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justament.de, 12.10.2020: Soundtrack einer Juristenausbildung

Vor 25 Jahren erschien “Digital ist besser” von Tocotronic

Thomas Claer

Muss man über das grandiose Frühwerk der Band Tocotronic, das vor einem Vierteljahrhundert seinen Anfang nahm, überhaupt noch große Worte verlieren? Ist denn nicht längst schon alles darüber gesagt? Das schon, ließe sich mit Karl Valentin einwenden, aber noch nicht von jedem. Meine persönliche Tocotronic-Geschichte begann bereits in den frühen Achtzigern, schon lange vor Gründung dieser Band, als ich zu meiner großen Freude eine Armbanduhr aus dem Westen geschenkt bekam, was für ein Ostkind jener Zeit so ziemlich das Großartigste war, was man sich vorstellen konnte. Entscheidend dabei allerdings war, dass es sich um eine Digitaluhr handelte. So altmodische Uhren mit Zeigern und Zifferblatt waren damals ja sowas von verpönt…

Lange Jahre trug ich fortan meine geliebte Digitaluhr und fühlte mich immer sehr cool damit. Bis ich im Mai 1989, nur wenige Monate vor dem Mauerfall, in den Westen kam und mich auf einem Bremer Gymnasium, umgeben von äußerst stilbewussten jungen Menschen, wiederfand. Schnell bemerkte ich, dass ich dort der einzige war, der eine solche Uhr trug, die noch dazu unter meinen Mitschülern mächtiges Naserümpfen hervorrief. Oh mein Gott, wie uncool war das denn? Wer trägt denn heute noch eine Digitaluhr?! Wahrscheinlich fehlte mir damals, im zarten Alter von 17 Jahren, auch einfach das Selbstbewusstsein, um mich über solche Verächtlichmachungen einfach hinwegzusetzen. Irgendwann gefiel mir meine alte Uhr dann selbst nicht mehr. Nach reiflicher Überlegung kaufte ich mir, ausdrücklich auch aus ökologischen Gründen, eine leuchtend blaue Solaruhr, die ebenfalls sehr schön war, natürlich mit Zeigern und Zifferblatt. Meine Digitaluhr ließ ich in einer Schublade verschwinden und hatte sie bald vergessen.

Mit meiner Solaruhr absolvierte ich das Abitur und bestritt ich auch meine gesamte Juristenausbildung. Aber es irritierte mich dann schon, als Mitte der Neunziger eine Band aus Hamburg in aller Munde war, deren erster Album- und auch Songtitel “Digital ist besser” lautete. Und diese drei Altersgenossen von mir trugen doch wirklich, was man vor kurzem noch für völlig unmöglich gehalten hätte, Trainingsjacken und, ja, tatsächlich auch Digitaluhren! Anfangs ging ich dem nicht weiter nach, auch wenn ich manchmal beim Durchzappen der Fernsehkanäle auf MTV oder Viva etwas davon mitbekam. Aber dann gab es einen in meiner Lern-AG, der Tocotronic-CDs besaß und von ihnen schwärmte. Von ihm lieh ich sie mir aus und überspielte sie mir auf Musikkassetten, die ich dann im Studentenwohnheim auf meinem alten Mono-Kassettenrecorder rauf und runter hörte.

Natürlich war es kein Zufall, dass die Band zu zwei Dritteln aus abgebrochenen Jura-Studenten bestand. Ihre Songs waren wild und eruptiv, oft auch laut und schnell. Die verstimmten Gitarren, das treibende Schlagzeug, die herausgebrüllte Wut in Dirk von Lowtzows Gesang, immer haarscharf neben dem Ton… Und dann diese parolenhaften und zugleich hintersinnigen Texte! So viele von ihnen sprachen mir sowas von aus dem Herzen: “Alles was ich will ist nichts mit euch zu tun haben!” oder “Ich bin viel zu lange mit euch mit gegangen!” Genau das hatte ich mir auch immer gedacht in all den Jahren, hatte aber irgendwie immer den Absprung verpasst, und irgendwann war es dafür dann zu spät. Ich wurde Volljurist und habe dennoch meinen Groll gegen die Juristenausbildung, gegen meine Juristenkollegen, ja gegen alles Juristische überhaupt nicht nur niemals abgelegt, sondern sogar heute noch tief verinnerlicht.

