justament.de, 7.8.2023: Offenbarung (nur) auf Vinyl

Element of Crime auf ihrer phänomenalen Bonus-Single “The Next Voice You Hear”

Thomas Claer

Als Abonnent des E-Mail-Newsletters von Element of Crime ist man, was die Veröffentlichungen dieser Band betrifft, immer auf dem neuesten Stand. Zumindest glaubte ich das, bis ich vor kurzem auf der Raritäten-Seite Discogs ungläubig staunend eine 10 ‘’-Single meiner Berliner Lieblingsformation mit dem Titel “The Next Voice You Hear” aus dem Jahr 2023 aufgelistet fand. Wieso war mir deren Existenz bisher entgangen?! Warum hatte mich niemand auf deren Erscheinen hingewiesen?! Meine anschließende Recherche ergab dann, dass es diese nur zwei Lieder umfassende Veröffentlichung eigentlich gar nicht separat zu kaufen gibt, sondern nur als limitierte Bonus-Zugabe zur limitierten Digipak-CD-Version des Albums “Morgens um vier” sowie zu dessen limitierter lilaner Vinyl-Version. Dafür musste wohl niemand noch extra Werbung machen, denn unter den verschworenen EoC-Fans war das alles natürlich ratzfatz ausverkauft. Und nun gibt es die rare Single also nur noch auf dem Sekundärmarkt zu stolzen Sammlerpreisen. Bei 42 Euro (zuzüglich Portokosten, versteht sich) liegt laut Discogs-Seite der durchschnittlich Transaktionspreis dieser Scheibe, was dafür, dass sie gerade einmal zwei Lieder enthält, schon nicht von Pappe ist. Kann man sich die beiden Lieder denn nicht einfach auf YouTube anhören? Nein, da gibt es sie leider nicht – und auch sonst nirgendwo außer auf diesem limitierten Vinyl. Schließlich wurde ich dann bei Ebay fündig und sicherte mir mit etwas Runterhandeln ein Exemplar für noch vergleichsweise moderate 20 Euro plus 5 Euro Porto. Damit sich so etwas lohnt, muss die Musik dann aber auch wirklich bombastisch sein. Und um es gleich vorwegzunehmen: Sie ist es auch.

“The Next Voice You Hear” ist die Coverversion eines alten Songs von Jackson Browne. Jackson wer?, wird jetzt vermutlich mancher fragen? Nun, Jackson Browne ist ein amerikanischer Rockmusiker und Songwriter, geboren übrigens 1948 in Heidelberg als Sohn eines Zivil-Angestellten der US-Army, der aber bereits drei Jahre später mitsamt seinem Sohn nach Los Angeles abgezogen wurde. In den Siebzigern und frühen Achtzigern war Jackson Browne dann laut Wikipedia “einer der bedeutendsten amerikanischen Songautoren neben Joni Michell und James Taylor”. Man sollte ihn also unbedingt kennen. Ich kannte ihn aber leider nicht, hatte ehrlich gesagt noch nie von ihm gehört, bis ich nun auf seinen Song “The Next Voice You Hear” gestoßen bin. Immerhin die Jackson Browne-Version, also seine eigene Version seines Liedes, gibt es auf YouTube, und sie ist schon ziemlich toll. Doch was die Elements dann daraus machen, ist nochmals eine Steigerung. Es ist ein langsames, schweres, getragenes Lied, sehr vom Blues und von charakteristischen Bassläufen und Gitarrenriffs geprägt – und Element of Crime fügen dann noch Sven Regeners fabelhafte Jazz-Trompete hinzu. Darin ist diese Band wirklich ganz groß: sich Songs von anderen einzuverleiben, als wären es die eigenen. Aber so gut wie hier hat es selten gepasst. So atmosphärisch dicht, so vollkommen ist dieses Lied. Es hilft, sich den Songtext einmal auf Google herauszusuchen und von Deepl übersetzen zu lassen. Aber es hilft andererseits auch wieder nur begrenzt, denn der Text ist zwar vielsagend, aber doch reichlich unbestimmt und nebulös – und harmoniert gerade dadurch perfekt mit der Songstruktur und Sven Regeners eindringlichem Gesang. Es klingt nach Desillusionierung, nach Mühe und Vergeblichkeit. Ein großartiges Lied in einer unwiderstehlichen Aufnahme, die übrigens durch das leise Knistern der Schallplatte erst so richtig zur Geltung kommt.

Es gibt auch noch eine B-Seite. Und darauf ist eine Coverversion des Songs “You Know More Than I Know” von John Cale. Natürlich, John Cale ist ein ganz Großer. Jedenfalls, was seine prägende Mitwirkung bei The Velvet Underground angeht. Seine Solo-Karriere war dann eher durchwachsen. Na gut, so genau kenne ich mich damit jetzt auch nicht aus. Ein paar sehr schöne Songs für Nico auf ihren frühen Solo-Alben hat er auch geschrieben. Aber seine späteren Solo-Sachen… Die sind, zumindest nach meinem Eindruck, eher so lala… “You Know More Than I Know” ist dann… Sagen wir es so: Nur für diesen Song hätte man sich die teure Vinyl-Rarität sicherlich nicht kaufen müssen, für “The Next Voice You Hear” auf der A-Seite hingegen ganz unbedingt!

Element of Crime
The Next Voice You Hear
45 rpm Vinyl-Single 10 ‘’
Vertigo / Universal Music 2023

justament.de, 17.7.2023: Die späte Liebe zu den kleinen Silberlingen

Scheiben Spezial: Justament-Autor Thomas Claer über seine wachsende Begeisterung für einen inzwischen sehr altmodischen Tonträger

Lange Zeit habe ich keine CDs gemocht. Damals, in meiner Jugend in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern, war das für mich eine Grundsatzentscheidung. Es gab nur entweder… oder. So wie in noch früheren Epochen ästhetische Debatten über Alternativen wie “Spitzdach oder Flachdach?” geführt wurden oder über “Geschüttelt oder gerührt?”, so war die Frage zu meiner Zeit: “Platte oder CD?” Und mein Herz schlug ganz klar fürs schwarze Vinyl. In einem Schallplattenladen in unserer Gegend, der jetzt leider dichtgemacht hat, weil der Betreiber in Rente gegangen ist, hing jahrzehntelang an der Fensterscheibe der Spruch “CDs sind Sondermüll”. Das hätte ich vor drei Jahrzehnten sicherlich auch unterschrieben.

