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Jahresende 2024: Ahnenforschung Claer, Teil 16

Zwar bin ich im zurückliegenden Jahr kaum zum “Ahnenforschen” gekommen, doch hat es dennoch einen signifikanten Erkenntnis-Durchbruch von unerwarteter Seite gegeben: nämlich von den Claers aus Thüringen; dazu gleich unten mehr. Als großer Erfolg lässt sich auch unser erstes Ahnenforschungs- und Familientreffen im vergangenen Sommer in Berlin mit immerhin einer Hand voll Teilnehmenden ansehen. Allerdings habe ich aus diesem Anlass im Vorfeld mal einen Blick in meine mittlerweile recht umfangreichen früheren “Forschungsberichte” seit 2010 geworfen, und mir ist dabei ein ums andere Mal die Schamesröte ins Gesicht gestiegen angesichts meines doch oftmals recht sorglosen Zusammenwerfens von einerseits belastbaren Fakten und andererseits Spekulationen ins Blaue hinein. Mir scheint, dass innerhalb unserer “genealogischen Namenslinie” neben der auffälligen Häufung von schriftstellerischen, darstellerischen und humoristischen Begabungen auch die Ausprägung von blühender Fantasie und starker Einbildungskraft reichlich vertreten ist – und dass ich mich selbst auch nicht ganz davon freisprechen kann… Als Konsequenz daraus wäre sicherlich die baldige Anfertigung eines summarischen “Best of Ahnenforschung” wünschenswert, das sich vornehmlich auf die Faktenlage beschränkt. Doch angesichts des vermutlich ganz erheblichen hierzu erforderlichen Aufwands möchte ich an dieser Stelle lieber noch nicht zu viel versprechen und beschränke mich hier deshalb zunächst auf eine zeitlich noch unbestimmte, um nicht zu sagen vage Ankündigung…

1. Eine Post-Kollegin aus Usdau

Vor einigen Monaten erhielt ich einen Anruf von einem Herrn T. aus Weilheim in Bayern, der auf meine früheren “Forschungsberichte” im Internet gestoßen ist. Herr T. ist geboren am 17.8.1941 in Usdau, Kreis Neidenburg, und zwar im Postgebäude Usdau (!). Seine Familie wohnte von 1939 bis Kriegsende in Usdau, und seine Tante war Leiterin der Poststelle, in der es das einzige Telefon des nur gut 700 Einwohner zählenden Ortes gab. Sie war geboren kurz vor 1900 und schon früher in Usdau in der Post tätig. Doch wurde Usdau nach Ende des Ersten Weltkriegs Polen zugeschlagen, vor allem, so Herr T, da es an der Bahnstrecke nach Warschau lag. Deshalb durften Deutsche dort nicht mehr in öffentlichen Ämtern tätig sein und wanderten ab (außer den Bauern, die dort Land besaßen). Erst ab 1939 gehörte Usdau dann wieder zu Deutschland. (Bei Wikipedia heißt es hierzu: “Nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde Usdau – im Soldauer Gebiet gelegen – entsprechend den Bestimmungen des Versailler Vertrags am 10. Januar 1920 ohne Volksabstimmung an Polen abgetreten. … Mit dem Überfall auf Polen 1939 wurde das entnommene Territorium wieder Teil des Reichsgebiets.”) Herr T. floh im Alter von drei Jahren über Rostock mit dem Schiff, das eigentlich nach Flensburg fahren sollte, nach Dänemark und war dort in einer Art Sammellager untergebracht. Heute ist dort in Dänemark ein Museum, dem Herr T. zahlreiche Dokumente aus dieser Zeit zur Verfügung gestellt hat, u.a. eine Passagierliste des Schiffes mit den Flüchtlingen.

Für uns ist das alles auch deshalb von besonderem Interesse, weil mein Urgroßvater Georg Claer (der Postangestellte und Meldereiter in China während des Boxeraufstands, siehe meine früheren Berichte) am 6.5.1877 in Usdau geboren wurde und dessen Vater, mein Ururgroßvater Franz Claer (1841-1906), von Beruf ebenfalls Postangestellter, dort seine Ehefrau Henriette, geb. Stryjewski (1845-1931), geheiratet hat.

In meinem Forschungsbericht vom Jahresende 2021 schrieb ich darüber:

“Nun ist Usdau aber nicht nur der Geburtsort meines Urgroßvaters Georg Claer (1877-1930), sondern außerdem – im Fragebogen der „Reichsstelle für Sippenforschung“ von meinem Großvater Gerhard noch nachträglich handschriftlich hinzugefügt – der Hochzeitsort seiner Eltern, meines Ururgroßvaters Franz Claer (1841-1906) und meiner Ururgroßmutter Henriette Claer, geb. Stryjewski (1845-1931), als deren Geburtsort dort ebenfalls Usdau angegeben ist. Leider fehlt zu ihrer Hochzeit eine Jahresangabe, es sollte aber einige Jahre vor der Geburt meines Urgroßvaters Georg 1877 gewesen sein, denn zuvor ist im Jahr 1872 auch noch sein älterer Bruder Otto Albert Claer, der später Postsekretär in Königsberg wurde, zur Welt gekommen. Von letzterem fehlt uns, soweit ich in meinen Unterlagen sehe, zwar die Geburtsurkunde, aber aus dem späteren Hochzeitseintrag von Otto Albert Claer und Emma Sakreszewski von 1899 geht hervor, dass Otto Albert Claer am 13. November 1872 ebenfalls in Usdau geboren ist (als „Sohn des früheren Schneidermeisters und jetzigen Landbriefträgers Franz Claer“ steht dort). Bingo! Daraus folgt nun also, dass mein Ururgroßvater Franz Claer vor November 1872 in Usdau meine Ururgroßmutter, die dort geborene Henriette Stryjewski, geheiratet hat. Franz war damals also höchstens 31 Jahre alt, Henriette höchstens 27.”

Doch bin ich damals nicht der Frage nachgegangen, wie lange die Familie Franz und Henriette Claer nach der Geburt meines Urgroßvaters Georg 1877 noch in Usdau gelebt hat. Aufschluss darüber können die Geburtsurkunden der vier jüngeren Geschwister meines Urgroßvaters geben, die wir vor längeren Jahren ebenfalls im Netz gefunden haben. Und zumindest drei dieser vier jüngeren Geschwister haben demnach einen anderen Geburtsort, nämlich das Bahnhofsgebäude von Groß Koschlau. Dort haben nacheinander mein Urgroßonkel Robert Richard Claer (geb. 1881), später in Neidenburg Richard von der Post genannt, sowie meine Urgroßtanten Bertha Martha Claer (geb. 1884, verehelichte Samel) und Ida Hedwig Claer (geb. 1891, verehelichte Zebroroski) das Licht der Welt erblickt. (Von meiner weiteren Urgroßtante Armanda bzw.Wilhelmine Amalia Claer, verehelichte Willig, fehlt uns leider die Geburtsurkunde.)

Auch in der Heiratsurkunde meines Urgroßvaters Georg Claer und meiner Urgroßmutter Wilhelmine Claer, geb. Petschinski, vom 5. Mai 1904 in Neidenburg ist als Wohnort meines Urgroßvaters noch das Bahnhofsgebäude von Groß Koschlau angegeben. Das heißt also, dass Franz und Henriette Claer mit ihren beiden ältesten Söhnen Otto (geb. 1772) und Georg (geb. 1877) irgendwann zwischen 1877 und 1881 von Usdau nach Groß Koschlau umgezogen sind, wo mein Urgroßvater Georg dann später in seinen jungen Jahren – zumindest bis zu seiner Hochzeit 1904 – auch als Landbriefträger gearbeitet hat, während sein älterer Bruder Otto (der Opa von Hans-Henning und Lorelies) da bereits im gehobenen Postdienst in Königsberg Karriere machte.

Früheres Gutshaus Groß Koschlau (Foto: Wikipedia)

Groß Koschlau, heute Koszelewy, liegt laut Google Maps nur 12 km westlich von Usdau und hatte laut Wikipedia im Jahr 1858 nur 258 Einwohner, im Jahr 1905, also vermutlich nach Abwanderung der Claers nach Neidenburg, sogar nur noch 121. Laut Hochzeitsurkunde von 1904 hatten meine Ururgroßeltern Farnz und Henriette Claer zu dieser Zeit ihren Wohnsitz bereits in Neidenburg, wo Franz zwei Jahre später dann verstorben ist. Trotz der Eheschließung meiner Urgroßeltern in Neidenburg wurde allerdings ihr einziges Kind, mein Großvater Gerhard Claer (1905-1974), laut allen uns vorliegenden Dokumenten nicht in Neidenburg, sondern in Fichtenwalde geboren. Und das Dorf Fichtenwalde, heute Drzazgi, gehörte seinerzeit laut Wikipedia mit zum Kirchspiel Groß Koschlau. Laut Wikipedia bestand Fichtenwalde damals nur aus ein paar Gehöften und hatte im Jahr 1905 nur 26 Einwohner. Es liegt 25 km westlich der damaligen Kreisstadt Neidenburg.
So wie Usdau sind auch Groß Koschlau und Fichtenwalde 1920 an Polen gefallen (und 1939 wieder zu Deutschland zurückgekommen). Nach dem oben Festgestellten waren die Claers davon aber vermutlich nicht betroffen, da mein Urgroßvater Georg und meine Urgroßmutter Wilhelmine sowie mein Großvater Gerhard (wie vermutlich auch mein Urgroßonkel Richard von der Post) zu dieser Zeit wohl schon lange in Neidenburg lebten. Genau wissen wir das allerdings nicht, denn möglich wäre auch, dass Georg auch nach seiner Hochzeit in Neidenburg zunächst weiter als Landbriefträger in Groß Koschlau oder Fichtenwalde gearbeitet hat, wo immerhin 1905 mein Großvater Gerhard geboren wurde. Jeodoch hat mein Großvater ausweislich seines Lebenslaufs zwischen 1912 und 1921 das Städtische Realgymnasium in Neidenburg besucht, was spätestens zu dieser Zeit auf einen Wohnsitz der Familie in Neidenburg hindeutet – wenn er nicht täglich die 25 km zur Schule mit dem Fahrrad oder mit dem Schulbus zurückgelegt hat…

