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www.justament.de, 11.3.2013: Die Fallstricke der Wohnungsvermietung

Der „Vermieter-Ratgeber“ von Matthias Nöllke in 8. Auflage im Praxistest

Thomas Claer

vermieter-ratgeberDa hat man also gewissermaßen die Seiten gewechselt und ist nach langen Jahren als Mieter zunächst zum Eigentümer und nun sogar zum Vermieter einer kleinen Wohnung „aufgestiegen“. (Nicht weil man Krösus wäre, sondern – eher im Gegenteil – aufgrund der sich aus einem Dasein als Geringverdiener ergebenden Sparzwänge und Vorsorge-Notwendigkeit.) Und einem frisch gebackenen Vermieter kommt natürlich ein zuverlässiger Vermieter-Ratgeber gerade recht, um den unzähligen Fallstricken zu entgehen, die eine Wohnungsvermietung so mit sich bringen kann. Aber hält der handlich und kompakt daherkommende „Vermieter-Ratgeber“ von Matthias Nöllke aus dem Haufe-Verlag auch, was er verspricht? Der Praxis-Test ergibt ein Sowohl-als-auch.
Das Buch ist durchweg flüssig geschrieben und vermeidet glücklicherweise weitgehend die trockene Paragraphenhuberei. Der an der Chronologie der Abläufe ausgerichtete Aufbau ermöglicht ein schrittweises und kontinuierliches Studium der Materie. Uneingeschränkt dankbar kann man dem Verfasser für seinen stets erhobenen Zeigefinger sein, nur ja den Mietvertrag und alles Drumherum gründlich vorzubereiten und die nötigen gedanklichen und praktischen Vorbereitungen darauf nicht auf die lange Bank zu schieben. Wohl wahr: Wer die Dinge als Vermieter im Frühstadium schleifen lässt und allein seinem Improvisationstalent vertraut, wird das womöglich kaum jemals wieder gutmachen können. Es gilt das gern zitierte Bonmot, wonach es heutzutage leichter ist, sich von seinem Ehepartner zu trennen als von seinem Mieter. Allerdings malt der Autor das Schreckgespenst des potentiell skrupellosen und querulatorischen Mieters so detailliert an die Wand, dass einen manchmal das ungute Gefühl beschleicht, er könnte damit manchen Mieter erst auf bestimmte boshafte Einfälle bringen, auf die dieser von alleine nie gekommen wäre.
Ein anderer Einwand, der sich aber angesichts des Immobilienbooms in unseren Großstädten aus der Natur der Sache ergibt, ist die mangelnde Praktikabilität mancher Hinweise im Buch. Bei Wohnungsbesichtigungen niemals mehrere Interessenten gleichzeitig in die Wohnung zu lassen, sondern sie  im Abstand von 15 Minuten nacheinander einzubestellen, wie es der Autor empfiehlt, ist jedenfalls in Großstädten inzwischen wohl generell wegen der Masse an Bewerbern nicht mehr möglich. (Als goldrichtig erwies sich hingegen die Anregung, die Besichtigenden Mieterselbstauskunfts-Fragebögen ausfüllen zu lassen und über die Angaben in diesen mit jenen ins Gespräch zu kommen.)
Doch auf welche Weise sollte man seinen Mieter überhaupt suchen? Wer das im Zeitalter des Web 2.0 für eine fast schon überflüssige Frage hält, muss sich über den „Vermieter-Ratgeber“ aus dem Jahr 2012 doch ziemlich wundern, denn der behandelt die Mietersuche über das Internet in gerade einmal sechs Zeilen mit dem Befund, dass dies zwar auch mal weiterhelfen könne, zumal es ja in der Regel kostenlos sei, man die Erfolgsaussichten aber nicht überschätzen sollte, denn der Mietmarkt sei ein lokaler Markt, auf dem das wichtigste Medium noch immer die Lokalzeitung sei. Das erinnert mit Verlaub an das berühmte Diktum Kaiser Wilhelms, der seinerzeit das Automobil für eine „vorübergehende Erscheinung“ hielt und weiter fest an die Zukunft des  Pferdes glaubte. Wir schalteten also für stolze 39,95 EUR für zwei Wochen (Mindestlaufzeit) eine Anzeige bei Immobilienscout24, die wir aber, da wir mit der Verwaltung der vielen Anfragen schon bald nicht mehr nachkamen, bereits nach vier Tagen und drei Sammelbesichtigungsterminen wieder von der Seite nahmen, zumal wir unsere Mieterin dann bereits gefunden hatten.
Vielleicht liegt es ja an diesem offenkundigen Aktualisierungsstau, dass die 2012er Auflage dieses ansonsten wirklich brauchbaren Ratgebers inzwischen nicht mehr erhältlich ist. Eine neue Auflage, die die genannten Mängel beseitigt, dürfte in Vorbereitung sein. Tipp: Darauf noch warten und dann zugreifen, sofern Bedarf besteht.

Matthias Nöllke
Vermieter-Ratgeber. Sicher und rentabel vermieten
Haufe Verlag Freiburg, 8. Auflage 2012
226 Seiten, EUR 16,95
ISBN 978-3-648-01265-9

www.justament.de, 17.12.2012: Rettet die Million! (2)

Der „Börsenguru“ Max Otte demonstriert in seinem Buch „Endlich mit Aktien Geld verdienen“ die reine Lehre des Value Investings

Thomas Claer

lit-tc-otteKlappern gehört natürlich zum Handwerk. Wer zu leise ist, wird gar nicht erst wahrgenommen. Selbst ein so versierter und allseits geschätzter Experte wie der Wormser BWL-Proferssor Max Otte, einem breiten Publikum als einsamer Prophet der seit 2007 währenden Finanzkrise bekanntgeworden und seitdem präsent auf allen Fernsehkanälen, ist da keine Ausnahme. Der Ruhm muss gepflegt werden, und sei es durch reißerische Buchtitel mit einer an Boulevardzeitungen erinnernden Schriftgröße und knallharte Botschaften auf dem Umschlag. Von innen ist das Buch „Endlich mit Aktien Geld verdienen“ dann aber längst nicht so grobkörnig, wie es der äußere Anschein suggeriert. Otte liefert eine fundierte Anleitung zum überlegten und einträglichen Operieren an der Börse, die anders als die Werke mancher Konkurrenten sehr schnell zum entscheidenden Punkt gelangt, der Auswahl aussichtsreicher Einzelwerte, in die zu investieren sich lohnt. Das Wozu und Warum der Aktienanlage setzt er bei seinen Lesern mehr oder weniger als bekannt voraus, da reichen ein paar allgemeine Hinweise in der Einleitung und im ersten Kapitel.
Welche „Papiere“ sollte man also kaufen?  Das ist, wenn man es so anfängt wie Max Otte, keinesfalls eine leichte Sache. Zunächst kommt man noch ganz gut mit, wenn er zwischen Buchwert und Ertragswert eines Unternehmens unterscheidet. Aber sobald die ersten betriebswirtschaftlichen Formeln ins Spiel kommen, wird man sehr genau daran erinnert, warum man damals nie BWL studieren wollte. Wenn einem später auch nach mehrmaliger geduldiger Lektüre an manchen Stellen einfach kein Licht aufgehen will, ist es immerhin beruhigend zu erfahren, dass es etlichen anderen Lesern, glaubt man ihren Kommentaren auf der Amazon-Website, bei der Lektüre ähnlich ergangen ist. Manche gehen sogar so weit, dem „Börsenguru“ fachliche Fehler zu unterstellen. Auch wenn das angesichts der Vielzahl seiner Publikationen in kurzer Zeit noch nicht einmal verwunderlich wäre, würden wir uns ein solches Urteil niemals anmaßen wollen.
Die gute Nachricht für alle Anleger ist aber diese: Es kommt überhaupt nicht drauf an. Zwar gibt es zahlreiche, zum Teil widersprüchliche Strategien und Theorien darüber, wie sich an der Börse erfolgreich agieren lässt. Und das Value Investing gehört sicherlich zu den besseren unter ihnen, denn es ist vernünftig und plausibel und gibt einem das (allerdings manchmal trügerische) Gefühl, die Dinge irgendwie im Griff zu haben. Aber die magische Formel für die garantiert hohen Gewinne an der Börse, die gibt es nun einmal nicht. Und jemand, der, sagen wir, eine einfachere Variante des Value Investings bevorzugt, die ohne betriebswirtschaftliche Formeln auskommt, kann damit auch auf lange Sicht mindestens ebenso gut fahren wie mit den Formeln von Prof. Max Otte. Und manche Trendfolger oder Chart- oder Zyklentheoretiker schaffen das auch irgendwie, jeder auf seine Weise. Nein, ganz beliebig ist die Strategie, von der man sich leiten lässt, zwar nicht, doch sind die Faktoren Glück und vor allem Geduld an der Börse am Ende doch mächtiger als alle Theorie, denn im Zweifel laufen die Kurse dann doch anders, als man denkt, zumindest kurzfristig. Doch lassen sich vor allem durch geschickte Streuung der Anlagen und die Beachtung bestimmter Vorsichtsregeln die systemimmanenten Risiken auf lange Sicht noch halbwegs beherrschen.
Auch hierüber enthält das Buch viel Wissenswertes. Besondere Anerkennung verdient Otte dafür, dass er sich entgegen der einhelligen Überzeugung fast sämtlicher Börsenexperten gegen den Einsatz von Stop-Loss-Marken wendet. Wer sich mit großem gedanklichem Aufwand für ein Investment entschieden hat, der sollte an ihm auch festhalten, wenn die Kurse fallen, und dann natürlich erst recht zugreifen und seine Position aufstocken, denn langfristig wird der Markt ihm wahrscheinlich Recht geben. (Andere behaupten das Gegenteil und haben dafür auch gute Gründe. Jeder sollte ganz einfach das tun, was ihm am meisten einleuchtet.)
Am Ende des Buches erläutert Max Otte – wohl nicht ganz ohne die Absicht der Eigenwerbung – wie er seinen durchaus gut performenden Fonds zu managen pflegt. Selbstkritisch räumt er dabei auch immer wieder „Fehler“ ein, meistens den, diese oder jene Position zu früh verkauft und in andere vermeintlich aussichtsreichere Werte umgeschichtet zu haben. Manchmal hat das zwar gut funktioniert, manchmal aber auch nicht. (Wie das eben so ist an der Börse.) Aber dass ausgerechnet ein so erfahrener Investor wie Otte in seinem Fonds die simple Börsenweisheit des „Hin und her macht Taschen leer“ so systematisch missachtet, erstaunt dann doch. Wofür sollten die Anleger ihren „Guru“ aber schließlich sonst bezahlen, wenn er den Fonds nur alle Jubeljahre mal umschichten würde. Als Fondsmanager ist man nun einmal ein Getriebener seiner Kunden und das nicht nur in der Finanzindustrie (im engeren Sinne). Dabei ist es keineswegs abwegig zu behaupten: Durch weniger häufiges Umschichten und mehr Liquiditätsmanagement hätte der Fonds von Max Otte sehr wahrscheinlich eine noch bessere Performance erzielt.
Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass Max Otte eine über weite Strecken, wenn auch nicht durchgängig, gut lesbare Anleitung zum Value Investing geschrieben hat, aus der wir Kleinanleger großen Nutzen ziehen können. Doch besteht kein Anlass, seine „Methode Prof. Max Otte“ (so nennt er sie wirklich!) zu verabsolutieren, sondern vielmehr dazu, sie kritisch zu hinterfragen, um so idealerweise auch die eigene Vorgehensweise optimieren zu können. Wer sich überhaupt nicht eigenständig mit dem Thema Geldanlage beschäftigen möchte, dessen Geld ist in Prof. Ottes Fonds sicherlich besser aufgehoben als in manchem anderen. Wer aber dieses oder ein ähnlich konzipiertes Buch mit wachem Bewusstsein gelesen hat, wer sich fortwährend eigene Gedanken zum Thema Geldanlage macht und sich schließlich auch noch zutraut, die eigenen Emotionen unter Kontrolle zu halten, der braucht keinen Fonds, denn er kann es auch allein.