Wie wunderschön doch so eine Schallplatte ist, so hübsch verpackt in der großen und kunstvoll gestalteten Hülle… Und wenn man sie dann langsam und genussvoll herauszieht und auf den Plattenteller legt, sich dieser zu drehen beginnt und man darauf wartet, dass die Nadel mit gemütlichem Knistern in den feinen Rillen versinkt… Wie kalt und steril ist doch dagegen die Compact Disc mit ihrem glasklaren Klang, begleitet nur vom feinen Sirren, Klackern und Ticken der nachgeführten Laserlinse. Und wie trostlos nehmen sich die viel zu kleinen CD-Hüllen aus, auf denen sich oftmals selbst mit sehr guten Augen kaum ihre Beschriftung entziffern lässt. Im tiefsten Grunde meines Herzens bin ich noch heute dieser Meinung.

Und doch hat auch die CD ihre unbestreitbaren Vorzüge, so wie die Schallplatte ihre kaum zu leugnenden Nachteile hat. Noch dazu erscheint all das heute, wo Musik zumeist seelenlos aus großen Wolken gestreamt wird, in ganz neuem Licht: Längst sind Vinyl und CD keine Gegensätze mehr, sondern liegen doch, genau besehen, recht eng beieinander als Tonträger der alten Schule, die einer bestimmten Musik ein haptisches und optisches Äquivalent beigeben, woraus dann ein Gesamtkunstwerk entsteht. Welchen Sinn soll es eigentlich haben, Geld dafür zu bezahlen, dass man die Möglichkeit hat, auf Millionen Lieder zuzugreifen? Das ist doch am Ende beinahe so, als ob man gar nichts hätte. Man verhungert dann in der Fülle, wie es bei Goethe heißt. Auch das präziseste Superhirn wird sich ab einer bestimmten Menge angehörter Musik nicht mehr daran erinnern können, was man schon gehört hat und was nicht. Und was man vergessen hat, das hat man nie besessen, solange kein gut bestückter Schallplattenschrank oder CD-Ständer einem zurück ins Gedächtnis ruft, was man bereits besitzt. Na gut, man könnte vielleicht Listen führen über das bereits Angehörte. Aber wozu? Das wäre doch viel zu umständlich und vor allem ohne jeden ästhetischen Reiz. Der Kunstsammler Heinz Berggruen soll gesagt haben, ein schönes Bild brauche auch immer einen schönen Rahmen, so wie eine schöne Frau ein schönes Kleid brauche. Ein gestreamtes Lied aber ist – verglichen mit jenem auf einem Tonträger – noch weniger als eine Postkarte im Vergleich zum gerahmten Bild an der Wand.

Natürlich ist es kein Zufall, dass die Schallplatte in den beiden vergangenen Dekaden eine triumphale Wiederauferstehung gefeiert hat. Doch liegt hierin bereits ein Teil des Problems, denn mittlerweile ist sie zum sündhaft teuren Luxus-Accessoire geworden. Muss das wirklich sein: horrende Summen für Platten ausgeben, die man noch vor ein paar Jahren für wenige Euros auf Flohmärkten finden konnte? Hier bietet sich nun die CD als vergleichsweise spottbillige Alternative zu ihrer großen Schwester, der Schallplatte, an, zumindest wenn man sie aus zweiter Hand erwirbt, wozu es ja dank Medimops, Rebuy und Co. fortwährend erstklassige Gelegenheiten gibt. Auch das Verschicken der CDs kostet kaum zwei Euro, während man fürs Versenden der klobigen schwarzen Vinyl-Scheiben in großen stabilen Plattenkartons weitaus tiefer in die Tasche greifen muss. Und wie bequem ist es doch mit den CDs: rein, raus, vor, zurück. Alles geht schnell und einfach und ist nicht so zeitraubend wie bei den Platten. Außerdem verspringen die CDs einem nicht im Player, auch dann nicht, wenn man beim Musikhören Frühsport treibt (bzw. umgekehrt) und dabei den Fußboden erschüttert. Und fürs Lesen der CD-Beschriftungen liegt schon seit langen Jahren eine Lupe auf unserem Küchentisch.

Wohl über anderthalb Dekaden habe ich mir nun schon zu Tiefstpreisen Unmengen an CDs zusammengekauft, zumeist solche, die ich vor zwanzig oder dreißig Jahren sehr gerne gehabt hätte, aber mir damals nicht leisten konnte. Mittlerweile besitze ich schon weitaus mehr CDs als Schallplatten. Doch das fällt gar nicht auf, weil die CDs viel weniger Platz beanspruchen. Nur meiner Frau ist es inzwischen aufgefallen, dass meine vielen CDs langsam, aber sicher unsere Wohnung vollstellen, weshalb sie ein striktes CD-Ständer-Anschaffungsverbot verhängt hat. (Den größten Teil meiner CD-Ständer habe ich über Ebay Kleinanzeigen geschenkt bekommen von Leuten, die keine Verwendung mehr für sie hatten.) Glücklicherweise ist es mir vor kurzem dennoch gelungen, zwei besonders große CD-Ständer mit reichlich Fassungsvermögen unauffällig in der Speisekammer zu platzieren, womit ich bei meiner Frau so gerade eben noch durchgekommen bin. Doch versuche icn schon nach Kräften, mich bei meinen weiteren CD-Anschaffungen zu bremsen, denn ob der Aufbewahrungsplatz für mein gesamtes restliches Leben ausreichen wird, das steht noch in den Sternen…

justament.de, 10.7.2023: Ruf nach der Feuerwehr

Peter Sloterdijks fulminanter Essay “Die Reue des Prometheus”

Thomas Claer

Gibt es eigentlich nicht schon mehr als genug alarmistische Publikationen zum bevorstehenden Klimawandel? Ist denn nicht längst schon wirklich alles darüber gesagt? Nun, das mag schon sein. Doch so pointiert und originell wie nun von Peter Sloterdijk, dem einstigen Enfant terrible der deutschen Philosophie, haben wir es bislang noch nicht gehört. Dabei schien Sloterdijk als Buchautor, man muss es so sagen, zuletzt schon auf dem absteigenden Ast zu sein. Nach den grandiosen “Schrecklichen Kindern der Neuzeit” (2014) mit dem überaus witzigen Kapitel über Jesus von Nazareth wurden seine Werke zuletzt zusehends verschwurbelter und fremdwortüberladener. Doch nun ist er gottlob wieder zugänglicher geworden, fast schon allgemeinverständlich. Nicht zufällig endet sein schmales Bändchen, das man beinahe ein Manifest nennen könnte, mit den an zwei prominente Kollegen angelehnten Worten: “Fire-Fighters aller Länder, dämmt die Brände ein!”

