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justament.de, 18.7.2022: “Ich stech dich ab, du Scheißhausfotze!”

Recht cineastisch Spezial: 50 Jahre „Rocker“ vom jüngst verstorbenen Klaus Lemke

Thomas Claer

Manches Großartige lernt man leider erst dann richtig kennen, wenn sein Erschaffer ins Gras gebissen hat. Aber lieber spät als nie, wie es bei Shakespeare heißt. Der große Trash-Filmemacher Klaus Lemke (1940-2022), hat neben allerhand genialem Schund, den er offenbar fortwährend so hingeschludert hat, auch ein paar unvergessliche Glanzstücke fabriziert, darunter vor genau einem halben Jahrhundert den Film „Rocker“, der als einer der ersten das deutsche (und vor allem das Hamburger) Rocker-Milieu ziemlich authentisch eingefangen hat. Der Song „Ich bin Rocker“ von Udo Lindenberg kam erst vier Jahre später, noch ein paar Jahre darauf folgten etwa Brösels Werner-Bücher und der erste Otto-Waalkes-Film mit der legendären Szene im „Chrome de la Chrome“ („Werner, stell ihm mal die Frage!“). Das alles kannte ich natürlich, nicht aber das „Original“, worauf sich dann alles Weitere lose bezogen hat. Zwar hatte ich schon oft von Klaus Lemkes „Rocker“ gehört, mir den Film aber aus unerfindlichen Gründen niemals angesehen. Dabei gibt es ihn, wie ich nun festgestellt habe, sogar frei und in voller Länge auf YouTube.
In Lemkes Filmen spielen ja oftmals gar keine richtigen Schauspieler mit, sondern nur auf der Straße angequatschte Laiendarsteller – zuletzt für 50 Euro Tagesgage. So ähnlich war es auch schon bei „Rocker“, der noch heute „Kultstatus“ genießt und regelmäßig in einem Hamburger Kino gezeigt wird, wobei die Zuschauer dabei viele seiner Dialoge mitzusprechen pflegen, die längst zu geflügelten Worten geworden sind („Hast du schon mal gebumst? So wie du aussiehst, hast du schon mal gebumst.“) Vor allem ist der Film auch handwerklich gut gemacht, von der Kameraführung bis zur Dramaturgie. Was hingegen völlig fehlt, ist eine Moral. Auf damalige Betrachter könnte er noch schockierender gewirkt haben als auf heutige. Im hier präsentierten harten Kern des damaligen Hamburger Rocker-Milieus regelt man alles unter sich und mit sehr viel roher Gewalt. Die harmlos-folkloristische Note, die später in die Rocker-Szene einziehen sollte, spielt hier noch keine Rolle. Vielmehr werden die Figuren sehr ernsthaft in ihren mitunter auch existentiellen Nöten gezeigt. Ein Film, den man gesehen haben sollte.

„Rocker“
BRD 1972
Regie: Klaus Lemke
Drehbuch: Klaus Lemke
Darsteller: Hamburger Rocker und sonstige Laiendarsteller

www.justament.de, 5.6.2017: 50 Jahre Pink Floyd-Platten

Scheiben vor Gericht Spezial. Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

Als Kind in der DDR konnte man gar nicht anders, als den Sirenenklängen des westlichen Werbefernsehens zu erliegen. Wer in einer Welt des grauen Einerleis lebte, deren einzige Farbtupfer die roten Fahnen der hohlen Staatspropaganda waren, den mussten die kunterbunten (und ja auch oftmals wirklich originellen!) Reize der Reklamesendungen im öffentlich-rechtlichen Westfernsehen schon äußerst entzücken. Und so ging es mir wie dem bildungsfernen, aber gewitzten Banlieue-Bewohner im Film „Ziemlich beste Freunde“: Ich lernte viele berühmte Melodien direkt aus dem Werbefernsehen kennen, von „Unwiderstehlich sind Schoko-Crossies“ bis zu „Komm doch mit auf den Underberg“. Besonders angetan hatte es mir aber eine Bier-Werbung, in der Bilder einer Grüne-Wiesen-Landschaft mit betörenden Sphären-Klänge unterlegt waren, deren anfangs sehr dezente Lautstärke sich ganz allmählich steigerte, bevor sich just im Moment des Öffnens der Bierflasche die aufgebaute Spannung mit einer schlichten, aber eindrucksvollen Melodie auf der E-Gitarre entlud. Damals wusste ich noch nicht, dass ich mich in einen Song von Pink Floyd verliebt hatte. Und es gab auch weit und breit niemanden, der mich darüber hätte aufklären können. (Einen Pink Floyd-begeisterten Mathematik-Lehrer, wie ich ihn später in Bremen bekommen sollte, hat es wahrscheinlich in der ganzen DDR nicht gegeben.)
Ein paar Monate später war ich im Westen. Zu den schönsten Momenten meiner sonntäglichen Flohmarktbesuche auf der Bremer Bürgerweide gehörte dann jener, als ich dort am Stand eines Schallplattenhändlers ausgerechnet meinen Lieblingssong aus der Jever-Werbung auf dem Plattenteller knistern hörte: „Shine on You Crazy Diamond“ von Pink Floyd, vom Album „Wish You Were Here“ aus dem Jahr 1975. Es euphorisierte mich ungemein, diese grandiose Platte mit dem Shakehands zwischen zwei Anzugträgern auf dem Cover, von denen der eine gerade dabei ist, in Flammen aufzugehen, für ein paar müde Mark mit nach Hause tragen zu können. Später legte ich mir dann noch weitere Pink-Floyd-Scheiben zu, die bis heute einen Ehrenplatz in meiner Schallplattensammlung einnehmen. Erst vor zwei Jahren haben sich Pink Floyd nach unzähligen Streitereien zwischen den verbliebenen Bandmitgliedern offiziell aufgelöst. Vor 50 Jahren ist ihre erste Platte erschienen.