Max Otte
Endlich mit Aktien Geld verdienen. Die Strategien und Techniken, die Erfolg versprechen
FinanzBuch Verlag 2012
304 Seiten, EUR 22,99
ISBN 978-3-3898796316

Justament-Rezensent Thomas Claer ist Autor des Buches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“, BoD 2012, 132 Seiten, EUR 10,00, ISBN 978-3844818147.

www.justament.de, 12.11.2012: Rettet die Million!

Der „Börsenguru“ Gottfried Heller weist den „einfachen Weg zum Wohlstand“

Thomas Claer

Cover HellerWenn einem ein Buchtitel den „einfachen Weg zum Wohlstand“ verspricht, wenn er behauptet, man könne zugleich „mehr verdienen, weniger riskieren und besser schlafen“, dann ist natürlich höchste Vorsicht angebracht. Schließlich haben viele dergleichen schon zur Genüge von ihrem Riestervertrags-Vermittler oder Bankberater gehört, um am Ende doch mit renditearmen oder gar kapitalvernichtenden Anlagen abgespeist worden zu sein. Doch wollen einem diesmal ausnahmsweise nicht provisionsgetriebene Lakaien der Finanzindustrie ihre zweifelhaften Produkte andrehen. Vielmehr appelliert hier ein hartgesottener Börsen-Profi sehr nachdrücklich an die Leserschaft, ihre größtenteils ablehnende Haltung gegenüber der Geldanlage in Aktien noch einmal zu überdenken. Und er hat, gerade in Zeiten wie unseren, keine schlechten Argumente.

Die Rede ist natürlich von Gottfried Heller, Jahrgang 1935, dem langjährigen Freund und Partner des legendären Andre Kostolany. Um es gleich vorweg zu sagen: Gottfried Heller ist ein selten cooler Hund. August 2011: Die Euro-Schuldenkrise spitzt sich zu. Die Börse crasht gerade zum dritten Mal innerhalb einer Dekade, der Dax rauscht innerhalb weniger Tagen um 25 Prozent in die Tiefe. Bleiche Gesichter in den Redaktionen der Börsensender. Zugeschaltet ist Gottfried Heller, völlig entspannt. Ja, er habe 90 Prozent seines Vermögens in Aktien investiert und schlafe nachts weiterhin sehr gut. Ach, da habe er wirklich schon ganz andere Crashs erlebt. Damals, 1987, da verlor die Börse 23 Prozent an einem Tag. Nach kurzer Besprechung mit Kostolany habe er damals gleich kräftig nachgekauft. So ein Sell-Off sei doch immer eine gute Einstiegsgelegenheit, da nun der Markt bereinigt sei und die „Zittrigen“ schon alle verkauft hätten. Ob er denn jetzt etwa auch gekauft habe? Na was denn sonst…
Gottfried Heller ist kein Vielschreiber. „Der einfache Weg zum Wohlstand“ ist erst sein zweites Buch überhaupt (das erste erschien 1992). Und er redet Klartext, wenn er bekennt, sich in seinem Alter und nach seinem Rückzug aus dem operativen Geschäft der „Fiduka-Vermögensverwaltung“, deren Senior Partner er noch ist, nunmehr ganz freimütig äußern zu können. Dass die vollmundigen Worte seines Buchtitels durchaus nicht zu hoch gegriffen sind, wird deutlich, wenn er sie erklärt. Unter „Wohlstand“ versteht er nicht unbedingt „Reichtum“, aber doch Unabhängigkeit von staatlichen Transferleistungen, auf welche ja nach neuesten Renten-Berechnungen aus dem Bundesarbeitsministerium künftig mehr als die Hälfte aller Berufstätigen im Ruhestand angewiesen sein werden, bis ins hohe Alter. Vergleicht man dann die Risiken und Renditen des staatlichen Rentensystems und der fragwürdigen Riester-Produkte auf der einen Seite mit einem breit gestreuten und langfristig orientierten Wertpapierdepot auf der anderen Seite, dann lässt sich mit letzterem, wenn man es richtig anstellt, sicherlich mehr verdienen (sogar erheblich mehr!), weniger riskieren (denn eher gehen heutzutage Staaten Pleite als grundsolide Unternehmen) und sogar besser schlafen (wenn man das alles nämlich richtig bedenkt!). Dass der Weg dorthin „einfach“ wäre, lässt sich allerdings nur in einem sehr relativen Sinne sagen. Zwar gilt unverändert das Diktum des Kostolany: „Wenn die Börsenspekulation leicht wäre, gäbe es keine Bergarbeiter, Holzfäller und andere Schwerarbeiter. Jeder wäre Spekulant.“ Doch so kompliziert, wie es von interessierter Seite – nämlich der Finanzindustrie – gerne dargestellt wird, ist es nun auch wieder nicht. Insofern kann man Gottfried Heller für seine Aufklärungsarbeit danken, wenn er einräumt, dass zwar Anleger, die partout keine Mühe und Zeit aufwenden wollen oder können, gut bei einem kompetenten Berater aufgehoben sind – Lieber diesen mitverdienen lassen, als das schöne Geld weiter auf Sparkonten versauern zu lassen! – jedoch könnten es (fast) alle anderen, so lässt der Autor durchblicken, auch ganz gut alleine schaffen.

Um nun also diesen „einfachen Weg zum Wohlstand“ zu skizzieren, holt Heller ziemlich weit aus, erklärt zunächst die Zeitenwende, in der wir uns befinden, die Finanzkrise, deren Eindämmung durch die Geldpolitik der Notenbanken und den daraus resultierenden Anlagenotstand sowie schließlich die Megatrends, die unser Leben beeinflussen, von der Bevölkerungszunahme bis zum Aufstieg der Schwellenländer. Es folgen eine ebenso zutreffende wie vernichtende Einschätzung unseres Altersvorsorgesystems und eine ebenfalls sehr kritische Darstellung der Beraterbranche. Eher knapp gehalten sind die Ausführungen darüber, wie man denn nun die Geldanlage in die eigene Hand nehmen kann, dafür aber mit vielen konkreten Tipps zu ETFs und Standardwerten versehen, die Heller als kaufenswürdig ansieht. (Selbstverständlich sind seine Tipps richtigerweise ziemlich konservativ. Zertifikate sind für ihn „Massenvernichtungswaffen“ und Optionen „Zockerpapiere“) Auf diese Weise geht es wirklich relativ einfach, denn wer sich aus diesen Vorschlägen ein Depot zusammenstellt und genug Zeit mitbringt, wird damit wahrscheinlich früher oder später zumindest besser dastehen als mit Tagesgeld oder Bausparvertrag. Sofern er oder sie angesichts der oft erheblichen Schwankungen nicht zwischenzeitlich die Nerven verliert, versteht sich. Wie sich die Rendite aber aller Voraussicht nach noch kräftig steigern lässt, wie man selbst die besonders lukrativen Perlen unter den Nebenwerten herausfischen kann, dazu beschränkt sich das Buch allerdings nur auf grobe Andeutungen.