Er redet nun Tacheles, nimmt kein Blatt vor den Mund und positioniert sich politisch – nach all den Irritationen der vergangenen Jahrzehnte – nunmehr eindeutig im aufgeklärt-demokratisch-ökologischen Lager. Na gut, ein paar ironische Spitzen gegen die immer zu optimistischen Freunde des Fortschritts kann er sich auch diesmal nicht verkneifen. Aber dafür teilt er auch ordentlich aus gegen die in seinen Augen Hauptschuldigen am sich vor unseren Augen vollziehenden Weltenbrand durch Verfeuerung unserer “unterirdischen Wälder”: “Es ist eine brandstifterische Elite von Ingenieuren und interkontinental operierenden Handelsgesellschaften, die – vom Europa des späten 18. Jahrhunderts, danach von den USA ausgehend – ein weltweites Netzwerk von nahezu schicksalhaften, bis auf weiteres fast irreversiblen Energieabhängigkeiten geschaffen hat.” Vor allem adressiert er seinen Vorwurf dabei an die rohstoffreichen Länder, die keinen Millimeter von ihren unheilvollen Geschäftsmodellen abrücken wollen: “Die Vorsprecher der pyromanischen Internationale machen keinen Hehl aus ihrer Absicht, den Sektor der flüssigen und gasförmigen Brennstoffe den wachsenden Anforderungen eines zuverlässig blinden und gierigen Weltmarkts anzupassen.” Und: “Ohne Zweifel wird man die aktuellen Praktiken eines Tages, bei nahender Erschöpfung der Vorkommen, als Extraktionsverbrechen verurteilen, so wie man heute viele Aspekte des Kolonialismus verurteilt… Die Malignität des bestehenden Systems manifestiert sich besonders grell an einem rein fossil-parasitischen System wie Russland, das außer seinen flüssigen und gasförmigen Bodenschätzen nur einen einzigartigen Exportüberschuss an Lügen und gewollter Demoralisierung vorzuweisen hat.” Nimm das, Putin! (Diesen bezeichnet Sloterdijk übrigens en passant sehr treffend als “die momentan evidenteste Personifikation eines Feindes des Menschengeschlechts”.) Hinsichtlich der Araber heißt es: “Die Öl- und Gasdespotien… fürchten die Emanzipation ihrer oft noch in stammesfamiliären, gelegentlich halb sklavischen Mentalitätsverhältnissen fixierten Populationen, besonders was deren weibliche Hälften betrifft.” Und über China schreibt er: “Ein nahezu lückenloses, die Generationen übergreifendes System permanenter Gehirnwäsche generiert bei der Mehrheit der Subjekte forcierter Sinisierung eine Art von Einverständnis, zu dessen Deutung und Prognose man in die Archive einer schwarzen Sozialpsychologie zurückgehen müsste.”

Doch natürlich kriegen auch wir westlichen Wohlstandsmenschen unser Fett weg, und das nicht zu knapp: “Die in die Produktion einschießenden Exzesse an fossilen Energien des 19. und 20. Jahrhunderts trieben den Massenausstoß von Gütern in solchem Maße voran, dass aus den abhängig Beschäftigten der Industriegesellschaftsära mehr und mehr auch eine Population von Konsumenten übernotwendiger Güter werden musste… Oscar Wildes Bonmot ‘Lasst mich in Luxus schwelgen, auf das Notwendige kann ich verzichten!’ ist in den Snobismus der Massen eingegangen.” … “Eine extensive und invasive Gesundheits-, Schönheits- und Wellness-Industrie überflutet die entfalteten Freizeitgesellschaften mit weiteren Angeboten an Mitteln zur Selbstsorge und zum Selbstgenuss… Daher gleichen moderne Gesellschaften eher Konsumvereinen…” “So ergibt sich für jeden erwachsenen Angehörigen der Industriegesellschaften ein Zuschuss an disponibler Kraft, der (je nach seinem oder ihrem Aufwand an Mobilität, Reisetätigkeit, Garderobe, Wohnkultur und Tischkonsum) dem Leistungsvermögen von zwanzig bis fünfzig Haushaltssklaven entspräche, in einzelnen Fällen sehr viel mehr… Die Erwartungen in Bezug auf Teilhabe an den quasi anonym und massenhaft anströmenden Überflussgütern wurden für große Mehrheiten zu einer zweiten Natur. … An zahlreichen Erzeugnissen, auch solchen, die man inzwischen für basal hält, lässt sich ein Aspekt von Abhängigkeiten beobachten, die Analogien zum Drogenkonsum aufweisen… darstellbar an den unterschiedlichen Entzugserscheinungen bei gelegentlichem Fehlen von Nachschub…” Hinzu kommt: “Die fleischproduzierende Industrie hat sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts zu einem globalen Gulag der Tiere entwickelt.” Das vierte Kapitel “Moderne Welt. Die Ausbeutungsverschiebung”, aus dem die meisten hier aufgeführten Zitate stammen, kann man als besonderen Höhepunkt von Sloterdijks Formulierungskünsten, nicht nur innerhalb dieses Buches, ansehen.

Doch wie realistisch ist es denn nun, dass die globale Klimakatastrophe noch abgewendet oder zumindest abgemildert oder auch nur ein wenig verzögert werden kann? Laut Sloterdijks Analyse hätte dazu längst den rohstoffreichen Ländern das Eigentum an ihren jeweiligen Vorräten entzogen und in die Zuständigkeit internationaler Organisationen überführt werden müssen. “Was man die Vereinten Nationen nennt, wäre eine weniger farcenhafte Organisation, wenn sie rechtzeitig die Macht gefordert und erlangt hätte, aus dem Gebot der Bewahrung des Weltbodenschatzes geltendes Recht zu schaffen.” Doch da solche radikalen Schritte derzeit kaum umsetzbar erscheinen, bleibt am Ende nur große Skepsis und das Prinzip Hoffnung, auch im Hinblick auf neue Technologien, die mit der Zeit einen sparsameren und effizienteren Energieverbrauch ermöglichen könnten. Im Schlusskapitel untersucht Sloterdijk noch die Positionen der “ökologischen Leninisten” (u.a. “Letzte Generation”) versus der “ökologischen Sozialdemokratie” und ergreift Partei für letztere.

Betrachtet man allerdings aktuell den Aufschrei in unserer ganz überwiegend in absurdem Luxus – siehe oben – schwelgenden Wohlstandsgesellschaft angesichts des von der Ampelkoalition geplanten neuen Heizungsgesetzes, dann gibt es wohl leider nicht viel Anlass zu Optimismus für einen rechtzeitigen und erfolgreichen ökologischen Umbau.

