Tag Archives: Element Of Crime

www.justament.de, 3.11.2014: Auf der Höhe

Element Of Crime überzeugen auf „Lieblingsfarben und Tiere“

Thomas Claer

lieblingsfarbenImmer, wenn die Berliner Combo Element Of Crime eine neue Platte rausbringt, ist das ein größeres Ereignis. Klar, es kommt ja auch nicht mehr allzu oft vor. Ganze drei Studioalben waren von ihnen seit der letzten Jahrtausendwende erschienen, nun haben wir das vierte. Und es enthält auch gerade mal zehn Songs. Ist es schlecht, dass sie sich so zurückhalten? Nein, es ist genau richtig, und vor allem ist es dieser Ausnahmeband völlig angemessen. Nur das Allerbeste darf das Licht der Öffentlichkeit erblicken.

Schon beim ersten Hören zeigt sich, dass sich Sven Regener und seine Mitstreiter auf „Lieblingsfarben und Tiere“ in jeder Hinsicht treu geblieben sind. Wie wenn man gute alte Freunde nach vielen Jahren wiedertrifft und sie einem völlig unverändert erscheinen. Klickt man sich hingegen durch 20 Jahre alte Element-Auftritte auf YouTube, muss man sich doch sehr wundern, wie verspannt und pathetisch sie damals wirkten. Jedenfalls kommt einem das heute so vor, damals fand man das allerdings ganz und gar nicht. Man darf es vielleicht gar nicht ganz zu Ende denken, wie viele der persönlichen ästhetischen Urteile, die zwar nicht gerade Anspruch auf Objektivität, aber doch auf eine gewisse Verbindlichkeit erheben wollen, blind von den unergründlichen Prozessen der eigenen Körperchemie gesteuert werden…

„Lieblingsfarben und Tiere“ also. Das Titelstück ist eher mittelprächtig geraten, zwei drei andere Lieder auch. Der Rest ist gut bis sehr gut bis überragend. Die reifen Elements haben zu einer fast schon beängstigenden Stilsicherheit gefunden. Das locker-luftige, von  Countryklängen durchsetzte musikalische Gewand steht ihnen ausgezeichnet. Besondere Höhepunkte sind „Am Morgen danach“, „Schade, dass ich das nicht war“, „Liebe ist kälter als der Tod“, „Immer so weiter“ und „Dunkle Wolke“, womit auch schon das halbe Album aufgezählt wäre. Der Song „Dieselben Sterne“ dagegen erscheint auf den ersten Blick etwas schlagerhaft und bieder, gewinnt aber enorm, je mehr man sich auf ihn einlässt. Und vor allem: Was für ein scheinbar schlichter, doch im Verborgenen geradezu philosophischer Text! Wer Ohren hat, der höre! Überhaupt sind Sven Regeners Texte einmal mehr einsame Spitze. Ferner hat sich auch seine Stimme deutlich verbessert, seit er mit dem Rauchen aufgehört hat. Kurz: Wir erleben eine Band auf der Höhe ihres Schaffens. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).

Element Of Crime
Lieblingsfarben und Tiere
Vertigo Berlin (Universal Music) 2014
ASIN: B00N3AYOB0

www.justament.de, 22.9.2014: Pure Nostalgie

Element Of Crimes Vinyl-Maxi „Lieblingsfarben und Tiere“ macht schon mal Appetit auf das Album

