justament.de, 14.3.2022: Impressionen von der Anti-Kriegs-Demo

Justament-Reporter Thomas Claer berichtet aus Berlin

Es ändert vielleicht nicht viel, ist aber immerhin ein starkes Signal, wenn in diesen Tagen Menschen weltweit zu Tausenden auf die Straße gehen, um ihre Solidarität mit der überfallenen Ukraine auszudrücken und der Lügenpropaganda der russischen Führung etwas entgegenzusetzen. So auch an diesem sonnigen Vorfrühlingstag in Berlin, wo wir uns mit selbstgebasteltem Transparent in die Reihen der Demonstranten am Alexanderplatz begeben. Erfreulich ist ferner, welch ein breites Bündnis diese Kundgebung unterstützt. Selbst die Partei “Die Linke” ist mit wehenden roten Fahnen dabei. Womöglich plagt ja die zahlreichen Putin-Versteher in ihren Reihen nun doch ein schlechtes Gewissen… Auch sieht man viele der obligatorischen weißen Friedenstauben auf blauem Grund. Nur haben offenbar manche Vertreter der Friedensbewegung ganz buchstäblich den Schuss noch nicht gehört, oder wie soll man ein Banner mit der Aufschrift “Abrüstung jetzt! Europa ohne Atomwaffen!” sonst verstehen?! Fehlte nur noch, dass sie auch weiterhin, wie sie es jahrzehntelang getan haben, die Auflösung der NATO empfehlen. Noch deutlicher könnte man die Einladung an den Despoten im Kreml, sich noch weitere Länder aus dem früheren Sowjetimperium zurückzuholen, gar nicht formulieren.

Überhaupt bekommt man den Eindruck, dass die bitteren neuen Realitäten die gewohnten politischen Positionen mächtig durcheinandergewirbelt haben. Das jüngst von Alt-Bundespräsident Joachim Gauck geforderte “Frieren für die Freiheit” wird heute von mehreren Plakatträgern unterstützt: “Kein russisches Öl und Gas!”, “Rather a cold ass than Putin’s gas!” So sieht es nach jüngstem Politbarometer auch eine Mehrheit von 55 Prozent der Wahlberechtigten hierzulande. Hingegen will Klima-Minister Robert Habeck im Einklang mit Bundeskanzler Scholz zunächst weiter an den russischen Importen festhalten, was vielleicht schon deshalb der vernünftigere Ansatz ist, weil man im (leider zu befürchtenden) Falle weiterer russischer Eskalationen dann noch genügend Pfeile im Köcher hat, um weiter schrittweise darauf reagieren zu können. Das “Frieren für die Freiheit” könnte uns eh noch früh genug blühen, wenn Russland uns aus eigenem Antrieb nicht mehr beliefern sollte…

Aus den Lautsprechern erschallt Rockmusik – und dann ein ukrainisches Freiheitslied. Jung und alt haben sich versammelt, man hört verschiedenste Sprachen, aber besonders häufig Russisch. Oder ist es Ukrainisch? Nur Eingeweihte können dies unterscheiden, was die Berichte über angebliche Diskriminierungen von Russischsprechenden wenig glaubhaft macht. Auch wenn man natürlich nichts ausschließen sollte, liegt es doch nahe, dass russische Trolle das ausgeheckt haben. Zumindest würde es bestens ins Bild passen… Der Demonstrationszug bewegt sich immer weiter in Richtung Westen. Wir schenken uns die Abschlusskundgebung an der Siegessäule, denn mittlerweile knurrt uns gewaltig der Magen…

justament.de, 7.3.2022: Die Geburt der Ukrainians aus dem Geiste des John Peel

„The Complete Ukrainian Peel Sessions“ von The Wedding Present aus den Jahren 1987-1989

Thomas Claer

Das war mal wieder einer dieser völlig verrückten Einfälle des legendären BBC-Moderators John Peel (1939-2004), damals vor dreieinhalb Jahrzehnten. Während seiner über vierzigjährigen Radiolaufbahn förderte er in seinen enorm einflussreichen Musiksendungen immer wieder neue, ungewöhnliche Musikstile und insbesondere noch unbekannte Indie-Bands. Seinen ausgesucht-ausgefallenen Geschmack zu treffen, war seinerzeit das Beste, was aufstrebenden Künstlern passieren konnte. Denn er lud die glücklichen, von ihm ausgewählten Musiker regelmäßig zu seinen „Peel-Sessions“ ein, in denen sie dann im BBC-Studio unter seiner kundigen Anleitung ein paar Songs einspielten. Und so hatte er also auch die 1985 in Leeds gegründete Rockformation „The Wedding Present“ zu sich ins Studio gebeten, als deren ukrainischstämmiger Gitarrist Peter Solowka in der Pause zwischen den Aufnahmen mal eben ein ukrainisches Volkslied vor sich hin spielte. Diese Klänge versetzten John Peel augenblicklich in ein solches Entzücken, dass er darauf bestand, dass die Band Wedding Present bei nächster Gelegenheit bei ihm eine Session nur mit ukrainischen Folk-Songs aufnehmen sollte. Flugs wurde in Len Liggins noch ein passender Sänger mit dröhnender Bass-Stimme engagiert, der auch die Geige vortrefflich zu spielen wusste. Hinzu kamen Schlagzeug, E-Gitarre und Mandolinen. Und heraus kam die 1990 erschienene EP „Ukrainski vistupi v Iwana Peela“ („Die ukrainischen John-Peel-Sessions“), die mit über 70 000 verkauften Exemplaren in Großbritannien ein Überraschungs-Erfolg wurde. Diese Songs leben von ihrer puren Energie. Und genau darin liegt auch die Überschneidung zwischen slawischer Folklore und dem Punk-Rock der Achtzigerjahre.

Allerdings entzweite dieses fulminante Crossover die Wedding-Present-Fans dann doch. Der eine Teil von ihnen war begeistert, der andere wendete sich ab. Ähnlich gespalten waren die Bandmitglieder. Und so kam es, dass nach diesem erfolgreichen Experiment Solowka und Liggins „The Wedding Present“ den Rücken kehrten und eine neue Band ins Leben riefen, die fortan nur noch ukrainischen Folk-Punk spielte, während der Rest der Band wieder so weitermachte wie zuvor. Mittlerweile gibt es schon seit über drei Jahrzehnten „The Ukrainians“, deren Repertoire neben traditionellen Songs im Punk-Style auch aus einer Menge ähnlich gestrickter Eigenkompositionen sowie ukrainischen Cover-Versionen bekannter Pop-Songs besteht.

Die Anfänge der „Ukrainians“, die besagten Peel-Sessions der Jahre 1987-1989, sind nun in einer gegenüber der damaligen Veröffentlichung um drei Songs erweiterten Version wieder erhältlich. Wobei diese drei Songs den meisten Fans schon von den späteren Ukrainians-Alben bekannt sein dürften, allerdings nicht in diesen Versionen. Als Sahnehäubchen gibt es dazu noch eine DVD mit rarem Filmmaterial aus jener Zeit sowie einem nostalgisch zurückblickenden Interview mit den Bandmitgliedern. Genau genommen ist diese Wiederveröffentlichung aber gar nicht erst jetzt erschienen, sondern schon vor fast drei Jahren. Doch wann, wenn nicht in diesen Tagen nach Putins abscheulichem Überfall auf die Ukraine und anlässlich ihrer tapferen Gegenwehr, sollte man auf dieses großartige Album hinweisen? Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).

The Wedding Present
The Complete Ukrainian Peel Sessions (Remastered)
CD + DVD
USM Verlag 2019
ASIN: B07PRZJCC5

justament.de, 14.2.2022: Intellektueller Tausendsassa

Zum 90. Geburtstag von Alexander Kluge

Thomas Claer

„Ein Jurist, der nicht mehr ist als ein Jurist, ist ein arm Ding“, wusste schon Martin Luther. Und genauso hat es wohl auch der am 14. Februar 1932, heute vor neunzig Jahren, als noch niemand den Valentinstag auf dem Schirm hatte, in Halberstadt im Harz geborene Alexander Kluge gesehen. Denn nach seinem Jura-Studium in Freiburg, Marburg und Frankfurt am Main zog es ihn Mitte der Fünfzigerjahre sogleich zur berühmten und ebendort ansässigen „Schule“, um beim Justitiar des „Instituts für Sozialforschung“ eine Station seines Referendariats abzuleisten. Dort hat ihn dann Theodor W. Adorno höchstselbst zum Filmregisseur Fitz Lang geschickt, der ihn von seinen literarischen Bestrebungen abbringen sollte, da er die Literatur für ein „abgeschlossenes Gebiet“ hielt. Hat aber alles nichts genutzt, ganz im Gegenteil: Kluge avancierte nicht nur zum Schriftsteller im Umfeld der Gruppe 47, sondern auch zum gefeierten Autorenfilmer, der bereits 1962 bei den 8. Westdeutschen Kurzfilmtagen zu den Initiatoren des „Oberhausener Manifests“ gehörte, die die Abkehr vom „alten deutschen Film“ forderten. Und so wurde Alexander Kluge mit Filmen wie „Abschied von gestern“ (1966) konsequenterweise ein wichtiger Repräsentant des „Neuen Deutschen Films“.
Parallel dazu hatte er sich bereits nach dem Bestehen seines Assessorexamens 1958, wozu war er schließlich Volljurist, in West-Berlin und später in München als Rechtsanwalt niedergelassen. Ab 1963 lehrte er als Professor an der Hochschule für Gestaltung Ulm und leitete mit Edgar Reitz die Abteilung für Filmgestaltung. Im selben Jahr betätigte er sich auch erstmals unternehmerisch und gründete seine eigene Produktionsfirma Kairos-Film. 1973 wurde er Honorarprofessor an der Universität Frankfurt am Main. Es folgten beinahe 50 Bücher und mehr als 30 Filme, theoretisch-sozialwissenschaftliche Werke mit seinem Kumpel, dem Soziologen Oskar Negt, Essays und Kurzgeschichten, Hörspiele und Features.
Sein vielleicht größter Geniestreich aber war sein Wirken als Fernsehproduzent. Mit Gründung der dctp (Development Company for Television Program) und als deren Gesellschafter mit 37,5%igem Anteil schaffte er 1987 erstmalig eine Plattform für unabhängige Programme im deutschen Privatfernsehen und befüllte sie seitdem, „um das Fernsehen offen zu halten für das, was außerhalb des Fernsehens stattfindet“, mit großartigen selbstproduzierten Kulturmagazinen im Nachtprogramm von RTL, SAT1 und Vox wie „10 vor 11“, „Prime Time Spätausgabe“ und „News & Stories“. Dabei gelang es ihm spielend, seinen Freund Hans Magnus Enzensberger zu widerlegen, der das Fernsehen zum „Null-Medium“ erklärt hatte. Man kann wohl sagen, dass Kluges nächtliche Kultursendungen zum Interessantesten gehörten, was das Medium Fernsehen jemals hervorgebracht hat. Hier eine besonders gelungene Sendung mit dem Goethe- und Asienkenner Dr. Manfred Osten über die Opiumkriege zwischen England und China Mitte des 19. Jahrhunderts:

Wir wünschen alles Gute zum 90. Geburtstag!

justament.de, 31.1.2022: Die Tochter Ernst Thälmanns

Recht historisch Spezial: Eine Geschichte aus der Schulzeit in der DDR

Thomas Claer

Vor 40 Jahren bin ich der Tochter Ernst Thälmanns begegnet. So lange dürfte das nun ungefähr zurückliegen, denn ich muss damals in der vierten Klasse gewesen sein. Wir waren schon Thälmann-Pioniere und trugen daher rote Halstücher zu unseren weißen Pionierhemden, nicht mehr die blauen Halstücher der Jung-Pioniere. Aber es war noch unter unserer alten strengen Klassenlehrerin, noch nicht unter der neuen, deutlich netteren Lehrerin, die erst ab der fünften Klasse für uns verantwortlich werden sollte.

Im Refrain eines Pionierlieds, das wir zu jener Zeit häufig und nicht nur im Musikunterricht singen mussten, hieß es:

„Seid bereit, ihr Pioniere! Lasst die jungen Herzen glühn!
Seid bereit, ihr Pioniere, wie Ernst Thälmann, treu und kühn!“

Auch wurde uns immer wieder auf den Fahnenappellen das „Gelöbnis der Thälmann-Pioniere“ eingetrichtert, das da lautete:

“Ernst Thälmann ist mein Vorbild. Ich gelobe, zu lernen, zu arbeiten und zu kämpfen, wie es Ernst Thälmann lehrt. Ich will nach den Gesetzen der Thälmannpioniere handeln. Getreu unserem Gruß bin ich für Frieden und Sozialismus immer bereit.”

Und neben den Ständern mit den Mikrophonen für die Ansprachen war dann immer ein ziemlich großes Bild aufgebaut, das sonst im Treppenhaus unserer Schule hing und Ernst Thälmann (1886-1944), den von den Nazis im KZ ermordeten kommunistischen Arbeiterführer, mit stolzem strahlenden Blick zeigte. Zwar glaubte ich damals längst nicht mehr alles von der Propaganda, die uns in der Schule so aufgetischt wurde. Aber die Geschichten über Ernst Thälmann und vor allem das besagte Porträt von ihm hatten ihre Wirkung auf mich nicht verfehlt. Sehr charismatisch kam er mir auf diesem Foto vor, das natürlich reichlich geschönt war, wenn man es heute mit den anderen Fotos von ihm vergleicht, die einem auf „Google Bilder“ angezeigt werden. Doch warum hätten es die damaligen Agitatoren der Weltrevolution schlechter machen sollen als die heutigen Influencer auf Instagram?

So kam es, dass ich mit freudiger Erregung reagierte (und wohl nicht nur mir ging es so), als uns unsere strenge Lehrerin eines Tages verkündete, dass unsere Schule, die den Namen „Ernst-Thälmann-Oberschule“ trug, prominenten Besuch erwartete: Die leibhaftige Tochter Ernst Thälmanns hatte sich angekündigt. Und das Beste daran war: Sie sollte ausgerechnet in unsere Klasse kommen. Welch eine Ehre für uns! Wir stellten uns Irma Gabel-Thälmann, wie sie mit vollständigem Namen hieß, als eine Art Lichtgestalt vor. Unsere Lehrerin erklärte uns, dass sie mit einem Herrn Gabel verheiratet sei, daher ihr Doppelname. Immer wieder lasen wir im Unterricht die Auszüge aus ihrer Autobiographie in unserem Lesebuch: Wie sie ihren Vater im KZ besucht hat und es ihr gelungen ist, ihn dabei heimlich zu fotografieren. Solche Sachen… Als der große Tag näher rückte, sorgte unsere strenge Lehrerin dafür, dass alles bis ins kleinste Detail vorbereitet wurde. Einige von uns sollten im Gespräch mit Irma Gabel-Thälmann Fragen an sie richten. Ich meldete mich und schlug vor, sie zu fragen, wie es ihr gelungen sei, ihren Vater heimlich im KZ zu fotografieren. Das fand unsere strenge Lehrerin sehr gut, woraufhin sie mir ihre Erlaubnis dazu erteilte, unserem berühmten Gast diese Frage zu stellen.

Endlich war der Tag gekommen. Doch welche Enttäuschung war es für mich (und bestimmt auch für viele meiner Mitschüler), als dann Irma Gabel-Thälmann unser Klassenzimmer betrat und das Wort an uns richtete. „Das soll die Tochter Ernst Thälmanns sein?!“, raunte mein Freund Olli mir zu. Und er fügte noch hinzu: „Das kann ich nicht glauben.“ Mir ging es ganz ähnlich. Vor uns stand eine korpulente ältere Dame mit blecherner Stimme in Begleitung eines noch älteren Herrn. Das war Herr Gabel, der wohl auf allen ihren Vortragsreisen mit dabei war. Anschließend erzählte sie uns dann noch einmal all das, was wir schon wussten. Wie alle anderen Fragesteller konnte auch ich meine vorbereitete Frage anbringen, wie es ihr gelungen sei, ihren Vater heimlich im KZ zu fotografieren, woraufhin sie uns jedoch nicht mehr erzählte, als wir zuvor schon darüber gelesen hatten, nämlich nur, dass sie ihren Vater heimlich im KZ fotografieren konnte, aber nicht, wie genau sie dies angestellt hatte.

Doch dann passierte etwas Unerwartetes. Herr Gabel, für den es offenbar schrecklich langweilig war, immer wieder aufs Neue die immer gleichen Geschichten von seiner Frau anhören zu müssen, hatte sich in die letzte Bankreihe neben Michi gesetzt, der einer unserer schwächsten Schüler war, aber gerne mal den Unterricht störte. Und nun machten doch tatsächlich Herr Gabel und Michi fortwährend gemeinsam Faxen und störten den Vortrag der Tochter Ernst Thälmanns. Und unsere strenge Lehrerin machte dabei ein wütendes Gesicht, durfte aber nichts dagegen sagen, da es ja der Ehemann der Tochter Ernst Thälmanns war, der da zusammen mit Michi unablässig herumkasperte. Wir alle, außer unserer strengen Lehrerin, fanden das sehr lustig.

Sieben Jahre später fiel dann die Mauer, und die DDR war bald darauf Geschichte. Irma Gabel-Thälmann (1919-2000), die in der DDR hauptberuflich als Funktionärin des Demokratischen Frauenbundes der DDR (DFD) tätig war, trat nach der Wende enttäuscht aus der SED-Nachfolgepartei PDS aus und schloss sich der 1990 wiedergegründeten KPD an, für die sie bei der Bundestagswahl 1994 im Wahlkreis Berlin-Lichtenberg kandidierte und immerhin 266 Stimmen gewann. Schließlich wurde sie am 9. Januar 2001, wie es sich für eine zünftige Altkommunistin gehört, auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde in der Gedenkstätte der Sozialisten bestattet.

justament.de, 24.1.2022: Durchbruch einer Diva

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor zehn Jahren erschien „Born to Die“ von Lana del Rey

Thomas Claer

Irgendwie dunkel und melancholisch, morbide und mysteriös. So wirkte vor genau zehn Jahren, Ende Januar 2012, die Musik von „Born to Die“, dem zweiten Album der damals erst 26-jährigen Lana del Rey, auf die Zuhörer, das der wundersamen Amerikanerin ihren ganz großen kommerziellen Durchbruch bescherte. Doch ist diese viel beachtete Platte seinerzeit auch äußerst umstritten gewesen: Die hat doch aufgespritzte Lippen, ist nicht womöglich alles bloß Fake an ihr?, fragten misstrauisch ihre Kritiker. Und dann standen ihr auch noch bei jedem Song diverse Co-Autoren zur Seite. Hatte sie denn überhaupt etwas von diesen Liedern selbst komponiert? Ebenso vorgehalten wurde ihr schließlich das unüberhörbare qualitative Gefälle zwischen den einzelnen Tracks auf dem Album.