Wer regelmäßig den Wirtschaftsteil einer überregionalen Tageszeitung liest, wird in diesem Buch wohl nicht viel Neues erfahren. (Den anderen kann es gut als Einführung in die grundlegenden Zusammenhänge dienen.) Doch finden sich immer wieder sehr gelungene Zuspitzungen: Heutzutage noch eine Lebensversicherung abschließen? Ein Wahnsinn! Riester-Produkte? Alles Murks. Die staatliche Altersvorsorge? Vergleichen manche mit einem Schneeballsystem. Dass der Staat 2009 die Spekulationsfrist bei Wertpapiergewinnen abgeschafft und somit langfristiges Aktiensparen der Zockerei gleichgestellt hat? Ist einfach nur Dummheit, denn so wird der Staat bald die Hälfte der Rentner mit Grundsicherung alimentieren müssen.

Besonders faszinierend ist aber eine Grafik, die angibt, welches Endvermögen aus gerade einmal 100 Euro monatlicher Sparleistung bei einer jährlichen Rendite von 10 Prozent (die mit Aktien auf lange Sicht, insbesondere für kundige Privatanleger, durchaus erreichbar ist) nach 10, 20 , 30 und 40 Jahren entsteht, wenn die Erträge nur konsequent wieder angelegt werden. Der Zinseszinseffekt, die eigentliche Quelle jedes langfristigen Kapitalaufbaus, schlägt hier in voller Wucht zu Buche. Es ist fast so wie mit den Reiskörnern auf dem Schachbrett: Nach 10 Jahren hat man 20.161 €, nach 20 Jahren 72.453 €, nach 30 Jahren schon 208.085 € und nach 40 Jahren 559.880 €. Das heißt auch: Wer statt 100 € vielleicht das Doppelte monatlich zurücklegen kann, sollte selbst dann noch zu seiner Million kommen, wenn er erst nach 2009 mit dem Aktiensparen angefangen hat und ihm der Staat folglich von allen Gewinnen etwas mehr als ein Viertel Abgeltungssteuer abzieht. Denn eine Verdopplung der monatlichen Rücklagen sollte letztendlich weit mehr als eine Verdopplung des Endvermögens zur Folge haben, dem exponentiellen Wachstum sei Dank. Doch muss man berücksichtigen, dass das nur nominale Werte sind! Real, d.h. nach Abzug der jährlichen Inflationsrate, ist die Million in 40 Jahren wohl bestenfalls noch die Hälfte wert, eher weniger. Dennoch ist hier ein – selbst für Geringverdiener gangbarer – überaus eleganter Weg zur ersten Million, der sprichwörtlich immer am schwersten verdienten, beschrieben. Klar, andere schaffen es in nur drei Jahren mit einem Nebenjob als Redner, noch andere machen eine Erbschaft oder gewinnen im Lotto oder in einer Fernsehshow, wieder andere bekleiden zwanzig Jahre lang eine Führungsposition und lassen sich dabei graue Haare und Magengeschwüre wachsen. Der Unterschied ist aber, dass die Aktienspar-Methode, anders als alle anderen, so ziemlich jedem offen steht. Man muss nur früh genug damit anfangen, denn der Faktor Zeit ist der alles entscheidende.

Gottfried Heller
Der einfache Weg zum Wohlstand. Mehr verdienen, weniger riskieren und besser schlafen
FinanzBuchVerlag 2012
304 Seiten, EUR 24,99
ISBN 978-3-89879-701-6

Justament-Rezensent Thomas Claer ist Autor des Buches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“, BoD 2012, 132 Seiten, EUR 10,00, ISBN 978-3844818147.

www.justament.de, 15.10.2012: Tristesse ohne Geheimnis

Der Philosoph Byung-Chul Han untersucht die „Transparenzgesellschaft“

Thomas Claer

Cover TransparenzgesellschaftSchon vielfach seit dem beinahe kometenhaften Aufstieg der Piraten in unsere etablierte Parteienlandschaft ist deren vehement eingefordertes Paradigma der Transparenz kritisch hinterfragt worden. Manche haben auf die hohe Bedeutung von Diskretion und informellen Absprachen in politischen Prozessen hingewiesen – ungeachtet der dabei immer bedrohlich nahen Schwelle zum Klüngel, zur Korruption und zum Gemauschel, versteht sich. Der Philosoph Byung-Chul Han aber hat in der Transparenz – viel umfassender – nicht weniger als eine allgemeine Tendenz unseres Zeitalters ausgemacht. Nach bewährtem Muster legt Han, der durch seine „Müdigkeitsgesellschaft“ längst einem größeren Publikum bekannt geworden ist, also wieder ein schmales Bändchen vor, das ausgehend von einem vieldiskutierten Stichwort gedankliche Ausflüge in unterschiedliche Richtungen unternimmt. Und diesmal ist es die Transparenz, die heute verbreitete Neigung, immer und überall alles und jedes öffentlich zu machen, an der er kaum ein gutes Haar lässt.
„Die menschliche Seele braucht offenbar Sphären, in denen sie bei sich sein kann ohne den Blick des Anderen“, stellt Han fest und beklagt – sich dabei terminologisch sowohl ganz links als auch ziemlich weit rechts bedienend – dass die kapitalistische Ökonomie alles dem Ausstellungszwang unterwerfe, während das 18. Jahrhundert, wie einst schon Carl Schmitt raunte, noch den aristokratischen Begriff des Geheimnisses gewagt habe. (Im übrigen wäre nach Carl Schmitt das Ende des Geheimen auch das Ende der Politik.) Zum einen erblickt der Verfasser nun im derzeit so angesagten allgemeinen Transparenzgebot einen inhumanen Ausbeutungs- und Kontrollmechanismus, dem sich die Menschen, man denke hier nur an die sozialen Netzwerke im Internet, paradoxerweise sogar freiwillig unterwerfen: „Es wird total. Keine Mauer trennt das Innen vom Außen.“ Zum anderen, was er als mindestens ebenso bedrohlich ansieht, nehme die Transparenz auch vielen anderen Dingen jeden Reiz. Ausführlich beschreibt Han, was etwa auf dem Felde der Erotik auf dem Spiel steht: „Der libidinösen Ökonomie ist die Transparenz fremd. Gerade die Negativität des Geheimnisses, des Schleiers und der Verhüllung stachelt das Begehren an und intensiviert die Lust.“ Und: „Allein ein Rück- und Entzug des Objekts entfacht die Lustökonomie.“ Mit Rückgriff auf Lacan resümiert er schließlich: „Nur auf dem Wege endlosen Aufschubs ist das Objekt erreichbar.“
Den philosophischen Begründer des Transparenzgedankens sieht der Verfasser in Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), der seinerzeit alle Menschen dazu aufrief, schonungslos ihr Herz zu enthüllen. Doch schon bei diesem lasse sich beobachten, dass die Moral totaler Transparenz notwendig in Tyrannei umschlage. Heute führten solche Enthüllungen weniger zu einer „moralischen Läuterung des Herzens“ als vielmehr „zu maximalem Profit und maximaler Aufmerksamkeit. Die Ausleuchtung verspricht eine maximale Ausbeute.“
Was Han beschreibt, kennen wir bestens aus unseren Medien und womöglich sogar aus eigenem Erleben. Sicherlich ist sein Essay auch diesmal wieder einseitig, unterschlägt er doch fast alle emanzipativen Aspekte (und die ganz praktischen Erleichterungen), die ein Mehr an Transparenz ebenfalls mit sich bringen kann. Begründet jedoch erscheint der von Han vorgebrachte Verdacht, dass hier der Schaden den Nutzen bei weitem überwiegt, allemal. Allerdings übertreibt es der Autor ein wenig bei der Schilderung der „mehrdeutigen Codes“, welche eine erotische Spannung erzeugen. So viel Transparenz wäre an dieser Stelle gar nicht nötig gewesen…

Byung-Chul Han
Transparenzgesellschaft
2. Auflage Matthes & Seitz Berlin 2012
91 Seiten, EUR 10,00
ISBN: 978-3-88221-595-3