Thomas Claer

eoc-lieblingsfarbenEinen besseren Appetitanreger aufs gleichnamige Album, das in wenigen Tagen erscheinen wird, hätten sich Element Of Crime gar nicht ausdenken können: Als 10 Inch-45 RPM-Vinylmaxi (und wunderbarerweise nur als solche! Nehmt das, all ihr Verächter der Schallplattenkultur!) gibt es neben dem Titelsong „Lieblingsfarben und Tiere“ noch drei Cover-Versionen recht betagter britischer und amerikanischer Popsongs, die nicht jedem geläufig sein dürften, als da wären: Medicine Man (die Originalversion stammt von John Mayall), If (eigentlich von Pink Floyd) und We Have All The Time In The World (ursprünglich gesungen von Louis Armstrong). Geschrieben wurden diese drei Lieder zwischen 1968 und 1970, also zu einer Zeit, als selbst so alte Säcke wie der Justament-Musikrezensent noch nicht auf der Welt waren, jedenfalls noch nicht ganz.
Aber der Reihe nach: Auf der A-Seite der Platte geht es los mit „Lieblingsfarben und Tiere“, bei dem ganz eindeutig die textliche Aussage im Vordergrund steht. Musikalisch ist dieses Lied schon hart an der Grenze zur Selbstgefälligkeit. Es geht um die selbstgewählte Unerreichbarkeit in medialer und technischer Hinsicht. Das lyrische Ich sagt zu jenem Zeitgenossen, der es so dringend auf allen nur denkbaren Wegen erreichen möchte, sinngemäß: „Du kannst mich mal!“ Ob das nun als kritischer Beitrag zur Debatte über die ständige Erreichbarkeit von Arbeitnehmern nach Feierabend zu verstehen ist oder schlicht als Der-Welt-den-Stinkefinger-Zeigen eines arroganten, weil etablierten, Popstars, das möge jeder Hörer selbst beurteilen. Interessanter sind die restlichen Songs.
„Medicine Man“ von John Mayall also. John Mayall – wer war denn das noch gleich? Ach ja, der „Vater des weißen Blues“. Sehr guter Mann, ist jetzt schon über achtzig. Und sein „Medicine Man“ ist ein Geniestreich ersten Ranges. Mit einfachsten Mitteln wird eine unerhörte Spannung erzeugt. Und die Umsetzung der Elements? Kongenial. Wie schon bei früheren anderen Cover-Versionen schaffen es Sven Regener und Co. auch bei diesem Song, ihn nicht nur stimmungsvoll zu adaptieren, sondern sogar mit eigenen Mitteln noch eins draufzusetzen. Sie haben bei der Darbietung fremder Stücke ein so gutes Händchen, dass man ihnen fast raten möchte, ihrem exzellenten Cover-Album „Fremde Federn“ (2010) irgendwann noch ein weiteres dieser Art folgen zu lassen; spätestens, wenn ihnen die Ideen für neue eigene Songs einmal ausgehen sollten. Aber so weit ist es, so viel lässt sich im Hinblick auf das neue Album schon vorwegnehmen, noch lange nicht.

Die B-Seite beginnt mit „If“ von Pink Floyd. Hm, von welcher Platte kann denn das gewesen sein? Beim Hören kommt es einem schon seltsam bekannt vor… Und wie heißt es so schön in einem bekannten deutschen Popsong: „…aber so hab ich‘s noch nie gehört“. Nein, das gibt es doch gar nicht: Es ist tatsächlich von “Atom Heart Mother“, der legendären Platte mit der Kuh auf dem Cover. Die hab ich seit mindestens zehn Jahren nicht mehr angehört und hole es auf der Stelle nach. Ein orchestrales Meisterwerk. Anfang der Neunziger lief sie bei mir ständig rauf und runter. Mein Mathe-Lehrer hatte sie mir ausdrücklich ans Herz gelegt. Und wie recht er damit hatte! Er nannte damals übrigens seine Lieblingsband liebevoll „Pink Flink“. Die Google-Recherche beweist: Kein Mensch sagt heute noch „Pink Flink“ zu „Pink Floyd“. (Sofern das überhaupt irgendjemand außer meinem Mathe-Lehrer jemals getan hat.) Wenn aber dieser Artikel online gestellt ist, wird es endlich einen Google-Treffer für „Pink Flink“ geben! Aber zurück zu „Atom Heart Mother“. Besonders hatte mich damals die übereinstimmende Metaphorik von Albumtitel, Plattencover und der Musik des Titelstücks tief beeindruckt. „Atom Heart Mother“ – was da alles drinsteckt und mitschwingt, so dachte ich zumindest damals. Nun lese ich auf Wikipedia über die Entstehungsgeschichte des Album-Titels: Die Platte sollte eigentlich „The Amazing Pudding“ heißen. Das fanden die Musiker aber irgendwie doof, und so schlug Roger Waters vor, man solle doch einfach aus einer im Aufnahmestudio herumliegenden Zeitung irgendeine der Überschriften nehmen. Mein Gott, wie banal! Das Internet kann einem aber auch die schönsten Illusionen rauben! „Die Titelgeschichte der Ausgabe handelte von einer schwangeren Frau, der ein neuartiger Herzschrittmacher mit Atombatterie implantiert werden sollte. Die Überschrift des Zeitungsartikels lautete „Atom Heart Mother“ (Atomherz-Mutter). Danach entschied sich die Band, den Titel auch für das komplette in Produktion befindliche Album zu verwenden“, weiß Wikipedia. Und das Cover mit der Kuh? Das hatte sich die Band schon vorher ausgesucht, weil sie sich nicht mehr länger auf ihr Spacerock-Image festlegen lassen wollte. Einfach mal so als Kontrapunkt ein Stück Natur also. Manchmal ist es vielleicht doch besser, nicht ganz so genau zu wissen, wie alles wirklich war…  Jetzt aber zu „If“. Dieser kleine feine Gitarrensong geht auf „Atom Heart Mother“ neben dem monumentalen Titelstück etwas unter. Element Of Crime haben das jetzt mit ihrer Version dieses Stücks wieder gerade gerückt.
Und zu guter Letzt „We Have All The Time In The World“, eigentlich gesungen von Louis Armstrong. Bei ihm muss ich immer an die 70er-Jahre-Parodie von Otto Waalkes denken, der alle möglichen Leute das deutsche Volkslied „Im Frühtau zu Berge“ singen ließ. Als Louis Armstrong klang das dann mit belegter und zugleich seltsam gepresster Stimme so: Wöwöwöwöwö – im- Fuih-tau zu Beg-ge-we go – falleraaaaaaaaah“ Sven Regener hingegen versucht erst gar nicht, den großen „Satchmo“ zu parodieren und singt „We Have All The Time In The World“, das einst in einem James-Bond-Film erklang, wie einen eigenen Song. Auch nicht schlecht. Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).