Vielleicht wird ein schärferer Blick auf „Born to Die“ ja erst mit dem gebührenden zeitlichen Abstand möglich. Denn obschon einige Füllstücke, ein paar wirklich billige Disko-Nummern, den guten Gesamteindruck etwas trüben, ist doch das meiste auf dieser Platte überaus grandios. Hier hat Lana del Rey ihren ganz eigenen Stil ausgebildet, mit starken Bezügen auf die Sechziger, den sie in den darauffolgenden Jahren auf mittlerweile sechs weiteren Veröffentlichungen immer mehr perfektioniert hat. Dabei ist ihre Stimme keineswegs überragend, und ihre Songs reichen auch nicht durchgängig an die stilistisch verwandten Mazzy Star und Hope Sandoval heran. Und dennoch, sie sind schon verdammt gut, wobei die medialen Selbstinszenierungen, die Lana del Reys sehr spezifischen Ruhm vor allem begründet haben, sich zumindest nicht unmittelbar störend auswirken… Neben der Hit-Single „Video Games“, “Summertime Sadness” und dem Titelstück „Born to Die“ ist besonders „Blue Jeans“ hervorzuheben, ein ganz unglaublicher Song! So steht es also ganz außer Frage, dass sich Lana del Rey auf „Born to Die“ ihren Glamour-Girl-Status redlich verdient hat.

Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).

Lana del Rey
Born to Die
Universal Music 2012
ASIN: B0064IPOSE

justament.de, 10.1.2021: Graphic Novel 1.0

Thomas Claer empfiehlt Spezial: Vor 150 Jahren erschien „Die fromme Helene“ von Wilhelm Busch

Wer hat heutzutage eigentlich noch Zeit dazu, dicke Romane zu lesen? Wohl kaum jemand, und so überrascht es nicht, dass die Graphic Novel, die längere und thematisch anspruchsvolle Bildgeschichte im Buchformat, sich zunehmender Beliebtheit erfreut. Was allerdings weniger bekannt ist: So etwas hat es auch schon zur Kaiserzeit gegeben, wenn auch im deutschen Sprachraum nur von einem Solitär hervorgebracht, der mit einer außergewöhnlichen Doppelbegabung als Zeichner und Versdichter aufwarten konnte. Die Rede ist natürlich von niemand anderem als Wilhelm Busch (1832-1908), dem Godfather des deutschen Comics (gemeinsam mit dem noch früheren Struwwelpeter-Schöpfer Heinrich Hoffmann, versteht sich), dessen Werk sich freilich keineswegs in lustigen (wenngleich keineswegs harmlosen!) Kindergeschichtchen a la „Max und Moritz“ erschöpfte. Sieben Jahre nach dieser bis heute enorm populären „Bubengeschichte in sieben Streichen“ wagte sich Busch im Jahr nach der deutschen Reichsgründung, vor 150 Jahren, erstmals an die ganz große Form – und lieferte einen ganzen Roman in Reimen und Bildern.

„Die fromme Helene“ orientiert sich ganz am bürgerlichen Roman des 19. Jahrhunderts, den sie aber zugleich auf satirische Weise verfremdet. In 17 Kapiteln samt einem Epilog wird die Lebensgeschichte einer elternlosen Frau erzählt, die als junges Mädchen von ihrem Vormund zu Onkel und Tante aufs Land geschickt wird, um sie vor dem angeblich sündigen Großstadtleben zu bewahren. Ihr weiterer Lebensweg liest sich dann allerdings wie eine Aufeinanderfolge sündiger Versuchungen, denen sie oft genug nicht widerstehen kann, obwohl sie sich immer wieder mit Nachdruck an Religion, Sitte und Moral auszurichteten versucht. Der Plot bietet das volle Programm: Schon als Jugendliche eine amouröse Affäre mit ihrem Vetter, später dann die Heirat mit einem schwerreichen Industriellen, eine glänzende Partie. Es folgt – wie kann es in einem Quasi-Roman aus dem 19. Jahrhundert auch anders sein – der unvermeidliche Ehebruch, der jedoch gottlob unentdeckt bleibt. Nachdem ihr Ehemann an einer Fischgräte erstickt ist, wendet sich Helene ihrer langjährigen Liebschaft zu, wird aber nun ihrerseits von dieser hintergangen und bekommt schließlich ein ernstes Alkoholproblem. Und natürlich landet die „fromme Helene“ am Lebensende mit viel Trara in der Hölle, wo sie aber immerhin ihren Geliebten wieder trifft…

Das große Thema dieser Bildgeschichte ist also die religiös überhöhte Doppelmoral, wie sie sich im übrigen ganz ähnlich auch heute noch in weiten Teilen der Welt und nicht zuletzt auch in manchen Zuwanderermilieus unserer Großstädte zeigt. Und es ist nun einmal auch von immenser Komik, wie ein Mensch immer und immer wieder daran scheitert, ein vorgeblich gottgefälliges Leben zu führen. Besonders überzeugend gezeichnet sind auch die selbstgerechten Nebenfiguren, allen voran der stets mit erhobenem Zeigefinger auftretende Onkel Nolte.

Nun ist „Die fromme Helene“ allerdings in den letzten Jahrzehnten etwas ins Gerede gekommen angesichts des gegen ihren Verfasser oftmals erhobenen Antisemitismus-Vorwurfs. Denn es heißt im ersten Kapitel, in dem vor den vorgeblichen Gefahren des sündigen Großstadtlebens gewarnt wird:

„Und der Jud mit krummer Ferse,
Krummer Nas‘ und krummer Hos‘
Schlängelt sich zur hohen Börse
Tief verderbt und seelenlos.“

Doch hat schon der fabelhafte Robert Gernhardt seinen großen Lehrmeister gegen diesen Vorwurf (zumindest an dieser Stelle) in Schutz genommen, da es sich ganz offensichtlich um ein Rollengedicht handelt. Nicht der Verfasser der „Frommen Helene“ spricht im ersten Kapitel, sondern ein „frommer Sänger“, ein Feind vornehmlich aller Vergnügungen des Großstadtlebens:

„Wie der Wind in Trauerweiden
Tönt des frommen Sängers Lied,
Wenn er auf die Lasterfreuden
In den großen Städten sieht.

Ach die sittenlose Presse!
Tut sie nicht in früher Stund
All die sündlichen Exzesse
Schon den Bürgersleuten kund?!

Offenbach ist im Thalia,
Hier sind Bälle, da Konzerts.
Annchen, Hannchen und Maria
Hüpft vor Freude schon das Herz.

Kaum trank man die letzte Tasse,
Putzt man schon den ird’schen Leib.
Auf dem Walle, auf der Gasse
Wimmelt man zum Zeitvertreib.“

In diesem Zusammenhang steht der als krumm in jeder Hinsicht diffamierte Jude, der sich schlängelnd, also auf krummem Wege, zur Börse begibt (wo er vermutlich entsprechend krumme Geschäfte machen wird), also in einer Reihe mit all den anderen Phänomenen des bunten Großstadtlebens, die beim „frommen Sänger“ solchen Abscheu hervorrufen. Nimmt man noch die satirische Zuspitzung hinzu, so folgt daraus, dass Wilhelm Busch hier keineswegs antisemitische Klischees verbreitet, sondern sich im Gegenteil über das reaktionäre Weltbild der konservativ-bäuerlichen Landbevölkerung mitsamt ihrem Antisemitismus lustig macht. Im übrigen hat sich der Verfasser im weiteren Verlauf des ersten Kapitels – erneut auf indirekte Weise – sogar recht eindeutig selbst politisch positioniert:

„Schweigen will ich von Lokalen,
Wo der Böse nächtlich prasst,
Wo im Kreis der Liberalen
Man den Heil’gen Vater hasst.“

Indem er den „frommen Sänger“ auf solche Weise überzeichnet und der Lächerlichkeit preisgibt, macht Wilhelm Busch doch mehr als deutlich, wo seine eigenen Sympathien liegen.

Problematischer sind da schon andere Stellen im Werk dieses Künstlers: In der Figur Schmulchen Schievelbeiner im fünften Kapitel seiner grandiosen Geschichte „Plisch und Plum“ (1882) verwendet er zweifellos antisemitische Stereotypen, ohne sich eindeutig von ihnen zu distanzieren, was auch Robert Gernhardt einräumen musste. Ähnlich fatal aus heutiger Sicht mutet die Figur des „schwarzen Mannes“ im ersten Kapitel der ebenfalls ausgezeichneten Geschichte „Fipps der Affe“ (1879) an, die wohl nur zufällig ohne das N-Wort auskommt. Doch zeigt nicht zuletzt der ganz ähnlich gelagerte Fall Astrid Lindgrens hundert Jahre danach, dass auch eine grundsätzlich progressive Gesinnung niemanden zuverlässig davor schützt, mitunter zeitgebundenen abwertenden Klischees auf den Leim zu gehen. Und es empfiehlt sich für uns Nachgeborene, dies mit der gebotenen Milde und Nachsicht zu kontextualisieren, auf dass nicht eines Tages auch uns die Rechnung über unsere Verfehlungen und Versäumnisse präsentiert wird, von denen wir heute womöglich noch gar nichts ahnen…

Jahresende 2021: Ahnenforschung Claer, Teil 13

Mittlerweile ist es ja schon zur Tradition geworden, dass ich jeweils zu Beginn meiner „Forschungsberichte“ am Jahresende um Nachsicht für ihren leider immer wieder nur geringen Umfang bitte. Und so ist es auch diesmal. Aber immerhin sind dann doch wieder ein paar hoffentlich interessante Neuigkeiten, Entdeckungen, Erkenntnisse und Betrachtungen zusammengekommen…

1. Die Claers von der Post in Usdau

Im April dieses Jahres schrieb mir eine Frau Pola B. aus Olsztyn (Allenstein) in Masuren, dass sie auf meiner Website die Texte zu unserer ostpreußischen Familiengeschichte gelesen habe. Und weiter schreibt sie „Ich habe herausgefunden, dass Franz und Georg Claer Postbeamte in Usdau waren. Usdau ist meine Heimatstadt. Ich wohne derzeit in Allenstein.“

Ja, tatsächlich, der Ort Usdau taucht einige Male in meinen Forschungen auf, insbesondere als Geburtsort meines Urgroßvaters Georg Claer (1877-1930), von dessen Teilnahme am Boxeraufstand in China im Jahr 1900 in meinem vorigen Bericht ausführlich die Rede war.

