justament.de, 19.2.2024: Reichels Riffs mit 80

Achim Reichel auf “Schön war es doch! Das Abschiedskonzert”

Thomas Claer

Will ein gealterter Rockmusiker nicht irgendwann auf der Bühne tot umfallen, so wie der sprichwörtliche Cowboy, der am Lebensende beim Reiten aus dem Sattel kippt, so muss er den passenden Zeitpunkt für einen würdigen Abgang finden. Achim Reichel, deutscher Rockstar der ersten Stunde und seitdem über sechs Jahrzehnte im Musikgeschäft gut dabei, hat nun seinen 80. Geburtstag zum Anlass genommen, gewissermaßen die Gitarre an den Nagel zu hängen. Allerdings nicht ohne zuvor noch ein letztes Mal auf Tournee zu gehen und seinen Fans eine Doppel-CD mit seinem Abschiedskonzert zu bescheren.

Aber schon wieder eine Live-Platte von ihm? Es gab doch zuvor schon drei, nämlich zum 50., 60. und 70. Geburtstag. Was soll denn da jetzt noch drauf sein, was man nicht schon zur Genüge kennt?! Ein wenig skeptisch hört man also rein in “Schön war es doch! Das Abschiedskonzert”, um dann doch erleichtert festzustellen: So haben wir seine Songs noch nicht gehört – nämlich eingespielt unter Hinzuziehung eines Bläserensembles, das seine Band nicht nur bei bestimmten einzelnen, sondern bei mehr oder weniger allen Liedern unterstützt. Heraus kommt dabei ein weitgehend anderes Gewand seiner bekannten Gassenhauer. Es ist schon ziemlich mutig, Seemannslieder wie “Kuddel Daddel Du” oder “Halla Ballu Balle” mit ausgiebigen Trompeten-Soli auszuschmücken. Selbst “Aloha Heja He, das jüngst zum Überraschungs-Hit in China avancierte, kriegt nun Bläserklänge verpasst. Und man muss schon sagen: Achim Reichel beweist auch noch auf seinen mutmaßlich letzten musikalischen Metern, dass er immer für eine unerwartete Wendung gut ist.

Wenn man angesichts von immerhin 22 Songs auf den beiden Scheiben dennoch sein großes Bedauern darüber ausdrücken muss, dass so viele tolle Lieder von ihm leider wieder ausgespart wurden, dann spricht das zweifellos auch für die hohe Qualität seines Schaffens. Andererseits fragt man sich aber schon, warum es ausgerechnet seine recht mäßige Version des Volkslieds “Der Mond ist aufgegangen” aufs Album geschafft hat. Aber na gut, dafür gibt es diesmal sogar einen ganz neuen Song dazu, dessen Titelzeile zugleich für den Namen des Albums steht – und sicherlich auch ein passendes Fazit für Reichels Rückblick auf seine Musiker-Laufbahn abgibt: “Aber schön war es doch”, im Original ein alter Schlager von Hildegard Knef, wird – unterlegt mit Reichels unverwechselbaren Gitarrenriffs – zum gelungenen Schlusspunkt dieses stimmigen zweifachen Silberlings. Und vermutlich ja auch zum Schlusspunkt seiner Musikerkarriere – aber wer weiß das schon in diesem Business? Womöglich folgt ja 2034 auch noch das fünfte Live-Album zum 90. Geburtstag…

Achim Reichel
Schön war es doch! Das Abschiedskonzert (2CD)
Tangram / BMG 2024
ASIN: B0CPHGPP9C

justament.de, 12.2.2024: Stimme der kritischen Vernunft

Stimme der kritischen Vernunft

Zum Tod von Alfred Grosser (1925-2004)

Thomas Claer

Nun hat er also die 100 doch nicht mehr ganz geschafft. In den letzten Jahren war es zwar ruhiger um ihn geworden, doch blieb der umtriebige Politologe und Publizist Alfred Grosser bis zuletzt ein engagierter und streitbarer Geist im Dienste der Aussöhnung und Toleranz. Geboren in Deutschland und schon als Jugendlicher während der Nazi-Herrschaft nach Frankreich emigriert, legte er sich von dort aus dann unermüdlich für die deutsch-französische Verständigung ins Zeug und prägte als Hochschullehrer und Person des öffentlichen Lebens mehrere Generationen seiner Studenten, Leser und Zuhörer. In seinen späten Jahren hat er einmal einen seiner Kniffe verraten: War er irgendwo zu einem Vortrag eingeladen, was sehr häufig vorkam, dann sagte er dort immer auch etwas, was sein jeweiliges Publikum gar nicht gerne hören wollte. So erinnerte er die christlichen Kirchen an ihre historischen Verbrechen und die deutschen Gewerkschaften an ihre Kapitulation vor Hitler. Damals, 1991, wusste ich das noch nicht, als ich mit 19 Jahren das Glück hatte, bei einem seiner Auftritte dabei zu sein, was ich vor vier Jahren wie folgt geschildert habe:

„Doch noch in der aufgeheizten Phase während des Golfkriegs bekam unsere Schule Besuch von einem berühmten Intellektuellen. Der deutsch-französische Politologe Alfred Grosser hielt bei uns einen Vortrag – durch Vermittlung, wie es hieß, des stellvertretenden Rektors der Schule, der bekanntermaßen ein CDU-Mann war. Damals konnte man noch nicht einfach jemanden mal eben googeln. Daher steckte ich den armen Alfred Grosser gedanklich sogleich in die für mich unliebsame Schublade “konservativ”, zumal er in seinem Vortrag auch gleich entsprechend loslegte: Dass er mit erheblicher Verspätung erschienen sei, das liege an diesen sogenannten Friedens-Demonstrationen, die mal wieder den ganzen Verkehr lahmgelegt hätten. Dabei sei der Name “Friedensbewegung” doch ziemlich anmaßend, denn er suggeriere schließlich, dass alle anderen nicht für den Frieden wären, was aber überhaupt nicht der Fall sei. Und zur innenpolitischen Kontroverse anlässlich des Golfkriegs, den er ausdrücklich unterstützte, meinte er: Deutschland hätte sich auch an dieser internationalen Militäraktion mit UN-Mandat beteiligen müssen. Das wiedervereinigte Deutschland müsse lernen, auch selbst Verantwortung in der Welt zu übernehmen. Es müsse sich verabschieden vom Traum, eine Art Schweiz sein zu wollen und sich immer aus allem rauszuhalten. Dafür sei das Land zu groß und zu bedeutsam. Er habe gerade lange darüber mit seinen Freunden bei den hessischen Grünen diskutiert. (An dieser Stelle fragte ich mich irritiert, wie jemand mit solchen Ansichten Freunde bei den Grünen haben konnte. Ich hielt diesen Hinweis daher für wenig glaubhaft und vermutete einen Trick, um sich bei uns, den linksalternativen Bremer Schülern, irgendwie “einzuschleimen”.) Mehrere Wortmeldungen von Schülern und Lehrern führten daraufhin die Argumente der Friedensbewegung ins Feld, doch Prof. Grosser hielt argumentativ gekonnt dagegen, indem er sich auf die westliche Wertegemeinschaft berief und darauf, dass Deutschland sich, gerade aufgrund seiner Vergangenheit, nie wieder international isolieren dürfe. Es war wirklich schwer, noch etwas dagegen vorzubringen, was mich auch irgendwie wütend machte. Darüber hinaus bemerkte Alfred Grosser, dass er den letzten Bundestagswahlkampf vor der Wiedervereinigung “sehr traurig” gefunden habe, denn die konservative Bundesregierung habe den Eindruck erweckt, die deutsche Einheit sei ohne große Anstrengung zu erringen und die Opposition habe immer nur vorgerechnet, wie viel alles kosten würde. Kein deutscher Politiker habe den Menschen gesagt, dass zwar große Herausforderungen auf sie zukämen, aber mit großer gemeinsamer Kraftanstrengung alle Schwierigkeiten zu überwinden seien… Dabei entging mir nicht, dass Prof. Grosser in seinen Ausführungen die SPD als “Sozialisten” bezeichnet hatte. Ha, dachte ich, so will er sie diskreditieren, indem er sie in die linksradikale Ecke stellt. Keinen Moment lang dachte ich daran, dass in Frankreich, wo Alfred Grosser als Hochschullehrer tätig war, die Sozialdemokraten schlicht unter der Bezeichnung “Sozialisten” firmieren…

Bald darauf wurde ich von der Redaktion der Schülerzeitung gefragt, ob ich nicht einen Artikel über den Vortrag von Prof. Grosser an unserer Schule schreiben könnte. Natürlich ließ ich mich nicht lange bitten, denn dies war gewissermaßen meine erste journalistische Arbeit, auf die ich rückblickend aber keineswegs stolz bin. Denn ich ging in diesem Text, der die Überschrift “Macht der Sprache” trug, hart mit Alfred Grosser ins Gericht und kritisierte ihn dafür, dass er mit “rhetorischen Taschenspielertricks” am Ende scheinbar immer Recht behielt, ohne wirklich auf das berechtigte Ansinnen der Friedensbewegung einzugehen. Es dauerte aber nicht lange, ich glaube es war schon nach wenigen Monaten, da bereute ich zutiefst, was ich da geschrieben hatte. Denn mittlerweile war ich ein regelrechter Fan von Alfred Grosser geworden, den ich endlich als unabhängige liberale Stimme näher kennen- und schätzen gelernt hatte. Auf dem Flohmarkt an der Bremer Bürgerweide hatte ich zum Preis von 50 Pfennigen ein schon ziemlich zerknicktes und ramponiertes Exemplar seines Buches “Versuchte Beeinflussung. Reden und Aufsätze” aus den frühen Achtzigern erstanden und mit wachsender Begeisterung gelesen. Auch verfolgte ich nun regelmäßig die Fernseh-Gesprächsrunde “Baden-Badener Disput”, ausgestrahlt zu später Stunde auf 3Sat, in der Alfred Grosser ein ebenso ständiger Gast war wie der Philosoph Peter Sloterdijk, dessen “Kritik der zynischen Vernunft” ich auch schon eifrig studiert hatte…

