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Justament April 2014: Berlin Praktikant. Ein Brettspiel

Die Justament-Redaktion präsentiert: Das etwas andere Karriere-Spiel aus der Hauptstadt

Thomas Claer

DIGITAL CAMERAHundert Jahre nach „Mensch ärgere dich nicht!“ (über das sich schon Generationen schwarzgeärgert haben) und achtzig Jahre nach „Monopoly“ (das schon unzählige Wirtschaftskrisen überdauert hat) ist die Zeit reif für ein neues Brettspiel auf der Höhe des Zeitgeistes: Berlin Praktikant.

Und so funktioniert es:

Du bist Praktikant bei einer IT-Start-up-Firma in Friedrichshain und hast zunächst nur ein kümmerliches Einkommen. Du wohnst bei Freunden und frisst dich bei denen durch. Bald entdeckst du aber, dass es in dieser Stadt eine Menge Möglichkeiten gibt, sich noch etwas hinzuzuverdienen, doch auch so einige Gefahren lauern auf dich. Durch Zufalls-Karten kannst du zum Projektleiter in deiner Firma oder sogar zum Firmenchef aufsteigen, eine Erbschaft machen oder nachts als Barkeeper im „Berghain“ arbeiten. Wenn du Pech hast, wird dir aber im Wedding dein Smartphone geraubt, in Kreuzberg dein Auto angezündet oder du wirst beim Schwarzfahren in der S-Bahn erwischt.
Kommst du auf deinem Weg durch Berlin auf die entsprechenden Felder, kannst du mehrere Wohnungen, WG-Zimmer oder Schlafplätze mieten und sie mit Gewinn an Neu-Berliner untervermieten. Mit den richtigen Zufalls-Karten kannst du deine gemieteten Wohnungen sogar noch deutlich lukrativer an reiche Russen oder als Ferienwohnung für Touristen untervermieten. Es kann aber auch passieren, dass deine Freundin Geburtstag hat und du ihr, um sie bei Laune zu halten, ein teures Geschenk machen musst. Oder du machst mit ihr einen kostspieligen Urlaub. Womöglich wirst du sogar zu einer Geldstrafe verurteilt, weil du in deinem Wohnungsinserat die Schwaben diskriminiert hast. Oder aber Mark Zuckerberg macht ein milliardenschweres Übernahmeangebot für deine IT-Firma. Ziel des Spieles ist es, Runde für Runde so viel Geld anzuhäufen, dass du als erster die einzige Eigentumswohnung auf dem Spielfeld kaufen kannst, ein 20 qm großes 1 Zi-Appartment mit Kochnische in Mitte für 100.000 Euro. Wer genug Geld zusammen hat, läuft den Umweg “Unter den Linden”, um auf das Feld mit der Wohnung zu kommen. Sobald einer der Spieler die Wohnung erworben hat, ist das Spiel zu Ende und alle zählen ihr Geld.

Zubehör:

1 Spielplan, 1 Würfel, 6 Spielfiguren, 168 Spielgeld-Scheine: 24 mal 10.000 Euro (Motiv: Angela Merkel), 24 mal 5.000 Euro (Motiv: Joachim Gauck), 48 mal 1.000 Euro (Motiv: Klaus Wowereit), 72 mal 500 Euro (Motiv: Bushido), 15 Zufallskarten, 30 Wohnungs- bzw. Schlafplatz- bzw. WG-Zimmer-Karten

Spielanleitung:

Zu Beginn des Spiels versammeln sich alle Spieler mit ihren Figuren auf dem Feld „Start“. Die Runde betraut den vertrauenswürdigsten Mitspieler damit, ehrenamtlich und nebenher als Direktor der Berliner Sparkasse zu fungieren. Der Sparkassendirektor verwaltet und betreut sämtliche Geldscheine, Zufallskarten sowie die Wohnungs-, WG-Zimmer- und Schlafplatzkarten und gibt diese, wenn es der Spielverlauf erfordert, an die Mitspieler oder an sich selbst aus. Er mischt die Zufallskarten gut durch und legt sie gestapelt mit der Schrift nach unten auf den Tisch. Später nimmt er, sobald ein Spieler auf ein Zufallsfeld (rot) kommt, jeweils die oberste Karte vom Stapel und liest sie der Runde vor. Anschließend kommt die Karte wieder unter den Stapel.
Einmalig erhält jeder Spieler vom Sparkassendirektor ein Startkapital von 500 Euro ausgehändigt. Der älteste Mitspieler in der Runde beginnt mit dem Würfeln und setzt seine Figur auf dem Spielfeld in Pfeilrichtung entsprechend der geworfenen Augenzahl nach vorne. Die anderen Mitspieler folgen im Uhrzeigersinn mit dem Würfeln und verfahren ebenso. Immer, wenn ein Spieler über (nicht nur auf) das Feld „IT-Firma“ kommt, erhält er seinen jährlichen Praktikantenlohn von zunächst 6.000 Euro (entspricht zwölf Mal 500 Euro pro Monat) ausbezahlt. Wer auf ein Wohnungs-/ WG-Zimmer-/ Schlafplatz-Feld (grün mit Hausnummer) kommt, kann diese Wohnung/ dieses WG-Zimmer/ diesen Schlafplatz mieten und erhält dauerhaft die entsprechende Spielkarte. Auf dieser ist die Höhe des jährlichen Gewinns vermerkt, der durch Untervermietung der Wohnung/ des WG-Zimmers/ des Schlafplatzes an Neu-Berliner erzielt wird. Immer, wenn ein Spieler über (nicht nur auf) das Feld „Berliner Sparkasse“ kommt, wird ihm der aus allen seinen gemieteten Wohnungen zusammen erzielte Jahresgewinn ausgezahlt.
Wer die erforderlichen 100.000 Euro angespart hat, darf die begehrte Eigentumswohnung in Mitte kaufen, wenn er auf das Feld „Unter den Linden 10“ oder auf das Feld „Unter den Linden 11“ kommt. Um die Wohnung schneller erwerben zu können, dürfen die Spieler sich zu diesem Zweck auch gegenseitig Geld leihen und untereinander strategische Partnerschaften eingehen.

Berlin Praktikant. Das etwas andere Karriere-Spiel aus der Hauptstadt
Idee, Konzept und Vertrieb: Redaktion Justament (www.justament.de)
Design und Herstellung (handgezeichnet, handgeschnitten, handgeklebt): Joachim Claer
© Thomas Claer 2014
Preis: 15 Euro (inkl. Versandkosten und Verpackung) per Vorkasse
Zu bestellen nur direkt bei der Justament-Redaktion per E-Mail an: justament@lexxion.de. Bitte Lieferadresse angeben!

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www.justament.de, 3.2.2014: Szene schlägt gutbürgerlich

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Gründerzeithäuser in Berlin (Foto: TC)

Im Berliner Wohnungsmarkt spiegelt sich, was gerade in der Stadt passiert

Thomas Claer

Wenn man nach ein paar Jahren der Abwesenheit in eine asiatische Großstadt kommt, dann erkennt man dort vieles nicht mehr wieder, weil sich alles so rasend schnell verändert. Hier in Europa dagegen verläuft der Wandel, wenn er denn überhaupt mal stattfindet, eher langsam und geordnet. Doch in unserer fröhlich-verrückten deutschen Hauptstadt ticken die Uhren bekanntlich anders. Und so springt dem Leser des brandneuen GSW-Wohnmarktreports nicht nur die allgemeine Explosion der Miet- und Immobilienpreise seit etwa fünf Jahren, insbesondere in zentralen Citylagen, ins Auge, sondern auch die vollständige Verwandlung früherer Problemgebiete in Hochpreislagen in kürzester Zeit. Die Rede soll ausdrücklich nicht von Prenzlauer Berg und Friedrichshain sein, wo diese Entwicklung schon gleich nach der Wende eingesetzt hat und nach langen Jahren des Szenekiez-Daseins inzwischen wohl fast an ihrem finalen neubürgerlichen Endpunkt angekommen ist. In Kreuzberg, dem Bezirk der sprichwörtlich langen Nächte,  war dieser Prozess sogar noch langwieriger und von ernsthaften Brüchen begleitet, man denke nur an die vorübergehende Abwanderung relevanter Teile der dortigen „Szene“ in die hipperen Ostbezirke nach dem Mauerfall. Aber dass es eine Gegend innerhalb weniger Jahre vom hinterletzten Igitt-Bezirk zum absoluten Hotspot bringt, das macht Berlin so schnell keiner nach: Gestern noch Rütli-Schule, Intensivtäter-Jugendbanden und vermüllte Gehwege, heute Szene-Bars, Luxus-Wohnungen und bepflanzte Baumscheiben – das ist der Norden von Neukölln!

