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justament.de, 21.1.2019: Erfüllung mit Kollateralschäden

Recht cineastisch, Teil 33: „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“ von Pawel Pawlikowski

Thomas Claer

„Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt“, lautet ein altes Sprichwort. Aber glücklicherweise stimmt schon die erste Hälfte dieses Satzes seit der Genfer Konvention von 1864 nicht mehr uneingeschränkt, und seit Ende des Zweiten Weltkriegs sind Kriegsverbrechen sogar international geächtet. Auch was die zweite Hälfte des genannten Diktums angeht, hat sich inzwischen so manches, was früher als Kavaliersdelikt gegolten hat, in den Bereich des Justiziablen verschoben. Und dennoch ist die Liebe, um ein weiteres geflügeltes Wort aufzugreifen, bis heute zweifellos ein „Schlachtfeld“ geblieben – eines, um genau zu sein, im ebenfalls viel zitierten „Krieg der Geschlechter“. Vor allem darum geht es im neuen Film des polnischen Regisseurs Pawel Pawlikowski: um eine große leidenschaftliche, aber auch zerstörerische Liebe. Der historische Hintergrund, der Kalte Krieg zwischen Ost und West mit den sich daraus ergebenden Zwängen, macht selbstredend alles noch viel dramatischer. Doch wäre die grundlegende Konstellation wohl auch im Hier und Jetzt vorstellbar.

Polen, 1948. Wiktor (Tomasz Kot), ein Pianist im mittleren Alter, entdeckt im Rahmen eines Forschungsprojektes über polnische Volksmusik auf dem Lande die grandios singende junge Zula (Johanna Kulig ) und verhilft ihr zur Aufnahme in die Warschauer Kunst-Akademie. Zwischen beiden entwickelt sich eine stürmische heimliche Affäre; heimlich, da Wiktor eigentlich noch mit seiner Kollegin Irena liiert ist. Die Verbindung hält sogar, als Zula ihrem Liebsten gesteht, dass sie ihn erzwungenermaßen für den staatlichen Geheimdienst ausspioniert. Und obgleich Zula ein durchaus ausgeprägtes Karrierebewusstsein an den Tag legt, schwört sie Wiktor, der politisch eher unzuverlässig (und daher für Zulas weiteres Fortkommen in diesem System wenig hilfreich) ist, dennoch ewige Liebe. Dabei hätte die bildhübsche und temperamentvolle Zula sich mit Leichtigkeit auch so ziemlich jeden anderen Mann angeln können. Zum Sehnsuchtsort der beiden Liebenden wird bald schon Berlin. Als das Volksmusik-Ensemble, in welchem Zula singt und das von Wiktor künstlerisch begleitet wird, 1952 endlich in der Hauptstadt der DDR gastiert, planen beide die Flucht in den West-Sektor. Doch Zula kommt nicht zum vereinbarten Treffpunkt, hat es sich in letzter Minute anders überlegt, und Wiktor flieht notgedrungen allein nach Paris. Erst Jahre später begegnen sie sich wieder, während Zulas Warschauer Ensemble in Paris gastiert. Längst leben beide in anderen Partnerschaften, doch merken sie beim Wiedersehen rasch, dass sie nicht mehr voneinander lassen können…

Im Folgenden vollzieht sich ein dramatisches Auf und Ab in ihrer Beziehung. Beide beweisen – nach einigem Hin und Her – eine enorme Opferbereitschaft füreinander und trotzen so den ihnen ungünstigen politischen Umständen. Wiktor nimmt eine Verurteilung zu 15 Jahren Arbeitslager in Polen in Kauf, um zu seiner Liebsten zurückkehren zu können. Zula, und das ist wirklich ungeheuerlich, nutzt ihre unvermindert starke Wirkung auf andere Männer, um gleich zweimal eine Ehe einzugehen, die jeweils einzig und allein die Erfüllung ihrer Liebe zu Wiktor voranbringen soll. Am Ende (1964) verlässt sie ihren zweiten Ehemann, einen Funktionär der Staatssicherheit, und ihren kleinen Sohn, um sich dem vorzeitig aus dem Lager entlassenen Wiktor in die Arme zu werfen. Im Abspann erfährt man schließlich noch, dass die Geschichte, die dieser Film erzählt, nicht etwa frei erfunden, sondern die wahre Geschichte der Eltern des Regisseurs ist.