Um nun noch einmal auf die eingangs erwähnte Tante von Herrn T., die kurz vor 1900 geborene Leiterin des Postamtes in Usdau, zurückzukommen, so lässt sich wohl sagen, dass sie vermutlich eher keine persönliche Bekannte unserer Claers von der Post in Usdau gewesen sein dürfte. Denn als sie vor 1920 als sehr junge Frau in den Postdienst eintrat, war Franz Claer längst nicht mehr am Leben und Georg Claer wahrscheinlich schon lange in Neidenburg wohnhaft. Außer er hat noch länger als gedacht als Landbriefträger in Groß Koschlau oder Fichtenwalde gearbeitet und als solcher vielleicht gelegentlich auch das Postamt in Usdau aufgesucht. Oder die Tante von Herrn T. hat bereits als Kind Bekanntschaft mit meinem Urgroßvater gemacht, als dieser ihr womöglich einmal eine Postsendung zugestellt hat…

2. Ein Nachkomme der Claers in Thüringen

Gerade hatte ich in meinen letzten “Forschungsberichten” noch die Claers aus Thüringen behandelt und mit Bedauern festgestellt, dass sich zwar noch bis in die Nachkriegszeit ein “Lederwarengeschäft Friedrich Claer” in Erfurt nachweisen lässt, aber mittlerweile leider keine Namensträger mehr dort auffindbar sind. Doch nun hat sich tatsächlich ein direkter Nachkomme der Erfurter Claers bei mir gemeldet! Der 72-jährige Ralf F. aus Erfurt ist der Sohn von Johanna F., geb. Claer (30.6.1926 – 30.5.2012), und der Enkelsohn des Sattlermeisters Friedrich Wilhelm Claer (1895-1959), des letzten Betreibers des Erfurter “Lederwarengeschäfts Friedrich Claer”. Ralf F. hat detaillierte Kindheitserinnerungen an seinen Großvater und beschreibt diesen als stets sehr fröhlichen, humorvollen und lebenslustigen Mann, der mitunter auch mit der Kundschaft seines Ladens seine Possen trieb. Friedrich Wilhelm Claer (1895-1959) führte in dritter Generation das von seinem Großvater Friedrich Wilhelm Heinrich Claer (geb. 1825) gegründete Lederwarengeschäft. Sein Werbeslogan lautete: “Ob Koffer, Tasche, Necessaire – es bleibt dabei: Du gehst zu Claer”.
Aufgrund zahlreicher Dokumente, die mir Ralf F. dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat, lässt sich die Linie der Erfurter Claers lückenlos bis zum Feldjäger Johann Friedrich Claer zurückverfolgen, dem Vater des 1802 in Siersleben geborenen überregionalen Erfurter Fuhrunternehmers Christoph Friedrich Claer, dessen Sohn das besagte Lederwarengeschäft gegründet hat. Und jener vor 1776 geborene Johann Friedrich Claer, Sohn des ominösen “hochehrwürdigen Herrn Christian Friedrich Claer” aus Wittiz (wo immer dies gelegen hat), könnte das von uns seit langem gesuchte Verbindungsglied zu “unseren” ostpreußischen Claers darstellen, siehe meinen vorigen Bericht.

Hier die Linie der Erfurter Claers im Überblick:
1. Christian Friedrich Claer (??-??), hochehrwürdiger Herr aus Wittiz
2. Johann Friedrich Claer (nach 1776-??), Feldjäger) / evt. identisch mit dem namensgleichen Unterförster in Ludwigswalde/Ostpreußen oo Charlotte Sophie Frantz
3. Christoph Friedrich Claer (1802-??), Fuhrunternehmer in Erfurt oo Sophie Hofmann (1800-??)
4. Friedrich Wilhelm Heinrich Claer (1825-vor 1882), Sattlermeister oo Barbara Rosine Mohnhaupt (1826-1889)
5. Friedrich Hermann Claer (1859-??), Sattlermeister oo Sophie Rosalie Schönstädt (1869-??)
6. Friedrich Wilhelm Claer (1895-1959), Sattlermeister oo Martha Czekalla
7. Johanna F., geb. Claer (1926-2012)
8. Ralf F. (geb. 1951/52)

Über die genannten Dokumente hinaus verfügt Ralf F. über zahlreiche Erbstücke von der mütterlichen Seite seiner Familie. U.a. handelt es sich um Koffer mit den Insignien des Lederwarengeschäfts, handgeschriebene Tagebücher von Mitte des 19. Jahrhunderts und private Filme, in denen sein Großvater Friedrich Wilhelm Claer auftritt. Noch dazu hat Ralf F. ein Buch über den Kresse-Anbau in Erfurt in 6. Generation seiner Familie väterlicherseits verfasst, das zum Bestseller geworden ist. Es gibt also – vom schriftstellerischen und darstellerischen Talent bis hin zum lustigen Wesenszug – zahlreiche Indizien, die auf eine weitläufige Verwandtschaft mit den anderen uns bekannten Linien der Claers hindeuten. Sollte meine oben angestellte Spekulation zutreffen und der Johann Friedrich Claer 1802 in Siersleben mit “unserem” Johann Friedrich Claer, Unterförster im ostpreußischen Ludwigswalde, identisch sein, dann wäre Ralf F. mein Cousin 6. Grades, d.h. unsere Ururururgroßväter wären Brüder gewesen.

Jugendbildnis des Friedrich Wilhelm Claer (1895-1959)

Friedrich Wilhelm Claer (1895-1959)

Meisterbrief des Friedrich Wilhelm Claer (1895-1959)

Heiratsschein Friedrich Wilhelm Claer von 1921

Lederwarengeschäft Friedrich Claer 1944

Taschenkalender Friedrich Wilhelm Claer von 1936

Rechnungspapier des “Lederwarengeschäfts Friedrich Claer”

Heiratsurkunde Friedrich Hermann Claer von 1891

Tagebuch Wilhelm Claer von 1845 (vermutlich Friedrich Wilhelm Heinrich Claer, späterer Gründer des Lederwarengeschäfts, im Alter von 20 Jahren)

3. Zwei Funde in Kirchenbüchern

Ansonsten sind diesmal nur noch zwei Funde meines unermüdlich forschenden Neffen fünften Grades Andreas Z. in Kirchenbüchern zu vermelden.

a) Ein Fabrikarbeiter in Tilsit
“Wir haben im Kreis Tilsit in Ostpreußen einen Friedrich Klaer, Arbeiter/Fabrikarbeiter mit seiner Wilhelmine geb. Hoyer gefunden. Wir haben zu diesem Paar 4 Kinder – 3 Mädels und 1 Junge (ohne Namen) geboren zwischen 1856 und 1864 gefunden. Leider nur die Geburtseinträge der Kinder ohne Angaben der Eltern von Friedrich und Wilhelmine. Zumindest diesmal kein Postbeamter oder Förster. Mal schauen, wo wir ihn einordnen können.”

b) Ein Offizier in Schlesien
Eintrag in einem Kirchenbuch in Schlesien – Guhrau nahe Breslau – 1863:

“Am dreizehnten Februar Nachts 1/2 12 Uhr ist geboren und am fünften März getauft, die Tochter des Offiziers des II. Escadron im Westpreußischen Kürassierregiments Nr. 5 : Friedrich Wilhelm Klaer, u. s. E. Henriette Louise, geb. Scholz, und erhält den Namen: Emma Mathilde Hedwig”

Nach Recherche von Andreas Z. war das westpreußische Kürassierregiment Nr. 5 zu dieser Zeit in Guhrau in Schlesien stationiert. Auch hier ist uns leider noch keine Zuordnung zu den uns bislang bekannten Claers möglich.

4. Zwei Funde bei Ebay

Abschließend noch zwei von mir aufgestöberte Angebote auf der Ebay-Seite: ein Original-Filmplakat und ein Original-Pressefoto – jeweils aus den mittleren 1970er Jahren und mit unserem prominentesten Familienmitglied, meinem Onkel dritten Grades Hans Henning “Moppel” Claer (1931-2002) in seiner Filmrolle als Ruhrgebiets-Kumpel Jupp Kaltofen. Man muss immer wieder betonen, dass diese Filme – anders, als es die Abbildungen hier suggerieren – nur zu höchstens 20% aus (nichtexpliziten) sexuellen Inhalten, aber zu mindestens 80% aus Ulk und Klamauk bestanden.

5. Ausblick

Nach allem lässt sich nur sagen: Wir bleiben weiter dran. Und der Plan ist, als nächstes die Familien-Erbstücke in Erfurt unter die Lupe zu nehmen.

justament.de, 23.12.2024: Mann der Ordnung, im Home-Office

Hans Hugo Klein über Goethe als Jurist

Thomas Claer

Längst haben wir uns mittlerweile daran gewöhnt, dass das alltägliche Leben unserer Prominenten (und oftmals auch das ganz gewöhnlicher Zeitgenossen) für ein jeweils interessiertes Publikum in allen Einzelheiten dokumentiert ist. Historisch gesehen war einer der Ersten, vermutlich sogar der Erste, über dessen Lebensführung wir auch heute noch genauestens und detailliert Bescheid wissen, der Großdichter und Multitasker Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Dank seinem langjährigen Vertrauten Eckermann sowie der Sammelwut der damaligen und erst recht der späteren Goethe-Forschung gibt es im 83 Jahre währenden Leben des Dichterfürsten wohl mittlerweile keine blinden Flecken mehr. So ist zuletzt sogar aus heutiger Sicht wenig Vorteilhaftes über Goethe ans Licht gekommen, nämlich dessen Missbilligung bestimmter Reformen zur Judenemanzipation in Preußen (gegenüber seinem Freund Friedrich v. Müller, dem Staatskanzler des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach).