Das ganze Ausmaß dieser Metamorphose wird aber erst deutlich, wenn man die Zahlen des aktuellen GSW-Reports für 2013 mit denen von 2008 vergleicht und von den etwas irreführenden Neubezirksgrenzen auf die wesentlich  kleinteiligeren Altbezirksgrenzen von vor der Gebietsreform von 2002 zurückrechnet. Und genau das habe ich getan. Hier das Ergebnis:

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm) gem. GSW-Wohnreport 2013 (2008) nach Alt-Bezirken und ihre Sozialstruktur

1. Mitte (Alt): 11,96 (9,54) +25,4% (alternativ/repräsentativ)
2. Prenzlauer Berg: 10,18 (7,32) +39,1% (alternativ/neubürgerlich)
3. Kreuzberg: 10,14 (6,37) +59,2% (alternativ/lebendig)
4. Friedrichshain: 9,67 (6,60) +46,5% (alternativ/lebendig)
5. Wilmersdorf: 9,55 (8,06) +18,5% (großbürgerlich/bürgerlich)
6. Schöneberg: 9,18 (7,24) +26,8% (bürgerlich/lebendig)
7. Charlottenburg: 9,12 (7,24) +26,0% (großbürgerlich/lebendig)
8. Zehlendorf: 9,02 (7,94) +13,6% (großbürgerlich/bürgerlich)
9. Tiergarten: 8,80 (6,33) +39,0% (gemischt/lebendig)
10. Steglitz: 8,05 (6,45) +24,8% (bürgerlich/kleinbürgerlich)
11. Lichtenberg: 7,55 (5,50) +37,3% (proletarisch/kleinbürgerlich)
12. Weißensee: 7,54 (5,65) +33,5% (bürgerlich)
13. Neukölln*: 7,47 (5,23) +42,8% (alternativ/proletarisch)
14. Pankow: 7,47 (5,99) +24,7% (bürgerlich/lebendig)
15. Wedding: 7,26 (5,26) +38,0% (proletarisch/lebendig)
16. Köpenick: 7,19 (6,11) +17,7% (bürgerlich/proletarisch)
17. Tempelhof: 7,05 (5,82) +21,1% (kleinbürgerlich/bürgerlich)
18. Treptow: 7,01 (5,47) +28,2% (proletarisch/lebendig)
19. Reinickendorf: 6,73 (5,76) +16,9% (kleinbürgerlich/bürgerlich)
20. Hohenschönhausen: 6,69 (5,96) +12,3% (proletarisch/gemischt)
21. Spandau: 6,32 (5,43) +16,4% (kleinbürgerlich/lebendig)
22. Hellersdorf: 6,29 (5,30) +18,7% (proletarisch/gemischt)
23. Marzahn: 5,57 (4,85) +14,8% (proletarisch/gemischt)

* Neukölln-Nord: 8,26 (5,08) +62,6% (alternativ/proletarisch)
Neukölln-Süd: 6,67 (5,41) +23,3% (kleinbürgerl./proletarisch)

Top 20 der Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2013 (2008)

1.   10117 Unter den Linden (Mitte): 13,11 (12,60) + 4,1%
2.   10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte): 13,00 (10,30) +26,3%
3.   10119 Rosenthaler Platz (Mitte): 12,21 (9,00) +35,7%
4.   10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg): 11,93 (8,60 ) +38,7%
5.   10115 Chausseestraße (Mitte): 11,50 (8,40) +36,9%
6.   10623 Savignyplatz (Charlottenburg): 11,50 (9,00) +27,8%
7.   10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf): 11,28 (9,70) +16,3 %
8.   10785 Potsdamer Platz (Tiergarten): 11,23 (7,80) +44,0%
9 .  10967 Graefestraße (Kreuzberg): 10,99 (6,30) +74,4%
10. 10707 Olivaer Platz / Kurfürstendamm (Wilmersdorf): 10,87 (8,40) +29,4%
11.  10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg): 10,56 (7,80) +35,4%
12. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg): 10,56 (9,00) +17,3%
13. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg): 10,55 (6,30) +67,5%
14. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg): 10,52 (6,80) +54,7%
15. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg): 10,51 (7,70) +36,5%
16. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg): 10,50 (6,20) +69,4%
17. 14195 Dahlem (Zehlendorf): 10,50 (9,40) +11,7%
18. 14193 Grunewald (Wilmersdorf): 10,48 (10,60) – 1,1%
19. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg): 10,42 (6,30) +65,4%
20. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln): 10,03 (5,50) +82,4%

Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Fünfjahreszeitraum

1. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln): 10,03 (5,50) +82,4%
2. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln): 8,95 (5,00) +79,0%
3. 12053 Rollbergstraße (Neukölln): 8,76 (4,90) +78,8%
4. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln): 9,21 (5,20) +77,1%
5. 10967 Graefestraße (Kreuzberg): 10,99 (6,30) +74,4%
6. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln): 8,86 (5,10) +73,7%
7. 10367 Am Stadtpark /Frankfurter Allee (Lichtenberg): 9,21 (5,40) +70,6%
8. 12059 Weigandufer (Neukölln): 8,50 (5,00) +70,0%
9. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg): 10,50 (6,20) +69,4%
10. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg): 10,55 (6,30) +67,5%
11. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln): 8,33 (5,00) +66,6%
12. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg): 10,42 (6,30) +65,4%
13. 12055 Richardplatz (Neukölln): 8,00 (5,00) +60,0%
14. 13051 Malchow (Hohenschönhausen): 7,24 (4,60) +57,4%
15. 10783 Bülowbogen/Bülowstraße (Schöneberg): 8,77 (5,60) +56,6%
16. 10553 Beusselstraße (Moabit): 7,96 (5,10) +56,1%
17. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg): 10,52 (6,80) +54,7%
18. 13359 Soldiner Straße (Wedding): 7,24 (4,70) +54,0%
19. 10823 Alt-Schöneberg /Eisenacher Str. (Schöneberg): 9,63 (6,30) +52,9%
20. 10827 Crellestraße/Kleistpark (Schöneberg): 9,00 (5,90) +52,5%
21. 10439 Arnimplatz (Prenzlauer Berg): 9,75 (6,50) +50,0%
22. 13351 Rehberge (Wedding): 7,50 (5,00) +50,0%
23. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (Kreuzberg): 10,00 (6,70) +49,3%
24. 12435 Treptower Park (Treptow): 8,51 (5,70) +49,3%
25. 10249 Volkspark Friedrichshain (Friedrichshain): 9,75 (6,60) +47,7%

Die Zahlen sprechen für sich, meine ich. Wenn sie sich auch durch den Umstand relativieren lassen, dass die durchschnittliche Größe der Wohnungen in den Szenekiezen meist sehr niedrig ist und die absolute Wohnkostenbelastung daher trotz Spitzenmieten nicht weit über der in durchschnittlichen Lagen liegt, so ist es doch bemerkenswert, wie viele Menschen das relativ teure Leben auf engem Raum in den angesagten Innenstadtlagen goutieren. Wohl nirgendwo sonst gilt so sehr wie auf dem Wohnungsmarkt, dass sich einmal etablierte Trends meist sehr viel länger fortsetzen als gedacht. Doch hat der aktuelle GSW-Report noch eine andere auffällige Tendenz ans Licht gebracht: Während die Neu-Berliner (natürlich!) bevorzugt in die zentralen Szene-Kieze ziehen, weichen die alteingesessenen Berliner zunehmend in weniger zentrale Lagen aus. Daraus mag jeder seine eigenen Schlüsse ziehen..

Justament April 2013: Kapital will sich amüsieren

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Haus in Moabit (Foto: TC)

Der anhaltende Hauptstadt-Boom sorgt auch für  Goldgräberstimmung auf dem Berliner Immobilienmarkt