Laut Wikipedia liegt Uzdowo, das frühere Usdau, 13 Kilometer nordwestlich der heutigen Kreisstadt Działdowo (deutsch Soldau) und 21 Kilometer westlich der einstigen Kreismetropole Neidenburg (polnisch Nidzica). Usdaus Einwohnerzahl betrug im Jahr 1905 gerade einmal 645. Im Jahr 1931 waren es dann 886, im Jahr 2007 sogar 1000, jedoch 2011 nur noch 784. Heute ist das Dorf immerhin Sitz eines Schulzenamts (polnisch Sołectwo). Während des 1.Weltkriegs war es im am 27. August 1914 im Verlauf der „Schlacht bei Tannenberg“ beim „Gefecht von Usdau“ fast vollständig zerstört worden. Noch im Ersten Weltkrieg begann der Wiederaufbau.

Eine dem Wikipedia-Beitrag beigefügte alte Fotografie zeigt die Bergung im Gefecht von Usdau gefallener russischer Soldaten in Usdau – August 1914:

Ein weiteres Bild einen Gedenkstein an die Kriegstoten mit erklärender Schrifttafel auf Deutsch und Polnisch:

(Quelle jeweils: https://de.wikipedia.org/wiki/Uzdowo)

Frau Pola B., die sich als Hobby-Heimatforscherin zu erkennen gab, fragte mich, ob ich vielleicht weitere alte Bilder oder Materialien von Usdau hätte. Da musste ich sie leider enttäuschen, woraufhin sie mir aber dankenswerterweise umgekehrt interessantes Bildmaterial vom heute noch erhaltenen früheren Postamt Usdau zur Verfügung stellte. Hier haben die Claers von der Post in Usdau also wahrscheinlich einst gearbeitet:

Darüber hinaus schlug Frau Pola B. mir vor, dass ich an die Poczta Polska SA in Warschau schreiben könne, um Archivunterlagen und vielleicht auch nähere Dokumente über die Post in Usdau zu erhalten, was ich bisher aber noch nicht getan habe.

Nun ist Usdau aber nicht nur der Geburtsort meines Urgroßvaters Georg Claer (1877-1930), sondern außerdem – im Fragebogen der „Reichsstelle für Sippenforschung“ von meinem Großvater Gerhard noch nachträglich handschriftlich hinzugefügt – der Hochzeitsort seiner Eltern, meines Ururgroßvaters Franz Claer (1841-1906) und meiner Ururgroßmutter Henriette Claer, geb. Stryjewski (1845-1931), als deren Geburtsort dort ebenfalls Usdau angegeben ist. Leider fehlt zu ihrer Hochzeit eine Jahresangabe, es sollte aber einige Jahre vor der Geburt meines Urgroßvaters Georg 1877 gewesen sein, denn zuvor ist im Jahr 1872 auch noch sein älterer Bruder Otto Albert Claer, der später Postsekretär in Königsberg wurde, zur Welt gekommen. Von letzterem fehlt uns, soweit ich in meinen Unterlagen sehe, zwar die Geburtsurkunde, aber aus dem späteren Hochzeitseintrag von Otto Albert Claer und Emma Sakrszewski von 1899 geht hervor, dass Otto Albert Claer am 13. November 1872 ebenfalls in Usdau geboren ist (als „Sohn des früheren Schneidermeisters und jetzigen Landbriefträgers Franz Claer“ steht dort). Bingo! Daraus folgt nun also, dass mein Ururgroßvater Franz Claer vor November 1872 in Usdau meine Ururgroßmutter, die dort geborene Henriette Stryjewski geheiratet hat. Franz war damals also höchstens 31 Jahre alt, Henriette höchstens 27. Aber wie ist Franz, der als jüngster Sohn meines Urururgroßvaters, des Jägers Friedrich Claer (1799-18??) in Eichenberg/Drusken, Amt Wehlau (gelegen einige Kilometer östlich von Königsberg) geboren wurde, ins relativ weit entfernte Usdau gekommen bzw. wie konnte er meine dort lebende Ururgroßmutter Henriette überhaupt kennenlernen?

Laut Google Maps beträgt die Entfernung zwischen dem heute russischen Snamensk (dem früheren Wehlau) und Uzdowo (Usdau) mindestens 224 Kilometer, was einer heutigen Fahrzeit mit dem Auto von mehr als drei Stunden entspricht.

Die wahrscheinlichste Antwort auf diese Frage ergibt sich wiederum aus den Eintragungen meines Großvaters Gerhard in den Fragebogen der Reichsstelle für die Sippenforschung. Als Beruf seines Großvaters Franz hat er dort nicht Postangestellter und nicht Landbriefträger angegeben, sondern: Postschaffner.

Bevor Franz Claer sich also mit Anfang dreißig in Usdau niedergelassen und als Landbriefträger verdingt hat, seine Frau Henriette geheiratet und mit ihr seine ersten beiden Söhne Otto und Georg bekommen hat (denen später noch der dritte Sohn Richard sowie die Töchter Amelia/Armanda, Martha und Hedwig folgen sollten), war er als Postschaffner tätig und ist als solcher vermutlich viel herumgereist. Und das, obgleich er – wie oben erwähnt – bereits eine Umschulung vom Schneidermeister (!) zum Postangestellten hinter sich hatte, über deren Gründe wir auch nur spekulieren können. (Vielleicht hatte er einen Arbeitsunfall und konnte fortan nicht mehr nähen. Oder lockte ihn womöglich die Aussicht auf das Herumreisen als Postschaffner?)
Wie auch immer: Mit meinem Ururgroßvater Franz Claer (1841-1906) hat die kleine Dynastie der Claers von der Post zumindest in unserem Familienzweig begonnen. Und diese Anfänge waren mit dem Ort Usdau verbunden. Wenngleich es, wie wir früher schon entdeckt haben, auch noch weitere Claers und Klaers von der Post gegeben hat, dazu gleich mehr im folgenden Kapitel.

2. Das i-Tüpfelchen. Überlegungen und Spekulationen zur Schreibweise unseres Namens

Ich erinnere mich noch daran, wie mein Vater Joachim (1933-2016) mich irgendwann einmal darauf hingewiesen hat, dass sein Vater, mein Großvater Gerhard Claer (1905-1974), in seiner Unterschrift immer einen Punkt oder kleinen Strich über dem Namen gemacht habe. Das komme daher, dass die Schreibweise unseres Namens früher Clair mit ai gewesen sei, das habe er in der Unterschrift so beibehalten. Sein Bruder Gerd (1943-2016), mein Onkel, mache es auch, und mein Vater habe es ganz früher ebenso gemacht, es dann aber irgendwann weggelassen, weil er es umständlich gefunden habe.

In der Tat lässt sich in den Unterschriften meines Großvaters Gerhard und meines Onkels Gerd jeweils deutlich das i-Tüpfelchen erkennen, bei ersterem eher ein Strich, bei letzterem eher ein Punkt.

Nun stellt sich die Frage: Wo haben sie das her? Mein bereits erwähnter Urgroßvater Georg Claer von der Post (1877-1930) wurde laut Geburtsurkunde immer mit ae geschrieben. Dessen Vater, der ebenso bereits erwähnte Franz Claer von der Post (1841-1906) steht auch mit ae in allen uns vorliegenden Dokumenten. Allerdings haben wir von ihm (noch) keine Geburtsurkunde aus Eichenberg/Drusken, Amt Wehlau. Wir wissen nur, dass sein Vater Friedrich Clair (1799-18??), als er 1840 als „invalider Jäger“ seine neue Stelle in Eichenberg/Drusken antrat, in den offiziellen Bekanntmachungen einmal Clair und einmal Clär geschrieben wurde, was alle Möglichkeiten offen lässt. Wir wissen außerdem, dass alle älteren Geschwister von Franz in ihren Geburtsurkunden mit ai geschrieben wurden, nämlich in Corjeiten 1824 Wilhelm Friedrich sowie in Juditten bei Königsberg 1826 Heinrich Julius, 1828 Amalia Dorothea, 1830 Albert Eduard, 1833 Herrmann August, 1835 Justina Wilhelmine, 1837 Auguste Ernestine und 1839 Otto Conrad.

Auch wenn es unklar ist, ob Franz Claer bei seiner Geburt noch mit ai oder schon mit ae geschrieben wurde: Die Marotte mit dem i-Tüpfelchen in der Unterschrift trotz anderslautender amtlicher Namensschreibweise dürfte auf ihn zurückgehen. Denn während seine Eltern und alle seine Geschwister sich noch mit ai schrieben, wurden seine Kinder ab 1872 allesamt schon als Claers mit ae geboren.

Der Vater des Franz Claer von der Post, der erwähnte Jäger Friedrich Clair wurde vor 1840 ebenfalls in allen Dokumenten mit ai geschrieben, in seinem Geburtseintrag im Kirchenbuch von Ludwigswalde steht sogar Klair mit K. Auch dessen Vater, der vermutlich 1770 geborene Unterförster Friedrich Wilhelm Klair wird dort so geschrieben, allerdings dessen anderer Sohn, Friedrichs Bruder Johann Wilhelm Clair (1803-1880) sowie Friedrich Wilhelm Klairs mutmaßlicher Bruder, der königliche Förster Johann Friedrich Clair, wiederum mit C. Davor tut sich eine Lücke auf, die wir noch nicht schließen konnten. Die aus St. Imier im Berner Land eingewanderten ersten ostpreußischen Clairs in der Schweizer Kolonie in Gumbinnen um 1712 wurden in den Dokumenten teilweise Clerc und teilweise Clair geschrieben.

