Jahresende 2021: Ahnenforschung Claer, Teil 13

Mittlerweile ist es ja schon zur Tradition geworden, dass ich jeweils zu Beginn meiner „Forschungsberichte“ am Jahresende um Nachsicht für ihren leider immer wieder nur geringen Umfang bitte. Und so ist es auch diesmal. Aber immerhin sind dann doch wieder ein paar hoffentlich interessante Neuigkeiten, Entdeckungen, Erkenntnisse und Betrachtungen zusammengekommen…

1. Die Claers von der Post in Usdau

Im April dieses Jahres schrieb mir eine Frau Pola B. aus Olsztyn (Allenstein) in Masuren, dass sie auf meiner Website die Texte zu unserer ostpreußischen Familiengeschichte gelesen habe. Und weiter schreibt sie „Ich habe herausgefunden, dass Franz und Georg Claer Postbeamte in Usdau waren. Usdau ist meine Heimatstadt. Ich wohne derzeit in Allenstein.“

Ja, tatsächlich, der Ort Usdau taucht einige Male in meinen Forschungen auf, insbesondere als Geburtsort meines Urgroßvaters Georg Claer (1877-1930), von dessen Teilnahme am Boxeraufstand in China im Jahr 1900 in meinem vorigen Bericht ausführlich die Rede war.

Laut Wikipedia liegt Uzdowo, das frühere Usdau, 13 Kilometer nordwestlich der heutigen Kreisstadt Działdowo (deutsch Soldau) und 21 Kilometer westlich der einstigen Kreismetropole Neidenburg (polnisch Nidzica). Usdaus Einwohnerzahl betrug im Jahr 1905 gerade einmal 645. Im Jahr 1931 waren es dann 886, im Jahr 2007 sogar 1000, jedoch 2011 nur noch 784. Heute ist das Dorf immerhin Sitz eines Schulzenamts (polnisch Sołectwo). Während des 1.Weltkriegs war es im am 27. August 1914 im Verlauf der „Schlacht bei Tannenberg“ beim „Gefecht von Usdau“ fast vollständig zerstört worden. Noch im Ersten Weltkrieg begann der Wiederaufbau.

Eine dem Wikipedia-Beitrag beigefügte alte Fotografie zeigt die Bergung im Gefecht von Usdau gefallener russischer Soldaten in Usdau – August 1914:

Ein weiteres Bild einen Gedenkstein an die Kriegstoten mit erklärender Schrifttafel auf Deutsch und Polnisch:

(Quelle jeweils: https://de.wikipedia.org/wiki/Uzdowo)

Frau Pola B., die sich als Hobby-Heimatforscherin zu erkennen gab, fragte mich, ob ich vielleicht weitere alte Bilder oder Materialien von Usdau hätte. Da musste ich sie leider enttäuschen, woraufhin sie mir aber dankenswerterweise umgekehrt interessantes Bildmaterial vom heute noch erhaltenen früheren Postamt Usdau zur Verfügung stellte. Hier haben die Claers von der Post in Usdau also wahrscheinlich einst gearbeitet:

Darüber hinaus schlug Frau Pola B. mir vor, dass ich an die Poczta Polska SA in Warschau schreiben könne, um Archivunterlagen und vielleicht auch nähere Dokumente über die Post in Usdau zu erhalten, was ich bisher aber noch nicht getan habe.

Nun ist Usdau aber nicht nur der Geburtsort meines Urgroßvaters Georg Claer (1877-1930), sondern außerdem – im Fragebogen der „Reichsstelle für Sippenforschung“ von meinem Großvater Gerhard noch nachträglich handschriftlich hinzugefügt – der Hochzeitsort seiner Eltern, meines Ururgroßvaters Franz Claer (1841-1906) und meiner Ururgroßmutter Henriette Claer, geb. Stryjewski (1845-1931), als deren Geburtsort dort ebenfalls Usdau angegeben ist. Leider fehlt zu ihrer Hochzeit eine Jahresangabe, es sollte aber einige Jahre vor der Geburt meines Urgroßvaters Georg 1877 gewesen sein, denn zuvor ist im Jahr 1872 auch noch sein älterer Bruder Otto Albert Claer, der später Postsekretär in Königsberg wurde, zur Welt gekommen. Von letzterem fehlt uns, soweit ich in meinen Unterlagen sehe, zwar die Geburtsurkunde, aber aus dem späteren Hochzeitseintrag von Otto Albert Claer und Emma Sakreszewski von 1899 geht hervor, dass Otto Albert Claer am 13. November 1872 ebenfalls in Usdau geboren ist (als „Sohn des früheren Schneidermeisters und jetzigen Landbriefträgers Franz Claer“ steht dort). Bingo! Daraus folgt nun also, dass mein Ururgroßvater Franz Claer vor November 1872 in Usdau meine Ururgroßmutter, die dort geborene Henriette Stryjewski geheiratet hat. Franz war damals also höchstens 31 Jahre alt, Henriette höchstens 27. Aber wie ist Franz, der als jüngster Sohn meines Urururgroßvaters, des Jägers Friedrich Claer (1799-18??) in Eichenberg/Drusken, Amt Wehlau (gelegen einige Kilometer östlich von Königsberg) geboren wurde, ins relativ weit entfernte Usdau gekommen bzw. wie konnte er meine dort lebende Ururgroßmutter Henriette überhaupt kennenlernen?