Natürlich ist Goethes so hinlänglich dokumentiertes Leben auch eine Fundgrube für alle, die sich bestimmten Aspekten seines Wirkens auch jenseits der schönen Künste näher widmen möchten. Hierzu hat der Ex-Verfassungsrichter Hans Hugo Klein in zehn Aufsätzen für diverse juristische Festschriften eine Menge Erhellendes zusammengeragen, das nun erstmals auch in Buchform – und ergänzt um ein Zusatzkapitel über “Goethes letzte Amtshandlung” – erschienen ist. Allerdings führt der Titel dieser Aufsatzsammlung “Der Jurist Goethe” doch etwas in die Irre, denn um Goethes im engeren Sinne juristische Tätigkeit (seine vier Jahre als Rechtsanwalt, in denen er 28 Prozesse führte, ohne dabei jemals vor Gericht anwesend gewesen zu sein) geht es hier nur am Rande. Vielmehr behandelt der Band vor allem Goethes administrative Rolle im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach, u.a. als Staatsminister, Mitglied des Geheimen Collegiums (der höchsten Regierungsbehörde des Landes), leitender Oberaufseher in sämtlichen Angelegenheiten der Wissenschaft und Kultur, Direktor des Weimarer Theaters sowie Mitglied und Leiter diverser Wirtschafts- und Finanzkommissionen.

Der Hintergrund all dessen ist, dass der junge Goethe als aufstrebender Literat mit juristischer Ausbildung das Gück hatte, im zehn Jahre jüngeren Herzog (ab 1815 Großherzog) von Sachsen-Weimar-Eisenach einen großen Fan seiner Werke zu haben. Carl August holte Goethe also zu sich nach Weimar, versah ihn mit einem fürstlichen Salär und kaufte ihm ein prächtiges Stadthaus mit 18 Räumen in bester Innenstadtlage, in dem Goethe alsdann jedes Zimmer in jeweils anderen Farbtönen streichen ließ (Empfangsräume gelb, Arbeitszimmer grün, Gesellschaftsräume rot, Schlafräume weiß) und später seine immensen Sammlungen u.a. antiker Skulpturen unterbrachte. Auch für Goethes eineinhalbjährige Bildungsreise nach und durch Italien kam Carl August auf. Im Gegenzug nahm Goethe neben seiner literarischen Tätigkeit bis zu seinem Lebensende auch allerlei administrative Aufgaben im Großherzogtum wahr und stellte so seine Expertise und insbesondere auch seinen gesunden Menschenverstand in den Dienst des Großherzogs.

Goethe versah diese Ämter, wie wir aus Kleins Sammelband erfahren, stets sehr gewissenhaft und wendete viel Mühe, Kraft und Zeit für sie auf (ohne über ihnen freilich jemals sein literarisches Schaffen, seine Naturstudien oder seine privaten Korrespondenzen zu vernachlässigen). Zumeist erledigte er seine administrativen Aufgaben im häuslichen Arbeitszimmer, da sich alle erforderlichen Unterlagen stets rasch durch seine Bediensteten herbeischaffen ließen. Goethe war glänzend organisiert und gnadenlos effektiv, nutzte etwaige Wartezeiten regelmäßig zum Nachdenken über andere laufende Projekte; schließlich arbeitete er fortwährend an mehreren parallel.

In der Tagespolitik nahm Goethe, im Unterschied zu seinem für liberale Reformen aller Art zumeist aufgeschlossenen Freund und Vorgesetzten Carl August, eher den konservativen Part ein. Eine der hervorstechendsten Eigenschaften Goethes in allen Lebensbereichen war seine unbedingte Ordnungsliebe. Klein vermutet, dass Goethe die von damaligen Zeitgenossen vielfach angeprangerte Unsauberkeit im Straßenbild der Stadt Karlsruhe (offenbar hat es dort seinerzeit ähnlich ausgesehen wie heute in Berlin!) zu den folgenden Sentenzen in seinem Epos “Hermann und Dorothea” (1797) inspiriert hat:

“Sieht man am Hause doch gleich so deutlich, wes Sinnes der Herr sei, wie man, das Städtchen betretend, die Obrigkeiten beurteilt. Denn wo die Türme verfallen und Mauern, wo in den Gräben Unrat sich häufet und Unrat auf allen Gassen herumliegt, wo der Stein aus der Fuge sich rückt und nicht wieder gesetzt wird, wo der Balken verfault und das Haus vergeblich die neue Unterstützung erwartet: der Ort ist übel regieret. Denn wo nicht immer von oben die Ordnung und Reinlichkeit wirket, da gewöhnet sich leicht der Bürger zu schmutzigem Saumsal, wie der Bettler sich auch an lumpige Kleider gewöhnet.”

Als positive Gegenbeispiele für ordentliche und reinliche Städte nennt das Werk im Folgenden übrigens “Straßburg und Frankfurt und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist”.

Auch wenn Kleins Goethe-Aufsätze angesichts ihrer vielen Fußnoten mitunter etwas schwer lesbar sind (anders als etwa die weniger akademisch gehaltenen Goethe-Bücher von Rüdiger Safranski oder Manfred Osten), so gewähren sie doch eine Menge hochinteressante Einblicke in ein außergewöhnliches und lückenlos erfasstes Leben vor 200 Jahren.

Hans Hugo Klein
Der Jurist Johann Wolfgang von Goethe. Eine Spurensuche in Werk und Wirken
Verlag C.H. Beck, 2024
290 Seiten; 29,95 EUR
ISBN: 978-3-406-81474-7

justament.de, 23.12.2024: Irgendwas war immer

Scheiben Spezial: Vor 25 Jahren erschien das Debüt von “Britta”

Thomas Claer

Im “Musikgeschäft” gilt es ja eigentlich als ungeschriebenes Gesetz, dass man/frau nur eine “Band seines (respektive ihres) Lebens” haben kann. Doch wie immer, so auch hier, bestätigen Ausnahmen die Regel: wie die der Ausnahmemusikerin und -texterin Christiane Rösinger (geboren 1961 in einer Baden-Württembergischen Kleinstadt), die nacheinander in gleich drei überragenden Formationen nicht nur mitgewirkt, sondern diese auch jeweils entscheidend geprägt hat.

Angefangen hat sie in der West-Berliner Indie-Group Lassie Singers, die seit den späten Achtzigern mit frechen Songs und feministischen Texten für Aufsehen sorgte. Hier war Rösinger als Gitarristin und Co-Sängerin allerdings noch nicht die alleinige Frontfrau, sondern nur eins unter mehreren starken Egos. Doch lässt sich wohl sagen, ohne ihren damaligen Mitstreiterinnen zu nahe zu treten, dass die von Christiane Rösinger geschriebenen und gesungenen Lassie-Singers-Lieder die weitaus stärksten waren: von “Liebe wird oft überbewertet” über “Ich glaub, ich hab ein Faible für Idioten” (einem der schönsten und zugleich witzigsten Liebeslieder aller Zeiten) bis zu “Es ist so schade, dass du so bist, wie du bist”.

Als sich das Ende der Lassie Singers schon abzeichnete, gründete Christiane Rösinger dann in den späten Neunzigern gemeinsam mit zwei Freundinnen die Berliner Rockband “Britta”, die sich wohl nur deshalb nach der Schlagzeugerin Britta Neander benannte, weil diese den eingängigsten Vornamen trug. (Für eine Band namens “Christiane” war die Zeit damals offenbar noch nicht reif.) Doch war bei “Britta” natürlich niemand anders als Christiane Rösinger tonangebend, was sich in vier rundum überzeugenden Alben dokumentiert: Den Anfang machte 1999, vor 25 Jahren, “Irgendwas ist immer”, das mit einer Heinrich-Heine-Vertonung startet (welcher in den Jahren darauf noch mehrere weitere folgen sollten). Im grandiosen Titelstück, einem besonderen textlichen Highlight, taumelt das lyrische Ich durch die Krisen und sonstigen Wirrnisse eines Jahres: “Ich kam vom Sommerloch in die Herbsttraurigkeit, von der Herbsttraurigkeit in die Winterdepression, von der Winterdepression in die Frühjahrsmüdigkeit und von der Frühjahrsmüdigkeit ins Sommerloch”. Am Ende der Platte findet sich auch noch die Britta-Version des bereits erwähnten Lassie-Singers-Klassikers “Ich glaub, ich hab ein Faible für Idioten”. Besonders charmant macht dieses Album nicht zuletzt der pointierte Einsatz des Cellos (neben Gitarre, Bass und Schlagzeug, versteht sich).

