Jahresende 2023: Ahnenforschung Claer, Teil 15

Während ich vor einem Jahr, zum Jahreswechsel 2022/23, meinen letzten Forschungsbericht finalisierte, erreichten mich noch weitere interessante News von unserem eifrig forschenden Verwandten Andreas Z., die ich damals aber nicht mehr mit aufnehmen konnte. Nun stehen sie im Mittelpunkt des diesjährigen Berichts. Hinzu kommt noch ein gleichfalls spektakulärer Fund von Andreas Z., der mich Mitte des Jahres erreichte. Allerdings bin ich in den zurückliegenden Monaten aus verschiedenen Gründen leider zu gar nichts mehr gekommen, sodass es diesmal nolens volens nur zu einem schmalen Bericht gereicht hat. Dennoch sind die neuen Funde so bedeutsam und im anderen Falle zugleich auch ernüchternd, dass sie unseren Forschungen in mancher Hinsicht eine neue Richtung geben könnten…

1. Die Claers in Bieberswalde – doppelt rätselhaft

Zunächst einmal gilt es, an das Kapitel “Die Claers in Bieberswalde” aus dem letzten Bericht anzuknüpfen. Nachdem ich vor mehr als einem Jahr über Google den Eintrag aus einem Jahrbuch über die Versetzung des Försters Clair aus der Försterei Lebkoyen/Drusken nach Bieberswalde im Jahr 1855 gefunden hatte, war mir gleich wieder eingefallen, dass Tante Lorelies auf ihrer Ostpreußenreise vor 20 Jahren auf dem Friedhof in Bieberswalde bei Liebemühl eine Tafel mit der Aufschrift „Ruhestätte der Familie Claer“ gefunden hatte. Ich schlussfolgerte daraus also, dass mein Urururgroßvater, der Förster Friedrich Clair (1799-18??) mitsamt seiner Frau Justine (1803-18??), meiner Urururgroßmutter, und seinem mutmaßlich jüngsten Sohn, meinem Ururgroßvater Franz Claer (1841-1906), und womöglich auch noch weiteren Nachkommen 1855 von Drusken nach Bieberswalde bei Liebemühl gezogen war. Doch nun steht genau dies wieder infrage.

Zum einen konnte ich bei meiner Durchsicht der Bieberswalder/Liebemühlener Standesamts-Urkunden seit 1872 keinen einzigen Namensträger entdecken, so wie auch Tante Lorelies bei ihren Recherchen in den Kirchenbüchern aus der Zeit zuvor erfolglos geblieben war. Zum anderen überraschte uns Andreas Z. mit einem Fund aus einem anderen, aber ebenfalls in Ostpreußen, nämlich bei Tapiau, gelegenen Bieberswalde. Dort heißt es im Kirchenbuch von 1867 (entziffert von Tante Lorelies):

“Materialwaren Gründer Herr Joh. Friedrich Wilhelm Schwermer, Wittwer seit 6 Monaten 1 Kind – Schxxx v. Gericht liegt vor – 36 Jahre – mit Jungfer Ludovica Wilhelmine Claer, jüngste T. des königl. Förster xxx Clair im Forsthaus Bieberswalde bei Tapiau (in Klammern u.U. ein Ort mit G ) 28 J. alt – Trauung in Tapiau xxx Aufb. nicht (das “nicht” ist wieder ausgestrichen) bezahlt.” (Also soll wahrscheinlich heißen: Aufgebot bezahlt.) Am Rand ist der Eintrag mit einer Klammer versehen: “entheften Proclamation xxx auf Tapiau”
(Ich habe Stunden mit dieser Eintragung verbracht. Das war die konfuseste Eintragung, die ich bisher hatte. Vor allem, dass ich nicht rausbekam, was dem Gericht vorliegt, ist seltsam. Und dass zwischen Förster und Clair was klein Geschriebenes steht, aber kein Vorname.)

Dieser Eintrag erklärt nun zwar einiges, wirft dafür aber auch viele neue Fragen auf und macht die Faktenlage am Ende nur noch rätselhafter. Es spricht nun alles dafür, dass die Versetzung des Försters Clair im Jahr 1855 von Drusken aus nicht nach Bieberswalde bei Liebemühl, sondern nach Bieberswalde bei Tapiau erfolgt ist. Letzteres liegt auch viel dichter an seiner vorherigen Wirkungsstätte Drusken, allerdings weit entfernt von der Gegend um Neidenburg, in die es meinen Ururgroßvater Franz Claer später verschlagen sollte. Aber was hat es dann mit dem Familiengrab Claer im anderen Bieberswalde bei Liebemühl auf sich?? Und wie ist mein Ururgroßvater Franz Claer schließlich von Bieberswalde bei Tapiau in die Gegend des anderen Bieberswalde bei Liebemühl gekommen? Vielleicht ja, wie ich bereits ursprünglich vermutet hatte, im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit als Postschaffner.

Sollte es sich beim Förster Clair von Bieberswalde bei Tapiau, ehemals Förster in Drusken, tatsächlich um meinen Urururgroßvater Friedrich Clair, geboren 1799 in Ludwigswalde, verheiratet 1824 in Corjeiten und lange Jahre wohnhaft in Juditten bei Königsberg, handeln, was ich weiterhin für wahrscheinlich halte, dann wäre seinen zahlreichen uns bereits bekannten Kindern nun also auch noch seine jüngste Tochter Ludovica Wilhelmine hinzuzufügen. Sie war im Jahr 1867 ausweislich des Kirchenbucheintrags 28 Jahre alt, sollte also demnach 1838 oder 1839 geboren sein, d.h. kurz vor meinem Ururgroßvater Franz 1941. Seit 1839 war Friedrich Clair Förster in Drusken, also könnte seine jüngste Tochter Ludovica Wilhelmine bereits dort geboren worden sein oder aber noch zuvor in Juditten. Doch da sie dort im Kirchenbuch, was ich bereits vor vielen Jahren ausgewertet habe, nicht auftaucht, dürfte sie eher schon in Drusken geboren worden sein.
Folgende Kinder von Friedrich und Justine Clair sind uns somit bisher bekannt:

Kinder von Friedrich (1799-18??) und Justine Clair/Claer, geb. Knaebe/Knebel (ca. 1803-18??)
– 1824 Wilhelm Friedrich (23. Oktober) in Corjeiten – verstorben 15.6.1889 in Rahnkalwen/Dittlaken
– 1826 Heinrich Julius (17. Dezember) in Juditten
– 1828 Amalia Dorothea (??. November) in Juditten
– 1830 Albert Eduard (14. November) in Juditten
– 1833 Herrmann August (8. Januar) in Juditten
– 1835 Justina Wilhelmine (??. Februar) in Juditten
– 1837 Auguste Ernestine (11. März) in Juditten
– 1839 Otto Conrad (14. April) in Juditten
– ca. 1839 Ludovica Wilhelmine in Eichenberg/Drusken (?)
– 1841 Franz Claer (27. September) in Eichenberg/Drusken, Kr. Wehlau – verstorben 16.10.1906 in Neidenburg

Als problematisch erscheint nun allerdings, dass im April 1839 noch in Juditten Otto Conrad zur Welt kam, sodass Mutter Justine aus biologisch-mathematischen Gründen eigentlich erst allerfrühestens Anfang 1840 wieder ein Kind hätte bekommen können. Das wäre dann 1867 aber erst höchstens 27 Jahre alt gewesen und nicht, wie es im Kirchenbuch von Bieberswalde bei Tapiau hinsichtlich Ludovica Wilhelmines heißt, bereits 28. Allerdings beruhten die Altersangaben über die Braut im Kirchenbuch vermutlich nur auf den Aussagen der Beteiligten, was gewisse Ungenauigkeiten denkbar erscheinen lässt. Ebenso wäre auch ein geringfügiger Rechenfehler vorstellbar, so dass hier grundsätzlich noch alles ins Bild passt.

