Category Archives: Über Musik

justament.de, 21.10.2024: Mr. Hamburger Szene

Scheiben Spezial: Zum 30. Todestag von Wilken F. Dincklage

Thomas Claer

Die “Hamburger Szene” war in den Siebzigern so etwas Ähnliches wie später die “Neue Deutsche Welle” in den Achtzigern oder die “Hamburger Schule” in den Neunzigern: ein neues großes Musik-Ding, das für alle Beteiligten zum Label wurde; als Schlagwort erfunden jeweils von Musikjournalisten. Um 1973 herum hatte sich rund um die Hamburger Kneipe “Onkel Pö” ein “Jazz- und Spaßmusikerklüngel” (Wikipedia) gebildet, der vorwiegend Dixiland-Jazz mit Elementen der Rock- und Popmusik kombinierte; sehr schön textlich zusammengfasst in Udo Lindenbergs Titelstück seiner gleichnamigen LP “Alles klar auf der Andrea Doria”. Und eine zentrale Gestalt in dieser seit ca. 1975 so genannten “Hamburger Szene” war der umtriebige Wilken F. Dincklage (1942-1994), genannt der dicke Willem, der als Musiker, Radiomoderator, Musikproduzent, Schauspieler und Unternehmer nahezu überall irgendwie mitmischte. Noch dazu wurde er zum Herbergsvater der Szene, indem er 1972, gemeinsam mit dem Toningenieur Conny Plank, eine prächtige alte Villa in Hamburg-Winterhude mietete (das ehemalige Privathaus des Kanadischen Botschafters), dort den Kraut-Musikverlag gründete und eine große Zahl junger Künstler bei sich einquartierte.

Beinahe alles, was damals Rang und Namen in Hamburgs Musikszene hatte oder noch kriegen sollte, wohnte zumindest vorübergehend in Willems berühmter WG in der so genannten “Villa Kunterbunt”: Udo Lindenberg, Otto, Marius Müller-Westernhagen, Gottfried Böttger, Lonzo Westphal, Steffi Stephan, Peter Petrel und weitere seiner Kollegen aus der Rentnerband. Zeitweise hatte die WG 14 Bewohner. Als Nina Hagen zum Jahreswechsel 1976/77 in den Westen kam, fand sie ebenfalls Unterschlupf in Willems WG, blieb dort aber nicht lange. Und während ihr galanter Mitbewohner Otto Waalkes ihr Hamburg zeigte, schrieb ihr WG-Genosse Marius Müller-Westernhagen später über sie den leicht gehässigen Song “Guten Tag, ich bin Gerti aus der DDR”.

Aber zurück zu Willem, der in seiner Jugend eine Ausbildung zum Teeverkoster absolviert hatte und als Kaufmann u.a. als Ostblock-Experte eines Industriekonzerns tätig war. (Angeblich konnte er sich in acht Sprachen fließend unterhalten.) Neben seinem Job als Musikverleger pendelte Willem seit 1972 zwischen Hamburg und Saarbrücken, wo er als kundiger Musikjournalist im Hörfunkprogrramm des Saarländischen Rundfunks die Sendung “Pop Corner” moderierte und dort vornehmlich über die Hamburger Musikszene berichtete. Bald darauf ging Willem, der selbst Banjo und Gitarre spielte, auch eigene musikalische Wege und veröffentlichte mehre Singles und später auch Langspielplatten. Zu einer der Hymnen der “Hamburger Szene” avancierte 1975 sein unter dem Pseudonym “Daddy’s Group” erschienener Song “Lass die Morgensonne (endlich untergehn)”. Später allerdings geriet er mit Liedern wie “Tarzan ist wieder da” (1977) immer mehr auf die Blödel-Schiene. In den Achtzigern wurde Willem dann zum gefeierten Radio-Moderator beim NDR (“Hits mit Willem”, “Norddeutsche Top Fofftein”, “Musikraten und Singen”) und wirkte in mehreren Filmen als Schauspieler mit, so in der legendären Szene in der Rockerkneipe “Chrome de la Chrome” im ersten Otto-Film (1985). Nach Mauerfall und Wiedervereinigung moderierte Willem für Antenne Mecklenburg-Vorpommern und engagierte sich in der Stadt Wismar.

Vor 30 Jahren, am 18. Oktober 1994, starb Wilken F. Dincklage im Alter von erst 52 Jahren an einer Lungenembolie. Bei seinem Tod soll er mehr als 250 kg gewogen haben. Das Herz der Hamburger Szene hatte aufgehört zu schlagen.

justament.de, 9.9.2024: Alles Käse?