Auch über die beiden Folgealben “Kollektion Gold” (2001) und “Lichtjahre voraus” (2003) lässt sich nur Gutes sagen. Doch der eigentliche Knaller war dann Brittas Schlusspunkt “Das schöne Leben” (2006) mit so fantastischen Songs wie “Depressiver Tag” oder “Wer wird Millionär?”. Nach langer Pause fanden sich die Britta-Musikerinnen 2018 noch einmal zu einer nachträglichen Best-of-Tour zusammen. Da hatte Christiane Rösinger bereits zwei ausgezeichnete Solo-Alben herausgebracht: “Songs of L. And Hate” (2010) und “Lieder ohne Leiden” (2017) mit Songs wie “Ich muss immer an dich denken”, “Berlin” und “Eigentumswohnung”. Eigentlich wäre es nun höchste Zeit für eine weitere Solo-Platte von ihr, denn Musikerinnen und Texterinnen von ihrem Kaliber gibt es  hierzulande bekanntlich nur in homöopathischen Dosen. Wir verneigen uns also vor der großen Indie-Veteranin Christiane Rösinger und sind guter Hoffnung, bald wieder Neues von ihr zu hören.

justament.de, 9.12.2024: Teuflisch gut

“Die Heiterkeit” mit neuem Album am 21. März und Vorab-Single am Nikolaustag

Endlich ist es soweit. Nach geschlagenen fünfeinhalb Jahren hat die an dieser Stelle bereits vielfach vergötterte Stella Sommer nun endlich das Erscheinen eines neuen Albums ihrer Band “Die Heiterkeit” angekündigt. Hinter der “Heiterkeit” verbirgt sich freilich niemand anders als die Sängerin selbst mitsamt ihrer Entourage, denn die anderen Gründungsmitglieder von 2010 haben die Band selbstredend schon längst wieder verlassen. Nur dass Stella Sommer auf ihren “Solo-Werken” englisch singt und auf den “Heiterkeit”-Platten deutsch. Bis zum 21. März müssen wir uns nun also noch mit der neuen “Heiterkeit”-Platte gedulden, die den verheißungsvollen Titel “Schwarze Magie” tragen wird und ein Konzeptalbum über die dunklen Seiten unseres Daseins werden soll. Das Beste ist aber: Eine (leider nicht als physischer Tonträger existente) Vorab-Single mit dem Titel “Teufelsberg” ist schon seit dem Nikolaus-Tag in der Welt, das heißt auf YouTube verfügbar:

Der Teufelsberg, das muss man wissen, ist ein durchaus geheimnisvoller und romantischer Ort in Berlin. Die zweithöchste Erhebung des Stadtgebiets, ein Trümmerberg inmitten des Grunewalds, dennoch gut erreichbar vom nicht weit entfernten S-Bahnhof Heerstraße. Seinen Namen erhielt er vom nahegelegenen Teufelssee mit seiner beliebten FKK-Badestelle, wo sich die berühmte Wildsau Elsa mit ihren Frischlingen gerne blicken lässt und dort mitunter auch schon mal Badegästen ihren Laptop entwendet. Der Teufelsberg also, auf dem sich im Sommer atemberaubende Sonnenuntergänge erleben lassen und man im Herbst gerne Drachen steigen lässt, hat nun offenbar die zugezogene Berlinerin Stella Sommer zu diesem düster-elegischen Song inspiriert. Allerdings klingt er doch sehr nach den vergangenen drei “Solo-Alben” der Künstlerin und leider weniger nach dem “Heiterkeit”-Vorgänger “Was passiert ist” (2019) mit so grandiosen Liedern wie “Jeder Tag ist ein kleines Jahrhundert”. Aber gut, auch wenn “Teufelsberg” noch nicht wirklich überragend ist, so macht es doch neugierig auf die uns im Frühling erwartende “Schwarze Magie”. Wir jedenfalls sind schon äußerst gespannt.

justament.de, 2.12.2024: Bilanz einer Kanzlerin

Bilanz einer Kanzlerin

Anmerkungen zur Merkel-ist-schuld-Debatte

Thomas Claer

Merkel ist an allem schuld, was hierzulande nicht gut läuft, und das ist eine Menge. So liest und hört man es vielfach, seit unsere Ex-Kanzlerin mit viel Tamtam ihre Autobiographie vorgelegt und unser Land damit mal wieder in eine hitzige Debatte gestürzt hat. Denn hätte man in den 16 Jahren ihrer Kanzlerschaft (2005-2021) nicht vieles besser machen können? Doch, ganz bestimmt sogar. Und erst recht mit dem Wissen von heute darüber, wie sich die Dinge seit ihrem Abgang dann weiter entwickelt haben.

Es sei doch sonnenklar gewesen, dass wir uns nie in eine solche energiepolitische Abhängigkeit von Putin-Russland hätten begeben dürfen, heißt es. Dem Kreml-Despoten sei doch auch schon damals nicht zu trauen gewesen. Wie habe man denn das nicht wissen können?! Immerhin die Grünen wussten es und haben es immer gesagt. Unsere Nachbarländer und die USA haben es ebenfalls gewusst und es uns immer wieder unter die Nase gerieben. Allein, die vier Merkel-Kabinette wollten davon nichts wissen. Realpolitik hieß damals: Energie von dort beziehen, wo sie am günstigsten zu haben war. So wollten es auch die Wirtschaft und alle Lobbyisten. Und dagegen war nun mal nicht anzukommen.

Aber hätte man damals nicht noch viel schneller und entschlossener die regenerativen Energien ausbauen sollen? Hätten wir heute doppelt oder dreimal soviel Wind- und Solarenergie, dann bräuchten wir all das teure und umweltfeindliche Flüssiggas nicht einzuführen, mit dem wir nach dem Wegfall der russischen Gas-Importe nun unseren Energiehunger stillen. So hätten wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: dem Klimawandel etwas entgegengesetzt und uns unabhängig von Energie-Importen aus problematischen Herkunftsländern gemacht. Die Grünen wussten das alles schon damals. Aber auf sie hat ja keiner gehört, zumindest nicht genug.

Wäre es dann aber nicht auch schlauer gewesen, weiter auf Atomenergie zu setzen, statt mutwillig auf eine bereits vorhandene Energiequelle zu verzichten, die uns unabhängiger von zweifelhaften Energie-Importen gemacht hätte? Schließlich baut doch alle Welt die Atomenergie aus, und nur Deutschland unter Merkel hat im Alleingang den Ausstieg aus dieser Technologie vollzogen. Doch ist hier neben dem noch jahrtausendelang vor sich hin strahlenden hochgiftigen Atommüll und dem enorm CO2-emissionsbelastetendem Uranabbau (vorwiegend in Russland!) auch zu bedenken, dass laufende Atomkraftwerke natürlich erstklassige Angriffsziele in etwaigen kriegerischen Auseinandersetzungen sind – und das mitten in Europa. Nein, Merkels Atomausstieg war gewiss nicht verkehrt.

Aber wäre es nicht besser gewesen, wenn man schon ab 2005 eine kommunale Wärmeplanung durchgeführt, die Energieversorgung schrittweise flächendeckend und verpflichtend auf Fernwärme (aus perspektivisch nur noch sauberen Energiequellen) und lokalen Wärmepumpen umgestellt hätte, so wie es uns die skandinavischen Länder schon in den Neunziger- und Nullerjahren vorgemacht haben? Na ganz bestimmt, denn dann würden wir heute energetisch weitaus robuster dastehen. Doch außer den Grünen, auf die ja keiner gehört hat, hatte das niemand auf dem Plan.

Vermutlich wäre es auch besser gewesen, wenn man bereits damals in viel größerem Stil die Elektromobilität gefördert und mit viel Staatsgeld wie die Chinesen den Bau von Elektro-Autos forciert hätte. Dann wäre der deutschen Automobilindustrie heute nicht wie aus heiterem Himmel ihr Geschäftsmodell weggebrochen. Aber das wollte damals nun wirklich niemand – außer den Grünen.

Doch zurück zur Zeitenwende seit 2022. Hätte man denn die Gefährlichkeit von Putin-Russland nicht schon viel früher erkennen können und rechtzeitig die Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr massiv ausbauen müssen? Ja, das wäre gut gewesen. Aber das wollte damals fast niemand sehen: nicht die Regierungsparteien und schon überhaupt nicht die damals in Teilen noch pazifistischen Grünen. Nur ein ansonsten durchweg erratischer und lügnerischer US-Präsident, mit dem wir ab kommenden Januar erneut für vier weitere Jahre das zweifelhafte Vergnügen haben werden (sofern er nicht sogar noch länger im Amt bleibt, indem er die amerikanische Verafssung außer Kraft setzt), hat in diesem Punkt vollkommen recht behalten.

Aber wäre es denn nicht besser gewesen, die Ukraine schon 2008 in die NATO aufzunehmen, als Russland noch längst nicht so hochgerüstet war wie heute, so wie es der damalige US-Präsident Bush jun. damals im Sinn hatte? Dieser Plan ist seinerzeit nicht zuletzt an Kanzlerin Merkel gescheitert, die erfolgreich für mehr Rücksichtnahme auf die Interessen Russlands geworben hatte. Damit hätte man 14 Jahre später wahrscheinlich den Ukraine-Krieg vermeiden können, denn ein NATO-Land anzugreifen, das hätte Putin sich vermutlich nicht getraut. Doch die westlichen Länder hätten sich Russland auf diese Weise schon ein paar Jahre eher zum erbitterten Feind gemacht, und über die russische Reaktion auf einen ukrainischen NATO-Beitritt zu jener Zeit lässt sich nur spekulieren…

Wäre es ferner nicht auch besser gewesen, wenn die Merkel-Regierungen die zwischenzeitlich extreme Niedrigzins-Phase dazu genutzt hätten, mit langfristigen kostenlosen Krediten in großem Stil unsere darbende Infrastruktur zu sanieren? Schulen und öffentliche Gebäude, Brücken, Straßen, Schienen und die Deutsche Bahn endlich wieder auf Vordermann zu bringen? Doch, das wäre gut gewesen. Aber dafür fehlte Merkels Kabinetten und insbesondere auch dem seinerzeit zuständigen Finanzminister Schäuble leider der Weitblick. Schwarze Null und schwäbische Hausfrau waren ihnen wichtiger. Auch von einem zügigen Ausbau der Digitalisierung ist in den Merkel-Jahren zwar oft die Rede gewesen, aber sonderlich schnell vorangekommen ist man hierbei nicht gerade.

