament.de, 13.3.2023: Auferstandene Legende
Die Kastrierten Philosophen sind wieder produktiv – nach 26 Jahren!
Thomas Claer
Jede Band von Bedeutung, die sich aufgelöst hat, kommt früher oder später auch wieder zusammen. Das ist so eine Art Naturgesetz der Branche. Die Fans dürsten nach einer Wiedervereinigung, nach neuen Songs von ihren alten Lieblingen, nach Revival-Tourneen und kostbaren Sammeleditionen der alten Veröffentlichungen. Und irgendwann lassen die alten Helden, so sie denn noch am Leben und halbwegs gesund geblieben sind, sich dann endlich breitschlagen und steigen tatsächlich noch einmal in den Ring. Nur bei den Kastrierten Philosophen, den Sonderlingen aus dem Indie-Underground der Achtziger und Neunziger, die damals ein richtig heißer Szene-Act gewesen sind, da war man sich ganz sicher, dass so etwas nie passieren würde.
Seinerzeit waren die beiden Hauptprotagonisten Katrin Achinger und Matthias Arfmann, die auch privat ein Paar waren (am Ende sogar ein Ehepaar mit Kind, um genau zu sein) ja nicht gerade friedlich auseinandergegangen. Auch wenn keine Details bekanntgeworden sind, konnte sich ja jeder an fünf Fingern abzählen, was wohl passiert sein musste: Von heute auf morgen wurde das Band-Projekt eingestellt, und Matthias Arfmann posierte auf seinen bald darauf erscheinenden Solo-Veröffentlichungen an der Seite einer auffällig hübschen jungen exotischen Sängerin. Katrin Achinger hingegen musste sich von nun an als alleinerziehende Mutter durchschlagen und war so begreiflicherweise musikalisch weitgehend ausgebremst…
In einem Interview berichtete sie lange Jahre später davon, wie hart diese Zeit für sie gewesen ist. Irgendwann stellte sie sich beruflich neu auf und wurde Englisch-Lehrerin an einer Volkshochschule in Hamburg. Hach, wenn man damals in Hamburg gewohnt und davon Wind bekommen hätte, dann hätte man sich aber schnurstracks zum Englisch-Kurs bei Katrin Achinger angemeldet und sich alle seine geliebten Philosophen-Platten und CDs von ihr signieren lassen. Man hätte ihrer wunderbaren Stimme gelauscht, wie sie die Vokabeln deklamiert…
Aber genug der Vorrede. Die Kastrierten Philosophen, es ist wirklich kaum zu glauben, sind tatsächlich wieder da. Offenbar haben sie sich zusammengerauft, einander verziehen, sich auf ihre so überaus fruchtbaren gemeinsamen 15 Jahre besonnen. Jetzt, wo beide um die sechzig und darüber wohl auch ein Stück weit altersmilde geworden sind… Ein Best of-Album ist also nun entstanden, das insgesamt 17 Titel enthält, darunter sogar zwei neue. Loben muss man zunächst das bunt gemusterte Platten-Design, das großartigerweise rechts unten auf der Vorderseite die beiden Strichmännchen zeigt, die schon ihre allererste selbstbetitelte MC in den frühen Achtzigern geschmückt haben. Auch die CD selbst in Schallplattenoptik und mit pechschwarzer Rückseite (und trotzdem lässt sie sich problemlos abspielen!) ist ein Augenschmaus. Und selbstverständlich ist auch lauter gute Musik auf der Scheibe enthalten. Allein, das Beste von dieser Band? Nein, das bleibt leider ausgespart.