Ferner könnte aber auch noch ein Abgleich mit den handschriftlichen Notizen meines Großvaters Gerhard Claer hilfreich sein. Ich zitiere aus einem meiner früheren Berichte:

„An dieser Stelle ist ergänzend auf die handschriftlichen Aufzeichnungen meines Großvaters Gerhard Claer hinzuweisen, wonach im Kirchenregister der ev. Kirche Judithen bei Neidenburg, Jahrgang 1828, Seite 451 Nr. 61 einige Male Clair mit „ai“ erscheint, nämlich: „Heinrich Clair, Förster; Otto C., Gendarm u.s.w., Franz u.s.w. Postbeamter// Geschwister Amelie (?) geb. Clair“. Er geht offenbar von einer Verwandtschaft aus und wertet die dem Französischen näherstehende Schreibweise als Indiz für die ursprünglich französische Herkunft der Familie… Die vollständige Notiz meines Opas Gerhard enthielt außerdem noch den Zusatz: 9 Knaben, 3 Mädchen. Sollte dies die Anzahl der Kinder von Friedrich Claer und Justine Knaebe sein?”

Nun wären wir einschließlich Ludovica Wilhelmine aber schon bei vier Mädchen (und nur sechs Jungs), was doch schon eine signifikante Abweichung darstellt…
Was auch noch möglich wäre: Dass Friedrich und Justines zweitältester Sohn Heinrich Julius Clair, geboren 1826 in Juditten und laut meinem Großvater Gerhard – siehe oben – ebenfalls von Beruf Förster, seinem Vater Friedrich irgendwann nach 1839 auf die Försterstelle in Drusken gefolgt ist und dass er es war (und nicht sein Vater Friedrich), der 1855 von Drusken nach Bieberswalde bei Tapiau versetzt wurde. Denn einen Vornamen des Försters Clair enthält weder der Eintrag aus dem Jahrbuch über die Versetzung nach Bieberswalde im Jahr 1955 noch der Eintrag im Kirchenbuch von Bieberswalde bei Tapiau aus dem Jahr 1867.

Sicher auszuschließen ist allein, dass der älteste Sohn Friedrichs und Justines, Wilhelm Friedrich Clair, geboren 1824 in Corjeiten (und ein direkter Vorfahre von Andreas Z.), auch er von Beruf Jäger, von Drusken nach Bieberswalde bei Tapiau versetzt wurde, denn sein Leben an verschiedenen Wirkungsstätten ist mittlerweile hinreichend dokumentiert, siehe meine früheren Berichte.
Doch es könnte nach 1839 ebenso gut auch noch ein Neffe Friedrichs, etwa ein Sohn von Friedrichs jüngerem Bruder, dem Oberförster Johann Wilhelm Clair (geb. 1802 in Ludwigswalde,) eine Anstellung als Jäger in Drusken gefunden haben und 1855 von dort nach Bieberswalde versetzt worden sein. Oder sogar Johann Wilhelm selbst. Kurz gesagt: Es bleibt unübersichtlich und vieles ist möglich.

Bemerkenswert am Bieberswalder Kirchenbucheintrag ist aber schließlich noch die divergierende Namensschreibweise von Vater und Tochter: Ludovica Wilhelmine Claer wird schon mit ae geschrieben, ihr Vater nur eine Zeile darunter aber noch mit ai.

2. Neues von den Claers in Thüringen

Lange Jahre hatten wir keine neuen Erkenntnisse mehr über die Claers in Thüringen und ihre etwaige Verbindung zu unseren ostpreußischen Claers gewinnen können. Nun endlich kommt aber wieder Bewegung in die Sache.

a) Bisheriger Kenntnisstand
Bisher wussten wir nur vom überregional operierenden Erfurter Fuhrunternehmer Christoph Friedrich Claer (1802-1860), der in seiner Jugend bis 1826 zunächst als Chausseewächter in Frienstedt (Vorort von Erfurt) aufgetreten ist. Von 1836 bis 1846 war er Frachtfuhrmann in Erfurt, ab 1849 dann Fuhrherr und Spediteur ebendort. Er war zweimal verheiratet, zuerst mit Sophie Catharina Hof(f)mann, nach deren frühen Tod um 1826 mit Christiane Marie Scherlitz. Seiner ersten Ehe entstammt sein Sohn Friedrich Wilhelm Heinrich Claer, geb. 1825 in Frienstedt.

Gemäß Friedrich Christophs Geburtseintrag aus Siersleben im Südharz vom 16.11.1802 war sein Vater der Feldjäger (und wohl doch nicht Feldscher, wie es zuerst entziffert wurde) Johann Friedrich Klaer, der wiederum als “der jüngste Sohn des hochehrwürdigen Herrn (unleserlich, ev. Jäger oder Förster) Christian Friedrich Klaer aus Wettin/Wollin/Wittin (o.ä., so lasen die Experten es damals)” bezeichnet wurde. Tante Lorelies liest nun als Ortsangabe hier “eindeutig Wittiz. Wahrscheinlich heißt der Ort Wittitz, hat der Schreiber vielleicht nicht gewusst.”

Es soll einmal einen kleinen Ort namens Wittiz bei Kamenz gegeben haben. Ferner gibt es ein Wittitz (Vitice) in Böhmen, gut 40 km östlich von Prag. Die Entfernung von Siersleben nach Kamenz beträgt 234 km, nach Wittitz bei Prag 377 km; die Entfernung von Siersleben nach Ludwigswalde bei Königsberg in Ostpreußen sogar 901 km.

Als wir uns vor etwa einem Jahrzehnt damit beschäftigten, rätselten wir, ob es trotz der großen Entfernung eine Verbindung zu “unseren” Claers in Ostpreußen geben könnte, denn die Übereinstimmungen bei den Vornamen (alle heißen Friedrich mit unterschiedlichen Zusätzen wie Johann, Christian, Christoph oder Heinrich) und den Berufen (alle sind Förster/Jäger außer dem Fuhrunternehmer) sind schon sehr auffällig. Insbesondere gab es ja in Ludwigswalde neben “unserem” Friedrich Wilhelm Clair (laut Mundia-Datenbank-Eintrag 1770-1813, Vater des im 1.Kapitel behandelten (Christian) Friedrich Clair (1799-18??)) auch dessen mutmaßlichen Bruder, den Unterförster Johann Friedrich Clair. Und dieser ist namensidentisch und berufsgleich mit dem Vater des Fuhrunternehmers, dem Feldjäger Johann Friedrich Klaer, der 1802 in Siersleben geheiratet hat. Laut dem damals zitierten Experten war die örtliche Mobilität der Förster damals einerseits sehr hoch, andererseits hielt er die Entfernung von Ostpreußen nach Thüringen für doch zu groß, um darauf zu spekulieren.

