Author Archive: thomyc

justament.de, 7.4.2025: Dunkle Zauberei

Die Heiterkeit mit “Schwarze Magie”

Thomas Claer

Da hat sie nun, ach!, komponiert, getextet und auch musiziert, ins Mikrofon geleiert. Heißt Indie-Hoffnung, Popstar gar und wurde nun schon manches Jahr von Kritikern gefeiert. Da steht sie nun, die arme Torin und ist nicht klüger als wie vorhin. Zwar gilt sie viel, doch will sie alles gelten, dass ihr zu Füßen liegt die Welt, denn: Dass manche sie so gar nicht preisen – das will ihr schier das Herz zerreißen. Es mag kein Honk so länger leben – drum hat sie sich: der Magie ergeben!

Sechs Jahre nach dem grandiosen Vorgänger “Was passiert ist” hat Stella Sommers Band “Die Heiterkeit” nun endlich ihre fünfte Platte vorgelegt. Ein düsteres Konzeptalbum mit dem programmatischen Titel “Schwarze Magie” hat nun das Licht der Welt erblickt – in sich stimmig vom pechschwarzen Cover-Design (mit Stella Sommers ernstem Gesicht und langfingriger rechter Hand als blütenweißen Kontrapunkten) bis zu den Songtiteln.

Und das Konzept überzeugt durchaus, wenn auch nicht jeder einzelne Song. “Dunkle Gewitter” etwa ist großartig, nicht zuletzt auch durch seine kraftvolle Textdichtung. Nahtlos geht dieser Song über ins anschließende “Teufelsberg”, das bereits als “Vorab-Single” bekannt war. Weitere Höhepunkte der Platte sind das locker-folkige Titelstück, “Wir erholten uns vom Fieber” und “Santa Ana”. Hier zeigt Stella Sommer, was sie kann, auch wenn der Gesamteindruck angesichts einiger schwächerer Lieder dann doch hinter dem des Vorgängers zurückbleibt. Vieles erinnert eher an ihre drei Soloalben aus den letzten Jahren als an die vorangegangenen Heiterkeit-Platten.

Doch sollte man Stella Sommer auch nicht Unrecht tun, denn dass sie sich wie bisher mit jedem weiteren Heiterkeit-Album steigern können würde, das hätte man auch nicht annehmen dürfen. Sei’s drum: Auch auf ihrer neuen CD beweist Stella Sommer ihre Klasse. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte). Und am kommenden Mittwoch um 20 Uhr spielt “Die Heiterkeit” live im Lido in Kreuzberg.

Die Heiterkeit
Schwarze Magie
Buback 2025
UPC/EAN: 4015698265316

justament.de, 17.3.2025: Auf nach Eisenhüttenstadt!

Die Ausstellung “PURe Visionen” im Museum Utopie und Alltag

Thomas Claer

Nach Eisenhüttenstadt, das bis 1961 den Namen Stalinstadt trug, wollte ich nie, denn dort musste es, so glaubte ich, ganz furchtbar sein: eine seelenlose Retortenstadt, errichtet in den Fünfzigerjahren irgendwo in der märkischen Pampa für die Arbeiter des EKO, des Eisenhüttenkombinats Ost, und von der DDR-Propaganda zur sozialistischen Musterstadt überhöht. Ohne mich für weitere Einzelheiten zu interessieren, stellte ich mir Eisenhüttenstadt bisher mein Leben lang als eine Art graue Betonwüste vor mit Hochhäusern im Brutaismus-Stil. Aber es empfiehlt sich immer, die eigenen Vorurteile auch einmal vor Ort zu überprüfen. Tatsächlich ist Eisenhüttenstadt nämlich, was ich nie für möglich gehalten hätte, ein architektonisches Juwel. Hochhäuser gibt es dort in Wirklichkeit keine, stattdessen überall top sanierte und wunderbar farbenfroh herausgeputzte Fünfgeschosser im Zuckerbäcker-Stil, die keineswegs an die triste Marzahner Allee der Kosmonauten erinnern, sondern vielmehr an die prächtige Karl-Marx-Allee in Berlin-Mitte und Friedrichhain.

Nur die Anbindung nach und von Berlin aus lässt zu wünschen übrig. Unser Zug nach Frankfurt an der Oder hatte so getrödelt, dass wir dort den Anschlusszug nach Eisenhüttenstadt verpassten und eine geschlagene Stunde bis zum nächsten ausharren mussten. Auf Entschuldigungen oder auch nur erklärende Lautsprecherdurchsagen auf dem Frankfurter Bahnhof warteten wir leider vergeblich. Doch wer sich schließlich bis Eisenhüttenstadt durchgekämpft hat, wird reichlich entschädigt. Natürlich ist es dort wie überall sonst in der ostdeutschen Provinz: Es hat seit 1990 eine starke Abwanderung gegeben. Die Zurückgebliebenen maulen und schimpfen auf den Westen, wählen AfD und BSW. Doch trotz allem hat diese Stadt ihre beinahe magische Aura behalten (oder zumindest diese infolge der umfassenden Wiederaufbauarbeiten der letzten Jahre wieder vollständig zurückerlangt). Noch sieben Dekaden nach seiner Errichtung innerhalb weniger Jahre atmet Eisenhüttenstdt den sehr besonderen Charme des ewig Experimentellen.

Das “Museum Utopie und Alltag”, das allerhand stilprägende Gegenstände aus der DDR beherbergt, befindet sich in einem früheren Kindergarten, der nach den aufgestellten Erkärungsschildern ein ganz außergewöhnlicher gewesen sein muss. Bei aller Kritik am totäliär-ideologischen Hintergrund sollte doch niemand den emphatischen Aufbruchsgeist der frühen Nachkriegszeit auch im sozialistischen deutschen Teilstaat unterschätzen. Hier waren großartige Architekten am Werk, vermutlich von echter idealistischer Begeisterung getragen, die alles, was ihnen zur Verfügung stand, in die Waagschale warfen. Das seit den Siebzigerjahren immer mehr um sich greifende realsozialistische Frustrations- und Erschöpfungssyndrom war zu jener frühen DDR-Zeit offenbar noch weit weg.