Gerade einmal ein einziges meiner zahlreichen Lieblingslieder von den Philosophen, nämlich “Toilet Queen”, befindet sich auf der Platte. Als ob sie sich bei der hier vorgenommenen Auswahl aus ihrem Oeuvre bewusst auf die tendenziell harmloseren, ja mitunter fast schon gefälligen Titel beschränkt hätten. Das ganz schräge Zeug, der ganz heiße Stoff hat es leider nicht aufs Album geschafft. Wo bleiben “Decadent Café” und “Faceless Fuckparade”, “Endzeitliebe” und “Hard Break Hotel”? Was ist mit “Lens Reflects Fear”, “Call Yourself a Liar”, “Gun Beat Babes 2” und “¿Por Qué Lloras?” Und warum fehlen “40th Generation” und “Cyrenaika”, “Privacy” und “Tyrants Of Insomnia”? Ebenso vergeblich sucht man nach “She’s Allergic” und “Peeping All”. Eigentlich müssten sie gleich noch eine weitere Best-of-the-Rest-Platte raushauen. Allerdings ist leider zu befürchten, dass sich das wohl wirtschaftlich nicht rechnen würde. Denn so viele Fans aus alten Tagen außer einem selbst sind dann vermutlich doch nicht mehr übriggeblieben. Wie konnte eine so fantastische und außergewöhnliche Musik nur dermaßen in Vergessenheit geraten? Es wird höchste Zeit, sie wieder oder neu zu entdecken!
Ach ja, es sind wie gesagt auch noch zwei neue Songs auf der Platte. Tja, man freut sich natürlich sehr darüber, mal etwas Neues von ihnen zu hören. Und es ist ja auch nicht ganz schlecht, aber eben doch längst nicht so gut wie die alten Sachen. Der letzte Song des Albums, das Titelstück “Jahre” mit einem sehr philosophischen Text in deutscher Sprache (der dem Bandnamen alle Ehre macht) ist schon vor einigen Jahren unter dem Titel “Hans im Glück” von Katrin Achingers Band “Flight Crew” herausgebracht worden, was aber vollkommen in Ordnung geht.
Kastrierte Philosophen
Jahre. 1981-2021 + 1
about us records 2022
LC 92196
justament.de, 13.2.2023: Solo zum Dritten
Stella Sommer auf “Silence Wore a Silver Coat”
Thomas Claer
Eigentlich wäre jetzt eher mal ein neues Album von “Die Heiterkeit” dran gewesen, der Nachfolger des grandiosen “Was passiert ist” von 2019. In den trüben Corona-Jahren sollte doch viel Zeit zum Schreiben neuer Songs gewesen sein. Immerhin das letzte stimmt. Doch Stella Sommer überrascht uns nun stattdessen mit einem weiteren Solo-Album, dem mittlerweile dritten, das nur gut zwei Jahre nach dem Vorgänger “Northern Dancer” erscheint und nicht weniger als 24 (vierundzwanzig!) englischsprachige Songs enthält.
Natürlich, Stella Sommer reitet nach all den enthusiastischen Kritiken ihrer jüngsten Werke auf der Erfolgswelle (auch wenn sie, was die Plattenverkäufe angeht, noch längst nicht in der Champions League angekommen sein mag), da darf es auch schon mal ein bisschen mehr sein. Das Problem ist nur, dass hier vielleicht etwas weniger letztlich doch mehr gewesen wäre. Denn wenn auf einem Album mit zwölf Titeln vier davon brillant sind und der Rest ganz ordentlich ist, dann gilt das schon als Spitzenplatte. Wenn aber von 24 Songs vier großartig sind und der Rest teils ganz okay und teils etwas schwächer, dann kann das leicht den Genie-Status der Künstlerin in Frage stellen. Andererseits bleibt aber festzuhalten, dass es auf “Silence Wore a Silver Coat” (Was für ein großartig poetischer Albumtitel!) auch keine Totalausfälle gibt. Dafür ist Stella Sommer wohl mittlerweile auch zu stilsicher geworden in ihren unermüdlichen Beschwörungen des Sixtees-Spirits.
Zwei der besagten vier Höhepunkte der Platte befinden sich ganz am Anfang: der Opener “A Single Thunder in November” und der darauffolgende Titelsong. Hier wird gleichsam der Ton gesetzt für die atmosphärische Kolorierung, die auch im weiteren Verlauf des Albums durchgängig beibehalten wird. Die beiden weiteren Highlights sind dann aber weiter hinten versteckt: “Sorrow Had a Brother” und ganz besonders “A Special Kind of Lostness”. So, als “besondere Art der Verlorenheit” ließe sich im Übrigen auch das gesamte Solo-Werk von Stella Sommer charakterisieren. Und ganz allgemein ist an dieser Stelle auch ihre stets klangvolle und metaphernreiche englische Textdichtung zu loben, wenn auch der Rezensent dies mangels einschlägiger Sprachkompetenz leider nur sehr eingeschränkt zu beurteilen vermag… Das Urteil für diese Platte lautet jedenfalls: voll befriedigend (11 Punkte).