Laut Google Maps beträgt die Entfernung zwischen dem heute russischen Snamensk (dem früheren Wehlau) und Uzdowo (Usdau) mindestens 224 Kilometer, was einer heutigen Fahrzeit mit dem Auto von mehr als drei Stunden entspricht.

Die wahrscheinlichste Antwort auf diese Frage ergibt sich wiederum aus den Eintragungen meines Großvaters Gerhard in den Fragebogen der Reichsstelle für die Sippenforschung. Als Beruf seines Großvaters Franz hat er dort nicht Postangestellter und nicht Landbriefträger angegeben, sondern: Postschaffner.

Bevor Franz Claer sich also mit Anfang dreißig in Usdau niedergelassen und als Landbriefträger verdingt hat, seine Frau Henriette geheiratet und mit ihr seine ersten beiden Söhne Otto und Georg bekommen hat (denen später noch der dritte Sohn Richard sowie die Töchter Amelia/Armanda, Martha und Hedwig folgen sollten), war er als Postschaffner tätig und ist als solcher vermutlich viel herumgereist. Und das, obgleich er – wie oben erwähnt – bereits eine Umschulung vom Schneidermeister (!) zum Postangestellten hinter sich hatte, über deren Gründe wir auch nur spekulieren können. (Vielleicht hatte er einen Arbeitsunfall und konnte fortan nicht mehr nähen. Oder lockte ihn womöglich die Aussicht auf das Herumreisen als Postschaffner?)
Wie auch immer: Mit meinem Ururgroßvater Franz Claer (1841-1906) hat die kleine Dynastie der Claers von der Post zumindest in unserem Familienzweig begonnen. Und diese Anfänge waren mit dem Ort Usdau verbunden. Wenngleich es, wie wir früher schon entdeckt haben, auch noch weitere Claers und Klaers von der Post gegeben hat, dazu gleich mehr im folgenden Kapitel.

2. Das i-Tüpfelchen. Überlegungen und Spekulationen zur Schreibweise unseres Namens

Ich erinnere mich noch daran, wie mein Vater Joachim (1933-2016) mich irgendwann einmal darauf hingewiesen hat, dass sein Vater, mein Großvater Gerhard Claer (1905-1974), in seiner Unterschrift immer einen Punkt oder kleinen Strich über dem Namen gemacht habe. Das komme daher, dass die Schreibweise unseres Namens früher Clair mit ai gewesen sei, das habe er in der Unterschrift so beibehalten. Sein Bruder Gerd (1943-2016), mein Onkel, mache es auch, und mein Vater habe es ganz früher ebenso gemacht, es dann aber irgendwann weggelassen, weil er es umständlich gefunden habe.

In der Tat lässt sich in den Unterschriften meines Großvaters Gerhard und meines Onkels Gerd jeweils deutlich das i-Tüpfelchen erkennen, bei ersterem eher ein Strich, bei letzterem eher ein Punkt.

Nun stellt sich die Frage: Wo haben sie das her? Mein bereits erwähnter Urgroßvater Georg Claer von der Post (1877-1930) wurde laut Geburtsurkunde immer mit ae geschrieben. Dessen Vater, der ebenso bereits erwähnte Franz Claer von der Post (1841-1906) steht auch mit ae in allen uns vorliegenden Dokumenten. Allerdings haben wir von ihm (noch) keine Geburtsurkunde aus Eichenberg/Drusken, Amt Wehlau. Wir wissen nur, dass sein Vater Friedrich Clair (1799-18??), als er 1840 als „invalider Jäger“ seine neue Stelle in Eichenberg/Drusken antrat, in den offiziellen Bekanntmachungen einmal Clair und einmal Clär geschrieben wurde, was alle Möglichkeiten offen lässt. Wir wissen außerdem, dass alle älteren Geschwister von Franz in ihren Geburtsurkunden mit ai geschrieben wurden, nämlich in Corjeiten 1824 Wilhelm Friedrich sowie in Juditten bei Königsberg 1826 Heinrich Julius, 1828 Amalia Dorothea, 1830 Albert Eduard, 1833 Herrmann August, 1835 Justina Wilhelmine, 1837 Auguste Ernestine und 1839 Otto Conrad.

