www.justament.de, 5.10.2015: Hurra – das Literarische Quartett ist wieder da!
Thomas Claer empfiehlt spezial
Eine große Freude ist es natürlich, wenn unsere Lieblingsfernsehsendung nach fast anderthalb Jahrzehnten Pause endlich wieder ausgestrahlt wird. Zwar mit neuen Protagonisten – die beiden früheren Hauptakteure befinden sich ja mittlerweile im Großkritikerhimmel –, aber ansonsten, so war es zumindest angekündigt, sollte alles unverändert bleiben. Doch die erste große Enttäuschung stellt sich am späten Freitagabend bereits nach wenigen Sekunden ein: Die fulminante Titelmusik aus dem letzten Satz des Streichquartetts Nr. 9 C-Dur op. 59 Nr. 3 von Ludwig van Beethoven – einfach weggelassen! Das ist doch nicht zu fassen! Schon kurz darauf ist man jedoch gleich wieder etwas besänftigt, als Maxim Biller sich mit seiner ersten Buchvorstellung ins Zeug legt und anschließend scharfe verbale Pfeile in alle Richtungen abfeuert. Das Buch „Der dunkle Fluss“ des afrikanischen Autors Chigozie Obioma ist für ihn das bedeutendste Werk des vergangenen Jahrzehnts und nur mit Kafka zu vergleichen, hingegen sei „Fieber am Morgen“ von Peter Gardos „Holocaust-Kitsch“ und Illja Trojanow „überhaupt kein Schriftsteller“. Maxim Billers Urteile sind entschieden, einseitig und ungerecht. Kurz, er ist die Idealbesetzung für diese Sendung. Da lassen sich dann auch seine ständigen Mitdiskutanten nicht lumpen: Für Christine Westermann ist die Übersetzung von „Der dunkle Fluss“ ins Deutsche eine einzige Katastrophe (was aber niemandem sonst in der Runde aufgefallen ist), bei „Träumen“ von Karl Ove Knausgard hat sie sich auf den mehr als 800 Seiten schrecklich gelangweilt (während Maxim Biller hier eine große poetische Dichte ausgemacht hat). Volker Weidemann bezeichnet „Macht und Widerstand“ von Illja Trojanow als „ein schreckliches Buch“, was wiederum den Gast dieses Abends, Juli Zeh, sehr erbost, die sich für ihren Freund und Kampagnenmitstreiter Trojanow energisch in die Bresche wirft. Überhaupt Juli Zeh, man sollte sie dauerhaft in der Sendung belassen! Die promovierte Einserjuristin, die ein unsicheres Leben als Schriftstellerin einer glänzenden juristischen Karriere vorgezogen hat, hatte lange mit dem Image der neunmalklugen Streberin zu kämpfen. Ihre ersten Romane waren unter Kritikern, um es vorsichtig zu sagen, umstritten. Ihre Bemühungen, sich mit politischen Aktionen als eine öffentliche Intellektuelle in der Tradition von Heinrich Böll und Günter Grass zu stilisieren, wurden vielerorts belächelt. Und doch, sie hat gekämpft, sie hat sich durchgebissen. Was sie sagt, hat mittlerweile durchweg Hand und Fuß. Mit nunmehr 41 Jahren und nach etlichen Einsätzen in Sloterdijks Philosophischem Quartett wirkt sie in den Altherrenrunden auch nicht mehr so naseweis wie früher, sondern regelrecht reflektiert. Und wer das Blitzen in ihren Augen gesehen hat, als sie als einzige im Quartett ganz entschieden das Trojanow-Buch verteidigte, der konnte sie sogar ins Herz schließen… Summa summarum: Diese Sendung war kurzweilig, vielsagend und sehenswert. Nur sollte man den Akteuren doch wenigstens eine Viertelstunde mehr Zeit einräumen, damit sie nicht so hektisch von einem Buch zum nächsten springen müssen. Damals ging die Sendung doch auch länger als 45 Minuten! Was ihr heute allerdings fehlt, dürfte niemanden überraschen: klar, ein Literaturpapst, der am Ende der Streitereien mit seiner natürlichen Autorität verbindlich feststellt, ob ein Buch denn nun gut oder schlecht ist. So, wie es jetzt ist, bleibt man als Zuschauer leider in einem Zustand, den Ranicki zwar seinerzeit oft im Munde führte, der sich nun aber erst ohne ihn eingestellt hat: Man sieht betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen!
www.justament.de, 22.6.2015: Mit 70 im Berghain
Peter Schneiders Berlin-Buch „An der Schönheit kann’s nicht liegen“ ist eine Liebeserklärung an seine Wahlheimat
Thomas Claer
Nein, als Schönheit im eigentlichen Sinne kann man unsere Kapitale nun wirklich nicht bezeichnen. „Berlin ist das Aschenputtel unter Europas Hauptstädten“, heißt es in Peter Schneiders vor kurzem erschienenen „Porträt einer unfertigen Stadt“, „und doch will jeder dorthin.“ „Wenn ich in New York, Tel Aviv oder Rom auf die Frage eines Einheimischen, woher ich komme, den Namen Berlin ausspreche, tritt unversehens Neugier, ja Begeisterung in die Augen des Fragenden.“ Und immer wieder aufs Neue, soviel steht fest, kann sich auch der Autor dieses Buches für seine Stadt begeistern, in der er seit mehr als einem halben Jahrhundert lebt und deren besonderer Magie er nun auf den Grund zu gehen verspricht.
In jungen Jahren gehörte Peter Schneider, Jahrgang 1940, als charismatischer Sprecher der Westberliner Studenten zu den Galionsfiguren der 68er Bewegung, gleich nach Rudi Dutschke sozusagen. Anschließend – nach ausgedehntem Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie – wollte er eigentlich Lehrer werden, doch als Referendar erteilte man ihm 1973 wegen angeblicher linksradikaler Umtriebe Berufsverbot. Wie das damals, in jenen wilden Zeiten, eben so war … Stattdessen veröffentlichte Schneider die von Georg Büchner inspirierte Erzählung „Lenz“, die unversehens zum Kultbuch seiner Generation wurde. Und so kam es also, dass Peter Schneider hauptberuflich Schriftsteller geworden ist. Sein „Lebensthema“, wie er selbst sagt, hat er dabei vor allem in seiner Wahlheimatstadt Berlin gefunden. Es begann mit der Erzählung „Der Mauerspringer“ (1982), in welcher Schneider den Begriff der „Mauer im Kopf“ prägte, der später zum geflügelten Wort werden sollte. Unter anderem gelangte er in diesem Werk zum prophetischen Befund, dass die „Mauer in den Köpfen“ wohl noch weitaus länger Bestand haben werde als jene aus Beton.
Nach der Wende befeuerte Peter Schneider dann mit seinen erfolgreichen Berlin-Romanen „Paarungen“ (1992) und „Eduards Heimkehr“ (1999) den literarischen Hauptstadt-Hype: Vor allem „Paarungen“, das damals auch im „Literarischen Quartett“ abgefeiert wurde, ist sehr gelungen und lässt sich, wenn man so will, als Charlottenburger Gegenstück zu Sven Regeners 80er Jahre-Kreuzberg-Roman „Herr Lehmann“ lesen. Der Held der Geschichte, Eduard Hoffmann, ein Molekularbiologe in den Vierzigern, trifft regelmäßig in einer Charlottenburger Intellektuellenkneipe seine Kumpels (darunter einen mit „Doppelpass“ versehenen Ostberliner Schriftsteller, für den wohl Heiner Müller Pate gestanden hat) und diskutiert mit ihnen ausgiebig sowohl die große Weltpolitik als auch private Frauengeschichten. Eduard ist nämlich seit drei Jahren mit seiner schönen Freundin liiert, die sich nun aber nachdrücklich ein Kind von ihm wünscht. Sein hedonistisch-libertäres Lotterleben gerät somit in Gefahr. Doch trotz Verzichts auf Verhütungsmaßnahmen will sich bei Eduards Freundin keine Schwangerschaft einstellen. Eduard lässt sich beim Urologen untersuchen und bekommt seine Zeugungsunfähigkeit aufgrund zu geringer Spermienzahl attestiert. Daraufhin sorglos geworden lässt sich Eduard parallel zu seiner Hauptbeziehung auf Affären mit gleich zwei anderen attraktiven Damen ein, darunter einer Italienerin, mit der er im Sommer die Schäferstündchen in einem abgelegenen Winkel direkt an der Mauer verbringt. Doch völlig überraschend werden beide Frauen kurz nacheinander von ihm schwanger. Grund für Eduards unerwartete Produktivität könnte, so seine Ärzte, der selten beobachtete Fall der „Spermienkonkurrenz“ sein, bei dem aufgrund der besonderen Wettbewerbssituation angesichts mehrerer Sexualpartner die eigentlich bereits fast zum Erliegen gekommene Spermienproduktion noch einmal hochgefahren wird. Eduard entscheidet sich schließlich nach diversen zwischenmenschlichen Dramen für eine seiner bisherigen Nebenfreundinnen und gründet mit ihr – worauf er eigentlich gar nicht so scharf war – eine Kleinfamilie. Die Hauptfreundin hat ohnehin längst das Weite gesucht, die andere Nebenfreundin treibt ab.
Die Fortsetzung der Geschichte ist dann der nach dem Mauerfall spielende Roman „Eduards Heimkehr“. Eduard kommt mit seiner Familie nach einigen Jahren in den USA zurück ins wiedervereinigte Berlin und erkennt seine Stadt kaum noch wieder. Überdies hat er ein Mietshaus in der Rigaer Straße in bester Friedrichshainer Szenelage geerbt, das jedoch von Autonomen besetzt ist. Sein Anwalt, der zugleich sein alter Kumpel ist, muss ihn, was die Hausräumung und die Generierung von Mieteinnahmen angeht, immer wieder vertrösten, doch räumt er Eduard angesichts des gewaltigen Potentials der Wohnlage Zahlungsaufschub in voller Höhe für seine Anwaltsrechnungen ein. Inkognito nimmt Eduard an einer Versammlung der autonomen Hausbesetzer teil und muss sich dabei eingestehen, dass er die schwarz gekleideten jungen Damen unter ihnen mit ihren Mund- und Nasenpiercings außerordentlich reizvoll findet. Ferner liest er auf einer S-Bahn-Fahrt in der BILD-Zeitung seines Sitznachbarn die Überschrift, dass Ost-Frauen einer wissenschaftlichen Studie gemäß angeblich häufiger als West-Frauen einen Orgasmus bekommen. Und Eduard beginnt, na was schon, eine Affäre mit einer Ost-Frau. Indessen klagt Eduards Frau darüber, dass sie schon seit Jahren keinen Orgasmus mehr erlebt habe. Sie kann dieses Ziel, so glaubt sie, nur noch beim Sex an extrem gefährlichen Orten aufgrund des damit verbundenen Nervenkitzels erreichen. Nach zahlreichen gescheiterten Versuchen an verschiedensten Plätzen erleben Eduard und seine Frau schließlich doch noch den erlösenden Moment in über hundert Metern Höhe auf einer Baustelle am Potsdamer Platz.
Auf einen weiteren Berlin-Roman von Peter Schneider haben wir seitdem allerdings vergeblich gewartet. Stattdessen präsentiert uns der Autor nun seine gesammelten Ansichten über Berlin in einem 330 Seiten starken Stadtporträt, das aus Essays, Berichten, Reportagen, historischen Betrachtungen und autobiographischen Schilderungen besteht. Es liest sich alles sehr gut. Manches überfliegt man nur, weil man es schon zur Genüge kennt (das ist dann mehr etwas für Berlin-Neulinge), anderes ist selbst für den langjährigen Berlin-Bewohner noch von großem Interesse. Als roter Faden zieht sich ein Zitat des großen Publizisten Wolf Jobst Siedler durch das Buch: „Sie werden sich immer wieder zwischen der Schönheit eines Ortes und seiner Lebendigkeit entscheiden müssen.“ Klar, Berlin ist in erster Linie lebendig. „In schönen, perfekt restaurierten und teuren Städten fühlt sich der junge Besucher ausgeschlossen.“ Doch „Berlin gibt jedem Ankömmling das Gefühl, dass er hier noch eine Lücke finden und etwas auf die Beine stellen kann. Es ist diese Eigenschaft Berlins, die die Stadt heute zur Hauptstadt der Kreativen aus aller Welt macht.“ Aber wie jeder weiß, ist gerade dieses Berliner Alleinstellungsmerkmal akut bedroht: „In zehn oder 15 Jahren wird Berlin so teuer sein wie New York oder London.“
Eine besondere Vorliebe hat der Autor für die Architektur, die Erotik und die Soziologie. So hat er die Ossis und Wessis in seinem Bekanntenkreis jahrelang sehr genau beobachtet und befragt und daraus eine plausible Theorie zur Erklärung der größeren Orgasmushäufigkeit bei den Ost-Frauen entwickelt: „Die DDR-Frau war berufstätig, ökonomisch unabhängig, selbstbewusst und scheidungsfreudig.“ Sie sah „ihren männlichen Partner nicht als einen Feind, sondern als einen Partner, der ihr ökonomisch wenig oder nichts voraushatte.“ Der Ost-Mann allerdings konnte sich im DDR-Alltag „nicht mit Privilegien schmücken, die ihm ein Machogehabe gestatteten. Mit Geld, schnellen Autos und einem Haus auf Ibizza konnte er nicht protzen. Er war auf seine eventuellen Begabungen als Liebhaber und auf seine Qualitäten als Vater und Partner angewiesen.“ Und daraus folgt: „Die DDR-Frau suchte nicht den zukünftigen Versorger, wenn sie einen fremden Mann auf einen Wein mit nach Hause nahm. Sie war auf einen guten Liebhaber aus und brach das Abenteuer alsbald wieder ab, wenn sie enttäuscht wurde.“
Bemerkenswert ist weiterhin, was Peter Schneider über die „Ost-West-Paarungen“ seit der Wende herausgefunden hat: „Die Paarung Ostfrau/Westmann ist siebenmal häufiger anzutreffen als die umgekehrte Konstellation.“ Das ist natürlich kein Wunder, denn die selbstbewussten Ostfrauen, denen die Idee völlig fremd ist, sich von einem Mann ökonomisch aushalten zu lassen, gefallen vielen Westmännern nun einmal besser als die oft verbissen feministischen, aber seltener berufstätigen Westfrauen. Dagegen legen die Ost-Männer laut Schneider tendenziell nur wenig Wert auf ihr Äußeres, trinken zu viel und duschen zu selten. Noch als Fünfzig- oder Sechzigjährige verdienen sie nicht gut, denn ihnen fehlt die Fähigkeit, ihre Talente auf dem Markt anzupreisen. Immerhin verrichten sie mehr Hausarbeit als die Westmänner, doch kommen sie nach den Maßstäben der Westfrauen alles in allem für diese kaum in Frage. „Dennoch hat der Ostmann eine Chance: Sie betrifft die alleinstehende und von der Männerwelt enttäuschte Westfrau, die sich nach endlosem und schließlich unheilbarem Streit von dem Ernährer ihrer Kinder getrennt hat. Der Ostmann bietet sich ihr in dieser Situation als guter Kamerad an, er tröstet sie. … Es macht ihm nichts aus, die Kinder der Westfrau morgens in die Schule zu bringen oder sie im Kinderwagen stundenlang durch den Park zu schieben. Solidaritätsgewohnt schließt er diese nicht selten krass verwöhnten Kinder in seine Zuneigung ein, macht mit ihnen Hausaufgaben und erweist sich als geduldiger Spielkamerad. Vorsichtig – und nur in Abwesenheit der Mutter – versucht er ihnen ein Minimum an Erziehung zukommen zu lassen. Nach langer und bestandener Probezeit öffnet ihm seine westliche Geliebte endlich die Tür zu ihrem Schlafzimmer.“
Als Kommentator des politischen Geschehens hat Peter Schneider seine revolutionären Anfänge selbstverständlich schon seit Jahrzehnten weit hinter sich gelassen. Wie auch viele andere „Renegaten“ seiner Generation legt er sich besonders vehement ins Zeug, wenn es darum geht, gutgemeinte linke und linksradikale Bestrebungen zu kritisieren. Doch tut er das glücklicherweise zumeist mit Augenmaß und viel gesundem Menschenverstand. Immer wieder warnt er vor zu viel politischer Korrektheit. Man solle doch bitte die Probleme zuerst einmal beim Namen nennen, um sie dann später hoffentlich irgendwann lösen zu können. So dürfe man weder vor dem in Ostdeutschland deutlich stärker als in Westdeutschland verbreiteten Rechtsextremismus die Augen verschließen noch vor der besonders hohen Kriminalität und Gewaltbereitschaft unter jungen männlichen religiösen Muslimen in europäischen Großstädten.