Element Of Crime
Lieblingsfarben und Tiere
Vinyl
Vertigo Berlin (Universal Music) 2014
7,95 EUR
ASIN: B00LXLQMAW

www.justament.de, 23.6.2014: Weltpremiere!

Scheiben vor Gericht spezial: Element Of Crime mit fünf neuen Songs live auf dem Oranienplatz in Kreuzberg

Thomas Claer

IMG_0957Unter dem Motto „Früher haben wir hier gewohnt, und heute spielen wir hier“ absolvierten unsere Elements am Samstag einen vielumjubelten Auftritt auf der „Fete de la Musique“ auf dem Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg. Mit besonderer Spannung aber hatten die zu Tausenden herbeigeströmten Fans auf die versprochenen Kostproben aus dem für den Herbst angekündigten neuen EOC-Album – dem ersten seit fünf Jahren – gewartet, und sie wurden nicht enttäuscht: Gleich fünf neue Songs gab Sven Regeners muntere Kapelle – neben fünf weiteren wohlbekannten Gassenhauern – zum Besten. Nach 45 Minuten war dann allerdings Schluss, weil die nächsten Bands an der Reihe waren.

„Na, und“, werden jetzt alle fragen, die nicht dabei sein konnten, „wie waren denn die neuen Lieder?“ Um es zurückhaltend zu sagen: Jede Sekunde des Wartens hat sich voll gelohnt. Zwar bedarf es wohl keiner besonderen Erwähnung, dass sich vom musikalischen Konzept her bei Element Of Crime nicht viel verändert hat. Nur, dass diesmal noch zusätzlich ein Saxophonist mit dabei war (das hatten sie, glaube ich, letztmals auf dem Debütalbum „Basically Sad“ von 1985), der insbesondere einen Teil von Sven Regeners Trompeten-Einsätzen ersatzweise übernahm. Gute Idee! Denn gleichzeitig singen und Trompete spielen, das hat noch keiner geschafft. Und bei früheren Live-Auftritten musste daher immer so einiges von Regeners Trompetengeschmetter notgedrungen unter den Tisch fallen. Jetzt zum Glück nicht mehr.