Auch wenn es unklar ist, ob Franz Claer bei seiner Geburt noch mit ai oder schon mit ae geschrieben wurde: Die Marotte mit dem i-Tüpfelchen in der Unterschrift trotz anderslautender amtlicher Namensschreibweise dürfte auf ihn zurückgehen. Denn während seine Eltern und alle seine Geschwister sich noch mit ai schrieben, wurden seine Kinder ab 1872 allesamt schon als Claers mit ae geboren.

Der Vater des Franz Claer von der Post, der erwähnte Jäger Friedrich Clair wurde vor 1840 ebenfalls in allen Dokumenten mit ai geschrieben, in seinem Geburtseintrag im Kirchenbuch von Ludwigswalde steht sogar Klair mit K. Auch dessen Vater, der vermutlich 1770 geborene Unterförster Friedrich Wilhelm Klair wird dort so geschrieben, allerdings dessen anderer Sohn, Friedrichs Bruder Johann Wilhelm Clair (1803-1880) sowie Friedrich Wilhelm Klairs mutmaßlicher Bruder, der königliche Förster Johann Friedrich Clair, wiederum mit C. Davor tut sich eine Lücke auf, die wir noch nicht schließen konnten. Die aus St. Imier im Berner Land eingewanderten ersten ostpreußischen Clairs in der Schweizer Kolonie in Gumbinnen um 1712 wurden in den Dokumenten teilweise Clerc und teilweise Clair geschrieben.

Klar ist, dass die Schreibweisen in den Kirchenämtern zunächst willkürlich waren. Hinzu kommt, dass bis weit ins 18. Jahrhundert hinein längst nicht jeder lesen und schreiben konnte. Die allgemeine Schulpflicht in Preußen geht auf das Edikt des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. vom 28. September 1717 zurück. Allerdings verlief dessen Umsetzung längere Zeit nur schleppend. Es fehlte an Lehrkräften und Schulen, die Kinder wurden oft als Arbeitskräfte gebraucht. So blieb die Schreibweise der Namen zu dieser Zeit vornehmlich dem Gutdünken der Kirchenbuchschreiber überlassen. Allerdings heißt es auf der Seite
https://kreis-gumbinnen.de/historie/neue-buerger/schweizer/, die eine Liste mit Familiennamen aus der Schweizer Kolonie enthält, in der unsere Clercs/Clairs jedoch fehlen (sie stehen nur im Heiratsregister des Kirchenamts Judtschen und beziehen sich auf 1712, siehe meine früheren Texte):

„Als Schreibweise wurde bei solchen Namen, die im Laufe der Zeit Änderungen erfahren haben, die nach Daten älteste gewählt. Sie wurde von Geistlichen französischer Herkunft gebraucht, die erfahrungsgemäß die Namen in richtiger Schreibweise wiedergaben.“

Das heißt, wir können von Clerc oder Clair als ursprünglicher Schreibweise ausgehen, wobei Clerc als Berufsbezeichnung für einen Geistlichen oder jemanden, der lesen und schreiben kann, mir eher noch plausibler erscheint. Wobei natürlich weiterhin auch noch die vornehmlich von meinem Cousin vierten Grades Manfred Claer aus Saarbrücken vehement vertretene Adelstheorie im Rennen ist, wonach unsere Vorfahren in der französischen Schweiz zu den Abkömmlingen des anglonormannischen Adelsgeschlechts der de Clare/v.Claer gehören…

Wann genau aber hat es schließlich eine Vereinheitlichung der Namensschreibweisen gegeben? In Preußen war das mit der Einführung von Personenstandsregistern/Standesamtsregistern am 1. Oktober 1874. (https://genwiki.genealogy.net/Personenstandsregister)

Dennoch soll es auch danach noch gelegentlich unterschiedliche und uneinheitliche Namensschreibweisen gegeben haben, vor allem auf dem Lande, bevor dies ab ca. 1900 dann nicht mehr der Fall gewesen sein soll. (Allerdings erinnere ich mich daran, dass in der Geburtsurkunde aus Geierswalde des 1901 zur Welt gekommenen Erich Claer von der Deutschen Bank, des Sohnes des erwähnten Otto Albert Claer von der Post und des Vaters unseres prominentesten Familienmitglieds Hans-Henning „Moppel“ Claer, von dem später noch ausführlich die Rede sein wird, die Namenschreibweise Clär mit ä lautete.)