Die Mausis auf “In einem blauen Mond”

Thomas Claer

Nun ist sie also erschienen, die schon vor geraumer Zeit angekündigte Debüt-Platte der Mausis, worunter sich das obskure Duett von Stella Sommer und einem jungen Mann namens Max Gruber (auch bekannt unter dem Künstlernamen Drangsal) verbirgt. Und als sich nach neuer Musik von der wunderbaren Stella Sommer regelrecht verzehrender Fan ist man hin und hergerissen. Denn es fragt sich, wieviel Stella Sommer, wie wir sie kennen und lieben, in den Mausis überhaupt enthalten ist. Tonangenend ist hier nämlich zweifellos und durch die Bank ihr Kollege Gruber, und dementsprechend klingen die Songs doch recht seicht und ein ums andere Mal ins Schlagerhafte kippend. Immerhin: Der Titel- und zugleich Eröffnungssong (wenn man das weitgehend überflüssige Intro zu Beginn der Platte außen vorlässt) “In einem blauen Mond” erweist sich nach mehreren Hördurchgängen dann doch noch als veritabler Ohrwurm, weshalb es wohl auch eine gute Wahl war, gerade dieses Lied bereits im Vorfeld zur “Single” auszurufen. Der Rest des Albums kann an dieses Stück jedoch qualitativ kaum heranreichen.

Die Texte bewegen sich in einer harmlos-unverbindlichen Parallelwelt aus Mäuse-Ulkereien und Alltags-Verdichtungen, was nicht weiter schlimm wäre, wenn nur die Songs musikalisch etwas ideenreicher und inspirierter wären. Erst im Schlusslied “Am Ufer der Zeit” klingt Stella Sommer endlich wie Stella Sommer, nämlich düster und betörend. Doch bereits zur Mitte des Liedes kommt dann doch wieder ihr Mitarbeiter Gruber um die Ecke, übernimmt den Gesangspart und lenkt so auch diesen Song in (s)eine wenig gute Richtung… Ein jedenfalls witziges und insofern überzeugendes Lied trägt den schönen Titel “Ich leg mein Geld in Käse an” mitsamt dem vielsagenden Nachschub “Wieso? Weil ich es kann.” Man könnte hierin einen der rar gesäten Höhepunkte dieses Albums sehen, und das nicht nur, weil Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow hier einen gesanglichen Gastauftritt absolviert. Gute Ansätze finden sich ferner noch in “Ausgerechnet ich” und im “ABC der Ängste”.

Will man es positiv sehen, so hat Stella Sommer mit diesem Album ihre Vielseitigkeit unter Beweis gestellt und ihr ungewöhnliches Nebenprojekt, das bereits 2017 einmal kurzzeitig existierte, zu neuem Leben erweckt. Das Gesamturteil lautet gleichwohl nur: noch befriedigend (7 Punkte). Im übrigen sind wir der Meinung, dass eine neue Heiterkeit-Platte erscheinen sollte.

Die Mausis
In einem blauen Mond
2024 Käsescheiben

justament.de, 5.8.2024: Lieblingslieder

Im September erscheint eine Compilation mit Coverversionen von Manfred-Krug-Songs

Thomas Claer

Für uns Juristen ist Manfred Krug (1937-2016) ja dank der unübertroffenen Anwaltsserie “Liebling Kreuzberg” immer eine Art Schutzheiliger gewesen. Und keine Frage, er war ja auch ein toller Schauspieler. Dass er daneben aber auch noch auf eine bewegte Karriere als Sänger zurückblicken konnte, wobei er seine größten Erfolge hierbei noch vorwiegend in der DDR feierte, daran erinnert sich heute kaum noch jemand. Wirklich kaum jemand?! Die kleine Hamburger Plattenfirma Krokant unter der Regie von Albrecht Schrader (gebürtiger Wessi) und Florian Sievers (gebürtiger Ossi) macht sich nun daran, den Sänger Manfred Krug dem drohenden Vergesssen zu entreißen. Am 20. September soll eine Compilation mit 13 Cover-Versionen von Manfred-Krug-Songs erscheinen, interpretiert von “Künstlerinnen und Künstlern aus allen Ecken des deutschsprachigen Pop- und Indiekosmos”, wie es vollmundig im Ankündigungstext der Plattenfirma heißt. Da ist man natürlich gleich Feuer und Flamme und sieht nach, wen von den angekündigten Interpreten man denn kennt. Ernüchtert muss man leider feststellen: Es sind nicht allzu viele. Um ehrlich zu sein, kenne ich überhaupt keinen dieser neuen Krug-Interpreten. Aber das muss nichts heißen. Womöglich kann man ja auf diesem Wege sogar richtig tolle Musikerinnen oder Musiker kennenlernen, auf die man sonst nie gestoßen wäre.