Aber zurück zu den fünf neuen Songs. Sehr stark sind sie, ironischer und melancholischer denn je, sowohl textlich als auch musikalisch, da kommt womöglich ein großes Album auf uns zu. Gleich das Eröffnungslied „Am Morgen danach“ brilliert mit vielsagenden Andeutungen wie „Du ohne Schirm, ich ohne Plan, war ja klar“. Ähnlich verhält es sich mit „Schade, dass ich das nicht war“, das sogar etwas temporeicher daherkommt, als wir es sonst von den Elements gewohnt sind. Hingegen wird in „Hauptsache Du“ die anfänglich zu befürchtende Kitschnähe („Nie zuvor hab ich ein Lächeln geseh‘n wie das deine“) rasch durch einen beherzten oxymoratischen Blick auf die Widersprüchlichkeiten des Alltags ausgetrieben:  „Heimatlos und viel zu Hause“, „Unterbeschäftigt und viel zu viel zu tun“. Wer kennt das nicht?

Als absolutes Highlight erweist sich dann aber das hintersinnig-dunkle „Liebe ist kälter als der Tod“. „Auf alles, was da kommt, scheißend“ reift im lyrischen Ich schließlich die Erkenntnis: „Je länger man kaut, desto süßer das Brot“.  Der letzte der neuen Songs, „Bildschirm und Goldfisch“, ist dann noch eine Hymne an die eigene Unerreichbarkeit, rein technisch betrachtet – es geht um abgeschaltete Handys und defekte Wohnungstürklingeln. Schon beim zweiten Hören (man hat natürlich alles gefilmt und mit nach Hause genommen) kommt es einem vor, als ob man die Songs schon seit 20 Jahren kennen würde. Und das ohne dass sie einfach nur ein Abklatsch der früheren wären, ganz und gar nicht!

???????????????????????????????Gelungen war letztlich auch die Auswahl der fünf altbekannten Stücke im Programm. Dachte man nach „Am Ende denk ich immer nur an dich“, „Immer da, wo du bist, bin ich nie“ und „Delmenhorst“ schon, dass ausschließlich das letzte Jahrzehnt zum Zuge käme, gab es dann als Zugabe doch noch zwei Knaller aus den frühen Neunzigern, nämlich „Weißes Papier“ und als Schlusspunkt „Draußen hinterm Fenster“.

Ganz ausdrücklich zu loben ist ferner noch die exzellente Vorgruppe, das Berliner Lagerfeuer-Duo „Apples in Space“, dessen wunderschönes Lied „Vespa“ schon den Soundtrack von „Haialarm am Müggelsee“ schmückte, jenem Klamauk-Film, den Sven Regener im letzten Jahr gemeinsam mit Regisseur Leander Haußmann gedreht hat.  Apropos Leander Haußmann: Der befand sich auch im Publikum und war schon von weitem daran zu erkennen, dass er als nahezu einziger nicht auf seine stetig brennende Zigarette verzichten konnte. Noch vor zehn oder 15 Jahren hätte über einem solchen Live-Musik-Fest eine dichte Nikotinwolke geschwebt, inzwischen sind aber die Kreuzberger Konzertbesucher offensichtlich schon ebenso gentrifiziert wie ihre Wohngegend.

Übrigens lässt sich auf dem Oranienplatz neuerdings eine kulinarische Köstlichkeit probieren, die mancher vielleicht noch nicht kennen wird: In einer bunten Bude am südwestlichen Rand des Platzes werden in verschiedenen Variationen ausschließlich „Tantuni“ verkauft. Das sind ursprünglich aus der Region Mersin im Süden der Türkei stammende Teigrollen, gefüllt mit gegartem Hackfleisch, Tomate, Zwiebel, Petersilie, Chili, Kümmel und schwarzem Pfeffer. Sehr lecker! Die kosten zwar mit 3,50 EUR einen Euro mehr als der gemeine Döner, aber es lohnt sich ganz unbedingt! Und dann war am Samstag auch noch, wie es der Zufall so wollte, Christopher Street Day. Und einer der Umzüge verlief durch die Oranienstraße. Da gab es dann noch allerhand buntes Volk zu bestaunen.

Das Gesamturteil lautet: gut (15 Punkte).