Könnte es aber sein, dass wir deshalb keine Geburtsurkunde des – siehe oben – 1872 in Undau geborenen Otto Albert Claer von der Post gefunden haben, weil es zwei Jahre vor der Einführung amtlicher Personenregister in Preußen noch keine Geburtsurkunden gegeben hat? Seine jüngeren Geschwister, darunter auch mein Urgroßvater Georg, sind alle nach 1874 geboren, und für sie alle haben wir amtliche Geburtsurkunden gefunden.

Bis hierhin habe ich mich beinahe ausschließlich an Fakten gehalten, nun aber beginne ich zu spekulieren: Unsere Namensschreibweise Claer mit ae lässt sich wie gesagt erst in den 1870er Jahren sicher nachweisen. Könnte es hier einen Zusammenhang mit der Gründung des Deutschgen Reiches 1871 nach einem deutsch-französischen Krieg geben, der nicht der erste gewesen ist und nicht der letzte sein sollte!)? Standen französische Familiennamen zu jener Zeit womöglich unter Anpassungsdruck?

Ausgeschlossen ist, dass es Franz Claer wie seinem Großvater erging, dessen Kinder um 1800 von Kirchenbuchschreibern nach Belieben heute so und morgen anders geschrieben wurden. Franz Claer konnte als Postbeamter sehr wohl hinlänglich lesen und schreiben und dürfte nicht zuletzt aus berufsbedingter Pingeligkeit (und diese Eigenschaft hat sich nach meiner Kenntnis und Erfahrung direkt auf meinen Großvater Gerhard, meinen Vater Joachim, meinen Onkel Gerd und nicht zuletzt auf mich selbst vererbt!) genau gewusst haben, wie sein Name geschrieben werden sollte. Aber wenn er die latinisierte Schreibweise mit ae selbst gewählt hätte, warum dann das i-Tüpfelchen in der Unterschrift bei zumindest seinem Enkel und zunächst zweien, später noch einem seiner Urenkel. War es eine Protesthaltung gegen die Latinisierung der Namensschreibweise durch den Großvater? Oder vielmehr eine Protesthaltung gegen eine dem Großvater aufgezwungene Latinisierung des Familiennamens, die in der Familie über drei Generation weitergegeben wurde?

Es könnte natürlich auch ganz anders gewesen sein. Wie wir wissen, gab es im 19. Jahrhundert Angehörige der bereits erwähnten Adelsfamilie v. Claer, die sich seit der vornehmen Latinisierung ihres ursprünglich anglonormannischen Namens de Clare mit ae schrieb, auch in Ostpreußen. Womöglich fand Franz Claer von der Post diese Schreibweise irgendwie gut und erstrebenswert und änderte selbst aus diesem Grunde das i in ein e. Aber wie passt das mit dem i-Tüpfelchen in der Unterschrift zusammen?

Wir werden es vermutlich nie genau erfahren, aus welchem Grunde unsere latinisierte Namensschreibweise in die Welt gekommen ist. Aber es darf weiter munter darüber spekuliert werden.

Soweit ich sehe, gibt es bis heute vier verschiedene Schreibweisen unseres Namens bei aus Ostpreußen stammenden Claers. Neben unserer ist da zunächst die (fast) ursprüngliche Schreibweise Clair, wobei mir diese bisher nur von einem Michael Clair aus Köln mit ostpreußischen Wurzeln bekannt ist, der mir vor vielen Jahren einmal seinen Stammbaum geschickt hat, den ich in unsere Stammbäume bisher aber leider noch nicht einordnen konnte. Weiterhin gibt es die Schreibweise Klaer mit K, die wir besonders gehäuft in Königsberg gefunden haben, wo es mehrere Postangestellte dieses Namens gab, die auffällig oft Johann hießen, was eventuell entweder auf den Bruder „unseres“ Friedrich Clair aus Ludwigswalde, Johann Wilhelm, hindeutet oder auf dessen ebenfalls in Ludwigswalde ansässigen mutmaßlichen Onkel Johann Friedrich. Einen aus Königsberg stammenden Johann Klaer, der nach dem Krieg in Bochum lebte, hatten wir in einer Todesanzeige im Ostpreußenblatt gefunden. Und schließlich bleibt noch die vollkommen eingedeutschte Schreibweise Klehr, auf die wir sogar einmal in der Gegend von Neidenburg gestoßen sind und mehrmals in Schlesien (wohin ein Teil der ostpreußischen Claers abgewandert ist, siehe meine früheren Berichte). Es könnte sein, dass diese totale Eindeutschung einen deutschnationalbewegten Hintergrund hat (sie kann aber genauso gut rein zufällig erfolgt sein). Allerdings erinnere ich mich dunkel daran, dass ich in einem früheren Bericht einen Nazi-Kriegsverbrecher namens Klehr aus Schlesien erwähnte mit dem Zusatz, dass es sich bei ihm hoffentlich nicht um einen Verwandten von uns handelt.