Aber last, but not least, was Merkel am häufigsten und am lautesten vorgehalten wird: Hätte sie 2015 nicht den hunderttausenden syrischen Flüchtlingen den Eintritt in unser Land verwehren sollen? Wäre “Grenzen dicht machen” nicht besser gewesen, als durch fröhliche Selfies mit den Ankömmlingen noch weiteren Nachschub von ihnen anzulocken? Hätte man durch mehr Strenge an den Außengrenzen nicht eine Reihe von späteren Amokläufen und Terror-Anschlägen durchgeknallter Islamisten verhindern können? Kann sein. Aber man hätte auch durch eine massive Jugend- und Sozialarbeitsoffensive, wie es sie heute sehr erfolgreich in Dänemark gibt, gewaltige Erfolge erzielen können, indem man die islamismusgefährdeten jungen Menschen von der Straße holt und in gemeinnützigen Projekten beschäftigt, die besser bezahlt werden als die Drogenkuriere der Organisierten und Clan-Kriminalität. Und so hätte man – auch hier wieder – zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Kriminalität und Islamismus bekämpft und zugleich langfristig die Folgen des demografischen Wandels abgemildert.

Doch hat Merkel durch ihre zu wenig strenge Migrationspolitik nicht den in höchstem Grade demokratiegefährdenden Aufstieg der rechtsextremistischen AfD mit herbeigeführt? Und als Spätfolge auch den des rechtslinkspopulistischen BSW? Teilweise wohl schon. Doch hätte es bei einer rechtzeitigen strengen Reglementierung der unsäglichen Sozialen Netzwerke, die mit freundlicher Unterstützung der omnipräsenten Putin-Trolle fortwährend ihre Lügen verbreiten, vielleicht gar nicht soweit kommen müssen. Wobei man hierzu allerdings wohl zunächst auf europäischer Ebene hätte ansetzen müssen, wie jüngst von unserem Wirtschaftsminister gefordert.

Aber war es denn nicht grob fahrlässig von Merkel, die deutsche Bevölkerung erst zu Integrationsbereitschaft und kultureller Offenheit aufzurufen und sie dann mit arabischen Messerstechern und sexuellen Belästigern in nicht ganz kleiner Zahl und dem weitverbreiteten Gefühl der Überforderung und der Fremdheit im eigenen Land alleinzulassen? Sicherlich wäre es angesichts der riesigen Herausforderungen angebracht gewesen, die Aufnahme der Flüchtlinge noch weitaus stärker mit massiven Anstrengungen in der Sozial- und Jungendarbeit – siehe oben – zu flankieren. Auch wären noch klarere Ansagen gegenüber den Neuankömmlingen für Grundwerte wie Gleichberechtigung von Frauen und Männern oder gegen Homophobie und Antisemitismus von Anfang an wünschenswert gewesen. Doch werden wir angesichts des immer gravierender werdenden Fachkräftemanges – insbesondere in Ostdeutschland! – um die von Merkel völlig zu recht geforderte kulturelle Offenheit nirgendwo herumkommen, um auch nur einen Teil der offenen Stellen künftig noch besetzen zu können.

Unter dem Strich lässt sich somit zwar eine Menge an Versäumnissen während Merkels Kanzlerschaft feststellen – aber nur, wenn man die damaligen realen Machtkonstellationen außer Acht lässt. Ein Bundeskanzler (m/w/d) – und erst recht einer, der in Koalitionsregierungen stets eine Vielzahl oft entgegengesetzter Interessen zu moderieren hat – befindet sich immer auch in einem Wust von Sachzwängen und ist – anders als ein autokratischer Herrscher – eingebunden in streng geregelte Verfahrensabläufe. Natürlich ist es wünschenswert, dass die Person an der Spitze des Staates dem Land Orientierung gibt, ihm die Richtung weist. Aber hat Merkel hier mit “Wir schaffen das!” und “Sie kennen mich” wirklich eine so schwache Figur abgegeben, wie es nun vielfach behauptet wird? Merkels Politikstil war eine Art Fahren auf Sicht, was auch daran liegt, dass sie in relativ unübersichtlichen Zeiten zu regieren hatte. Heute, seit der Zeitenwende, sehen wir die Dinge vielfach auch klarer, die damals – jedenfalls für die meisten – noch im Nebel lagen. Es war noch nicht die Zeit für große Entwürfe, eher für “piecemeal engineering” im Popperschen Sinne. Und darin war Angela Merkel nun einmal nicht die Schlechteste.

justament.de, 18.11.2024: Entmutigung

Cover-Versionen von Wolf-Biermann-Songs auf “Re:Imagined – Lieder für jetzt!”

Thomas Claer

Zum 88. Geburtstag des scharfzüngigen Liedermachers und einstigen DDR-Dissidenten Wolf Biermann haben sich allerhand junge (aber auch einige nur vergleichsweise junge) Künstler zusammengetan, um seine alten Stücke neu zu interpretieren. Super, denkt man! Spitzenidee! Auch wenn man als ebenfalls schon ziemlich alter Rezensenten-Sack natürlich nur die wenigsten vom hier versammelten Interpreten-Nachwuchs kennt. Aber womöglich lässt sich ja sogar noch die eine oder andere Entdeckung machen… Tja, und dann hört man also rein in diese Platte, hört weiter und weiter – und wendet sich schließlich ab mit Grausen. Was Künstler wie Maxim, Alligatoah, Bonaparte, Torch und wie sie alle heißen da abliefern, das passt einfach hinten und vorne nicht zusammen. Die grandiosen alten Biermann-Lieder, die in ihren Originalversionen nur mit Gitarrenbegleitung und in all ihrer textlichen und stimmlichen Wucht vor allem dadurch funktionieren, dass sie regelmäßig haarscharf am Überpathetischen vorbeischrammen, kippen nun als seltsame Hybrid-Nummern mit Beats und Elektronik reihenweise um ins Abgeschmackte und Kitschige. Es geht einfach nicht zusammen. Ausnahmen bilden bezeichnenderweise die vereinzelt mitwirkenden Vertreter der Ü50- (Ina Müller), Ü60- (Katharina Franck) und Ü70-Fraktion (Wolfgang Niedecken), die schlichtweg ein ganz anderes Gefühl für die alten Songs mitbringen als all diese unbedarften Jungspunde.

In aktuellen Interviews hat Wolf Biermann dann auch immer wieder nur gesagt, wie sehr er sich darüber freue, dass die jungen Leute seine Lieder neu interpretierten. Über die Qualität der Ergebnisse hat er – offenbar aus gutem Grunde – geschwiegen. Dennoch ist es natürlich sehr zu begrüßen, dass die alten Biermann-Songs auf diesem Wege neue Aufmerksamkeit bekommen. Bleibt nur zu hoffen, dass dabei auch die um Längen besseren Originale wieder in den Blick geraten.

Wolf Biermann
Re:Imagined – Lieder für jetzt!
‎Clouds Hill (Warner) 2024
ASIN: B0DD937RZ3

justament.de, 21.10.2024: Mr. Hamburger Szene

Scheiben Spezial: Zum 30. Todestag von Wilken F. Dincklage

Thomas Claer

Die “Hamburger Szene” war in den Siebzigern so etwas Ähnliches wie später die “Neue Deutsche Welle” in den Achtzigern oder die “Hamburger Schule” in den Neunzigern: ein neues großes Musik-Ding, das für alle Beteiligten zum Label wurde; als Schlagwort erfunden jeweils von Musikjournalisten. Um 1973 herum hatte sich rund um die Hamburger Kneipe “Onkel Pö” ein “Jazz- und Spaßmusikerklüngel” (Wikipedia) gebildet, der vorwiegend Dixiland-Jazz mit Elementen der Rock- und Popmusik kombinierte; sehr schön textlich zusammengfasst in Udo Lindenbergs Titelstück seiner gleichnamigen LP “Alles klar auf der Andrea Doria”. Und eine zentrale Gestalt in dieser seit ca. 1975 so genannten “Hamburger Szene” war der umtriebige Wilken F. Dincklage (1942-1994), genannt der dicke Willem, der als Musiker, Radiomoderator, Musikproduzent, Schauspieler und Unternehmer nahezu überall irgendwie mitmischte. Noch dazu wurde er zum Herbergsvater der Szene, indem er 1972, gemeinsam mit dem Toningenieur Conny Plank, eine prächtige alte Villa in Hamburg-Winterhude mietete (das ehemalige Privathaus des Kanadischen Botschafters), dort den Kraut-Musikverlag gründete und eine große Zahl junger Künstler bei sich einquartierte.

Beinahe alles, was damals Rang und Namen in Hamburgs Musikszene hatte oder noch kriegen sollte, wohnte zumindest vorübergehend in Willems berühmter WG in der so genannten “Villa Kunterbunt”: Udo Lindenberg, Otto, Marius Müller-Westernhagen, Gottfried Böttger, Lonzo Westphal, Steffi Stephan, Peter Petrel und weitere seiner Kollegen aus der Rentnerband. Zeitweise hatte die WG 14 Bewohner. Als Nina Hagen zum Jahreswechsel 1976/77 in den Westen kam, fand sie ebenfalls Unterschlupf in Willems WG, blieb dort aber nicht lange. Und während ihr galanter Mitbewohner Otto Waalkes ihr Hamburg zeigte, schrieb ihr WG-Genosse Marius Müller-Westernhagen später über sie den leicht gehässigen Song “Guten Tag, ich bin Gerti aus der DDR”.

Aber zurück zu Willem, der in seiner Jugend eine Ausbildung zum Teeverkoster absolviert hatte und als Kaufmann u.a. als Ostblock-Experte eines Industriekonzerns tätig war. (Angeblich konnte er sich in acht Sprachen fließend unterhalten.) Neben seinem Job als Musikverleger pendelte Willem seit 1972 zwischen Hamburg und Saarbrücken, wo er als kundiger Musikjournalist im Hörfunkprogrramm des Saarländischen Rundfunks die Sendung “Pop Corner” moderierte und dort vornehmlich über die Hamburger Musikszene berichtete. Bald darauf ging Willem, der selbst Banjo und Gitarre spielte, auch eigene musikalische Wege und veröffentlichte mehre Singles und später auch Langspielplatten. Zu einer der Hymnen der “Hamburger Szene” avancierte 1975 sein unter dem Pseudonym “Daddy’s Group” erschienener Song “Lass die Morgensonne (endlich untergehn)”. Später allerdings geriet er mit Liedern wie “Tarzan ist wieder da” (1977) immer mehr auf die Blödel-Schiene. In den Achtzigern wurde Willem dann zum gefeierten Radio-Moderator beim NDR (“Hits mit Willem”, “Norddeutsche Top Fofftein”, “Musikraten und Singen”) und wirkte in mehreren Filmen als Schauspieler mit, so in der legendären Szene in der Rockerkneipe “Chrome de la Chrome” im ersten Otto-Film (1985). Nach Mauerfall und Wiedervereinigung moderierte Willem für Antenne Mecklenburg-Vorpommern und engagierte sich in der Stadt Wismar.