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Justament März 2011: Elementare Adaptionen

Element Of Crime präsentieren “Fremde Federn”

Thomas Claer

22 SCHEIBEN TC EOC CoverNun haben sie es also doch noch getan. Schon vor fast zehn Jahren, gleich nach dem Romantik-Album, wurde die Idee im Forum auf der EOC-Homepage lebhaft diskutiert, mal eine B-Seiten-Compilation rauszubringen. Und jetzt wird unsere Geduld also belohnt. Auf “Fremde Federn” finden sich nicht weniger als 20 von Element Of Crime gespielte, aber von anderen mehr oder weniger prominenten Musikern geschriebene Songs, die es bislang nur auf – zum Teil längst vergriffenen – Singles oder auf irgendwelchen Samplern oder Soundtracks gab. Und allein für das vortreffliche Wortspiel des Album-Titels hätten sie eigentlich schon alle Punkte in dieser Rubrik verdient. Doch wie so oft im Leben, wenn sich ein großer Wunsch erfüllt, stellt sich zwangsläufig auch eine gewisse Enttäuschung ein. Die Rockversion des “Liedes von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens” aus der Dreigroschenoper etwa klingt ohne das laute Geknister auf der Satellite Town-Single, die ich vor langen Jahren einmal erstanden habe, seltsam unvollständig, irgendwie längst nicht mehr so toll. Beim “Ruf aus der Gruft”, dieses Stück befand sich nur auf der dazugehörigen Maxi-Single, die ich zu meinem Leidwesen bis heute nirgendwo auftreiben konnte, handelt es sich gar nur um eine zweiminütige und ziemlich maue Instrumental-Version.
Aber genug gemeckert. Alles in allem ist diese Zusammenstellung dann nämlich doch der erwartete Hochgenuss. Welche andere Band verstünde es schon, Stücke so unterschiedlichen Temperaments und aus in so diametraler Opposition zueinander stehenden kulturellen Milieus mit solch spielerischer Leichtigkeit ins eigene Klanguniversum zu transformieren? Besonders überzeugt ihre Interpretation betagter deutscher Schlager, die deren mitunter erstaunlicher textlicher Raffinesse auf überraschende Weise neue Geltung verschafft. So lautet die Definition von “Heimat” im gleichnamigen, ehedem von Freddy Quinn gesungenen, Song: “Wo ich die Liebste fand/ da ist mein Heimatland”. Na, wenn das so ist, wird man am Ende sogar noch gerne heimattreu. Besondere Höhepunkte sind ferner “Leider nur ein Vakuum” (von Udo Lindenberg), “Zwei Gitarren” und “Akkordeon” (jeweils von Alexandra), “You only tell me you love me, when you’re drunk” (von den Pet Shop Boys), “Blaumeise Yvonne (von Andreas Dorau), “Le Vent Nous Portera” (von Noir Desir) und “She brings the rain” (von Can). Das Gesamturteil lautet: gut (14 Punkte).

Element Of Crime
Fremde Federn
Vertigo Be (Universal) 2010
Ca. € 17,-
ASIN: B00425DMO0

Justament Dez. 2009: Herzlich und schmerzlich

Die neue Platte von Element Of Crime enthält wenig Überraschendes und macht dennoch Freude