Neben den genannten Claers in Erfurt hatten wir damals noch den Google-Suchtreffer eines Försters namens Clair im thüringischen Krakendorf im Jahr 1816:

Als solcher war er aufgeführt im “Großherzoglich-Sachsen-Weimar-Eisenachischen Hof- und Staatshandbuch. Darinzustehen war schon eine große Ehre, zumal in diesem Buch auch kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe als Minister dieses Großherzogtums Erwähnung findet. Doch konnten wir für diesen Förster von Krakendorf, das gut 30 km südöstlich von Erfurt liegt, bisher noch keine Verbindung zu den Claers aus Erfurt finden. Die Betonung liegt auf bisher…

b) Neue Funde
Nun hat Andreas Z. in alten Kirchenbüchern aus Erfurt gleich vier Volltreffer gelandet (Entzifferung jeweils von Tante Lorelies):

1849: Friedrich August Clar (hier wird schräg über l und a das e raufgetupft. Daraus ist später dann sicher Clär entstannden, ich habe auch erst ä gelesen) vormals Unterförster in Königl.Peuß. Dienst, Fleischgasse Nr.1452 Ehemann. Wagenwärter, 72, hinterließ mehrere maj. Kinder, wie auch seine Ehefrau, Freitag 9. März, Nachmittag 4.. Altersschwäche

1843: Wilhelmine Charlotte Rosalie Clar (e drauf) Freitag, den 10.März, abends halb 12 Uhr, ehelich, Vater Herr Friedrich Christoph Claer, Bürger und Frachtfuhrmann, Mutter Frau Christiane Marie, geb. Scholtz (Schultz, Schulitz?) Fleischgasse Nr.1452 Dom October den 19ten März, Taufzeugin Jungfrau Wilhelmine Charlotte Rosalie Franz, Steuerbeamtin zu Nordhausen, Tochter

1858: Claer, Friederike, Sophie, geb. Hoffmann nachgelassen, Witwe des Chaussee-Aufsehers Friedrich August Claer, Schmidtstädterstr. No 509, 69, 2 majorenne Kinder, 15. Februar, 2 1/2 3 Uhr früh, Schlagfluß, vom Leichenbestatter von Rhein gemeldet 17. Februar , daselbst No 433 A

1854: Cramer, gen. Krämer, Johann Georg, Bürger und Gärtner…? zu Unter…?? 6 Eltern: Johann Andreas Cramer zu Grüningen, Frau Martha geb. Köhler. Alter des Bräutigams 55/4 Wittwer. Braut: Claer, Jungfrau, Dorothea Friederike, ev. , Am Anger. Eltern der Braut : Friedrich August Claer, gen.. Ortsbürger und Förster zu Krakendorf im Eisen… und Frau Anna …Elisabeth, geb. Hoffmann. Alter der Braut : 34, ledig, Aufgebot in der Lohfüßer Kirche

c) Einordnung dieser Funde:
Nun wissen wir also, dass der vormalige Förster von Krakendorf, Friedrich August Claer, geboren um 1776 und verstorben 72-jährig an Altersschwäche am 09.03.1849 in Erfurt, dort in der Fleischgasse Nr.1452 gewohnt hat. (Übrigens beste Innenstadtlage in der Erfurter Altstadt.) Genau diese Wohnadresse hatte aber auch der Fuhrunternehmer Christoph Friedrich Claer mit seiner Familie im Jahr 1843. Da Friedrich August, Jahrgang 1776, wie wir wissen, nicht der Vater von Christoph Friedrich, Jahrgang 1802, war, fragt sich, in welchem Verwandtschaftsverhältnis sie gestanden haben könnten. Am naheliegendsten wäre wohl die Vermutung, dass Friedrich August der Onkel von Christoph Friedrich war, mithin der Bruder von Christoph Friedrichs Vater Johann Friedrich (Geburtseintrag von Siersleben, siehe oben). Wären sie noch entferntere Verwandte gewesen, hätten sie vielleicht nicht unbedingt im selben Haus gewohnt…

Fleischgasse 14 in Erfurt heute

Noch dazu war Friedrich August Claer, wie es in seinem Todeseintrag heißt, bis zuletzt noch als Wagenwärter tätig (vielleicht sogar in Christoph Friedrichs Firma, was ja naheliegend gewesen wäre) und zuvor offenbar auch noch als Chaussee-Aufseher, wie es im Todes-Eintrag seiner Witwe erwähnt wird. Als „Chaussee-Wächter“ in Frienstedt hat übrigens auch sein mutmaßlicher Neffe Christoph Friedrich Claer angefangen. Das war vermutlich von seinem Großvater mütterlicherseits vermittelt, der aus dieser Branche kam, hatten wir früher mal rausgefunden.
Interessant ist ferner der Umstand, dass Friedrich August Claer, der Förster von Krakendorf, als “Unterförster in Königl. Preuß. Dienst” bezeichnet wird. Tatsächlich waren die Stadt Erfurt und Umgebung seit 1802 preußisch geworden, allerdings die Gemeinde Krakendorf offenbar schon nicht mehr, denn sonst hätte es ja nicht den besagten Eintrag im Jahrbuch des Großherzogtums Sachsen-Weimar gegeben.

Könnte es nicht sein, dass der preußische Staat ab 1802 loyale Beamte aus seinen bisherigen Provinzen in die neu erworbenen Gebiete beordert hat? So könnten doch Friedrich August (Jahrgang 1776) und sein jüngerer Bruder Johann Friedrich (der jüngste Sohn seines Vaters laut oben angeführtem Sierslebener Geburtseintrag) aus diesem Grund von Ostpreußen nach Thüringen bzw. in die Mansfelder Grafschaft (zu der Siersleben gehörte) gekommen sein, während ihr älterer Bruder, nämlich “unser” Friedrich Wilhelm (Jahrgang 1770) in Ludwigswalde und später woanders in Ostpreußen verblieben ist.

Aus den Einträgen in den Erfurter Kirchenbüchern ergeben sich darüber hinaus noch weitere spannende Erkenntnisse: Anscheinend war Fuhrunternehmer Christoph Friedrich Claer in fortgeschrittenem Alter sogar noch ein drittes Mal verheiratet, nämlich mit Christiane Marie, geb. Scholtz (Schultz, Schulitz?). Mit ihr hat er 1843, also mit immerhin schon 41 Jahren, noch die Tochter Wilhelmine Charlotte Rosalie bekommen. (Er war ja als erfolgreicher “Ökonom”, wie es in einem Eintrag heißt, den wir schon früher einmal gefunden hatten, zweifellos eine gute Partie.)
Ferner erfahren wir, dass der oben erwähnte Friedrich August Claer, der frühere Förster von Krakendorf, mit Friederike Sophie, geb. Hoffmann, verheiratet war, die erst 1858, also zehn Jahre nach seinem Tod, 69-jährig verstorben ist. Sie war folglich Jahrgang 1888 oder 1889, also 12 oder 13 Jahre jünger als ihr Mann. Außerdem hat sie zu dieser Zeit nicht mehr in der Fleischgasse gewohnt, sondern in der Schmidtstädterstr. No 509, 69. Vielleicht hat ja der Platz in Christoph Friedrichs Haus nicht mehr für seine Tante gereicht, oder sie hat es von sich aus vorgezogen, woanders zu wohnen. Jedenfalls hat sie bei ihrem Tod laut Eintrag zwei erwachsene Töchter hinterlassen. Eine davon, nämlich Dorothea Friederike, hat 1854 im Alter von 34 Jahren erstmals geheiratet, und zwar einen 55-jährigen Witwer, Bürger und Gärtner. Damit war Dorothea Friederike übrigens nur fünf Jahre älter als der 1825 geborene Sohn Friedrich Wilhelm Heinrich ihres mutmaßlichen Cousins Christoph Friedrich.