Zu bemängeln sind an diesem Buch allenfalls ein paar geringfügige Fehler und Ungenauigkeiten: So muss es z.B. „Rosenthaler Platz“ statt „Rosenheimer Platz“ heißen, und der Kissingenplatz, wo Schneiders Freund, der Dramatiker Heiner Müller, einst wohnte, liegt genau genommen nicht in Prenzlauer Berg, sondern schon im angrenzenden Pankow. Weiterhin nehmen die vielen kleinen Eitelkeiten des Autors hin und wieder doch etwas Überhand, etwa das ausufernde „Namedropping“, wenn es um die zahlreichen Freundschaften des Verfassers mit allen möglichen Prominenten geht. Und schließlich kann es sich der Autor auch nicht immer ganz verkneifen, seine offensichtlich ganz außerordentliche Wirkung auf Frauen zu erwähnen. Sogar im legendären Nachtclub „Berghain“, den er noch im Alter von ca. 70 Jahren aus Recherchegründen besucht hat (sicherheitshalber nicht ohne sich zuvor auf die Gästeliste setzen zu lassen, um nicht vom gefürchteten Türsteher abgewiesen zu werden), wird er, kaum dass er die Tanzfläche betreten hat, unversehens von einer etwa 30-jährigen Dame geküsst. Als Schneider dies später voller Stolz seinem erwachsenen Sohn berichtet, meint dieser, dass dies sicherlich an den dort von fast allen Besuchern exzessiv eingeworfenen Drogen gelegen habe, woraufhin der Autor aber entgegnet, dass Drogen doch nur Gefühle verstärkten, die ohnehin vorhanden seien…
Peter Schneider
An der Schönheit kann’s nicht liegen. Berlin – Porträt einer ewig unfertigen Stadt
Verlag Kiepenheuer & Witsch
330 Seiten, EUR 19,99
ISBN-10: 3462047442
www.justament.de, 1.6.2015: Leser, du bist ein Loser!
„Neue Aktienstrategien für Privatanleger. Auf dem Weg zur ersten Million“ von Beate Sander in 3. Auflage
Thomas Claer
Beate Sander ist so etwas wie die „große alte Dame“ der Börsenliteratur. Eine ganze Reihe von Büchern über das Geldanlegen hat die gelernte Realschullehrerin, die seit vielen Jahren auch Volkshochschulkurse zur Thematik anbietet, schon herausgebracht, darunter den Megabestseller „Der Börsenführerschein“, der sich mehr als 50.000-fach verkauft hat. Bei den hier zu besprechenden „Neuen Aktienstrategien für Privatanleger“ handelt es sich um ein sogenanntes Arbeits- und Vertiefungsbuch, das laut der Verfasserin vornehmlich als Ergänzung zum „Börsenführerschein“ gedacht ist, wobei allerdings nicht ganz klar wird, was denn im „Börsenführerschein“ noch großartig anderes stehen soll als in diesem Buch, das doch nun wirklich das ganze Spektrum des für Privatanleger relevanten Wissens rund um die Anlageform Aktie mehr als abdeckt. (Nein, ich habe kein weiteres Buch der Autorin außer diesem gelesen und habe es auch nicht vor, sodass ich mich im Folgenden nur auf dieses vorliegende Buch beziehen kann.)
Zunächst einmal muss man Beate Sander durchaus Respekt zollen: Sie hat sich als Autodidaktin mit viel Fleiß über viele Jahre in das Thema Geldanlage eingearbeitet, konnte ihre eingesetzten Mittel offenbar langfristig gut vermehren und gibt ihren Lesern ganz überwiegend sehr vernünftige Hinweise (denen ich zu etwa 90 Prozent zustimmen würde). Es gibt keine unfehlbare, immer gleichermaßen gut funktionierende Strategie an der Börse; es braucht Lernbereitschaft, Disziplin, Mut und kontrolliertes Handeln; man darf um Himmels willen niemals alles auf eine Karte setzen, sondern muss immer breit streuen, sowohl bei der Anzahl der Einzelwerte als auch bei den Kaufzeitpunkten; wer noch steuerfreie Altbestände von vor 2009 besitzt, sollte diese hüten wie seinen Augapfel; lieber selbst Verantwortung für sein Handeln übernehmen, als immer die Schuld bei anderen suchen; vor allem direkt nach einem Crash sollte man beherzt zugreifen; Aktienkäufe auf Pump müssen Tabu sein. Es ist ja alles richtig und gut und schön.
Auch der etwas reißerische Untertitel „Auf dem Weg zur ersten Million“ ist nicht das Problem. Denn anders als wohl die meisten glauben, ist ein solcher Betrag an der Börse auf lange Sicht auch für Normalverdiener und mitunter sogar für Geringverdiener keineswegs unerreichbar, sofern sie nur jahrzehntelang klug investieren und – das sagt Beate Sander in ihrem Buch allerdings nicht so ausdrücklich – wenig konsumieren (sonst steht nicht genug Geld zur Verfügung, das eingesetzt werden kann) und außerdem – auch das ist ganz entscheidend – früh mit dem Sparen und Investieren anfangen, denn nur dann kommt man in den vollen Genuss des achten Weltwunders, des Zinseszinseffektes.
In einigen wenigen Punkten bin ich anderer Meinung als Frau Sander. So halte ich ihre anfängliche Einteilung in unterschiedliche Anlegertypen für wenig glücklich, wonach Menschen, die bei Kursverlusten schlecht schlafen und sich zu sehr darüber aufregen, sich lieber von der Börse fernhalten sollten. Man versteht ja den Beweggrund der Autorin, dass sie nicht schuld sein will an menschlichen Dramen infolge verzockter Vermögen. Doch bliebe dann wirklich ein sehr großer Anteil der Bevölkerung dauerhaft von der Börse ausgeschlossen. Dabei lässt sich der Umgang mit Kursverlusten doch erlernen, nicht zuletzt durch die Einsicht in die grundlegenden Zusammenhänge. So wird ein erfahrener Investor bei Rückschlägen vielleicht sogar Freude darüber empfinden, dass er noch etwas billiger an seine geliebten Aktien kommen kann, und entsprechend nachkaufen, denn die nächste Hausse kommt bestimmt.
Weiterhin empfiehlt die Autorin generell eine „konsequente Verlustbegrenzung“, bei einem Minus von 25 Prozent sollte man die Reißleine ziehen (oder seine Stopp-Loss-Aufträge entsprechend platzieren), da es dann ja meistens auch noch weiter runter zu gehen drohe. Das mag bei ohnehin schon völlig überteuerten oder bei spekulativen Werten angebracht sein, deren Geschäftsmodell man selbst nicht ganz durchschaut und die man nur auf Verdacht gekauft hat. Wer aber wahre Value-Titel im Depot hat, der wird sie doch nicht verkaufen, wenn sie fallen, sondern der wird sie zu Schnäppchen-Preisen nachkaufen und so seinen Einstandskurs massiv verbilligen und seine Dividendenrendite steigern, meine ich. Und hierfür empfiehlt es sich, immer ein gewisses Cash-Polster zu haben. Frau Sander macht es anders. Sie ist meistens nahezu voll investiert (man könne es sich einfach nicht leisten, das Geld einfach nur so liegenzulassen) und verkauft in solchen Schwächephasen, um Liquidität für günstige Nachkäufe zu gewinnen, teilweise (aber niemals vollständig) ihre bisher am besten gelaufenen Werte. Das kann man natürlich so machen. Nur sehe ich hier das Problem, dass in Korrekturphasen in der Regel auch die bisherigen Gewinneraktien stark leiden und man sie dann auch deutlich unter ihren Höchstkursen (teilweise) verkaufen müsste. Sollten aber diese Werte eine große relative Stärke zeigen und deutlich weniger als der Gesamtmarkt verlieren, dann wäre das aus meiner Sicht erst recht ein Grund, sich nicht von ihnen zu trennen. Allerdings spricht für Frau Sanders Methode, dass man so eine zu starke Schlagseite im Depot zugunsten einzelner Werte vermeidet, deren Anteil am Gesamtbestand infolge ihrer womöglich exorbitanten Kurssteigerungen zu groß zu werden droht.
Außerdem wendet sich die Autorin immer wieder eindringlich gegen die bekannte Faustformel, wonach der Aktienanteil eines Anlegers bei 100 minus Lebensalter in Prozent liegen sollte. Diese Formel sei lebensfremd, da junge Menschen meistens zu wenig Geld für Aktieninvestments hätten, da sie ja z.B. eine Familie gründen und eine Immobilie erwerben müssten. Da ist natürlich etwas dran, und doch ist es allzu kleinbürgerlich gedacht. Wer sich, sagen wir, bis Mitte 30 beim Wohnen stark einschränkt (ein Wohnheim- oder WG-Zimmer oder eine spartanische Unterkunft im Problembezirk tut es doch auch), der hat, wenn es gut läuft, bis dahin schon so viel an der Börse verdient, dass es annähernd für die erste Eigentumswohnung reicht (wer Glück hat, kriegt dafür dann sogar noch einen Zuschuss von seinen Eltern). Und mit der künftig eingesparten Wohnungsmiete lässt sich das vorübergehend geplünderte Depot schon bald wieder so gut füllen, dass die langfristige Geldvermehrung in eine neue Phase eintreten kann. Fraglich ist aber natürlich, ob die eigene Finanzplanung auch gerade mit dem Auf und Ab an der Börse harmoniert. Ein gutes Timing ist hier sicherlich sehr anspruchsvoll und weitgehend auch Glückssache. Die Immobilienpreise spielen hierbei selbstverständlich ebenfalls eine große Rolle. Wer sich für seine Traumwohnung oder sein Traumhaus lebenslänglich verschulden muss, der ist für die Börse natürlich dauerhaft verloren (und hat außerdem bei seiner Geldanlage, was bekanntlich selten gut ist, alles auf eine Karte gesetzt). Über solche strategischen Fragen lässt sich trefflich streiten, und Beate Sanders Buch gibt hierzu eine Menge Anregungen.
Und doch gibt es so einiges, was mich mächtig stört an diesem Buch. Zunächst ist hier die schier unglaubliche Menge an (oftmals auch wortwörtlichen) Wiederholungen. Das hat gewiss auch seinen pädagogischen Effekt beim Leser, aber es sorgt vor allem dafür, dass das Buch unnötig und unangemessen in die Länge gezogen wird. Man fragt sich auch, ob fast neben jeder Seite ein großer Kasten stehen muss, der die Inhalte des laufenden Textes noch einmal stichpunktartig festhält. Warum nicht einfach die entscheidenden Signalwörter im Fließtext fett drucken? Alles in allem wäre also mindestens ein Drittel des Umfangs verzichtbar gewesen.
Auch der Aufbau des Werkes mit seinen zahlreichen Unterkapiteln ist nicht sehr überzeugend, zumal sich auch hier so einiges wiederholt. Eher an die Adresse des Lektorats geht der Einwand, dass es so manchen verunglückten Satzbau, fehlerhafte Angaben und auch verunglückte Formulierungen gibt. So behauptet die Autorin gleich zweimal, dass in Deutschland das „Durchschnittsalter“ bei etwa 80 Jahren“ liege (gemeint ist die durchschnittliche Lebenserwartung). Ebenfalls zweimal heißt es, dass es den DAX seit 1889 (statt 1989) gebe. An mehreren Stellen spricht die Verfasserin von dem „schon attraktiven“ Kursniveau einer Aktie, meint damit aber offensichtlich nicht, dass sie günstig wäre, sondern vielmehr, dass sie bereits ambitioniert bewertet ist.
Unter den stets in separaten Kästen abgedruckten Zitaten von Börsen-Autoritäten hat der Autorin das folgende vermutlich so gut gefallen, dass sie es gleich zweimal (S.28 und S.144) anführt: „Es ist oft produktiver, einen Tag lang über sein Geld nachzudenken, als einen ganzen Monat für sein Geld zu arbeiten.“ (Heinz Brestel) Aber geschenkt, das Zitat ist in der Tat großartig!
Was den Rezensenten aber wirklich verstimmt, ist der Umstand, dass Frau Sander, die eingangs noch die Regel aufgestellt hat, dass man nie mit seinen Erfolgen prahlen dürfe und an der Börse stets demütig bleiben solle, über viele, viele Seiten „nachprüfbare Original-Auszüge“ aus ihren Depots abdruckt (sie hält offensichtlich mehr als hundert Einzelwerte), aus denen hervorgeht, welche gewinnbringenden Transaktionen sie durchgeführt und welche immensen Buchgewinne sie durch ihr konsequentes Einsteigen nach dem Crash 2008/2009 erzielt hat. Angeblich tut sie das „zur Ermutigung“ ihrer Leser. Es entsteht aber ein etwas anderer Eindruck, nämlich der, dass sich die Autorin vor ihren Lesern produzieren will. Immer wieder stellt sie ihnen rhetorische Fragen wie: „Hand aufs Herz: Haben Sie diese riesige und einmalige Chance 2008/2009 genutzt? Haben Sie damals beherzt zugegriffen, als die Kurse am Boden lagen?“ Frau Sander hat es getan und wiederholt es unablässig, dass sie es getan hat. Ihren Lesern, den Privatanlegern, traut sie das offensichtlich nicht zu, denn immer wieder behauptet sie, dass die große Mehrheit der Privatanleger dauerhaft zu den Verlierern an der Börse zähle. Es gibt darüber schon aus Datenschutzgründen keine wirklich zuverlässigen Informationen, aber ich habe in den letzten Jahren häufiger von Untersuchungen gelesen, wonach in privaten Depots in Deutschland bei Höchstständen mehr Aktien verkauft und bei Tiefstständen mehr gekauft werden. Das Klischee vom ahnungslosen und vertrottelten Kleinanleger hat vielleicht zu Zeiten des Telekom-Aktien-Wahns und des Neuen Marktes gestimmt, ist aber inzwischen ganz sicher überholt. Mein Eindruck ist eher, dass es sich bei den heute noch verbliebenen Kleinaktionären um eine qualifizierte Minderheit handelt, die sehr genau weiß, was sie tut. (Auch wenn vielleicht eher die weniger erfolgreichen unter ihnen den Weg in die Börsenseminare von Frau Sander finden.)