Klar ist, dass die Schreibweisen in den Kirchenämtern zunächst willkürlich waren. Hinzu kommt, dass bis weit ins 18. Jahrhundert hinein längst nicht jeder lesen und schreiben konnte. Die allgemeine Schulpflicht in Preußen geht auf das Edikt des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. vom 28. September 1717 zurück. Allerdings verlief dessen Umsetzung längere Zeit nur schleppend. Es fehlte an Lehrkräften und Schulen, die Kinder wurden oft als Arbeitskräfte gebraucht. So blieb die Schreibweise der Namen zu dieser Zeit vornehmlich dem Gutdünken der Kirchenbuchschreiber überlassen. Allerdings heißt es auf der Seite
https://kreis-gumbinnen.de/historie/neue-buerger/schweizer/, die eine Liste mit Familiennamen aus der Schweizer Kolonie enthält, in der unsere Clercs/Clairs jedoch fehlen (sie stehen nur im Heiratsregister des Kirchenamts Judtschen und beziehen sich auf 1712, siehe meine früheren Texte):

„Als Schreibweise wurde bei solchen Namen, die im Laufe der Zeit Änderungen erfahren haben, die nach Daten älteste gewählt. Sie wurde von Geistlichen französischer Herkunft gebraucht, die erfahrungsgemäß die Namen in richtiger Schreibweise wiedergaben.“

Das heißt, wir können von Clerc oder Clair als ursprünglicher Schreibweise ausgehen, wobei Clerc als Berufsbezeichnung für einen Geistlichen oder jemanden, der lesen und schreiben kann, mir eher noch plausibler erscheint. Wobei natürlich weiterhin auch noch die vornehmlich von meinem Cousin vierten Grades Manfred Claer aus Saarbrücken vehement vertretene Adelstheorie im Rennen ist, wonach unsere Vorfahren in der französischen Schweiz zu den Abkömmlingen des anglonormannischen Adelsgeschlechts der de Clare/v.Claer gehören…

Wann genau aber hat es schließlich eine Vereinheitlichung der Namensschreibweisen gegeben? In Preußen war das mit der Einführung von Personenstandsregistern/Standesamtsregistern am 1. Oktober 1874. (https://genwiki.genealogy.net/Personenstandsregister)

Dennoch soll es auch danach noch gelegentlich unterschiedliche und uneinheitliche Namensschreibweisen gegeben haben, vor allem auf dem Lande, bevor dies ab ca. 1900 dann nicht mehr der Fall gewesen sein soll. (Allerdings erinnere ich mich daran, dass in der Geburtsurkunde aus Geierswalde des 1901 zur Welt gekommenen Erich Claer von der Deutschen Bank, des Sohnes des erwähnten Otto Albert Claer von der Post und des Vaters unseres prominentesten Familienmitglieds Hans-Henning „Moppel“ Claer, von dem später noch ausführlich die Rede sein wird, die Namenschreibweise Clär mit ä lautete.)

Könnte es aber sein, dass wir deshalb keine Geburtsurkunde des – siehe oben – 1872 in Undau geborenen Otto Albert Claer von der Post gefunden haben, weil es zwei Jahre vor der Einführung amtlicher Personenregister in Preußen noch keine Geburtsurkunden gegeben hat? Seine jüngeren Geschwister, darunter auch mein Urgroßvater Georg, sind alle nach 1874 geboren, und für sie alle haben wir amtliche Geburtsurkunden gefunden.

Bis hierhin habe ich mich beinahe ausschließlich an Fakten gehalten, nun aber beginne ich zu spekulieren: Unsere Namensschreibweise Claer mit ae lässt sich wie gesagt erst in den 1870er Jahren sicher nachweisen. Könnte es hier einen Zusammenhang mit der Gründung des Deutschgen Reiches 1871 nach einem deutsch-französischen Krieg geben, der nicht der erste gewesen ist und nicht der letzte sein sollte!)? Standen französische Familiennamen zu jener Zeit womöglich unter Anpassungsdruck?

Ausgeschlossen ist, dass es Franz Claer wie seinem Großvater erging, dessen Kinder um 1800 von Kirchenbuchschreibern nach Belieben heute so und morgen anders geschrieben wurden. Franz Claer konnte als Postbeamter sehr wohl hinlänglich lesen und schreiben und dürfte nicht zuletzt aus berufsbedingter Pingeligkeit (und diese Eigenschaft hat sich nach meiner Kenntnis und Erfahrung direkt auf meinen Großvater Gerhard, meinen Vater Joachim, meinen Onkel Gerd und nicht zuletzt auf mich selbst vererbt!) genau gewusst haben, wie sein Name geschrieben werden sollte. Aber wenn er die latinisierte Schreibweise mit ae selbst gewählt hätte, warum dann das i-Tüpfelchen in der Unterschrift bei zumindest seinem Enkel und zunächst zweien, später noch einem seiner Urenkel. War es eine Protesthaltung gegen die Latinisierung der Namensschreibweise durch den Großvater? Oder vielmehr eine Protesthaltung gegen eine dem Großvater aufgezwungene Latinisierung des Familiennamens, die in der Familie über drei Generation weitergegeben wurde?

Es könnte natürlich auch ganz anders gewesen sein. Wie wir wissen, gab es im 19. Jahrhundert Angehörige der bereits erwähnten Adelsfamilie v. Claer, die sich seit der vornehmen Latinisierung ihres ursprünglich anglonormannischen Namens de Clare mit ae schrieb, auch in Ostpreußen. Womöglich fand Franz Claer von der Post diese Schreibweise irgendwie gut und erstrebenswert und änderte selbst aus diesem Grunde das i in ein e. Aber wie passt das mit dem i-Tüpfelchen in der Unterschrift zusammen?

Wir werden es vermutlich nie genau erfahren, aus welchem Grunde unsere latinisierte Namensschreibweise in die Welt gekommen ist. Aber es darf weiter munter darüber spekuliert werden.

Soweit ich sehe, gibt es bis heute vier verschiedene Schreibweisen unseres Namens bei aus Ostpreußen stammenden Claers. Neben unserer ist da zunächst die (fast) ursprüngliche Schreibweise Clair, wobei mir diese bisher nur von einem Michael Clair aus Köln mit ostpreußischen Wurzeln bekannt ist, der mir vor vielen Jahren einmal seinen Stammbaum geschickt hat, den ich in unsere Stammbäume bisher aber leider noch nicht einordnen konnte. Weiterhin gibt es die Schreibweise Klaer mit K, die wir besonders gehäuft in Königsberg gefunden haben, wo es mehrere Postangestellte dieses Namens gab, die auffällig oft Johann hießen, was eventuell entweder auf den Bruder „unseres“ Friedrich Clair aus Ludwigswalde, Johann Wilhelm, hindeutet oder auf dessen ebenfalls in Ludwigswalde ansässigen mutmaßlichen Onkel Johann Friedrich. Einen aus Königsberg stammenden Johann Klaer, der nach dem Krieg in Bochum lebte, hatten wir in einer Todesanzeige im Ostpreußenblatt gefunden. Und schließlich bleibt noch die vollkommen eingedeutschte Schreibweise Klehr, auf die wir sogar einmal in der Gegend von Neidenburg gestoßen sind und mehrmals in Schlesien (wohin ein Teil der ostpreußischen Claers abgewandert ist, siehe meine früheren Berichte). Es könnte sein, dass diese totale Eindeutschung einen deutschnationalbewegten Hintergrund hat (sie kann aber genauso gut rein zufällig erfolgt sein). Allerdings erinnere ich mich dunkel daran, dass ich in einem früheren Bericht einen Nazi-Kriegsverbrecher namens Klehr aus Schlesien erwähnte mit dem Zusatz, dass es sich bei ihm hoffentlich nicht um einen Verwandten von uns handelt.

3. John Clare – Liebling des Feuilletons
Wie ein roter Faden ziehen sich die Schriftstellergene, wenn es sie denn gibt, durch unsere Namenslinie, wie auch die zwei folgenden Beispiele beweisen: Zum einen ist dies der bereits in einem meiner früheren Berichte umfassend gewürdigte englische Naturdichter John Clare (1793-1864), laut Wikipedia einer der besten Beschreiber des Landlebens. Nun liegt eine Gedichtsammlung von ihm in neuer deutscher Übersetzung vor (genau genommen handelt es sich um eine Gegenüberstellung dieser und der englischen Originale), die Thomas Steinfeld, einen der renommiertesten Feuilletonisten der Süddeutschen Zeitung, zu einer fast ganzseitigen Lobeshymne auf diesen Romantiker veranlasste.

Im mittlerweile aktualisierten Wikipedia-Eintrag heißt es über ihn:

„John Clare wurde am 13. Juli 1793 in Helpstone als Sohn eines Tagelöhners geboren. Er entwickelte sich trotz sehr geringer Bildungsmittel glücklich und schnell. James Thomsons Seasons weckten sein poetisches Talent und begeisterten den dreizehnjährigen Jungen zu dem Lied “The morning walk” und dessen Gegenstück “The evening walk”. John Turnill in Helpstone nahm sich seiner an und unterrichtete ihn im Schreiben und Rechnen. Seinen Unterhalt erwarb sich Clare durch Handarbeiten und Violinspiel, Gott und die Natur besang er alleine zum eigenen Vergnügen. 1818 kam sein “Sonett auf die untergehende Sonne” in die Hände des Buchhändlers Drury zu Hamford, und dieser veranlasste die Ausgabe einer Sammlung von Clares “Poems descriptive of rural life and scenery”, die allgemeine Teilnahme erregte. Eine andere, ebenso erfolgreiche Sammlung seiner Gedichte erschien unter dem Titel “The village minstrel, and other poems”. Hierdurch in den Besitz eines kleinen Vermögens gelangt, ließ sich Clare in Helpstone häuslich nieder, geriet aber durch unglückliche Landspekulation in Elend. Die letzten 27 Jahre seines Lebens verbrachte John Clare in der Psychiatrie. In einer psychiatrischen Klinik (lunatic asylum) starb er am 19. Mai 1864.