Thomas Claer

Ein Szenebezirk funktioniert ungefähr so, wie es die Band Tocotronic schon vor 14 Jahren beschrieben hat: „Hier in unserer Straße / Sind wir fröhlich und entspannt / Wir reden meistens über etwas / Das uns auf den Nägeln brennt / An jeder Ecke stehen Menschen / Deren Meinung uns gefällt / Und der Himmel ist ganz blau / Weil er Ozon enthält.“ Hier ist die Welt der jungen Leute noch in Ordnung, aber ein solches Glück kann nie von Dauer sein: „Das dunkle Königreich wird nicht mehr aufzuhalten sein / Das Schlechte in der Welt bricht nunmehr über uns hinein“ Ganz einerlei, ob hiermit vielleicht auch der irgendwann drohende Eintritt ins Berufsleben oder das Erwachsenwerden schlechthin gemeint waren. Zu den dunklen Mächten, von denen hier geraunt wird, zählt zweifellos der massive Kapitalzufluss in die hippen, von Studenten und Künstlern bewohnten Gegenden unserer Großstädte, der die schönen Altbauwohnungen teuer werden lässt und die kreative Klasse womöglich irgendwann von dort verdrängen wird.
Auf dem Wohnimmobilienmarkt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nämlich eine markante Veränderung vollzogen: Zwar gibt es auch weiterhin Interessenten fürs „Häuschen im Grünen“, das Reihenhaus oder die Doppelhaushälfte, wo sich die geneigte Familie fernab von Lärm und Lastern der Innenstädte wohlfühlen kann. Die Musik aber spielt seit geraumer Zeit in den immer begehrter werdenden zentralen Citylagen, je studentischer und alternativer geprägt, desto besser. Das große Geld, das einst die Ruhe der Vorstädte schätzte, langweilt sich heute dort und will sich viel lieber in den zentralen Lagen amüsieren. Wie das aussehen kann, lässt sich insbesondere in unserer von der Jugend der Welt so heiß geliebten Hauptstadt beobachten, deren Innenstadt längst einer einzigen Partymeile gleicht.
Der australische Musiker Robert F. Coleman schrieb vor einigen Monaten in der New York Times über einen Sommer mit seinen Bandkollegen in Berlin-Neukölln: „Um uns wimmelte es von Bars, Parks, Mädchen und Tischtennisplatten. Wir waren in einem hedonistischen Paradies gelandet. Das Bier war billiger als Mineralwasser, die Drogen mühelos zu beschaffen, die beste Tanzmusik der Welt an jedem beliebigen Wochentag in Reichweite… Hier (war) das Seltsame normaler als das Normale: Eltern mit XL-Bierflaschen in der Hand sehen ihren Kindern beim Schaukeln zu, Nudisten sonnen sich in öffentlichen Parks, ehemalige Stasispitzel sitzen in ihren Stammkneipen und murmeln in ihre Drinks. Überall um uns brummten die Cafés, lesende, redende, lachende Menschen säumten die Kanalufer, die riesigen Parks waren voller Picknickdecken, Grillrauch und Sonnenschein. Bloß schien niemand zu arbeiten. Ich kam mir irgendwie ausgetrickst vor. Das Leben war einfach zu leicht. Der Alltagsstress, an den wir gewöhnt waren, existierte nicht, er wurde jede Nacht durch ein neues Abenteuer verdrängt: Partys in leer stehenden Schwimmbädern, Raves auf verlassenen Flugplätzen, Nachtclubs, die tagelang geöffnet blieben … Es gab zu wenig Grenzen – und uns fehlte die Willensstärke, um Nein zu sagen. Die unerklärliche Energie der Stadt hatte uns gepackt… Eines Tages – ich starrte gerade eine Nudistin in der Hasenheide an – merkte ich, dass wir in einer Art Künstler-Paradox feststeckten …“
Das Problem ist nur: Wenn eines Tages nur noch Reiche in der Berliner Innenstadt leben, wer soll dann für die gute Stimmung sorgen?

1. Mitte (Alt): 11,09 (9,54)/ +16,2%/ zentral/ alternativ/repräsentativ

2. Prenzlauer Berg: 9,38 (7,32)/ +28,1 %/ zentral/ alternativ/neubürgerlich

3. Wilmersdorf: 9,07 (8,06)/ +12,5 %/ zentral/ großbürgerlich/bürgerlich

4. Kreuzberg: 8,91 (6,37)/ +39,9 %/ zentral/ alternativ/lebendig

5. Zehlendorf: 8,75 (7,94)/ +10,2 %/ Randlage/ großbürgerlich/bürgerlich

6. Friedrichshain: 8,65 (6,60)/+31,1 %/ zentral/ alternativ/lebendig

7. Schöneberg: 8,52 (7,24)/+17,7 %/ zentral/ bürgerlich/lebendig

8. Charlottenburg: 8,33 (7,24)/ +15,0 %/ zentral/ großbürgerlich/lebendig

9. Tiergarten: 8,15 (6,33)/ +28,7  %/ zentral/ gemischt/lebendig

10. Steglitz: 7,46 (6,45)/ +15,7 %/ Randlage/ bürgerlich/kleinbürgerlich

11. Neukölln*: 7,05 (5,23)/ +34,8 %/ zentral/ alternativ/proletarisch

12. Pankow: 7,01 (5,99)/ +17,0 %/ Randlage/ bürgerlich/lebendig

13. Weißensee: 6,93 (5,65)/ +16,3 %/ Randlage/ bürgerlich

14. Tempelhof: 6,80 (5,82)/ +16,8 %/ Randlage/ kleinbürgerlich/bürgerlich

15. Lichtenberg: 6,79 (5,50)/ +18,2 %/ Randlage/ proletarisch/kleinbürgerlich

16. Köpenick: 6,79 (6,11)/ +11,1 %/ außerhalb/ bürgerlich/proletarisch

17. Treptow: 6,57 (5,47)/ +20,1 %/ Randlage/ proletarisch/lebendig

18. Wedding: 6,56 (5,26)/ +24,7 %/ zentral/ proletarisch/lebendig

19. Reinickendorf: 6,53 (5,76)/ +13,4 %/ Randlage/ kleinbürgerlich/bürgerlich

20. Spandau: 5,99 (5,43)/ +10,3 %/ außerhalb/ kleinbürgerlich/lebendig

21. Hohenschönhausen: 5,96 (5,96)/  +/-0,0 %/ außerhalb/ proletarisch/gemischt

22. Hellersdorf: 5,81 (5,30)/ + 9,6 %/ außerhalb/ proletarisch/gemischt

23. Marzahn: 5,39 (4,85)/ +11,1 %/ außerhalb/ proletarisch/gemischt

* Neukölln-Nord: 7,69 (5,08)/ + 51,4 %/ zentral/ alternativ/proletarisch

Neukölln-Süd: 6,24 (5,41)/ +15,3 %/ Randlage/ kleinbürgerlich

Angebotskaltmieten in Berliner „Altbezirken“ nach Medianwerten 2012 (2008)/ Veränderung/ Lage /Sozialstruktur (Aufstellung gemäß Bezirksgrenzen vor der Gebietsreform 2002, weil so differenzierteres Bild möglich). Quelle: GSW-Report, eigene Berechnungen.

Justament Sept. 2012: Geplatzte Übernahme

Wie zwei koreanische Studenten in Berlin beinahe Millionäre geworden wären

Thomas Claer

Die Geburtsstunde der sozialen Online-Netzwerke war nicht etwa die Gründung von Facebook am 4. Februar 2004 in Harvard (und auch weder die von Mark Zuckerbergs Vorläufer-Projekt  facemash.com im Oktober 2003 noch die des amerikanischen Konkurrenten Myspace im Juli 2003). Zu dieser Zeit war im fernen Technik-Pionierland Südkorea nämlich längst ein Online-Dienst namens Cyworld (gegründet 1998) mit Millionen Nutzern etabliert, der es allerdings (noch) weniger streng mit dem Datenschutz hielt als später Facebook: Was jemand auf seine persönliche Cyworld-Seite gestellt hatte, war grundsätzlich für jeden einsehbar, der sich bei diesem Netzwerk angemeldet hatte. Es gab dort also nur „Freunde“.
Dass sich das Konzept dieser werbefinanzierten „Mini-Homepages“, wie man damals sagte, irgendwann auch außerhalb von Fernost umsetzen ließe, das wurde damals noch überwiegend bezweifelt. Vor allem zu Deutschland, wo die Skepsis gegenüber technischen Innovationen traditionell vergleichsweise stark ist, schien diese neue Form der Selbst-Präsentation und Kommunikation nicht so recht zu passen. Doch Chol-Soo Kim und Jae-Gang Lee (Namen von der Redaktion geändert), zwei damalige Studenten aus Südkorea in Berlin, denen Cyworld aus ihrer Heimat gut bekannt war, wollten sich damit nicht abfinden. Sie taten im Jahr 2004 das, was auch heute noch Tausende „junge Kreative“ in Berlin tun: Sie gründeten ein „Startup“. Das soziale Netzwerk „n-pool.de“ war geboren und hatte nach einigen Monaten bereits ein paar hundert Nutzer, vor allem unter Deutsch-Koreanern. Kim und Lee gingen nun in die Vollen, liehen sich Geld im Freundes- und Bekanntenkreis, auch aus ihren Familien, mieteten Büroräume zunächst im bescheidenen Moabit, später sogar in bester Lage am Nollendorfplatz, und stellten junge und hochmotivierte Mitarbeiter ein, vor allem Praktikanten, die zu finden in Berlin nie ein Problem ist, wo auch heute noch fast jeder am liebsten „irgendwas mit Medien“ machen möchte. Bald stieg die Nutzerzahl auf einige tausend. Und so langsam gab es auch Interessenten aus der Medienindustrie, die das nächste „große Ding“ witterten. Ein Großunternehmen aus Gütersloh lud Kim und Lee zu konkreten Übernahmegesprächen. Man hatte sich bereits auf einen Preis von einer Million Euro geeinigt (angesichts des erwarteten Potentials von N-Pool eher „Peanuts“), die Konzernzentrale sollte es nur noch absegnen. Doch darauf warteten Kim und Lee, die sich zwischenzeitlich schon als Millionäre gefühlt hatten, vergeblich. Lag es vielleicht am Manga-Design der Seite, das damals – anders als heute – noch keinen deutschen Jugendlichen hinter dem Ofen hervorlocken konnte? Auch die Verhandlungen mit anderen Kaufanwärtern scheiterten. Kim und Lee wuchsen die laufenden Kosten über den Kopf – sie mussten aufgeben. N-Pool ging 2006 vom Netz. Wenig später wurde das im November 2005 gegründete Studi-VZ zum großen Renner, welches seinerseits nach einigen Jahren vom Giganten Facebook überholt wurde.