Einer der Songs ist schon vorab erschienen: “Um die weite Welt zu sehn” in der Version von Masha Qrella. Und wer dort reinhört, kann feststellen, dass es sich um eine durchaus ansprechende Interpretation handelt. Die schwarz-weißen Filmszenen mit dem jungen Manfred Krug im Hintergrund untermalen das Stück auf eine sehr stimmige Weise. Die Sängerin hätte man von der Stimme her vielleicht auf 20 oder 30 geschätzt. Doch googelt man sie, so stellt sich heraus, dass sie bereits Ende 40 ist. Da hat sie ja Manfred Krug noch selbst erlebt, was schon einiges erklärt. Interessant wäre es natürlich, wenn auch mal 20- oder 30-Jährige… Aber wie sollen die schon auf Manfred Krug kommen? Wahrscheinlich ist Masha Qrella eine der Jüngsten auf dem Album. Doch muss das keineswegs gegen diese Veröffentlichung sprechen. Vielleicht sogar im Gegenteil… Kurzum, wir warten gespannt auf die anderen 12 Songs und lassen uns überraschen.

justament.de, 22.7.2024: Schöngezoomt

Scheiben Spezial: Vor 40 Jahren erschien “1001 Nacht” von Klaus Lage

Thomas Claer

“Du wolltest dir bloß den Abend vertreiben…” Mit diesen Worten beginnt der berühmteste Song des heute 74-jährigen singenden Sozialarbeiters Klaus Lage, der als 20-Jähriger seiner niedersächsischen Heimatstadt Soltau den Rücken kehrte und sich wie so viele junge Westdeutsche seiner Generation im Aussteiger-Paradies West-Berlin ansiedelte. Dort jobbte er in sozialen Einrichtungen sowie als Erzieher in einem Kinderheim und machte nebenher als Sänger und Gitarrist in diversen Formationen von sich reden. Bis er dann in den Achtzigern eine erfolgreiche Solo-Karriere startete, zunächst mehr als Liedermacher, bald darauf als Kopf und Namensgeber einer klassischen Rockband. Es dauerte nicht lange, und der kleinwüchsig-untersetzte Vollbartträger mit der großartigen Soulstimme gehörte mit Single-Hits wie “1001 Nacht”, “Monopoli”, und “Faust auf Faust” zu den ganz großen Popstars im letzten Jahrzehnt vor der deutschen Wiedervereinigung.

Dabei machten ihn seine oftmals sehr direkten und anschaulichen Texte über Alltagsgeschichten bis hin zu fragwürdigen Details (Schweißperlen, Gerüche von Haaren) und überkorrekten Ausdeutungen von Frauentypsgeschmacksfragen (“Mit meinen Augen”) allerdings angreifbar – und sorgten nicht zuletzt für reichlich Hohn und Spott seiner Kritiker, denen er als gemütlicher Kumpeltyp von nebenan wohl auch einfach nicht glamourös genug für die Popkultur erschien… Als besonders umstritten galt von jeher auch der Text seines besagten Erfolgstitels “1001 Nacht”: Wie Geschwister hatten das lyrische Ich und die Nachbarstochter ihre Kindheit miteinander verbracht, vielerlei Freizeitaktivitäten gemeinsam unternommen, ohne jemals mehr als ein rein kameradschaftliches Interesse füreinander zu entwickeln (“Wir waren nur Freunde und wollten’s auch bleiben”). Doch dann, so heißt es im Songtext, habe es plötzlich “Zoom gemacht” – und sie seien ineinander verliebt gewesen. Eine doch reichlich unwahrscheinliche Konstellation, so denkt man sich. Schließlich hat doch die Humanethologie schon vor Jahrzehnten nachgewiesen, dass eine große Nähe in Kindheitstagen zuverlässig jedes spätere sexuelle Begehren der Betreffenden füreinander ausschließt, was offenbar einen natürlichen Schutzmechanismus gegen Inzestrisiken darstellt.