Dass die Deutsche Demokratische Republik aber auch noch in ihren letzten beiden Lebensjahrzehnten mitunter Beachtliches hervorgebracht hat, zeigt die besonders sehenswerte Sonderausstellung “PURe Visionen”, die sich ostdeutschen Design-Klassikern vom “Känguruh-Stuhl” bis zum “Garten-Ei” widmet und deren jeweilige Entstehungsgeschichte beleuchtet. Überraschenderweise haben viele dieser formgestalterischen Besonderheiten einen Ost-West-Hintergrund, wie es in jenen Jahren der Entspannungspolitik und vielfältigen systemübergreifenden deutsch-deutschen Kooperationen durchaus häufiger vorgekommen ist. So macht man sich letztendlich voller bewegender Eindrücke auf den Heimweg nach Berlin und ist froh darüber, das eigene bislang so grotesk ungerechte Bild von Eisenhüttenstadt nun endlich einmal substantiell korrigiert zu haben.

PURe Visionen
Sonderausstellung im Museum Utopie und Alltag
Erich-Weinert-Allee 3, 15890 Eisenhüttenstadt
Noch bis 30. März 2025
Eintritt: 4,00 Euro (ermäßigt 2,00 Euro)

justament.de, 10.3.2025: Frau schlägt Männer

Neues von den Pixies und von Kim Deal

Thomas Claer

Was ist übrig geblieben von den Pixies, jener legendären Indie-Combo, die in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern mit anarchischem Gitarren-Rock für so viel Furore gesorgt und seitdem Generationen von Musikern und Musikbegeisterten mehr als nachhaltig geprägt hat? Die Antwort lautet: Es gibt sie ja noch, oder genauer gesagt: nach ihrer zwischenzeitlichen Trennung schon seit 21 Jahren wieder. Doch was ganz entscheidend ist: Vor nunmehr 13 Jahren hat Bassistin und Co-Sängerin Kim Deal der Band endgültig den Rücken gekehrt. Und seitdem werkeln also die restlichen 75 Prozent der Pixies, das heißt Sänger und Gitarrist Black Francis, Gitarrist Joey Santiago und Schlagzeuger David Lovering ohne sie vor sich hin. Die Ersatz-Bassistin für Kim Deal ist mittlerweile auch schon wieder ausgestiegen und wurde durch eine junge Blondine ersetzt. Und nun haben also die Pixies ihr inzwischen neuntes Album vorgelegt – und zeitgleich Ex-Bassistin Kim Deal ihr erstes Solo-Album. Welch eine delikate Konstellation!

Um eines gleich vorweg zu sagen: An die Frühphase der Pixies reichen natürlich beide Veröffentlichungen nicht ansatzweise heran. Wer die Pixies noch nicht kennt, greife also lieber zuerst zu ihren vier ersten epochalen Platten von Surfer Rosa (der Lieblingsplatte Kurt Cobains) bis Trompe le Monde. Aber für alle anderen Sympathisanten und Fans hält das neue Material so einiges bereit. Doch gibt es – man muss es in aller Deutlichkeit sagen – einen klaren Punktsieger. Und das sind nicht die verbliebenen Pixies, sondern es ist ihr früheres Bandmitglied. “The Night the Zombies Came”, die neue Pixies-Platte, wirkt insgesamt ziemlich lahm und uninspiriert. Immerhin ab dem dritten oder vierten Hören gehen einige der Stücke (die allesamt Black Francis geschrieben hat) langsam ins Ohr. Einen wirklich begeisternden Song sucht man aber leider vergeblich. Das schnelle und harte “Oyster Beds” ist noch ganz passabel und einige weitere Lieder auch – doch insgesamt ist das natürlich viel zu wenig für solch grandiose Musiker.

Da macht es Kim Deal aber diesmal weitaus besser. Auf ihrem Solo-Erstling “Nobody Loves You More” zieht die 63-Jährige, die neben ihrer Pixies-Vergangenheit auch auf eine bewegte Zeit in den Frauenbands “The Breeders” und “The Amps” zurückblicken kann, beinahe alle Register und liefert ein äußerst vielschichtiges Werk ab, das offenbar eine Menge von “So etwas wollte ich schon immer mal machen, bin aber bisher leider nie dazu gekommen”-Titeln enthält. Es geht los mit einem für sie ganz ungewöhnlichen fast schon bombastischen Song im Stil amerikanischer Filmmusik der Sechzigerjahre. Später mischt sie auch noch knarzige Elektropop-Nummern und sogar den zarten Anflug eines Rapsongs unter ihre Gitarren-Pop-Nummern im bewährten Breeders-Style. Kurzum, vom frischen Sound auf Kim Deals Solo-Debüt können sich ihre Ex-Kollegen von den Pixies ruhig mal eine Scheibe abschneiden. Das Urteil lautet somit: befriedigend (9 Punkte) für die Pixies und voll befiedigend (12 Punkte) für Kim Deal.

Pixies
The Night the Zombies Came
BMG Rights 2024
UPC/EAN: 4099964051322

Kim Deal
Nobody Loves You More
4AD 2024
UPC/EAN: 0191400073326

justament.de, 3.3.2025: Der grollende Osten (3)

Wider die Ostdeutschtümelei: “Freiheitsschock” von Ilko-Sascha Kowalczuk

Thomas Claer

Ein weiteres Buch aus kundiger Feder über den ostdeutschen Schlamassel ist “Freiheitsschock” vom Berliner Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk. Zwar gibt es darin thematisch und ebenso in der Analyse der Problematik eine Menge Überschneidungen mit den beiden jüngst an dieser Stelle besprochenen Werken des Soziologen Steffen Mau (“Ungleich vereint” und “Lütten Klein”). Dennoch hat Kowalczuk ein gänzlich anderes Buch geschrieben als die beiden besagten von Mau, was vor allem an den vollkommen unterschiedlichen Temperamenten beider Verfasser liegt. Steffen Mau, der kühle Norddeutsche aus Rostock, ist – trotz seiner immer wieder aufblitzenden Freude an Pointierungen – gleichsam die Verkörperung von wissenschaftlicher Nüchternheit und Sachlichkeit, ausgefeilt in den Formulierungen und stets abgewogen im Urteil. Demgegenüber ist Ilko-Sascha Kowalczuk, der aus einer Familie ukrainischer Einwanderer in Ost-Berlin stammt, eher auf Krawall gebürstet.