Justament Okt. 2010: Stadt der Extreme

Ein rechtskultureller Versuch über unsere Hauptstadt

Thomas Claer

Nachmittags in der Berliner Ringbahn: Ein zotteliger Mann mittleren Alters fährt seinen Kinderwagen, weil er nicht gleich durchkommt, einem jungen Mädchen mit voller Wucht von hinten in die Hacken. Die schreit laut auf, worauf er knurrt: „Geh doch aus dem Weg!“ Darauf sie: „Arschloch!“ Eine ganz alltägliche Begebenheit in Berlin, der Stadt, in der sich offensichtlich andere kommunikative Codes ausgebildet haben als anderswo. Schon Goethe wusste: Dort lebt „ein so verwegener Menschenschlag beisammen, dass man mit der Delikatesse nicht weit reicht, sondern dass man Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muss, um sich über Wasser zu halten.” Ja, Grobheit und Rücksichtslosigkeit dominieren noch heute die zwischenmenschlichen Begegnungen in der Hauptstadt. Wer sich als Fußgänger versehentlich auf den Radweg verirrt, wird ohne Vorwarnung angefahren, wer als Radfahrer auch nur kurz den Fußgängerweg benutzt, bekommt unter wilden Verfluchungen einen Fußtritt ins Hinterrad. Fragt man einen Berliner nach dem Weg, antwortet der: „Seh ick aus wie `ne Infosäule?“ Überall, wo es eng oder unübersichtlich wird, wird gepöbelt, gedrängelt und geschubst.
Woran kann das liegen, fragt man sich? Hat es, wie ja gerne unterstellt wird, mit dem derzeit fast schon sprichwörtlich berüchtigten Status der Spree-Metropole als Armenhaus Deutschlands, als Prekariats-Hauptstadt zu tun? Hier könnte ein Vergleich mit dem anderen Unterschichten-Stadtstaat weiterhelfen, dem pro Einwohner noch höher als Berlin verschuldeten Bremen, das die Hauptstadt auch beim Prokopfeinkommen, der Arbeitslosenquote und der Leistungsschwäche der Schulkinder noch in den Schatten stellt. Nach dieser Logik müsste nämlich das schöne Bremen eine Stadt der Unhöflichkeiten und Unverfrorenheiten sein. Tatsächlich ist jedoch, wie ein Aufenthalt an der Weser beweist, so ziemlich das Gegenteil ist Fall: hanseatische Noblesse allenthalben. Betritt man in Bremen mit dickem Rucksack oder Koffer die Straßenbahn, wird man nicht nur nicht beschimpft und zur Seite gedrängt, sondern es wird extra zusammengerückt, damit alle sitzen können. Sucht jemand den Fahrkartenautomaten oder versteht dessen Handhabung nicht sofort, springt sogleich jemand auf und bittet seine Hilfe an. Die Menschen sind regelrecht zuvorkommend. Wer mit dem Fahrrad am Weserdeich unterwegs ist, muss erstaunt feststellen, dass die Fußgänger, wenn Radfahrer kommen, freiwillig einen Schritt beiseite treten. Die Leute sagen freundlich „Bitte schön!“ und „Danke schön!“ Kurz: Es ist eine andere Welt. An Reichtum oder Armut kann es also nicht liegen.
Zurück in Berlin: Schon der Umgangston ist ein ganz anderer. „Ja wat is denn det hier? Kann ick hier vielleicht mal durch?“, trompetet einer hinter uns und unserem Koffer auf der Rolltreppe. In dieser Stadt herrscht eine geheimnisvolle, über Jahrzehnte und Jahrhunderte seltsam beständige Kontinuität der Grobschlächtigkeit.
Denkt man nun aber, es würde womöglich besser in Berlin, wenn man sich wenigstens selber anders verhielte, vielleicht nicht gerade so ausgesucht zuvorkommend wie ein Bremer, aber doch einfach nur neutral und höflich, dann hat man die Gefahren unterschätzt, die sich allein daraus ergeben können: Eine südländisch aussehende Frau mittleren Alters in der U-Bahn, die in irgendwelche Unterlagen vertieft war, hatte nicht bemerkt, dass ihr Kugelschreiber heruntergefallen war. Ich saß neben ihr und hob ihr also den Schreiber auf. Kann sein, dass ich dabei freundlich gelächelt habe. Die Frau missdeutete mein Verhalten völlig, gab jede Zurückhaltung auf und legte los: „Kennen Sie unseren Herrn Jesus Christus?“ Am besten ist dann immer, man sagt „Ja, ja …“ und wimmelt ab. Aber sie ließ nicht locker in ihrem Missionierungseifer, kam mir mit dem jüngsten Tag, mit Umkehr und Apokalypse. Verärgert fragte ich sie schließlich: „Woher wollen Sie das eigentlich alles so genau wissen?“ Und schon war ich in eine völlig unsinnige, notwendigerweise tautologische Diskussion mit ihr geraten, der ich mich erst durch Verlassen des Wagens entziehen konnte. Aber auch auf den Bahnhöfen muss man sich in Acht nehmen: Im hippen Prenzlauer Berg, im S-Bahnhof Schönhauser Allee, erlebte ich einmal, wie ein Mann in den Vierzigern aus dem Zug stieg und sich wenigen Sekunden später mit großer Selbstverständlichkeit mitten auf dem Bahnsteig übergab. Ich konnte gerade noch einen Schritt zurücktreten, um nichts von seinem Erbrochenen abzubekommen. Im allerdings nicht gerade hippen S-Bahnhof Jungfernheide im bürgerlichen Charlottenburg konnte ein äußerlich völlig unauffälliger junger Mann wohl wegen des strömenden Regens ausnahmsweise seine Notdurft nicht draußen an der Hecke neben dem Eingang verrichten, wo man sonst immer zahlreiche Männer (allerdings nie Frauen) beim „kleinen Geschäft“ beobachten kann. So stellte er sich eben einfach drinnen in der Bahnhofshalle an die Wand, immerhin mit dem Rücken zu den Passanten, die aber um die sich rasch ausbreitende Pfütze einen großen Bogen zu machen gezwungen waren. Mit etwas Glück konnte ich auch hier noch rechtzeitig ausweichen. So was erlebt man wohl nur in Berlin.

www.justament.de, 3.5.2010: Everybody’s Darling

Eine Ausstellung im Schloss Charlottenburg zum 200. Todestag der preußischen Königin Luise

Thomas Claer

Bild LuiseVor zweihundert Jahren gab es natürlich noch keinen Popstarkult im eigentlichen Sinne. Aber wie will man es sonst nennen, wenn eine junge, schöne und allseits beliebte preußische Königin ihre Tücher auf besondere Weise um die Schultern zu tragen pflegte, und junge Menschen verschiedenster Stände imitierten es? Und all das entstand nur mit den Popularitätsverbreitungsmitteln der damaligen Zeit: Gemälden, immer wieder Gemälden, ein paar versprengten Journalen für die Gebildeten und ansonsten Hörensagen. Die Maler standen förmlich Schlange, um sie zu porträtieren. Doch weit mehr als ihre Schönheit war es ihr natürlicher Charme, der Luise von Mecklenburg-Strelitz (1776-1810), die siebzehnjährig den etwa sechs Jahre älteren späteren preußischen König Friedrich Wilhelms III. ehelichte, zum Gegenstand allgemeiner Verehrung machte. Und so makaber es klingen mag: Nichts ist dem unsterblichen Ruhm förderlicher als ein früher Tod. Mit nur 34 Jahren hat eine Lungenentzündung sie hinweggerafft – worauf die Vereinnahmung und Legendenbildung begann.

Ungezwungene Umgangsformen
Klar, ein solcher Stoff ist wie geschaffen für eine Sonderausstellung im ohnehin sehenswerten Schloss Charlottenburg in Berlin. Kein Wunder, dass die Besucher in Scharen dorthin strömen. Sie werden nicht enttäuscht. Mag man auch die anhaltende Tendenz zur Kommerzialisierung im Ausstellungswesen beklagen, ist es doch allemal anschaulicher, durch die Privatgemächer der Königin zu spazieren, als sich nur durch Wikipedia oder die zahlreichen Verfilmungen oder Bücher zu unterrichten.
Schon der erste Augenschein verrät: Luise wirkt überraschend zeitgenössisch, regelrecht modern mutet der Schnitt ihrer Kleidung auf etlichen Porträts an. Gepriesen wird in den Zitaten auf den Wandtafeln vor allem der für die damaligen Verhältnisse erfrischend unaristokratische Stil der Königin. Von ungezwungenen Umgangsformen ist die Rede, sie duzte sich sogar mit ihrem Gemahl. Doch ging sie bei ihren Tabubrüchen so behutsam vor und erwies der Etikette gerade noch so viel Respekt, dass sie konservative Kreise nicht völlig gegen sich aufbrachte.
Vieles an ihr gilt als Produkt der Erziehung ihrer liberalen Großmutter in Darmstadt, bei der sie ab 1786 aufwuchs und, wie es hieß, so manche Freiheiten genoss. Über den Besuch der vierzehnjährigen Luise (gemeinsam mit Schwester und Oma) in Frankfurt schreibt die Mutter Goethes an ihren Sohn: “Das Zusammentreffen mit der Prinzessin von Mecklenburg hat mich außerordentlich gefreut … von einer steifen Hofetikette waren sie da in voller Freyheit – tantzend – sangen und sprangen den gantzen Tag …” Noch als Jugendliche wird Luise als “kindlich unbefangen und verspielt” beschrieben. Dabei war sie keine eifrige Schülerin, in ihren Briefen häuften sich Rechtschreibfehler. Doch tat das der ihr überall entgegengebrachten Bewunderung keinen Abbruch.