3. John Clare – Liebling des Feuilletons
Wie ein roter Faden ziehen sich die Schriftstellergene, wenn es sie denn gibt, durch unsere Namenslinie, wie auch die zwei folgenden Beispiele beweisen: Zum einen ist dies der bereits in einem meiner früheren Berichte umfassend gewürdigte englische Naturdichter John Clare (1793-1864), laut Wikipedia einer der besten Beschreiber des Landlebens. Nun liegt eine Gedichtsammlung von ihm in neuer deutscher Übersetzung vor (genau genommen handelt es sich um eine Gegenüberstellung dieser und der englischen Originale), die Thomas Steinfeld, einen der renommiertesten Feuilletonisten der Süddeutschen Zeitung, zu einer fast ganzseitigen Lobeshymne auf diesen Romantiker veranlasste.

Im mittlerweile aktualisierten Wikipedia-Eintrag heißt es über ihn:

„John Clare wurde am 13. Juli 1793 in Helpstone als Sohn eines Tagelöhners geboren. Er entwickelte sich trotz sehr geringer Bildungsmittel glücklich und schnell. James Thomsons Seasons weckten sein poetisches Talent und begeisterten den dreizehnjährigen Jungen zu dem Lied “The morning walk” und dessen Gegenstück “The evening walk”. John Turnill in Helpstone nahm sich seiner an und unterrichtete ihn im Schreiben und Rechnen. Seinen Unterhalt erwarb sich Clare durch Handarbeiten und Violinspiel, Gott und die Natur besang er alleine zum eigenen Vergnügen. 1818 kam sein “Sonett auf die untergehende Sonne” in die Hände des Buchhändlers Drury zu Hamford, und dieser veranlasste die Ausgabe einer Sammlung von Clares “Poems descriptive of rural life and scenery”, die allgemeine Teilnahme erregte. Eine andere, ebenso erfolgreiche Sammlung seiner Gedichte erschien unter dem Titel “The village minstrel, and other poems”. Hierdurch in den Besitz eines kleinen Vermögens gelangt, ließ sich Clare in Helpstone häuslich nieder, geriet aber durch unglückliche Landspekulation in Elend. Die letzten 27 Jahre seines Lebens verbrachte John Clare in der Psychiatrie. In einer psychiatrischen Klinik (lunatic asylum) starb er am 19. Mai 1864.

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/John_Clare)

Thomas Steinfeld schreibt in seinem besagten Feuilleton-Beitrag u.a.: „Im deutschen Sprachraum gab es, den vielen Armutskindern und Hungerleidern zum Trotz, keinen romantischen Dichter, der in solcher Not aufwuchs und den dieses Elend, einiger buchhändlerischer Folgen ungeachtet, auch nie verließ. Clares Schulbildung war fragmentarisch, die Sprache auch seiner Gedichte von seiner Herkunft aus dem ländlichen Proletariat geprägt, die Grammatik zumindest persönlich. Dennoch schrieb er, zum Erstaunen schon der Zeitgenossen, mehr als dreitausend Gedichte… Einer seiner Pfleger im ‚lunatic asylum‘ berichtete, von John Clare sei im täglichen Umgang vor allem Wirres zu vernehmen gewesen. Sobald er indessen dichtete, habe er sich klar und konzentriert ausgedrückt.“

Am Ende seines Lebens sei sein literarischer Ruhm, der ihn in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts in die literarischen Kreise Londons geführt hatte, längst wieder verblasst. Doch sei er zu Beginn des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt und 1935 mit einer Gesamtausgabe gewürdigt worden.