Thomas Claer

20 SCHEIBEN TC EOC Immer da Album cover_immerdaElement Of Crime – das sind seit 25 Jahren hingerotzte Chansons meist traurigen Inhalts mit Rockgitarren und Jazztrompete. Gab es in ihrer Frühphase noch manche stilistische Änderung  – etwa den Wechsel von der englischen zur deutschen Sprache – ist seit “Damals hinterm Mond” (1991) mehr oder weniger alles beim Alten geblieben. “Immer da wo du bist bin ich nie” ist nun das insgesamt zwölfte Studioalbum des Berliner Kollektivs um Sänger, Texter, Trompeter und Romanautor Sven Regener, allerdings auch erst das dritte in diesem Jahrzehnt.
Und es geht einem mit dieser CD ähnlich wie mit den Vorgängern: Sie enthält einige famose Kracher, diesmal neben dem country-folkig rockenden Titelstück noch das grotesk-überdrehte “Kopf aus dem Fenster”, das schmerzlich-wehmütige “Euro und Markstück” sowie “Kuchen und Karin”, das in seiner tiefen Schlichtheit an einen Tom Waits-Song erinnert. Vor allem letzteres gehört zu jenen Liedern, bei denen einem – um es mit einem bekannten Dichter zu sagen – zumute ist, als ob “das Herz recht angenehm verblute”.
Zwar gewinnen auch die übrigen Stücke mit jedem weiteren Hören, doch fallen sie diesmal, zumal die sehr langsamen unter ihnen, teilweise doch etwas ab. Regeners über weite Strecken gewohnt kraftvolle und metaphernreiche Songlyrik verirrt sich hier mitunter – um nicht zu sagen: Er tappt gelegentlich in die Sentimentalitätsfalle. Zu tadeln ist vor allem das ziemlich alberne “Der weiße Hai”, auf dem Alexandra Regener, die neunjährige Tochter des Sängers, nebst einer Freundin im Hintergrund zu vernehmen ist. Doch bleibt dieses Lied die einzige wirkliche Enttäuschung.
Die größte Entdeckung befindet sich hingegen gar nicht auf diesem Album, sondern auf der B-Seite der auf 500 Exemplare limitierten Vinyl-Single mit dem Titelstück als A-Track. Es handelt sich um eine Cover-Version des Stücks “Blaumeise Yvonne” vom NDW-Altmeister Andreas Dorau. Dieses Lied ist so schön, dass man sich nach einigen Malen Hören gar nicht mehr vorstellen kann, wie man bisher ohne es leben konnte. Und die Kinderstimmen stören hier – anders als beim “Weißen Hai” – in keinster Weise. Aber leider ist der Song nicht auf der LP und findet hier daher auch keinen Eingang in die Bewertung. Das Urteil lautet: vollbefriedigend (12 Punkte).
PS: Element of Crime haben Erbarmen und bieten den Song “Blaumeise Yvonne” jetzt über Ihre Homepage zum kostenlosen Download an, aber nur für alle Abonnenten des Newsletters. Die Prozedur ist ziemlich umständlich.

Element Of Crime
Immer da wo du bist bin ich nie
Vertigo Berlin (Universal) 2009
Ca. € 15,95
ASIN: B002IS1466

www.justament.de, 7.9.2009: Irgendwas singen

Die neue Single von Element Of Crime macht Appetit aufs bald erscheinende Album

Thomas Claer

Cover EOCNa endlich! Die Lieblingsgruppe nicht nur vieler Strafrechtlerinnen und Strafrechtler setzt ihre sparsame Veröffentlichungspolitik mit der am 18. September erscheinenden neuen Platte „Immer da wo du bist bin ich nie“ fort, der ersten regulären CD seit vier Jahren. Als Vorgeschmack darauf gibt es jetzt schon eine Single gleichen Namens mit dem Titelsong und einer Coverversion des Andreas-Dorau-Klassikers “Blaumeise Yvonne”. Die Single erscheint wohlgemerkt nicht als CD, sondern lediglich als Download und als streng limitiertes kleines Vinyl. Aber macht Euch keine Hoffnungen, liebe Justament-Leserinnen und –leser! Nicht einmal mir ist es gelungen, eins der 500 Exemplare zu ergattern! Man kann es aber auch einfacher haben, indem man sich kurzerhand auf http://www.element-of-crime.de den Song anhört und das dazugehörige Musik-Video betrachtet.
Und das ist sehr vielversprechend, ein Ohrwurm geradezu. Ziemlich folkig, countrymäßig klingt das Ganze, weit weniger glattgebügelt als die letzten beiden (gleichwohl sehr starken) Alben, von der Songstruktur eine Mischung aus dem 1993er „Immer unter Strom“ und dem 2005er „Mittelpunkt der Welt“. Zum Text des Liedes ist zunächst zu sagen, dass es beckmesserisch wäre, an dieser Stelle die fehlende Kommasetzung in der Titelzeile zu monieren. Nur ein unverbesserlicher Pedant würde darauf insistieren, dass es sich hier um einen eingeschobenen Lokalsatz (als Sonderfall eines Adverbialsatzes) handelt, der durch Kommas vorne und hinten vom Hauptsatz abzutrennen wäre. Daher will ich auch gar nicht erst den Versuch unternehmen, darüber eine Diskussion zu beginnen, ob es nicht eigentlich „Immer da, wo du bist, bin ich nie“ heißen müsste. Vielleicht ist mir ja auch eine versteckte Doppeldeutigkeit des Titels entgangen, die erst durch diesen orthografische Mangel erreicht wird?
Es bleibt noch darauf hinzuweisen, dass jede Element Of Crime-Veröffentlichung mittlerweile ein Medienereignis geworden ist. Zahllose Interviews hat Sven Regener in diesen Tagen bereits gegeben, die sich leicht durch eine simple Google-Recherche finden lassen. Am erstaunlichsten aber fiel sein Statement aus, als er auf seine Songtexte angesprochen wurde: „Irgendwas muss man ja singen.“ Das muss man sich einmal vorstellen! Da gibt es inzwischen zahlreiche germanistische und literaturwissenschaftliche Arbeiten über die Lyrik von Element Of Crime, und er sagt dazu nur: „Irgendwas muss man ja singen.“
Nun gut. Wir erfreuen uns schon einmal an der Single und warten ungeduldig auf das Album, das gottlob auch als gute, alte Vinyl-Langspielplatte herauskommen wird. Ich meine, irgendwas muss man ja schreiben. Das Urteil lautet: vollbefriedigend (12 Punkte).