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/John_Clare)

Thomas Steinfeld schreibt in seinem besagten Feuilleton-Beitrag u.a.: „Im deutschen Sprachraum gab es, den vielen Armutskindern und Hungerleidern zum Trotz, keinen romantischen Dichter, der in solcher Not aufwuchs und den dieses Elend, einiger buchhändlerischer Folgen ungeachtet, auch nie verließ. Clares Schulbildung war fragmentarisch, die Sprache auch seiner Gedichte von seiner Herkunft aus dem ländlichen Proletariat geprägt, die Grammatik zumindest persönlich. Dennoch schrieb er, zum Erstaunen schon der Zeitgenossen, mehr als dreitausend Gedichte… Einer seiner Pfleger im ‚lunatic asylum‘ berichtete, von John Clare sei im täglichen Umgang vor allem Wirres zu vernehmen gewesen. Sobald er indessen dichtete, habe er sich klar und konzentriert ausgedrückt.“

Am Ende seines Lebens sei sein literarischer Ruhm, der ihn in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts in die literarischen Kreise Londons geführt hatte, längst wieder verblasst. Doch sei er zu Beginn des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt und 1935 mit einer Gesamtausgabe gewürdigt worden.

Eine Verbindung zu unseren Claers liegt nicht unbedingt nahe. Vielleicht aber war er ein unstandesgemäßer Abkömmling des erwähnten anglonormannischen Adelsgeschlechts der de Clare.

4. José Claer – Romancier und Poet

Weiterhin bin ich durch Zufall auf einen kanadischen Autor unseres Namens mit exakt gleicher Schreibweise gestoßen: José Claer, geboren am 28. Mai 1963 in Mont-Laurier, wird in einem französischsprachigen Wikipedia-Eintrag als ein quebeckischer Romancier und Poet beschrieben. Hier eine kurze Zusammenfassung der Übertragung aus dem Übersetzungsprogramm:

Nach seinem Studium der Kommunikationswissenschaften an der Universität Ottawa arbeitete José Claer als Öffentlichkeitsarbeiter und Menschenrechtsbeauftragter für eine internationale Organisation. Er lebt in der Region Gatineau, wo die Éditions Vents d’Ouest seine ersten Romane veröffentlichen: In seinem Debüt-Roman „Nue, un dimanche de pluie“ (2001) geht es um sadomasochistische Beziehungen. (Hui, dieses Thema wäre wohl selbst dem prominentesten Autor in unserer Familie zu heiß gewesen, von dem gleich noch die Rede sein wird…) Für seine Romane erhielt er einige Kritiken in der Presse von Québec.

Er wurde Kommunikationsagent in Ottawa und schrieb als Korrespondent für die Zeitschriften „Vie des arts“ und „Liaison“ Artikel zum Thema bildende Kunst. Viele seiner Kurzgeschichten wurden in Kollektiven wie La Nuit des gueux, XXX und Virages (2010) veröffentlicht.

Er begann, Gedichte zu schreiben (wie sein erwähnter englischer Namensvetter) und veröffentlichte seine erste Sammlung im März 2010, in der der Akzent auf dem Zusammentreffen von Eros und Thanatos in ein und derselben Person liegt…

Schließlich hat er sich in den letzten Jahren als LGBTQI+-Aktivist positioniert, wurde für einen Podcast zum Thema queere Literatur befragt und in der Sendung “Les Malins” des Radiosenders Radio-Canada am 24.08.2019 zum Thema Coming-out interviewt. Er wirkte mit im Video von François Desrochers für « La Fabrique culturelle » von Télé-Québec unter dem Titel : “La poésie transformée de José Claer.” Mit seinem öffentlichen Coming-out als Transmann habe der Dichter José Claer einen wichtigen literarischen Kurswechsel eingeleitet.

(Quelle: https://fr.wikipedia.org/wiki/Jos%C3%A9_Claer)

Und nun stellt sich ernsthaft die Frage, ob er bzw. er/sie * (wie auch immer) mit uns verwandt sein könnte. Es sei daran erinnert, dass Dieter Claer (1933-2005), der jüngere Bruder unseres prominentesten Literaten Hans-Henning „Moppel“ Claer, in den 1950er Jahren nach Kanada ausgewandert ist (allerdings nicht in den französischsprachigen Teil) und dort noch zahlreiche Abkömmlinge von ihm leben (zu denen teilweise sogar noch Kontakt besteht). Sollte auch José Claer einer von ihnen sein, dann wäre das natürlich der Brüller…

5. Mein Vater als Briefeschreiber (1)

Nun aber zu meinem Vater Joachim Claer (1933-2016), der ebenfalls ein bemerkenswerter Schreiber war, wenngleich er leider keine größeren schriftstellerischen Werke im eigentlichen Sinne hervorgebracht hat, sondern sich ganz überwiegend auf die kleinen Formen der Alltagskommunikation beschränkt hat, die aber dafür glücklicherweise recht gut dokumentiert sind, vor allem was den Briefwechsel mit meiner Mutter Ilse Claer geb. Nützmann (ebenfalls 1933-2016) betrifft.

Die folgenden drei Briefe sowie das sich daran anschließende Telegramm (die Jüngeren mögen googeln, was das gewesen ist) aus dem Herbst 1964 habe ich einer Schachtel aus dem Nachlass meiner Eltern mit der vielsagenden Aufschrift „Amouretten“ entnommen, die allerdings ausschließlich Briefe enthält, die mein Vater an meine Mutter geschrieben hat. Deren Antworten sind leider nicht erhalten. Trotz des sehr privaten Charakters dieser Korrespondenz halte ich die Veröffentlichung in dieser Form für relativ unbedenklich, da sie sich – vermutlich auch zeitbedingt – auf einer zumindest verbal sehr sittsamen Ebene abspielt. Hinzu kommt, dass mittlerweile kaum noch involvierte Personen aus jener Zeit am Leben sein dürften.

Die Briefe sprechen weitgehend für sich und bedürfen keiner weiteren Kommentierungen. Daher hier nur wenige erklärende Sätze über die Ausgangssituation: Meine Eltern hatten sich bereits auf der Oberschule im mecklenburgischen Teterow wohl bald nach Kriegsende kennengelernt und waren damals schon für einige Zeit ein Paar. Nach der Schule haben sie sich allerdings jahrelang aus den Augen verloren. Mein Vater war anderweitig verheiratet und wurde dann wieder geschieden. Als meine Eltern im Herbst 1964, im Alter von jeweils 31 Jahren, wieder miteinander in Kontakt getreten sind, hat meine Mutter nach abgeschlossenem Medizinstudium schon seit einigen Jahren als Ärztin in Greifswald gearbeitet. Mein Vater, der zunächst als ausgebildeter Sportlehrer an einer Schule in Rostock unterrichtet hatte, hat nach einer Sportverletzung ebendort ein Medizinstudium aufgenommen und steht wohl kurz vor seinen Abschlussprüfungen.


Wenn es damals schon Emojis gegeben hätte, hätte man beim Telegramschicken noch Geld sparen können… Die Fortsetzung erscheint im nächsten „Forschungsbericht“.

Abschließend hier nur noch die nicht ganz unwichtige Information, dass meine Eltern bereits am 15. Dezember 1964 im Standesamt Rostock geheiratet haben, also kaum mehr als zwei Monate nach ihrem Wiedersehen und keine drei Monate, nachdem mein Vater den obenstehenden Brief an meine Mutter geschrieben hat. So war das damals. Erst weitere sieben Jahre später bin ich auf die Welt gekommen.

6. Lass‘ jubeln, Kumpel: Zum 90. Geburtstag von Hans-Henning Claer. Eine Hommage

Und nun soll wie angekündigt auch noch einmal der einzige Prominente unserer Familie zu seinem Recht kommen. Nur aus dem bereits im vorigen Kapitel angeführten Grund, dass inzwischen (fast) keine Verwandten oder Bekannten aus der Generation meiner Eltern mehr am Leben sind, vor denen ich mich schämen müsste, bringe ich es über mich, nun von meiner ersten Begegnung mit Hans Henning „Moppel“ Claer zu erzählen. Ich muss wohl 15 oder 16 Jahre alt gewesen sein. Damals, es war wohl ca. 1986, lebte ich mit meinen Eltern in einem kleinen Dorf am Stadtrand von Lübeck – aber auf der Ost-Seite, nahe dem Grenzgebiet. Wegen der exponierten Lage ganz dicht am Westen gab es, was damals in der DDR sehr wichtig war, exzellenten Westfernseh-Empfang. Und das Beste und Neueste war, dass es seit Mitte der Achtziger neben den gewohnten öffentlich-rechtlichen Kanälen auch noch zusätzlich zunächst zwei Privatfernsehsender gab: RTL plus und Sat1. Die konnte man in der DDR nur in unmittelbarer Nähe der Westgrenze empfangen, weshalb wer dort wohnte, zu dieser Zeit besonders häufig Besuch aus anderen Teilen der DDR empfing. Denn im Privatfernsehen lief – was die größte Attraktion war – jeden Samstagabend um 23 Uhr ein sogenannter „versauter Film“. Es handelte sich um „Sexklamotten“ aus den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren mit Titeln wie „Frau Wirtin bläst Trompete“ oder „Beim Jodeln juckt die Lederhose“ oder eben auch „Lass jucken, Kumpel“. Zwar muss man betonen, dass das, was dort gezeigt wurde, aus heutiger Sicht an Harmlosigkeit kaum zu überbieten ist. Zweifellos geht das, was sich heute Mittelstufenschülerinnen und Mittelstufenschüler auf ihren Handys zuschicken, weit über alles hinaus, was seinerzeit im „Schulmädchenreport“ zu sehen war. Und doch hatte es den geheimen Reiz des Verbotenen, vor allem für uns im Osten, wo ja auch anderes solcher Art kaum zu bekommen war. Kurz gesagt, ich entwickelte eine gewisse, wohl auch altersbedingte Neugier auf solche Filme, wie sie zu besagter Stunde im Nachtprogramm der Privatsender gezeigt wurden, und sah mir gelegentlich im kleinen Schwarzweißfernseher, der in meinem Zimmer stand, natürlich mit äußerst reduzierter Lautstärke und immer mit dem Finger am Senderknopf, um rechtzeitig umschalten zu können, falls jemand hereinkommen würde (es gab ja im Osten keine Fernbedienungen) so etwas an.