Eine Verbindung zu unseren Claers liegt nicht unbedingt nahe. Vielleicht aber war er ein unstandesgemäßer Abkömmling des erwähnten anglonormannischen Adelsgeschlechts der de Clare.

4. José Claer – Romancier und Poet

Weiterhin bin ich durch Zufall auf einen kanadischen Autor unseres Namens mit exakt gleicher Schreibweise gestoßen: José Claer, geboren am 28. Mai 1963 in Mont-Laurier, wird in einem französischsprachigen Wikipedia-Eintrag als ein quebeckischer Romancier und Poet beschrieben. Hier eine kurze Zusammenfassung der Übertragung aus dem Übersetzungsprogramm:

Nach seinem Studium der Kommunikationswissenschaften an der Universität Ottawa arbeitete José Claer als Öffentlichkeitsarbeiter und Menschenrechtsbeauftragter für eine internationale Organisation. Er lebt in der Region Gatineau, wo die Éditions Vents d’Ouest seine ersten Romane veröffentlichen: In seinem Debüt-Roman „Nue, un dimanche de pluie“ (2001) geht es um sadomasochistische Beziehungen. (Hui, dieses Thema wäre wohl selbst dem prominentesten Autor in unserer Familie zu heiß gewesen, von dem gleich noch die Rede sein wird…) Für seine Romane erhielt er einige Kritiken in der Presse von Québec.

Er wurde Kommunikationsagent in Ottawa und schrieb als Korrespondent für die Zeitschriften „Vie des arts“ und „Liaison“ Artikel zum Thema bildende Kunst. Viele seiner Kurzgeschichten wurden in Kollektiven wie La Nuit des gueux, XXX und Virages (2010) veröffentlicht.

Er begann, Gedichte zu schreiben (wie sein erwähnter englischer Namensvetter) und veröffentlichte seine erste Sammlung im März 2010, in der der Akzent auf dem Zusammentreffen von Eros und Thanatos in ein und derselben Person liegt…

Schließlich hat er sich in den letzten Jahren als LGBTQI+-Aktivist positioniert, wurde für einen Podcast zum Thema queere Literatur befragt und in der Sendung “Les Malins” des Radiosenders Radio-Canada am 24.08.2019 zum Thema Coming-out interviewt. Er wirkte mit im Video von François Desrochers für « La Fabrique culturelle » von Télé-Québec unter dem Titel : “La poésie transformée de José Claer.” Mit seinem öffentlichen Coming-out als Transmann habe der Dichter José Claer einen wichtigen literarischen Kurswechsel eingeleitet.

(Quelle: https://fr.wikipedia.org/wiki/Jos%C3%A9_Claer)

Und nun stellt sich ernsthaft die Frage, ob er bzw. er/sie * (wie auch immer) mit uns verwandt sein könnte. Es sei daran erinnert, dass Dieter Claer (1933-2005), der jüngere Bruder unseres prominentesten Literaten Hans-Henning „Moppel“ Claer, in den 1950er Jahren nach Kanada ausgewandert ist (allerdings nicht in den französischsprachigen Teil) und dort noch zahlreiche Abkömmlinge von ihm leben (zu denen teilweise sogar noch Kontakt besteht). Sollte auch José Claer einer von ihnen sein, dann wäre das natürlich der Brüller…

5. Mein Vater als Briefeschreiber (1)

Nun aber zu meinem Vater Joachim Claer (1933-2016), der ebenfalls ein bemerkenswerter Schreiber war, wenngleich er leider keine größeren schriftstellerischen Werke im eigentlichen Sinne hervorgebracht hat, sondern sich ganz überwiegend auf die kleinen Formen der Alltagskommunikation beschränkt hat, die aber dafür glücklicherweise recht gut dokumentiert sind, vor allem was den Briefwechsel mit meiner Mutter Ilse Claer geb. Nützmann (ebenfalls 1933-2016) betrifft.

Die folgenden drei Briefe sowie das sich daran anschließende Telegramm (die Jüngeren mögen googeln, was das gewesen ist) aus dem Herbst 1964 habe ich einer Schachtel aus dem Nachlass meiner Eltern mit der vielsagenden Aufschrift „Amouretten“ entnommen, die allerdings ausschließlich Briefe enthält, die mein Vater an meine Mutter geschrieben hat. Deren Antworten sind leider nicht erhalten. Trotz des sehr privaten Charakters dieser Korrespondenz halte ich die Veröffentlichung in dieser Form für relativ unbedenklich, da sie sich – vermutlich auch zeitbedingt – auf einer zumindest verbal sehr sittsamen Ebene abspielt. Hinzu kommt, dass mittlerweile kaum noch involvierte Personen aus jener Zeit am Leben sein dürften.