Ist also Klaus Lages Geschichte von “Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert” letztlich nur Bullshit? Nein, nicht ganz. Zwar ist es zutreffend, dass sich Verliebtheit, wie es z.B. im berüchtigten 44. Kapitel von “Die Welt als Wille und Vorstellung” des Philosophen Arthur Schopenhauer (1789-1860) mit dem Titel “Metaphysik der Geschlechtsliebe” heißt, zwischen zwei Menschen in aller Regel sofort bei ihrer ersten Begegnung, konkret bei ihrem ersten Blickkontakt, einstellt – oder gar nicht. Doch hat vor kurzem eine soziologische Studie ergeben, dass die Mehrheit aller hierzulande eingegangenen Partnerschaften unter Personen stattfinden, die sich bereits seit langen Jahren gekannt haben und anfänglich keineswegs ineinander verliebt gewesen sein sollen. Wie kann das sein? Hat also doch Klaus Lage Recht, und Schopenhauer und die Humanethologie haben Unrecht?! Zur Auflösung dieses bei näherer Betrachtung nur scheinbaren Widerspruchs sollte man sich vergägenwärtigen, dass vermutlich nur ein relativ kleiner Anteil aller Menschen in seiner enthusiastischen Verliebtheit auch auf Erwiderung beim jeweiligen Objekt seiner Begierde hoffen darf. Infolgedessen ist es naheliegend, dass sich die relativ Vielen, die in ihren primären Ambitionen leer ausgehen, dann schließlich – quasi sekundär –  in pragmatischer Absicht untereinander zusammenfinden und sich ihr jeweiliges Gegenüber am Ende sprichwörtlich schöntrinken oder auch schönreden oder aber – wie im Song von Klaus Lage – schönzoomen. So gesehen beruht der große Erfolg von “1001 Nacht” womöglich auch darauf, dass hier ein reichlich beschönigendes Narrativ verbreitet wird. Denn wohl mancher wird sich gerne darin wiedererkennen, dass es bei ihm (oder ihr) nun einmal plötzlich und unerwartet “Zoom” gemacht habe – wie vor 40 Jahren im Song von Klaus Lage.

justament.de, 24.6.2024: Höhere Höranstalt

Scheiben Spezial: Ein zweiteiliger ARD-Dokumentarfilm kanonisiert die “Hamburger Schule”

Thomas Claer

Drei Jahrzehnte ist es nun schon her, dass das vorläufig letzte “große Ding” der deutschen Popmusik, das sich ganz explizit als “antikommerziell” definierte, seinen Höhepunkt erlebte. Seinerzeit, das muss man wissen, galt Hamburg noch als veritables Zentrum der deutschen Popkultur, und wer damals jung war und was erleben wollte, den zog es noch längst nicht so schnurgerade nach Berlin, wie es dann spätestens seit der Jahrtausendwende der Fall gewesen ist, als schließlich sogar maßgebliche Vertreter der “Hamburger Schule” der Hansestadt den Rücken kehrten und ihre Zelte in Berlin aufschlugen.

Wir befinden uns also in den Neunzigern. Mauerfall und Wiedervereinigung lagen noch nicht lange zurück, ebensoweing die furchtbaren Pogrome in mehreren ost-, aber auch westdeutschen Städten. Und so brauchte es, um letzterem etwas entgegenzusetzen, eine neue musikalische Jugendbewegung mit dezidiert politischer Haltung und ganz viel intellektuellem Überschuss. Ein findiger Musikjournalist fand dafür den passenden Namen – und die “Hamburger Schule” war geboren.  Eine Plattenfirma mit dem schönen Namen “L’ Age d’Or” (Goldenes Zeitalter) nahm die maßgeblichen Protagonisten unter Vertrag und holte sie, die fast alle aus der deutschen Provinz stammten, allesamt an die Alster. Dort traf man sich dann in Kneipen und Szenelokalen mit Namen wie “Pudelklub” im Schanzenviertel oder auf St. Pauli. Nur eine Hand voll Bands von ihnen ist dann wirklich groß rausgekommen, allen voran Blumfeld, Die Sterne und Tocotronic.

Der sehr sehenswerte Zweiteiler “Die Hamburger Schule – Musikszene zwischen Pop und Politik” (hier ansehbar in der ARD-Mediathek) nimmt den Betrachter mit auf eine Zeitreise zurück in die eigene Jugend und geht auch inneren Widersprüchlichkeiten dieser Bewegung nach, wie der, dass es in der Szene nur ganz wenige Frauen gab. Man hätte auch noch ergänzen können, dass sie fast ausschließlich aus jungen Menschen aus den alten Bundesländern und ohne Migrationshintergrund bestand.

justament.de, 20.5.2024: In der Mausefalle?

Neues von Stella Sommer, aber anderes als gedacht

Thomas Claer

Nachdem die wunderbare Stella Sommer uns zuletzt mit gleich zwei englischsprachigen “Solo-Platten” in Folge erfreut hat (“Norcern Dancer, 2020; Silence Wore a Silver Coat, 2022), wäre es nun eigentlich Zeit gewesen für die heiß ersehnte fünfte Platte ihres deutschsprachigen Hauptprojekts “Die Heiterkeit”. Aber weit gefehlt. Stattdessen revitalisiert sie ein Nebenprojekt aus früheren Tagen an der Grenze zwischen Originalität und Albernheit: Die Mausis. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Max Gruber hatte sie diese obskure zweiköpfige Formation bereits 2017 ins Leben gerufen, Auftritte auf einigen Bühnen im Mäusekostüm mit aufgesetzten Ohren absolviert und schließlich eine Vinyl-EP mit vier thematisch im grauen Nageruniversum angesiedelten Songs (“Was kann ein Mausi dafür?”) herausgebracht. Es folgte noch ein Weihnachtslied auf YouTube (“A Mausi Christmas”) im Jahr darauf. Das war es dann – dachte man eigentlich.