Justament Sept. 2012: Ein Zwang namens Freiheit

Der Philosoph Byung-Chul Han über die „Müdigkeitsgesellschaft“

Thomas Claer

Cover Han„Die Ausbeutung des Menschen / Erreicht eine neue Qualität“, heißt es in einem bereits anderthalb Jahrzehnte alten Tocotronic-Song, den der Hamburger Bürgermeister a.D. Ole von Beust (CDU) bemerkenswerterweise einmal als sein persönliches Lieblingslied bezeichnet hat. Wie man das aber, also das mit der Ausbeutung, für unsere Gegenwart zu verstehen hat, erläutert der koreanischstämmige Karlsruher Philosoph Byung-Chul Han in seinem erstmals 2010 veröffentlichten Essay „Müdigkeitsgesellschaft“, der inzwischen bereits in der 7. (Klein-) Auflage erschienen ist und somit den Status eines kleinen Bestsellers erreicht hat. Der Verfasser sieht die entwickelten spät- und postindustriellen Regionen der Welt nämlich im Übergang von der „Disziplinargesellschaft“ zur „Leistungsgesellschaft“, was letztlich den veränderten ökonomischen Zwängen geschuldet sei: „Zur Steigerung der Produktivität wird das Paradigma der Disziplinierung durch das Paradigma der Leistung ersetzt.“ Ab einem bestimmten Produktivitätsniveau sei das Leistungssubjekt schneller und produktiver als das Gehorsamssubjekt. Und damit einhergehend entstehe ein neuer Menschentyp, in dem Freiheit und Zwang zusammenfallen. Dieser lasse sich, anders als der des klassischen „Lohnsklaven“, nicht mehr nur von anderen ausbeuten, sondern übernehme das gleich selbst, und zwar freiwillig, ohne Fremdzwänge, denn „Selbstausbeutung ist effektiver als Fremdausbeutung.“ Und längst erstreckt sich diese Selbstausbeutung nicht mehr nur auf die prekären Kreativen, sondern erfasst immer mehr Branchen und Berufe. Ob frei oder angestellt, ist hier schon gar nicht mehr die Frage. So wird gerade auch der eigentlich Mächtige, „der Herr“, zum Arbeitssklaven.
Aber warum, so fragt man sich, tun so viele Menschen sich das überhaupt an? Wer oder was zwingt sie eigentlich dazu? Es ist, weiß Byung-Chul Han, die „Leistungsgesellschaft“, die diese neuen Zwänge, ja sogar „neue Formen von Gewalt“, erzeugt hat, vor allem solche psychischer Art. So werde der Mensch zur „autistischen Leistungsmaschine“, seine Lebendigkeit, eigentlich ein komplexes Phänomen, auf die Vitalfunktion und Vitalleistung reduziert. Da kann und will natürlich nicht jeder mitgehen. Daher bringe die Leistungsgesellschaft regelmäßig Depressive und Versager hervor. Neuronale Erkrankungen wie ADHS, Borderline und Burnout bestimmten die pathologische Landschaft. Eine allgemeine Erschöpfung und Ermüdung angesichts des Zuviel an Beschleunigung, allgemeiner Promiskuität und Reizüberflutung breite sich aus. Ebenso radikal, so der Autor, ändert sich auch die Struktur und Ökonomie der Aufmerksamkeit. Hyperaktivität, die Hysterie der Arbeit und Produktion, und Multitasking bestimmten unser Leben. In letzterem sieht der Verfasser, stammesgeschichtlich betrachtet, einen Regress, wie er bei Tieren in der freien Wildbahn verbreitet ist. Und exakt an diese nähere sich die heutige Leistungsgesellschaft auch an. Nur noch zur zerstreuten, nicht mehr zur tiefen Aufmerksamkeit seien die Menschen imstande, so Han. Die Fähigkeit zur kontemplativen Versenkung gehe verloren. Zustimmend zitiert der Autor Friedrich Nietzsche: „Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus.“
Bis hierhin ist dem Befund des Verfassers kaum zu widersprechen. Aber gibt es denn für das so gequälte und entsprechend sensibilisierte Individuum eine Möglichkeit, sich diesen Zwängen zu verweigern, sich nicht durch destruktiven Ehrgeiz und eitles Konkurrenzdenken das schöne Leben, die Eudaimonia, verderben zu lassen? Jeder weiß, es ist verdammt schwer. Und es wird wohl auch letztlich jeder auf seine Weise immer wieder daran scheitern. Aber was Byung-Chul Han im letzten Kapitel als Ausweg empfiehlt, erstaunt dann doch: Niemand anders als den metaphysischsten aller lebenden Dichter, den Zeitgeist-Verächter und Karadzic-Versteher Peter Handke und seine zur Tugend gewendete „fundamentale Müdigkeit“ (aus dem „Versuch über die Müdigkeit“ von 1989). Denn diese befähige den Menschen zu einer besonderen Gelassenheit: zu einem gelassenen Nicht-Tun. Und jetzt aber Kontemplation!

Byung-Chul Han
Müdigkeitsgesellschaft
7. Auflage Matthes & Seitz Berlin 2012
70 Seiten, EUR 10,00
ISBN: 978-3-88221-616-5