Und dann geschah es: Die Ansagerin – damals wurde tatsächlich noch jede Fernsehsendung von einer Ansagerin im adretten Kostüm angesagt, und im Privatfernsehen waren das ausnahmslos besonders attraktive junge Frauen – die Ansagerin also sagte um kurz vor elf: „Und nun ein Film von Hans Henning Claer…“ Und bald darauf sah ich den Vorspann des Films mit dem Schriftzug „Hans Henning Claer“. Ich war ganz aufgeregt, dass da jemand genau unseren Namen trug, denn bisher hatte ich immer geglaubt, dass niemand sonst so heißen würde wie wir. Nur leider konnte ich es meinen Eltern nicht erzählen. Es wäre natürlich viel zu peinlich gewesen, die näheren Umstände zu erklären. Niemals wurde in unserer sittenstrengen Familie auch nur ein Wort darüber gesprochen, was jede Woche im Privatfernsehen gezeigt wurde.

Und so ist mir Hans-Henning Claer erst wieder mehr als zwei Jahrzehnte später im Rahmen meiner „Ahnenforschung“ begegnet. Oft hatte ich mir in all den Jahren den Familien-Stammbaum, den mein Großvater hinterlassen hat, angeschaut und jedes Mal festgestellt, dass es wohl keine Verwandten unseres Namens außer meinem kinderlosen Onkel Gerd mehr geben könne. Die einzige Nebenlinie, die dafür infrage käme, endete dort mit Erich Claer und seinen zwei Schwestern. Dass hier eine Verbindung zu dem anrüchigen Buchautor Hans Henning Claer bestehen könnte, dessen Bücher ich in den Neunzigerjahren als Oberschüler in Bremen manchmal auf dem Flohmarkt liegen gesehen und neugierig betrachtete hatte (aber natürlich traute ich mich nicht, sie mit nach Hause zu nehmen), dass eine Verbindung also zwischen ihm und unserer sittenstrengen Familie bestehen könnte, das konnte ich mir lange Zeit nicht vorstellen.

Und dann bestellte ich mir vor etwas über zehn Jahren aber doch zu Forschungszwecken Hans Henning Claers Autobiographie „Bulle, Schläger, Nuttenjäger“. Ja, nun war alles klar. Als ich meinem Vater daraufhin meinen „Forschungsbericht“ geschickt hatte, schämte er sich für diese heikle Verwandtschaft so sehr, dass er meinen Text vor meiner Mutter verheimlichte. Aber einige Zeit später nahm er mich bei einem Treffen einmal zur Seite und sagte zu mir: „Mir fällt das jetzt erst wieder ein: Damals in der Schule haben mir die älteren Schüler manchmal ‚Moppel Claer‘ hinterhergerufen und laut gelacht. Ich wusste nie, was das sollte. Ich kannte den ja nicht. Die werden dann wohl den gemeint haben…“ Mein Vater war zwar grundsätzlich sportinteressiert, aber es muss wohl an ihm vorbeigegangen sein, dass „Moppel“ Claer schon bald nach Kriegsende ein populärer Boxer in West-Berlin gewesen ist, der offenbar auch in Mecklenburg seine Fans hatte…
Anlässlich seines 90. Geburtstag am 30. Dezember hier noch eine kleine Serie historischer Fotos von ihm, die derzeit im Internet kursieren, in chronologischer Reihenfolge:

Das Bild „Boxer-Siegerehrung“ ist bei Ebay zum Preis von 28,00 Euro versandkostenfrei erhältlich.

Ebenfalls 28,00 Euro bei Gratisversand werden für das Bild „Boxkampf Schimanski gegen Claer“ bei Ebay aufgerufen.

Für nur 9,90 Euro ist hingegen – ebenfalls bei Ebay – die Filmzeitschrift „Film-Echo/Filmwoche/Filmblätter Nr. 27 vom 15. Mai 1974 zu haben.

Und schließlich käme man bei diesem Pressefoto aus den Siebzigerjahren sogar schon für 5,99 Euro zum Zuge.

7. Schluss und Ausblick
Soviel also für diesmal von der Familienforschung. Im nächsten Jahr geht es weiter mit hoffentlich wieder vielen neuen Erkenntnissen und Entdeckungen.

justament.de, 27.12.2021: Verdammt lang her

Vor 40 Jahren erschien „Für usszeschnigge!“ von BAP

Thomas Claer

Mit der deutschen Sprache in den Liedertexten der populären Musik ist es ja so eine Sache. Es lässt sich nun einmal nicht gut in dieser eckigen, kantigen, widerborstigen Sprache singen. Dagegen hilft zweierlei: entweder ins Englische ausweichen, was natürlich sehr fantasielos ist. Oder man singt in deutschen Dialekten – und siehe da: Es harmoniert doch gleich viel besser. Wohl beinahe alle unsere regionalen Mundarten sind, wenn man sie denn beherrscht, weitaus einfacher und flüssiger singbar als das Hochdeutsche. Ihr weiches Dahinfließen schmiegt sich der Musik förmlich an. Plattdeutsche Texte zum Beispiel passen wunderbar zu Rockmusik, wie Torfrock und Achim Reichel schon in den Siebzigern bewiesen haben. Bayrisch hingegen geht sehr gut mit bläserbetontem Jazz, wie es Haindling seit den Achtzigern sehr überzeugend vorexerziert hat. Auf Österreichisch lässt sich sogar fabelhaft rappen, wie es der Sänger Falco („Wer sich an die Achtziger erinnern kann, der ist nicht dabeigewesen.“) in ebenjenem Jahrzehnt gezeigt hat.

Und dann waren da auch noch BAP, die vor nunmehr vierzig Jahren ihren Durchbruch mit Rockmusik auf Kölsch feiern konnten. „Für usszeschnigge!“, das Ende 1981 erschienen ist, war damals bereits ihr drittes Album, verhalf der rheinischen Rock-Combo aber mit dem Mega-Hit „Verdamp lang her“ zum ganz großen Erfolg. Wer sich diesem wirklich exzellenten Album nähern will, ist gut beraten, all das auszublenden, was mit BAP in den vier Jahrzehnten danach passiert ist. Angesichts ihrer übergroßen Popularität positionierte sich die Band mit den inhaltlich engagierten Texten später immer mehr als politisches Projekt. Sänger Wolfgang Niedecken avancierte – gleich neben Herbert Grönemeyer – zur moralischen Instanz der deutschen Popmusik. Kein Wunder, dass sie nie wieder so frisch und unbekümmert geklungen haben wie auf „Für usszeschnigge!“, was ganz ausdrücklich auch für die kölnischen Texte gilt. Und kaum zu glauben: Manchmal klingen diese hier sogar regelrecht unkorrekt!

Der „Müsli-Män“ macht sich über einen verbiesterten Öko-Anhänger lustig. In „Waschsalon“ lässt das technisch unbedarfte lyrische Ich stets seine Freundin die Waschmaschine bedienen. Dafür würde es aber heute vermutlich einen Shitstorm hageln… „Verdamp lang her“ ist ein trauriger, tief enttäuschter, ja verbitterter Blick zurück von einem, der viel auszuhalten hatte. Ein düsterer und wirklich starker Song! Was ebenso für die Großstadt-Hymne „Südstadt verzäll nix“ gilt. Und auch der Rest des Albums ist nicht schlecht. Klar, das Moralinsaure und Selbstgerechte in Niedeckens Texten findet sich auch schon auf dieser Platte, aber hier lässt es sich zumindest noch gut ertragen.

BAP
Für usszeschnigge!
EMI (Universal Music) 1981
ASIN: ‎B000EHRXNQ

justament.de, 20.12.2021: Berlin vor 40 Jahren

Sven Regeners sechster Roman „Glitterschnitter“

Thomas Claer

Wie es im Leben so kommt: Manchmal ist jahrelang alles nur Routine, und dann passiert plötzlich ganz viel in kurzer Zeit. Eine solche ereignisreiche Zeitspanne erlebt der junge Frank Lehmann, seit zwei Jahrzehnten die Hauptfigur in den Romanen des Berliner Autors und Musikers Sven Regener, um das Jahr 1980 herum, als er zunächst die elterliche Wohnung in der Bremer Neuen Vahr Süd verlässt, um während seines Bundeswehrdienstes in einer chaotischen WG im Szeneviertel am Steintor unterzukommen. Bald aber kehrt er der Armee und seiner WG den Rücken und flüchtet Hals über Kopf ins Aussteiger-Paradies West-Berlin, wo er eigentlich nur seinen Bruder besuchen will, dort jedoch ganz schnell hängenbleibt. Wie sich innerhalb weniger ereignisreicher Wochen alles ineinanderfügt, bis er auf die eingefahrenen Gleise gesetzt ist, auf denen er sich bis zum Mauerfall 1989 munter fortbewegt, wovon Sven Regeners gefeierter Debütroman „Herr Lehmann“ (2001) erzählt, davon handeln die vier aufeinander folgenden Romane „Neue Vahr Süd“ (2004), „Der kleine Bruder“ (2008), „Wiener Straße“ (2017) – und ganz aktuell: deren vor kurzem erschienene Fortsetzung „Glitterschnitter“. (Einen Ausreißer im Romanzyklus bildet nur der vierte Band „Magic Mysterie oder Die Rückkehr des Karl Schmidt“ (2013), der einen Zeitsprung ins Jahr 1995 wagt). Dass drei dieser vier zeitlich und inhaltlich direkt aneinander anknüpfenden Romane in Berlin spielen, zeigt, wie voraussetzungsreich Frank Lehmanns Achtzigerjahre-Existenz als Bierzapfer in Erwin Kächeles Kreuzberger Kneipe „Einfall“ zumindest in ihren Anfängen gewesen ist. Aber es liegt auch daran, dass hier über eine wirklich wilde Zeit berichtet wird – mit all ihren Ausbrüchen, Aufbrüchen und Experimenten.