Peter Sloterdijk
Die Reue des Prometheus. Von der Gabe des Feuers zur globalen Brandstiftung
Suhrkamp Verlag 2023
79 Seiten; 12,00 Euro
ISBN: 978-3-518-02985-5

justament.de, 26.6.2023: Das Beste seit Honeymoon

Lana Del Rey auf “Did You know that there’s a tunnel under Ocean Blvd”

Thomas Claer

Blickt man auf die zahlreichen Veröffentlichungen der amerikanischen Musikerin und Stil-Ikone Lana Del Rey seit ihrem gefeierten Debüt “Born to Die” (2012) zurück, das allerdings genau genommen gar nicht ihr Debüt, sondern bereits ihr zweites Studio-Album war, doch weil es das erste, ihr Frühwerk “Lana Del Ray a.k.a. Lizzy Grant” (2010), bis heute nicht mal als gepressten Tonträger gibt, kann man es schwerlich für voll nehmen… Blickt man also auf Lana Del Reys Alben der letzten zwölf Jahre zurück, dann fällt auf, dass dem fulminanten, aber doch recht inhomogenen “Born to Die” ihre beiden vermutlich stärksten Platten folgten, auf denen sie ihren sehr besonderen Stil nicht nur gefunden, sondern zugleich auch schon perfektioniert hat: Ultraviolence (2014) und Honeymoon (2015). Danach wurde sie schwächer, namentlich auf “Lust for Life” (2017), auf dem sie u.a. mit mehreren prominenten Rappern kooperierte, was sich als nicht sehr vorteilhaft für sie erwiesen hat. Die drei folgenden Alben “Norman Fucking Rockwell” (2019), “Chemtrails over the Country Club” und “Blue Banisters” (beide 2021) waren dann wiederum gelungener und auf jeweils eigene Weise interessant, wenn auch längst nicht so überragend wie ihre Werke von 2012 bis 2015.

Und nun präsentiert uns Lana Del Rey also ihr mittlerweile – je nach Zählweise – achtes oder neuntes Album mit dem ebenso mysteriösen wie sperrigen Titel “Did You know that there’s a tunnel under Ocean Blvd”. Es enthält nicht weniger als 16 Songs, was normalerweise ein Problem wäre, aber hier gar nicht besonders schadet, da es in all dieser Fülle kaum Schwachpunkte gibt. Ja, “Did You know”, das ganz anders ist als seine Vorgänger, abwechslungsreich und überraschend vielschichtig, lässt sich durchaus als großer Wurf ansehen. Auch wenn diesmal eine Rekordzahl an Gastmusikern mitgewirkt hat, haben die vielen Köche keinesfalls den Brei verdorben. Es fällt sogar schwer, einen bestimmten Track herauszuheben. Am besten, man hört komplett alles durch, und das gleich mehrfach. Wer mag, kann sich mit Hilfe des sehr umfangreichen Wikipedia-Eintrags auch noch mit den inhaltlichen Aspekten der CD auseinandersetzen. Doch auch, wer dies ausspart, wird auf seine Kosten kommen. Kurzum, Lana Del Rey hat ihrem Gesamtkunstwerk ein überzeugendes Kapitel hinzugefügt. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).

Lana Del Rey
Did You know that there’s a tunnel under Ocean Blvd
Urban (Universal Music) 2023
ASIN: B0BP4R3GMB

justament.de, 12.6.2023: Berliner Schule an der Ostsee

Recht cineastisch, Teil 43: “Roter Himmel” von Christian Petzold

Thomas Claer

Was gibt es Schöneres als ein Ferienhäuschen nahe der Ostsee! Und dort dann einen unbeschwerten Urlaub zu verbringen! Doch haben sich Leon (Thomas Schubert) und Felix (Langston Uibel), die Protagonisten in Christian Petzolds neuem Film “Roter Himmel”, mit ganz anderen Absichten an diesem idyllischen Rückzugsort auf der Halbinsel Darß, nordöstlich von Rostock, eingefunden: Leon, ein gefeierter junger Schriftsteller, kämpft verzweifelt mit seinem zweiten Roman. Sein Verleger Helmut (Matthias Brandt) rückt ihm bereits auf die Pelle. Leons Kumpel Felix, dessen Mutter die Küsten-Preziose gehört, werkelt indessen an der Bewerbungsmappe für seinen anvisierten Kunst-Studiengang an der UdK. Hier nun, ein paar Autostunden entfernt von ihrem Wohnort Berlin, wollen die beiden Freunde endlich mal zur Ruhe kommen und sich jeweils ganz auf ihre bedeutsamen Vorhaben konzentrieren. Doch alles kommt anders, als sich herausstellt, dass sie das hübsche Anwesen auch noch mit Nadja (Paula Beer), der Nichte der Freundin von Felix’ Mutter, teilen müssen, die sich wegen eines verpassten Stipendiums zum Abschluss ihrer literaturwissenschaftlichen Promotion als Eisverkäuferin im nahegelegenen Küstenort verdingt hat. Nadja agiert nämlich bei ihren nächtlichen Liebes-Aktivitäten mit dem einheimischen Rettungsschwimmer Devid (Enno Trebs) so geräuschvoll, dass Leon und Felix im Nachbarzimmer kein Auge zutun können. Als sich die beiden Neuankömmlinge tags darauf bei ihr darüber beschweren, lädt sie sie als Wiedergutmachung zum selbstgekochten Essen ein, und schon bald kommen die vier jungen Leute sich näher…

Der Film lebt anfangs sehr von seiner heiteren Grundstimmung und entfaltet ein beträchtliches humoristisches Potential durch Thomas Schuberts grandioses Mienenspiel. Sehr überzeugend gibt er den verklemmten, dauerhaft miesepetrig-genervten Leon, der nicht zum Strand und nichts mit Nadja unternehmen möchte, in die er sich tatsächlich aber schon längst sowas von verknallt hat. Doch verdüstern sich die Rahmenbedingungen zusehends. Die in der Umgebung grassierenden Waldbrände kommen dem Ferienhaus bedrohlich nahe, und schließlich kippt der Film jäh ins Existentiell-Tragische. All das ist mustergültig durchkomponiert: Jede literarische Anspielung, von Heinrich Heine bis zu Uwe Johnson, findet ihre Entsprechung im Handlungsablauf. Zugleich ist dieser Film jedoch viel zugänglicher, als wir es von Christian Petzolds früheren, z.T. sehr verkopften Werken gewohnt waren. Kurzum, “Roter Himmel” erweist sich als ein rundum sehenswerter, vielschichtiger Sommer-Film.