Wie vermutlich niemand sonst hierzulande (zumindest nicht innerhalb der akademischen und intellektuellen Debatten) attackiert Kowalczuk seine ostdeutschen Mitbürgerinnen und Mitbürger, was sich Westdeutsche nur hinter vorgehaltener Hand und andere Ostdeutsche wohl niemals trauen würden, um nicht als Nestbeschmutzer dazustehen. So bescheinigt Kowalczuk den Bewohnern Ostdeutschlands, in ihrer überwältigenden Mehrheit nicht demokratiefähig zu sein, da die Älteren unter ihnen es gar nicht und die Jüngeren es nur falsch und verzerrt von ihren Eltern am Küchentisch erlernt hätten, wie eine Demokratie funktioniert. Die Notwendigkeit des mühsamen Aushandelns politischer Kompromisse verstünden sie nicht und beklagten sich stattdessen nur darüber, dass ihre persönliche Meinung von der Politik nicht gehört würde. Auch machten die Ostdeutschen, sobald etwas in ihrem Leben nicht nach ihren Vorstellungen ablaufe, dafür regelmäßig den Staat verantwortlich. Auf den Gedanken, dass auch jede und jeder selbst für sich Verantwortung tragen sollte, kämen sie sicht, was das Resultat der jahrzehntelangen Kollektiv-Propaganda in der DDR und deren Nachwirkungen sei. Das überwiegend demokratische Wahlverhalten der Ostdeutschen in den vergangenen Jahrzehnten sei nur ein von Missverständnisen hervorgerufenes Oberflächenphänomen gewesen, wohingegen es keinesfalls überraschend sei, dass sich mittlerweile zwei Drittel der Ostdeutschen vorstellen könnten, eine autoritäre Partei zu wählen (was mehr als die Hälfte von ihnen inzwischen auch tut). Ganz falsch sei schließlich auch das immer wieder von den Westdeutschen (zumeist pflichtschuldig) vorgebrachte Lob der Ostdeutschen für deren Mut bei der friedlichen Revolution im Herbst 1989, da seinerzeit tatsächlich nur eine winzig kleine Minderheit persönliche Risiken in Kauf genommen habe, während sich die breite Masse erst als absehbar war, wer die Oberhand behalten würde, opportunistisch auf die Seite der historischen Sieger geschlagen habe.

Doch kriegen natürlich auch die Westdeutschen in ihrer Selbstgerechtigkeit ihr Fett weg, und das nicht zu knapp, insbesondere die ab 1990 neu in den Osten gezogenen Führungspersonen. Das Grundmotiv in deren späteren Erinnerungsberichten lasse sich zumeist auf den folgenden Nenner bringen: “Im Osten ist vieles anders. Die Menschen sind arbeitsam. Es war harte Arbeit zu leisten, um den Sumpf trockenzulegen. Man ist aus rein idealistischen Gründen in den Osten gegangen. Nach vielen Jahren fühlte man sich nicht nur als Wossi, sondern eigentlich als Ossi. Die Landschaft ist toll. Es gibt so viel zu entdecken. Vieles erinnerte an die fünfziger und sechziger Jahre. Die Ostler sind undankbar. Wir haben so viel Geld in den Osten gepumpt und die meckern nur. Der Osten ist mir zur Heimat geworden. Die Probleme wachsen sich aus. Die Hoffnung ist die Jugend. Die Jugend geht weg. Ich bereue es nicht, in den Osten gegangen zu sein. Im Westen hätte ich leichter Karriere machen können. Es geht nur um Leisung. Die Herkunft ist doch vollkommen egal.” (S. 118).

Überhaupt schießt Kowalczuk eigentlich unaufhörlich in alle Richtungen, dabei manchmal über das Ziel hinaus und mitunter sich selbst ins eigene Knie. Doch immer wieder trifft er auch mitten ins Schwarze. Sehr verdienstvoll ist zweifellos seine Auseinandersetzung mit den Schriften von Sahra Wagenknecht und Alice Weidel, anhand derer er aufzeigt, warum diese Demagoginnen und ihre Parteien am besten niemals in Regierungsverantwortung gelangen sollten. Was sich aber signifikant von Steffen Maus Büchern unterscheidet, ist Kowalczuks bedrohlich pessimistischer Zukunftsausblick. Während Mau aufgrund seiner soziologischen Untersuchungen zur Prognose kommt, dass die AfD in den nächsten zehn Jahren sehr wahrscheinlich nicht über 30 Prozent bei Wahlen auf Bundesebene erzielen werde, da sie zumindest im Westen ihr Potenzial bereits heute beinahe vollständig ausgereizt habe, kommt Kowalczuk aufgrund seiner historischen Studien zur These, dass Ostdeutschland wegen seiner Besonderheiten eine Art Laboratorium der Globalisierung darstelle und deshalb vielfach Entwicklungen antizipiere, die mit etwas Verzögerung später auch im Westen erfolgten. Mit diesem höchst beunruhigenden und alarmierenden Ausblick entlässt er sodann seine Leser, nicht ohne aber abschließend noch ein feuriges und durchaus pathetisches Plädoyer für die Freiheit zu halten, die ihm selbst so unendlich viel, seinen Mitbürgern in Ost (sowieso) und West (neuerdings) aber leider gar nicht (mehr) so viel bedeute.

“Freiheitsschock” ist somit insbesondere ein engagiertes Buch, eine Mischung aus Analyse, Autobiographie, Weckruf und Pamphlet, mit großem Unterhaltungswert, aber auch hohem Grusel-Faktor.

Ilko-Sascha Kowalczuk
Freiheitsschock. Eine andere Geschichte Ostdeutschlands von 1989 bis heute
Verlag C.H. Beck, 2024
240 Seiten: 22,00 Euro
ISBN: 978-3-406-82213-1

justament.de, 24.2.2025: GroKo 5.0, aber bitte bis Ostern!

Deutschland nach der Bundestagswahl

Thomas Claer

Es ist also unter dem Strich noch einmal relativ gut gegangen. Die gute alte GroKo hat wieder eine Mehrheit. Der kommende Kanzler Merz wird in seinen angedrohten migrationspopulistischen Exzessen ausgebremst werden können, ohne dass es wegen zu vieler Koalitionspartner zu einer langen Hängepartie kommen muss. Was besonders erfreulich ist: Die notorische Quertreiberpartei FDP und insbesondere ihr Vorsitzender Lindner (“Mehr Milei wagen!”, “Mehr Musk wagen!”) sind mit Karacho aus dem Bundestag geflogen. Letzterer will nun seinen Abschied aus der Politik nehmen, wofür ihm großer Dank gebührt. Fairerweise muss man dazu sagen: Immerhin haben die Liberalen in der Ampel das wirklich exzellente Deutschlandticket mitgetragen und einige sozialpolitische Verrücktheiten wie das bedingungslose Bürgergeld oder einen bundesweiten Mietendeckel erfolgreich verhindert, leider aber auch das längst überfällige Tempolimit auf Autobahnen. Unverzeihlich ist jedoch ihr stures Festhalten an der Schuldenbremse (gegen den Rat nahezu aller Wirtschaftsexperten!) gewesen; als ob wir in ganz normalen Zeiten leben würden…