Doch noch einmal zurück zu den Förstern Friedrich Wilhelm Clair (geb. 1770), Friedrich August Clair (geb. 1776) und Johann Friedrich Clair (geb. nach 1776). Sollte meine gewagte Theorie – siehe oben – stimmen, wären sie Brüder gewesen und stammten alle drei aus Ostpreußen. Von Johann Friedrich wissen wir aus dem Geburtseintrag in Siersleben, dass er der “jüngste Sohn des hochehrwürdigen Herrn (unleserlich, ev. Jäger oder Förster) Christian Friedrich Klaer aus vermutlich Wittiz oder Wittitz war. Zwar gibt es kein Wittiz oder Wittitz in Ostpreußen, doch könnte Vater Christian Friedrich Klaer dorthin (wo auch immer es sich befindet) natürlich auch erst später versetzt worden sein, womöglich ja ebenfalls wegen der preußischen Gebietszuwächse und des Bedarfs an loyalen preußischen Beamten…

Nun trägt auch mein im ersten Kapitel ausführlich gewürdigter Urururgroßvater Friedrich Clair, geboren 1799 in Ludwigswalde als Sohn des Unterförsters Friedrich Wilhelm Clair, den ersten Vornamen Christian. Denkbar wäre es folglich, dass “unser” Christian Friedrich Clair nach seinem mutmaßlichen Großvater, dem “hochehrwürdige Christian Friedrich Klaer”, benannt worden ist, zumal der Zusatz „Filius“ zu seinem Namen in seinem Geburtseintrag 1799 ja auch nahelegt, dass es neben ihm noch einen älteren Christian Friedrich Clair gegeben hat.

Dass bei einem Namenseintrag im Kirchenbuch das Adjektiv “hochehrwürdig” dem Namen vorangestellt wird, wie es im Kirchenbuch von Siersleben bei besagtem Christian Friedrich Klair aus Wittiz oder Wittitz geschehen ist, gilt – wie es uns vor einem Jahrzehnt auch von Experten bestätigt wurde – als sehr ungewöhnlich. Dieser Christian Friedrich muss sich also durch irgendetwas Besonders hervorgetan haben. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass alle seine Söhne ebenfalls Friedrich heißen (was wohl sein Rufname gewesen sein dürfte). Der ältere Christian Friedrich könnte zwischen 1740 und 1750 geboren worden sein und die spätere „Marke“ Förster Friedrich Clair etabliert haben. Vielleicht gibt es sogar eine Verbindung zu Friedrich dem Großen, der 1740-1786 preußischer König war. Und der erste Name Christian verweist möglicherweise auf „Christian Clerc, der nach Preußen gehet“, der 1719 in Stolp auf dem Weg nach Ostpreußen registriert wurde, mutmaßlich unterwegs zu seinen Verwandten David, Jakob und Abraham Clerc/Clair in der Schweizer Kolonie in Gumbinnen (seit 1712), wo ja noch 1734 Elisabeth Clair, die Tochter des Jacob Clair, geheiratet hat. Kurzum, der ältere Christian Friedrich könnte zur zweiten oder dritten Einwanderergeneration der aus St. Imier stammenden ostpreußischen Clairs gehört haben.

Natürlich sind meine Ausführungen der letzten drei Absätze weitgehend spekulativer Natur, wenn auch, wie ich zumindest hoffe, nicht völlig aus der Luft gegriffen…

3. Ausblick

So viel also für dieses Jahr. Ob wir in der besonders schwierigen Frage des Lückenschlusses zwischen den Clairs in der Schweizer Kolonie in Gumbinnen ab 1712 und “unseren” Förstern in Ludwigswalde bei Königsberg im späten 18. Jahrhundert jemals entscheidend weiterkommen werden, steht nach wie vor in den Sternen. Doch gibt es darüber hinaus und drum herum gewiss auch weiterhin so viele spannende und immer wieder überraschende Entdeckungen zu machen, dass unser Forschungseifer auch in Zukunft nicht erlahmen sollte…

Jahresende 2023: Thomas Claer als Komparse bei Babylon Berlin (Screenshot)

6. Folge der 4. Staffel, Gerichtsszene

justament.de, 11.12.2023: Feucht-fröhlicher Radaubruder

Scheiben Spezial: Zum Tod des großen Folkpunk-Pioniers Shane MacGowan

Thomas Claer

Es lag ja damals, Mitte der Achtziger, ja schon seit längerem in der Luft, dass auch einmal so etwas wie Folk-Punk entstehen könnte. Beinahe seit es Rockmusik gab, gab es auch schon folkloristischen Rock. Doch dass es dabei lauter, härter und schräger zur Sache ging, das blieb zunächst die Ausnahme, etwa hierzulande auf Achim Reichels rockigen Seemannslied-Platten “Dat Shanty Alb`m” (1976) und “Klabautermann” (1977). Erst knapp ein Jahrzehnt später vollzog sich dann die längst überfällige Fusion aus anarchischem (Post-)Punk und traditioneller Folklore, als der laute, harte und schräge Folkrock auch noch schnell wurde und von wilden Pogotänzen seiner Fans begleitet wurde. Der Prototyp dieser Richtung war die irische Sauf-Combo “The Pogues” mit ihrem charismatischen Sänger und Songwriter Shane MacGowan (1957-2023). Ihre ersten beiden Platten “Red Roses for me” (1984) und “Rum, Sodomy and the Lash” (1985) galten in der aufgewühlten Londoner Indie-Szene zunächst noch als Geheimtipps. Der kommerzielle Durchbruch gelang ihnen dann erst mit dem ebenso famosen dritten Album “If I Should Fall from Grace with God” (1988). Bemerkenswerterweise finden sich darauf nicht mehr nur Volksweisen und Eigenkompositionen irischer Provenienz, sondern mit “Fiesta” auch ein spanische Folklore adaptierendes Lied und noch dazu sogar ein orientalisch anmutender “Turkish Song of the Damned”. Natürlich war das alles ganz großartig. Man kann wohl sagen, dass es keinen besseren und überzeugenderen Folkpunk in der Welt gibt als auf diesen drei frühen Platten der Pogues.

Doch so ungestüm und unbeschwert konnte es natürlich nicht weitergehen. Mit zunehmendem Ruhm der Band wurden ihre weiteren Platten zusehends schwächer und der Alkoholismus insbesondere ihres Frontmanns Shane MacGowan immer virulenter. Schließlich ging es bei ihm nicht mehr – und ihre letzten beiden Platten “Waiting for Herb” (1993) und Pogue Mahone” (1995) machte die Band dann notgedrungen ohne ihn. Bald darauf fielen die Pogues auseinander. Doch nur, um 2001 mit einem triumphalen Wiedervereinigungskonzert mitsamt dem vorläufig genesenen Shane MacGowan am Mikrophon wieder aufzuerstehen. Fortan tourten sie mit dem grandiosen Repertoire ihrer frühen Jahre munter um die Welt und unterließen es klugerweise, noch weitere Tonträger mit etwaigem neuem Material zu veröffentlichen. Erst 2014 war dann endgültig Schluss, als mehrere Bandmitglieder gesundheitlich nicht mehr zur Fortsetzung ihrer Musikerkarrieren in der Lage waren. Shane MacGowan war dann auch noch einige Jahre lang drogensüchtig, was ausgerechnet seine Nachbarin und Musikerkollegin Sinead O’Connor (1966-2023) publik gemacht hatte, die ihm in einer Art Hassliebe bis zu ihrem Lebensende eng verbunden geblieben ist. Nur wenige Monate nach seiner suizidalen Freundfeindin hat am letzten Novembertag dieses Jahres nun auch Shane MacGowan das Zeitliche gesegnet. Er wurde 65 Jahre alt, was gemessen an seinem Lebensstil als durchaus beachtlich angesehen werden kann.