Die Briefe sprechen weitgehend für sich und bedürfen keiner weiteren Kommentierungen. Daher hier nur wenige erklärende Sätze über die Ausgangssituation: Meine Eltern hatten sich bereits auf der Oberschule im mecklenburgischen Teterow wohl bald nach Kriegsende kennengelernt und waren damals schon für einige Zeit ein Paar. Nach der Schule haben sie sich allerdings jahrelang aus den Augen verloren. Mein Vater war anderweitig verheiratet und wurde dann wieder geschieden. Als meine Eltern im Herbst 1964, im Alter von jeweils 31 Jahren, wieder miteinander in Kontakt getreten sind, hat meine Mutter nach abgeschlossenem Medizinstudium schon seit einigen Jahren als Ärztin in Greifswald gearbeitet. Mein Vater, der zunächst als ausgebildeter Sportlehrer an einer Schule in Rostock unterrichtet hatte, hat nach einer Sportverletzung ebendort ein Medizinstudium aufgenommen und steht wohl kurz vor seinen Abschlussprüfungen.


Wenn es damals schon Emojis gegeben hätte, hätte man beim Telegramschicken noch Geld sparen können… Die Fortsetzung erscheint im nächsten „Forschungsbericht“.

Abschließend hier nur noch die nicht ganz unwichtige Information, dass meine Eltern bereits am 15. Dezember 1964 im Standesamt Rostock geheiratet haben, also kaum mehr als zwei Monate nach ihrem Wiedersehen und keine drei Monate, nachdem mein Vater den obenstehenden Brief an meine Mutter geschrieben hat. So war das damals. Erst weitere sieben Jahre später bin ich auf die Welt gekommen.

6. Lass‘ jubeln, Kumpel: Zum 90. Geburtstag von Hans-Henning Claer. Eine Hommage

Und nun soll wie angekündigt auch noch einmal der einzige Prominente unserer Familie zu seinem Recht kommen. Nur aus dem bereits im vorigen Kapitel angeführten Grund, dass inzwischen (fast) keine Verwandten oder Bekannten aus der Generation meiner Eltern mehr am Leben sind, vor denen ich mich schämen müsste, bringe ich es über mich, nun von meiner ersten Begegnung mit Hans Henning „Moppel“ Claer zu erzählen. Ich muss wohl 15 oder 16 Jahre alt gewesen sein. Damals, es war wohl ca. 1986, lebte ich mit meinen Eltern in einem kleinen Dorf am Stadtrand von Lübeck – aber auf der Ost-Seite, nahe dem Grenzgebiet. Wegen der exponierten Lage ganz dicht am Westen gab es, was damals in der DDR sehr wichtig war, exzellenten Westfernseh-Empfang. Und das Beste und Neueste war, dass es seit Mitte der Achtziger neben den gewohnten öffentlich-rechtlichen Kanälen auch noch zusätzlich zunächst zwei Privatfernsehsender gab: RTL plus und Sat1. Die konnte man in der DDR nur in unmittelbarer Nähe der Westgrenze empfangen, weshalb wer dort wohnte, zu dieser Zeit besonders häufig Besuch aus anderen Teilen der DDR empfing. Denn im Privatfernsehen lief – was die größte Attraktion war – jeden Samstagabend um 23 Uhr ein sogenannter „versauter Film“. Es handelte sich um „Sexklamotten“ aus den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren mit Titeln wie „Frau Wirtin bläst Trompete“ oder „Beim Jodeln juckt die Lederhose“ oder eben auch „Lass jucken, Kumpel“. Zwar muss man betonen, dass das, was dort gezeigt wurde, aus heutiger Sicht an Harmlosigkeit kaum zu überbieten ist. Zweifellos geht das, was sich heute Mittelstufenschülerinnen und Mittelstufenschüler auf ihren Handys zuschicken, weit über alles hinaus, was seinerzeit im „Schulmädchenreport“ zu sehen war. Und doch hatte es den geheimen Reiz des Verbotenen, vor allem für uns im Osten, wo ja auch anderes solcher Art kaum zu bekommen war. Kurz gesagt, ich entwickelte eine gewisse, wohl auch altersbedingte Neugier auf solche Filme, wie sie zu besagter Stunde im Nachtprogramm der Privatsender gezeigt wurden, und sah mir gelegentlich im kleinen Schwarzweißfernseher, der in meinem Zimmer stand, natürlich mit äußerst reduzierter Lautstärke und immer mit dem Finger am Senderknopf, um rechtzeitig umschalten zu können, falls jemand hereinkommen würde (es gab ja im Osten keine Fernbedienungen) so etwas an.