Stella Sommer
Silence Wore a Silver Coat
Buback Tonträger 2022
justament.de, 23.1.2023: Beim Barte der Kassandren
Vor einem Jahr erschien “Nie wieder Krieg” von Tocotronic. Eine verspätete Rezension
Thomas Claer
Als im Januar 2022 die Band Tocotronic ihr 13. Studio-Album “Nie wieder Krieg” herausbrachte, da dachte man: Was soll denn das jetzt? Warum bloß ein so pathetischer und völlig aus der Zeit gefallener Titel?! Sind wir jetzt in den Achtzigern, oder was? Als ob irgendwo ein Krieg vor der Tür stünde… Na gut, es gibt natürlich schon eine Menge Kriege in der Welt, aber doch nicht hier bei uns, mitten in Europa…
Kurz darauf wurde man bekanntlich durch Putins Überfall auf die Ukraine aus allen Wolken gerissen und musste bei Tocotronic Abbitte leisten. Sie hatten es vielleicht nicht gerade kommen sehen, aber doch irgendwie… Wenn es nicht so despektierlich klänge, könnte man fast sagen: den richtigen Riecher gehabt. Kunstwerke sind ja, wie es so schön heißt, oftmals klüger als die Künstler, die sie in die Welt gesetzt haben. Und nicht nur der Titel- und zugleich Eröffnungssong trifft textlich den Nagel auf den Kopf (“Keine Verhetzung mehr!”), auch der darauffolgende Track “Komm mit in meine freie Welt” wirkt seltsam prophetisch, ebenso wie das Lied danach “Jugend ohne Gott gegen Faschismus”. Und es geht ja noch weiter mit Songtiteln wie “Ich gehe unter”, “Ich hasse es hier”, “Ein Monster kam am Morgen” und “Crash”. Noch mehr Zeitgeist auf einer Platte als hier lässt sich kaum vorstellen!
Soweit zur inhaltlichen Seite von Tocotronics aktuellem Album. Aber ist es denn auch künstlerisch gelungen? Nun, zumindest über weite Strecken. Musikalisch eher schwach geraten sind eigentlich nur der besagte Titelsong sowie die beiden letzten Stücke “Hoffnung” und “Liebe”. Der Rest ist ziemlich überzeugend, allen voran “Ich tauche auf”, das gesangliche Duett von Bandleader Dirk von Lowtzow mit Soap & Skin, worunter sich eine 33-jährige recht anmutige österreichische Sängerin verbirgt. Die beiden liefern hier den vielleicht schönsten und ergreifendsten Paargesang in der Popmusik seit Nick Cave und PJ Harvey ab. Andere würden vielleicht sagen: seit Nick Cave und Kylie Minogue… Und dies gilt ausdrücklich auch für das begleitende Musikvideo!
Es gibt aber auch noch weitere starke Titel auf “Nie wieder Krieg”, die interessanterweise auf jeweils unterschiedliche Schaffensphasen der einstigen Hamburger-Schule-Band verweisen. “Ich gehe unter” und “Leicht lädiert” klingen wirklich sehr nach ihrem Frühwerk, besonders letzteres in seiner ungelenken Fremdwörter radebrechenden Textdichtung. Ganz toll! “Crash” hingegen mit seinem Smiths-Gitarrenspiel erinnert deutlich an ihre entsprechend ausgerichtete Phase in den mittleren bis späten Nullerjahren mit dem Album “Kapitulation”. Vielleicht sind dies ja in Wirklichkeit auch Lieder von damals, die es seinerzeit nur nicht aufs jeweilige Album geschafft haben. Aber was macht das schon? Überaus raffiniert ist auch der Text von “Nachtflug”. Zuerst vermutet man darin eine üble Klima-Sauerei mitsamt Anwohner-Belästigung, bis sich allmählich herausstellt, dass das lyrische Ich wohl nur rein metaphorisch durchs Berliner Nachtleben fliegt…
Alles in allem also mal wieder eine reife Leistung der Tocos. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).