Dennoch wäre ich nie auf die Idee gekommen, meine Solaruhr, die mir immer gute Dienste geleistet hatte, wieder gegen eine Digitaluhr, die nun durch Tocotronic zum Symbol des Slackertums und einer misanthropisch-individualistischen Gegenkultur geworden war, auszutauschen. Erst lange Zeit später, es muss wohl vor sieben oder acht Jahren gewesen sein, gab meine Solaruhr mit einem Mal ihren Geist auf. Das war so plötzlich geschehen, dass ich auf die Schnelle keine Zeit hatte, um mir Gedanken über eine neue Uhr zu machen. Ich musste dringend zu meinen Privatschüler-Terminen und musste dabei vor allem immer wissen, wie spät es war. Hektisch kramte ich in Schränken und durchwühlte Schubladen, und dann hielt ich tatsächlich meine alte Digitaluhr in den Händen. Immerhin, sie lief noch… Mit ihr fuhr ich also zu meinen Nachhilfestunden. Doch was dann geschah, hatte ich nicht erwartet. “Wow, coole Uhr!”, rief mir mein arabischer Schüler in Schöneberg zu. “Sie haben aber eine hübsche Uhr”, fand meine Siebtklässlerin in Mitte. Da wusste ich, dass ich mir das Geld für die Anschaffung einer neuen Uhr sparen konnte. Am selben Abend hörte ich nach langer Zeit wieder den Song “Digital ist besser” – und trage seitdem nur noch Digitaluhren. Als meine alte aus den Achtzigern nach einigen Monaten dann doch nicht mehr funktionieren wollte, kaufte ich mir eine identische neue.

Aber zurück zu Tocotronic: Fünf fantastische Alben in fünf Jahren haben Tocotronic von 1995 bis 1999 herausgebracht. Von beinahe allem, was später von ihnen kam, muss man, ehrlich gesagt, dringend abraten, das war dann fast nur noch weichgespülter Mist. Aber das Frühwerk von “Digital ist besser” bis zu “K.o.o.k.” ist und bleibt gigantisch. Und zu ihren Texten muss man sagen, dass sie keineswegs schlechter sind als die von, sagen wir, Bob Dylan. Und auch gewiss nicht schlechter als die Lyrik dieser Frau Glück, die bis vor wenigen Tagen noch niemand kannte.

Das Urteil für Tocotronics Frühwerk kann daher nur lauten: Gebt ihnen den Nobelpreis!

justament.de, 30.12.2019: Könige der Nacht

Vor 25 Jahren erschien „Dummy“, das Debüt der englischen Band Portishead

Thomas Claer

Es war eine ganz neue Art von Musik, die man so noch nicht gehört hatte. Damals, am Jahresende 1994, vor 25 Jahren, brachten zwei Männer und eine Frau aus dem südwestenglischen Bristol auf dem Go! Beat-Label ihre erste Platte heraus, die gleich auf Platz zwei der UK-Albumcharts sprang und von Musikjournalisten zum besten Album des Jahres gewählt wurde. Aus heutiger Sicht muss man wohl ergänzen, dass „Dummy“, das Debüt von Portishead, gut und gerne auch als beste Platte des Jahrzehnts durchgehen würde.
Als musikalischer Kopf der Formation gilt der Soundtüftler Geoff Barrow, den sie in der Musik-Szene von Bristol wegen seiner Herkunft aus einer sehr uncoolen Kleinstadt in der Umgebung alle nur „the guy from Portishaed“ nannten. (Welche Ironie ist es doch, dass diese Band mit ihrem revolutionären Sound nach dem unbedeutenden Vorort einer kaum 500.000 Einwohner zählenden Provinz-Stadt benannt worden ist. Man stelle sich nur einmal hierzulande eine Band mit dem Namen Delmenhorst oder Ilvesheim vor…)
Doch würde Geoff Barrow womöglich noch heute in der Elektro-Avantgarde-Szene von Bristol unbeachtet vor sich hinfrickeln, hätte er nicht eine Barsängerin namens Beth Gibbons getroffen und sie zur grandiosen Stimme seines Bandprojekts gemacht. Niemand konnte so hingebungsvoll klagend, so düster verraucht mit so schmerzverzerrtem Gesicht „Nobody loves me“ singen wie sie. Und dazu noch Barrows fein gewebter atmosphärisch-dichter Klangteppich mit seinen schwerfälligen Beats und simplen, aber eindrucksvollen Melodien. Keinesfalls jedoch kann man sich diese Musik an warmen Sommertagen in der Mittagshitze vorstellen. Nein, dieser traurige, verlorene Sound ist wie gemacht für die Nacht, für die einsamen Nächte insbesondere, Tom Waits 2.0 gewissermaßen.
Die Gattungsbezeichnung Trip-Hop, in Anlehnung an die von Portishead vielfach benutzten Techniken wie Scratching und Sampling, die man bislang nur aus dem Hip-Hop kannte, ist allerdings eine Erfindung von Musikjournalisten, die sich die Band nie zu eigen gemacht hat. Wenn schon, dann sprachen die Bandmitglieder vom „Bristol Sound“ – womit dann auch noch eine weitere englische Stadt mit ansonsten limitierter Bedeutung geadelt worden wäre…