Element Of Crime
Immer da wo du bist bin ich nie
7’’ Vinyl-Single in limitierter Auflage (500 Stück) und Download-Single
Weitere Informationen auf: http://www.element-of-crime.de

Justament Okt. 2008: Warten aufs Album

Element Of Crime vertröstet uns vorläufig mit Filmmusik

Thomas Claer

18 SCHEIBEN TC Element of Crime - Soundtrack Robert Zimmermann“Je edler und vollkommener eine Sache ist”, so befand Arthur Schopenhauer in einem ansonsten überaus anrüchigen Text, “desto später und langsamer gelangt sie zur Reife.” Den Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme liefert uns Element Of Crime, die wohl melancholischste deutsche Rockband aller Zeiten. Während es allgemein als ein Kennzeichen des schnelllebigen Genres Popmusik gelten kann, dass die Protagonisten jeweils rasch ihr kreatives Pulver verschossen haben, schießen – um in diesem Bild zu bleiben – die gereiften Elements auch nach 23 Bandjahren noch aus vollen Rohren. Zwar tun sie das längst nicht mehr so oft wie früher. Nur noch alle vier Jahre bringen die Mannen um Sänger und Texter Sven Regener ein Album heraus. Damit treffen sie dann aber zuverlässig und mit unerhörter Präzision direkt ins Herz ihrer Fans. Wer die den Ruhm der Gruppe begründenden Platten “Damals hinterm Mond” (1991) und “Weißes Papier” (1993) in ihrem poetischen Konzept für schlichtweg nicht mehr steigerbar hielt, wurde spätestens mit “Mittelpunkt der Welt” (2005) eines Besseren belehrt. Der “hohe Ton” der frühen Meisterwerke mit Anklängen ans Orchestrale und Pompöse ist inzwischen einer deutlich sparsamer verfahrenden schwermütigen Gelassenheit gewichen, die aus jeder Note und jeder Zeile in Regeners begnadeter Songlyrik spricht.
Nun haben Element Of Crime also wieder einmal Filmmusik gemacht – und erneut für eine Produktion des Regisseurs Leander Haußmann. Sieben Songs steuern sie zum offiziellen Soundtrack bei, zu dem daneben noch Künstler wie Vladimir Vissotski und Ed Csupkay beigetragen haben. Ein bisschen enttäuschend ist diese Art der Präsentation schon, denn neben drei reinen Instrumentalstücken liefern EoC nur vier “echte” Songs. Die sind dafür aber im wahrsten Sinne des Wortes “ganz großes Kino”. Vor allem “Ein Hotdog unten am Hafen”, das auch als Vinylsingle erhältlich ist, kann gefallen. Es ist nur so, dass die Lieder ohne den Film fast noch besser funktionieren… Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Element Of Crime u.a.
Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe (Soundtrack)
Vertigo Be (Universal) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B001CLRCYS

Element Of Crime
Ein Hotdog unten am Hafen
Ltd. Edition Vinyl Single
Vertigo Be (Universal) 2008
Ca. EUR 7,00
ASIN: B001CGSPXK