www.justament.de, 6.8.2012: Man wird moralisch, sobald man unglücklich ist

Marcel Proust und der zweite Band seiner „Recherche“

Thomas Claer

lit-proust-recherche2Wer in aller Welt kann sich schon rühmen, die mehr als 4000 Seiten von Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“, diesem ausgesuchten Meisterwerk der literarischen Moderne, wirklich vollständig gelesen zu haben? Die Wahrheit ist: nicht einmal Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki! Das vertraute dieser vor einigen Jahren dem Spiegel an, als der ihn fragte, welche seiner unterlassenen oder unvollständigen Lektüren literarischer Werke ihm am peinlichsten sei. „Das Leben ist zu kurz und Proust zu lang“, befand schon Prousts Kollege und Zeitgenosse Anatole France. Und welch schweren Stand die „Recherche“ mit ihren Satzungetümen, die wohl kein Lektor der Welt heute mehr durchgehen ließe, im Zeitalter der Smartphone-Facebook-Twitter-Menschen, der kurzen Nachrichten und Aufmerksamkeitsspannen hat, das lässt sich leicht vorstellen.
Und doch hat, wie der Justament-Rezensent beim Lesen des immerhin schon zweiten der sieben Bände, „Im Schatten junger Mädchenblüte“, nicht ohne Bewunderung feststellen konnte, dieses monströse Werk uns noch immer eine Menge zu sagen. Das Muster des Romans ist immer gleich: Zwischen den überaus detaillierten und lebendigen Beschreibungen der äußeren und vor allem auch inneren Lebenswelt des jungen namenlosen Ich-Erzählers im ausgehenden 19. Jahrhundert ist in unregelmäßigen Abständen – wie eine Stimme aus dem Off – die Kommentierung des Verfassers zu vernehmen: oft sehr ausführlich, manchmal aber auch in lakonischer Punktgenauigkeit: „Man wird moralisch, sobald man unglücklich ist.“ Ja, das erklärt die Situation und nebenbei auch gleich noch die ganze Welt. Zumeist aber ist es viel komplizierter: „In unserer Phantasie beruhen die Einzelheiten unseres Glücks weit mehr auf der Identität mit den Wünschen, die es in uns weckt, als auf genauen Informationen über seine Beschaffenheit.“ Oder: „Der Verstand eliminiert aus unseren Erinnerungen, die sich auf ein Wesen beziehen, alles, was in unseren alltäglichen Beziehungen zu ihm nicht von unmittelbarem Nutzen ist (sogar und erst recht, wenn diese Beziehungen von der Liebe bestimmt werden, die, weil sie nie genug bekommt, stets schon im Augenblick lebt, der kommen wird). Er lässt die Kette der vergangenen Erinnerungen vorbeigleiten und hält mit Macht nur das letzte Ende fest, das oft aus anderem Metall besteht als die ins Dunkel entglittenen Glieder, und auf unserer Reise durch das Leben hält er für einzig wirklich das Land, in dem wir uns befinden.“ Eine so präzise Ausbreitung und Analyse der menschlichen Gedanken- und Gefühlswelt wie bei Proust haben wir in der deutschen Literatur nie erlebt. Entweder belassen es die Autoren, wie Thomas Mann, bei der feinen diskreten Andeutung oder sie kommen auf ihren Wegen nach innen, wie Hermann Hesse, ins Raunen und Beschwören, was jugendliche Leser mitten ins Herz trifft und dieselben beim späteren Wiederlesen oft peinlich berührt. Bei Proust ist es anders. Er spart nichts aus, wühlt in den Eingeweiden des Geistes, um dann den jeweiligen Irrungen und Wirrungen mit großer Nüchternheit, vollkommen unromantisch und illusionslos, aber mit ungeheurer Genauigkeit und vor allem Sprachkraft auf den Grund zu gehen.
Der vielleicht abgründigste Satz des Buches ist dieser: „Das Wirken der Kausalität, das schließlich alle nur möglichen Effekte hervorbringt und infolgedessen auch die, von denen man es am wenigsten denkt, vollzieht sich oft äußerst langsam, häufig gerade infolge unserer Wünsche, die statt einer Beschleunigung eine Hemmung bewirken – ja, manchmal selbst durch unsere Existenz, und kommt erst zum Ziel, wenn wir zu wünschen, ja zuweilen sogar zu leben aufgehört haben.“ In der Welt dieses Romans bedeutet er, dass Odette de Crecy, vielleicht hört sie ihre biologische Uhr ticken oder erinnert sich doch noch an Swanns vielfältige Vorzüge, zu einem Zeitpunkt Interesse an einer Heirat mit Swann bekundet, als dieser nach Jahren am Rande des Wahnsinns bereits aufgehört hat sie zu lieben. Natürlich nicht völlig, versteht sich, denn an anderer Stelle heißt es, dass er auch weiterhin allem gegenüber blind war, was Odette betraf. Indessen hält Odette an ihrem geheimen Leitspruch fest: „Mit Männern, die einen lieben, kann man machen, was man will, sie sind ja so dumm.“  Doch nun, in der Ehe, hat Swann seine frühere Eifersucht überwunden. Es ist ihm egal geworden, was Odette hinter seinem Rücken gerade tut (und sie tut es immer weiter!), sogar hat er nun selbst eine andere Geliebte. Entscheidend aber dafür, dass Odette in der Ehe so glücklich ist wie nie zuvor, ist das repräsentative Leben, das sie mit dem Reichtum ihres Mannes noch weitaus besser als bisher genießen kann: „Die Wohnung war für die Swanns, was der Körper für die Seele ist.“ In ihrem mit den erlesensten Möbeln und Kunstwerken aufs Geschmackvollste dekorierten Pariser Domizil veranstaltet Odette täglich Kaffeekränzchen und Salonabende mit den Damen und Herren der Oberschicht und führt ihre immer neuen ausgefallenen Kostüme vor. Doch werden Swann und Odette im Laufe der Geschichte immer mehr zu Nebenfiguren, geht es stattdessen um ihre ganz reizende Tochter Gilberte, in die sich der Ich-Erzähler (der erst im fünften Band zweimal mit seinem Namen Marcel angesprochen wird) im ersten der zwei Teile dieses zweiten Bandes, „Madame Swann und ihre Welt“, unsterblich verliebt. Es beginnt irgendwann in der Teenagerzeit und endet, als Marcel um die zwanzig ist. Der junge Marcel unternimmt, wie es Liebenden so eigen ist, einen übergroßen gedanklichen, emotionalen und auch tätigen Aufwand, um Gilbertes Liebe zu gewinnen, der im Buch bis in die kleinsten Einzelheiten dokumentiert und von der Stimme aus dem Off stetig hinterfragt wird: „Unsere Liebe, soweit sie Liebe eines bestimmten Wesens ist, hat nichts sehr Reales an sich.“ „So sehr haben in einer Liebe die Dinge, die wir selber hinzutun – sogar unter einem rein quantitativen Gesichtspunkt – das Übergewicht über diejenigen, die das geliebte Wesen in sich trägt.“ Doch könnte den Betroffenen nicht einmal eine solche Einsicht helfen, denn: „Die Liebenden und die, die Genüsse haben, sind nicht dieselben.“ Marcel kann die gespürte Zurückweisung durch Gilbert, welche ihn nach anfänglich großer Aufgeschlossenheit immer mehr vernachlässigt, nicht ertragen und inszeniert aus verletztem Stolz nach langen Qualen schließlich den radikalen Bruch mit ihr. Die lebenskluge Stimme des Erzählers sieht das als exemplarisch für die – aufgrund des überschießenden inneren Selbstbehauptungstriebes – im jungen Lebensalter zumeist bestehende Tendenz an, alles als etwas Grundsätzliches zu betrachten, wohingegen in späterem Alter die Leidensfähigkeit häufig zunimmt und einem weniger prinzipienfesten Pragmatismus weicht. Doch weiß die Stimme aus dem Off auch: „Die Wesensart, die wir in der zweiten Hälfte unseres Lebens hervorkehren, ist nicht immer – wenn auch häufig – eine dürftigere, vergröberte oder gemilderte Form unserer früheren.“
Dabei hat der junge Marcel wenig von dem oft unangenehm Auftrumpfenden, das man von jugendlichen Helden in der Literatur sonst kennt. Sogar ausnehmend sympathisch macht ihn sein Charakterzug, in zwischenmenschlichen Beziehungen niemals den persönlichen Vorteil zu suchen, was aber vermutlich auch durch seine finanziell abgesicherte großbürgerliche Herkunft und die bemerkenswerte elterliche Toleranz bedingt ist. „Man muss vor allem Freude haben an dem, was man tut“, erklärt ihm sein Vater, ein hoher politischer Angestellter, und unterstützt seinen Sohn sogar in dem gewagten Unterfangen, Schriftsteller zu werden. Marcel begründet seine Selbstlosigkeit und seine enorme Hilfsbereitschaft aber keineswegs mit Tugend oder gar Pflichtgefühl, sondern ausschließlich mit seiner Eigenliebe, der es schmeichelt, im Ansehen anderer gut dazustehen.
Anlässlich der minutiös geschilderten Salonabende erhält der Leser einen tiefen Einblick in die Lebensverhältnisse der Pariser Oberschicht zu jener Zeit. Auffällig ist die hohe Kultiviertheit in den Gesprächen gerade auch der hohen politischen und juristischen Würdenträger, wozu unbedingt immer auch ihre Ruhe und Gelassenheit zählen. Man ist außerordentlich gebildet und belesen, und man hat Zeit für Reflexionen und Unterhaltungen. Die Amtsgeschäfte, so bedeutend sie auch sein mögen, lassen dafür immer noch ausreichend Spielraum. Welch ein Kontrast zu den von Parlamentssitzung zu Pressekonferenz zu Talkshow hetzenden und immer dieselben Floskeln produzierenden Politikern unserer Tage! Schlecht dagegen kommen im Buch die Ärzte weg. Über den gelegentlich an den Salonabenden teilnehmenden Hausarzt Doktor Cottard heißt es zwar, er habe als Arzt einen richtigen Instinkt und sicheren Blick, jedoch: „Diese geheimnisvolle Gabe schließt keineswegs eine Überlegenheit auch der anderen Bezirke des Geistes ein, und ein höchst trivialer Mensch, der sich zu schlechter Musik und Malerei hingezogen fühlt, dem jede geistige Neugier abgeht, kann sie durchaus besitzen.“ (Der reale Marcel Proust stammte anders als seine Romanfigur aus einer Arztfamilie. Sein Vater gilt als Begründer des modernen Krankheitsbildes der Neurasthenie (d.h. der nervösen Befindlichkeitsstörung), einer heute weitgehend vergessenen „Zeitgeistkrankheit“ jener Epoche, inzwischen längst verdrängt vom zeitgemäßeren „Burnout“. Als Objekt seiner Untersuchungen, anhand derer er die Neurasthenie begründete, diente ihm vorwiegend sein Sohn Marcel.)