Liebesheirat mit Friedrich Wilhelm
Obgleich von den Eltern arrangiert kann ihre Ehe mit Friedrich Wilhelm als ausgesprochene Liebesheirat gelten, was seinerzeit bekanntlich eher die Ausnahme war. Zum ersten Mal traf Luise den 22-jährigen Kronprinzen am 14. März 1793, am 19. März machte er ihr persönlich seinen Heiratsantrag, und am 24. April fand die offizielle Verlobung statt. Bereits Weihnachten 1793 feierte man Hochzeit. Nach Berichten von Augenzeugen wirkte der Bräutigam, sonst eher schüchtern und introvertiert, an diesem Tag heiter und ausgelassen. Und was auch schon sehr modern anmutet, es gab einen Ehevertrag. Weniger fortschrittlich allerdings war sein Inhalt: Luise sollte eine bestimmte Summe Geldes “zu selbsteigener Disposition” erhalten, die sich bei der Geburt eines Sohnes, nicht aber bei der Geburt einer Tochter deutlich erhöhen würde. Tatsächlich gebar Luise, die 1797 mit 21 Jahren Königin wurde, dann nicht weniger als zehn Kinder in knapp 17 Ehejahren (sieben von ihnen erreichten das Erwachsenenalter), darunter den späteren deutschen Kaiser Wilhelm I. (Nebenbei gesagt ist Luise somit auch die Urgroßmutter des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II.) Das hohe Ansehen der Königin war nicht zuletzt ihrem Pflichtbewusstsein geschuldet, das sie trotz eher leichtlebiger Veranlagung in ihrer hoheitlichen Position walten ließ.

Einsatz in der großen Politik
Sie unterstützte ihren Gatten bei dessen politischen Geschäften nach Kräften, machte Außenpolitik und eine gute Figur in ihren Begegnungen mit dem russischen Zaren Alexander und Napoleon. Über Zar Alexander (den Namensgeber des Berliner Alexanderplatzes) liest man in ihren Aufzeichnungen: “Er ist wunderbar gut gebaut und von sehr stattlicher Erscheinung. Er sieht aus wie ein junger Herkules.” Besonders ausführlich widmet sich die Ausstellung ihrem Aufeinandertreffen mit Napoleon, der anschließend an seine Frau nach Paris schreibt: “Die Königin von Preußen ist wirklich bezaubernd, sie ist voller Koketterie zu mir. Aber sei ja nicht eifersüchtig …”

Mausoleum, Insel, Propaganda
Gleich nach Luises Tod ließ Friedrich Wilhelm ein beeindruckendes Mausoleum im Park des Schlosses Charlottenburg errichten, wo sie (wie später noch andere wichtige Familienmitglieder) ihre letzte Ruhestätte fand. Ihr liebster Aufenthaltsort im Charlottenburger Schlosspark erhielt Skulpturen von Amor und Aphrodite, eine steinerne Büste mit ihrem Antlitz und fortan den Namen “Luiseninsel”. Weitgehend schuldlos ist Luise an ihrer postumen politisch-propagandistischen Instrumentalisierung durch deutschnationale Kreise. “Mehr als von der Verleumdung ihrer Feinde hat Luise von der Phrasenhaftigkeit ihrer Verehrer zu leiden gehabt”, befand Theodor Fontane in seinen “Wanderungen durch die Mark Brandenburg” (1862). Wie ungebrochen auch heute noch ihre Wirkung ist, beweist ein frisches Graffiti am Ausgang des Schlossparks zur Spree: ein Herz mit der Inschrift “Luise”.

Luise. Leben und Mythos der Königin
6. März – 30. Mai 2010
Schloss Charlottenburg, Berlin

Justament April 2010: Feuer und Flamme

Warum die brennenden Autos in Berlin die Gentrifizierung nur vorantreiben

Thomas Claer

FeuerBeeindruckend minutiös listet es die Seite http://www.brennende-autos.de auf: 533 Brandanschläge von Unbekannten auf Autos hat es in Berlin seit dem Frühjahr 2007 gegeben (Stand: 1.4.10). Die Tendenz ist dabei stark zunehmend: Gingen im gesamten Jahr 2008 lediglich 135 Fahrzeuge in Flammen auf, waren es 2009 bereits 212. Fast jede Nacht, heißt das, brennt in Berlin irgendwo ein Pkw. Betroffen sind, die Karte auf besagter Internetseite verrät es, ganz überwiegend die Innenstadtbezirke Kreuzberg, Friedrichshain, Mitte und Prenzlauer Berg, also jene Bezirke, in denen Stadtsoziologen schon seit mehr als einem Jahrzehnt eine ausgeprägte Tendenz zur Gentrifizierung ausgemacht haben, also zur gezielten Aufwertung der Stadtviertel durch Restaurierung, Umbau und Verränderung der Bevölkerungsstruktur. Keineswegs ausschließlich, aber doch mehrheitlich trifft es Luxusfahrzeuge der Marken Mercedes (118 Fälle) und BMW (55 Fälle). Vereinzelte Bekenntnisse aus der linksautonomen “Szene” bestätigen nur, was ohnehin jeder weiß: Die Brandstiftungen sollen politische Aktionen gegen die “kapitalistische Gentrifizierung” darstellen. Brennen nur möglichst viele Nobelkarossen, dann werden es sich die Yuppies schon überlegen, ob sie unbedingt hier wohnen wollen, war laut “taz” aus Kreuzberg zu vernehmen. Assistiert werden die feurigen autonomen Bemühungen regelmäßig durch gezielte Brandsätze auf Baustellen von Luxus-Wohnhäusern sowie entsprechende Graffiti: An Parolen wie “Fuck Yuppies!” oder “Yuppies und Schwaben raus!” an Häuserwänden hat man sich ja inzwischen schon gewöhnt.

Haben wir es bei den Zündeleien nun also mit einer neuen Form des sozialen Protestes zu tun oder sind es letztlich doch nur stinknormale Brandstiftungen gem. § 306 Abs. 1 Nr. 4, 1. Var. StGB – allerdings in ungewöhnlich großer Zahl? Für letzteres plädiert der Kriminologe Christian Pfeifer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) und füherer niedersächsischer Landesjustizminister (SPD). Er sieht nur “ganz normale Brandstifter” am Werk, die “politisch nichts bewegen” können, zitiert ihn die “taz”. Schließlich seien Brandstifter “meistens Serientäter.” “Jede neue Tat bedeutet eine Luststeigerung. Macht ausüben. Manche haben sogar ein Hochgefühl, vergleichbar einem Orgasmus, wenn sie aus sicherer Entfernung den Anblick der Flammen und die Aufregung genießen. Dieses Tatütata, wenn Polizei und Feuerwehr kommen und sich überall die Fenster öffnen.” Manche Brandstifter würden nun eben “ein politisches Mäntelchen drumhängen”. Slogans wie “Ein brennendes Auto eine Straftat – 100 brennende Autos eine politische Aktion” bezeichnet Pfeifer als “dumme Sprüche”. Die Einzigen, die durch die Brandanschläge auf die meist vollkaskoversicherten Autos beglückt würden, seien die Taxifahrer, weil das Opfer eine Weile keinen fahrbaren Untersatz habe.