justament.de, 20.11.2023: Aha, aha, aha

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor 40 Jahren hatte die Neue Deutsche Welle ihren Höhepunkt

Thomas Claer

Zu meinen prägendsten kulturellen Kindheitserlebnissen gehörte zweifellos die Rezeption der Neuen Deutschen Welle, die eine grundlegende Neubestimmung aller Hörgewohnheiten in der populären Musik in Deutschland mit sich brachte. Und das längst nicht nur im Geltungsbereich der Freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Auch wir im Osten bekamen übers Westfernsehen und –radio im Wesentlichen alles mit, jedenfalls das von der NDW, was zum Medienhype wurde, was aber, wie ich später erfahren sollte, eigentlich nur die Spitze des Eisbergs war. Tatsächlich war die Neue Deutsche Welle, wie es z.B. in der Dokumentationsreihe zur deutschen Musikgeschichte “Pop 2000” eindrucksvoll herausgearbeitet wurde, ursprünglich ein Underground-Phänomen, als sich Ende der Siebzigerjahre plötzlich in allen Teilen der alten BRD Musikschaffende dazu aufschwangen, anarchische Rock- und Popmusik mit deutschen Texten entstehen zu lassen. Natürlich ist dann alles dort hineingeflossen, was seinerzeit ohnehin schon en vogue war: Das ganze Punk-Ding war noch nicht lange her, da kam auch schon New Wave – und solche Sachen gab es nun plötzlich auch mit deutschen Texten. Auch wenn es stilistisch kaum auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen war, was damals alles unter dem NDW-Label firmierte. Die Gemeinsamkeit war der ungestüme Dilettantismus, mit dem die Protagonisten allesamt zu Werke gingen. Und gerade dadurch waren sie so gut. Doch witterten die Puristen dieser Bewegung spätestens ab 1982/83 den großen Ausverkauf ihrer Ideale, als immer mehr NDW-Bands und –Stars in Unterhaltungssendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens auftraten und so zusehends um die Gunst eines Massenpublikums buhlten.

Für mich als noch nicht einmal Teenager im abgeschotteten Teil Deutschlands hinter der Mauer war aber genau diese NDW-Präsenz im westdeutschen Unterhaltungsfernsehen ein großer Glücksfall, denn wie sonst hätte ich diese aufregend bunten, schrillen und lauten Musikrevolutionäre sonst kennenlernen sollen? Trio mit “Da Da Da”, Nena mit “99 Luftballons”, Peter Schilling mit “Major Tom”, die Spider Murphy Gang mit “Peep Peep”, Geier Sturzflug mit dem Song vom Bruttosozialprodukt, Hubert Kah mit “Sternenhimmel” – sie alle wurden zu meinen Kindheitshelden, weil ich sie in der “Hitparade im ZDF” bei Dieter Thomas Heck gesehen und mit unserem Kassettenrekorder aus dem Westen aufgenommen hatte. Niemand kann sich heute mehr vorstellen, welche Wirkung eine solche Musik beim Stammpublikum dieser Schlagersendung hatte – und natürlich ebenso bei den Zuschauern am Bildschirm, zumal bei uns im Osten. Ich erinnere mich noch genau daran, wie sich mein Vater über das Erscheinungsbild von Trio-Sänger Stephan Remmler aufregte. Wie könne man denn nur so rumlaufen, wenn man ins Fernsehen kommt? In solch einem abgewetzten T-Shirt auf der Bühne stehen und dabei auch noch Kaugummi kauen? Der habe ja wohl überhaupt kein Benehmen! Dabei war mein Vater gerade einmal 13 Jahre älter als der NDW-Star. Aber genau hier verlief der Riss zwischen den Generationen, zwischen der Wiederaufbau-Generation auf der einen und den Achtundsechzigern und Postachtundsechzigern auf der anderen Seite. Für meinen Vater jedenfalls war diese ganze NDW-Musik, wie er sich ausdrückte, “der letzte Husten”. Meine Mutter war da schon aufgeschlossener und erst recht unsere Nachbarin, Frau G. Sie sang sogar begeistert im Treppenhaus “Aha, aha, aha, ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht, aha, aha, da, da, da”, während mein Vater darüber nur den Kopf schüttelte…

Ungefähr 1983 erlebte die Neue Deutsche Welle mit zahlreichen Superhits ihren medialen und kommerziellen Höhepunkt. 1984 kamen dann nur noch “Engel 07” von Hubert Kah und “Terra Titanic” von Peter Schilling – dann war aber endgültig die Luft raus. Spätestens 1985 redete niemand mehr von der Neuen Deutschen Welle.

justament.de, 13.11.2023: Mops, Nudel, Badewanne – und früher war mehr Lametta

Zum 100. Geburtstag des großen Humoristen Vicco v. Bülow

Thomas Claer

Die Deutschen und der Humor, das ist zweifellos eine schon von jeher prekäre Beziehung. Doch muss man wohl sagen: So viel Lustiges auf höchstem Niveau wie heute gab es hierzulande noch nie in den Medien – und das in globalpolitisch gruseligen Zeiten wie diesen! Ein maßgeblicher Wegbereiter für alle unsere heutigen Meister des Komischen war einer, der als Offizier in der Deutschen Wehrmacht gewissermaßen selbst durch die Hölle gegangen ist und sich anschließend daranmachte, eine zutiefst erschütterte und traumatisierte Nachkriegsgesellschaft zu bespaßen. Vor allem hat er dabei immer wieder die naturgemäß ernsthafte Attitüde der damals zeittypischen “autoritären Persönlichkeit” aufs Korn genommen und der Lächerlichkeit preisgegeben. Dass ein nicht ganz kleiner Teil der Loriot-Sketche heute nicht mehr so ohne weiteres funktioniert, sollte uns aufatmen lassen, denn die heutige Gesellschaft ist – verglichen mit jener vor einigen Jahrzehnten, der Loriot den Spiegel vorgehalten hat, – erkennbar eine andere geworden: weitaus freier, lockerer und entspannter. Das Standesrenommee der Hotelbadewannen-Männer (“Sie wissen wohl nicht, wen sie vor sich haben?”), der fanatische Ordnungssinn des sich am schiefen Bild störenden Anzugträgers, die umständlich-verdruckste Vorgehensweise des Kavaliers mit der Nudel an der Nase – das alles gibt es in dieser Form wohl mittlerweile nicht mehr. Gleiches gilt vermutlich auch für die beiden Filmkritiker im Fernsehstudio, die sich so verbissen wie wortgewaltig über einen Klamauk-Kurzfilm in die Wolle kriegen.
Doch ist manches in Loriots Werken dann doch auch überzeitlich-universell. Das Auseinanderklaffen von Anspruch und Umsetzbarkeit, von Wunsch und Wirklichkeit, erzeugt nun einmal in jeder Gesellschaft Komik. Besonders Loriots grandiose Doppelbegabung als Zeichen- und Sprachkünstler – auf den Spuren von Wilhelm Busch sozusagen – lässt ihn unter Deutschlands Humoristen als Solitär erscheinen. Und dabei verkörperte er die neue Zeit nicht zuletzt auch in persona: als Angehöriger einer preußischen Adelsfamilie, der statt einer militärischen oder wenigstens gehoben administrativen Laufbahn letztendlich eine solche als Spaßmacher eingeschlagen hat. Gestern wäre Deutschlands witzigster Blaublütiger 100 Jahre alt geworden.