Besonders ärgerlich ist aber Frau Sanders Einteilung der Anleger in „Gewinner“ und „Verlierer“, die sie bereits im Vorwort vornimmt. Für mich zumindest klingt es so, dass sie dies nicht nur rein technisch meint, sondern unterschwellig auch mit einem Werturteil verbindet, was dann schon ein etwas unschöner neoliberaler Machismo in seiner weiblichen Variante wäre. Okay, Beate, du hast den Längsten!
Beate Sander
Neue Aktienstrategien für Privatanleger. Auf dem Weg zur ersten Million
Finanzbuchverlag München, 3. Auflage 2015
350 Seiten, Hardcover, 24,99 €
ISBN 978-3-89879-7
Justament-Rezensent Thomas Claer ist Autor des Börsenbuches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“.
justament.de, 4.5.2015: Jedes Wesen folgt seiner Lust
Fifty Shades of Grey? Nein, nur der vierte Band von Marcel Prousts “Recherche”: “Sodom und Gomorra”
Thomas Claer
Die ersten drei Bände seines großen Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ hatte Marcel Proust (1871-1922) noch zu Lebzeiten herausbringen können, die restlichen vier hingegen wurden erst posthum veröffentlicht. Nach der Lektüre von „Sodom und Gomorra“, dem ersten „nachgelassenen“ und insgesamt vierten Band, ist der Justament-Rezensent nunmehr immerhin schon in Hälfte zwei dieses beispiellosen literarischen Monumentalwerks angekommen. Zwar sollte man sich besser nie zu weit aus dem Fenster lehnen, aber so viel Optimismus muss doch erlaubt sein: Wenn alles gut geht, werde ich die „Recherche“ zu Ende gelesen haben, noch bevor ich im Jahr 2022 das Sterbealter des “göttlichen Proust“ (Willi Winkler) erreicht habe, der genau hundert Jahre vor mir geboren wurde. Und wer weiß, vielleicht geht es sogar noch etwas schneller…
„Sodom und Gomorra“ also. Gemeint ist mit diesem biblischen Titel die schillernde Welt der Homosexualität, wobei der erste Begriff für deren männliche und der zweite für deren weibliche Variante steht. Ich muss zugeben, zu Beginn des Buches gewisse Befürchtungen gehegt zu haben, es könnte sich um einen expliziten Schwulen-Roman handeln, der einem als „gewöhnlichem“ Hetero-Mann vielleicht nicht viel zu sagen hat. Doch so, wie das Thema hier verhandelt wird, ist gewissermaßen unabhängig von allen diesbezüglichen Präferenzen für jeden etwas dabei. (Für jeden, muss man einschränkend sagen, der bereits bis zu diesem Punkt des Gesamtwerkes vorgedrungen ist.) Die Handlung setzt unmittelbar dort ein, wo „Die Welt der Guermantes“ geendet hatte. Marcel ist noch immer bei der „High Society“ eingeladen, d.h. bei der Prinzessin von Guermantes, und beobachtet zwischenzeitlich sehr genau eine in einem Treppenhaus stehende prächtige Orchidee. Weit hat diese ihre Blütenblätter geöffnet, in der Hoffnung, so interpretiert es zumindest Marcel, von einem Insekt bestäubt zu werden. Aber wie unwahrscheinlich ist es, dass in dieses enge Treppenhaus ein entsprechendes Insekt kommt? Marcel ist fast schon geneigt, die wunderbare Orchidee zu bedauern, da sieht er schließlich doch noch, wie eine Hummel sich der Blume nähert. Und aus dem Fenster des Treppenhauses beobachtet er, wie der ebenfalls bei der Prinzessin von Guermantes eingeladene Baron de Charlus, ein Bruder des Herzogs von Guermantes, auf den ihm bislang unbekannten Schneider Juppé trifft.
Charlus und die Schwulen
Monsieur de Charlus, der in den ersten Bänden nur kurz als Freund von Swann aufgetreten war, ist eine der Schlüsselgestalten dieses Buches. Er wird beschrieben als „ein seltsamer, geistreicher, geschminkter Mann von fünfzig Jahren, mit dem man von Chateaubriand und Balzac sprechen kann“. An anderer Stelle heißt es, er sei „ein dicker Mann mit grauem Haar, schwarzem Schnurrbart und rot pomadisierten Lippen“.
Charlus hat „drei Päpste in seiner Familie“ „und das Recht auf rotes Wappentuch von einem Titel her, der dem eines Kardinals entspricht“. Sein Standesdünkel geht noch über den seines Bruders, des Herzogs von Guermantes, hinaus: „Ich weiß, es steht einem nicht wohl an, von den Tugenden seiner Vorfahren zu sprechen. Aber es ist bekannt, dass die unseren immer in der Stunde der Gefahr vornan gewesen sind. … Daher ist es alles in allem ganz legitim, wenn das Recht, überall die ersten zu sein, das wir so viele Jahrhunderte lang im Krieg für uns in Anspruch genommen haben, uns später bei Hofe zuteil geworden ist.“ Später einmal lässt er im Salon von Madame Verdurin alle anderen Gäste spüren, wie glücklich sie sich nach seiner Meinung schätzen können, einen solchen Aristokraten wie ihn in ihrer Runde zu haben: „Es gibt eine gewisse Zahl von hervorragenden Familien, in erster Linie die Guermantes, die vierzehnmal mit dem Hause Frankreich alliiert sind, was schmeichelhaft vor allem für das Haus Frankreich ist, denn an Aldonce de Guermantes und nicht an Ludwig den Dicken, seinen leiblichen, aber nachgeborenen Bruder, hätte der Thron von Frankreich fallen müssen… Weit unter den Guermantes stehend sind immerhin zu erwähnen die La Trémoille, Nachkommen des Königs von Neapel und der Grafen von Poitiers, die Uzès, weniger alt als Familie, aber die ältesten Pairs, die Luynes, die ganz neu sind, aber den Glanz großer Verbindungen haben, die Choiseul, die Harcourt, die La Rochefoucauld. Nehmen sie dazu noch die Noailles trotz des Grafen von Toulouse, die Montesquiou, die Castellane, und wenn ich niemand vergessen habe, so ist damit Schluss. Was all diese kleinen Herren anbetrifft, die sich Marquis, die sich Cambremerde oder Papperlapapp nennen, so besteht kein Unterschied zwischen ihnen und dem letzten kleinen Rekruten Ihres Regiments.“
Doch hat dieser hochmütige Baron de Charlus einen wunden Punkt, seine sexuelle Ausrichtung, denn damals, im Fin de Siècle, sind die Invertierten, wie Proust sie nennt, noch „ein ausgestoßener Teil der menschlichen Gemeinschaft, doch ein bedeutender Teil“. „Es ist ein Geschlecht, auf dem ein Fluch liegt, ein Geschlecht, das in Lüge und Meineid leben muss, da es weiß, dass für sträflich und schmachvoll, für ganz uneingestehbar gilt, was sein höchstes Verlangen ist.“ Und sehr ausführlich beschreibt der Verfasser die Sorgen und Nöte der Homosexuellen jener Zeit, dieses „Freimaurertums der Neigung“: „Sicher bilden sie in allen Ländern eine … kultivierte, musikalische Kolonie, die bezaubernde Vorzüge und unerträgliche Fehler besitzt.“ Und später heißt es: „Es ist seit langem eine gewisse Anzahl engelhafter Frauen durch einen Irrtum der Natur dem männlichen Geschlecht zugeordnet, wo sie nun, gleichsam im Exil, vergebens den Männern zustreben, denen sie physischen Widerwillen einflößen.“ Laut Proust ist es nämlich tragischerweise so, dass Schwule allenfalls notgedrungen an anderen Schwulen Gefallen finden. „Ein Invertierter trachtet wesensmäßig nach der Liebe eines Mannes von der anderen Rasse, das heißt eines Mannes, der Frauen liebt (und infolgedessen ihn nicht lieben kann).“ Das wird der Homosexuelle Proust wohl selbst so erfahren haben. Und als Angehöriger gleich zweier angefeindeter Minderheiten lässt er seinen Erzähler später sagen: „Wie die Juden meiden sie einander und suchen statt dessen jene, die ihnen am meisten entgegengesetzt sind, doch nichts von ihnen wissen wollen, deren raue Ablehnung sie aber zu verzeihen bereit sind und an deren Entgegenkommen sie sich förmlich berauschen.“
Nicht ganz unwichtig ist nun aber der Umstand, dass der Baron de Charlus geradezu unvorstellbar reich ist, was ihm ermöglicht, seine Vorliebe für reizende junge Männer auf dem Wege der großzügigen finanziellen Belohnung vergleichsweise Minderbemittelter für deren entsprechende Gefälligkeiten auszuleben. Zur Vornahme solcher Anbahnungen steigt der Baron oftmals tagsüber in die Pariser Straßenbahn, wobei sein Hauptaugenmerk den jungen Schaffnern (natürlich in Uniform!) gilt. Doch die Erfolgsquote ist trotz der gleichsam unbegrenzten ihm zur Verfügung stehenden wirtschaftlichen Mittel bescheiden, so dass er sich häufig bereits mit dem zufrieden gibt, was er eine „Vereinigung durch Worte“ nennt. Das heißt, die jungen Männer werden allein für ihre angeregte Unterhaltung mit dem Baron fürstlich entlohnt.
Auf einer anderen Ebene spielt sich hingegen im Hinterhof des Anwesens der Prinzessin von Guermantes etwas ab, was Marcel zum ersten Mal in seinem Leben beobachtet. Zwei gleichgesinnte Männer, Monsieur de Charlus und der Schneider Juppé, erkennen einander nahezu auf den ersten Blick, „so wie die Orchidee der Hummel entgegenkommt“. Unter einem Vorwand ziehen sie sich in eine leere Baracke zurück und werden vom neugierigen Marcel, der ihnen gefolgt ist, heimlich bei ihrem Treiben beobachtet, „denn jedes Wesen folgt seinem Drang zur Lust“.