Portishead
Dummy
GO! Beat 1994

www.justament.de, 22.10.2018: Die rechte Versuchung

 

Recht historisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer erinnert sich an Botho Straußens „Anschwellenden Bocksgesang“ vor 25 Jahren

Mit Verspätung erst las ich damals diesen Text, der eine magische Wirkung auf mich haben sollte. Den SPIEGEL-Essay im Februar 1993 hatte ich verpasst, aber im Oktober 1993 begann mein Jura-Studium in Bielefeld, und in der Nähe der juristischen Bibliothek, deren Werke ich von Anbeginn als sehr langweilig empfand, entdeckte ich zu meiner Freude das riesige SPIEGEL-Archiv, in das ich mich stundenlang regelrecht vergraben konnte. Man muss es den Nachgeborenen immer wieder erklären: Damals gab es noch kein Internet. Bestimmte Texte oder Bücher und überhaupt Informationen waren mitunter Mangelware, nach denen man lange Zeit auf der Suche war. Und so fand ich dann schließlich jenen Essay von Botho Strauß, der für so viel Aufsehen gesorgt hatte, und war sofort elektrisiert. Klar, mit Anfang zwanzig ist die Begeisterungsfähigkeit manchmal groß und die Lernmodule sind noch weit offen.

Als ich vier Jahre zuvor aus der DDR in den Westen gekommen war, hatte ich mich noch selbstverständlich politisch links positioniert und war damit auf dem Bremer Gymnasium, wo ich mein Abitur ablegte, auch gut gefahren. Doch schon während des Prozesses der deutschen Wiedervereinigung, die ich wegen des durch sie (scheinbar) drohenden nationalen Überschwangs wie viele westdeutsche Linke zunächst abgelehnt hatte, haderte ich mit meiner Haltung. Wie konnte es so weit kommen, fragte ich mich eines Tages zerknirscht, dass ich die deutsche Einheit, die doch so viele Vorteile für alle Deutschen mit sich brachte, nur mit großer Enttäuschung zur Kenntnis genommen hatte, weil sich die Dinge so gänzlich anders entwickelt hatten, als von mir gewünscht. Ich musste mir eingestehen, dass ich mich ideologisch verrannt hatte und fühlte sogar Anflüge von Wut auf all die politisch überkorrekte linke Bedenkenträgerei, die mir, so empfand ich es im Nachhinein, die Freude über die deutsche Wiedervereinigung verdorben hatte.

Schon mit 19 oder 20 begann ich also, mich anderen politisch-weltanschaulichen Ansätzen zu öffnen. Während des Golfkrieges 1991, gegen den ich selbstverständlich gemeinsam mit meiner Bremer Schulklasse auf die Straße gegangen war, las ich im SPIEGEL Hendryk M. Broders witzige und scharfzüngige Polemik „Unser Kampf“, gerichtet gegen die Deutsche Friedensbewegung, zu der damals insbesondere auch Alice Schwarzer zählte, welche er besonders durch den Kakao zog. Mir gefiel vor allem seine in meinen Augen sehr berechtigte Kritik am selbstgerechten westdeutschen linksliberalen Mainstream. (Dass sowohl Broder als auch Schwarzer heute fragwürdige Positionen vertreten und zu den geradezu dogmatischen „Islam-Hassern“ zählen, steht auf einem anderen Blatt.)