justament.de, 16.10.2023: Er hat das Loch in der Welt geseh’n

Scheiben Spezial: Vor 25 Jahren erschien die zweite Platte von Fink

Thomas Claer

Dass Element of Crime einzigartig sind und es nichts Vergleichbares unter dem deutschen Musikhimmel gibt, weiß mittlerweile wohl jeder, der es wissen will. Doch ist das längst nicht immer so gewesen, denn es gab einmal, ungefähr von Mitte der Neunziger bis Mitte der Nullerjahre, eine Band aus Hamburg, die den Elements nicht nur in vielfacher Hinsicht das Wasser reichen konnte, sondern auch eine beachtliche stilistische Nähe zu ihnen aufwies. Kenner wissen das alles schon lange. Die Rede ist natürlich von Fink, der etwas schrägen Country-Combo des leider viel zu früh verstorbenen Texters, Sängers und Gitarristen Nils Koppruch (1965-2012). Eine Zeit lang waren Fink passenderweise sogar die Vorgruppe von EoC. Und dann spielte auch noch Sven Regener in mehreren Fink-Stücken Trompete.

Angefangen hatte es mit Fink-Veröffentlichungen 1997, als ihr Debütalbum “Vogelbeobachtung im Winter” erschien, das zwar schon durchaus bemerkenswert war, doch hatte die Band darauf ihren Stil noch nicht endgültig gefunden. Dies geschah dann erst ein Jahr später, 1998, vor 25 Jahren, auf dem Album “Loch in der Welt”, das damals, genau wie seine Interpreten, noch ein echter Geheimtipp war. Wunderbar lakonisch kamen diese Songs daher, voll poetischer Tiefe und schwärzester Romantik: “Werft mich in einen Fluss, und wenn ihr Pech habt, hab ich Glück/ Und komm mit einem Fisch im Maul zurück.” Sven Regeners obligatorischer Trompeten-Einsatz ertönt im vierten Stück der Platte mit dem programmatischen Titel “Als einer einmal nicht kam”. Eine wirklich sehr düstere Stimmung durchzieht beinahe das ganze Album: “Wir werden seh’n, ob das Warten sich lohnt/ Und irgendwann… und irgendwann bin ich tot.” Das mit der Frage, ob das Warten sich lohne, textete Nils Koppruch übrigens drei Jahre vor Regener, der es im Song “Es regnet” auf der EoC-Platte “Romantik” wieder aufgreift, allerdings ohne die buchstäblich tödliche Konsequenz seines Kollegen Koppruch.

Ja, das tragisch frühe Ende des so begabten Songwriters Nils Koppruch kam bei Lichte betrachtet keineswegs aus heiterem Himmel. Immer wieder, wohl mindestens einmal auf jeder Fink-Platte, kreisten seine Texte um Sterben und Tod. Und dass es auch auf fast jeder ihrer Platten ausgerechnet 13 Titel sein mussten, hat sich offenbar auch nicht gerade als Glücksbringer erwiesen… Noch zwei weitere zumindest punktuell sehr starke Alben folgten aufs überragende “Loch in der Welt” (1998), nämlich “Mondscheiner” (1999) und das selbstbetitelte rote Album “Fink” (2001). Dann hellte sich, wohl auch bedingt durch den zunehmenden Ruhm und Verkaufserfolge, die Stimmung auf den beiden darauffolgenden Platten zusehends auf, was denen aber nicht unbedingt gutgetan hat. Auch die Band schien mit “Haiku Ambulanz” (2003) und “Bam Bam Bam” (2005) nicht mehr richtig glücklich gewesen zu sein und löste sich schließlich auf. Es folgten noch zweieinhalb Soloalben von Nils Koppruch, und dann… und dann war er tot. Das Urteil für “Loch in der Welt” lautet: gut (14 Punkte).

Fink
Loch in der Welt
XXS Records/Indigo 1998

justament.de, 2.10.2023: Als die Welt rund war

Recht historisch: Vor 30 Jahren wurde die DDR-Fußballzeitschrift Fuwo eingestellt – nach fast viereinhalb Jahrzehnten

Thomas Claer

Damals, in meiner Kindheit und Jugend in den Achtzigern, hatte ich einen Lieblingswochentag, und das war der Dienstag. Warum gerade Dienstag? Weil Dienstag Fuwo-Tag war. Es erschien, von mir immer aufs Neue heiß ersehnt, die wöchentliche Ausgabe der “Neuen Fußballwoche”, kurz Fuwo. Sie enthielt beinahe alles, was mein kindliches und jugendliches Herz zu jener Zeit begehrte: nämlich die ausführliche Berichterstattung über die maßgeblichen Fußballspiele des zurückliegenden Wochenendes, zumindest über jene in der Deutschen Demokratischen Republik, dazu allerhand Zahlen und Statistik sowie – immerhin – die Ergebnisse und Tabellen aus den anderen Ländern Europas, darunter auch die von drüben aus der Bundesliga. Noch interessanter wären allenfalls Spielberichte über den West-Fußball gewesen, aber an so etwas Ausgefallenes war zu jener Zeit der deutschen Teilung natürlich nicht zu denken.

Für mich war seinerzeit die Fuwo – neben der Comic-Zeitschrift Mosaik – der prägende Lesestoff schlechthin. Seit meiner ersten Ausgabe, Heft 1/1981, habe ich bis zum bitteren Ende kein Heft verpasst. Wobei allerdings die Fuwo, man muss es leider so hart sagen, schon ab Mitte 1990 eigentlich gar nicht mehr sie selbst war. Mit Mauerfall und Wiedervereinigung wurde nämlich die einzige Fußballzeitschrift der DDR einer inhaltlichen, optischen und sprachlichen Modernisierung unterzogen, durch die leider alles von ihrem vormaligen Charme verlorenging. Dass dieses nun vorgeblich marktgängige kunterbunte Machwerk aus fetten Überschriften und reißerischer Aufmachung schließlich eingestellt wurde, war dann auch nicht mehr so schade. Der Verlust der alten DDR-Fuwo dagegen umso mehr.

Was sich heute sicherlich niemand mehr vorstellen kann: Das sprachliche Niveau der Fuwo war zu DDR-Zeiten, zumal aus heutiger Sicht, überragend. Mein schon in den unteren Schulklassen allgemein als bemerkenswert eingeschätztes Ausdrucksvermögen verdankte ich nicht zuletzt meiner ausdauernden und sorgfältigen Fuwo-Lektüre. Die Fußballberichte waren durch die Bank bildungssprachlich verfasst. “Dynamo wahrte den Nimbus”, “ergo: der Sieg war verdient”, “die Zuschauer waren konsterniert”, der Trainer musste konstatieren”, “das hieße Eulen nach Athen tragen”… Beinahe alle meine Fremdwörter und sonstigen Redewendungen hatte ich aus der Fuwo. Möglich war so etwas, weil dort eine Riege von studierten Journalisten und Germanisten in aller Seelenruhe vor sich hin werkeln durfte. Aktualität und Schnelligkeit? War nicht so wichtig. Es genügte völlig, dass die Berichte übers vergangene Fußballwochenende am Dienstag erschienen. Die Leser? Wurden nicht gefragt. Sie hatten ja auch keine Alternative, denn es war in der DDR nur eine Fußballzeitschrift vorgesehen – zum Preis von 50 Pfennigen, unverändert seit 1949 bis 1990, denn im Sozialismus durfte es ja keine Inflation geben. Das Kontingent der gedruckten Hefte dürfte sich über die Jahre auch kaum verändert haben. Stets war es in der DDR das Problem der Leser, noch ein Exemplar der begehrten Zeitschriften, zu denen auch die Fuwo gehörte, abzubekommen. Dafür türmten sich dann in den Zeitungskiosken so unverkäufliche, weil unfassbar langweilige Printerzeugnisse wie “Sowjetfrau” oder “Sputnik”. Jedenfalls bis Gorbatschow in der Sowjetunion das Ruder übernahm und dank Glasnost und Perestroika die übersetzten Sowjet-Magazine plötzlich super interessant und in der DDR somit doch noch zur Bückware wurden…