Im Salon der Prinzessin von Guermantes
Im Anschluss an dieses aufwühlende Erlebnis begibt sich Marcel wieder in die illustre Abendgesellschaft, und für den Leser beginnt eine harte Geduldsprobe, denn das ganz überwiegend leere Geschwätz dieser Aristokraten, das sich abermals über mehr als hundert Seiten am Stück hinzieht, ist nicht immer leicht zu ertragen. „Die Einfallslosigkeit spielt in der großen Gesellschaft eine noch größere Rolle als die Eitelkeit.“ Allerdings kommt Marcel bei aller Faszination, die für ihn nach wie vor von der Upper Class ausgeht, dieser doch allmählich auf die Schliche: „Ich begann, die genaue Nuance der gesprochenen, der stummen Sprache aristokratischer Liebenswürdigkeit zu erkennen, einer Liebenswürdigkeit, die sich darin gefiel, Balsam auf das Inferioritätsbewusstsein derer zu gießen, an die sie sich wendete, aber doch nicht so weit ging, es vollkommen zu zerstreuen, denn in diesem Fall hätte sie keine Daseinsberechtigung mehr gehabt.“
Erfreulicherweise hat dann doch noch einmal der bereits todkranke Swann einen Auftritt – und was für einen! Zunächst äußert sich noch in seiner Abwesenheit der Herzog von Guermantes über ihn: „Aber was Swann anbetrifft, kann ich ihnen ganz offen sagen, dass sein Verhalten mit Rücksicht auf uns unqualifizierbar ist. In der Gesellschaft von uns beiden, sogar vom Herzog von Chartres protegiert, soll er, wie ich jetzt höre, sich in aller Offenheit zu diesem Dreyfus bekennen. Niemals hätte ich das von einem Manne gedacht, der solch ein Kenner, ein positiver Geist, ein Sammler, ein Liebhaber alter Bücher, dazu Mitglied des ‚Jockey‘ ist, einem Mann, von allgemeiner Achtung getragen, im Besitz hervorragender Adressen, der uns den besten Portwein geschickt hat, den man trinken kann, einem Freund der Künste, einem Familienvater! Ah! Ich muss sagen, ich fühle mich wirklich betrogen. … Er hätte sich offen gegen die Juden und gegen die Parteigänger des Verurteilten erklären müssen.“
Später tritt Swann dann selbst in Erscheinung und setzt Marcel etwas umständlich seine ohnehin bekannte Position in der Dreyfus-Affäre auseinander. Da erblickt er die Marquise de Surgis, eine Dame in den Vierzigern mit zwei fast erwachsenen Töchtern in einem auffällig transparenten Kleid. „Swann konnte sich nicht enthalten, auf deren Ausschnitt mit weitaufgerissenen und begehrlichen Augen lange Kennerblicke zu werfen. Er setzte sogar sein Monokel auf, um besser sehen zu können, und während er zu mir sprach (so der Erzähler), warf er von Zeit zu Zeit einen erneuten Blick in die Richtung der Dame.“
Bald darauf werden Swann und Madame de Surgis einander vorgestellt: „Die Marquise kehrte sich um und wendete ein Lächeln und einen Händedruck an Swann, der sich erhoben hatte, um sie zu begrüßen. Doch fast ohne jede Verhüllung – vielleicht weil er bei seinem stark vorgeschrittenen Leben durch Gleichgültigkeit gegenüber der Meinung anderer die moralische Kraft oder durch Übersteigerung der Begehrlichkeit und ein Nachlassen der Fähigkeit, sie zu verbergen, das physische Vermögen dazu verloren hatte – ließ Swann, sobald er die Hand der Marquise ergriff und aus der Nähe, von oben herab ihres Busens ansichtig wurde, einen aufmerksamen, ernsthaft vertieften, ja beinahe besorgten Blick in ihren Taillenausschnitt hinabgleiten, und seine Nasenflügel, vom Duft der Frau berauscht, erbebten wie ein Falter, der sich auf der von weitem erspähten Blume niederzulassen gedenkt. Jäh riss er sich aus dem Schwindel zurück, der ihn erfasst hatte, und Madame de Surgis selbst erstickte, wenn auch befangen, ein tiefes Aufatmen, so ansteckend kann zuweilen physisches Begehren sein.“
Geld ist reichlich da / Briefe an die Damenwelt
In manchen Romanen und Geschichten fragt man sich, wie die Protagonisten eigentlich ihren Lebensunterhalt bestreiten, womit sie ihr Geld verdienen. Nicht so in der „Recherche“. Hier sind offensichtlich alle wichtigen Figuren so gutgestellt, dass sie ein ausschweifendes Leben ohne materielle Beschränkungen führen können. Die Dienerin Francoise sagt einmal zu Marcel: „Ach! Sie haben Glück, dass Sie sich Ihre Eltern unter den Reichen haben aussuchen dürfen; was wäre sonst aus Ihnen geworden, wo Sie doch so verschwenderisch sind?“ Die französische Oberschicht kennt nun einmal keine Geldsorgen. Nur, dass die Adligen ihre Vermögen über viele Generationen hinweg angehäuft haben (wobei ihnen wohl selbst die Revolution nichts anhaben konnte), während das neureiche Bürgertum durchaus noch berufstätig ist. Von Marcels Vater heißt es im Roman, dass er „Tag und Nacht arbeitete“. Doch die einzige Andeutung von elterlicher Kritik am Lebensstil ihres Sohnes ist eine spitze Bemerkung von Marcels Mutter, als diese mit Marcel ein weiteres Mal die Sommermonate im luxuriösen Badeort Balbec verbringt: „Meine Mutter sagte mir, dass ich damals doch wenigstens gelesen habe, ich solle das doch auch in Balbec tun, wenn ich schon nicht arbeitete.“
Marcels offizieller Berufswunsch ist unverändert Schriftsteller. Doch beschränkt sich seine schriftstellerische Tätigkeit nach wie vor auf die fleißige Korrespondenz mit ausgewählten jungen Damen, oft auch mit mehreren gleichzeitig. Das Briefwechseln dieser Art innewohnende Vergnügen schildert er wie folgt: „Man kann sich zu Beginn einer Freundschaft mit einer Frau, oder sogar wenn sie auf die Dauer zu etwas führen sollte, nicht von den ersten Briefen trennen, die man erhalten hat. Man möchte sie unaufhörlich bei sich haben wie Blumen, die man noch ganz frisch als Geschenk erhalten hat und die man unaufhörlich betrachten und ihren Duft man aus immer größerer Nähe genießen möchte. Der Satz, den man schon auswendig weiß, ist angenehm noch einmal nachzulesen, und bei denen, die man weniger wörtlich in Erinnerung hat, möchte man von neuem feststellen, in welchem Maße der eine oder andere Ausdruck von geheimer Zärtlichkeit zeugt. Hat sie geschrieben „Ihr lieber Brief?“ Es bedeutet dann eine kleine Enttäuschung bei allen süßen Gefühlen, in denen man sich wiegt und die vielleicht dadurch entstanden sind, dass man zu schnell gelesen hat und dass die Schrift der Briefpartnerin nicht allzu deutlich ist, wenn man feststellen muss, sie hat nicht „Ihr lieber Brief“ geschrieben, sondern „Als ich Ihren Brief erhielt“. Aber der Rest ist so liebevoll. Oh! Möchte einem der morgige Tag doch gleiche Blüten schenken! … Dann aber genügt das auf einmal nicht mehr, man möchte den geschriebenen Worten auch die Blicke, die Stimme gegenüberstellen. Man verabredet sich und findet, ohne dass jene sich vielleicht verändert hat, da wo man nach der Beschreibung, die einem gemacht wurde, oder nach der persönlichen Erinnerung die Fee Viviane zu finden glaubte, nur einen gestiefelten Kater vor. … Das Verlangen aber, das man nach einer Frau trägt, von der man geträumt hat, erfordert nicht unbedingt die Schönheit irgendeines ganz bestimmten Zuges. Diese Wünsche sind das Verlangen nach einem bestimmten Wesen, schwebend und unbeschreiblich wie Düfte…“
Balbec und Albertine
Marcel reist also mit seiner Mutter ein weiteres Mal nach Balbec, um dort einen ausgedehnten – nur halbherzig als Kur für den asthmatischen Sohn getarnten – Badeurlaub zu verbringen. Er selbst ist es gewesen, der unbedingt wieder nach Balbec wollte, doch keineswegs, um an die schönen Erlebnisse des vergangenen Jahres mit den jungen Mädchen (der „kleinen Schar“) und mit der damals für ihn noch so verlockenden Albertine anknüpfen zu wollen. Marcel ist zu diesem Zeitpunkt – angeblich – „keineswegs in Albertine verliebt“, wenngleich er sie regelmäßig trifft und man als Leser den Eindruck gewinnt, dass zwischen beiden durchaus „etwas läuft“. Das Verhältnis der beiden zueinander droht zur – wie man vor zwanzig Jahren gesagt hätte – „komplizierten Beziehungskiste“ zu werden… Nein, Marcel hat von seinem Kumpel, dem Marquis Robert de Saint-Loup, gehört, dass „die Jungfer der Baronin von Putbus“ in einem Bordell nahe Balbec zu haben sei, was bei Marcel, der bekanntlich eine besondere Schwäche für die Welt des Adels hat, wollüstige Phantasien auslöst, ohne dass er diese Person jemals zu Gesicht bekommen oder anderweitig ihre Bekanntschaft gemacht hätte. In Balbec ist dann aber von der Jungfer der Baronin von Putbus schon bald nicht mehr die Rede; sie ist dann doch nicht anwesend, und er hat sie nach kurzer Zeit vergessen.
Auch Albertine gelingt es, für sich einen erneuten Aufenthalt in Balbec, zeitgleich mit Marcel, zu organisieren. Sie reist mit ihrer Tante an, bei der sie dauerhaft lebt, da sie ihre Eltern schon in früher Kindheit verloren hat. Es ist offensichtlich, dass Albertine mittlerweile ein veritables Interesse an Marcel entwickelt hat, während er sie lediglich hinhält. Die Konstellation des Vorjahres hat sich also umgekehrt. Doch hat das natürlich seine Gründe. Schon bald merkt der Leser, dass an die Stelle des romantischen Zaubers in der Anfangsphase ihrer Beziehung längst eine Art allen emotionalen Verwirrungen übergeordnetes nüchternes Kalkül der Beteiligten getreten ist. Was sogar heute noch gilt, galt damals natürlich erst recht: Der Heiratsmarkt ist für Frauen attraktiver als der Arbeitsmarkt. Der äußerst wohlhabende Marcel wäre für die als relativ arm beschriebene Albertine, deren Tante „nur ein einziges Dienstmädchen hat“ (!), eine sehr gute Partie. Albertines Tante, so wird erzählt, würde eine Heirat der beiden wohl sehr begrüßen, während Marcels Mutter dies mit großer Skepsis sieht und ihrem Sohn ausdrücklich erklärt, dass es für ihn aber deutlich bessere Möglichkeiten der Eheschließung als die mit Albertine gäbe. Es hängt also alles an Marcel, und der wird angesichts seiner ihm zunehmend bewusst werdenden Machtfülle, er ist jetzt vermutlich etwa Mitte zwanzig, verständlicherweise arrogant, unverschämt und übermütig. Keine Sekunde hinterfragt er die Konstellation oder bildet gar ein kritisches Bewusstsein über die ihr zugrundeliegenden wirtschaftlichen Verhältnisse aus. Stattdessen hält er sich offensichtlich für unwiderstehlich und behandelt Albertine, die ihn nach ihrer Ankunft in Balbec gerne treffen würde, geradezu wie den letzten Dreck. (Es kommt ihm nicht in den Sinn, dass ohne sein ihm so selbstverständliches und stets reichlich fließendes Geld gewissermaßen kein weiblicher Hahn nach ihm krähen würde, solange er sich so benimmt, abgesehen vielleicht von der kleinen Minderheit von Frauen, denen so etwas gefällt. Denn welche attraktive junge Dame würde schon einem Schnösel nachlaufen, der sie erst lange in der Hotelhalle warten lässt und ihr dann übermittelt, er wünsche sie jetzt doch nicht zu sehen, da er gerade nicht in der Stimmung sei. Es sei denn, dieser Schnösel ist steinreich.) Und überhaupt wird Albertine ja nicht nur als schön, sondern auch als durchaus klug beschrieben: „Man konnte sich nur über die Sicherheit des Geschmacks wundern, den sie in der Architektur bereits entwickelte“, allerdings „im Gegensatz zu dem jammervollen, den sie in der Musik besaß.“
Ein anderer Umstand, der im Roman mehrfach angesprochen wird und nicht mit Marcels gerade beschriebenem Übermut verwechselt werden darf, ist die Erfahrung, dass es in der Liebe meistens nicht ratsam ist, seine Gefühle zu deutlich zu zeigen und zu leicht verfügbar zu sein, da dies häufig eine relative Abkühlung auf der anderen Seite zur Folge hat, die sich ihrer Sache dann allzu sicher glaubt und einen zu leichten Sieg wittert: „Bestimmt sind die Reize einer Person weniger häufig ein Anlass zur Liebe als etwa ein Satz wie der folgende: ‚Nein, heute Abend bin ich nicht frei.‘“
Doch erwacht Marcels Interesse für Albertine nach einiger Zeit plötzlich und sehr lebhaft aufs Neue, als er auf einer abendlichen Tanzveranstaltung auf den ihm bereits aus den Pariser Salons gut bekannten Arzt Dr. Cottard trifft, welcher den gemeinsamen engen Tanz von Albertine und ihrer Freundin Andrée angeblich „von dem speziellen Gesichtspunkt des Mediziners“ ansieht und kommentiert: „Da sehen Sie, passen Sie auf, setzte er hinzu, indem er auf Albertine und Andrée wies, die langsam, dicht aneinandergepresst vorübertanzten, ich habe meinen Kneifer vergessen und sehe nicht sehr gut, aber bestimmt befinden sich die beiden jetzt auf der Höhe des Genusses. Es ist nicht genügend bekannt, dass die Empfindung bei Frauen vor allem durch die Brüste geht. Sie sehen ja, wie vollkommen beide sich mit ihren berühren.“ Und Marcel muss sich eingestehen: „Tatsächlich fand eine unaufhörliche leise Reibung zwischen denen Andrées und Albertines statt … Ich hatte gesehen, wie Andrée mit einer der anmutigen Bewegungen, die ihr eigen waren, schmeichelnd ihren Kopf an Albertines Schulter lehnte und sie mit halbgeschlossenen Augen in die Beugung des Halses küsste…“
Fortan hält Marcel Albertine für lesbisch, was ihn aber nicht, wie nun mancher vielleicht denken könnte, sexuell erregt, sondern vielmehr rasend eifersüchtig macht. Und diese manische Eifersucht wiederum ist es, die seine Liebe befeuert. Er trifft die darüber hocherfreute Albertine nun täglich, unternimmt mit ihr zahlreiche Ausflüge in die Umgebung und beobachtet sie dabei auf Schritt und Tritt hinsichtlich ihres Verhältnisses zu anderen Frauen. „Was Albertine anbelangt, so kann ich nicht sagen, dass sie im Kasino oder am Strand irgendeinem jungen Mädchen gegenüber allzu freie Sitten an den Tag gelegt hätte; eher stellte ich übertriebene undurchdringliche Kühle bei ihr fest, die mir weniger wie ein Zeichen guter Erziehung als vielmehr wie eine List erschien, die den Zweck verfolgte, den Argwohn zu zerstreuen.“ Irgendwann stellt er Albertine zur Rede, woraufhin diese Marcels Verdacht weit von sich weist und sogar ausdrücklich ihren unbedingten Abscheu gegenüber der lesbischen Liebe betont. Schließlich bringt er die Ambivalenz seiner Empfindungen für Albertine so auf den Punkt: „Es liegt … im Charakter der Liebe, dass sie uns gleichzeitig misstrauischer und leichtgläubiger macht, uns dazu bringt, leichter als jede andere die Geliebte zu beargwöhnen, ihren Beteuerungen aber auch desto bereitwilliger Glauben zu schenken. … Dann aber kann auch das Wesen, das wir lieben, in so vielfältiger Gestalt es uns erscheinen mag, auf alle Fälle zwei wesentliche Persönlichkeiten für uns darstellen, je nachdem ob es uns als ein uns zugehöriges erscheint oder als eines, das seine Wünsche auf jemand anderen richtet als auf uns. Die erste dieser Persönlichkeiten besitzt das besondere Vermögen, das uns daran hindert, an die Wirklichkeit jener zweiten zu glauben…“
Einmal treffen Albertine und Marcel auf dessen alten Freund Saint-Loup, welcher Marcel unter vier Augen seine Verwunderung darüber zum Ausdruck bringt, dass er und Albertine sich küssten, denn vor einem Jahr hätte Marcel ihm doch voller Überzeugung gesagt, „mit Albertine sei nichts anzufangen, sie sei die Tugend selbst“… Da aber bei diesem Treffen Saint-Loup und Albertine heftig miteinander flirten, ist Marcel, dem das keineswegs gefällt, immerhin insofern beruhigt, als er nun annimmt, dass Albertine wohl anscheinend doch keine „Bewohnerin von Gomorra“ sei. Später kommentiert er das mit den Worten: „Ich besaß die Naivität aller Leute, die des Glaubens sind, eine Art von Neigung schließe notwendig die andere aus.“
Besonders großen Gefallen findet Albertine am gehobenen Lebensstil, den sie nun mit Marcel teilt. Geradezu begeistert ist sie, als Marcel zur besseren Beweglichkeit auf den Ausflügen fortan ein Automobil mit Chauffeur bestellt. Als dieses einmal nicht fährt und sie wieder mit einer Kutsche vorlieb nehmen müssen, ruft Albertine enttäuscht: „Was für ein Rumpelkasten!“ Doch ist auch Marcel dem neuen Fortbewegungsmittel zugetan, wobei er jedoch differenziert: „Dem Automobil hält kein Geheimnis stand… Es mag so aussehen, als ob meine Liebe zu den fabelhaften Fahrten mit der Eisenbahn mich hindern müssen, das bewundernde Staunen Albertines dem Automobil gegenüber zu teilen, welches sogar einen Kranken dorthin fährt, wo er hin will, und verhindert, die Lage eines Ortes – wie ich es bisher getan hatte – als ein individuelles Merkmal, die unersetzliche Essenz seiner unverrückbaren Schönheiten zu betrachten. … Nein, das Automobil führte uns nicht in so märchenhafter Weise in eine Stadt, die wir zunächst nur in dem Bild ihres Namens verdichtet und mit den Illusionen des Theaterbesuchers im Zuschauerraum erblicken. Es trug uns unmittelbar in die Kulissen der Straßen hinein und blieb stehen, wenn man von einem Einwohner eine Auskunft brauchte. Aber die Kompensation für so ein geheimnisloses Eindringen bilden auf der anderen Seite die tastenden Berührungen sogar des Chauffeurs, der seines Weges nicht sicher ist, und manchmal wieder umkehren muss, wie auch die wechselseitige Verschiebung der Perspektive beim Näherkommen…; so kommt es, dass das Automobil die individuelle Lage an einem einzigartigen Punkt zwar des Geheimnisses entkleidet zu haben scheint, das ihr zur Zeit der Expresszüge anhaftete, uns andererseits aber den Eindruck schenkt, sie erst selbst zu entdecken und wie mit dem Kompass zu bestimmen, und uns dazu verhilft, mit verliebt sich vortastender Hand und in feinster Präzision der wahren Geometrie, dem schönen Maß der Erde nachzuspüren.“ So hat wohl noch niemand sonst das Autofahren beschrieben…
Im Salon der Madame de Verdurin / Baron de Charlus wird ausgenommen
Doch ist Marcel in Balbec nicht nur mit Albertine unterwegs. Viele vornehme Herrschaften aus Paris, die er von seinen dortigen Salonbesuchen kennt, verbringen ebenfalls die Sommermonate in dem mondänen Badeort. Und weil die feine Gesellschaft sich sonst langweilen würde, blüht die Salonkultur also auch in Balbec, namentlich bei Madame Verdurin. Marcel ist natürlich regelmäßig mit von der Partie, und alle freuen sich, als er auch Albertine in die Runde einführt, die er dort etwas schamhaft als seine Cousine ausgibt. Albertine ist es im Kreise der Großbürger und Aristokraten auch gar nicht langweilig, sondern sie freut sich, die schönen teuren Kleider, die ihr Marcel ständig kauft, dort präsentieren zu können.