Teil der Krawall-Folklore
Doch ist das alles? Könnte es nicht sein, dass die brennenden Autos sehr wohl etwas Größeres bewirken, nämlich stadtsoziologisch und damit gewissermaßen auch politisch, nur gänzlich anders, als es sich die autonomen Feuerteufel vorstellen können? Sind sie nicht schon zu einem Teil der Krawall-Folklore geworden, ähnlich den ritualisierten Gewalt-Eskalationen wie wir sie seit langen Jahren am 1. Mai erleben? Wer die Entwicklung der Mieten und Immobilienpreise in den entsprechenden Bezirken in den letzten Jahren verfolgt hat, der wird feststellen, dass autonome Krawalle eine zahlungskräftige Klientel keineswegs vom Zuzug in die schicken, coolen Szeneviertel abhalten konnten. Ganz im Gegenteil: Der Revolutions-Chic der autonomen Protestler gibt den Trend-Bezirken erst jene Spur von Anrüchigkeit, die die Gegenden für eine sich als irgendwie “alternativ” fühlende, wohlhabende und amüsierfreudige Schicht so richtig hipp macht. Sogar viele Prominente, von Sandra Maischberger über Alfred Biolek (“Mein New York ist heute Prenzlauer Berg.”) bis zu diversen internationalen Filmstars, wohnen inzwischen in den Berliner Szenebezirken.
Die, die man früher als “Spießer” bezeichnet hat, mögen in den ruhigen, gediegenen Vierteln am südwestlichen Stadtrand bleiben. Wer jedoch das blühende Leben, das Bunte, das ständige Abenteuer liebt, den zieht es in die angesagten Szenebezirke.
Das hat natürlich, wie gesagt, inzwischen seinen Preis. Fast vierhunderttausend Euro kostet eine Vier-Zimmer-Luxuswohnung etwa am Viktoriapark in Kreuzberg. Das mag Münchener, Hamburger oder Frankfurter nicht sonderlich beeindrucken, doch muss man wissen, dass die durchschnittlichen Berliner Eigentumswohnungen noch immer für fünfstellige Summen gehandelt werden.

Arme Autonome
Den Krawall-Brüdern geht es also wie der wütenden jungen Frau in jenem alten Film, dessen Namen ich vergessen habe. Sie schreit und tobt und wütet gegen ihren Ehemann, doch der lächelt nur überlegen und sagt: “Du bist hinreißend, Liebling, wenn du dich aufregst!” Es ist wie beim Protestsong gegen die Kommerzialisierung, der an die Spitze der Hitparade gelangt. Lenin hätte die autonomen Brandstifter als “nützliche Idioten der Gentrifizierung” bezeichnet.
Neulich war ich zu Besuch in einer der Kreuzberger Luxuswohnungen. Der Bildschirmschoner auf dem Laptop der Bewohnerin zeigte ein Bildnis von Che Guevara.

Justament Dez. 2008: Im Trend: zentral, alt, saniert

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Heute heiß begehrt: Altbauwohnungen in Prenzlauer Berg (Foto: TC)

Ein Streifzug durch den Berliner Wohnimmobilienmarkt

Thomas Claer

“Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genau so gut töten wie mit einer Axt!” So sprach Heinrich Zille (1858-1929), Zeichner des Berliner “Milljöhs”, und meinte die berüchtigten Mietskasernen in den Berliner Arbeiterbezirken, die ihm wegen ihrer engen, jeden Sonnenstrahl verschluckenden Bauweise nur als schreckliche Bausünden erscheinen konnten. Private Spekulanten hatten diese Wohnhäuser in der schnell wachsenden Industriemetropole Berlin zwischen 1870 und Anfang des 20. Jahrhunderts in großer Zahl errichtet. Die Grundstücke wurden im Rahmen der Bauordnung maximal ausgenutzt. Vorderhaus, Seitenflügel, Quergebäude und ein Innenhof, dessen Größe immerhin für ein Feuerwehrfahrzeug zum Wenden reichen musste, bildeten die Grundstruktur der Bebauung. Mitunter waren fünf bis sieben Höfe hintereinander angeordnet. Hinzu kam natürlich, dass die betreffenden Wohnungen zumeist von ziemlich vielen Personen gleichzeitig genutzt wurden: Bis zu sieben Menschen sollen noch um 1900 in vielen Einzimmerwohnungen gehaust haben. Die Einwohnerzahl Berlins war von 1870 bis 1905 von 800.000 auf über 2 Millionen gestiegen, ohne dass sich das Stadtgebiet nennenswert erweitert hätte. Bis 1925 sollte sie sich nochmals auf 4 Millionen (heute sind es 3,4 Millionen) verdoppeln, was allerdings zum Teil auch an der Eingemeindung der zuvor selbständigen Großstädte Charlottenburg, Neukölln, Schöneberg, Lichtenberg, Wilmersdorf und Spandau im Jahr 1920 lag.

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Zille-Zeichnung: “Wollt ihr weg von de Blume! Spielt mit’n Müllkasten!”

Baustopp für Mietskasernen
Mit dem Einzug der Demokratie und einer größeren Sensibilität für Soziales wurde in der Weimarer Republik die Entstehung weiterer Mietskasernen gestoppt. Die am 1. Dezember 1925 in Kraft getretene Bauordnung Berlins, angelehnt an die preußische Einheitsbauordnung von 1919, und der auf ihrer Grundlage entstandene Bauzonenplan verboten fortan die berüchtigte Hinterhofbauweise.
Es folgte die Geburtsstunde des sozialen Wohnungsbaus: Durch rationales und den Bedürfnissen des “modernen Menschen” entsprechendes Bauen sollte die Forderung nach “Licht, Luft und einer Wohnung für alle” (Bruno Taut) verwirklicht werden. Wie sonst nur im ebenfalls “roten” Wien entstanden seit 1925 in ganz Berlin zahlreiche Reformsiedlungen mit kleineren und niedrigeren, aber nach funktionellen Gesichtspunkten geschnittenen Wohnungen mit überwiegend zwar noch geschlossenen, jedoch grünen und voluminösen Innenhöfen. Diverse Bauhaus-Architekten und Wegbereiter der Architektonischen Moderne wie Walter Gropius, der zitierte Bruno Taut, Hans Scharoun und Otto Bartning schufen so eine spezifische “Berliner Moderne” im Stil des “Neuen Bauens”.

Kahlschlagsanierung
An Nazizeit und zweiten Weltkrieg schloss sich im frisch geteilten Berlin eine Phase an, in der die Architektur eher der nackten Not gehorchte und weitgehend ambitionslos für Dächer über den Köpfen sorgte. Als Ausnahmen vom Generaltrend dieser Jahre können jene Bauwerke gelten, die der Renommiersucht im kalten Krieg geschuldet waren wie etwa die prächtigen Wohnblöcke aus den 1950er Jahren im Stil des Sozialistischen Klassizismus in der Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee) in Friedrichshain. Doch bald schon wehte im Westen wie im Osten ein neuer städtebaulicher Wind, der Plattenbausiedlungen zum Ideal erhob. Vor allem aber wurden nun die alten Mietskasernen, denen der Zahn der Zeit inzwischen auch mächtig zugesetzt hatte, als empörende Schandflecke einer neuen Stadtkultur erkannt. Systemübergreifend einig war man sich, dass solche Häuser am besten abgerissen und durch 60er und 70er Jahre-Zweckbauten ersetzt gehörten. In Westberlin sah das “Erste Programm zur Stadterneuerung” vom 18. März 1963 zwei Sanierungsmethoden vor: Die erste war der Totalabriss und eine nachfolgende Neubebauung, die zweite war der Teilabriss durch Entkernung und die Komplettierung bzw. Modernisierung der verbliebenen Restsubstanz. Der Umfang der sanierungsbedürftigen Wohnungen wurde 1962 im “Ersten Bericht über die Stadterneuerung in Berlin” mit 430.000 von insgesamt 849.918 (1960) vorhandenen Wohnungen angegeben. Davon waren 250.000 abbruchreif und 180.000 sanierungsbedürftig. Gesagt, getan: Der Südosten des Westberliner Arbeiterbezirks Wedding etwa musste komplett dran glauben. Fast kein Altbau hat im Gebiet rings um die nördliche Brunnenstraße die anschließende Kahlschlagsanierung überlebt.

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Zille-Zeichnung: “Mutta, schmeiß Stulle runter!”

Verwahrlosung und Protestkulturen
Wenige hundert Meter weiter östlich hingegen, im früheren Zwillings-Unterschichtenbezirk Prenzlauer Berg konnte – durch eine glückliche Fügung – genau dies vermieden werden. Die ewig klamme DDR hatte einfach nicht genug Geld für die jahrzehntelang geplante Abrisssanierung. Stattdessen entstand in den zunehmend verwahrlosten und von Ratten und Feuchtigkeit gepeinigten Hinterhöfen eine subversive Parallelwelt aus Künstlern und Oppositionellen, denen die Regierung – trotz zahlreicher Stasispitzel in der Szene – niemals ganz Herr werden konnte. Auch unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel rühmt sich heute, dort einige Studienjahre lang in einfachsten Verhältnissen gewohnt zu haben.
Ebenfalls eine Parallelwelt entstand in den 1970er Jahren im Westberliner Bezirk Kreuzberg, wo autonome Gruppen sich im Protest gegen die Sanierungspläne des Senats der erhaltenswerten Altbausubstanz annahmen und zwischen 1979 und 1981 über 150 Gebäude besetzten. Die Bilder von handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen Hausbesetzern und Polizei gingen durch Presse und Fernsehen. Juristisch waren die Hausbesetzungen natürlich
Hausfriedensbrüche und im (nicht seltenen) Fall der Beeinträchtigung von Einrichtungen und Bausubstanz auch Sachbeschädigungen. Gleichwohl trugen die militanten Besetzer auf ihre Weise zu einem allmählichen Umdenken im Umgang mit den Altbauten bei. Die hohen Decken mit Stuck, die großen Türen und Hausflure – all das galt zunehmend als schick und cool. Heinrich Zille hätte sich verwundert die Augen gerieben. 1982 wurden die zwölf Grundsätze einer behutsamen Stadterneuerung formuliert. Das Berliner Abgeordnetenhaus stimmte diesen schließlich zu.