Vor 30 Jahren, am 18. Oktober 1994, starb Wilken F. Dincklage im Alter von erst 52 Jahren an einer Lungenembolie. Bei seinem Tod soll er mehr als 250 kg gewogen haben. Das Herz der Hamburger Szene hatte aufgehört zu schlagen.

justament.de, 14.10.2024: Turbulente Zwangsversteigerung

Gerichtsgeschichten aus Berlin, Teil 3

Thomas Claer

Der Berliner Investor und Privatier Johannes K. (Name von der Redaktion geändert) hatte sich über die Jahre ein hübsches Portfolio aus kleinen vermieteten Eigentumswohnungen in Berlin und neuerdings auch andernorts zusammengestellt. Doch einen unerfüllten Wunsch hatte er noch: eine Wohnung in seiner Geburtsstadt W., einem schmucken Städchen an der Ostseeküste, dessen historische Altstadt zum Weltkulturerbe der Unesco zählt. Die Zugverbindung von Berlin nach W. war nicht schlecht. Und dank Deutschlandticket war Johannes K., der sich nie ein Auto, aber dafür immer neue Wohnungen angeschafft hatte, auch jederzeit mobil. Außerdem wusste er, dass es in der Altstadt von W. in Bahnhofsnähe eine Menge kleiner Wohneinheiten gab, die seinerzeit nach der Wende in Eigentumswohnungen umgewandelt worden waren, und diese passten perfekt in sein Beuteschema. Doch waren die dortigen Preise in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten schon in beinahe luftige Höhen geklettert, bevor sie in den letzten drei Jahren – Corona, Ukraine-Krieg, Energiekrise und Zinsanstieg sei Dank – wieder ein ganzes Stück zurückgekommen waren.

Johannes K. legte sich also auf die Lauer und sondierte nun mindestens einmal wöchentlich die Immobilienangebote auf den einschlägigen Plattformen. Lange Zeit vergeblich, doch dann, an einem kalten Februarmorgen, traute er seinen Augen kaum. Er sah seine Traumwohnung – 1 Zimmer, Küche, Bad mit Südbalkon auf 35 qm im 2.OG eines Altbau von 1935, in unmittelbarer Bahnhofsnähe und nicht weit von einem Park gelegen, ein Edeka um die Ecke – in einer Zwangsversteigerung, terminiert schon für Mitte April. Der Verkehrswert, den ein bestellter Gutachter ermittelt hatte, war erschütternd niedrig: 29.600,00 Euro. Wie konnte das sein?! Gewissenhaft las Johannes K. das auf der ZVG-Seite frei verfügbare umfangreiche Sachverständigengutachten. Mit der Wohnung war soweit alles in Ordnung, nur war sie unbefristet und zu marktüblichen Konditionen vermietet, was ihren Wert selbstredend nach allen herangezogenen Bewertungsmodellen rasant auf Talfahrt schickte. Klar, wer so zentral und günstig im hübschen historischen Ambiente wohnt, zieht vermutlich niemals wieder freiwillig aus. Und da sich die Chancen auf eine etwaige erfolgreiche Eigenbedarfskündigung, noch dazu wenn man dort gar nicht dauerhaft wohnen will, als eher unbestimmt ausnehmen, wird als maßgebliches Kriterium zur Wertermittlung die durch den Überschuss aus den Mieteinnahmen erzielbare Rendite herangezogen. Und die wäre selbst beim geschätzten Verkehrswert von 29.600 Euro noch relativ bescheiden.

Doch das war Johannes K. gar nicht unrecht. Glaubte er doch, gerade dadurch eine reelle Chance auf den Erwerb des begehrten Objekts zu haben. Er musste nur bereit sein, eine noch weitaus geringere Rendite in Kauf zu nehmen, dann würde er die mitbietenden Konkurrenten schon erfolgreich aus dem Feld schlagen können. Er rechnete nach und kam auf einen Preis von gut 61.000 Euro, den er bieten müsste, also das Doppelte des Verkehrswerts aus dem Gutachten. Dann läge die Rendite bei äußerst schwachen 2,3 Prozent. Wer würde denn schon noch mehr Geld bieten, um dann eine noch unattraktivere Rendite zu erzielen? Da müsste man ja bekloppt sein! Joannes K. durchdachte seine finanziellen Verhältnisse. Eine Kreditaufnahme kam natürlich nicht infrage, dann würde ihm aber seine Frau gehörig aufs Dach steigen, die sich ohnehin schon immerfort an seiner Sparsamkeit störte. Höchstens knapp 10.000 Euro hinter dem Rücken seiner Frau von seinem alten Studienfreund in Hamburg leihen und sie ihm dann schnellstmöglich wieder zurückzahlen – das wäre vielleicht noch möglich. Einen kleineren fünfstelligen Betrag hatte er seit seinem letzten Wohnungskauf vor einem Jahr schon wieder angespart. Den Rest würde er aus Aktienverkäufen aufbringen können, denn sein Wertpapierdepot hatte sich wieder einmal glänzend entwickelt und war reif für Gewinnmitnahmen.

Auf der ZVG-Seite standen unter den Angaben zu dieser Versteigerungssache die Kontaktdaten einer Immobilien-Gesellschaft, die nähere Auskünfte zur besagten Wohnung geben könnte. Dort fragte Johannes K. an und erhielt die Auskunft, dass in diesem Falle kein Vorab-Erwerb der Wohnung möglich sei und ebensowenig eine Besichtigung. Doch erhielt er, wie alle anderen Interessenten auch, eine Menge Fotos vom Inneren des Objekts, welche die Mieterin zur Verfügung gestellt hatte. Alles wirkte solide, wenn auch ziemlich unaufgeräumt. Letzteres stimmte Johannes K. nur noch hoffnungsvoller, denn im Gegensatz zu manch anderem, so sah er es, besaß er die Fantasie, sich die Wohnung auch im aufgeräumten Zustand vorstellen zu können. Mit Bleistift auf Papier kalkulierte Johannes K. immer wieder mit unterschiedlichen Bietpreisen und errechnete so die jeweils erzielbare Rendite. Doch, es stimmte schon: gut 61.000 Euro müsste er schon aufbringen. Längst hatte er sich die Bahnverbindung nach G. herausgesucht, einem noch kleineren Ort westlich von W., an dem die Zwangsversteigerung stattfinden sollte. Johannes K. wurde beim Gedanken an seine Fahrt dorthin ganz nostalgisch, denn seine Eltern hatten einst ausgerechnet in G. einen Garten besessen, in dem Johannes K. unzählige unbeschwerte Kindheitstage verbracht hatte. Er fieberte dem Versteigerungstermin regelrecht entgegen und hatte auch schon die geforderte Sicherheitsleistung von 10 Prozent des lächerlichen Verkehrswertes aufs Konto der Justizkasse überwiesen.

Doch dann, zehn Tage vor dem Termin, erreichte ihn die ernüchternde E-Mail vom ZVG-Portal: Der Versteigerungstermin wird aufgehoben. Ach, wie schade!, fand Johannes K. Sollte alles Hoffen und Bangen umsonst gewesen sein? Einen Tag später kam aber eine weitere E-Mail von der Immobilien-Gesellschaft. “Der Termin wurde aufgehoben…” Ja, mein Gott, das wusste man doch schon. Aber dann folgte noch der Zusatz: “… aus organisatorischen Gründen. Eine neue Terminierung erfolgt in Kürze.” Oh, es gab tatsächlich noch eine Chance! Johannes K. war außer sich vor Freude. Täglich besuchte er fortan die ZVG-Seite, um nachzusehen, ob dort schon etwas stand. Und tatsächlich: Nach einigen Wochen erschien dort der neue Versteigerungstermin Ende September. Wieder in G., aber diesmal nicht im Amtsgericht, sondern im großen Saal des Rathauses der Stadt G. Offenbar hatte es also schon so viele “Anmeldungen” durch Überweisung der Sicherheitsleistung gegeben, dass absehbar war, dass der Platz im Gericht angesichts des großen Menschenandrangs nicht reichen würde. Also noch ein halbes Jahr warten, und es war mit vielen Bietkonkurrenten zu rechnen. Dennoch ließ sich Johannes K. nicht von seinem Optimismus abbringen. Wenn er mit seinen gut 61.000 kommen würde, wer sollte denn da schon noch mehr bieten wollen?!

Die Monate vergingen in quälender Langsamkeit. Im Juni senkte die EZB erstmals nach langer Zeit ihre Zinsen. Nun war also sehr wahrscheinlich der tiefste Punkt bei den Immobilienpreisen erreicht. Jetzt musste man kaufen! Doch Johannes K. konnte es nicht, weil er noch drei Monate bis zum Zwangsversteigerungstermin warten musste. Er war außer sich. Im Juli machte er mit seiner Frau einen Tagesausflug nach W. zu einer Außenbesichtigung des Objektes seiner Begierde. Er fotografierte dabei auch die Namensleiste am Klingelbrett und recherchierte, ob sich etwas über “seine” künftige Mieterin finden ließe, was ihm womöglich einen wertvollen Informationsvorsprung gegenüber seinen Bietkonkurrenten verschaffen könnte. Doch er fand nichts.