Roter Himmel
Deutschland 2023
Regie: Christian Petzold
Drehbuch: Christian Petzold / Florian Koerner von Gustorf
Länge: 103 Minuten
FSK: 12
Darsteller: Thomas Schubert (Leon), Paula Beer (Nadja), Langston Uibel (Felix), Enno Trebs (Devid), Matthias Brandt (Helmut)

justament.de, 29.5.2023: Einfach nur zusammen sein

Scheiben Spezial: Vor 50 Jahren gelang Udo Lindenberg der Durchbruch mit “Alles klar auf der Andrea Doria”

Thomas Claer

Im Frühjahr 1973, in einem Alter, in dem andere legendäre Popstars schon drauf und dran waren, sich mittels Überdosis oder Schrotflinte in die ewigen Jagdgründe des Musikerhimmels zu befördern, hatte der Sänger und Schlagzeuger Udo Lindenberg gerade erst seinen ganz großen Wurf gelandet. Und entgegen aller Wahrscheinlichkeit, trotz fortwährender Alkohol- und Nikotinexzesse, weilt er sogar heute noch unter uns und hat gerade erst seinen 77. Geburtstag würdevoll begangen – bei bester Gesundheit, nach allem, was man weiß.
Damals, vor 50 Jahren, hatte der Panikrocker im Frühstadium immerhin schon ein beachtliches Frühwerk mit kleinen Hits wie “Hoch im Norden” und “Candy Jane vorgelegt, dem er nun mit “Alles klar auf der Andrea Doria” sein ultimatives Meisterwerk folgen ließ. Auf dieser Platte stimmte einfach alles, jeder Song ein Volltreffer!
Vor allem aber widmete sich der junge Lindenberg in seinen Songtexten mit viel Chuzpe, Naivität und gesundem Menschenverstand auch heiklen politischen Fragen wie den innerdeutschen Beziehungen: Wenn man sich innerhalb ein und derselben Stadt nicht frei bewegen darf und der westliche Besucher seine östliche Geliebte hinter Mauern eingesperrt zurücklassen muss, dann ist etwas ganz grundsätzlich nicht in Ordnung. “Wir woll’n doch einfach nur zusammen sein”, heißt es im Song “Mädchen aus Ost-Berlin”, mit dem die sehr spezielle Beziehung zwischen dem “kleinen Udo” und der seitdem immer größer werdenden Zahl seiner Fans in der Deutschen Demokratischen Republik ihren Anfang nahm. Immer wieder gab es fortan DDR-Bezüge in den Lindenberg-Songs, kulminierend im “Sonderzug nach Pankow”, der 1983 sogar für eine Art kleine deutsch-deutsche Staatsaffäre sorgte. Wenn sich in 40 Jahren deutscher Teilung dann doch noch so viel Verbindendes zwischen Ost- und Westdeutschen erhalten hat, dann ist das nicht zuletzt solchen unermüdlichen Brückenbauern wie Udo Lindenberg zu verdanken.
Weiterhin finden sich auf der “Andrea Doria”-Platte epochale Songperlen wie das zarte Liebeslied“ Cello”, das fast schon existentialistische “Er wollte nach London” oder das melancholische “Nichts haut einen Seemann um”. Und wie radikal modern war seinerzeit der Text von “Ganz egal”: “Und wieso auch nicht / Es ist doch ganz egal / Ob du ein Junge oder ‘n Mädchen bist”. Kurzum, diese Platte und ihr Nachfolger “Ball Pompös” (1974) sind das Beste, was Udo Lindenberg jemals geschaffen hat. Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).

Udo Lindenberg & das Panikorchester
Alles klar auf der Andrea Doria
Telefunken/ Warner 1973
ASIN: B000069K14

justament.de, 8.5.2023: Wie mein Urgroßvater 22.000 Reichsmark verlor

Recht historisch: Vor 100 Jahre tobte die Hyperinflation in Deutschland

Thomas Claer

Anna und Heinrich Nützmann mit ihrem ältestem Sohn Hermann (1909)

Heinrich Friedrich Christian Nützmann (1873-1926), mein Urgroßvater von der väterlichen Seite meiner Mutter, war Schäfermeister im mecklenburgischen Groß Lunow in mindestens dritter Generation. Wie auch über meine anderen Urgroßeltern weiß ich nicht gerade viel über ihn. Doch ist mir oftmals, und stets mit warnendem Unterton, von meiner Mutter berichtet worden, wie ihr sieben Jahre vor ihrer Geburt verstorbener Großvater in der Hyperinflation im Jahr 1923 seine gesamten Ersparnisse verlorenen hat. Es soll sich um eine Summe von 22.000 Reichsmark gehandelt haben, was für einen Schäfermeister in der damaligen Zeit ein außergewöhnlich hoher Betrag gewesen sein muss. Mein Urgroßvater wird also in seinem Beruf nicht schlecht verdient, sparsam gewirtschaftet und vielleicht auch etwas von seinen Eltern geerbt haben. Doch hat er seine bemerkenswerten Ersparnisse leider nicht in Sachwerten angelegt, sondern das Geld stattdessen seinen Vettern geliehen, die damit Häuser für sich gebaut haben. Als dann schließlich ein Brot mehrere Millionen Reichsmark kostete, legten ihm die frechen Cousins die nun beinahe wertlos gewordenen Geldbündel auf den Tisch: “Hier, Heinrich, hast du dein Geld zurück.” Von diesem Missgeschick hat sich mein Urgroßvater offenbar nie mehr richtig erholt, denn kaum drei Jahre darauf hat ihn die Tuberkulose hinweggerafft. Er war erst 52 Jahre alt.

Auch mein anderer Urgroßvater von der väterlichen Seite meines Vaters – Todesjahr 1930 – ist nur 53 Jahre alt geworden. Bei ihm ist nicht einmal die Todesursache überliefert, ja vermutlich damals gar nicht erst genauer ermittelt worden. Seinerzeit galt es als keineswegs ungewöhnlich, wenn jemand bereits mit Anfang fünfzig den Löffel abgab. Für uns Heutige fühlt sich ein solches Alter – toi, toi, toi – eher nach Lebensmitte an. Es ist schon ein nicht zu unterschätzendes Privileg, in Zeiten mit exzellenter medizinischer Versorgung leben zu dürfen.

Nur ein einziges Mal hat meine Mutter die Geschichte vom Reinfall ihres Opas in der Hyperinflation von ihren Eltern erzählt bekommen, als diese sich während einer Auseinandersetzung in höchster Erregung befanden. Es war ihnen wohl auch irgendwie peinlich, ein solches Desaster ihres Vaters und Schwiegervaters zuzugeben, das er schließlich durch sein unkluges Verhalten maßgeblich selbst mit herbeigeführt hatte. Aber wie sollte ein Schäfermeister, mutmaßlich ohne tiefere Einblicke in die weltökonomischen Zusammenhänge, in Fragen von Kriegskrediten, Reparationsforderungen der Siegermächte nach dem verlorenen Weltkrieg und die abenteuerliche Finanzpolitik der Reichsregierung, denn ahnen können, dass sich der Wert seiner langjährigen Ersparnisse so einfach von heute auf morgen in Luft auflösen könnte? Vielleicht war mein Urgroßvater auch zu gutmütig, sah für sich selbst und seine Familie (noch) nicht die Notwendigkeit eines Hausbaus oder Immobilienerwerbs, da sie bereits gut und kostengünstig untergebracht waren, während ihn seine Vettern womöglich flehentlich um Kredit für ihre Projekte baten.