Was aber Botho Strauß Anfang 1993 im „Anschwellenden Bocksgesang“ lostrat, war noch einmal ein ganz anderes Kaliber. Es war ein Text wie ein Sprengsatz, der die weltfremde linksliberale kulturelle Hegemonie geißelte, unter deren Einfluss im wiedervereinigten Deutschland niemand mehr verstehen könne, warum „jemand in Tadschikistan es als politischen Auftrag begreift, seine Sprache zu erhalten wie wir unsere Gewässer“. Es schien dem Verfasser, „als hörte er jetzt ein letztes knisterndes Sich-Fügen, als sähe er gerade noch die Letzten, denen die Flucht in ein Heim gelang, vernähme ein leises Einschnappen, wie ein Schloss, ins Gleichgewicht. Danach: nur noch das Reißen von Strängen, gegebenen Händen, Nerven, Kontrakten, Netzen und Träumen“. Es war eine Art Kassandra-Ruf, den er der selbstgewissen westlich-liberalen Vorstellung vom Ende der Geschichte nach dem siegreichen Kalten Krieg vehement entgegenschleuderte.

Er hat, so kann man es heute sehen, mit seismographischem Gespür all das antizipiert, was uns im kommenden Vierteljahrhundert noch alles blühen sollte: den 11. September 2001, die weiteren Terroranschläge, die Finanzkrise, den neuen Kalten Krieg mit Russland, die Flüchtlingskrise, Trump und den Brexit, Orban und die Visegrad-Gruppe. „Wenn wir Reichen nur um minimale Prozente an Reichtum verlieren“, so führe dies bereits zu impulsiven Ausbrüchen von Unduldsamkeit und Aggression. Hingegen könnten „Gesellschaften, bei denen der Ökonomismus nicht im Zentrum aller Antriebe steht, aufgrund ihrer geregelten, glaubensgestützten Bedürfnisbeschränkung im Konfliktfall eine beachtliche Stärke oder Überlegenheit zeigen“. Es lohnt sich ganz unbedingt, den „Anschwellenden Bocksgesang“ heute, 25 Jahre später, noch einmal zu lesen. Denn seine Analyse ist äußerst hellsichtig. Auch der Ekel und Abscheu vor der fröhlich-banalen Konsumgesellschaft, die Feier des Individuums, das sich Ruhezonen suchen müsse in Zeiten der Geschwätzigkeit und des Privatfernsehens, all das ist großartig beschrieben und auch aus heutiger Sicht nur allzu berechtigt.

Zweifelhaft und bedenklich sind hingegen die Konsequenzen, die aus diesen Befunden sodann in raunendem Ton gezogen werden und denen der Text einen großen Teil seiner verführerischen Kraft verdankt. Schuld an der ganzen Malaise sei letztlich das linke Denken, das doch eigentlich schon in alten Zeiten das Verirrte und Verkehrte symbolisiert hätte. Das Rechte hingegen, eine rechte Haltung, die Beschwörung einer fernen Vergangenheit entspreche doch der Phantasie des einsamen Dichters, sei kurz gesagt das einzig Wahre. Es brauche so viel Mut und Entschlossenheit, sich der linken Hegemonie zu verweigern und als einsamer stolzer intellektueller Rechter dagegenzuhalten. Und mit den rechtsradikalen Schlägern, die damals schon in Deutschland ihr Unwesen trieben und Flüchtlingsheime abfackelten, habe das alles natürlich nichts zu tun. Jene seien lediglich ein Krisensymptom, hervorgerufen durch den ignoranten linksliberalen Mainstream. Eine kulturkonservative Gesellschaftskritik par excellence also, die sich allerdings inhaltlich und sprachlich stark mit linker Kulturkritik aus der Adorno-Schule überschneidet, der Botho Strauß ja schließlich auch entstammt.