Und so kann ich mich nun, nach dreißig Jahren, endlich bei Alfred Grosser, der gottlob noch lebt, aber mittlerweile auch schon 95 Jahre alt ist, für meinen damaligen unqualifizierten Text in der Schülerzeitung öffentlich entschuldigen.“

Am vergangenen Mittwoch ist der große europäische Intellektuelle und deutsch-französische Brückenbauer nun mutmaßlich in die ewigen Jagdgründe des aufgeklärten Denkens eingetreten.

justament.de, 5.2.2024: Brett vorm Kopf

Recht cineastisch Spezial: Warum “Die Feuerzangenbowle” kein Nazi-Film ist. Eine Entgegnung auf Sonja Zekri

Thomas Claer

Wohl kaum einen Film habe ich in meinem Leben so oft gesehen wie “Die Feuerzangenbowle”. Ende Januar 1944, also vor genau 80 Jahren, erstmals aufgeführt in Berlin, nach Ende der Nazi-Zeit aber zunächst verschämt in den Archiven verschwunden, wurde der legendäre Pennäler-Ulkstreifen dann Anfang der Sechzigerjahre in Ost- und Westdeutschland gleichermaßen wiederentdeckt – und hat seitdem unzählige Wiederholungen auf diversen Fernsehkanälen und in Kinosälen erlebt. Seinen zahlreichen Fans gilt er generationsübergreifend als wahrer Klassiker der Schulfilm-Klamotte. Es ist ja auch wirklich zu komisch, wie sich die ernsthaften und verbiesterten Pauker fortwährend der ausgelassenen Streiche ihrer Zöglinge erwehren müssen.

Doch hat es schon seit Jahrzehnten immer wieder herbe Kritik an der scheinbar so harmlosen Schüler-Komödie wegen ihrer etwaigen Nazi-Kontaminiertheit gegeben. Jüngst hat nun die geschätzte und verehrte Sonja Zekri im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung (vom 27.1.2024) zum abermals großen Schlag gegen den anrüchigen Filmspaß ausgeholt. Vor allem beklagt sie, womit sie zweifellos einen Punkt hat, die monströse Geschmacklosigkeit, die bereits darin liege, zeitgleich mit Kriegsverbrechen und Holocaust überhaupt einen solchen Film in die Welt gesetzt zu haben. Dieser enthalte zudem eine Menge Nazi-Ideologeme, angefangen vom vorgestrigen Frauenbild (positiv gezeichnete Unschuld vom Lande versus arrogante Großstadt-Dame aus Berlin) bis hin zum – unstrittig – NS-Propaganda verbreitenden Geschichtslehrer Dr. Brett. Noch dazu ist dieser Dr. Brett, der von der Erziehung der Jugend analog zu nicht schief wachsen dürfenden Bäumen schwadroniert, die einzige Filmfigur, für die es in der Romanvorlage von Heinrich Spörl aus dem Jahr 1933 keine Entsprechung gibt. Das heißt, er wurde offenbar allein zu propagandistischen Zwecken noch nachträglich in die Handlung eingefügt. Und schließlich, so erfährt man auch noch aus Sonja Zekris Text, sei Hauptdarsteller Heinz Rühmann nach den Dreharbeiten sogar eigens mit den Filmrollen auf die Wolfsschanze gefahren, um vom Führer höchstselbst die Freigabe des Films zur öffentlichen Aufführung zu erwirken, die ihm wegen befürchteter Untergrabung von Autoritäten zunächst verweigert worden war. Woraufhin sich Hermann Göring dann den Film mit Heinz Rühmann angesehen und anschließend Hitler darauf angesprochen habe. Und der Führer habe ihn gefragt: “Ist dieser Film komisch?” Und Göring habe das bejaht. Worauf Hitler erklärt habe: “Dann ist er fürs deutsche Volk freizugeben.”