Was sogar noch erfreulicher ist, ist das Scheitern des Bündnis Sahra Wagenknecht an der Fünfprozenthürde und ganz besonders das angekündigte Ausscheiden seiner Gründerin aus der aktiven Politik. Es kann unserem Land nur guttun, wenn spalterische Figuren ihres Kalibers von der Bildfläche verschwinden. Sehr beunruhigend ist hingegen der Zuwachs der weitgehend rechtsextremistischen Krawall-Partei AfD. Das noch moderate bundesweite Ergebnis von (nur) gut 20 Prozent übertüncht dabei, dass sie in sämtlichen Ost-Ländern mit riesigem Vorsprung (in Thüringen und Sachsen mit fast 40 Prozent!) zur stärksten Partei geworden ist. In Kürze wird der bis zum Wahltag zurückgehaltene Bericht des Bundesamts für Verfassungsschutz erscheinen, der vermutlich der gesamten Partei (und nicht mehr nur einzelnen Landesverbänden) eine gesichert rechtsextremistische Gesinnung attestieren wird. Wenn es überhaupt noch einen geeigneten Zeitpunkt für die Einleitung eines Verbotsverfahrens gibt, dann wäre es wohl jetzt. Aber es fragt sich, ob hinter den Kulissen schon ausreichend Vorbereitungen dafür getroffen werden konnten, die eine hinreichende Erfolgswahrscheinlichkeit versprechen würden…

Die neue Stärke der populistischen Linken (die u.a. aus der NATO austreten möchte und gegen einen höheren Wehr-Etat ist; das muss man sich mal vorstellen!) ist bedauerlich, war aber angesichts von Merzens jüngsten tabubrecherischen Abstimmungs-Eskapaden als “antifaschistischer Abwehrreflex” wohl unvermeidlich. Die fatale Folge ist, dass es nun an einer für anstehende Verfassungsänderungen notwendigen Zweidrittelmehrheit des gemäßigt demokratischen Lagers fehlt. Leidtragende am Aufschwung der Linken waren vor allem die Grünen, die sich aus lobenswerter staatspolitischer Verantwortung trotz allem als Koalitionspartner der Union bereitgehalten haben, was natürlich einen Teil ihrer potentiellen Wähler verschreckt hat. Aber um ein Haar wäre genau das Szenario eingetreten, dass es nur mit einer erneuten Regierungsbeteiligung der Grünen gegangen wäre. Die populistische Verkommenheit des bayerischen Ministerpräsidenten zeigt sich darin, dass er noch am Wahlabend, als es beinahe auf eine solche Kenia-Koalition hinausgelaufen wäre, einer solchen eine Absage erteilte und Koalitionen mit grüner Beteiligung für nicht lange haltbar erklärte. Welch eine staatspolitische Verantwortungslosigkeit! Und welche bewundernswerte Haltung von Robert Habeck, der ihm alle seine Entgleisungen im Wahlkampf nicht nachtrug (“Ist egal jetzt.”).

Die neue Regierung muss nun jedenfalls schnellstmöglich zustande kommen, spätestens – wie von Merz angekündigt – bis Ostern! Und dann muss sie liefern! Deutschland und Europa stehen aktuell vor den größten Herausforderungen seit sieben Jahrzehnten. Das vordringliche Problem ist dabei keineswegs die angeblich zu wenig geregelte Migration (hier ist doch eine europäische Lösung schon längst auf dem Weg), sondern vielmehr – nach der faktischen Aufkündigung der westlichen Wertegemeinschaft durch den irrlichternden US-Präsidenten und dessen Vize – der Aufbau einer von den USA unabhängigen effektiven gemeinsamen europäischen Verteidigung gegen den aggressiven russichen Imperialismus einschließlich der weiteren Unterstützung der Ukraine. Am besten wäre die Gründung eines neuen Staatenverbunds, bestehend aus Kerneuropa und allen anderen Willigen (Orban und Fico dürfen da gerne draußen bleiben). Man kann nur inständig hoffen, dass die entsprechenden Pläne dafür nur noch aus den Schubladen gezogen werden müssen. Denn sonst wird unser schönes und freies Europa zermalmt werden zwischen dem russischen und dem neuen amerikanischen Imperialismus. Also, (angehende) GroKo, an die Arbeit! Die Zeit drängt.

justament.de, 17.2.2025: Der grollende Osten (2)

“Lütten Klein” von Steffen Mau ist eins der wichtigsten Bücher über die Transformation in der Ex-DDR

Thomas Claer

Wer das jüngst an dieser Stelle hinreichend gewürdigte “Ungleich vereint” gelesen hat, ist selbstverständlich auch neugierig auf Steffen Maus bereits 2019 erschienenes Vorgängerbuch “Lütten Klein”. Dieses ebenfalls vieldiskutierte Werk nimmt den großen Umbruch im Osten am Beispiel des titelgebenden Rostocker Plattenbauviertels unter die Lupe, in welchem der Verfasser zu DDR-Zeiten aufgewachsen ist. Und “Lütten Klein” ist noch weitaus detaillierter und tiefschürfender als sein Nachfolger, vor allem aber – obwohl schon vor sechs Jahren geschrieben – gerade wieder bestürzend aktuell. Seinerzeit war noch nicht abzusehen, dass die weitgehend rechtsextreme AfD in mehreren östlichen Bundesländern zur stärksten oder beinahe stärksten politischen Kraft werden würde und diese Länder – auch durch die Erfolge des rechtslinkspopulistischen BSW – an den Rand der Unregierbarkeit gebracht werden könnten. Wer aber die Analysen von Steffen Mau studiert hat, den können diese verhängnisvollen politischen Entwicklungen keineswegs überraschen…

Aus westlicher Sicht sind die Bewohner des Ostens vor allem undankbar. Unzählige Millionen aus sauer verdienten westlichen Steuergeldern wurden in den Osten gepumpt, um dort vernünftige Strukturen aufzubauen und die nicht wettbewerbsfähigen Neubürger zu alimentieren. So weich wie in den neuen Bundesländern in die nun gesamtdeutschen Sozialsysteme ist wohl niemand im früheren Ostblock gefallen. Doch statt dafür auch nur einmal danke zu sagen, maulen und nörgeln diese Ossis in einem fort, beschweren sich über die Arroganz der “Besserwessis” und wählen nun sogar extremistische Parteien.