Im zweiten Teil dieses zweiten Bandes der Recherche namens „Ortsnamen. Die Landschaft“ verlagert sich die Handlung nach Balbec, ein Seebad in der Normandie, wo Marcel gemeinsam mit seiner geliebten Großmutter eine Mischung aus Kuraufenthalt – er leidet unter Asthma – und ausgedehntem Sommerurlaub in einem Luxushotel absolviert. Seine Trauer über die unerreichbare Gilberte hat er inzwischen überwunden und erlebt in der anmutigen Umgebung wieder Glücksmomente: „Unsere Wünsche verschieben sich oft, und in der Verwirrung des Daseins ist selten ein Glück genau dem Wunsch angepasst, der es herbeiziehen wollte.“ Marcel beschränkt sich neben seiner großen Begeisterung für Architektur (besonders für die Kirchen), Malerei und Landschaft aber nicht auf eine neue Liebe zu nur einer Person, sondern verliebt sich gleich in eine ganze Gruppe hübscher junger Mädchen, die er am Strand beobachtet. Sie sind für ihn die Krönung einer gediegenen Badekultur der Reichen und Schönen, die vom Ballermann-Tourismus späterer Zeiten noch nichts weiß. Am Strand sieht er „edel in sich ruhende Muster menschlicher Schönheit: schöne Leiber, schöne Beine, schöne Hüften, gesunde ausgeruhte Gesichter“. Und über die jungen Mädchen urteilt er: „so etwas Schönes und Unerreichbares, so ein köstliches und vollkommenes Bild des unbekannten, doch möglichen, vom Leben bereitgestellten Glücks“. Besonders lobt nun wieder die Stimme des weisen Erzählers die hohe „Plastizität“ in den Gesichtern der jungen Mädchen, ihre noch nicht bestehende Festgefügtheit, die sie so reizvoll macht. Demgegenüber seien „die Gesichter der Frauen von einem bestimmten Alter an vom Existenzkampf verhärtet, für alle Zeiten zäh oder ekstatisch gemacht“. Die aus der Botanik entlehnte Metaphorik des Buchtitels „Mädchenblüte“, die auf Deutsch ein wenig schwülstig klingt, wird hier zu einer Allegorie vom frühen Aufblühen und raschen Verblühen weiblicher Schönheit fortgeführt. An dieser Stelle erstaunt es den Leser aber doch, wie vollständig nicht nur dem jungen Marcel, sondern auch dem in Dingen des Geschmacks ansonsten so versierten Hintergrund-Erzähler der ganz eigene Reiz entgeht, den gerade die nicht mehr ganz jungen Frauen oftmals zu entfalten vermögen. Hierfür, so scheint es, hatte der Homosexuelle Proust, der sich damals umfänglich zu tarnen gezwungen war, wohl einfach keinen Blick. (Einzig die noch in weit fortgeschrittenem Alter als begehrenswert geschilderte Madame Swann lässt er gelten.)
Dem eigentlich recht schüchternen, aber im Ernstfall auch sehr zielstrebig vorgehenden jungen Marcel gelingt nach etlichen Tagen die Annäherung an die begehrte Mädchengruppe. Zu seiner großen Freude schließen die Mädchen, die sich als Oberschülerinnen erweisen, ihn, anders als die dümmlichen blasierten Jungen vom Golfplatz, schnell ins Herz und unternehmen täglich Ausflüge und Wanderungen mit ihm. Zugute kommt Marcel die Einseitigkeit der Kenntnisse und Interessen der anderen mit den Mädchen bekannten jungen Männer (überwiegend Industriellensöhne), die sich auf alles beschränken, was „die Kleidung und die Art sie zu tragen, Zigarren, Bargetränke, Pferde betraf ohne die geringste Entsprechung auf dem Gebiet der Kultur des Geistes“. Heute würde man ihnen wahrscheinlich eine kuriose Mischung aus Hipster- und Spießertum bescheinigen. Hingegen sind die Mädchen sehr empfänglich für Marcels Gelehrsamkeit, wobei er sich aber auch nicht scheut, an ihren ziemlich albernen Gesellschaftsspielen teilzunehmen. Vor allem jedoch vermeidet er sehr gekonnt den Kardinalfehler junger männlicher Intellektueller im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht: Er textet die Mädchen  nicht zu. Vielmehr lässt er sie reden und ergötzt sich dabei nicht nur am Anblick ihrer schönen Gesichter und Körper, sondern besonders auch am Lauschen ihrer in seinen Ohren äußerst wohlklingenden Stimmen. („Jede besitzt mehr Noten als das klangvollste Instrument.“) Allmählich wird Marcel sogar zum Hahn im Korb und löst erhebliche Eifersüchteleien unter den jungen Damen aus.
Erst nach vielem Hin und Her konkretisiert sich sein Verlangen auf die schöne Albertine, die in den späteren Bänden die Frau an seiner Seite werden wird. Warum gerade sie? „Zwischen den Frauen, die wir nacheinander lieben, besteht eine, freilich eine gewisse Entwicklung durchmachende Ähnlichkeit, die mit einer Unveränderlichkeit unserer Anlage zusamenhängt, denn diese wählt sie ja aus, wenn sie mit uns kontrastieren und uns zugleich entsprechen, d.h. sich eignen, unseren Sinnen zu genügen und uns Leiden des Herzens zu bereiten. Diese Frauen sind eine umgekehrte Projektion, ein ‚Negativ‘ unseres eigenen Gefühlslebens.“ Das Leiden des Herzens wird für Marcel aber immens, als Albertine ihm bei einem Ringleinspiel einen Zettel zusteckt mit der Aufschrift „Ich mag Sie sehr gerne.“ Nach einigen Wochen lässt sie ihn heimlich ins Hotelzimmer kommen, in dem sie einen Abend allein verbringen soll. Doch als der völlig entflammte Marcel den Versuch unternimmt, sie zu küssen, wird er heftig von ihr zurückgewiesen. Er findet keine Erklärung für Albertines Verhalten, ergeht sich in quälenden Selbstzweifeln, denn an die „Tugendhaftigkeit“ Albertines will er nicht glauben, dann schon eher an eine Art Koketterie. Auch eine spätere Befragung Albertines führt nicht zur Auflösung des Rätsels. Und so erläutert die Stimme des Erzählers aus dem Off:„Die Wahrheit über die Absichten eines Menschen erfährt man nicht auf dem Wege direkter Befragung, und die Gefahr eines vorübergehenden Missverständnisses ist geringer als die naiven Insistierens.“ So fährt Marcel zum Sommerende letztlich „unverrichteter Dinge“ wieder zurück nach Paris. Doch bleibt dem Leser die begründete Hoffnung auf ein späteres „Happy End“, denn Albertine wohnt ebenfalls in Paris, wodurch künftige Begegnungen als nicht ausgeschlossen erscheinen.

So lässt das Buch einen verstört und bezaubert zugleich zurück, vor allem aber sensibilisiert für die vielen kleinen Besonderheiten des Alltags, die man in stumpfer Gewöhnung nicht mehr wahrnimmt. Es ermutigt den Leser zur Aufmerksamkeit – nach außen wie nach innen, denn: „Die sichtbare Welt ist auch nicht die wahre Welt, weil unsere Sinne über kaum bessere Fähigkeiten verfügen als unsere Einbildungskraft.“
Welch ein Glück, denkt man, dass jemand ein solches Buch geschrieben hat und darin so viel von dem ausdrücken konnte, von dem man nie annahm, dass es sich überhaupt sprachlich formulieren ließe. Und das in solch einer Eleganz! „Das gesprochene Wort steht in Beziehung zur Seele, drückt sie aber nicht aus wie der Stil beim Schreiben.“ Und noch ein letztes Mal die Stimme aus dem Off: „Das Dasein hat eigentlich nur an jenen Tagen Sinn, wo der Staub der Realitäten magischen Sand mit sich führt.“ Dieses Buch ist eine wahre Sahara aus magischem Sand.

Marcel Proust
Im Schatten junger Mädchenblüte (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 2)
Deutsch von Eva Rechel-Mertens
Suhrkamp Verlag Taschenbuch 2004
851 Seiten, EUR 19,00
ISBN-10: 3518456423

Die Besprechung des ersten Bandes der Recherche gibt es hier.

www.justament.de, 11.6.2012: Riskant bis aussichtsreich

Das Lehr- und Praktikerbuch „Immobilienmärkte und Immobilienbewertung“ in 2. Auflage

Thomas Claer

Cover FranckeDer Trend geht ganz klar zur Immobilie. Zwar nicht gerade zu Omas klein‘ Häuschen auf dem Lande, das von Jahr zu Jahr immer unverkäuflicher wird, aber doch jedenfalls zur gediegenen Altbau- oder luxuriösen Neubauwohnung in den gefragten Innenstadtlagen unserer Großstädte. Und je deutlicher sich angesichts von Schuldenkrise und Geldflutungen der Notenbanken für die nächsten Jahre ein inflationäres Szenario abzeichnet, desto emsiger greifen diejenigen zu, die ihre Ersparnisse noch schnell in den vermeintlich sicheren Hafen des Betongoldes steuern wollen – und sei es auf Pump, denn die Inflation frisst ja auch die Schulden. Doch was darf oder sollte eine Wohnung kosten? Wann ist sie ein gutes Investment? Ein Sammelband mit 14 Aufsätzen ausgewiesener akademischer Immobilien-Spezialisten nähert sich dem Thema von verschiedenen Seiten. Und der interessierte Laie, sofern er sich von den komplizierten Ausführungen zum „Discounted Cashflow-Verfahren“, den „Hedonischen Modellen“ und zur „bilanziellen Behandlung von Immobilienvermögen nach HGB und IFRS/IAS“ nicht abschrecken lässt, gewinnt schnell einen vielschichtigen Einblick in die Welt der Immobilienbewertung. Vor allem aber findet er Informationen, die so manchem intuitiven Freund der „sicheren“ Immobilien-Anlage zu denken geben dürften. So wird etwa die populäre Annahme, dass Immobilienanlagen gegenüber Aktien vergleichsweise risikoarm seien, als „kollektiver Irrtum“ entlarvt: „Tatsächlich werden die kurz- und mittelfristigen Preisschwankungen der Immobilie nur deshalb nicht bemerkt, weil keine Markttransaktionen stattfinden.“ (S.404) Auch lässt die Rentabilität des Betongoldes nur allzu oft zu wünschen übrig. So erreichten die von institutionellen Anlegern in Deutschland gehaltenen Immobilien in den letzten 12 Jahren eine Durchschnittsrendite von gerade einmal 3,4 Prozent p.a., wobei der Mietrendite von 5,5 Prozent ein jährlicher Wertverlust durch Abnutzung der Gebäude von 2 Prozent gegenüberstand. So ist man fast geneigt, Vermieter für Idealisten zu halten, denn manches Tagesgeldkonto warf und wirft ähnlich viel bzw. wenig ab. Doch lagen in den meisten anderen europäischen Ländern wie auch in den USA, Australien und vielen Regionen Asiens die Renditen direkter Immobilienanlagen in der Vergangenheit weitaus höher, was vor allem auf beträchtliche Wertsteigerungen, aber auch auf eine kontinuierlichen Steigerung der Mieterträge zurückzuführen ist. In dem Kapitel über Preisblasen auf Wohnimmobilienmärkten kommen die Verfasser u.a. zur Schlussfolgerung, dass in der Schweiz, Deutschland und Japan – folgt man bestimmten Bewertungsmodellen – vermutlich eine „negative Preisblase“, also eine extreme Unterbewertung vorliegt (S.193).
Was ist also zu tun? Wer eine Immobilie zur Eigennutzung erwerben will, weil er die Miete sparen und gleichzeitig sein Geld vor der Inflation schützen möchte, der handelt durchaus rational, sofern er drei Dinge beachtet: Er sollte erstens über genügend Eigenkapital verfügen, denn trotz historisch niedriger Zinsen lohnt sich ein Darlehen ab einer bestimmten Kredithöhe  in der Regel nicht mehr (ganz zu schweigen vom damit einhergehenden Risiko). Zweitens sollte er nur in aussichtsreichen Lagen kaufen, da alles andere einer Kapitalvernichtung gleichkäme. Und drittens sollte der Preis nach den üblichen Bewertungsmodellen (v.a. der Peis-/Mietrelation) noch nicht die Bodenhaftung verloren haben. Wer aber eine Immobilie als reine Geldanlage ganz oder überwiegend auf Pump erwirbt, wird voraussichtlich negative Renditen erzielen. Und wer mit indirekten Immobilienanlagen, etwa Fonds liebäugelt, sollte es lieber bleiben lassen, denn hier drohen nur allzu oft kapitale Verluste.