Anfang August passierte es dann: Die Aktienkurse an den Börsen brachen weltweit ein. Da war irgendwas mit Carry-Trades in Japan passiert. Und nun standen seine Aktien längst nicht mehr auf dem Niveau, wo sich der Gedanke an Gewinnmitnahmen noch aufdrängen würde. Traurig musste sich Johannes K. eingestehen, dass sich die fest eingeplanten Aktienverkäufe für ihn wohl nicht mehr lohnen würden. Für diese hatte er den besten Zeitpunkt also offenbar leider schon verpasst. Aber hätte er wirklich seine Positionen schon früher verkaufen sollen, nur in der unbestimmten Hoffnung, vielleicht bei der Zwangsversteigerung zum Zuge zu kommen? Und was, wenn es dann nicht klappte? Hätte, hätte, Fahrradkette… Es war zum Verzweifeln! Doch wundersamerweise ging es an der Börse schon nach kurzer Zeit wieder steil nach oben. Keine drei Wochen nach dem Crash standen die Kurse schon wieder höher als zuvor. Und Johannes K. frohlockte. “Alles ist möglich, wenn du fest daran glaubst.” Das hatte er mal in seinem Glückskeks aus dem China-Restaurant gelesen.

Im September senkte die EZB ein weiteres Mal die Zinsen. Johannes K. musste ans berühmte Rilke-Gedicht denken, das er für sich abgewandelt hatte in: Wer jetzt kein Haus kauft, kauft sich keines mehr. Hatte er überhaupt noch eine Chance? Doch es gab ja im September auch noch die Landtagswahlen in drei Ost-Bundesländern mit wahrlich schockierend hohen Stimmanteilen für AfD und Sahra Wagenknecht. Welcher Investor oder Interessent aus Westdeutschland – und nahezu alle Investoren oder Interessenten außer Johannes K., dem gebürtigen Ossi, kamen schließlich aus Westdeutschland – wollte denn eine Immobilie in Landstrichen mit hohem AfD- und BSW-Stimmenanteil erwerben? So entsetzt Johannes K. angesichts der Wahlergebnisse auch war, für “sein” nostalgisches Immobilienprojekt”, wie er es nannte, schöpfte er nun wieder neue Hoffnung. Noch dazu hatte ihm ein Kollege aus Frankfurt am Main, der mit dem Kauf eines Häuschens in Thüringen liebäugelte, verraten, dass er direkt nach den Landtagswahlen ans Werk gehen wolle. Tja, dachte Johannes K., aber was, wenn nun alle denselben Gedanken haben…?

Anderthalb Wochen vor dem Termin entdeckte Johannes K. auf Ebay Kleinanzeigen die Offerte einer kleinen Eigentumswohnung in W., allerdings ohne Preisangabe und nur mit dem Hinweis VB. Als er die Bilder und den Grundriss betrachtete, staunte er nicht schlecht. Die sah doch aus wie “seine” künftige Wohnung! Nur lag sie nicht im 2.OG, sondern im 1.OG. Es war also die Wohnung direkt darunter. Sie war jedoch bezugsfrei, hübsch eingerichtet mit IKEA-Möbeln und gut aufgeräumt. Im Begleittext stand noch der Hinweis, dass sich mit ihr eine Jahresmiete von 5.200 Euro netto erzielen ließe. Das war weit mehr, als der Mietspiegel der Stadt W. hergab. Und Johannes K. war sofort klar, dass hier eine möblierte und befristete Vermietung gemeint war, so wie er es ja auch mit mehreren seiner Wohnungen in Berlin praktizierte. Natürlich, die Fachhochschule war ja nicht weit. Daran hatte er natürlich auch längst gedacht für den Fall, dass die Wohnung in W. irgendwann mal frei würde. Er betrachtete noch einmal die Namen auf dem Klingelbrett auf seinem Foto. Demnach war der letzte Bewohner der möbliert und befristet vermieteten Wohnung eine Person mit iranischem Namen, die sich bei einer Google-Recherche als Dozent an der Fachhochchule erwies. Johannes K. entschloss sich nun, eine Art Testballon aufsteigen zu lassen und der Anbieterin dieser Wohnung die von ihm zum Kauf der darüberliegenden Wohnung eingeplanten 61.000 Euro zu bieten. Am Tag darauf kam die Rückmeldung, dass sein Gebot und die Preisvorstellung der Anbieterin zu weit auseinander lägen, um in Verhandlungen über den Kaufpreis eintreten zu können. Na gut, das war nun keine Überraschung, denn schließlich war diese Wohnung nicht vermietet. Drei Tage später war die Anzeige bereits wieder verschwunden.

Endlich war der große Tag gekommen. Vollkommen gegen seine Gewohnheit war Johannes K. schon um 3.45 Uhr aufgestanden, um mit dem ersten Zug frühmorgens in Richtung G. zu fahren. Um 9.30 Uhr sollte die Zwangsversteigerung beginnen. Schon um 9 Uhr hatte sich eine Gruppe von knapp 50 Personen vor dem Rathaus der kleinen Stadt eingefunden. Und es wurden dann immer mehr. Der große Saal des Rathauses war vollständig gefüllt. Die meisten waren Ältere, aber es waren alle Altersgruppen vertreten, auch viel internationales Publikum, asiatisch und nahöstlich aussehende Personen. Johannes K. zählte mehr als 150 Interessenten. Ob er da wohl eine Chance haben würde? Und dann kam es: Schon nach wenigen Sätzen verkündete die Justizangestellte, dass der Mietvertrag der Wohnung mittlerweile von der Mieterin zum Ende des laufenden Monats gekündigt worden sei. Die Wohnung werde also bezugsfrei an den Ersteigerer übergeben.

Das war natürlich eine ganz neue Situation, denn durch diesen Umstand dürfte der Wert der Wohnung zweifellos um ein Beträchtliches nach oben geschossen sein. Schließlich konnte man sie ja nun ohne weiteres selbst nutzen oder auch lukrativ möbliert und befristet vermieten. Es war somit klar, dass Johannes K. an diesem Tag leer ausgehen würde, denn mehr als die eingeplanten 61.000 Euro konnte und wollte er nicht aufbringen. Es dauerte dann auch nicht lange, da hatten schon die ersten Interessenten mehr als 61.000 Euro geboten. Danach ging es nun aber etwas langsamer nach oben als zuvor. Ab 80.000 Euro wurden die Gebotsschritte immer kleiner, und es waren nur noch zwei Bieter übriggeblieben, die es unter sich ausmachten: ein älteres deutsches Ehepaar und ein älterer Herr mit türkischem Namen. Alle anderen hatten schon die Segel gestrichen, ein vietnamesisches Paar ebenso wie ein jüngerer deutscher Mann und mehrere Anzugträger, die jeweils für Immobiliengesellschaften agierten. Am Ende erhielt das ältere deutsche Ehepaar für 82.500 Euro den Zuschlag.

Johannes K. erschien die Sache mit der überraschenden Kündigung der Mieterin schon recht seltsam, doch es würde sicherlich niemand irgendwem etwas beweisen können. So trat er also enttäuscht und mit leeren Händen die Heimreise an und setzte schon bald darauf seine Recherchen in den Immobilienportalen fort. Vielleicht würde er ja noch irgendwo ein Ersatzobjekt für sich finden, wenn auch nicht gerade in der offenbar so begehrten Stadt W.

justament.de, 7.10.2024: EoC – jetzt auch im Kino

Recht cineastisch, Teil 46: “Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin” von Charly Hübner

Thomas Claer

Das fehlte natürlich noch im Œuvre der großartigen Band Element of Crime: ein Film über ihre Historie und Gegenwart mit ganz viel Musik, zahlreichen Interviews und jeder Menge Einspielungen aus den Archiven. Nun hat sich Charly Hübner an ein solches Werk gewagt – und man kann sagen, dass es ihm in vollem Umfang gelungen ist. Klar, es ist kein objektives Zeugnis daraus geworden, vielmehr ein Film von einem großen Fan dieser Band für unzählige andere große Fans, zu denen selbstredend auch der Rezensent gehört, keine Frage.

Einwenden ließe sich allenfalls, dass die Bandgeschichte seit 1985 zuvor bereits im ausgezeichneten Podcast “Narzissen und Kakteen” hinlänglich erzählt worden ist und einem daher manches, wovon nun berichtet wird, schon ziemlich bekannt vorkommt. Doch erstens hört man als wahrer Elementianer solcherlei auch gerne zweimal, und zweitens sorgen die bewegten Bilder dazu, insbesondere jene aus den frühen Jahren ausgegrabenen, noch für Erlebnisse ganz anderer Art. Kurzum, dieser Film ist ein Geschenk für jeden Interessenten. Und womöglich kommen durch ihn ja sogar noch neue hinzu.

Ergänzend zum Film ist übrigens auch dessen Soundtrack erschienen, der sich aus den Höhepunkten von fünf Berliner Konzerten in verschiedenen Locations der Stadt im Sommer 2023 zusammensetzt, die im Film gleichsam als roter Faden dienen, wodurch ganz nebenbei auch noch sehr viel Stadtgeschichte der letzten Jahrzehnte miterzählt wird. Demnächst werden wir uns dem besagten Soundtrack noch einmal gesondert in unserer Rubrik “Scheiben vor Gericht” widmen. Wer aber “Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin” im Kino sehen möchte, der sollte sich beeilen, denn der Film wird voraussichtlich nur noch für kurze Zeit gezeigt werden.

Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin
Deutschland 2024
94 Minuten; FSK: 0
Regie: Charly Hübner
Drehbuch: Charly Hübner
Darsteller: Element of Crime u.v.a.

wertpapier-forum.de, 12.7.2024: Rezension des Buchs “Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger” von Thomas Claer

Habe zufällig entdeckt, dass ein gewisser John Silver auf der Seite wertpapier-forum.de neben vielen anderen Börsenbüchern auch mein im Jahr 2012 erschienenes kleines Werk rezensiert hat.

https://www.wertpapier-forum.de/topic/56820-rezensionen-von-b%C3%B6rsen-und-wirtschaftsb%C3%BCchern/page/5/

Hier seine Rezension im Wortlaut:

Auf Seite 4 des Buchs erfährt man ein paar Details über den Autor. Thomas Claer freier Journalist, Privatlehrer und Rechtsanwalt. „Als Kapital-Anleger ist er Autodidakt und seit über 12 Jahren ein ständiger Beobachter der Märkte.“ (S. 4).

Einleitung: Wozu dieses Buch?

Ziel ist es, den Leuten das Thema Aktie näher zu bringen. Leider sind im Vorwort ein paar merkwürdige Beispiele die für die Börse sprechen sollen. So spricht Claer über den Nikkei, dessen Höchststände bis 2012 noch lange nicht wieder erreicht wurden (jetzt aktuell in etwa schon) und des Weiteren schreibt Claer, dass man die Börse am ehesten noch mit dem Roulettespiel vergleichen kann (S. 11). Irgendwie finde ich das für einen Neuanleger nicht gerade ermutigend.

In der Einleitung erläutert Claer aber auch den Aufbau des Buchs. Er orientiert sich an den „vier Gs“ von Kostolany: Geld, Gedanken, Geduld und Glück (S. 15).

Kapitel 1: Geld

Claer empfiehlt allen zu sparen, um an der Börse anzulegen, außer Hartz4-Empfängern, denn für die würde es sich nicht lohnen, da sie ab einem gewissen Grad ihren Hartz4-Anspruch verlieren würden (S. 19-20). Toller Tipp. Etwas ähnliches schreibt er auch auf Seite 31. Wäre es nicht der bessere Tipp, sich aus der staatlichen Abhängigkeit zu befreien und dann an der Börse zu investieren?

Der nächste Tipp ist es, nie 100% anzulegen, „weil ja immer die Möglichkeit besteht, dass sich durch unvorhergesehene Ereignisse plötzlich ungeahnte Möglichkeiten ergeben…“ (S. 21). Mal ehrlich, wie oft kamen diese „ungeahnten Möglichkeiten“ und wie oft kamen sie nicht und wieviel Zinsen und andere Erträge hat man während dieser Wartezeit verschenkt? Und wenn die Möglichkeiten wirklich so ungeahnt sind, warum verkauft man dann nicht einfach etwas anderes dafür?

„Ganz besonders lohnt sich eine hohe Liquiditäts-Quote in schweren, dramatischen Krisen.“ (S. 22). Diese Krisen treten, grob gesagt, aber nur alle 10 oder 20 Jahre auf und gerade dann stellt sich die Frage, wann man kauft. Denn wenn man etwas zu früh oder etwas zu spät kauft, kann man die ganze Performance der Krise auch nicht mitnehmen.

Grundsätzlich empfiehlt Claer keine Beträge aus dem Depot für den Konsum zu entnehmen, weil das auf die lange Sicht Rendite kostet (S. 27) und auch das Spekulieren auf Kredit ist für den Privatanleger tabu (S. 30).

Schön ist der von Claer genannte „Dreisatz“ als „wundersamer Effekt … beim Vermögensaufbau“: Lebensmittel vom Discounter, Bücher vom Flohmarkt, CDs von Ebay (S. 30).

Kapitel 2: Gedanken

„Dieses Kapitel ist das längste des Buches…“ (S. 33) und das meiner Meinung nach zurecht, ist doch das Nachdenken das wichtigste für einen Anleger.

Als eine Gefahr für den Investor macht Claer die wahre Flut an Nachrichten aus, die sich heute auf den Anleger ergießt (S. 35). Ich denke aber, dass Claer hier zum falschen Schluss kommt, denn er meint, leichter hat es derjenige, welcher Aktien aus der 2. und 3. Reihe hat, weil dort die Informationen überschaubar seien. Ich vermute, dass Claer eher weniger in Small-Caps investiert, sonst würde er wissen, dass dies gerade ein wesentlicher Nachteil denn ein Vorteil für den Investor von Small-Caps ist (S. 35).

Die Frage „Investment oder Spekulation?“ (S. 36) löst Claer, indem er eine Zwei-Depot-Lösung empfiehlt, eines für Investments und eines für spekulative Käufe. Diese sollten strikt getrennt werden, auch um den Erfolg jeweils besser zu sehen. Das halte ich für vernünftig, damit der Anleger selber sieht, mit welcher Strategie er welches Risiko und welchen Ertrag generiert (S. 39).

Konkret zur Aktie Facebook gab Claer 2012 den Tipp, „Finger weg“, weil die Bewertung seiner Meinung nach zu hoch sei (S. 47). Heute weiss man, wie sehr er falsch lag. Dagegen empfiehlt Claer das ganze Buch hindurch die Aktie der Maschinenfabrik Berthold Hermle AG (Auch wenn Claer das ganze Buch über von „Bertram Hermle“ spricht, denke ich doch, dass er die Berthold Hermle AG meint). Diese hat sich zwar ordentlich entwickelt, liegt aber Meilen hinter Facebook zurück.

Es ist insgesamt etwas merkwürdig, dass Claer auf den Seiten 47 – 51 konkrete Aktien empfiehlt. Auch wenn er am Anfang des Buchs schreibt, das Buch hat den „Stand 31.12.2011“, muss er doch selber wissen, wie schnell solche Tipps veraltern.

Im Unterkapitel 2.3 stehen auf den Seiten 52 – 61 die gängigsten Kennzahlen im Mittelpunkt. Insbesondere das KGV hat es ihm angetan. Und Waren Buffet. Es vergehen gefühlt keine 3 Seiten, in denen nicht Buffet irgendwo erwähnt werden muss.

Im Folgeunterkapitel 2.4 widmet sich Claer auf den Seiten 62 – 73 der Informationsbeschaffung über Aktien.

Gut gestreut, nie gereut. Und deshalb steht im Unterkapitel 2.5 die Diversifikation im Mittelpunkt. Der Anfang des Unterkapitels mit den Keynes Zitaten hat mir gut gefallen (S. 73). Keynes Meinung ist, im Gegensatz zum heutigen Mainstream, dass man sich lieber sehr sehr wenige Werte kaufen und diese dafür sehr sehr gut kennen sollte.

Überrascht hat mich der Tipp von Claer zu Einzelwerten. Hier empfiehlt er europäische anstatt US- oder Japan-Werten (S. 80 – 81). Das ist durchaus ungewöhnlich.

Merkwürdig fand ich auch die Ausführungen von Claer zu langen Zyklen mit Hinweisen auf die ersten bzw. zweiten Dekaden eines Jahrhunderts (S. 91- 93). Als ob eine Aktie weiß, welches Jahr wir gerade schreiben und als ob dies eine Bedeutung für eine Aktie hätte.

Die Seiten 91 – 97 befassen sich mit der Charttechnik. „Unter Value-Anhängern sorgen die Chartanalysen mancher Experten oft für Heiterkeit … wenn ihre Anhänger [der Charttechnik] auch mitunter erstaunliche Erfolge vorweisen können.“ (S. 97 – 98).

Claer ist der Meinung, dass die Börse manisch-depressiv ist und immer zu Übertreibungen in beide Richtungen neigt (S. 100). Claer zitiert dazu Prof. Max Otte: „Die Finanzmärkte sind irrational, ineffizient und prozyklisch, also von einem ins andere Extrem fallend.“ (S. 100).

Die Pro und Contra zum Setzen von Stop-Loss-Marken führt Claer sehr schön aus (S. 104 – 107). Fakt ist, dass es gute Gründe und gute Gründe dagegen gibt. Die meisten Autoren legen sich meistens auf eine Seite fest und negieren die andere Seite. Das ist hier, positiv, nicht der Fall.

Gut gefallen hat mir auch das Zitat von Kostolany das Claer auf S. 109 anführt: „Wenn die Börsenspekulation leicht wäre, gäbe es keine Bergarbeiter, Holzfäller und andere Schwerarbeiter. Jeder wäre Spekulant.“

Kapitel 3: Geduld

Warum Geduld an der Börse wichtig sein könnte, kann sich vermute ich so mancher denken. Warum aber Claer zusätzlich noch „Diskretion“ (S. 122 – 123) als Tugend anführt, gemeint ist die Diskretion über die eigenen Börsengeschäfte Dritten gegenüber, kann ich nicht so richtig nachvollziehen. Gerade die gemeinsame Analyse von Börsenerfolgen und insbesondere von -misserfolgen, bringt einen doch weiter und bringt Erkenntnisgewinn? Warum man mit der alleinigen Analyse erfolgreicher sein soll, kann ich nicht verstehen.

Kapitel 4: Glück

Nach ein paar Worten zur Wichtigkeit von Glück im Börsengeschehen, schließt das Buch mit einem Ausblick und Schluss.

Fazit:

Ein nettes durchschnittliches Buch zur Börse, bei dem ich aber das Gefühl hatte, dass es mehr von einem Hobbybörsianer und Theorie-Börsianer, als von einem Vollblut-Spekulanten geschrieben wurde.

Claer, Thomas, „Auf eigene Faust – Aktiensparen für Kleinanleger“, BoD – Books on Demand, Norderstedt, 2012, 132 Seiten

Anmerkung: Ich danke dem Rezensienten für seine interessante Besprechung und beschränke mich auf die Feststellung, dass sowohl mein Buch als auch seine Rezension zahlreiche Irrtümer enthalten. Aber das ist nicht weiter tragisch, denn wie sagte Kostolany: “Ich habe zu 49 Prozent falsch gelegen und zu 51 Prozent richtig. Die zwei Prozent Unterschied waren mein Erfolg.”