Aus östlicher Sicht betrachtet ergibt sich jedoch ein vollkommen anderes Bild. Eine ganze Generation wurde aus ihren gewohnten Lebenszusammenhängen gerissen, von heute auf morgen in die Arbeitslosigkeit entlassen und zu Bürgern zweiter Klasse im wiedervereinigten Land degradiert. Alles, was diese Menschen in ihrem bisherigen Leben gelernt und geleistet hatten, war nun nicht mehr gefragt. Nur ein kleiner Teil der Ostdeutschen, der mobil und flexibel war, konnte sich mit den neuen Verhältnissen arrangieren. Viele aber wurden nun nicht mehr gebraucht und in zumeist unsinnigen Umschulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen geparkt und ruhiggestellt, schließlich in den Vorruhestand abgeschoben. Für die Betreffenden, in deren Lebensmittelpunkt bis dahin ihre Berufstätigkeit gestanden hatte, war damit eine Welt zusammengebrochen und ihr Leben zerstört.

Natürlich musste damals angesichts der völlig überraschenden deutschen Wiedervereinigung alles ganz schnell gehen. Wichtige Positionen in Wirtschaft und Gesellschaft wurden daher nach der Wende im Osten fast ausschließlich mit Westimporten neu besetzt. Dies war zweifellos viel effektiver, als erst noch umständlich Einheimische für die jeweiligen Jobs auszubilden. Im Eifer des Gefechts hatte allerdings niemand daran gedacht, was es mit den Menschen einer Region macht, wenn dort plötzlich nur noch Zugewanderte den Ton angeben, wenn beinahe sämliche Führungspositionen von Zugezogenen bekleidet und die Alteingesessenen auf die Straße gesetzt werden.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Osten vor der Wende eine reine Angestellten-Gesellschaft gewesen ist. Freies Unternehmertum gab es nur vereinzelt im Kleinstsegment. Fast niemand verfügte über größere Ersparnisse oder gar über Immobilien-Eigentum. (Und falls doch, dann waren es zumeist Häuser in ländlichen und zunehmend entvölkerten Regionen, die sich nach der Wende als unverkäuflich erwiesen.) Sehr drastisch schildert Steffen Mau, welcher Orkan der Zerstörung bestehender Strukturen in den Transformationsjahren über Ostdeutschland hinweggefegt ist. Die neu eingezogene Freiheit und Marktwirtschaft traf auf eine Population, die nicht im Geringsten darauf vorbereitet war und damit größtenteils überhaupt nicht umgehen konnte.

In Lütten Klein, dem einstigen Vorzeige-Wohngebiet der Ostsee-Metropole, dessen Bewohner zu DDR-Zeiten noch stolz darauf waren, eine der damals heiß begehrten Neubauwohnungen ergattert zu haben, war der Absturz sogar noch gravierender, denn nun hieß es plötzlich: “Man wohnt nicht mehr in der Platte”. Wer etwas auf sich hielt, suchte schnell das Weite, und übrig blieben dort bald nur noch die Abgehängten und Genügsamen.

Das Ergebnis aus all diesen jahrelangen Frustrationen lässt sich mittlerweile an den ostdeutschen Wahlergebnissen ablesen. Die Menschen im Osten sind bockig, missmutig, ressentimentgetrieben gegen alles Westliche. Sie behandeln migranische Neuankömmlinge so schlecht, wie sie selbst sich mehr als drei Jahrzehnte lang von den Westdeutschen behandelt fühlten. Sie flüchten sich aus der Wirklichkeit des Fachkräftemangels in Fantasiewelten nationaler Autarkie. Doch geht die Schere überall im Osten weiter auseinander zwischen den vielen Kleinstädten und ländlichen Gebieten auf der einen Seite, die abgehängt und in fremdenfeindlicher Selbstabschottung immer tiefer in den Abwärtsstrudel geraten, und den wenigen längst wieder aufstrebenden Großstädten auf der anderen Seite, die dank Ansiedlung von Migranten wieder wachsen und mit neu entstandenen Jobs und noch vergleichsweise günstigem Wohnraum mittlerweile so mancher West-Stadt den Rang ablaufen.

Sehr lebendig und untermalt mit vielen O-Tönen aus zu Recherchezwecken selbst geführten Interviews mit den Bewohnern schildert Steffen Mau den Werdegang “seines” Viertels in Vor- und Nachwendezeit. Trotz einiger soziologischer Fachtermini ist das Buch flüssig geschrieben und liest sich durchweg unterhaltsam. Hinzu kommt eine Vielzahl an einschlägigen Zahlen und Diagrammen, die das Werk zu einer wahren Fundgrube machen. Nur eins liefert der Autor in diesem Buch leider nicht (und in seinem besagten späteren Buch “Ungleich vereint” dann auch nur ansatzweise): Rezepte für Auswege aus der beschriebenen Malaise. Und den Leser beschleicht die düstere Ahnung, dass der ostdeutschen “Generation Wiedervereinigung” wohl nicht mehr zu helfen ist. Stattdessen muss es jetzt darauf ankommen, die von den Erzählungen ihrer Eltern kontaminierten ostdeutschen Nachwendegenerationen “abzuholen” und “mitzunehmen”, was nach Erkenntnissen der soziologischen Forschung am besten durch Studienaufenthalte der jungen Ostler in Westdeutschland gelingt, aber auch durch den Kontakt mit aus dem Westen zugezogenen Studierenden an ostdeutschen Universitäten. Je mehr Austausch zwischen den jungen Generationen in Ost und West, desto besser. Und je mehr weitere trübsinnige Abschottung der östlichen Frustrations-Kollektive, desto schlimmer.

Steffen Mau
Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft
Suhrkamp Verlag 2019
285 Seiten; 22,00 Euro
ISBN: 978-3-518-47092-3

justament.de, 10.2.2025: Dritte Demo in sechs Jahren

Warum Justament-Autor Thomas Claer neuerdings so oft demonstrieren geht

Die in Art. 8 GG ausdrücklich geschützte Versammlungsfreiheit ist ein hohes Gut in einem Rechtsstaat. Menschen, die regelmäßig und oft auf die Straße gehen, um aller Welt zu zeigen, was sie umtreibt und bewegt, tun daher zunächst einmal etwas Gutes, Richtiges und Sinnvolles. Dennoch halte ich mich von Demonstrationen normalerweise eher fern, weil sich deren Effekt doch rasch abnutzt, wenn sie ständig und immer wieder aufs Neue stattfinden. Außerdem fehlt mir auch einfach die Geduld, um womöglich mehrere Stunden im Schneckentempo durch die Gegend zu trippeln oder mir die Beine in den Bauch zu stehen. Und noch dazu bin ich extrem kälteempfindlich; also im Winter demonstrieren, das geht für mich eigentlich gar nicht.