Und dann geschah es: Die Ansagerin – damals wurde tatsächlich noch jede Fernsehsendung von einer Ansagerin im adretten Kostüm angesagt, und im Privatfernsehen waren das ausnahmslos besonders attraktive junge Frauen – die Ansagerin also sagte um kurz vor elf: „Und nun ein Film von Hans Henning Claer…“ Und bald darauf sah ich den Vorspann des Films mit dem Schriftzug „Hans Henning Claer“. Ich war ganz aufgeregt, dass da jemand genau unseren Namen trug, denn bisher hatte ich immer geglaubt, dass niemand sonst so heißen würde wie wir. Nur leider konnte ich es meinen Eltern nicht erzählen. Es wäre natürlich viel zu peinlich gewesen, die näheren Umstände zu erklären. Niemals wurde in unserer sittenstrengen Familie auch nur ein Wort darüber gesprochen, was jede Woche im Privatfernsehen gezeigt wurde.

Und so ist mir Hans-Henning Claer erst wieder mehr als zwei Jahrzehnte später im Rahmen meiner „Ahnenforschung“ begegnet. Oft hatte ich mir in all den Jahren den Familien-Stammbaum, den mein Großvater hinterlassen hat, angeschaut und jedes Mal festgestellt, dass es wohl keine Verwandten unseres Namens außer meinem kinderlosen Onkel Gerd mehr geben könne. Die einzige Nebenlinie, die dafür infrage käme, endete dort mit Erich Claer und seinen zwei Schwestern. Dass hier eine Verbindung zu dem anrüchigen Buchautor Hans Henning Claer bestehen könnte, dessen Bücher ich in den Neunzigerjahren als Oberschüler in Bremen manchmal auf dem Flohmarkt liegen gesehen und neugierig betrachtete hatte (aber natürlich traute ich mich nicht, sie mit nach Hause zu nehmen), dass eine Verbindung also zwischen ihm und unserer sittenstrengen Familie bestehen könnte, das konnte ich mir lange Zeit nicht vorstellen.

Und dann bestellte ich mir vor etwas über zehn Jahren aber doch zu Forschungszwecken Hans Henning Claers Autobiographie „Bulle, Schläger, Nuttenjäger“. Ja, nun war alles klar. Als ich meinem Vater daraufhin meinen „Forschungsbericht“ geschickt hatte, schämte er sich für diese heikle Verwandtschaft so sehr, dass er meinen Text vor meiner Mutter verheimlichte. Aber einige Zeit später nahm er mich bei einem Treffen einmal zur Seite und sagte zu mir: „Mir fällt das jetzt erst wieder ein: Damals in der Schule haben mir die älteren Schüler manchmal ‚Moppel Claer‘ hinterhergerufen und laut gelacht. Ich wusste nie, was das sollte. Ich kannte den ja nicht. Die werden dann wohl den gemeint haben…“ Mein Vater war zwar grundsätzlich sportinteressiert, aber es muss wohl an ihm vorbeigegangen sein, dass „Moppel“ Claer schon bald nach Kriegsende ein populärer Boxer in West-Berlin gewesen ist, der offenbar auch in Mecklenburg seine Fans hatte…
Anlässlich seines 90. Geburtstag am 30. Dezember hier noch eine kleine Serie historischer Fotos von ihm, die derzeit im Internet kursieren, in chronologischer Reihenfolge:

Das Bild „Boxer-Siegerehrung“ ist bei Ebay zum Preis von 28,00 Euro versandkostenfrei erhältlich.

Ebenfalls 28,00 Euro bei Gratisversand werden für das Bild „Boxkampf Schimanski gegen Claer“ bei Ebay aufgerufen.

Für nur 9,90 Euro ist hingegen – ebenfalls bei Ebay – die Filmzeitschrift „Film-Echo/Filmwoche/Filmblätter Nr. 27 vom 15. Mai 1974 zu haben.

Und schließlich käme man bei diesem Pressefoto aus den Siebzigerjahren sogar schon für 5,99 Euro zum Zuge.

7. Schluss und Ausblick
Soviel also für diesmal von der Familienforschung. Im nächsten Jahr geht es weiter mit hoffentlich wieder vielen neuen Erkenntnissen und Entdeckungen.

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