Überhaupt finden es die jungen Leute zu dieser Zeit offensichtlich alle gut und richtig, ein Teil der Welt der Erwachsenen zu sein. Niemand von ihnen würde auf die Idee kommen, sich von diesen abzugrenzen, etwas abweichendes Eigenes darstellen zu wollen. Gedanken an etwas wie Jugendbewegungen oder Subkulturen sind ihnen vollkommen fremd. Aber wenn nicht alles täuscht, bewegen wir uns ja auch gegenwärtig wieder genau in diese Richtung. So werden heute z.B. Metal- oder auch Lady Gaga-Konzerte gemeinsam von Großeltern, Eltern und Kindern besucht, und Eltern und Großeltern wirken mit vereinten Kräften an den Seminararbeiten ihrer studierenden Kinder und Enkel mit („Wir schreiben jetzt deine Hausarbeit.“) All das hätte sich noch vor zwanzig Jahren kein Mensch vorstellen können!
Aber zurück zum Salon von Madame Verdurin: Besonders gefällt es Albertine, wenn der eingangs beschriebene und auch in Balbec anwesende Monsieur de Charlus, der auch ein großer Modekenner ist, sich für ihre Kleidung interessiert. Besitzt Albertines Geschmack zunächst „sehr viel Sinn für maßvolle Nüchternheit“, so experimentiert sie mit der Zeit auch ein wenig mit ausgefalleneren und bunteren Stoffen, was den Beifall des Barons de Charlus findet: „Nur Frauen, die sich nicht anzuziehen verstehen, fürchten die Farben… Man kann bunt sein, ohne vulgär zu wirken.“ Allerdings gibt der Erzähler – an anderer Stelle – auch zu bedenken: „Fast alle Frauen bilden sich ein, ein Kompliment, das man ihnen macht, sei unbedingt der Ausdruck der Wahrheit und stelle ein Urteil dar, das man unparteiisch fällt und weil man einfach nicht anders kann, als handle es sich um einen Kunstgegenstand ohne Beziehung auf eine Person.“
Doch befindet sich Baron de Charlus in einer traurigen Lage. Er hat sich unsterblich in den jungen Musiker im Salon der Madame Verdurin verliebt, der zur Erbauung der vornehmen Gesellschaft auf seiner Geige stets ein breites Repertoire an klassischen Stücken zum Besten gibt. Die Gegenliebe des jungen Mannes geht, was wenig überraschend ist, aber nur so weit, dass der Baron als Gegenleistung für gemeinsam verbrachte Stunden immer neue und immer höhere Geldbeträge aufbringen muss, die der Musiker angeblich gerade dringend benötigt, denn „derjenige, welcher liebt“, ist „gezwungen, immer von neuem einen Versuch zu machen und sein Gebot dauernd zu erhöhen“. „Eine sinnlose gewaltige Macht stellen die Strömungen der Leidenschaft dar, von welchen der Liebende, wie jemand, der im Wasser treibend fortgerissen wird, ohne es zu bemerken, sehr bald den festen Boden unter den Füßen verliert. Zweifellos kann auch die Liebe eines Mannes, wenn der Liebende sich mit Hilfe der Erfindungsgabe, kraft deren nacheinander seine Wünsche, seine Sehnsüchte, seine Enttäuschungen, seine Pläne einen ganzen Roman um eine Frau her schaffen, die er gar nicht kennt, eine bemerkenswerte Abweichung der Magnetnadel auf dem Kompass bewerkstelligen. Doch wird diese Abweichung noch ganz erheblich vergrößert durch den Charakter einer nicht allgemein geteilten Leidenschaft…“
Es kommt so weit, dass der junge Musiker sich vor anderen über den einfältigen Baron mokiert. „Zweifellos ist es … ein allgemeines Gesetz, … dass uns ein Wesen, das wir selbst nicht lieben, welches aber uns liebt, unerträglich erscheint. Einem solchen Wesen, einer solchen Frau, von der wir auch nicht etwa sagen, dass sie uns liebt, sondern dass sie sich an uns hängt, ziehen wir dann die Gesellschaft jeder beliebigen anderen vor, auch wenn sie weder deren Charme, noch ihre angenehmen Umgangsformen, noch ihren Geist besitzt. Sie selbst wird ihn in unseren Augen erst wieder erlangen, wenn sie uns einmal nicht mehr liebt.“ Dabei ist Monsieur de Charlus, der den unglücklich geliebten Musiker mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit behandelt, ansonsten alles andere als ein netter, umgänglicher Mensch. Er behandelt so ziemlich alle und jeden anderen mit unfreundlicher spöttischer Herablassung. „Innerhalb der Menschheit besteht die Regel, von der es natürlich viele Ausnahmen gibt, darin, dass die harten Menschen Schwache sind, die keine Gegenliebe gefunden haben, und nur die Starken, da sie sich keine Gedanken darüber machen, ob man sie mag oder nicht, jene Sanftmut aufbringen, die der gemeine Mann für Schwäche hält.“
Showdown: Heirat mit Albertine
Marcel und Albertine erleben also in Balbec eine berauschende Zeit in geteilter Zweisamkeit, wobei man unterstellen darf, dass sie den damaligen bürgerlichen Konventionen doch so entsprochen haben, dass es zwischen ihnen noch nicht zur völligen finalen Erfüllung ihrer fleischlichen Lüste gekommen ist. (Es versteht sich natürlich von selbst, dass gerade dieser Zustand eine permanente Erotisierung mit sich bringt.) So schwebt über allem die Frage einer künftigen Heirat. „Mein ganzer Seelenzustand, die Zukunft meiner Existenz hatte vor mir die allegorische und schicksalhafte Gestalt eines jungen Mädchens angenommen.“ Doch Marcel ist sich der Tragweite einer solchen Entscheidung wohl bewusst. Es kommt zu den üblichen Aufs und Abs im Verhältnis zwischen den beiden Liebenden, zum „rhythmischen Schwanken zwischen Liebeserklärung und Bruch“, zu den „entgegengesetzten Bewegungen der Liebe“. Zum Ende des Romans hin ist Marcel in seinem Übermut zwischenzeitlich schon so weit, dass er Albertines „überdrüssig wird“, mit ihr Schluss machen und stattdessen mit ihrer Freundin Andrée etwas anfangen will, die ihm ja auch immer wieder schöne Augen gemacht hat (und Marcel war ja auch eigentlich in die ganze „kleine Schar“ verliebt), aber dabei – „um frei zu bleiben, sie nicht zu heiraten, wenn ich nicht wollte“ – nicht aufs Ganze zu gehen gedenkt. „Ich lächelte in mich hinein, wenn ich an dies Gespräch dachte, denn auf diese Weise würde ich in Andrée die Täuschung erwecken, dass ich sie nicht wirklich liebte; so würde sie meiner nicht müde werden, ich aber könnte vergnügt und in aller Ruhe mich ihrer Zärtlichkeit freuen.“ Marcel ist also gedanklich schon auf dem Weg, sozusagen ein Casanova zu werden.
Doch am entscheidenden Abend, als Marcel sich von Albertine trennen will, erzählt diese ihm ganz beiläufig davon, dass sie bald mit einer Bekannten in den Urlaub fahren möchte, von der Marcel aus angeblich sicherer Quelle weiß, dass sie der lesbischen Liebe zugeneigt ist. Augenblicklich erwacht in ihm wieder seine ungeheure Eifersucht – „die Überschärfe der Sinne bringt eingebildete Leiden hervor“: „Sie verursachte mir, als sie sich von mir trennte, einen derartigen Schmerz, dass ich nach ihr griff und sie verzweifelt am Arm zog.“ Fortan ist für Marcel mit den Qualen der Eifersucht auch seine Liebe zu Albertine wieder entflammt, und zwar in jeweils bisher ungekanntem Ausmaß. „Oft liegt es nur an einem Mangel schöpferischer Phantasie, dass man in seinen Leiden immer noch nicht weit genug geht…“ Damit sind für ihn die Würfel gefallen: „Ich spürte, dass der Tag, der gleich anbrechen sollte, und alle darauffolgenden Tage mir niemals mehr die Hoffnung auf ein unbekanntes Glück bringen würden, sondern nur die Fortdauer meiner Qual.“ Wobei die Qualen der Eifersucht für Marcel ganz offensichtlich auch eine verborgene lustvolle Seite haben: „Jede Regung der Eifersucht stellt etwas Besonderes dar und trägt den Stempel eines bestimmten Wesens, durch das sie geweckt worden ist.“ Und er erklärt sich diese Verkettung von Eifersucht und Liebe so: „Welch trügerischer Sinn ist das Gesicht! Ein menschlicher Körper scheint uns, selbst wenn er geliebt wird wie der Albertines, ein paar Meter oder Zentimeter von uns entfernt zu sein, nicht anders aber ist es mit der Seele, die in diesem Körper wohnt. Nur wenn ihre Stellung zu uns durch irgendetwas gewaltsam verändert und dadurch deutlicher spürbar wird, dass sie andere liebt und nicht uns, fühlen wir an den Schlägen unseres haltlos gewordenen Herzens, dass die, die wir lieben, nicht ein paar Schritte von uns entfernt, sondern in uns lebt.“ Am nächsten Morgen erklärt Marcel seiner Mutter: „Wir wollen es gleich als entschieden betrachten, weil ich mir jetzt darüber klar bin, weil ich mich nicht mehr ändern werde und weil ich auf andere Weise nicht leben kann: Ich heirate Albertine.“
Die Stimme aus dem Off weiß hierzu zu sagen: „Man wäre für immer von jeder Romantik geheilt, wenn man in Ansehung derjenigen, die man liebt, bereits der Mensch zu sein versuchte, der man sein wird, wenn man nicht mehr liebt.“
Das unbeständige Ich in der Zeit
Begleitet wird Marcels Entscheidung von seinen Reflexionen über das, was mit ihm und in ihm in den vergangenen Monaten und Jahren passiert ist und künftig noch passieren wird: „Ich wurde mir der Wandlungen meines eigenen Inneren bewusst, indem ich sie an der steten Gleichheit der mich umgebenden Dinge maß. An diese gewöhnt man sich, wie man sich an Personen gewöhnt, und wenn man sich plötzlich darüber klar wird, dass sie früher eine so ganz andere Bedeutung in sich trugen, dann scheint, nachdem sie jetzt jede Bedeutung verloren haben, die völlige Verschiedenheit der damals ihren Rahmen bildenden Umstände von den heutigen, die Mannigfaltigkeit der Szenen, die sich unter der gleichen Zimmerdecke zwischen den gleichen Bücherregalen mit ihren Glasscheiben abgespielt haben, scheint die Wandlung in Herz und Leben, welche in dieser Vielheit sichtbar wird, durch die unbewegliche Dauer der Dekoration noch vergrößert und durch die Einheit des Ortes verstärkt.“
Und es wird noch viel grundsätzlicher: „Immer hat unsere seelische Ganzheit nur einen beinahe fiktiven Wert trotz der umfangreichen Bilanz ihrer Reichtümer, denn bald stehen die einen, bald die anderen nicht zu unserer Verfügung, und zwar die effektiven Schätze ebensowenig wie die der Einbildungskraft… Denn mit den Störungen des Gedächtnisses ist eine Intermittenz, ein Versagen auch des Herzens verbunden. … Wenn die Güter unseres Inneren uns bleiben, so die meiste Zeit in einem unbekannten Bereich, in dem sie ohne Nutzen für uns sind und wo sogar die allervertrautesten von Erinnerungen einer anderen Ordnung zurückgedrängt werden, die jede Gleichzeitigkeit mit jenen in unserem Bewusstsein ausschließen…Die Bilder, welche die Erinnerung auswählt, sind ebenso willkürlich, ebenso enggefasst, ebenso ungreifbar wie die, welche die Einbildungskraft gestattet und die Wirklichkeit dann zerschlagen hat. Es besteht kein Grund, weshalb ein wirklicher Ort außerhalb von uns mehr Bilder der Erinnerung als des Traums in sich enthalten soll.“
Schon mancher wird sich irgendwann einmal die Frage gestellt haben, ob er gegenwärtig überhaupt noch etwas mit jener Person anfangen könnte, die er vor zehn oder zwanzig Jahren gewesen ist. Bei Proust aber resultiert aus dieser Überlegung sogar eine Absage an jede Vorstellung von Unsterblichkeit, da unser Ich ohnehin schon zu Lebzeiten tausende Tode stirbt. „Wir wünschen uns leidenschaftlich, es möchte ein anderes Leben geben, in dem wir dieselben bleiben, die wir hienieden gewesen sind. Aber wir bedenken nicht, dass wir, sogar ohne erst auf ein anderes Leben zu warten, schon in diesem hier nach einigen Jahren dem untreu werden, was wir gewesen sind und was wir selbst in der Unsterblichkeit noch wiederfinden wollten. Doch selbst wenn wir nicht voraussetzen, dass der Tod uns stärker verändert als die Wandlungen, die sich im Laufe unseres Lebens vollziehen, würden wir uns in jenem anderen Sein, sobald wir dem Ich begegneten, das wir gewesen sind, von ihm abwenden wie von Personen, mit denen wir zwar befreundet waren, die wir aber längere Zeit nicht mehr gesehen haben… Man träumt viel vom Paradies, oder vielmehr von zahlreichen, wechselnden Paradiesen, doch alle diese sind schon lange, bevor man stirbt, verlorene Paradiese, in denen man sich selbst verloren fühlen würde.“
All dies findet seine Entsprechung natürlich auch im immer trügerischen Charakter der Liebe. Marcel stellt fest: „Im übrigen haben die Frauen, für die ich das meiste empfunden habe, sich niemals mit meiner Liebe im richtigen Gleichtakt befunden. … Wenn ich sie sah, sie hörte, fand ich nichts in ihnen, was meiner Liebe glich und sie erklären konnte. Dennoch war meine einzige Freude, sie zu sehen, meine einzige Beängstigung, auf sie warten zu müssen. Man hätte meinen können, eine Kraft, die eigentlich in keiner Beziehung zu ihnen stand, sei ihnen von der Natur nachträglich hinzugesetzt worden, diese Kraft aber habe, der Elektrizität verwandt, die Wirkung auf mich gehabt, in mir Liebe zu entzünden, das heißt mein ganzes Handeln zu leiten und Ursache meiner Leiden zu sein. Etwas völlig anderes aber war die Schönheit, der Geist, die Güte dieser Frauen…“
Und überhaupt gilt doch: „Wie wir den Orientierungssinn nicht besitzen, mit dem manche Vögel ausgestattet sind, fehlt uns auch der für Sichtbarkeit und Distanzen, da wir in unserer unmittelbaren Nähe auf interessierte Aufmerksamkeit bei Menschen rechnen, die im Gegenteil gar nicht an uns denken und keine Ahnung haben, wer wir sind, während wir zur gleichen Zeit für andere den einzigen Gegenstand ihres Interesses bilden.“
Marcel Proust
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 4:
Sodom und Gomorra
Deutsch von Eva Rechel-Mertens
737 Seiten
Suhrkamp Verlag
www.justament.de, 20.4.2015: Auf den Spuren der All-Mächtigen
Thomas Claer empfiehlt Spezial: Zum 80. Geburtstag von Erich v. Däniken
Hatte unser Planet schon vor langer Zeit Besuch von Außerirdischen? Waren die in unseren Religionen beschriebenen Götter in Wahrheit nur Astronauten aus den Tiefen des Alls, die mit Raumschiffen auf unserer Erde gelandet waren? Die hier aus den vorgefundenen intelligenten Affen in ihren mitgebrachten Laboren mittels Genmanipulation den modernen Menschen erzeugt und sich später wieder aus dem Staub gemacht hatten, aber nicht ohne den Menschen ihre Rückkehr in einer fernen Zukunft zu versprechen? Lange bevor ich zu Romanen oder philosophischen Büchern griff, hatte ich, es muss wohl so mit 15 angefangen haben, eine große Leidenschaft für Sachbücher. Und zu den großen Helden meiner Pubertät zählte neben Hoimar v. Ditfurth, Konrad Lorenz und Gerd v. Haßler vor allem er: Erich v. Däniken, der wissenschaftliche Autodidakt und millionenfache Bestsellerautor aus der Schweiz, der die obskure Prä-Astronautik-These in die Welt gesetzt hatte. Ganz entscheidend trug zu meiner damaligen Begeisterung für solche Lektüre bei, dass sie in der DDR (damals in den Achtzigern) als äußerst anrüchig galt und nur ganz schwer zu bekommen war. Nach offizieller Lesart war Däniken völlig unvereinbar mit einem marxistisch-leninistischen wissenschaftlichen Weltbild. Dennoch besaß ich seinerzeit die Chuzpe, die Bücher, die ich selbst nur von Bekannten meiner Eltern ausgeliehen hatte, die sie sich ihrerseits illegal durch dunkle Kanäle aus dem Westen verschafft hatten, noch an meine teils ganz linientreuen Lehrer weiter zu verleihen. Sie rissen sie mir förmlich aus den Händen. „Erinnerungen an die Zukunft“, Dänikens erstes Buch aus dem Jahr 1968, war der absolute Knaller. Hier entwickelt der Autor seine Theorie vor allem anhand einer originellen Neuinterpretation bestimmter Bibelstellen. Wer das gelesen hat, der zweifelt keine Sekunde mehr daran, dass der Prophet Hesekiel („Da tat sich der Himmel auf“) in Wirklichkeit die Landung eines Raumschiffs auf der Erde beschrieben hatte und in Kontakt zu einem Alien getreten war. Die ominöse Bundeslade, ein Kasten, aus dem „die Stimme des Herrn erklang“, wurde von Däniken als ein Lautsprecher gedeutet. (Nach heutigem technischen Wissensstand würde man vielleicht eher an einen Laptop mit Skype-Anwendung denken.) Jahre später, schon im Westen, als ich bereits volljährig war, hatte mich das Thema noch immer so ergriffen, dass ich Mitglied der von Däniken gegründeten „Ancient Astronaut Society“ (AAS) wurde (siehe nebenstehende Abbildung meiner Mitgliedsurkunde). Und selbst als später andere Dinge für mich wichtiger geworden waren als die Prä-Astronautik und ich der AAS irgendwann den Rücken gekehrt hatte (schon um den Jahresbeitrag von immerhin 35 Mark einzusparen), zumal ich auch Erich v. Däniken zusehends kritischer sah, blieb ich der sogenannten Paläo SETI-Hypothese gegenüber doch immer aufgeschlossen.