Dieser in vieler Hinsicht beeindruckende Film, radikalästhetisch in schwarz-weiß gehalten und mit glänzenden Gesangseinlagen, entlässt den Zuschauer dennoch verstört und nachdenklich. So ergreifend die Unbedingtheit und Unerschütterlichkeit dieser Liebe auch ist, so fassungslos macht einen dann doch die Rücksichtslosigkeit der Protagonisten gegenüber all denen, die ihrer Liebe im Wege stehen. Oder die sogar – gleichsam als menschliche Werkzeuge – gezielt von ihnen benutzt werden. Ist daran nur der Kommunismus schuld, der schließlich die Liebenden mit Mauer und Stacheldraht voneinander getrennt hat? Wohl zumindest nicht ganz allein, sondern ebenso die universelle Problematik, dass die unbedingte Herbeiführung des eigenen Glücks mitunter das Glück der anderen zerstören kann. Wiktor und ganz besonders Zula handeln hier so skrupellos, dass es einem eiskalt den Rücken herunter läuft…

Cold War – Der Breitengrad der Liebe
Polen, Frankreich, Großbritannien 2018
84 Minuten, FSK: 0
Regie: Pawel Pawlikowski
Drehbuch: Pawel Pawlikowski, Janusz Glowacki
Darsteller: Johanna Kulig (Zula), Tomasz Kot (Wiktor) u.v.a.

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www.justament.de, 4.6.2018: Schwere See ein Vierteljahrhundert

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor 25 Jahren erschien „Weißes Papier“ von Element of Crime

Thomas Claer

Es war ein neuer Lebensabschnitt, den dieses außergewöhnliche Album einer mir bis dahin völlig unbekannten Band für mich einläutete. Damals, 1993, absolvierte ich meinen Zivildienst in einem Bremer Krankenhaus und bekam dort, genauer gesagt in der Teestube, wo ich den Patienten heiße Getränke zubereitete und servierte, eine Indie-Musikzeitschrift in die Finger, die einen Text enthielt, der mich neugierig machte: Das zweite deutschsprachige Album von Element of Crime wurde dort besprochen. Und ein Sänger und Texter namens Sven Regener erging sich in grundlegenden Betrachtungen über die Kulturindustrie, über Basis und Überbau, über die deutsche Musiklandschaft und die politische Relevanz von Liedern über die Liebe. Immer wieder las ich diese brillant geschriebene Rezension, bis ich schließlich einige Wochen später den Weg zum CD-Verleih fand (Ja, zum CD-Verleih! Heute weiß keiner mehr, dass es so etwas einmal gegeben hat!) und mir „Weißes Papier“ besorgte. Seinerzeit waren die Elements noch ein absoluter Geheimtipp, und ich kannte niemanden in ganz Bremen, mit dem ich mich über sie hätte austauschen können. Das sollte sich auch erst ein Jahr später im zweiten Semester meines Studiums in Bielefeld ändern. Bis dahin war „Weißes Papier“, die ich mittlerweile auch als rares Vinyl besaß, natürlich längst zu einer meiner Lieblingsplatten geworden.

Nun sollte man ja eigentlich, wie es ein alter lateinischer Spruch so treffend sagt, zuerst leben und erst anschließend darüber philosophieren. Doch bei mir war es, wie bei vielen anderen eher in der Theorie als deren praktischer Umsetzung begabten Zeitgenossen, umgekehrt. War ich bis weit nach dem Abitur sozusagen noch ein „unbeschriebenes Blatt“ auf dem Feld der (praktizierten) Liebe gewesen, so weckte „Weißes Papier“ in mir die Sehnsucht nach einschlägigen Erfahrungen, die sich bald darauf auch auf dramatische Weise einstellen sollten… Eine bessere Vorbereitung auf diese bittersüßen und schmerzhaft-schönen Erschütterungen, die mich für mindestens vier Semester völlig aus der Bahn warfen (und mich schließlich schon nach vier weiteren Semestern in den sicheren Hafen der Ehe führen sollten), hätte ich mir nicht wünschen können. „Weißes Papier“ ist, wenn man so will, ein großes Konzeptalbum über Liebe und Vergänglichkeit. Mit jederzeit absturzgefährdetem Pathos werden in Regeners Texten, die am Ende aber traumwandlerisch alle Klippen des Schwulstes und Kitsches souverän umfahren, beinahe alle Facetten der damit verbundenen Leidenschaften verhandelt, von der zarten Anbahnung („Draußen hinterm Fenster“) über die Feier des beglückten Augenblicks („Alten Resten eine Chance“), den Krieg der Geschlechter („Mehr als sie erlaubt“), den existentiellen Kampf mit dem Nebenbuhler („Du hast die Wahl“) bis zur tieftraurigen Ernüchterung (im Titelstück „Weißes Papier“) sowie der finalen Resignation („Und du wartest“). Und wie das Motto dieser Platte insgesamt liest sich die Titelzeile jenes Stücks, das auf atemberaubende Weise eine Brücke zwischen See- und Liebeskrankheit schlägt: „Schwere See, mein Herz“. Lange Jahre konnte ich mir dieses Album gar nicht mehr anhören, weil ich es vor seelischen Schmerzen nicht ertragen hätte. So richtig erholt habe ich mich davon wohl bis heute nicht. Das Urteil lautet: sehr gut (17 Punkte).

Element of Crime
Weißes Papier
Polydor (Universal Music) 1993
ASIN: B000025NBYv