Doch nun ein solcher Paukenschlag: Am 16. August 2024 erscheint “In einem blauen Mond”, das Debütalbum von Die Mausis, die von ihrer Plattenfirma Bubak als “die  personell kleinste und gleichzeitig größte Supergroup dieses Landes” bezeichnet werden. Die erste sogenannte Single daraus (es ist nur ein Song auf YouTube ohne physischen Tonträger) heißt so wie das Album und ist bereits seit einigen Tagen abrufbar. Noch dazu findet ein Release-Konzert am Tag der Albumveröffentlichung, also am 16.8.24, in Berlin statt, und zwar in der Kantine im Berghain!

Neugierig klickt man also auf den neuen Song “In einem blauen Mond”. Und ja, textlich ist das schon ganz ambitioniert und gelungen. Aber musikalisch fehlen hier leider einfach die zündenden Ideen. Auch beim dritten und vierten Hören kann dieses Lied nicht wirklich überzeugen, wobei die fünf besagten älteren Songs der Mausis nun auch nicht gerade das Gelbe vom Ei waren. Es bleibt also abzuwarten, ob das angekündigte erste Mausis-Album noch positiv überraschen kann. Ansonsten bleibt einem dann wohl nur noch das Warten auf die nächste Heiterkeit-Platte.

justament.de, 6.5.2024: Hart wie Mozart – gewesen

Scheiben Spezial: Zum Tod des Musikers, Krawall-Poeten und Erotomanen Kiev Stingl (1943-2024)

Thomas Claer

Als Musiker war er mindestens so talentiert wie seine Kollegen aus der ersten Generation der deutschsprachigen Rockmusik – damals in den Siebzigern. Und als Textdichter spielte er ohnehin in einer ganz anderen Liga: Kiev Stingl, bürgerlich Gerd Stingl, der sich – inspiriert von einem seiner frühen Theaterstücke, in dem alle Figuren die Namen von Städten trugen – nach der Hauptstadt der damals noch sowjetischen Ukraine benannte. Dass nach allerhand Skandalen, etwa einer während eines Rundfunkinterviews wütend von ihm gegen die Studiowand geworfenen Bierflasche, seine Lieder nicht mehr im Radio gespielt wurden, fand er völlig in Ordnung. Denn er, der sich sein Leben lang als stolzer Solitär sah, der sich mit niemandem aus seiner pöbelhaften Umgebung und am wenigsten mit seinem Publikum gemein machen wollte, legte stets Wert darauf, sich nie selbst um die Veröffentlichung seiner künstlerischen Werke bemüht zu haben. Entdeckt und gefördert wurde er von anderen, die ihn bewunderten: zuerst von Achim Reichel, auf dessen Ahorn-Label Stingls erste drei Platten “Teuflisch” (1975), “Hart wie Mozart” (1979) und “Ich wünsch den Deutschen alles Gute” (1981) erschienen; später vom Yello-Musiker Dieter Meier, der sein viertes und letztes Album “Grausam das Gold und jubelnd die Pest” (1989) produzierte, auf dem Mitglieder der Einstürzenden Neubauten mitwirkten. Neben einigen Gedichtbänden sind von ihm dann nur noch ein paar neu abgemischte frühe Musikstücke aus seiner Jugend erschienen (“X R I NUIT”, 2022).

Sein einziger Ehrgeiz, so bekannte Kiev Stingl einmal, sei es gewesen, seinen Lyriker-Kollegen Wolf Wondratschek (“Früher begann der Tag mit einer Schusswunde”) in der Auflage zu übertreffen. Doch nicht einmal das ist ihm gelungen. Außer einer kleinen verschworenen, durchaus auch prominenten Fan-Gemeinde (“Kiev Stingl war ein Gott für uns”, so der Rammstein-Keyboarder Flake), hat wohl kein größeres Publikum jemals Notiz von ihm genommen. Was für Kiev Stingl jedoch nie ein Malheur war, wie er in seinem letzten Interview auf laut.de verriet: “weil ich von Anfang an frei bleiben wollte und schon früh gemerkt hatte, wie andere in den Schlamassel dieses Vermarktens und Verbratens geraten. (…) Geltung bekam ich in kleineren Kreisen. Es gab ja früher nicht nur negative Kritik, sondern von intelligenterer Seite durchaus euphorische Kommentare” (siehe oben).