Vor ein paar Jahren verfolgte ich dann ein langes Fernseh-Interview mit einem Professor für Astrophysik, Forschungsschwerpunkt „Extraterrestrische Intelligenzen“, in einer von Alexander Kluges mitternächtlichen Kultursendungen. Und was dieser Herr erzählte, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, ging über Däniken, der von der Fachwissenschaft regelmäßig belächelt oder angefeindet worden war, noch weit hinaus. Wenn es, so begann sein Gedankenexperiment, nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit außer uns noch zahlreiche andere intelligente Lebensformen im All gibt, dann sollten einige von ihnen auch in unserer näheren Umgebung beheimatet sein. Und von jenen wiederum dürften einige, wenn man nur das rasante technische Entwicklungstempo der Menschheit in den vergangenen Jahrzehnten zum Maßstab nimmt, uns so unendlich weit überlegen sein, dass sie uns räumlich leicht erreichen könnten und aus wissenschaftlicher Neugier heraus vermutlich auch gerne erforschen wollten. Doch wäre eine „Kontaktaufnahme“ mit uns wohl in ihren Augen etwa so sinnvoll wie die von Menschen mit Regenwürmern. Kurzum, zum wahrscheinlichsten Szenario erklärte es der Astrophysiker, dass wir bereits seit hunderttausenden, wenn nicht Millionen Jahren ständig von Außerirdischen beobachtet und untersucht werden, doch diese sich aus Gründen der Diskretion, um uns Erdlinge nicht zu verwirren, vor uns verborgen halten. Womöglich würden sie aber, so der Professor, im Notfall doch eingreifen, etwa bevor es zum ultimativ-apokalyptischen Atomkrieg auf der Erde käme. Das heißt also, die Aliens leben vielleicht schon seit Menschengedenken unerkannt unter uns, unter Umständen in menschlicher Gestalt, ohne dass man sie – wie im Film „Louis‘ unheimliche Begegnung mit den Außerirdischen“ mit Louis de Funes – am scheppernden Klang beim Klopfen auf ihren Brustkorb erkennen könnte? Aber was würde dies für die Gültigkeit von Rechtsgeschäften oder die strafrechtliche Verantwortlichkeit für Delikte bedeuten, an denen unerkannt Außerirdische beteiligt waren? Ach, die Welt ist schon reich an ungelösten Rätseln und Geheimnissen. Vorige Woche beging der große Unterhaltungsschriftsteller Erich v. Däniken seinen 80. Geburtstag.
P.S.: Und hier noch die unübertreffliche Däniken-Parodie von Oliver Kalkofe aus den Neunzigern, die mir immer wieder die Lachtränen in die Augen getrieben hat:
www.justament.de, 2.3.2015: Er nennt es Arbeit
Die Erfindung des Home-Office: Eine vergnüglich-böse Kurzgeschichte von Joris-Karl Huysmans aus dem Jahr 1888
Thomas Claer
Dem Verwaltungsjuristen Bougran ist übel mitgespielt worden. Wegen angeblicher „moralischer Invalidität“ hat man ihn nach über zwei Jahrzehnten im Ministerium mit gerade erst 50 Jahren vorzeitig zwangspensioniert. Aber alles ist streng nach Recht und Gesetz abgelaufen. Der Hintergrund ist, dass ein junger Günstling des Ministers auf einem lukrativen Posten untergebracht werden muss. Also wird Monsieur Bougran hinauskomplimentiert, seine Stelle abgeschafft und für den Novizen unter anderer Bezeichnung wieder neu eingerichtet. So ziemlich das Schlimmste, was man Menschen antun kann, ist es, ihnen Privilegien erst zu geben und sie ihnen später wieder wegzunehmen. Sie betrachten das dann zumeist als himmelschreiende Ungerechtigkeit und brechen darüber in großes Wehklagen aus. So auch Monsieur Bougran, die titelgebende Hauptperson in der nur 18 Seiten umfassenden Kurzgeschichte des großen französischen Romanautors Joris-Karl Huysmans (1848-1907), eines der maßgeblichen Wegbereiter der literarischen Moderne, aus dem Jahr 1888.
Huysmans hatte einen Ruf „als Kunstkritiker und leicht perverser Ästhet“, so Daniel Grojnowski in seinem vorzüglichen Nachwort, das die sehr gelungene Neuausgabe dieser Meistererzählung im Kleinverlag „Friedenauer Presse“ krönt, die seit 2012 inzwischen schon in mehreren Auflagen erschienen ist. Huysmans‘ Hauptantriebsfeder für all sein literarisches Schreiben soll seine vielfache Enttäuschung von den Frauen gewesen sein. Berühmt geworden ist er vor allem durch den Roman „Gegen den Strich“, in dem es um einen dekadenten und neurotischen jungen Aristokraten geht, der schließlich in geistiger Umnachtung versinkt. Der Erfolg von „Gegen den Strich“ hatte sich allerdings eher auf ein intellektuelles Publikum beschränkt. Daneben landete Huysmans mit einigen weniger ambitionierten Romanen, die heute fast völlig vergessen sind, auch mehrere Bestseller. Doch hatte er darüber hinaus noch einen „Brotberuf“, der es in sich hatte: Er war Beamter im Pariser Innenministerium und brachte es bis zum „Stellvertretenden Leiter des Politischen Büros der Direktion des Amtes für Öffentliche Sicherheit“. In seiner kleinen und überaus feinen Erzählung „Monsieur Bougran in Pension“ plaudert Huysmans also gewissermaßen aus dem Nähkästchen. Sehr anschaulich und pointiert berichtet der Autor darin vom Pariser Behördenalltag im ausgehenden 19. Jahrhundert. Und der Leser, vor dessen geistigem Auge ein lebendiges Bild von der streng reglementierten damaligen Verwaltung entsteht, fühlt sich trotz aller Unterschiede doch auch ein wenig an Fernsehserien wie „Stromberg“ und an eigene Erfahrungen in deutschen Amtsstuben erinnert. Wir wollen jetzt nicht spekulieren, wie viele von Huysmans‘ literarischen Werken während seiner Dienstzeit im Büro entstanden sind. Doch immerhin war es ihm nachweislich möglich, in der Arbeitszeit bedeutende Briefe an Schriftstellerkollegen zu verfassen.
Nun muss der weit eher zum Schriftsteller denn zum Bürokraten berufene Huysmans in der tristen Arbeitswelt mächtig gelitten haben. Sein einfacher gestrickter Erzählungsheld Bougran hingegen ist das, was man heute einen Workaholic nennt, und daher ob seiner Degradierung zum Frühpensionär völlig verzweifelt. Allein im Beruf findet er seine Bestimmung und Erfüllung. Er hat keine Freunde außer seinen Kollegen und keine Hobbies außer seiner Arbeit. Kurz, das Büro ist sein Leben. Und über den Verlust seiner alten geregelten Daseinsform kann ihn auch nicht die durchaus ordentliche Pension hinwegtrösten, die ihm jetzt zusteht. Jedoch blüht er regelrecht auf, als ihm auf einem seiner traurigen Spaziergänge durch Paris nach seiner Pensionierung der rettende Gedanke kommt: Er tapeziert das kleinste Zimmer seiner Wohnung auf exakt die gleiche Weise wie seinen früheren Büroraum, besorgt sich die entsprechenden Schreibtische, Stühle und Regale und stellt in diese irgendwelche alten Akten hinein. Vor allem aber sorgt er dafür, dass das Zimmer von nun an weder vernünftig gereinigt noch gelüftet wird, damit es dort schon bald so staubig riechen soll wie in seinem alten Büro – und fertig ist das perfekte Home-Office! Nein, noch nicht ganz. Er braucht ja noch etwas zu tun. Doch hierbei hilft er sich, indem er täglich fiktive Behördenbriefe verfasst und an sich selbst adressiert, die ihn dann am nächsten Tag wieder erreichen und beantwortet werden wollen und so fort. Doch merkt er schon nach kurzer Zeit, dass ihm noch etwas ganz Entscheidendes fehlt: der Klatsch und Tratsch mit den Kollegen. Aber auch diesem Mangel weiß er abzuhelfen. Kurzerhand gibt er seinem früheren alten, inzwischen ebenfalls pensionierten Bürodiener eine Anstellung bei sich, so dass dieser für ihn künftig alle Botengänge erledigen und ansonsten ausgedehnte Konversation mit ihm pflegen kann.
Natürlich ist das alles eine groteske Donquichotterie. Und dennoch hat Huysmans in seinem flüchtig verfassten Nebenwerk weit mehr geschaffen als eine bloße amüsante Parabel auf die damalige Büro-Arbeitswelt und ihre sinnentleerten Rituale. Vielleicht ganz ohne Absicht ist dabei auch eine ungemein moderne Figur entstanden: ein früher Vorläufer der heutigen urbanen Do-it-yourself-Klasse, die sich nicht mehr länger den Unzumutbarkeiten einer Angebot-und-Nachfrage-Arbeitswelt unterordnen mag, sondern sich – notfalls ohne Aussicht auf ein auskömmliches Einkommen – ihren Traum von der beruflichen Selbstverwirklichung erfüllt. „Wie nennt man einen arbeitslosen Journalisten?“, so lautete vor einigen Jahren ein weit verbreiteter Witz. Antwort: „Blogger.“ Womöglich sind das ja schon die Vorübungen für das langsam, aber sicher heraufziehende neue Zeitalter der Digitalisierung 3.0, in dem dann auch unzählige andere altvertraute Jobs irgendwann überflüssig werden.
Joris-Karl Huysmans
Monsieur Bougran in Pension
Friedenauer Presse 2012
32 Seiten (broschiert), EUR 9,50
ISBN-10: 3932109724
www.justament.de, 8.1.2015: Pragmatischer Mix
Die „PLATOW Prognose 2015. Anlagestrategien für die Zinswende“
Thomas Claer
Und hier gleich das nächste Börsenbuch. Diesmal ist es aber eher ein allgemein gehaltener Ausblick auf das neue Jahr aus dem Hause des traditionsreichen Börsenbriefs PLATOW in Buchform. Darin heißt es eingangs, das PLATOW-Expertenteam habe sich in Klausur begeben und gemeinsam über die wichtigsten Trends und Entwicklungen für das Jahr 2015 nachgedacht, woraus dann dieses Buch entstanden sei, das man bei einem Verkaufspreis von 61 Euro und einem Umfang von 254 Seiten nicht gerade als kostengünstig bezeichnen kann. Konkret besteht es aus zehn Aufsätzen, in denen überwiegend Persönlichkeiten aus den sogenannten Partnerunternehmen des PLATOW-Börsenbriefs über ihre Spezialgebiete informieren, um schließlich zum Teil ganz unverhohlen ihre Produkte zu empfehlen. (Der Geschäftsführer der FERI Trust stellt seine Finanzprodukte als „barrierefreie Kapitalanlage“ vor, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Annington preist die Immobilienaktien als „das Beste aus zwei Welten“, der Leiter des Management-Teams von BB Biotech erläutert die immensen Potentiale der Biotechnologie in „Moleküle, die Milliarden generieren“ u.s.w.) Diese Abschnitte sind zudem durchsetzt mit ganzseitigen Werbeanzeigen der entsprechenden, aber auch anderer Unternehmen. In vier weiteren Kapiteln werden die „weltweit 50 besten Aktien“ Aktien vorgestellt und empfohlen, die das PLATOW-Team angeblich aus über 10.000 Einzeltiteln ausgewählt hat. Nach welchen Kriterien, das bleibt im Dunkeln.