Nur ein einziger konkreterer Hinweis auf die Wesenszüge meines Urgroßvaters ist überliefert. Meine Mutter berichtete mir, wie sie als kleines Mädchen von einem Nachbarn namens Bauch angesprochen wurde, der überall nur auf Plattdeutsch “Bauch mit dat een Pierd” genannt wurde, weil er genau ein Pferd besessen haben soll. Herr Bauch also sagte zu ihr: “Din Grotvadder, den hef ick ok kennt. Dat is’n gaanz muulfuuln Minschen wast.” (Hochdeutsch in etwa: “Deinen Großvater habe ich auch gekannt. Das ist ein gaaanz maulfauler Mensch gewesen.”) Mein unglückseliger Urgroßvater war also, wenn man den Aussagen von “Bauch mit dat een Pierd” trauen kann, schweigsam und introvertiert.

Seine Ehefrau hingegen, meine Urgroßmutter Anna Nützmann, geborene Riedler, genannt nach ihrem Geburts- und langjährigen Wohnort Oma Lunow, ist stets als energisch und resolut beschrieben worden. Sie war 15 Jahre jünger als mein Uropa und hat ihn nach dessen Tod noch um 45 Jahre überlebt. Sie starb erst wenige Monate vor meiner Geburt 1971, nachdem sie wohl schon lange Jahre im Haus meiner Großeltern gelebt hatte. Allerdings galt sie als sehr in traditionellen Geschlechtervorstellungen verhaftet. Wenn mein Vater, so hat er es mir später oft erzählt, nach dem Essen bei seinen Schwiegereltern den Tisch mit abdecken wollte, wies ihn Oma Lunow stets mit ihrem Stock in Richtung Sofa und sagte zu ihm: “Do lech di hin!” (Also: “Du leg dich hin!”) Sie war der Meinung, dass Männer sich am besten von jeder Hausarbeit fernhalten sollten. Meine Mutter berichtete mir oftmals, wie sie als junges Mädchen gerne auf den Dachboden ging, wo interessante Bücher lagen. Doch ihre Großmutter, Oma Lunow, schimpfte dann immer: “Is se all wedder bi de Bäukers?” (Also: “Ist sie schon wieder bei den Büchern?”) Nach ihrer Ansicht sollte ein junges Mädchen nämlich lieber Hausarbeiten verrichten, als Bücher zu lesen. Dennoch hat sich meine Mutter später nicht davon abhalten lassen, Medizin zu studieren.

Fünf Kinder hatten Heinrich und Anna Nützmann, von denen jedoch vier schon mehr oder weniger früh verstarben. Nur mein Großvater Erich Nützmann (1910-1985) konnte eine Familie gründen. Zwei seiner Geschwister haben bereits das frühe Kindesalter nicht überlebt. Sein ein Jahr älterer Bruder Hermann hat sich Anfang 1933 im Alter von 24 Jahren selbst eine Kugel in den Kopf geschossen, weil er mit einer jungen Dame verlobt war, aber dann eine andere junge Dame geschwängert hatte. Eine solche Schande war für ihn so unerträglich, dass er seinem jungen Leben ein Ende setzte. Der zehn Jahre jüngere Bruder meines Opas, Werner, blieb hingegen im Krieg in der Sowjetunion verschollen und wurde schließlich für tot erklärt.

Ich habe meinen Opa mütterlicherseits noch gut kennengelernt, denn als er 1985 starb, war ich schon 13 Jahre alt. Unvergesslich sind mir seine zornigen kraftvollen Faustschläge entweder auf den Fernseher, wenn das Bild flackerte, oder auf den Tisch, wenn ich irgendetwas nicht essen mochte. Als ich dann auf seine Ermahnung “Was auf den Tisch kommt, wird gegessen!” mit der unverfrorenen Frage reagierte, ob ich denn auch die Teller und Tassen und Bestecke essen solle, die kämen doch schließlich auch auf den Tisch, wurde er wütend und drohte mir Schläge an, was er aber, anders als meine Mutter, niemals umgesetzt hat. Sah er hingegen, wie ich am Abendbrotstisch die überstehenden Enden der Wurst- und Käsescheiben auf meinen Broten zurechtschnitt, um sie exakt der Form des geschnittenen Brotes anzupassen, dann freute er sich darüber sehr und sagte: “Dat hätt hei von mir.” (“Das hat er von mir.”) Dabei hatte ich es mir wahrscheinlich gleichermaßen von meinen Eltern abgeschaut…

Mein Opa (auf dem obenstehenden Foto neben meiner Oma), der sein Leben lang ein begeisterter Kleingärtner war, hatte keine hohe Schulbildung genossen, war gelernter Stellmacher, d.h. er baute Wagenräder aus Holz, und wurde später nach der Verdrängung der Pferdewagen durch das Automobil zum Tischler umgeschult. Dennoch hat er zeitlebens viel gelesen. Immer, wenn er nicht gerade fernsah, sah ich ihn lesend im Sessel sitzen, entweder den Lokalteil der Tageszeitung “Freie Erde”, die auf ihren vorderen Seiten genauso unleserlich war wie alle anderen DDR-Zeitungen auch, oder die “Wochenpost”, zu deren glücklichen Abonnenten meine Großeltern gehörten. Diese Zeitschrift, die damals im Osten als allseits begehrte “Bückware” galt, enthielt zwar keine offen systemkritischen, aber doch mitunter doppeldeutige und manchmal sogar ironische Texte und Reportagen über den tristen DDR-Alltag, dazu auch anspruchsvolle Kulturberichte. Mein Opa las jede Ausgabe der Wochenpost komplett von vorne bis hinten, manchmal aber auch ganze Bücher. Sein ´Lieblingswerk waren “Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk” von Jaroslav Hasek, die ihn wohl an seine eigenen Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg erinnert haben. Dort war er lange Jahre in sowjetischer Gefangenschaft geblieben, wohl auch, weil er zu einer Kompanie gehörte, die an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen sein soll. Niemals hat er darüber gesprochen, überhaupt hat er so gut wie nichts von früher erzählt. Und schon gar nicht von seinem Vater, der in der Hyperinflation 22.000 Reichsmark verloren hat. Mein Opa war damals 13 Jahre alt, muss also schon eine Menge davon mitbekommen haben. Wie wäre sein Leben verlaufen, wenn sein Vater, der Alleinernährer der Familie, nicht so früh gestorben wäre? Wenn es für ihn keinen wirtschaftlichen Druck gegeben hätte, so früh die Schule zu verlassen und einen Beruf zu erlernen? Wenn die 22.000 Reichsmark (oder womöglich sogar noch viel mehr) am Ende bei ihm als Alleinerben gelandet wären? Hätte er damit etwas anfangen können?

