www.justament.de, 5.9.2016: Leider erfolglos

Jennifer Rostocks ironischer Protestsong „Dann wähl die AfD!“

Thomas Claer

Jennifer_Rostock (wikipedia)Die Berliner Spaßpunk-Band „Jennifer Rostock“ gehört hierzulande schon seit Jahren zu den richtig angesagten Acts. Der kuriose Bandname verweist auf ihre charismatische Frontfrau Jennifer Weist (30) und auf deren ursprüngliche Herkunft (sowie die aller übrigen – ausschließlich männlichen – Bandmitglieder) von der Ostseeküste. Neben dem enormen kommerziellen Erfolg ist vor allem auch die immer wieder ausgestellte Haltung der Band zu allerhand gesellschaftlichen Fragen erwähnenswert. Kurzum, „Jennifer Rostock“ sind Popstars mit Leitbildfunktion für ihr überwiegend junges Publikum. Der künstlerische Wert ihrer Darbietungen liegt beständig zwischen „nicht schlecht“ und „aber auch nicht richtig gut“. Durchaus sympathisch ist dabei die unverkennbare stilistische Orientierung an der Neuen Deutschen Welle und insbesondere an der Band „Ideal“ aus den seligen Achtzigern. Auch die “Ärzte” und die “Toten Hosen” lassen grüßen, an letztere erinnern allerdings besonders die mitunter sehr abschreckenden bombastischen Refrains. Hingegen muss man an die junge Nina Hagen denken, wenn sich Sängerin Jennifer Weist – vielfach gepierct und ganzkörpertätowiert – auf der Bühne zwischen den Songs unter dem Johlen der Zuschauer genüsslich ihr Geschlecht reibt. Und schließlich gehört zu „Jennifer Rostocks“ Bühnenshow auch noch die regelmäßige Präsentation von Jennifers nackten Brüsten, verbunden mit der Aufforderung an die Mädchen im Publikum, ebenfalls ihre Möpse freizulegen. Umstritten ist, ob dies tatsächlich – wie von der Band behauptet – als feministische Demonstration für die Gleichstellung der Frau durchgehen kann, oder ob hier nicht ein bloßer geschäftstüchtiger Exhibitionismus a la Kim Kardashian am Werk ist. Doch warum soll Jennifer ihren männlichen Testosteronrock-Kollegen nicht etwas Pussy-Power entgegensetzen? Gut singen kann sie übrigens auch noch…

Nun haben „Jennifer Rostock“ also anlässlich der Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin einen Anti-AfD-Song aufgenommen, der schon nach wenigen Tagen im Netz abermillionenfach geklickt worden ist. Man kann sie dazu nur beglückwünschen, doch wissen wir seit gestern Abend, dass alle agitatorische Mühe leider nicht viel gebracht hat. Das Wahlergebnis im Nordosten hat dieser Song offensichtlich kaum beeinflussen können, dennoch können wir froh sein, dass es ihn gibt. Denn nichts spricht dagegen, die altehrwürdige Gattung des politischen Protestsongs gelegentlich – und wann war es nötiger als jetzt? – wiederzubeleben, und noch dazu, wenn dies auf so gelungene Weise geschieht. Und schließlich: Es kommt ja auch noch die Wahl in Berlin am 17. September. Also wählt dort, liebe Leser, sofern ihr dort wahlberechtigt seid, unbedingt! „Nur bitte diesen Scheiß nicht!“ Das Urteil über Jennifer Rostocks AfD-Song lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

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