Nein, ganz so schlecht, wie es bis hierhin klingen mag, ist dieses Buch auch wieder nicht. Es ist ein pragmatischer Mix aus Werbung und Information, wie man ihn häufig auf diversen Internetseiten findet. Allerdings muss man schon die Chuzpe der Herausgeber anerkennen, dieses Werk nicht gratis, sondern zum Kauf anzubieten – und dann noch zu einem solchen Preis! Wer eine gute überregionale Tageszeitung liest oder auch ein Finanz- oder Wirtschaftsmagazin, wird an Informationen dieser Art vielleicht einen Tick weniger interessengeleitet, sicherlich aktueller und vor allem weitaus preiswerter kommen. Immerhin erhält man mit der PLATOW-Prognose aber auch ein Hardcover-Buch, dessen Herstellung zweifellos teuer ist.
Zurück zu den Inhalten. Trotz aller Einwände lässt sich dem Buch doch auch allerhand Nützliches entnehmen. Klartext redet vor allem das abschließende Immobilien-Kapitel. Wie die Lemminge, heißt es dort, strömten die Anleger derzeit in hochpreisige Immobilien-Investments, obwohl die Renditen, die sich aus deren Vermietung erzielen lassen, inzwischen kaum noch lohnend seien. Genau so ist es. Für Immobilien in guten Lagen ist es jetzt wirklich schon zu spät! Und wie ist es mit der Zinswende, vor der schon im Titel und Klappentext so inständig gewarnt wird, dass es dem Anleger die Schweißperlen auf die Stirn treiben kann? Der eine Text sagt so, der andere anders, wie man auf die mit Sicherheit irgendwann drohende Zinswende reagieren sollte. Aber ob wirklich schon 2015 oder wann sie denn überhaupt mal kommt, steht schließlich auch noch in den Sternen. (In Europa wird sie vielleicht noch lange Jahre auf sich warten lassen.) Nein, die Experten wissen auch nicht mehr als der gemeine Zeitungleser. Und wie ist es mit den empfohlenen „weltweit 50 besten Aktien“? Man liest es mit Interesse, und vom ersten Eindruck her sind eine Menge gute Unternehmen darunter. Aber man hätte sicherlich ebenso gut auch 50 andere empfehlen können. Mir persönlich wären fast alle in der Bewertung schon zu teuer. Aber ich wüsste leider auch nicht 50 günstigere zu sagen… Insgesamt sind die Aktien derzeit eben nicht mehr ganz billig. Am besten gefallen mir unter den empfohlenen Werten noch Indus Holding (aber die hab ich ohnehin schon seit zehn Jahren im Depot), Total und BHP Billiton. Die beiden letzteren sind gerade mächtig runtergeprügelt, werden aber bestimmt nicht Pleite gehen und bieten wenigstens richtig gute Dividendenrenditen, zumal sie erklärtermaßen nicht ihre Dividenden senken wollen. Aber darüber sollte sich jeder lieber seine eigenen Gedanken machen. Mein Rat an alle Anleger: Do it yourself!
Albrecht F. Schirmacher, Frank Mahlmeister (Hrsg.)
PLATOW Prognose 2015. Anlagestrategien für die Zinswende
Platow Medien GmbH 2014
254 Seiten, 61,00 € (Abonnentenpreis: 54,00 Euro)
ISBN 978-3-943145-20-5
Justament-Rezensent Thomas Claer ist Autor des Börsenbuches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“.
www.justament.de, 5.1.2015: Zyklen statt Value
Das Börsenbuch „Das Börsenbuch“ von Thomas Müller und Alexander Coels
Thomas Claer
Hier geht es aber mal so richtig zur Sache! Ein 500 Seiten dickes Börsenbuch mit dem Titel „Das Börsenbuch“ legen die Autoren Thomas Müller und Alexander Coels vor, was natürlich suggeriert, dass man außer diesem ganz bestimmt kein weiteres Börsenbuch bräuchte, um sich an der Börse zurechtzufinden. Aber braucht man denn dazu heutzutage überhaupt noch ein Börsenbuch, wo sich doch alles, was man über die Börse wissen muss, ohnehin schon im Internet finden lässt? Um es gleich zu sagen: In diesem Buch ist manches anders, als man denkt. Man kann nur jeden Leser davor warnen, sich an der Börse allein auf den Inhalt dieses Buches zu verlassen. Und doch steht eine Menge äußerst nützlicher Informationen darin, die man in dieser Genauigkeit sicherlich nirgendwo im Internet finden wird. Das Buch sollte aber statt „Das Börsenbuch“ lieber „Das große Buch der Börsenzyklen“ heißen, denn auf 338 der 502 Seiten geht es explizit um diese – und auf den restlichen Seiten indirekt letztlich auch…
Börsenzyklen also. Was soll man sich darunter vorstellen? Man kann es vielleicht mit dem „Hundertjährigen Kalender“ vergleichen, der im 17. Jahrhundert von Mauritius Knauer, einem Abt des Klosters Langheim, zur Vorhersage des Wetters in Franken verfasst wurde, um die klösterliche Landwirtschaft zu optimieren. Vereinfacht gesagt machte Knauer über einen langen Zeitraum präzise Wetterbeobachtungen für jeden Tag eines Jahres und erstellte dann aus den jeweiligen Durchschnittswerten seine Prognose für jeden Tag der kommenden Jahre. Aus meteorologischer Sicht ist das natürlich nicht haltbar. Übereinstimmungen werden von Fachmeteorologen als Zufälle gewertet. Und dennoch funktioniert dieser Kalender gar nicht so schlecht, weil sich die Erde grundsätzlich auf die gleiche Weise Jahr für Jahr um die Sonne und Tag für Tag um die eigene Achse dreht, während die Wetterberichte mit ihren kurzfristigen Vorhersagen bekanntlich auch oft danebenliegen.
Aber wie soll man mit diesem Ansatz künftige Börsenkurse vorhersagen können? Nun, bekanntlich sind die diesbezüglichen Prognosen unserer „Finanzmarktmeteorologen“, also der Wissenschaftler der Volks- und Betriebswirtschaftslehre, in der Regel so unzuverlässig, dass man nun wirklich nicht viel auf sie geben kann. Und ja, so wie das Wetter folgen auch die Börsenkurse bestimmten zyklischen Mustern. Jeder, der sich für die Börse interessiert, weiß, dass der September im langjährigen historischen Durchschnitt der bei weitem schlechteste Börsenmonat und die saisonal stärkste Phase jene von Oktober bis April ist. Aber wer weiß schon, dass Montage im Schnitt die schlechtesten und Freitage die besten Wochentage an der Börse sind oder dass die zweite Hälfte eines Jahrzehnts fast immer eine wesentlich bessere Kursentwicklung bringt als die erste? Woran das liegt? Man weiß es nicht genau, und hier wird die Vorgehensweise der Autoren Müller und Coels etwas problematisch. Sie blenden solche weitergehenden Fragen nahezu komplett aus und folgen gewissermaßen blind ihren in wahrlich beeindruckender Vielfalt vorgelegten langjährigen Verlaufsmustern. (Die diesen zugrundeliegenden Daten reichen für den deutschen Markt bis 1960, für den amerikanischen bis 1896 zurück). Als Absicherung gegen Kursverluste empfehlen sie lediglich die Orientierung an technischen Indikatoren wie dem Unterschreiten der 200 Tage-Linie oder die ergänzende Verwendung von Put-Optionsscheinen.
Man kann es schon kurios finden, dass in einem Börsenbuch weder Begriffe wie Kurs-Gewinn-Verhältnis, Kurs-Buchwert-Verhältnis noch Dividenden-Rendite vorkommen, dass weder die Rolle der Geldpolitik der Notenbanken für die Börse noch die des Geschäftsmodells für den Erfolg eines Unternehmens erklärt wird. Gewiss, die in den Börsenberichterstattungen nachgeschobenen Erklärungen für fallende oder steigende Kurse anhand realwirtschaftlicher Entwicklungen kann man getrost in der Pfeife rauchen („Die Kurse machen die Meldungen“, lautet zurecht ein beliebtes Börsen-Bonmot), und der langjährige Erfolg der Autoren mit ihrer Methode scheint ihnen ja auch Recht zu geben. Aber etwas mulmig wird einem doch bei Sätzen wie diesem auf S.20: „Es gibt keine wirkliche ‚Begründung‘ für Kursentwicklungen. Entscheidend ist einzig und allein, was die Kurse machen, und die Aneinanderreihung von Kursen ergibt Trends, und nur in Trends kann an der Börse Geld verdient werden…“ (Hier würde ich ausdrücklich widersprechen: Wer Aktien von hochwertigen Unternehmen mit stabilem Geschäftsmodell, hoher Dividendenrendite und kontinuierlich steigender Dividendenausschüttung besitzt, dem können die Trends der Kursverläufe sogar schnurzegal sein. Er kann sich zurücklehnen und sich zumindest für lange Zeit jahraus, jahrein über seine Dividendenerträge freuen.)
Auf S.25 heißt es dann: „Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden sich die Kurse in den kommenden 100 Jahren ähnlich entwickeln wie in den vergangenen.“ Woher um alles in der Welt wollen die Autoren das nur wissen? Es stimmt, dass sich die amerikanischen wie die deutschen Börsenindizes in ihrem langjährigen Verlauf immer wieder zum Mittelwert eines jährlichen Ertrags von 9 Prozent einschließlich ausgeschütterter Dividenden bewegt haben. Aber die Börsenentwicklung kann gar nichts anderes sein als ein zeitversetzter Spiegel der Realwirtschaft (Kostolany! Herr! Hund!). Wenn die Unternehmen irgendwann kein Geld mehr verdienen, dann können sie ihren Aktionären keine Dividenden mehr bezahlen, dann gibt es keinen Grund mehr für irgendjemanden, ihre Aktien zu kaufen, außer als irres Spekulationsobjekt. Es hat in der Menschheitsgeschichte immer wieder Phasen ohne ein nennenswertes Wirtschaftswachstum gegeben, beispielsweise, soweit mir bekannt ist, lange Jahrhunderte des Mittelalters. Die dem „Börsenbuch“ zugrundeliegende Börsenhistorie fällt mit einem – nur vorübergehend unterbrochenen – nahezu kontinuierlichen Wirtschaftswachstum zusammen. Sollte irgendwann die ganze Welt von der „japanischen Krankheit“, der lange anhaltenden Wachstumsschwäche, befallen werden und die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen global in einen Zustand der Sättigung übergehen, dann war es das vermutlich mit den steigenden Börsenkursen. Nun wird mancher vielleicht einwenden, eine solche Entwicklung sei aus heutiger Sicht schlichtweg unvorstellbar. Für die nächsten mindestens 20 Jahre glaube ich das auch, da der Wohlstandshunger der Schwellenländer im Zweifel auch die etwaigen Stagnationen in der westlichen Welt kompensieren und insbesondere die Geschäfte der Exportnationen bis auf weiteres gut anheizen dürfte. Aber hat eigentlich schon mal jemand zu Ende gedacht, wohin es führen wird, wenn mit der fortschreitenden Digitalisierung immer mehr Arbeitsplätze – von der Zugbesatzung über die Postausträger und Fließbandarbeiter aller Art bis zu den Taxi-, Bus- und Lkw-Fahrern – früher oder später wegfallen werden und was das für die weltweite Nachfrage nach Konsumgütern bedeuten wird? Insofern kann einem die Abgabe von Prognosen für den Aktienmarkt der nächsten 100 Jahre schon als recht waghalsig erscheinen.
„Welche Krisen auch in der Zukunft auf uns zukommen mögen, früher oder später werden die Aktienbörsen ihre Kursniveaus vor der Krise zurückerobern und neue Höchstkurse markieren“, heißt es auf S. 35. Klar, denn in der Börsengeschichte ist es ja bisher auch immer noch mal gutgegangen. Nach dieser Logik müsste sich allerdings jeder Mensch für unsterblich halten, denn in seinem bisherigen Leben hat er sich ja schließlich auch von jeder Krankheit wieder erholt. Und so sorglos-frisch-fröhlich geht es weiter im Buch: „Wir können uns auf den Kopf stellen, aber die Zielrendite von Dax und Dow Jones beträgt 9 Prozent jährlich.“ (S.42) „Die Aktienmärkte kennen langfristig nur den Weg nach oben.“ (S.45) Wohlgemerkt: Die etwas reißerisch auf dem Buchtitel verkündete Zielmarke für den Dax im Jahr 2039 von 100.000 Punkten halte ich keineswegs für aus der Luft gegriffen, die im Schlusskapitel „Börsenvision“ anvisierten exorbitanten Marken für die entferntere Zeit danach hingegen schon. (Das spricht, nebenbei gesagt, aus meiner Sicht auch dafür, lieber heute als morgen in Aktien zu investieren.) Es ist natürlich grundsätzlich richtig, dass die möglichst einfachen Strategien an der Börse meistens erfolgreicher sind als die zu komplizierten, und es ernten ja auch die dümmsten Bauern mitunter die größten Kartoffeln. Aber sich als denkender Mensch deshalb gedankliche Scheuklappen anzulegen oder gar einfach seinen Kopf abzuschalten, scheint mir dann doch keine gute Lösung zu sein.
Kurz gesagt, die Autoren schießen mit ihrem im Prinzip wohlbegründeten Ansatz aufgrund ihrer methodischen Maßlosigkeit häufiger über das Ziel hinaus. Abgesehen davon liefert das „Börsenbuch“ aber eine ungeheure Fülle von Material, mit dessen Hilfe sich an der Börse – ergänzend zu anderen bewährten Methoden – langfristig unter Zyklengesichtspunkten (vermutlich gewinnbringend) agieren lässt. Positiv ist ferner zu vermerken, dass im Buch eindringlich vor Börseninvestments auf Pump gewarnt wird und – immerhin – in einem Kasten auf S. 464 kurz das Liquiditätsmanagement von Warren Buffett vorgestellt wird, ohne jedoch weiter auf seinen Value-Ansatz einzugehen. Mit ihrem Eingangskapitel „Warum jeder an der Börse investieren sollte“ rennen die Verfasser beim verständigen Leser hoffentlich ohnehin offene Türen ein.