Eine Zeit lang, das muss ich zugeben, war ich damals infiziert. Als politisch „rechts“ hätte ich mich niemals bezeichnet, aber das Wort „wertkonservativ“ gefiel mir zu jener Zeit schon recht gut. Indessen gab es bestimmte Erlebnisse, die mich am Ende doch wieder zurück in die Arme des guten, alten Linksliberalismus treiben sollten. Neugierig hatte ich mir den Sammelband „Die selbstbewusste Nation“ (mit Beiträgen von Botho Strauß selbst und einer Reihe intellektueller Sympathisanten) gekauft und las darin eifrig auf Bahnfahrten. Eines Tages sprach mich ein vollbärtiger Mann im Pullover darauf an, der auf mich rein optisch zunächst wie ein Anhänger der Grünen wirkte. Ich dachte im ersten Moment, er wolle mich angesichts dieses politisch unkorrekten Buches zur Rede stellen, aber weit gefehlt. Tatsächlich beglückwünschte er mich zum Erwerb und zur Lektüre dieses Werkes, das sei ja ganz prima und alles sehr richtig. „Und sind wir denn eine selbstbewusste Nation?“, fragte er mich rhetorisch und gab dann gleich darauf die Antwort. „Nein, das sind wir nicht. Sehen Sie sich doch bloß mal an, wer da alles zu uns kommt! Sind das Russen oder Rumänen oder kommen die von sonst wo her? Was wollen die eigentlich hier? Die sollen mal schön zu Hause bleiben.“ Da wurde mir schlagartig bewusst, in was für eine geistige Gesellschaft ich mich begeben hatte. Ich erklärte ihm knapp, dass mich diese Menschen in keinster Weise störten und Deutschland durch Zuwanderung noch immer bereichert worden sei. Und dann versuchte ich ihn abzuwimmeln. Er rief mir noch nach, dass er mir unbedingt empfehle, die „Junge Freiheit“ zu lesen…

Letztlich war es wohl auch der ausgiebige Kontakt mit so vielen Gleichaltrigen aus aller Welt an der Bielefelder Universität und in den Studentenwohnheimen und nicht zuletzt das Kennenlernen meiner aus Korea stammenden heutigen Frau, was mir Multi-Kulti immer schmackhafter machte und mich nachhaltig vor etwaigen rechtslastigen Einstellungen bewahrt hat. Der spätere Ortswechsel nach Berlin tat dann sein übriges. So ist es zwischen mir und dem Konservatismus am Ende nur bei einem vorübergehenden, folgenlosen Flirt geblieben. Auf den „Anschwellenden Bocksgesang“ selbst hingegen, dieses fulminante und gefährliche Stück Literatur, lasse ich hingegen auch heute noch nichts kommen.

www.justament.de, 27.11.2017: Röchel, grunz, kreisch!

Scheiben Spezial: Vor 25 Jahren erschien „Bone Machine“ von Tom Waits

Thomas Claer

Ein Vierteljahrhundert ist es nun schon her, dass “Bone Machine”, die wohl abgründigste, kaputteste und zugleich genialste aller Tom Waits-Platten das Licht der Welt erblickte. Auf mich machte dieses Album, damals mit Anfang zwanzig, einen tiefen unauslöschlichen Eindruck. Und das lag nicht nur an der in jungen Jahren – auch bei mir – besonders ausgeprägten Begeisterungsfähigkeit. Gewiss, hätte ich damals schon das ganze Frühwerk dieses Meisters der schrägen Klänge gekannt, dann wären mir gewisse Wiederholungen, zumal bei den langsameren Stücken am Piano, nicht entgangen. Doch hätte wohl auch dies meinen Enthusiasmus kaum getrübt. Natürlich war es ein Glücksfall, Tom Waits gerade mit dieser Platte für mich entdeckt zu haben…