Natürlich hat es auch etwas sehr Ironisches, dass ausgerechnet in einem durch und durch unfreien Land jahrzehntelang einige besonders niveauvolle Zeitschriften erscheinen konnten (neben Fuwo und Mosaik auch die Wochenpost oder das Magazin), die unter marktwirtschaftlichen Bedingungen kaum überlebensfähig gewesen wären – und es nach der Wende dann ja überwiegend auch nicht waren. Aber so ist es nun einmal gewesen. Manchmal braucht es eben auch Biotope jenseits der Marktlogik, damit Außergewöhnliches entstehen kann. Der Preis, den etwa die Fuwo-Journalisten für ihre vielen Freiheiten zu zahlen hatten, war es, wöchentlich ein bis zwei Seiten des Blattes mit sozialistischem Propaganda-Quatsch zu füllen – um dafür auf den restlichen 22 Seiten von der Obrigkeit in Ruhe gelassen zu werden…

Besonders erfreute ich mich über die Jahre an den in der Fuwo so zahlreichen Statistiken – und an den Auslandsspielergebnissen und –tabellen, die – jedenfalls in der DDR – nur in der Fuwo und nirgends sonst abgedruckt waren. Bald hatte ich in jeder Liga und in jedem Land eine Lieblingsmannschaft, die ich nur aufgrund ihres wohlklingenden Namens ausgesucht hatte. Meine Vorliebe galt dabei besonders zungenbrecherischen Namen wie Videoton Székesfehérvár aus Ungarn oder Dnepr Dnepropetrowsk aus der Sowjetunion. Insofern war die Fuwo für mich immer auch eine Art Tor zur Welt.

Eine ganz andere, überraschende Seite der Fuwo lernte ich allerdings in ihren Silvesterausgaben, d.h. im jeweils letzten Heft eines Jahres, kennen. Während es in der Fuwo nämlich ansonsten eher ernsthaft und betulich zuging, gab es am Jahresende immer vier Seiten mit ausgelassenem Frohsinn und erstaunlich freizügigen Fotos, unter denen dann auch noch anzügliche Sprüche standen. So fragte etwa in der Ausgabe 52/1981 eine splitternackte junge Dame am Strand mit einem Holzpfosten in der Hand: “Hast du noch ‘ne Querlatte, Benno?” Im Heft 52/1986 erklärte eine barbusige Schönheit sogar: “Gleich wird er mit meinen Bällen spielen.” Tja, im Westen gab es Vergleichbares täglich in der BILD-Zeitung, in der DDR hingegen nur einmal im Jahr in der Fuwo.

justament.de, 23.9.2023: Ganz die alte Ewigjunge

PJ Harvey auf “I Inside the Old Year Dying”

Thomas Claer

Welch eine Freude es doch ist, endlich wieder etwas Neues von PJ Harvey zu hören! Einige Jahre lang hat sie sich rar gemacht und, so heißt es, u.a. an ihrem zweiten Gedichtband gearbeitet. Genau genommen, so verrät uns Wikipedia, handelt es sich hierbei um einen Versroman im Dialekt ihrer Heimat Dorset, einer “traditionellen und zeremoniellen Grafschaft” (Wikipedia) im Südwesten Englands, die schon viele bedeutende Schriftsteller hervorgebracht hat. So wie auch die großartige Sängerin und Songwriterin PJ Harvey, deren herausragende letzte Klangwerke “Let England Shake” (2011) und “The Hope Six Demolition Project” (2016) wir noch in allerbester Erinnerung haben. Nun also ist mit “I Inside the Old Year Dying” ihr mittlerweile zehntes Studioalbum erschienen. Zählt man noch die beiden Kooperationen mit John Parish von 1996 und 2009 dazu, was man unbedingt tun sollte, denn John Parish war bei mehreren anderen PJ-Harvey-Platten ja schließlich auch mehr als nur unwesentlich beteiligt, ohne darauf eigens als Co-Hervorbringer zu firmieren, wie übrigens auch diesmal, dann ist die neue Platte bereits ihre zwölfte. Um von weiteren John-Peel-Sessions- und Raritäten-CD gar nicht erst zu reden… Kurzum, die in wenigen Tagen 54-jährige PJ kann auf eine nicht unerhebliche Anzahl an Veröffentlichungen zurückblicken und klingt dennoch auf ihrem neuen Album unverändert wie ein junges Mädchen, oder sagen wir: wie das eigensinnige und etwas kratzbürstige junge Mädchen, als das wir sie schon auf ihren ersten Platten Anfang der 90er kennengelernt haben. Und, nur ganz nebenbei: Auch optisch hat sich Polly Jean über die Jahre hinweg bemerkenswert gut gehalten. Auf dem Rückseitenfoto versprüht sie jedenfalls im engen weißen Kleid und in High Heels, dabei ihr rechtes Bein und ihren linken Unterarm entblößend, mehr Sex-Appeal als alle heutigen 21-jährigen Superstars zusammen.

Zur Musik auf “I Inside the Old Year Dying” ist zu sagen, dass sie zwar nicht ganz an die der beiden glänzenden Vorgängeralben herankommt, aber alles in allem doch wieder sehr überzeugend geraten ist. Ein paar schwächere Songs fallen wenig ins Gewicht angesichts der Vielzahl an sehr starken Titeln. Zu Beginn der Platte erinnert PJs Stimmakrobatik etwas an ihre frühere CD “White Chalk” (2007), die wir seinerzeit an dieser Stelle ebenfalls mit Lob überschüttet haben. Im weiteren Verlauf, vor allem im in der Mitte des Albums platzierten Titelstück und bei dessen Variation “I Inside the Old I Dying”, klingt es dann doch wieder ganz ähnlich wie auf den gefeierten Vorgängern: ziemlich folkig und melodisch, fast schon hymnisch und dabei doch PJ-typisch rau und ungeschliffen. Besonders hervorzuheben ist noch, dass sie mitunter auch ganz neue Wege geht – wie auf dem wahrhaft gespenstischen “All Souls”. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).