Dass ich trotzdem vor einer Woche – in bitterster Winterskälte! – auf meiner bereits dritten Demo in gerade einmal sechs Jahren gewesen bin, ist allein den gegenwärtigen politischen Umständen geschuldet. Zuvor hatte ich zweieinhalb Jahrzehnte lang überhaupt nicht mehr demonstriert, letztmalig als Student Mitte der Neunziger gegen rechtsextremistische Anschläge. Doch dann kam Fridays for Future, und ich marschierte mit. Ich fand es großartig, dass so viele – und darunter auch so viele junge – Leute endlich einmal aufwachten und sich dem Klimawandel entgegenstellten. Allerdings ist es bezeichnend für unsere mittlerweile extrem schnellebige Zeit, dass diese damals so hoffnungsvoll erscheinende Welle schon längst wieder abgeebbt ist. Kaum jemand interessiert sich heute noch für Klimaschutz, egal ob Gebirgsdörfer unter Wasser oder Städte in Flammen stehen. Denn schließlich haben wir inzwischen ja auch noch mehr als genug andere existenzielle Probleme, allen voran den durchgeknallten Kreml-Despoten mit seiner sogenannten Spezialoperation, gegen die ich vor drei Jahren ebenfalls auf die Straße gegangen bin.

Und nun hat auch noch in Übersee der selbsternannte “Diktator für einen Tag” zum zweiten Mal sein Amt angetreten und schon in den ersten drei Wochen mit seinen irren Ideen und Aktionen die Welt in Furcht und Schrecken versetzt. Darüber hinaus haben wir hierzulande in zwei Wochen vorgezogene Bundestagswahlen, und der designierte künftige Kanzler von der CDU hielt es für eine gute Idee, seine Fraktion im Bundestag sehenden Auges mit der weitgehend rechtsextremistischen AfD für einen Antrag und ein Gesetzesvorhaben abstimmen zu lassen (was er vor wenigen Wochen noch kategorisch ausgeschlossen hatte). Klar, dass ihm jetzt viele Wähler seine Beteuerungen nicht mehr abnehmen, nach der Wahl keinesfalls mit der AfD kooperieren zu wollen. Doch haben die Massendemonstrationen in vielen Orten unseres Landes (hier in Berlin mit mehr als 160.000 Teilnehmern, in München nun sogar mit über 250.000) gegen diese Vorgehensweise offenbar schon etwas bewirkt: So eindringlich, wiederholt und entschieden, wie sich der Kanzlerkandidat der Union auf dem jüngsten CDU-Parteitag und ebenso gestern im Fernseh-Duell gegen jede Form der Zusammenarbeit mit der Rechtsaußenpartei ausgesprochen hat (und auch ausdrücklich gegen eine von dieser tolerierte Minderheitsregierung), wird er davon nun wohl nicht mehr abrücken können, ohne seine Glaubwürdigkeit vollends zu beschädigen. Insofern haben sich Massendemonstrationen als probates Mittel im politischen Meinungskampf, wenn es ernst wird, ein weiteres Mal bewährt. Noch funktioniert unsere Denokratie also. Möge es auch weiter so bleiben!

justament.de, 27.1.2025: Der grollende Osten (1)

Steffen Mau liefert mit “Ungleich vereint” die präziseste Analyse des “Problemfelds Ost”

Thomas Claer

Da gibt es eine Gegend, die zu den wohlhabendsten Regionen Europas zählt, doch ihre Bewohner sind voller Groll, denn ihren weiter westlich lebenden Landsleuten geht es noch ein Stück weit besser als ihnen, und das nicht immer einfache Zusammenwachsen mit jenen hat bei ihnen schwere Traumata zurückgelassen, die sie offenbar auch schon an die nächste Generation witergegeben haben. Mehrere vieldiskutierte Bücher über die schwierige deutsche Einheit und den zumindest in seiner Selbstwahrnehmung noch immer problembeladenen Osten sind in den letzten Jahren erschienen. Selbstverständlich wurden sie alle – ohne Ausnahme! – von aus Ostdeutschland stammenden Autorinnen und Autoren verfasst. Denn warum sollten Westdeutsche sich mit Problemfeldern auseinandersetzen, die in ihren Augen überhaupt nicht existieren, die sie zumindest nicht als solche zu erkennen vermögen?

Die besagten Bücher wenden sich entweder gegen die Arroganz des Westens gegenüber dem Osten (Dirk Oschmann) oder gegen die Ignoranz des Ostens gegenüber der Demokratie (Ilko-Sascha Kowalczuk), oder sie erzählen die Geschichte der untergegangenen DDR noch einmal ganz anders und stark beschönigend (Katja Hoyer). Und dann ist da auch noch der aus Rostock stammende Berliner Soziologie-Professor Steffen Mau (geb. 1968), der in seinem schmalen Bändchen namens “Ungleich vereint” unaufgeregt und ausgewogen, pointiert, aber nie polemisch all das analysiert und auf den Punkt bringt, was sich in gut drei Jahrzehnten (plus DDR-Vorgeschichte) in den noch immer so genannten Neuen Bundesländern so zusammengebraut hat.