Ich habe meinen Opa nur schwerhörig erlebt, was von seinem langjährigen Job im Sägewerk herrührte. Sein großes Glück waren seine immer auf maximale Lautstärke gestellten Kopfhörer, mit denen er fernsah, denn nur mit ihrer Hilfe konnte er alles verstehen, was dort gesagt wurde. Bestimmt hätte er auch gerne mal Westfernsehen geguckt, aber dafür war der Empfang zu schlecht. So musste er mit dem äußerst langweiligen DDR-Fernsehen vorliebnehmen und hat sich dennoch nie darüber beklagt. Sein Sohn, der ältere Bruder meiner Mutter, der nur ein paar Häuser weiter wohnte, empfing dank einer riesigen Antenne auf dem Dach gestochen scharfes Westfernseher, am Ende sogar in Farbe. Aber um so etwas auch zu bekommen, hätte mein Opa seinen Sohn darum bitten müssen, dies für ihn zu organisieren. Und das wäre meinem Opa, der sehr stur war, nie in den Sinn gekommen, denn er hatte zu seinem Sohn kein besonders gutes Verhältnis. Meine Mutter meinte, mein Opa sei eifersüchtig gewesen auf seinen eigenen Sohn, weil meine Oma vor allem ihren Sohn und weniger ihren Mann, meinen Opa, so angehimmelt hätte…

Politisch hatte mein Opa keine bestimmte Meinung. Er war nur der Ansicht, mit ihm und den kleinen Leuten könnten die Regierenden, egal in welchem System, es ja machen. Ihn habe nie jemand gefragt, wie er etwas finde. Da seien die DDR-Politiker nicht besser als die früheren oder die ganz früheren, und dass die im Westen besser sein könnten, das konnte er sich auch nicht vorstellen…
Mein Opa hing sehr an meiner Oma. Als sie schon mit Mitte 60 dement wurde und bald niemanden mehr erkannte, wurde mein Opa trübsinnig und begann immer mehr zu trinken. Im Stall hinter seinem Haus türmten sich die von ihm geleerten Schnapsflaschen. Jedes Mal, wenn meine Eltern und ich meine Großeltern besuchten, nahmen wir eine große Kofferraumladung leere Schnapsflaschen mit nach Hause, wo wir sie dann zum Altstoffhandel brachten und ich die Quittungen mit in die Schule nehmen konnte. Es gab ja in der DDR immer den großen Schülerwettbewerb, wer am meisten Altstoffe, also hauptsächlich alte Flaschen, Gläser und Zeitungen, gesammelt hatte. Viele meiner Mitschüler zogen dafür von Haus zu Haus und erbaten sich die Altstoffe ihrer Nachbarn. Das hatte ich nicht nötig, weil ich von meinem Opa stets mit so vielen leeren Schnapsflaschen versorgt wurde, dass ich in diesem Wettbewerb mehrmals Spitzenplätze belegte…

Als meine Oma gestorben war, verließ meinen Opa vollkommen der Lebensmut. Nur wenige Monate später wurde er, der bis dahin als kerngesund galt, mit einer leichten Infektion ins Krankenhaus gebracht, wo er dann kurz darauf 75-jährig verstarb. Seine drei Enkelkinder, also meine beiden Cousinen und ich, haben den Fehler seines Vaters, unseres Urgroßvaters, vermieden und den größten Teil unserer jeweiligen Vermögen in Sachwerten angelegt.

justament.de, 1.5.2023: Verlassen in Berlin

Element of Crime auf ihrem 15. Studio-Album “Morgens um vier”

Thomas Claer

Dass Element of Crime, die erklärten Lieblinge überwiegend großstädtischer Nachtmenschen, Melancholiker und Romantiker, sich zuletzt auf jeder neuen Platte noch etwas stärker als jeweils zuvor präsentierten, das konnte man so langsam fast schon beängstigend finden. Doch nun, im 39. Jahr ihrer Bandhistorie, ist dieser langjährige Trend gebrochen. Mit ihrem jüngst erschienenen neuen Album lassen sie, auf hohem Niveau zwar, aber doch unverkennbar, ein wenig nach. Aber auch wenn “Morgens um vier” nicht ganz mit dem Vorgänger “Schafe, Monster und Mäuse” von 2018 mithalten kann, so hält es für den geneigten Hörer doch genügend Höhenpunkte bereit, um ihm zumindest den diesjährigen bislang so nasskalten Frühling gebührend zu versüßen.

Überzeugen kann vor allem der Beginn. Das erkennbar in der Corona-Zeit entstandene “Unscharf mit Katze” ist ein mustergültiger EoC-Song erster Güte, der all das enthält, was diese Band so groß und bedeutsam gemacht hat: scheppernde Gitarrenriffs, wuchtige Trompeteneinschübe, Sven Regeners knarzig-angerauten Gesang und eine wie gewohnt ausgefeilte, hintersinnige Textdichtung. Doch gerade hier, bei den Texten, läuft es diesmal, wenn man das ganze Album betrachtet, weniger rund als zuletzt. Neben lyrischen Glanzleistungen (“Aus unsren Mündern kommen Schall und Rauch”) stehen mitunter wenig schlüssige Sprachbilder wie bereits im Eröffnungssong das von der unscharf aufgenommenen Katze und der Axt in den Händen, bei denen man sich in der Tat fragen muss, worauf sie hinauslaufen sollen. Dies gilt auch für manche Passage der anderen Songs, etwa den rätselhaften Refrain “Was mein ist, ist auch dein”. Nachvollziehbarer ist da schon das auf recht witzige Weise den Trivialautor Johannes Mario Simmel zitierende “Liebe ist nur ein Wort”. Sehr schön und stimmungsvoll geraten, sowohl textlich wie auch musikalisch, sind das Titel- und zugleich Schlussstück “Morgens um vier” sowie das gemeinsam mit dem Isolation-Berlin-Sänger Tobias Bamborschke eingesungene “Dann kommst du wieder”, das einen irgendwie an den mehr als dreißig Jahre alten “Weeping Song” von Nick Cave im Duett mit Blixa Bargeld erinnert.