Sanierte Altbauten plötzlich todschick
Der Rest ist schnell erzählt. Nach der Wende wurde in Prenzlauer Berg und Teilen Kreuzbergs und Friedrichshains vollendet, was Stadtsoziologen als Gentrifizierung bezeichnen: die Aufwertung innenstadtnaher Wohngebiete. Das Muster ist stets gleich, weiß Wikipedia: “Wegen niedriger Mietpreise werden die Stadtteile für “Pioniere” (Studenten, Künstler, Subkultur) attraktiv. Die werten in einem ersten Schritt die Stadtteile auf und setzen einen Segregationsprozess in Gang. Viele Studenten steigen ins Berufsleben ein, verdienen deutlich mehr Geld als die ansässigen Bewohner; Künstler etablieren sich und bringen weiter Kapital in die Stadtteile. Investoren sehen Chancen zur Wertsteigerung. Erste Häuser und Wohnungen werden restauriert, Szene-Clubs und Kneipen entstehen. Die Mieten steigen. Alteingesessene wandern wegen Mieterhöhungen ab. Auch die neu zugewanderten Studenten oder Künstler können sich die höheren Mietpreise nicht mehr leisten und siedeln sich in anderen Stadtteilen an. Eine neue, wohlhabendere Klientel siedelt sich an und setzt andere Lebensstandards durch. Immobilienunternehmen entdecken das Interesse und sanieren weitere Häuser luxuriös. Die ursprüngliche Bevölkerungsstruktur und der Charakter der Viertel wandeln sich.” Nur notorische Spötter wie der SZ-Feuilletonist Jens Bisky finden, dass Prenzlauer Berg heute der Ort sei, wo man “für viel Geld proletarisch wohnen” könne.

Globaler Trend zur Innenstadt

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Noch unterschätzt: Zwischenkriegsbauten wie hier in Charlottenburg am Landgericht (Foto: TC)

Verstärkt werden solche Gentrifizierungstendenzen seit geraumer Zeit durch den globalen Trend einer generellen Aufwertung der Innenstädte. Träumte die Welt noch vor zwei Jahrzehnten den Traum von der unbegrenzten Mobilität und zersiedelte die Landschaft mit Häusern “im Grünen”, hat sich nun erkennbar ein Wandel vollzogen: Bedingt durch steigende Rohstoffpreise einerseits und den zunehmenden Zerfall der konventionellen Familienstrukturen andererseits sind nunmehr wieder kürzere Wege und eine perfekte Infrastruktur gefragt. Doch nicht die Lage allein bestimmt den Wert der Großstadtimmobilien: Wie der GSW Wohnmarktreport für Berlin 2008 ermittelte, sind es vor allem innerstädtische Lagen mit starkem Altbaubestand (Baujahr vor 1918), die hinsichtlich Miet- und Kaufpreisen einen stabilen Aufwärtstrend verzeichnen, der allerdings aktuell infolge der Finanzkrise zum Teil unterbrochen wurde. Hinzu kommen aber zunehmend auch Luxus-Neubauten in gefragten Lagen (Mitte, Prenzlauer Berg, Kreuzberg, aber auch Pankow), z.B. sogenannte Townhouses, deren Baustil in mancher Hinsicht (z.B. Deckenhöhe und Fenstergröße) auf Anleihen bei der klassischen Mietskaserne hindeutet, die nachteilige Enge letzterer im Hofbereich aber vermeidet. Während in anderen deutschen Großstädten wie München oder Hamburg die Aufwertung der Innenstädte aber bereits abgeschlossen oder in vollem Gange ist, hinkt das strukturschwache Berlin hier deutlich hinterher. Zentral oder citynah gelegene “Problembezirke” mit solider Altbausubstanz wie Teile Weddings oder das nördliche Neukölln haben die Gentrifizierung jedenfalls noch vor sich.
Weniger gefragt sind auf dem Wohnimmobilien-Markt vor allem Nachkriegsbauten mit Baujahren vor 1990, die nur bei exzellenter Citylage (relative) Spitzenpreise erzielen können. Ebenfalls weniger goutiert werden Zwischenkriegsbauten (1919-1936), denen man ihre vergleichsweise kleine (aber die der Nachkriegsbauten doch weit übertreffende) Dimensionierung in Zimmergröße und Deckenhöhe verübelt, dabei aber solche Vorzüge wie altbautypische Holzdielenfußböden, Doppelholzfenster und Messingtürgriffe in Verbindung mit teilweise äußerst geräumigen geschlossenen grünen Innenhöfen ohne Hinterhäuser übersieht. In diesem Jahr verlieh die Unesco sechs Berliner Reformsiedlungen der 1920er und 1930er Jahre den Rang als Weltkulturerbe.

Justament Okt. 2008: Versicherungs-Reformer als Kunstsammler

Otto Gerstenberg erfand 1892 die Lebensversicherung als Volksversicherung in Deutschland – und wurde dadurch reich

Thomas Claer

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Die Sammlung Scharf-Gerstenberg in Berlin-Charlottenburg (Foto: TC)

Der Mensch, könnte man sagen, ist erst da ganz Mensch, wo er sammelt. Da, wo er zuerst  mühsam und geduldig Jagd auf etwas macht, das er dann mit Ähnlichem zuvor Erworbenen zusammenstellt, -legt oder -hängt, und da, wo er schließlich von einem Glücksgefühl durchströmt wird, wenn er es im eigens geschaffenen neuen Zusammenhang betrachtet. Vieles Verschiedene sammeln die Menschen, doch die Königsdisziplin des Sammelns, die einzige, der wohl jeder aufgeklärte Mensch uneingeschränkte Bewunderung entgegenbringt, ist fraglos das Kunstsammeln. Der Haken dabei ist nur, dass diese Leidenschaft nicht jedem offensteht, da zumindest die erstrangigen Objekte schnell Preise erreichen, die ein breites Publikum naturgemäß schnell vom Markt ausschließen. Der Kunstsammler benötigt also eine Gelderwerbsquelle, die über das gewöhnliche Einkommen aus einer sozialadäquaten Erwerbsarbeit weit hinausreicht. Und zudem müssen ihm auch noch genug kostbare Lebenszeit und Ruhe verbleiben, damit er sich seinen Kunstobjekten mit der ihnen gebührenden Aufmerksamkeit widmen kann.

Mathematikgenie Gerstenberg
Vollständig geglückt ist dieses ambitionierte Unterfangen dem deutschen Unternehmer und Kunstsammler Otto Gerstenberg (1848-1935), der ganz nebenbei mit seinen innovativen Ideen maßgeblich die deutsche Versicherungswirtschaft geprägt hat. Geboren im pommerschen Pyritz (heute Pyrzyce/ Polen) als Sohn eines Musikers oder Schuhmachers – so genau weiß das heute keiner mehr – besuchte er nach der Grundschule das Gymnasium, welches er 1865 mit dem Abitur abschloss. Auffällig soll schon damals seine große Begabung für die Mathematik gewesen sein. Anschließend ging der junge Gerstenberg nach Berlin und studierte dort  Mathematik und Philosophie. Seine berufliche Karriere begann er 1873 als Versicherungsmathematiker bei der “Allgemeinen Eisenbahn-Versicherungs-Gesellschaft”, die sich zwei Jahre später in “Victoria zu Berlin Allgemeine Versicherungs-Actien-Gesellschaft” umbenannte. Gerstenberg erwies sich als kühler Rechner und konzipierte für das Unternehmen schon bald neue lukrative Versicherungstarife. So entwickelte er die private Risikovorsorge für weite Bevölkerungsschichten weiter. Zu seinen besonderen Innovationen im deutschen Versicherungswesen gehörten die Entwicklung der “Lebens- und Unfallversicherung mit Prämienrückgewähr” und das “System der steigenden Dividende als besondere Form der Gewinnbeteiligung”. Besondere Beachtung fand zudem die 1889 von ihm entwickelte “Lebenslängliche Verkehrsmittel-Unglück-Versicherung mit einmaliger Prämienzahlung”.

Lebensversicherung als Krönung
Als bedeutsamste Leistung Gerstenbergs gilt jedoch  die Einführung der Lebensversicherung als Volksversicherung in Deutschland 1892, wobei er vor allem die wachsende Zahl der Industriearbeiter im wirtschaftlich aufstrebenden Kaiserreich als neue Versicherungskunden betrachtete. Sein Ziel war es, eine Lebensversicherung für jedermann, ohne Rücksicht auf die soziale oder finanzielle Lage einzurichten. Nach Vorbild der englischen “Prudential Versicherung” führte Gerstenberg das System der wöchentliche Versicherungsprämie analog dem damals üblichen Wochenlohn der Arbeiter ein. Das hierfür nötige Inkassogeschäft übernahm ein versicherungseigenes Netz von Kassierern. Diese so genannten “”Victoriaboten” trugen Uniformen ähnlich der Postbriefträger und waren die einzige Außenwerbung für die Volksversicherung.