PJ Harvey
I Inside the Old Year Dying
Partisan Records LLC / Knitting Factory Records Inc. 2023
PTKF3032-2

justament.de, 11.9.2023: Die blaue Reise

Scheiben Spezial: Vor 25 Jahren erschien „Shrink“ von The Notwist

Thomas Claer

Es beginnt mit rhythmisch klappernden Geräuschen wie auf einer Zugfahrt, aber gleichzeitig frickelt es auch schon ein wenig im Hintergrund. Dazu ein monoton surrender synthetischer Klang und dabei schleift, kratzt und scheuert es unentwegt. Nach einigen Sekunden dann setzen wiederholte Schläge auf irgendwelche Rohre ein, und noch etwas später mischen sich dezente Gitarrenklänge dazu. Irgendetwas blubbert unterschwellig. Erst nach mehr als zwei Minuten tritt unvermittelt der leise, immer etwas klagende Gesang von Markus Acher hinzu – und der Zuhörer ist angekommen im Kosmos des blauen Albums der bayrischen Band The Notwist mit dem rätselhaften Titel „Shrink“, was soviel wie „Schrumpfen“ bedeutet. Es ist so überaus raffiniert und fein arrangiert, was die Weilheimer Indie-Kapelle auf ihrem vierten Album alles entworfen hat, dass man auch heute noch, 25 Jahre später, aus dem Staunen nicht herauskommt. Im weiteren Verlauf, so ab dem dritten der zehn Stücke, bekommt die Platte dann auch noch eine sehr jazzige, mitunter sogar freejazzige und bläserlastige Note. Keineswegs ratsam wäre es, sich die Tracks einzeln anzuhören. Nein, so unterschiedlich sie auch sein mögen, sie bilden gemeinsam ein künstlerisches Gesamtwerk, wozu auch unbedingt das tiefblaue Album-Cover gehört, das gleichsam die melancholische Grundstimmung vorgibt, von der sich allein der beschwingte zweite Track „Chemicals“ ein wenig abhebt.

Man kann „Shrink“, das einer von vielen Wendepunkten im Schaffen dieser enorm einflussreichen Band gewesen ist, als einen Trip, als eine Art Reise begreifen – durch die (damals) neuen und revolutionären Landschaften multipler technischer Klang- und Geräuscherzeugung einerseits und durch die gedämpften inneren Erregungszustände frustrierter zeitgenössischer Individuen andererseits. Die sich in dieser Musik ausdrückende Haltung könnte in etwa dem alten Tocotronic-Motto: „Ich bin alleine, und ich weiß es, und ich find es sogar cool“ entsprechen. Nur dass es bei The Notwist natürlich unendlich viel subtiler anklingt… Für mich war „Shrink“, das legendäre blaue Album, so etwas wie mein Soundtrack durchs Erste Juristischen Staatsexamen und die bedrückende Zeit danach, wobei sich bald darauf auch noch das nachfolgende, ebenfalls ausgezeichnete, rote Album „Neon Golden (2002) hinzugesellen sollte – um von der Entdeckung des phänomenalen Vorgängers, des bunten Albums „12“ (1995), gar nicht zu reden… Das Urteil für „Shrink“ lautet „sehr gut“ (16 Punkte).

The Notwist
Shrink
Big Store / Cargo 1998
ASIN: B018N37V3Y

justament.de, 4.9.2023: Eduard Zimmermann, du hast mein Leben zerstört!

Recht cineastisch Spezial: Der vieldiskutierte Dokumentarfilm „Diese Sendung ist kein Spiel“ von Regina Schilling

Thomas Claer

Immer freitags um 20.15 Uhr war Krimi-Zeit im ZDF. Neben Derrick, dem „Alten“ und dem „Fall für zwei“ wurde aber seit 1967 auch jeden Monat eine neue Folge von „XY… ungelöst“ ausgestrahlt, dem „ersten True-Crime-Format weltweit“. So jedenfalls wird es in der sehenswerten Fernsehdokumentation „Diese Sendung ist kein Spiel – Die unheimliche Welt des Eduard Zimmermann“ der Grimme-Preis-Trägerin Regina Schilling (Jahrgang 1962) bezeichnet, die sich in Spielfilmlänge an dieser Sendung und insbesondere ihrem langjährigen Moderator abarbeitet. Man merkt schnell, dass die Autorin und Regisseurin hier eine Art persönliches Trauma zu bewältigen versucht, denn sie hat sich offensichtlich in ihrer Kindheit und Jugend enorm vor all dem gefürchtet, was „Ganoven-Ede“ seinen Zuschauern damals so aufzutischen hatte: Die bevorzugte Opfer-Gruppe in Nachkriegs-Westdeutschland, so suggerierte es „XY…ungelöst“, waren Mädchen und junge Frauen, die immer wieder aufs Neue brutalen Lustmördern zum Opfer fielen, vor allem wenn sie alleine in „Gaststätten“ oder gar per Anhalter unterwegs waren oder „zweifelhafte Männerbekanntschaften unterhielten“. Mit einem solchen Lebenswandel, so kommentierte es Zimmermann oft in warnendem Tonfall, lebten junge Damen gefährlich, denn schließlich könnte doch hinter jedem Baum oder Strauch solch ein gemeiner Übeltäter lauern. Dabei hätte das Leben doch so schön sein können, damals, in den wilden Jahren des gesellschaftlichen Aufbruchs und der sexuellen Revolution. Es hätte grenzenlose Freiheit und feurige Abenteuer versprochen, wenn man oder vor allem frau sich nur nicht durch Zimmermann und „XY… ungelöst“ von alldem hätte abhalten lassen und stattdessen brav zu Hause geblieben wäre.

Tja, ein Stück weit muss man der Autorin schon recht geben. Zutreffend zitiert sie kriminalwissenschaftliche Untersuchungen, wonach zu allen Zeiten die größten Gefahren für sexuellen Missbrauch und sogar Tötungsdelikte keineswegs unterwegs in Lokalen oder auf der Straße, sondern vielmehr zu Hause in den eigenen vier Wänden bestanden hätten – und zwar durch nahe Angehörige der jeweiligen Opfer. Doch so etwas kam bei XY niemals vor. Was hat uns Eduard Zimmermann da nur für einen Bären aufgebunden?! Die Regisseurin übertreibt es allerdings dann doch ein wenig mit ihren Unterstellungen an Zimmermanns Adresse. In einem fort werden Sequenzen aus den damaligen Sendungen eingespielt und kritisch kommentiert, die aus heutiger Sicht in mancher Hinsicht bedenklich zu sein scheinen. Dabei spiegeln sie in erster Linie nur den damaligen Zeitgeist. Keine Frage, „XY…ungelöst“, das es auch heute noch gibt, war die längste Zeit von einer biederen konservativ-bürgerlichen Grundhaltung geprägt. Aber die Kriminalfälle, die dort nachgespielt wurden, die waren schon echt und hatten sich genauso zugetragen, weshalb man dem bereits 2009 verstorbenen Zimmermann auch keinen Strick daraus drehen sollte, dass er vor solchen Verbrechen gewarnt hat. Es liegt nur eben in der Natur einer solchen Sendung, dass bei der Auswahl dessen, was gezeigt wird, eher auf die Einschaltquote geschielt als auf eine repräsentative und wirklichkeitsgetreue Abbildung der Kriminalstatistik geachtet wird. Zumal die besagte Kriminalität aus dem häuslichen Umfeld der Opfer seinerzeit auch noch stark tabuisiert war und sich zumeist ungesühnt im Verborgenen abspielte. Dennoch ist Regina Schilling ein bemerkenswerter Film gelungen – über eine Sendung, die trotz all ihrer Schwächen ein großartiges Stück Fernsehgeschichte geschrieben hat.

„Diese Sendung ist kein Spiel – Die unheimliche Welt des Eduard Zimmermann“
Deutschland 2023
Buch und Regie: Regina Schilling
In der ZDF-Mediathek: https://www.zdf.de/kultur/kultur/diese-sendung-ist-kein-spiel-die-unheimliche-welt-des-eduard-zimmermann-100.html