Um es gleich vorweg zu sagen: Dieses kleine Büchlein sollte unbedingt jeder gelesen haben, der ein Interesse an der Ost-Thematik mitbringt, der im Osten wohnt oder mit dem Osten und seinen Bewohnern zu tun hat. Steffen Maus zentrale These lautet: Der Osten ist in vieler Hinsicht anders als der Westen – und er wird es auch weiterhin bleiben. Damit ist zugleich gesagt, dass diese kleine Studie vermutlich noch für Jahrzehnte relevant sein wird! Die Anschaffung und Lektüre dieses Buches dürfte sich also mit großer Sicherheit voll armortisieren…

Das Buch richtet sich sowohl an Ostdeutsche, die sich über ihre Besonderheiten und ihren einheitsbedingten psychischen Knax klarwerden wollen, als auch an Westdeutsche, die wissen wollen, warum ihre ostdeutschen Brüder und Schwestern aus ihrer Sicht so seltsam sind. (“Ich möchte das Thema Ostdeutschland aus der dünkelhaften und selbstgewissen Ecke herausholen, in Ost wie in West.”, S.9) Es geht los mit dem unerwarteten Befund der Verfestigung bestehender Ost-West-Unterschiede, die man lange Zeit als nur vorübergehend angesehen hatte. Konkret wird sodann die “ausgebremste Demokratisierung” des Ostens unter die Lupe genommen. Wie konnte es passieren, dass die demokratischen Institutionen und Parteien auch nach über 30 Jahren im Osten noch alles andere als fest verwurzelt sind? Sehr aufschlussreich ist vor allem das Kapitel “Kein 1968”. Darin wird einerseits deutlich, wie tiefgreifend Westdeutschland von der anti-autoritären Generationenrevolte “von unten” seit den späten Sechzigern geprägt wurde und wie stark seine heutige hohe demokratische Kultur damit zusammenhängt. Genau dies fehlt aber andererseits dem Osten, denn es mangelt ihm an jeglichen Voraussetzungen für vergleichbare Generationen-Protestbewegungen. (“Die Älteren saßen nicht saturiert in ihren Wohn- und Amtsstuben, sondern standen oft genug in der Schlange des Arbeitsamts.”, S.64)

Die zweite Hälfte des Buches widmet sich dann ganz überwiegend der sich stattdessen vor unseren Augen im Osten abspielenden autoritären Revolte von rechtsaußen. Sehr treffend bemüht Steffen Mau hier den aus dem Versicherungswesen stammenden Begriff des “Allmählichkeitsschadens”. Mit der Zeit, angefangen von den “Baseballschlägerjahren” in den Neunzigern und ihren rechtsradikalen Vorläufern in der späten DDR über den Einzug von Neonazi-Kadern aus dem Westen in den Osten bis hin zum heutigen verstärkten Aufgreifen von Ost-Befindlichkeiten durch die AfD, hat sich über die Jahre eine trübe Melange aus Ost-Trotz, Ressentiment und Hetze so ausgebreitet, dass sie nun die Grundpfeiler von Demokratie und Rechtsstaatslichkeit anzugreifen droht. Immerhin, die gute Nachricht ist, dass die AfD im Westen (und damit auch auf Bundesebene) ihr Stimmenpotential mit 20 Prozent plus x sehr wahrscheinlich schon weitgehend ausgereizt hat. Im Osten allerdings könnte sie angesichts der dort vor allem im kleinstädtischen und ländlichen Raum stark verbreiteten antidemokratischen Misstrauenskultur sogar noch weiter wachsen. (Und gerade jene Orte, die infolge starken Einwohnerrückgangs besonders auf Zuwanderung angewiesen wären, drohen durch ihre fremdenfeindliche Abschottung in eine fatale Abwärtsspirale zu geraten.) Um so wichtiger ist es insofern, dass die vielzitierte Brandmauer nach rechtsaußen unbedingt weiter halten muss. Aber das ist leichter gesagt als umgesetzt, wenn wir es vielerorts im Osten bereits mit einer massiv “angebräunten Zivilgesellschaft” zu tun haben.

Na gut, der Rechtspopulismus und -extremismus ist derzeit leider weltweit enorm auf dem Vormarsch, weshalb womöglich gar nicht das dafür stark anfällige Ostdeutschland, sondern vielmehr das dafür kaum anfällige Westdeutschland die Besonderheit darstellt. Doch habe, so Mau, der Rechtsruck im Osten andere, nämlich eigene Ursachen. Dazu zählt z.B. auch der wahrhaft schockierende Umstand, dass unsere (allesamt im Westen erscheinenden) gehobenen Qualitätszeitungen von FAZ und Süddeutscher Zeitung bis zu SPIEGEL und ZEIT im Osten schlichtweg kaum gelesen werden. Nur zwei bis fünf Prozent ihrer Abonnenten leben in den Neuen Bundesländern! Stattdessen liest man im Osten offenbar lieber das Desinformations-Organ Berliner Zeitung oder informiert sich in den verhetzten Sozialen Netzwerken. Da muss man sich natürlich nicht wundern…

Als möglichen Ausweg aus der Misere empfiehlt Mau abschließend zur Ergänzung zum als elitär und abgehobenen wahrgenommenen Parlamentsbetrieb den forcierten Einsatz von Bürgerräten. Vielleicht würde es ja helfen.

Steffen Mau
Ungleich vereint
Suhrkamp Verlag, 2024
168 Seiten; 18,00 Euro
ISBN: 978-3-518-02989-3

justament.de, 6.1.2024: Geht bald das Licht aus?

Geht bald das Licht aus?

Die Ausstellung “Was ist Aufklärung?” im Deutschen Historischen Museum in Berlin

Thomas Claer

Diese Ausstellung kommt genau zur richtigen Zeit. Denn gegenwärtig scheint die – aus aufgeklärter Perspektive betrachtet – finsterste Reaktion beinahe unaufhaltsam auf dem Vormarsch zu sein. Wohin man blickt, nur immer neue Schreckensmeldungen. Dass der Despot im Kreml durchdreht, na gut. Man dürfe nie vergessen, hörte ich schon vor 35 Jahren von meinem Philosophie-Lehrer in der Schule, dass Russland ein Land sei, in dem es keine Aufklärung gegeben habe. Aber dass die Bürger der ruhmreichen Vereinigten Staaten von Amerika nun schon zum zweiten Mal einen impulsgetriebenen Lügenbold und Diktatorenfreund ins höchste Amt gewählt haben, der mit seinen toxischen Narrativen gleichsam die öffentliche Vernunft außer Kraft gesetzt hat, lässt für die Krisenherde der Welt das Schlimmste befürchten. Wird unser Kontinent dem standhalten, sich weiter als Heimstatt von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit behaupten können? Während im Inneren Europas schon die ideologischen Zersetzungsprozesse der Orbans und Le Pens, der Kickls und Salvinis, der Weidels und Wagenknechts wirken, nähert sich von Osten eine Putinsche Cyberangriffswoge nach der anderen und gibt es immer neue verdeckte Attacken auf unsere Energie- und Daten-Infrstruktur in der Ostsee. Stehen wir also am Rande eines hybriden Kriegszustands oder sind wir womöglich schon mitten drin?