Hans-Hermann Francke / Heinz Rehkugler (Hrsg.)
Immobilienmärkte und Immobilienbewertung
2. Auflage Verlag Franz Vahlen München 2011
483 Seiten, EUR 49,80

Justament Mai 2012: Alles im Umbruch

Die SZ-Serie „Die Zukunft der Arbeit“ als Buch

Thomas Claer

Cover Zukunft„Früher gab es sowas nicht.“ Was wir von den Älteren so oft gehört haben, hier hat es seine Berechtigung: Getrieben insbesondere von einer weltweit entfesselten Ökonomie, dem Druck der Finanzmärkte und einem rasanten technischen Wandel bleibt in der Arbeitswelt derzeit wirklich kein Stein mehr auf dem anderen. Was die Leser des Wirtschaftsteils der Süddeutschen Zeitung im vergangenen Jahr in einer 26-teiligen Serie über „Die Zukunft der Arbeit“ erfuhren, war aufregend, faszinierend und manchmal auch erschreckend. Die Autoren schilderten die wichtigsten Trends unseres heutigen Erwerbslebens, mit denen wohl jeder Berufstätige schon mehr oder weniger umfassend Bekanntschaft gemacht haben dürfte, und entwarfen das Bild einer von diesen geprägten Zukunft. Nachzulesen ist das alles nun komprimiert und mit einem Vor- und Nachwort versehen zwischen zwei Buchdeckeln in der SZ-Edition. Und selten hat sich der Nachdruck einer Zeitungs-Serie so gelohnt wie dieser. Von der digitalen Revolution bis zur digitalen Boheme, von den Chancen der Jugend bis zu denen der Frauen, vom demographischen Wandel bis zur Notwendigkeit der Selbstvermarktung und der Wissensgesellschaft ist alles dabei, was das heutige Arbeitsleben ausmacht und aller Voraussicht nach auch künftig prägen wird. Die zehn Megatrends der Arbeitswelt von morgen gemäß dem Nachwort von Sibylle Haas lauten in Kurzform: Der feste Arbeitsplatz im Büro stirbt aus, dank Laptop und Smartphone sind die Arbeitnehmer für die Unternehmen immer und überall verfügbar. Hierarchien verschwinden, teamorientierte Projektarbeit macht heute den einen und morgen die andere zum Chef. Dienstleistungen haben einen immer größeren Anteil an der Arbeit (bereits jetzt mehr als zwei Drittel). Das klassische Arbeitsverhältnis wird immer seltener, Honorar- und Zeitverträge werden zur Regel. Gering Qualifizierte bleiben in prekären Jobs hängen; eine neue kreative Klasse pfeift auf einen festen Job, weil sie selbstbestimmt arbeiten will. Wer sich nicht aggressiv selbst vermarktet, bleibt auf der Strecke: Extrovertierte und Selbstdarsteller setzen sich durch. Die Menschen werden immer älter und müssen entsprechend länger arbeiten, was auch heißt: lebenslanges Lernen bis ins hohe Alter. Viele Branchen (aber bestimmt nicht die juristische) erleben einen Fachkräftemangel. Eine immer höhere Bildung ist erforderlich, die Jugend braucht noch deutlich mehr Disziplin, Leistungsbereitschaft und Belastbarkeit. Eine bessere Kinderbetreuung und gezielte Frauenförderung sind nötig, um das große Potential gut qualifizierter, aber bislang nicht oder nicht voll berufstätiger Frauen volkswirtschaftlich nutzen zu können. Und schließlich: Auf einem globalen Arbeitsmarkt liegt die „Last der Anpassung“ vor allem auf den Arbeitnehmern in den Industrieländern. Schon klar: Die Asiaten, Lateinamerikaner und Osteuropäer sind fleißiger, genügsamer und zunehmend auch noch besser als viele bei uns. Wer da auf einem Achtstundentag, Kündigungsschutz und guter Bezahlung besteht, ist schnell nicht mehr wettbewerbsfähig. Kein Wunder, dass nicht wenige die schöne neue Arbeitswelt als Bedrohung empfinden. Andererseits ist es aber doch bemerkenswert, wie gut das vergleichsweise streng regulierte, relativ unflexible und eher undynamische Deutschland durch die Finanzkrise gekommen ist. Vielleicht war es ja gerade die Mischung aus traditioneller Rechts- und Sozialstaatlichkeit auf der einen und Agenda 2010-Reformen auf der anderen Seite, die uns nun womöglich sogar zum Vorbild für andere werden lässt.

Marc Beise, Hans-Jürgen Jakobs (Hrsg.)
Die Zukunft der Arbeit
Süddeutsche Zeitung Edition München 2012
336 Seiten, EUR 19,90
ISBN: 978-3-86615-997-6

Justament Mai 2012: Karl Marx und die Stasi

André Gursky sucht nach den ideologischen Wurzeln der politischen Justiz in der DDR

Thomas Claer

12a LIT TC Karl Marx und die Stasi CoverDass die DDR mit all ihrer politischen Justiz und ihrem Stasi-Terror gegen Andersdenkende ausgerechnet ein Rechtsstaat gewesen sein soll? Das behaupten heute, mehr als zwei Jahrzehnte nach ihrem Untergang, wohl nur noch einige wenige unbelehrbare Altfunktionäre und -geheimdienstler sowie ein paar versprengte ehemals systemnahe Wissenschaftler. Wenn nun André Gursky, einst selbst ein politisch Verfolgter in der DDR und heute Leiter der Stasi-Gedenkstätte „Roter Ochse“ in Halle, in seiner philosophischen Dissertation sehr akribisch herausarbeitet, warum der „Rechtsstaat DDR“ selbstverständlich eine Legende ist, dann unterliegt er dabei möglicherweise einer berufsbedingten optischen Täuschung über das von den alten Stasi-Seilschaften heute noch ausgehende geistige Bedrohungspotential. Denn während er selbst vermutlich oft mit DDR-Unrechts-Leugnern konfrontiert ist, die bis heute gerne die Veranstaltungen in unseren Gedenkstätten mit provozierenden Zwischenrufen aufmischen, nimmt sich deren tatsächliche gesellschaftliche Relevanz wohl inzwischen eher marginal aus.

Dabei beschränkt sich das Werk nicht nur auf eine genaue Beschreibung der Funktionsweise der politischen Strafjustiz in der DDR und verwendet dabei auch umfangreiches, bislang kaum zugängliches Material aus den Aktenschränken der Staatssicherheit, sondern hat immer auch die Ebene der ideologischen Rechtfertigung im Blick. Deren Wurzeln verfolgt es schließlich zurück bis zu den maßgeblichen sozialistischen Theoretikern Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895). Heraus kommt in repressionsgeschichtlicher Hinsicht so manches, wovon man sonst noch kaum gehört oder gelesen hat. So verfasste der ostdeutsche Geheimdienst parallel zum offiziellen Strafgesetzbuch der DDR als Schulungsmaterial für seine Kader an der Hochschule des MfS in Potsdam-Eiche ein separates „Stasi-StGB“ mit einem differenzierten Arsenal von Maßnahmen politischer Verfolgung, gerichtet auf die tatsächliche oder vermeintliche Feindaktivität. Überhaupt war die Staatssicherheit, so erfährt der Leser, viel mehr als nur ein ausführendes Organ der Partei, sondern die eigentliche Herrin der politischen Strafverfahren. Sie nahm sogar Einfluss auf die Formulierung von Strafgesetzen. Der etwas umständliche Titel des Buches, „Rechtspositivismus und konspirative Justiz als politische Strafjustiz in der DDR“ ist in diesem Zusammenhang so zu verstehen, dass neben das positive Recht (die geltenden Gesetze) ein umfassendes Bündel geheimdienstlicher Maßnahmen trat, die „konspirative Justiz“ der Staatssicherheit. Hier entwickelt der Verfasser seine These eines in der DDR bestehenden „nichtpositivistischen Positivismus“, was bedeutet, dass das positive Recht durchaus nicht immer galt, sondern durch konspirative Stasi-Tätigkeit jederzeit ausgehebelt werden konnte. Der Autor geht sogar so weit, den ursprünglich von Ernst Fraenkel auf das Dritte Reich gemünzten Begriff „Doppelstaat“ (bestehend aus Normen- und Maßnahmenstaat) – anders als es etwa Werkentin oder Brey tun – für die DDR abzulehnen, da es dort, vereinfacht gesagt, gar kein Strafrecht ohne Stasi-Beteiligung gegeben habe. Eine Koexistenz von Normen- und Maßnahmenstaat wie in der NS-Diktatur bis Ende der 30er Jahre habe sich die Diktatur der SED-Parteinomenklatur gar nicht leisten können (S.164). Daneben hatte die Staatssicherheit aber durchaus auch andere Tätigkeitsfelder. Besonders kurios mutet ihr gezielter Einsatz zur Erlangung von Devisen (Geldern aus dem Westen) an. Beispielsweise unterwanderten Stasi-Mitarbeiter bestehende Fluchthelfergruppen, kassierten dabei Gelder von westlichen Verwandten der Fluchtwilligen, inszenierten sodann selbst die Fluchten, um sie in letzter Sekunde scheitern zu lassen. Die inhaftierten und zu hohen Haftstrafen verurteilen Republikflüchtlinge ließ die DDR schließlich vom Westen freikaufen und gelangte so ein zweites Mal an Devisen.