Justament April 2006: Elementar kriminelle Popmusik

Die juristische Metaphorik der Band Element of Crime

Thomas Claer

20_TC_Kolumne_StraßenbahnSeit ihren Anfängen lebt die populäre Musik – nicht selten recht einträglich – im und vom Spannungsfeld zwischen Subversion und Affirmation. Doch nie gab es ein so breites Publikum für Bands und Musiker, die sich und ihre “Street Credibility” so explizit über eine dem Anspruch nach unbedingt authentische, Ghetto bewährte Outlaw-Position definierten, wie im heutigen, längst massenkompatiblen “Gangsta Rap”: Weltstars wie 50 Cent oder Eminem predigen in ihren Songs seit Jahren einen mehr oder weniger machistischen und nur auf Selbstjustiz vertrauenden Lebensstil. Die in Deutschland ziemlich angesagten Jungs vom Label “Aggro Berlin” rekrutieren sich zu wesentlichen Teilen aus ehemaligen Knastbrüdern. Und bezeichnenderweise veröffentlichte US-Rapperin Lil Kim ihr aktuelles Album kürzlich gleich direkt aus dem Gefängnis, wo sie gerade eine Haftstrafe wegen Meineids absitzt.
Auch die Berliner Combo Element of Crime, die heuer ihr zwanzigjähriges Bandjubiläum begeht, könnte man aufgrund ihres einschlägigen Namens leicht für einen frühen Vorläufer dieser grobschlächtigen Richtung halten. Doch weit gefehlt! Die Kriminalität dieser vier Herren erschöpft sich glücklicherweise allein in jenen unerhört explosiven – im besten Orwellschen Sinne – Gedankenverbrechen, welche der Sänger und Texter der Band, der inzwischen auch als Romanautor (“Herr Lehmann”, “Neue Vahr Süd”) zu hinreichender Beachtung gelangte Sven Regener, regelmäßig zu seiner viel gerühmten und fein nuancierten Großstadtlyrik verarbeitet. Zum besonderen Markenzeichen avancierten dabei über die Jahre – nomen est omen – die metaphorischen Ausflüge in die Welt des Rechts: Besondere Aufmerksamkeit verdienen hier, neben diversen um erschlichene Krankenscheine, missbrauchte Vorschlaghämmer und entwendete Aschenbecher kreisenden Sammelsurien besungener Bagatellkriminalität, die Stücke “Der Mann vom Gericht” von der LP “The Ballad of Jimmy and Johnny” (1989) und “Sperr mich ein” vom Album “Weißes Papier” (1993). Im erstgenannten Song begehrt ein unglücklich Liebender unkonventionelle Hilfe vom Gerichtsvollzieher und droht der Treulosen mit einem: “Erst was borgen/ Und dann zahlst du nicht/ Der Mann vom Gericht/ Wird’s dir schon besorgen.” Im anderen Lied werden der Angebeteten vom lyrischen Ich zunächst die Rollen als ermittelnder Polizeibeamter und Strafverteidiger in Personalunion angetragen: “Durchsuchen musst du gründlich, überall/ Der Fall ist schwerer als du denkst/ Erklär mir meine Rechte!/ Sperr mich ein!/ Ich will von dir verhaftet sein!”. Daran schließt sich die einem umfassenden Geständnis gleichkommende Selbstbezichtigung an: “Meine Sitten sind verlottert/ Mein Weltbild ist verdreht/ Und schmutzig meine Phantasie/ Bin schuldig groben Unfugs, der Völlerei/ Und gut zu Tieren war ich nie.” Und am Ende kann der einsichtige Täter seinen Strafantritt kaum noch erwarten: “Gib mir meine Strafe/ Hart hab ich es gern/ Ich halte still/ Was immer auch passiert/ In Freiheit bin ich garstig/ Gefangen will ich sein/ Kleingemacht und gut verschnürt.”
Da sich das ganze auch gesungen recht gut anhört, erfreut sich die Rockkapelle einer bis in diese Tage kontinuierlich wachsenden Fangemeinde – wenn auch gemessen an den ganz großen Acts der Branche auf vergleichsweise moderatem Umsatzniveau. In ihren aktuellen Veröffentlichungen, der LP “Mittelpunkt der Welt” und der EP “Straßenbahn des Todes”, präsentieren sich die Elements einmal mehr in musikalischer und textlicher Höchstform.

Element of Crime
Straßenbahn des Todes (Maxi-CD)
Universal Music 2006
16 min 15 s
ca. EUR 6,99
0602498768945