Eine bunte Community hat sich da 1980 in Kreuzberg zusammengefunden. Lauter ganz überwiegend junge Leute, die fast alle irgendwelche Kunstprojekte am Laufen haben und nebenher ihren Brotjobs nachgehen: klassischerweise in der Kneipe oder im Taxi. Zwar ist die Szene noch längst nicht so international aufgestellt wie heute, doch immerhin schon aus dem gesamten deutschen Sprachraum zusammengewürfelt. Man hört die verschiedensten Dialekte, die dann mit den einheimischen Urberlinern um sprachliche Dominanz wetteifern. Man kommt mit sehr wenig Geld aus, viele sind schließlich auch Hausbesetzer und leben im ideologischen Biotop der Staatsverachtung und des „Bullen“-Hasses. Während „Der kleine Bruder“ wie seine Vorgänger noch durchgehend die Perspektive des Romanhelden einnahm, probierte Regener in „Wiener Straße“ erstmalig das von ihm so bezeichnete „multiperspektivische Erzählen“. Ohne allwissenden Erzähler wurde der Leser hier durch die jeweiligen Perspektiven und Gedankenströme einer Vielzahl von Romanfiguren geführt. Dieses Konzept setzt sich in „Glitterschnitter“ nun fort – und wird noch weiter radikalisiert. Auch vom Plot her ist der neue Roman deutlich ambitionierter als der vorherige. Es laufen durchweg mehrere Handlungsstränge parallel, die schließlich zu einem grandiosen Finale zusammenfinden. Wie in einem Wimmelbild – so hat es der Verfasser selbst bezeichnet – entfaltet sich so ein überaus lebendiges Panorama des kulturellen Lebens im westlichen Szenebezirk der damals geteilten Stadt. Man könnte sogar von einem alternativen Gesellschaftsroman sprechen, wäre das schöne Wort „alternativ“ nicht inzwischen auf so hässliche Weise vom Rechtspopulismus gekapert worden…

Das einzige, was man dem Roman vorwerfen kann, ist seine Geschwätzigkeit. Sicherlich haben die ausschweifenden Dialoge und nicht minder ausschweifenden inneren Monologe der Romanfiguren in diesem Konzept alle ihre Berechtigung. Aber 470 Seiten sind einfach zu viel des Guten. Hier hätte die Lektorin ihrem Autor vielleicht doch lieber etwas strenger in die Parade fahren sollen, denn ungefähr die Hälfte der endlosen Gesprächskaskaden zwischen den beiden liebenswerten Exil-Österreichern Kacki und P. Immel aus der „Arsch Art Gallery“ hätte es auch getan. Ferner hat das Lektorat auf S. 336 oben links übersehen, dass es richtigerweise: „…ein Heinzelmännchen, das die Arbeit macht…“ heißen muss – und nicht „…ein Heinzelmännchen, dass die Arbeit macht…”.

Ansonsten ist die Romanlektüre ganz überwiegend eine Freude. Im Zentrum der Handlung stehen das avantgardistische Bandprojekt Glitterschnitter mit Lehmann-Kumpel Karl Schmidt an der Bohrmaschine sowie das ausdauernde Ringen des Aktionskünstlers H.R. Ledigt mit seinem Manager Wiemer um den konzeptionell aussichtsreichsten Weg zur Kunstausstellung. Um Freundschaft und Verrat drehen sich die Gespräche nicht nur zwischen Kacki und P. Immel, sondern angesichts kollegialer Unstimmigkeiten hinsichtlich der Interpretation der Öffnungszeiten des Cafe Einfall auch zwischen Frank Lehmann und Karl Schmidt.

Besonders gut gelungen ist diesmal auch die Darstellung sowohl des männlichen als auch weiblichen sexuellen Begehrens, das zumal unter diesen jungen Menschen natürlich zurecht eine so bedeutsame Rolle spielt, und das am Ende des Tages genau dahin führt, wohin so etwas meistens führt, nämlich nirgendwohin. Der 21-jährige Frank Lehmann monologisiert in seinem Inneren ausführlich, wenn auch lustigerweise auf recht verdruckste und verschämte Weise, über seine nächtlichen erotischen Träume, in denen genau drei Frauen eine prominente Rolle spielen: neben der angehenden Glitterschnitter-Saxophonistin Lisa sind dies seine WG-Mitbewohnerin Chrissie (Erwin Kächeles Nichte) sowie deren 37-jährige Mutter Kerstin (Erwin Kächeles Schwester). Besonders schämt sich Frank für einen Traum, in dem er mit Mutter und Tochter gemeinsam zugange ist…

Bleibt noch die Frage, wie es im Romanzyklus weitergehen wird, denn dass Sven Regener von weiteren Fortsetzungen in Zukunft absehen wird, kann man sich zum Glück nicht vorstellen. Da nun aber Frank Lehmann endlich seinen Kneipenjob bekommen hat, könnte nun auch endlich einmal ein Zeitsprung fällig sein: vielleicht ins Jahr 1989 nach dem Mauerfall, hier hatte der Debut-Roman „Herr Lehmann“ geendet. Oder ins Jahr 1995 nach der Rückkehr Karl Schmidts von der Magical-Mystery-Tour. Denkbar wäre aber auch ein noch späterer Zeitpunkt, denn welcher Leser wollte nicht erfahren, wie es mit den Romanhelden auch auf lange Sicht weitergegangen ist. In ein paar Jahren werden wir hoffentlich schlauer sein.

Sven Regener
Glitterschnitter. Roman
Galiani Berlin
480 Seiten; 24,00 Euro
ISBN-10: ‎3869712341

justament.de, 6.12.2021: Mehr als desselbe in Hellgrün

Recht kulinarisch: Gerichtskantinentest nach Neueröffnung im Landgericht am Tegeler Weg in Berlin-Charlottenburg

Thomas Claer

Man hatte ja schon fast nicht mehr daran geglaubt, dass die Landgerichts-Kantine am Tegeler Weg eines Tages wieder öffnen würde. Mehrere Jahre lang wollte sich, warum auch immer, offenbar partout kein Betreiber finden. Immerhin waren die großzügigen Räume im obersten Stockwerk des Gerichtsgebäudes mit dem prächtigen Blick auf den Schlosspark Charlottenburg zu jener Zeit unverschlossen geblieben, und wer wollte, konnte sich aus einem dort aufgestellten Getränke-Automaten versorgen und einsam den schönen Ausblick genießen. Doch dann war irgendwann auch noch der Automat defekt. Es war zum Verzweifeln… Vor ein paar Monaten jedoch geschah dann das kaum noch für möglich Gehaltene: Eine Kette namens Gastfroh hat den Betrieb übernommen. Und seitdem gibt es dort endlich wieder die von Gerichtsmitarbeitern und Anwohnern so langersehnte Kantinenverköstigung.

Die erste signifikante Veränderung im Vergleich zu früher betrifft die Optik der Räume: Diese erstrahlen nun in einem leuchtenden Hellgrün. Doch auch der tägliche Speiseplan ist nunmehr – was man vom Angebot des früheren Betreibers nicht unbedingt sagen konnte – voll und ganz in der Gegenwart angekommen. Täglich vier Mittagsgerichte, die sich gottlob längst nicht nur auf deutsche Hausmannskost oder gar den unvermeidlichen Kantinen-Klassiker Currywurst mit Pommes Frites beschränken, erwarten die hungrigen Besucher. Gekocht wird vielfältig, nicht selten sogar international. Ein vegetarisches Gericht ist immer dabei, mitunter sogar “Wellness-Food”. Und was ganz wichtig ist: Das Preisniveau ist durchaus moderat, vor allem gemessen daran, was einem hier geboten wird. Schon ab 3,50 Euro kommt man beim vegetarischen Essen zum Zuge, der Spitzenpreis für die “Empfehlung des Tages” liegt bei immer noch überschaubaren 5,80 Euro. Ein Wermutstropfen ist allerdings der Zuschlag von 50 Cent, der von externen Kantinenbesucher erhoben wird. Doch ist diese kleine Abschreckungs-Maßnahme verständlich, denn sonst ließe sich der Ansturm aus den umliegenden Straßen womöglich nicht mehr bewältigen.

Das Entscheidende ist nämlich: In dieser Kantine schmeckt es in der Regel ganz ausgezeichnet. Und das ist nicht nur meine unmaßgebliche Sicht der Dinge, denn beim Essen bin ich zugegebenermaßen leicht zufriedenzustellen, Hauptsache die Portionen sind groß genug (was aber hier glücklicherweise auch der Fall ist, zumindest meistens). Weitaus schwerer wiegt jedoch der Umstand, dass meine Frau in aller Regel keine Einwände gegen dieses Kantinenessen vorzubringen hat, was schon als äußerst bemerkenswert gelten kann, da man es ihr ansonsten beim Kochen kaum jemals rechtzumachen vermag… Noch ein Wort zum Kaffee: Der kostet nur 60 Cent und ist gar nicht schlecht. Meine Frau lobt vor allem die schöne Form der Tassen (siehe Foto).

Fazit: Die neue Gerichtskantine am Tegeler Weg  ist für Mitarbeiter und Anwohner ein Segen. Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).

Informationen: https://www.gastfroh.de/resources/speisekarten/landgericht_berlin.pdf