Wie aber ließ sich ein solches Vorgehen und so manches Andere angesichts der „reinen Lehre“ des Marxismus-Leninismus ideologisch rechtfertigen? Ganz überwiegend schlicht nach der machiavellistischen Maxime, dass der Zweck die Mittel heiligt. Begründet wurde es allerdings mit den sich ständig wandelnden Erfordernissen des Klassenkampfes: „Was der Klasse dient, ist auch moralisch.“ So war gemäß dem Stasi-Schulungsmaterial auch die Legendenbildung des MfS, obwohl dadurch doch „die Wirklichkeit (im engeren Sinne) bewusst verdreht“ werde, „moralisch einwandfrei“, denn „belügen kann man nur denjenigen, dem man auf Grund der gleichen Klasseninteressen die Wahrheit sagen muss.“ George Orwell lässt grüßen! Und so funktionierte das gesamte Rechtssystem der DDR im Zweifel nach dem ebenfalls auf Machiavelli zurückgehenden Grundsatz  „Recht ist, was dem Staate nützt“. Dazu gehörte nach Meinung der Machthaber eben auch die „Zersetzung“ von Oppositionellen. Sehr ausführlich lässt der Autor die Vertreter der DDR-Rechtsphilosophie zu Wort kommen, die weitschweifig die angebliche Überlegenheit des sozialistischen Rechts über den bürgerlichen Rechtsstaat begründen und vom „planmäßigen Ausbau der sozialistischen Rechtsordnung“ schwadronieren. Allerdings sind diese Passagen für den Leser doch auf die Dauer sehr ermüdend. Offenkundig hatten deren Verfasser bei ihren Adressaten eine Art Gehirnwäsche im Sinn, wie man sie ganz ähnlich aus bestimmten Sekten kennt. Der nur schwer erträgliche Propaganda-Jargon lässt den Rezensenten jedenfalls immer wieder aufatmen, dass dieser Spuk gottlob schon lange vorbei ist.

Viel interessanter aber ist die Frage, inwieweit sich die sozialistischen Klassiker Karl Marx und Friedrich Engels für das ganze Elend haftbar machen lassen. Schließlich gilt Marx als Emanzipations-Denker, dessen kategorischer Imperativ (anders als der von Kant) lautete, „… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verachtetes Wesen ist.“ Dessen ungeachtet sieht der Verfasser in Marx aber einen der Hauptschuldigen an Stasi und politischer Justiz. In großer Zahl hat Gursky einschlägige Zitate zusammengetragen, die Marx vor allem als einen Denker des gewaltsamen Umsturzes ausweisen, für den das Recht ein bloßes Mittel zur Erreichung übergeordneter Zwecke ist. So bezeichnete Marx etwa die Rechtsstaatlichkeit als „dummes Zeug“ oder als „pure Illusion“. Der Autor sieht darin einen „Totalangriff auf die abendländische Vernunftinterpretation“ und konstatiert einen „Bruch mit der Moderne“. Dies ist sicherlich der problematischste Teil des Buches, denn mit zumindest gleicher Berechtigung lässt sich Marx nun einmal auch als Gründervater der Sozialdemokratie und Wegbereiter vieler anderer gemäßigter sozialer Protestbewegungen ansehen. Was für Gursky aber zählt, ist die große Übereinstimmung, die er zwischen den Schriften des Karl Marx und der Ideologie der DDR-Staatssicherheit zu erkennen glaubt. Der Autor sieht Marx und Engels unter Hinweis auf ihre konspirative Arbeit beim Aufbau einer kommunistischen Partei Mitte des 19. Jahrhunderts sogar als Begründer der proletarisch-revolutionären Konspiration an (S.192).

Alles in allem lässt sich somit an dieser sehr fundierten und informativen Studie lediglich eine gewisse Einseitigkeit des Autors in der Interpretation seines so reichhaltig zusammengetragenen Quellenmaterials bemängeln. Dass es in der DDR, anders als während der Stalin-Ära in der UdSSR, nämlich sehr wohl Grenzen der staatlichen Willkür gab, mag das folgende, ebenfalls dem vorliegenden Buch entnommene Zitat des Ministers für Staatssicherheit, Erich Mielke, verdeutlichen: „Wenn wir nicht gerade jetzt hier in der DDR wären – ich will Euch das ganz ehrlich sagen, damit ihr wisst (…) –  wenn ich in der glücklichen Lage wäre wie in der Sowjetunion, dann würde ich einige erschießen lassen“ (Rede um 1982 vor Mitarbeitern der Staatssicherheit).

André Gursky
Rechtspositivismus und konspirative Justiz als politische Strafjustiz in der DDR
Verlag Peter Lang, Frankfurt a.M. u.a. 2011
462 Seiten, EUR 74,80
ISBN 978-3-631-61307-8

Justament März 2012: Spitze Feder rostet nicht

Christian Y. Schmidts gesammelte China-Kolumnen „Im Jahr des Tigerochsen“

Thomas Claer

Cover SchmidtWas waren das doch für goldene Zeiten für die Satire in Deutschland, damals in den Neunzigern, als Christian Y. Schmidt noch Redakteur bei der „Titanic“ war und an so lustigen Polit-Comics wie „Genschman“ oder den „Roten Strolchen“ mitwirkte. Wenn der damalige Bundesaußenminister im Batman-Kostüm gegen seinerzeit noch real bedrohliche Schufte wie „Frisur“ (alias Karadzic), den schlechtfrisiertesten Diktator aller Zeiten, kämpfte oder ein zögerlicher und ziegenbärtiger SPD-Kanzlerkandidat seinen Wahlkampf gegen den Oberförster Kohl unter dem Motto „Versucht, Ziege zu wählen“ inszenierte, da blieb kein Auge trocken. Doch ist das längst schon tiefste Vergangenheit. Anderthalb Jahrzehnte und zwei Bundeskanzler (respektive –innen) später ist Christian Y. Schmidt noch immer mit spitzer Feder unterwegs, doch versorgt er nunmehr die Leser der taz alle zwei Wochen mit einer Kolumne aus Peking, wo er mit seiner chinesischen Frau seit über sechs Jahren lebt. Weil aber so mancher Interessent nur mit Mühe die täglichen Papierberge der FAZ oder SZ zu bewältigen vermag und sich so zumindest nicht immer auch noch die taz zu Gemüte führen kann, gibt es Schmidts China-Kolumnen nun zum zweiten Mal auch als Buch aus dem rührigen Berliner Verbrecher-Verlag, auf dessen gepflegtes Programm an dieser Stelle einmal ausdrücklich hingewiesen werden soll.
Christian Y. Schmidt berichtet also auch im „Jahr des Tigerochsen“, d.h. in den chinesischen Jahren des Tigers (2009) und des Ochsen oder Büffels (2010), über allerhand Bemerkenswertes aus dem Reich der Mitte, das dem oberflächlichen westlichen Blick sonst nur zu leicht entgeht. Hervorzuheben ist sein unideologischer und vorurteilsfreier Blick auf die vielen kleinen Dinge des chinesischen Alltags, die den westlichen Lesern nicht selten sonderbar erscheinen dürften. So fand man in China bis vor kurzem keine küssenden Paare im öffentlichen Raum, abgesehen von einigen Touristen, die dann dementsprechend angestarrt wurden. Dass ihm ein Teil seiner Kritiker eine zu unkritische und beschönigende Sichtweise der chinesischen Verhältnisse vorwirft, ein anderer Teil hingegen vermutet, er betreibe antichinesische Gräuelpropaganda, zeigt, dass Schmidt  wohl letztlich vieles richtig gemacht hat in seinen Texten. Natürlich ist jemand, der in einer einheimischen Familie lebt, der somit alles direkt aus erster Hand erfährt und dessen kulturalistische Missverständnisse sich im Zweifel auch einfacher aufklären lassen, klar im Vorteil gegenüber allen anderen in Fernost lebenden Ausländern, seien sie Korrespondenten, sonstige Autoren oder Wirtschaftsleute. Vor allem aber kann er dem ach so aufgeklärten europäischen Blick nach Fernost, der in Wahrheit gar nicht viel von seinem Gegenstand versteht und immer nur belehren will, mal etwas empirisch-fundierte Alltagskenntnis entgegensetzen, zumal das Interesse an der spätestens in zwei Jahrzehnten größten Volkswirtschaft der Erde, die den meisten westlichen Menschen heute noch so fremd ist, ganz ohne Zweifel stetig weiter wachsen wird. Die Schmidt-Kolumnen leisten für uns insofern gute Aufklärungsarbeit und liefern darüber hinaus, vor allem mit ihren zumeist treffsicheren Schluss-Pointen, auch gelungene Unterhaltung.

Christian Y. Schmidt
Im Jahr des Tigerochsen
VerbrecherVerlag Berlin 2011
187 Seiten, EUR 13,00
ISBN 978-3-940426-68-0