Thematisch kreisen die Lieder auf bewährte Weise – und insofern dann doch ans Vorgängeralbum anknüpfend – auffällig oft um die Themenfelder liebeskrankes, verlassenes lyrisches Ich und Berlin, gerne auch beides miteinander verbindend wie in “Ohne Liebe geht es auch” und “Wieder Sonntag”, das endlich einmal der Flohmarktkultur unserer Hauptstadt ein verdientes Denkmal setzt. Was die Kompositionen auf dieser Platte angeht, so fallen zwar auch sie etwas hinter diejenigen auf den vorherigen Alben zurück, doch sind sie dabei nicht unbedingt schlechter als etwa auf “Immer da wo du bist bin ich nie” (2009) oder “Psycho” (1999). Kurzum, für die Liebhaber der Elements hat dieses Album, wenn es auch nicht gerade ihr bestes sein mag, durchaus eine Menge zu bieten. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).

Element of Crime
Morgens um vier
Vertigo Berlin (Universal Music)
ASIN: B0BTNSM71K

justament.de, 24.4.2023: Knallhärter

Recht cineastisch, Teil 42: “Sonne und Beton” von David Wnendt

Thomas Claer

Wer sich mal so richtig gruseln will, der sollte sich unbedingt “Sonne und Beton” ansehen, den neuen Film von Regisseur David Wnendt, der sich u.a. mit “Kriegerin” (2011), einer ausgezeichneten Milieustudie über die deutsche Neonazi-Szene, einen Namen gemacht hat. Nun widmet er sich kriminellen pubertierenden Heranwachsenden in Berlin-Neukölln kurz nach dem Millennium in der Literaturverfilmung “Sonne und Beton” nach dem autobiographischen Roman von Felix Lobrecht. Darin geht es ähnlich schockierend zu wie in Detlev Bucks “Knallhart” (2007) – und manchmal sogar noch etwas härter. Das war die Zeit, die frühen und mittleren Nullerjahre, als in Neuköllner Problemschulen der Sicherheitsdienst jeden Schüler zuerst nach Waffen durchsuchte, bevor ihm Einlass ins Schulgebäude gewährt wurde. Und die Klassen-Rowdys warfen dann auch gerne mal mit Schulbänken nach ihren Mitschülern oder gleich nach dem Lehrer. “Der Klügere gibt nach”, hört Lukas (Levy Rico Arcos) immer wieder von seinem Vater, doch sein älterer Bruder weiß es besser: “Der Klügere tritt nach”. Sehr eindringlich schildert der Film die verzweifelte Lage der jungen Menschen in einer von Bandengewalt, Rücksichtslosigleit und Verwahrlosung geprägten Umgebung, in der nur das Recht des Stärkeren zählt. Wer sich dort behaupten will, dem bleibt nicht viel anderes übrig, als früher oder später selbst auf die schiefe Bahn zu geraten.

Mittlerweile hat sich zum Glück vieles in Neukölln zum Besseren gewendet. Dank intensiver Sozialarbeit ist die eine oder andere Problemschule sogar zur Vorzeigeschule geworden. Doch gänzlich verschwunden sind die problematischen Strukturen trotz signifikanter Gentrifizierungstendenzen in mehreren Ecken des Bezirks noch lange nicht, was jüngst auch die Ereignisse der Neuköllner Silvesternacht gezeigt haben…

Sonne und Beton
Deutschland 2023
Länge: 119 Minuten
FSK: 12
Regie: David Wnendt
Drehbuch: David Wnendt, Felix Lobrecht
Darsteller: Levy Rico Arcos, Vincent Wiemer, Rafael Luis Klein-Hessling, Aaron Maldonado Morales u.v.a.

justament.de, 10.4.2023: Vielsagender Nachtrag

Achim Reichel mit seinen “Machines” live in der Elbphilharmonie

Thomas Claer

Dieses Album hatte Achim Reichel unbedingt noch herausbringen wollen – als krönenden Abschluss seines musikalischen Lebenswerks gewissermaßen, als I-Tüpfelchen auf der schier unglaublichen Wiederbelebung seines abgefahrenen Siebzigerjahre-Krautrock-Experiments “A.R. & Machines” in der Hamburger Elbphilharmonie am 15. September 2017. Begleitend zu diesem legendären Konzert ist damals eine opulente Box mit allen Werken aus jener Zeit erschienen, von der “Grünen Reise” (1971) bis zu “Erholung” (1975), und dazu noch mit reichlich unveröffentlichtem Material (Justament berichtete). Doch nun, mehr als ein halbes Jahrzehnt später, kommt auch noch der Konzertmitschnitt hinterher – und dies mit voller Berechtigung, denn im Klangtempel an der Waterkant hat diese einzigartige Musik noch einmal einen ganz eigenen Drive bekommen. Ferner finden sich auf dieser CD auch Stücke, die es nur hier und nirgendwo sonst gibt, wie das Titelstück “Another Green Journey”. Wie es im Booklet heißt, war dieses Projekt für Achim Reichel der gelebte Traum, “das kompromisslos eigene Ding in die Welt zu pflanzen”, sich von den übermächtigen angloamerikanischen Leitbildern zu emanzipieren. Nur hat es dann eben fast noch ein halbes Jahrhundert gedauert, bis diese obskuren Klänge schließlich doch noch ein breiteres Publikum erreicht haben. Es fragt sich nur, warum diese Live-CD unbedingt als Doppelalbum zusammen mit der “Grünen Reise” von 1971 erscheinen muss, über die doch wohl jeder Interesent dieser Musik ohnehin bereits verfügen dürfte.

Die Frage ist nun allerdings, ob das für Achim Reichel schon der Schlusspunkt war, oder ob da vielleicht noch etwas kommen könnte. Gerade ist der mittlerweile 79-Jährige noch einmal auf Deutschland-Tournee gegangen. Was von ihm aber definitiv noch fehlt, ist eine Raritäten-CD. So gibt es etwa seine grandiose Macky-Messer-Version mit Shanty-Chor im Stile seines Shanty-Alb’ms (1976) bislang nur auf Vinyl, nämlich auf seiner 1981 auf dem Ahorn-Label herausgebrachten Werkschau “Rock in Deutschland Vol 7”, die auch noch eine Reihe weiterer Tracks enthält, die auf keinem seiner regulären Alben erschienen sind, wie die Studio-Version von “Sie hieß Mary Ann”. Auch sein Elvis-Presley-Cover “Im Ghetto” (1984) wurde noch nie auf CD gepresst. Es gäbe also zweifellos eine Menge Schätze zu entdecken…

A.R. & Machines
71/17 Another Green Journey: Live at Elbphilharmonie (2CDs)
‎Bmg Rights Management (Warner) 2022
ASIN: B0BCCY3H19