Im Sommer 1993, dem letzten vor Beginn meines Jura-Studiums, reiste ich mit meinem Freund A drei Wochen lang durch Frankreich. Schließlich hatten wir während unseres Zivildienstes ein Jahr lang an der Volkshochschule Französisch gelernt und brannten nun darauf, unsere frisch erworbenen Sprachkenntnisse an Ort und Stelle anwenden zu können. Wir reisten mit Interrail-Ticket, Zelt und Rucksack, das war ja klar. Wie uncool wäre das denn gewesen, sich etwa mit dem Rollkoffer auf die Reise zu machen? Mit der Hygiene nahm man es auf den Campingplätzen nicht sonderlich genau. Hätte ja auch ziemliche Umstände bereitet, sich ständig die schulterlangen Haare zu waschen. Am schönsten war es, keine Frage, in Frankreichs Süden, vor allem in der Provence mit ihren magischen Düften und Farben. Und so landeten wir eines Tages in der Jugendherberge der Stadt Nimes und trafen dort auf eine Gruppe junger Deutscher, mit denen wir den Abend verbrachten. Schnell freundete ich mich mit einem Geschichts-Studenten aus Cloppenburg an, und der legte dann irgendwann seine Tom-Waits-Kassette mit „Bone Machine“ in den dort herumstehenden Kassettenrekorder. Klänge solcher Art hatte ich noch nie zuvor gehört! Die Musik rumpelte, krachte, zischte und dröhnte, dass es eine Freude war. Und dann diese Stimme, die in einem fort röchelte, grunzte und kreischte. Während wir seine Kassette wieder und wieder abspielten, wohl den ganzen Abend lang, erzählte mir der Cloppenburger Geschichtsstudent alles, was er über Tom Waits wusste, und das war eine Menge. Bis tief in die Nacht fachsimpelten wir in der Gruppe über unsere jeweiligen Auffassungen von Pop-Musik…

Am nächsten Tag fuhren wir dann mit einem Kleinbus von der Jugendherberge zum nahe gelegenen Pont du Gare, jenem berühmten Aquädukt aus der Römerzeit. Und dort bin ich mit meinem Freund A oben auf dem Rand der mächtigen Wasserleitung, noch dazu bei stürmischen Winden, in mehr als 20 m Höhe über dem kaum Wasser führenden Fluss von der einen Seite bis zur anderen gelaufen, ohne jede Absicherung. Abends in der Jugendherberge erklärte man uns deshalb für lebensmüde, denn dort seien schon zahlreiche Touristen in die Tiefe gestürzt. Keiner, dem ich später von diesem Abenteuer berichtet habe, wollte es mir glauben, denn inzwischen ist am Pont du Gare längst alles abgesperrt und keine Überquerung mehr möglich…

Am Ende unserer Fahrt habe ich mich dann tatsächlich noch mit meinem Freund A zerstritten. Anlass war eine Ausgabe der Illustrierten BUNTE, die wir irgendwo an einem französischen Bahnhofskiosk erstanden hatten, mit sensationellen Paparazzi-Nacktfotos des Models Claudia Schiffer. Den Kaufpreis hatten wir uns, glaube ich, geteilt. Und nun wollten wir die delikaten Fotos unter uns aufteilen, um den für uns wertlosen Rest der Zeitschrift anschließend entsorgen zu können. Aber wer sollte welches Foto behalten dürfen? Weder A noch ich wollte auf das größte und in unseren Augen schönste dieser Bilder verzichten, auch wenn man zum Ausgleich alle anderen Fotos, und es gab noch einige weitere im Journal, hätte behalten können. Damals ahnten wir noch nichts von der unmittelbar bevorstehenden Erfindung des Internets, das solche Streitereien schon wenige Jahre später hinfällig werden ließ…

Bald nach dem Urlaub kaufte ich mir die Tom Waits-Platte „Bone Machine“, den Soundtrack unserer Reise, natürlich auf Vinyl. Und die aufgenommene Kassette mit dieser Musik lief bei mir dann in den folgenden Jahren recht häufig im Studentenwohnheim. Sollte ich jemals ein Testament verfassen, dieser Gedanke kam mir wohl schon damals in den unteren Semestern, dann werde ich darin den Wunsch äußern, dass der Song „Dirt in the Ground“, das zweite Stück von „Bone Machine“, auf meiner Beerdigung gespielt wird. Aber unbedingt auf einem möglichst schäbigen Mono-Kassettenrekorder. „Cause we ´re all gonna be just dirt in the ground.“

Tom Waits
Bone Machine
Island Records 1992
ASIN: B001SXE0T0

www.justament.de, 5.10.15: Wann kommt die Subsumtionsmaschine?