Tocotronic
Nie wieder Krieg
Vertigo Berlin 2022
justament.de, 26.12.2022: Ganz großer Kleinkünstler
Scheiben Spezial: Zum 80. Geburtstag von Reinhard Mey
Thomas Claer
Neulich habe ich nach langer Zeit mal wieder den “Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars” gehört, den satirischen Song des Berliner Liedermachers Reinhard Mey aus dem Jahr 1977, der darin in sieben Strophen die deutsche Bürokratie treffsicher auf den Punkt bringt und zugleich durch den Kakao zieht. Auf seinem langen Weg zum begehrten Antragsformular kämpft sich das lyrische Ich tapfer durch den Behördendschungel, trifft dort auf durchweg freundliche und hilfsbereite Amtsträger (insofern ist das Lied wohl eher noch beschönigend), die auch im Rahmen ihrer Zuständigkeiten ihr Möglichstes tun. Doch ist in diesem Wust von Unübersichtlichkeit und Ineffizienz leider kein Vorankommen möglich, und am Ende sorgt nur ein grotesker Zufallsfund für das nicht mehr für möglich gehaltene Erfolgserlebnis. Erst in der vorletzten Strophe gerät der Ich-Erzähler, der bis dahin alles geduldig über sich ergehen lässt, aus der Fassung… Es ist so witzig. Man kann sich immer wieder aufs Neue darüber amüsieren, egal wie oft man es schon gehört hat. Gäbe es ein Ranking der lustigsten Lieder aller Zeiten, dann stünde dieses Lied, jedenfalls wenn es nach mir ginge, unangefochten an erster Stelle (gefolgt von Torfrocks Blasphemie-Klassiker “Rollos Taufe” und dem “Sonnenschein-Song” aus der Sesamstraße).
Natürlich ist der “Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars” auch ein Zeitdokument. Ja, genauso war das damals in den Siebzigern:
“Tja”, sagte der Herr am Schreibtisch, “alles, was Sie wollen, nur
Ich bin hier Vertretung, der Sachbearbeiter ist zur Kur
Allenfalls könnte ich Ihnen, wenn Ihnen das etwas nützt
Die Broschüre überlassen, ,Wie man sich vor Karies schützt’”
Die Sozialdemokratie hatte gesiegt. Im Mittelpunkt stand nun der arbeitende Mensch, dem man allerhand Privilegien angedeihen ließ. So etwas wie Kundenfreundlichkeit hingegen war noch nicht erfunden:
“… In die Abwertungsabteilung für den Formularausschuss.
Bloß, beeil’n Se sich ein bisschen, denn um zwei Uhr ist da Schluss”
…
“Und die Nebendienststelle, die sonst Härtefälle betreut,
Ist seit elf Uhr zu, die feiern da ein Jubiläum heut’
Frau Schlibrowski ist auf Urlaub, tja, da bleibt Ihnen wohl nur
Es im Neubau zu probier’n, vielleicht hat da die Registratur…”
Überhaupt tritt man dem Musiker und großen Textdichter Reihard Mey wohl nicht zu nahe, wenn man feststellt, dass er seine beste Zeit in den besagten Siebzigern hatte. Wohl alle seine Lieder, an die man sich heute noch erinnert, stammen aus jenem Jahrzehnt: Vom heute wieder sehr aktuellen “Ich bin Klempner von Beruf” über die wirklich großartige “Ballade vom Pfeifer” bis zu “Über den Wolken”, seinem größten “Hit”, ohne den auch nach fast einem halben Jahrhundert kaum eine Schlagerparty auskommt. Als dieses Lied geschrieben wurde, war das Fliegen im Flugzeug noch keine schambehaftete Klima-Sauerei, sondern ein für die breite Masse unbezahlbarer und grenzenlose Freiheit verheißender romantischer Traum:
“In den Pfützen schwimmt Benzin
Schillernd wie ein Regenbogen
Wolken spiegeln sich darin
Ich wär gern mitgeflogen.”
Am Mittwoch letzter Woche hat Reinhard Mey seinen 80. Geburtstag begangen.