1888 stieg er ins Direktorium der Versicherung auf und wurde schließlich 1901 zum Generaldirektor. Während Gerstenbergs Leitungstätigkeit wurde die “Victoria zu Berlin” zur wichtigsten deutschen Lebensversicherungsgesellschaft. Das Unternehmen hatte 1913 einen Bestand von 3,93 Millionen Versicherungspolicen bei 806 Millionen Mark Versicherungssumme und einem jährlichen Neugeschäft von 432.000 Policen allein bei der Volksversicherung. Daneben gründete Gerstenberg 1904 die Victoria Feuer-Versicherungs-AG mit den Bereichen Feuer, Einbruchsdiebstahl und Leitungswasserschäden als bedeutendes Tochterunternehmen.

Gutverdiener für die Kunst
Da Otto Gerstenberg ganz wesentlich zum wirtschaftlichen Erfolg der Victoria-Versicherung beigetragen hatte, ist es keineswegs verwunderlich, dass er zu den bestverdienenden Unternehmern seiner Branche gehörte. Er besaß bis zu 15 % der Aktien der “Victoria zu Berlin” und konnte sich sein Jahresgehalt als Generaldirektor selbst festsetzen. Sein Jahreseinkommen von 800.000 Reichsmark wurde 1914 sogar in einer Reichstagsdebatte als überhöht diskutiert. Doch anders als bei den Top-Verdienern unserer Tage muss die Work-Life-Balance zu jener Zeit noch gestimmt haben. Durch sein beträchtliches Vermögen war es Gerstenberg möglich, eine der bedeutendsten Kunstsammlungen in Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufzubauen. Schwerpunkte der Sammlung waren grafische Arbeiten und Gemälde des 19. Jahrhunderts. Otto Gerstenbergs Enkel Dieter Scharf gründete kurz vor seinem Tod die “Stiftung Sammlung Dieter Scharf zur Erinnerung an Otto Gerstenberg”. Seit Juli 2008 sind die Kunstwerke dieser Stiftung in der Sammlung Scharf-Gerstenberg gegenüber dem Schloss Charlottenburg in Berlin zu sehen. Hierzu gehören u.a. Grafiken von Francisco de Goya, Édouard Manet und Max Klinger aus der Sammlung von Otto Gerstenberg.

 

Justament Sept. 2008: Mahler, Schily, Demonstranten

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Landgericht am Tegeler Weg (Foto: TC)

Vor 40 Jahren tobte die “Schlacht am Tegeler Weg”

Thomas Claer

Wer heute das Landgericht Berlin am Tegeler Weg erreichen will, nimmt die Ringbahn und steigt aus am S-Bahnhof Jungfernheide, im bürgerlichen Bezirk Charlottenburg. Ein scharfer Uringeruch umweht einen am Ausgang Olbersstraße, wenn man über Glasscherben und weggeworfene Imbissreste steigt. Gerade pinkelt ein Radfahrer gegen die Hecke. Mit der einen Hand hält er sein Fahrrad, mit der anderen lenkt er seinen Strahl. Rau und herzlich sind die Berliner Sitten auch noch vierzig Jahre nach den legendären Tumulten der Achtundsechziger. Vorbei an schick sanierten früheren Sozialbauten aus den Zwanzigern (“Berliner Moderne”) und einer fächerförmigen Bartning-Kirche kommt man in den Tegeler Weg, die vielbefahrene Straße zum Flughafen Tegel. Und gegenüber von Spree und Schlosspark liegt es auch schon – das imposante Landgerichtsgebäude, errichtet 1901-1906. Hier ging es, so berichten es uns Nachgeborenen die historischen Quellen, im magischen Jahr 1968 so richtig zur Sache.

130 verletzte Polizisten
An jenem 4. November verhandelte das Landgericht den Antrag der Berliner Generalstaatsanwaltschaft, dem jungen Rechtsanwalt Horst Mahler, später RAF-Mitglied und heute Rechtsextremist, Berufsverbot zu erteilen. Mahler hatte nach dem Attentat auf Rudi Dutschke im April des Jahres gegen Springer demonstriert. Am darauffolgenden Tag beschuldigte ihn BILD, die Demo angeführt zu haben. Letztlich lehnte das Landgericht den Antrag jedoch ab. Mahler hatte sich für das Verfahren kollegialen Beistand vom damals ebenfalls jungen Strafverteidiger Otto Schily geholt, später Mitbegründer der Grünen, dann Bundesinnenminister und heute “Ekelpaket am rechten Rand der SPD” (so jüngst der amtierende bayrische Juso-Vorsitzende, der vorschlug, ihn gemeinsam mit Clement und Sarrazin aus der Partei auszuschließen). Doch Schily hatte, als er sein schickes Auto vor dem Gericht parkte, nicht mit den Demonstranten gerechnet. Über 1000 waren gekommen, um gegen die “Klassenjustiz” zu protestieren. “Studenten sind unter den Demonstranten”, berichtet ein Augenzeuge, “aber auch Arbeiter und Rocker. Die meisten tragen Helme. Sie wollen nicht hinnehmen, dass ihrem Anwalt und Kampfgenossen Horst Mahler die Zulassung entzogen werden soll.” Das Gericht ist weiträumig abgesperrt. Hundertschaften der Polizei sind im Einsatz. Um zehn vor neun geht es los: Die Demonstranten rennen – vom benachbarten Mierendorffplatz kommend – gegen die Absperrgitter hinter dem Gericht in der Osnabrücker Straße. “Von hinten fliegen Steine, Tausende. Sie regnen auf die Beamten, 130 werden verletzt”, weiß der Augenzeuge weiter zu berichten. “Ein Stoßtrupp der Revolution erobert ein Polizeifahrzeug. Rote Fahnen wehen. Ein paar Militante fangen an, Barrikaden zu bauen.”

Schilys Auto demoliert
“Juhu, es lebe die Revolution!” Christian Semler, Wortführer des Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) mit Che-Guevara-Bart, jubelt noch am Mittag dieses 4. Novembers 1968: Eine “neue Ebene der Militanz” sei erreicht. Doch wo gehobelt wird, da fallen Späne. Natürlich hatte die stundenlange Straßenschlacht auch Schilys Auto nicht verschont. (Das berichtete Otto Schily vor kurzem freimütig in einem Fernsehinterview auf 3Sat.) Eine solche Militanz der Demonstranten gegen die Einsatzkräfte der Polizei war in der Tat bis dahin unbekannt. Im SDS entbrannte daraufhin eine Debatte um Gewalt, die schließlich zur Spaltung des Stundenverbands führte. Ein Teil der Bewegung ging in den bewaffneten Widerstand – mit den bekannten Folgen. Politische Kommentatoren sehen in der “Schlacht am Tegeler Weg” das Ende der “antiautoritären Phase der Studentenbewegung”.

Und Horst Mahler?
Mit Rechtsanwalt Horst Mahler (Jahrgang 1936), der damals eigentlich erst den Anlass zur Schlacht am Tegeler Weg gab, hatten sich die Achtundsechziger schon einen merkwürdige Kameraden als Leitfigur genommen: einen ewiger Irrläufer, einen Blindgänger, dessen politische Vita in all ihren abrupten Brüchen nur einen einzigen roten Faden kennt: Autoritär muss es zugehen! Seine wichtigsten Stationen waren: Schlagende Verbindung Landsmannschaft Thuringia (Austritt wegen seiner geänderten politischen Einstellung auf dem Abschlussconvent); Mitgliedschaft in SPD und SDS (Ausschluss aus der SPD 1960 wegen Unvereinbarkeit beider Mitgliedschaften); Mitbegründung der “November-Gesellschaft” 1966 aus DDR-nahen Linken; 1970 Mitbegründung der RAF, kurz darauf Verurteilung zu 14 Jahren Haft; vorzeitige Entlassung 1980 mit Hilfe seines damaligen Rechtsanwalts Gerhard Schröder (später Bundeskanzler, heute Gazprom-Manager); 1987 Wiederzulassung als Rechtsanwalt (im Wiederzulassungsverfahren wiederum von Gerhard Schröder vertreten); nach der Wende zunächst Annäherung an die FDP, später an nationalkonservative Kreise; 2000-2003 Mitgliedschaft in der NPD, die er im Verbotsverfahren anwaltlich vertrat; Austritt 2003 unter Hinweis auf die nach seiner Ansicht zu starke parlamentarische Verankerung der Partei. Seitdem wurde Horst Mahler mehrfach wegen Volksverhetzung und Leugnung des Holocausts verurteilt, sodass ihm auch die Zulassung als Rechtsanwalt wieder entzogen wurde. Sein aktuelles Weltbild als volkstreuer Jurist enthüllt er im Interview mit Michel Friedmann, das sich ungekürzt leicht im Internet finden lässt. (“Heil Hitler, Herr Friedmann!”) Der Mann ist vollkommen durchgeknallt.