Da lag es natürlich nahe, ihn als “Underground-Poeten” zu klassifizieren, was Kiev Stingl dann aber auch wieder nicht recht war. Das Einzige, was ihm am Begriff “Underground” gefalle, sei der Kontext zur Band Velvet Underground, die er inbrünstig verehrte und der er erkennbar musikalisch nacheiferte – bis hin zum sehr an Lou Reed erinnernden Gesangsstil. “Ich war mir immer sicher, dass meine Sachen außergewöhnlich und einzigartig sind”, so Stingl weiter in besagtem Interview. Und: “In bestimmten Momenten des Schmerzes, der Wollust und ähnlichen exzessiven Gefühlszuständen fing ich an Lieder zu machen. Also ohne große Planung, das strömte so aus mir heraus.”

Zentrales Thema und zugleich Motiv seiner Textdichtung war vor allem die Erotik. “Möglicherweise trieben mich die Frauen ins Künstlertum… insofern, als sie meine Lust an geregelter Arbeit völlig zunichte machten.” Wobei sich sein ausgeprägter Hang zur Obszönität immer wieder Bahn brach: “Oh, du mit deinen lila Lippen / Du mit deinen Milchkuhtitten / Es riecht nach Blut / Alles was sie tut / Teuflisch, du bist so teuflisch!” (1975). Auch über sein lyrisches Werk lässt sich nämliches sagen: “Die Nacht fickt das Licht / Blut, Darling, vergiss mein nicht”. Rückblickend konterte Stingl die gegen ihn häufig vorgebrachten Sexismus-Vorwürfe mit den Worten: “Ich bin ja auch jemand, der zurückschlägt und die Wunden, die mir Frauen geschlagen haben, nicht vergisst. Wenn ich mir diese Lieder gestattet habe, heißt das, ich habe die Dinge nicht runtergeschluckt. Denn es ist ein großer Irrtum von Naiven, zu glauben, Frauen seien harmlose Wesen, die man nicht angehen dürfe. Das ist ein Trugschluss der neueren Zeit.”

Am 24.2.2024 ist das verkannte Genie Kiev Stingl gleichsam von seiner kleinen exklusiven Bühne endgültig abgetreten.

justament.de, 25.3.2024: Sexiest Oma of Arab Pop

Scheiben Spezial: Natacha Atlas zum Sechzigsten

Thomas Claer

Zuerst war es nur ein Plattencover, das mich magisch angezogen hat. Damals in den Neunzigern, während meiner Studienzeit in Bielefeld. Es stand wohl für längere Zeit in der Kiste mit den Neuerscheinungen nahe dem Eingang meines favorisierten Schallplattenladens “Ween” am Jahnplatz. Immer, wenn ich diesen Laden aufsuchte, und das kam zu jener Zeit nicht selten vor, durchblätterte ich als erstes diese Kiste. Und immer blieb ich dann hängen an einer bunten LP namens “Diaspora” der belgisch-arabischen Sängerin Natacha Atlas, die auf der Coverabbildung im Stil der Königin Cleopatra posierte – in einem ägyptischen Palast, umgeben von allerlei Säulen mit geheimnisvollen Hyroglyphen-Zeichen, in einem langen blauen Gewand auf einem roten Sofa liegend. Als ich dann irgendwann später auch noch im Musikfernsehen (denn mit dem Internet war es seinerzeit noch nicht so weit her) auf ein Video stieß, in dem ebenjene Natacha Atlas zu orientalischen Klängen mit dezenten elektronischen Einsprengseln kunstvoll den Bauchtanz zelebrierte, war es endgültig um mich geschehen. Von nun an machte ich Jagd auf die Tonträger dieser kurvenreichen morgenländischen Schönheit. Ihre ersten vier CDs konnte ich kostengünstig im Second-Hand-Shop in der Jahnplatz-Passage erstehen, womit mein Begehren fürs Erste gestillt war. Die Musik war schon sehr speziell, sehr traditionell arabisch. Und ich beschloss, diese vier Alben in Ehren zu halten, meiner Sammlung aber keine weiteren von dieser Art mehr hinzuzufügen.