25 Jahre deutsche Rechtseinheit. Rückblick und Ausblick

Thomas Claer

Deutsche_EinheitEnde der Achtzigerjahre drohte in der alten Bundesrepublik eine Juristenschwemme. Hatte es bis dahin immer geheißen, als Jurist werde man jobtechnisch doch wohl immer irgendwo unterkommen, war das angesichts exorbitant steigender Absolventenzahlen plötzlich nicht mehr so sicher. Aber dann kam gottlob – wie aus heiterem Himmel – die deutsche Einheit. Der Osten hatte seinerzeit nur eine Hand voll staatstreuer Advokaten, doch tausende neu geschaffene Stellen in Gerichten, Ämtern und Behörden mussten auf einen Schlag mit Volljuristen besetzt waren. Die frühen und mittleren Neunziger wurden so zur goldenen Zeit für alle jungen Juristen, die in jenen Jahren auf den Arbeitsmarkt drängten, vorausgesetzt sie scheuten nicht den für manche schweren Gang in den „wilden Osten“.

Nur wenige Jahre später war es mit der Herrlichkeit aber auch schon wieder vorbei. Wer seine Examina um die Jahrhundertwende abgelegt hatte, konkurrierte mit einem immer größer werdenden Heer an Jungjuristen um die angesichts staatlicher Spardiktate immer seltener werdenden freien Stellen. So kam es, dass sich zu jener Zeit so mancher Jurist notgedrungen in anderen Branchen umsehen musste. Immerhin ergaben sich seitdem selektiv neue Chancen in digitalisierungsbedingt aufstrebenden Rechtsgebieten wie dem IT-Recht.

Und wie ist es heute? Dank einem nun schon mehr als eine Dekade währenden Wirtschaftsaufschwung, kurz und heftig unterbrochen nur von der Finanzkrise 2008/09, bietet derzeit auch der juristische Arbeitsmarkt relativ gute Chancen, vor alle für jene, die sich spezialisiert haben, was ja in unserer Einheitsjuristenausbildung nicht unbedingt die Regel ist. Es fragt sich nur, wie lange das noch so bleiben wird, denn irgendwann, diese vage Vorahnung beschleicht mittlerweile viele, könnte der nächste Automatisierungsschub auch den Juristen übel mitspielen. Spätestens wenn die selbstfahrenden Autos über die Straßen brausen, wenn man seinem Arzt nur noch dann gegenüber sitzt, wenn die medizinische Anamnesesoftware nicht mehr weiter weiß, wenn die Drohne die Post bringt und der Roboter-Kellner das Essen serviert (das er gerade zubereitet hat), dann wird man wohl auch in den Büros längst nicht mehr so viele Leute beschäftigen können wie heute. Was gegenwärtig noch eine ganze Abteilung täglich an Akten bearbeitet, das wird in gar nicht mehr ferner Zeit vermutlich voll automatisiert ablaufen, so dass man dann statt Sachbearbeitern nur noch Kontrolleure als eine Art manuelle Eingreiftruppe benötigen wird. Und das werden in erster Linie IT-Leute sein… Natürlich kann es sich heute noch niemand vorstellen, dass sogar irgendwann eine intelligente Software die Beteiligten durch die Gerichtsverhandlung führen wird. Aber spätestens wenn sich herausstellt, dass dadurch die Anzahl der Fehlurteile und Justizirrtümer deutlich niedriger ausfällt und sich das Tempo der Abläufe dramatisch erhöht, wird man denjenigen, die auf einen Richter aus Fleisch und Blut bestehen, dafür Strafgebühren aufbrummen wie heute jenen, die ihre Bahnfahrkarte noch am Schalter statt am Automaten kaufen. Kurz, es wird vermutlich in absehbarer Zeit eine Arbeitswelt entstehen, die wir kaum noch wiedererkennen werden. Aber darüber werden wir Journalisten ganz gewiss nicht mehr selbst berichten, das erledigt dann schon längst das perfekt formulierende Texterstellungsprogramm.