Machen wir abschließend noch die Probe aufs Exempel und wagen wir eine Börsenprognose für den Dax und den Dow Jones für das Jahr 2015 auf der Basis des in diesem Buch aufgezeigten Zyklenansatzes. (Deren Treffsicherheit mag dann jeder Leser selbst nach 12 Monaten beurteilen.) Beginnen wir mit dem in der Vergangenheit treffsichersten Indikator, dem Wahl-Zyklus: 2015 ist in Deutschland ein Zwischenwahljahr (durchschnittliche Dax-Performance +16,1 Prozent) und in den USA ein Vorwahljahr (durchschnittliche Dow Jones-Performance +12,3 Prozent). Das verspricht jeweils eine deutlich überdurchschnittliche Kursentwicklung im neuen Jahr. Hinzu kommt, dass sich der Dax in der Regierungszeit großer Koalitionen mit durchschnittlich +12,37 Prozent deutlich besser entwickelte als unter sonstigen CDU-geführten (+8,71 Prozent) oder SPD-geführten (-0,37 Prozent) Regierungen. Auch der Dow-Jones lief unter demokratischen Präsidenten mit +7,58 Prozent besser als unter republikanischen mit +3,64 Prozent. Auch das scheinen also sehr gute Vorzeichen für das neue Börsenjahr zu sein. Nun soll aber auch noch der Jahrzehnt-Zyklus zu seinem Recht kommen: Der Dax performte in Fünferjahren bisher im Schnitt mit sagenhaften 25,81 Prozent. Der Dow Jones übertrifft dies noch mit geradezu unglaublichen 31,44 Prozent. (Tatsächlich sind Fünferjahre in beiden Indizes die besten Jahre überhaupt.) Bessere Vorgaben kann man sich vom Jahrzehnt-Zyklus her also nicht wünschen. Weiterhin ist der Zyklus der Vier-Jahres-Tiefs zu erwähnen. Und tatsächlich ist 2014 (wie zuvor 2010, 2006, 2002 u.s.w.) ein Jahr gewesen, in dem Dax und Dow Jones im Herbst – wie auf Bestellung – einen markanten Tiefpunkt ausgebildet haben. Anschließend kommt es meistens zu einer längeren stärkeren Aufwärtsbewegung. Also auch dieser Indikator liefert positive Signale. Bleibt noch der überaus wichtige Januar-Indikator, wonach die drei Faustformeln gelten: „Erster Handelstag gut, ganzes Jahr gut“, „Erste Handelswoche gut, ganzes Jahr gut“ und „Ganzer Januar gut, ganzes Jahr gut“. Der erste Indikator ist 2015 allerdings negativ ausgefallen, denn der erste Handelstag brachte am vorigen Freitag für Dax und Dow Jones leichte Verluste. Doch könnte insbesondere ein guter erster Gesamtmonat noch alles herausreißen, denn die Trefferquote des Januar-Indikators liegt beim Dow Jones bei 74 Prozent, beim Dax nur bei 61 Prozent.
Fazit: Aus Zyklensicht deutet sich ein geradezu exzellentes Börsenjahr 2015 an, wobei aber sicherheitshalber noch der Januar abgewartet werden sollte. Und wie sind die Vorgaben für 2015 aus allgemeiner Sicht jenseits der Börsenzyklen? Von den Unternehmensgewinnen her ist der Dow Jones (gemessen am auf 10 Jahre geglätteten Shiller-KGV) bereits ziemlich hoch bewertet, der Dax mit seinen jetzt knapp 9.800 Punkten hingegen etwa seinem langjährigen Durchschnittswert entsprechend, also weder zu teuer noch zu billig. Berücksichtigt man noch den anhaltenden geldpolitischen Rückenwind in Europa durch die Niedrigzinspolitik und die womöglich noch weiteren ergänzenden Maßnahmen der EZB auf der einen Seite und die angekündigte Zinswende der Fed auf der anderen Seite, spricht viel für eine stärkere Entwicklung europäischer, insbesondere deutscher Aktien, aber auch einiges für eine relativ schwächere Entwicklung amerikanischer Aktien. Bedenkt man dann noch die konjunkturfördernde Wirkung des niedrigen Ölpreises und des niedrigen Eurokurses für Deutschland, dann kann man schon fast von einem rundum positiven Gesamtbild für den deutschen Aktienmarkt sprechen. Einzige, aber nicht unwesentlicher Schönheitsfehler sind die drohenden politischen Störfeuer, insbesondere aufgrund der Russland-Problematik, und die noch nicht vollständig ausgestandene Euro-Krise. Doch da politische Börsen in aller Regel kurze Beine haben, könnten sich aufgrund der etwaigen politisch bedingten Volatilität im Jahresverlauf sogar besonders lukrative Einstiegsmöglichkeiten bieten.
Zu Risiken und Nebenwirkungen dieser Börsenprognose konsultieren Sie ein Börsenbuch Ihrer Wahl oder das Internet, aber fragen Sie niemals Ihren ahnungslosen Bankberater.
Thomas Müller, Alexander Coels
Das Börsenbuch
TM Börsenverlag 2014
502 Seiten, 39,95 €
ISBN-10: 3930851814
Justament-Rezensent Thomas Claer ist Autor des Börsenbuches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“.
www.justament.de, 1.12.2014: Zum Tod des “Mosaik”-Zeichners Hannes Hegen
Thomas Claer empfiehlt – Spezial –
So etwas wie das „Mosaik von Hannes Hegen“ konnte wohl nur in der DDR entstehen. Verglichen mit westlichen Comics waren diese östlichen Bildgeschichten, die mich durch meine Kindheit und Jugend begleiteten, viel anspruchsvoller in fast jeder Hinsicht. Ein ausgedehnter Fortsetzungsroman aus bunten Heften führte die drei liebenswerten Kobolde Dig, Dag und Digedag in wechselnder Begleitung quer durch alle Länder und Zeiten. Sie bestritten Gladiatorenkämpfe im alten Rom, flogen durch den Weltraum auf fremde Planeten (auf denen es mitunter wie beim westlichen Klassenfeind aussah), zogen um 1284 mit dem Ritter Runkel von Rübenstein aus der deutschen Provinz in den Orient, um nach einem vergrabenen Schatz zu suchen, den ein Vorfahre des Rübensteiners dort einst auf der Flucht vor den Sarazenen angeblich vergraben hatte, verbrüderten sich mit Indianern und versklavten Schwarzen im Amerika des 19. Jahrhunderts, weilten am Hofe des osmanischen Sultans in Konstantinopel.
Die zeichnerische Umsetzung war liebevoll und meisterhaft opulent. Lange Zeit gab es statt Sprechblasen ausführliche Bildunterschriften. Mit Bildungszitaten wurde keineswegs gegeizt. Natürlich stand dahinter auch der Parteiauftrag, dem „westlichen Schund“ eine eigene überlegene sozialistische Kultur entgegenzusetzen. Herausgekommen ist eine kleine „Weltgeschichte von unten“, die alle ideologischen Vorgaben spielend unterlief. Die Digedags waren notorische Autoritätenverspotter. Und immer traf es die Richtigen: die Mächtigen, Reichen, Aufgeblasenen, gerne auch Polizei und Militär.
Zweifellos hat es der Qualität der Zeitschrift nicht geschadet, dass sie keinen „Markt bedienen“ musste. Es gab in der DDR (wo westliche Comics nicht zu kriegen waren), abgesehen vom deutlich weniger ambitionierten „Atze“, keine einschlägigen Konkurrenten um die Gunst des Publikums. Das hatte zwar etwas von einer Zwangsbeglückung. Doch anders, als man es sonst im traurig-realen Sozialismus erleben musste, zogen die Zwangsbeglückten aus dem Mosaik einen großartigen Nutzen – und das zum unschlagbaren Dauer-Tiefpreis von 60 Pfennigen pro Heft! (Da es im Sozialismus keine Inflation geben durfte, waren alle einmal festgesetzten Preise, egal für welche Güter, eingefroren für alle Ewigkeit.) Selten etwas geändert wurde aber auch an der Höhe der Auflage, die sich mit gut 600.000 Exemplaren dauerhaft als viel zu niedrig erwies. Die Folge war, dass die Mosaik-Hefte zur „Bückware“ wurden, die schwer zu bekommen war und leidenschaftlich gejagt, gesammelt und getauscht wurde. Da sich mit DDR-Geld damals kaum jemand locken ließ, man konnte sich eh nichts Besonderes dafür kaufen (viel wichtiger war es, die richtigen Leute zu kennen, die an der jeweiligen Quelle saßen), wurden besonders begehrte Hefte aus den 50er und 60er Jahren seinerzeit bevorzugt gegen Autoersatzteile, Waschmaschinen oder Farbfernseher eingetauscht. Oder sogar gegen verbotenes Erotik-Material aus dem Westen…
Für die Ostdeutschen blieben Hannes Hegens alte Mosaik-Hefte auch nach der Wende das Nonplusultra. Prominente Künstler wie Uwe Tellkamp und Neo Rauch bekannten sich zu ihrer Mosaik-Begeisterung. Für Heft 1 aus dem Jahr 1955 müssen Sammler inzwischen hohe vierstellige Euro-Beträge hinblättern. (Ich selbst betrachte meine Mosaik-Sammlung als Teil meiner Altersvorsorge.) Westdeutsche Comicfreunde konnten sich hingegen nur zögernd für die Bildgeschichten aus dem Osten erwärmen. Am 8. November ist der Mosaik-Schöpfer Hannes Hegen, der eigentlich Johannes Hegenbarth hieß, 89-jährig in Berlin gestorben.
www.justament.de, 27.10.2014: Nichts als Erinnerung
Judith Hermann mit ihrem ersten Roman „Aller Liebe Anfang“
Thomas Claer
Es gab in den Neunzigern ein paar Bücher, die den damaligen Berlin-Hype ungemein befeuerten: „Russendisko“ von Wladimir Kaminer zum Beispiel, sicherlich auch „Herr Lehmann“ von Sven Regener. Ganz besonders galt dies aber für den schmalen Erzählungsband „Sommerhaus, später“, das Debüt der Autorin Judith Hermann, Jahrgang 1970, die nach einer euphorischen Besprechung ihres Erstlings durch Marcel Reich-Ranicki im „Literarischen Quartett“ gleichsam über Nacht zum Shooting-Star am deutschen Literaturhimmel aufstieg. Es dauerte nicht lange, da wurde Judith Hermann, deren karge, lakonische Short-Storys das Lebensgefühl junger Hauptstädter in den Jahren nach dem Mauerfall beschrieben, schon als Stimme einer neuen Schriftstellergeneration gehandelt. Doch merkte man der so Gefeierten bereits damals an, dass ihr eine solche Rolle keineswegs behagte. Und es spricht auch zunächst einmal uneingeschränkt für diese Autorin, dass sie sich in der Folge weitgehend rarmachte und nur noch in Abständen halber Jahrzehnte weitere Bücher publizierte. Auf die etwas zwiespältige Erzählungssammlung „Nichts als Gespenster“ folgte mit „Alice“ eine Art Vorstufe eines Romans: fünf miteinander in Zusammenhang stehende Erzählungen, die alle um die titelgebende Hauptfigur kreisten. Judith Hermann bewies hierin erneut ihre große Begabung dafür, Situationen mit wenigen treffenden Sätzen vor dem inneren Auge des Lesers entstehen zu lassen. Vor allem aber erwies sie sich in diesen düsteren, allesamt den Tod vertrauter Mitmenschen der Protagonistin behandelnden Kurzgeschichten als Meisterin der virtuosen Moll-Färbung.
Man sieht also, an Vorschusslorbeeren für Judith Hermanns ersten Roman „Aller Liebe Anfang“ besteht kein Mangel. Doch diesmal verstört bereits die Konstellation. Die Hauptfigur, eine 37-jährige Krankenpflegerin namens Stella, hat sich einen muskulösen Bauarbeiter geangelt, der mit ihr eine Tochter erzeugt und der jungen Familie ein Einfamilienhaus am Stadtrand gekauft hat. Dort sitzt Stella nun tagaus, tagein, bringt die Tochter morgens in den Kindergarten, holt sie am späten Nachmittag wieder ab, absolviert zwischenzeitlich mit dem Fahrrad Hausbesuche bei pflegebedürftigen Kunden in der Siedlung, macht allerlei Hausarbeiten und genießt es im Übrigen, regelmäßig auch Zeit für sich selbst zu haben, denn ihr Mann befindet sich zumeist tagelang auf irgendwelchen entfernten Baustellen. Ausgiebig telefoniert und schreibt sich Stella mit ihrer besten Freundin, die als Hausfrau und Mutter und freischaffende Künstlerin andernorts in einer ausgebauten Wassermühle lebt, während ihr Mann als Lehrer in einer Schule unterrichtet. Bis vor einigen Jahren haben die Freundinnen gemeinsam in einer WG in einem Szeneviertel einer Großstadt gelebt. Zumeist tauschen sie neben Fragen hinsichtlich der Kindererziehung nun Erinnerungen an ihre gemeinsamen alten Zeiten aus. Dieser im Buch sehr ausführlich geschilderte Alltagstrott wird durchbrochen, als Stella plötzlich und von da an täglich durch einem Stalker belästigt wird, der untypischerweise kein zurückgewiesener früherer Geliebter ist, sondern ein vereinsamter junger Mann aus der Nachbarschaft.
Viel mehr passiert nicht auf den 224 Seiten, nur dass sich die Dinge zum Ende hin noch etwas zuspitzen. Es entsteht weder eine nennenswerte Spannung beim Lesen, noch geschieht irgendetwas Überraschendes. Anders als in früheren Büchern der Autorin wird der Leser hier nicht in aufregende Welten entführt, sondern seitenlang mit dem Geschwätz von Stellas Patienten und Arbeitskolleginnen, den Albernheiten ihrer vierjährigen Tochter sowie den nicht sehr einfallsreichen Aktionen des durchgeknallten Stalkers Mr. Pfister malträtiert. Vielleicht war es ja einfach keine gute Idee, aus dem Stoff einen Roman zu machen. Möglicherweise wäre, eingedampft auf maximal ein Drittel des Umfangs, eine halbwegs passable Kurzgeschichte herausgekommen. Lag früher eine besondere Stärke Judith Hermanns in ihren punktgenauen Detailschilderungen, laufen diese jedenfalls diesmal völlig ins Leere. Wozu, so fragt man sich immer wieder, sollte man eigentlich so viel über diese Vorstadttristesse erfahren?
Nun muss man natürlich den Realitäten ins Auge sehen. Für eine Mehrheit der Deutschen, so sagen es aktuelle Umfragen, ist bis heute das Leben mit Familie und Auto in einem Einfamilienhaus am Stadtrand die bevorzugte oder angestrebte Lebensform. Immerhin kann man jener Klientel dieses Buch zum Zwecke der Abschreckung empfehlen. Alle anderen sollten besser zu „Sommerhaus, später“ oder „Alice“ greifen. Und Judith Hermann bitte künftig wieder Kurzgeschichten schreiben.
Judith Hermann
Aller Liebe Anfang. Roman
S. Fischer Verlag, 224 Seiten, 19,90 €
ISBN-13: 978-3-3100331830