Dabei blieb es für lange Zeit, und so verlor ich Natacha Atlas allmählich aus den Augen. Doch dann, mehr als zwei Jahrzehnte später, konnte ich endlich wieder mehr Muße für meine musikalischen Leidenschaften finden – und kam noch einmal auf Natacha Atlas zurück. Eine große Zahl an Veröffentlichungen, so stellte ich fest, hatte sie über die Jahre herausgebracht und sich dabei in ganz unterschiedliche Genres vorgewagt: mehr und mehr weg vom temperamentvollen Ethno-Pop, hin zu meditativ-spirituellen Klängen, zu traditionellen Gesängen und schließlich, in den letzten Jahren, auch zunehmend zum Jazz. Ich fand das ganz großartig und wollte nun alles, aber wirklich alles!, von ihr haben. Und was soll ich sagen? Dank Medimops, Rebuy und Co. bekam ich es sogar noch zum kleinen Preis. Nicht weniger als 15 CDs, einschließlich Remix-, Best of- und Raritäten-Album, habe ich mittlerweile von ihr angehäuft. Und jede von ihnen bereitet mir auf ganz eigene Art Vergnügen. Am Donnerstag letzter Woche ist die verführerischste Stimme des arabischen Folk-Pop nun 60 Jahre jung geworden.

justament.de, 19.2.2024: Reichels Riffs mit 80

Achim Reichel auf “Schön war es doch! Das Abschiedskonzert”

Thomas Claer

Will ein gealterter Rockmusiker nicht irgendwann auf der Bühne tot umfallen, so wie der sprichwörtliche Cowboy, der am Lebensende beim Reiten aus dem Sattel kippt, so muss er den passenden Zeitpunkt für einen würdigen Abgang finden. Achim Reichel, deutscher Rockstar der ersten Stunde und seitdem über sechs Jahrzehnte im Musikgeschäft gut dabei, hat nun seinen 80. Geburtstag zum Anlass genommen, gewissermaßen die Gitarre an den Nagel zu hängen. Allerdings nicht ohne zuvor noch ein letztes Mal auf Tournee zu gehen und seinen Fans eine Doppel-CD mit seinem Abschiedskonzert zu bescheren.

Aber schon wieder eine Live-Platte von ihm? Es gab doch zuvor schon drei, nämlich zum 50., 60. und 70. Geburtstag. Was soll denn da jetzt noch drauf sein, was man nicht schon zur Genüge kennt?! Ein wenig skeptisch hört man also rein in “Schön war es doch! Das Abschiedskonzert”, um dann doch erleichtert festzustellen: So haben wir seine Songs noch nicht gehört – nämlich eingespielt unter Hinzuziehung eines Bläserensembles, das seine Band nicht nur bei bestimmten einzelnen, sondern bei mehr oder weniger allen Liedern unterstützt. Heraus kommt dabei ein weitgehend anderes Gewand seiner bekannten Gassenhauer. Es ist schon ziemlich mutig, Seemannslieder wie “Kuddel Daddel Du” oder “Halla Ballu Balle” mit ausgiebigen Trompeten-Soli auszuschmücken. Selbst “Aloha Heja He, das jüngst zum Überraschungs-Hit in China avancierte, kriegt nun Bläserklänge verpasst. Und man muss schon sagen: Achim Reichel beweist auch noch auf seinen mutmaßlich letzten musikalischen Metern, dass er immer für eine unerwartete Wendung gut ist.

Wenn man angesichts von immerhin 22 Songs auf den beiden Scheiben dennoch sein großes Bedauern darüber ausdrücken muss, dass so viele tolle Lieder von ihm leider wieder ausgespart wurden, dann spricht das zweifellos auch für die hohe Qualität seines Schaffens. Andererseits fragt man sich aber schon, warum es ausgerechnet seine recht mäßige Version des Volkslieds “Der Mond ist aufgegangen” aufs Album geschafft hat. Aber na gut, dafür gibt es diesmal sogar einen ganz neuen Song dazu, dessen Titelzeile zugleich für den Namen des Albums steht – und sicherlich auch ein passendes Fazit für Reichels Rückblick auf seine Musiker-Laufbahn abgibt: “Aber schön war es doch”, im Original ein alter Schlager von Hildegard Knef, wird – unterlegt mit Reichels unverwechselbaren Gitarrenriffs – zum gelungenen Schlusspunkt dieses stimmigen zweifachen Silberlings. Und vermutlich ja auch zum Schlusspunkt seiner Musikerkarriere – aber wer weiß das schon in diesem Business? Womöglich folgt ja 2034 auch noch das fünfte Live-Album zum 90. Geburtstag…

Achim Reichel
Schön war es doch! Das Abschiedskonzert (2CD)
Tangram / BMG 2024
ASIN: B0CPHGPP9C

justament.de, 15.1.2024: Die Liebe kommt nicht aus Berlin

Scheiben Spezial: Die Songs des Jahres 2023

Thomas Claer

So etwas haben wir noch nie gemacht: einen Rückblick auf die besten Songs des abgelaufenen Jahres. Doch damit an dieser Stelle nicht immer nur jahraus, jahrein von unseren altbekannten Lieblingen wie Element of Crime, Tocotronic, Björk oder Udo Lindenberg die Rede ist, gehen wir nun auch einmal neue Wege. Aber hoppla: Udo Lindenberg ist, ob man es glaubt oder nicht, auch bei den Hits des Jahres 2023 mit dabei! Dazu gleich unten mehr…