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, da hielten wir eine regelbasierte Weltordnung für alternativlos, Wandel durch Annäherung für eine Art Naturgesetz, wähnten uns an der Spitze des Fortschritts und “von Freunden umzingelt”. Nun dämmert uns langsam, dass Aufklärung vielleicht nur ein westlicher Sonderweg gewesen sein könnte statt das unausweichliche Entwicklungsziel der Menschheit.

Wie alles anfing mit der Aufklärung, dem Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, dem Vertrauen auf die Vernunft im 18. Jahrhundert, das zeigt eine sehenswerte und klug kuratierte Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Es versteht sich, dass bei einem solch ausschweifenden und übergreifenden Thema nur ein winziger Teil all dessen gezeigt werden kann, was an einschlägigen Exponaten hierfür infrage käme. Natürlich gehören dazu Bücher und Schriften, Porträts und Schrifttafeln der maßgeblichen Protagonisten, aber auch wissenschaftliche Instrumente wie Mikroskope, welche die Aufbrüche jener Epoche aufs Vollkommenste symbolisieren. Doch die Ausstellung verfährt – ihrem Gegenstand entsprechend – kritisch und beleuchtet auch nicht zu knapp die zahlreichen inneren Widersprüche und Aporien aufklärender Theorie und insbesondere auch Praxis. Wie jeder weiß, waren die Aufklärer ganz überwiegend weiß und männlich. Und der von Anfang an geringschätzende Blick auf auf all die rückständigen Unaufgeklärten dieser Welt kam und kommt noch dazu…

Mein persönliches Lieblingsexponat ist eine in Öl gemalte Abbildung mit dem Titel “Kurze Beschreibung der in Europa befintlichen Völckern und Ihren Eigenschaften” oder kurz “die steirische Völkertafel” (siehe Abbildung). Sie stammt vermutlich aus dem frühen 18. Jahrhundert und vergleicht angebliche Charaktereigenschaften von zehn europäischen Nationen anhand von 18 Rubriken wie etwa “Natur und Eigenschaft”, “Sitten” und “Lieben”. Dadurch festigt sie sowohl Fremd- als auch EIgenbilder. So seien die “Teutschen” etwa “Offenherzig” und liebten “Den Trunck”. Die “Angerländer” seien “Wohl Gestalt”, die Spanier “Hochmüttig” und litten unter “Verstopfung”. Der “Schwöth” hingegen sei “Stark und Groß”, aber auch “Graussam” und liebe “Köstlichkeiten”. Der “Poläck” sei “Bäurisch” und “Mittelmäßig”, der “Muskawith” sei “boßhaft” und liebe “den Prügl”. Der “Tirk oder Griech” (das wird hier in einen Topf geworfen) sei “Wie das Abril-Weter”, leide “An Schwachheit” und sei “Gar faul”; seine Kleidung sei “auf Weiber Art”…

Diese hübsche Tafel scheint mir das ganze Dilemma der Aufklärung auf den Punkt zu bringen. Mit dem löblichen Vorsatz, vorhandenes Wissen zu ordnen und zu systematisieren, werden hier in einem fort fragwürdigste Stereotype aneinandergereiht, die zu Ausgrenzung und Intoleranz führen können, in letzter Konsequenz sogar zu Hass und Völkermord. Es ist also, wie es schon Goya in seinem berühmten Bild antizipiert hat, “der Traum der Vernunft” selbst, der Ungeheuer hervorbringt. Was ja auch der Befund in Horkheimers und Adornos “Dialektik der Aufklärung” ist, laut meinem Philosophie-Lehrer einem der nur drei Werke, die man als aufgeklärter Mensch unbedingt gelesen haben sollte. (Die anderen beiden sind die “Kulturgeschichte der Neuzeit” von Egon Friedell und die “Philosophische Hintertreppe” von Wilhelm Weischedel.)

Kurzum, “Was ist Aufklärung”? führt uns “back to the roots” unseres modern-aufgeklärten Weltbildes und lässt uns innehalten angesichts der dramatischen tagespolitischen Verfinsterungsprozesse.

Was ist Auklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert
Noch bis 6.April 2025 im Deutschen Historischen Museum Berlin

justament.de, 30.12.2024: 25 Jahre Justament

Zweieinhalb Dekaden, ein Vierteljahrhundert – und immer noch frisch und munter!

Thomas Claer

Heute kann ich es ja zugeben: Es war so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Als ich an einem sonnigen Tag im Juni 2002 (oder ist es vielleicht doch schon im Mai gewesen?) als Anwärter auf ein Praktikum in einem Berliner Kleinstverlag aufkreuzte, bat man mich, vor dem Bewerbungsgespräch mit dem Chef noch kurz Platz zu nehmen, und drückte mir als Lektüre zur Überbrückung der Wartezeit eine bunte Zeitschrift in die Hand, die seinerzeit zu den Flaggschiffen des jungen Startup-Verlags gehörte. Ich kannte sie damals noch nicht. Es gab sie auch erst seit knapp zweieinhalb Jahren. Ich begann also in ihr zu blättern – und hatte sofort Feuer gefangen. Eine Zeitschrift von jungen Juristen für junge Juristen, die sich um deren Sorgen und Nöte kümmert, sie gut informiert und dazu noch bestens unterhält! Vor allem aber gab es in der Justament auch immer etwas zum Lachen. Da schrieb eine Jura-Studentin anonyme Tagebücher, da gab es eine Foto-Love-Story genau wie in der Bravo, nur mit jungen Juristinnen und Juristen. Kurz gesagt, die Justament war ganz nach meinem Geschmack, und ich hatte in diesem Moment für mich entschieden, an ihr mitwirken zu wollen, wenn man mich nur lassen würde.

Und tatsächlich: Schon für die nächste Ausgabe konnte ich meinen Debüt-Text schreiben. Seitdem war ich immer dabei und durfte fünf Jahre später sogar das Zepter übernehmen. Doch bald darauf kam die Finanzkrise, und der Anzeigenmarkt brach ein. Unsere Zeitschrift kriselte, schleppte sich noch ein paar Jahre so durch – und wurde dann zum Pflegefall. Keine Print-Ausgaben mehr! Das war die bittere Konsequenz. Aber schließlich gibt es ja noch das Internet. Fortan übernahm ich also mit einigen hartgesottenen Mitstreitern die Intensiv-Pflege der Homepage unseres pflegebedürftigen Magazins. Und siehe da: Es gibt uns noch heute. Verändert zwar im Laufe der Jahre, abgespeckt und reduziert. Aber jede Woche kommt etwas Neues auf die Seite. The Show Must Go On!

In diesem Sinne: Auf die nächsten 25 Jahre!