Die Kollegen von der Musikzeitschrift “Diffus” haben also eine Liste der “Top 10 Songs national” mit den dazugehörigen Musikvideos zusammengestellt. Und wir hören uns da einfach mal durch. Unter den Top 10 des Jahres, da sollte doch bestimmt etwas Gutes dabei sein, denkt man sich – und wird bitter enttäuscht. Eigentlich wollte ich zu jedem der zehn Songs ein paar Sätze verlieren, aber das ginge hier nun wirklich entschieden zu weit. Sagen wir es lieber allgemeiner: Damit ein Lied als gut bezeichnet werden kann, darf es zunächst einmal nicht zu vulgär und auch nicht zu sentimental sein. Dieses Kriterium stellt schon eine ziemlich große Hürde dar, denn die meisten Lieder auf der Welt (und auch in dieser Liste) sind wohl entweder das eine oder das andere. Und noch dazu sollte ein gutes Lied einen gewissen Wiedererkennungswert haben, sollte also originell sein, etwa von einer eingängigen Melodie getragen werden, die aber andererseits auch nicht zu gefällig sein darf, denn das wäre dann schon wieder banal…

Um es kurz zu machen, in diesen Top 10 gibt es manchmal ein paar gute Ansätze. Gleich mehrere Songs transportieren sehr unterstützenswerte inhaltliche Botschaften. In “Baba” von Apsilon geht es um eine Vater-Sohn-Beziehung im migrantischen Kontext. Und dabei wird den bekannten und berüchtigten toxischen Männlichkeitsbildern in der Rap-Szene hier zweifellos etwas Positives entgegengesetzt, was natürlich schon per se lobenswert ist.

In “3 Sekunden” von Celine feat. Paula Hartmann wird die immer wieder viel diskutierte männliche Übergriffigkeit gegenüber Frauen angeprangert. Damit haben die beiden jungen Damen natürlich vollkommen recht. Dennoch nimmt man ihnen ihr “Wir wollen einfach nur von Männern in Ruhe gelassen werden” am Ende doch nicht so ganz ab… In zwei weiteren Songs breitet jeweils ein empfindsamer junger Mann mit großer Ausführlichkeit sein Innerstes aus, wobei der vulgäre Rapsong dabei fast noch erträglicher ist als die kitschtriefende Ballade…

Womit wir bei Udo Lindenberg wären. Der große Meister hat sich doch in seinen alten Tagen tatsächlich noch einmal zu einem Duett mit einem Gangsta-Rapper namens Apache 207 herabgelassen. Das war wohl ein Riesen-Hit im letzten Jahr. Ist aber ein ziemlich schwacher Song. Im begleitenden Video steht der Gangsta-Rapper vor Gericht und wird dort wegen Diebstahls und einiger Straßenverkehrsdelikte zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, die er aber im Hausarrest absitzen darf, egal wo. Und daraufhin nimmt Udo Lindenberg seinen Kumpel kurzerhand mit ins Hotel, in dem er schon seit Jahrzehnten wohnt und sein Geld verprasst, und raucht mit ihm dort auf dem Balkon Zigarren. Nun ja…

Zwei Lieder erinnern ziemlich an die selige Neue Deutsche Welle und werden auch ausdrücklich als “NNDW” kategorisiert. Doch leider fehlt ihnen vollkommen die Frische und das Anarchische der alten NDW. Ein weiterer Song einer jungen Sängerin wird als “Indie” angepriesen, ist aber beim besten Willen nur gähnend langweilig.

Ein letzter Song ist noch übrig: “Die Liebe kommt nicht aus Berlin” von Brutalismus 3000 – eine trashige, schnelle Elektropopnummer, man könnte auch Techno dazu sagen. Dieses Lied ist immerhin ziemlich originell, wenn auch nicht unbedingt überragend. Hat es hierzulande schon jemals einen Hit-Song in (teilweise) slowakischer Sprache gegeben? Es ist wohl das einzige Lied in der Liste, das musikalisch noch halbwegs etwas taugt. Also wenn das die Hits des Jahres sein sollen…

P.S.: Vor einem Jahr habe ich in der entsprechenden Liste für 2022 allerdings ein Lied gefunden, das mir sehr gefallen hat: “Wildberry Lillet” von Nina Chuba. Das ist zwar auch durchaus vulgär, aber dabei angenehm selbstironisch – und so witzig: “Ich will haben, haben, haben!” Warum gibt es nicht mehr Lieder von dieser Sorte?