Ist also “Die Feuerzangenbowle” somit eindeutig als Nazi-Film überführt, den man sich keinesfalls mehr anschauen sollte, zumal von jeder öffentlichen Aufführung auch noch die Inhaberin der Filmrechte profitiert, welche (bezeichnenderweise) AfD-Mitglied ist?

Um es gleich deutlich zu sagen: Man kann das alles durchaus so sehen, aber zwingend ist es keineswegs. Fest steht allein, dass sich daraus, dass der Film im Dritten Reich entstanden ist, gewisse Konsequenzen für ihn ergeben. Einen Anti-Kriegsfilm oder einen Anti-NS-Film zu drehen, wäre zu jener Zeit in Deutschland nicht möglich gewesen. Es sei daran erinnert, dass der Komponist der Filmmusik der “Feuerzangenbowle” noch vor der Erstaufführung wegen des Erzählens politischer Witze hingerichtet wurde. (Auch das steht in Sonja Zekris Artikel.) Wie stark der Film nun allerdings mit Nazi-Ideologie durchsetzt ist oder ob er sich nicht vielmehr als auffällig unpolitisch oder sogar dezent subversiv ausnimmt, darüber lässt sich trefflich streiten. Die meisten seiner Inhalte spiegeln wohl eher den allgemeinen Geist jener Jahre wider als einen spezifischen Nazi-Ungeist. Eindeutig nationalsozialistisch tritt allein der besagte Geschichtslehrer Dr. Brett auf. Doch wird er im Film wirklich positiv gezeichnet? Zeugt nicht bereits sein Name vom Gegenteil? Ist nicht die naheliegendste Assoziation, die sich hier einstellt, das sprichwörtliche Brett vorm Kopf, das in Anlehnung an ein hölzernes Sedativum für Ochsen die Verbohrtheit, Inflexibilität oder Begriffsstutzigkeit von jemandem bezeichnet. Wenn dieser Lehrer in die Klasse kommt, herrscht – anders als bei seinen Kollegen – augenblicklich Ruhe und Disziplin. Das werden viele damals gut gefunden haben. Aber machen ihn seine autoritären Erziehungsmethoden wirklich zu einem Sympathieträger bei seinen Schülern und dem Publikum? Ist er nicht sogar eher eine absichtsvoll ambivalent gehaltene Figur, die sowohl die damaligen ideologischen Vorgaben bedient als auch zugleich dem Betrachter Raum dazu lässt, auf Distanz zu gehen?

Ist es angesichts seines Entstehungsumfelds nicht vielmehr bemerkenswert, dass ein über weite Strecken so frecher und aufmüpfiger, fortwährend Autoritäten verspottender Film seinerzeit überhaupt zugelassen wurde? Und ist nicht der vordergründig unpolitische Schlussmonolog, in dem Hans Pfeiffer (mit drei f) ausführt, dass nur unsere Träume und Erinnerungen wahr seien, was Sonja Zekri als Augenverschließen vor den Nazi-Verbrechen deutet, das bereits auf die anschließenden Verdrängungen der Nachkriegszeit verweise, vielleicht sogar im Gegenteil ein verstecktes Statement gegen ein durchideologisiertes System? Ist es für Kulturprodukte aus totalitären, gleichgeschalteten Gesellschaften nicht oftmals sogar ein Qualitätsmerkmal, wenn sie “unpolitisch” sind, denn welche politische Haltung könnte sich in ihnen denn schon klar und deutlich ausdrücken außer doktrinärer Parolenhaftigkeit entsprechend den ideologischen Vorgaben? Anders gesagt: Das einzig mögliche Mittel des Aufbegehrens ist hier, wenn überhaupt, die Subversion, etwa durch versteckte Andeutungen oder Mehrdeutigkeiten. Und nun möge jede und jeder selbst darüber urteilen, ob sich in diesem Film mehr Staatspropaganda oder mehr Hinweise auf Subversion finden lassen. Kurzum, “Die Feuerzangenbowle” ist ein Film aus Nazi-Deutschland, aber deshalb noch lange kein Nazi-Film.

justament.de, 29.1.2024: Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat in Gefahr

75 Jahre Grundgesetz und Ausblick auf ein Schicksalsjahr

Thomas Claer

Rückblickend betrachtet sind die 75 Jahre Grundgesetz in Westdeutschland und immerhin auch schon 34 Jahre Grundgesetz in Gesamtdeutschland, die wir in diesem Jahr feiern können, eine enorme Erfolgsgeschichte. Vor allem auch, wenn man bedenkt, zu welch märchenhaftem Wohlstand es die Deutschen in dieser Zeit gebracht haben. Selbst den Ärmsten geht es hierzulande – rein materiell gesehen – weit besser als jemals zuvor und so gut wie kaum irgendwo sonst auf der Welt. Die ungebrochene Attraktivität Deutschlands als Einwanderungsland legt hiervon ebenfalls Zeugnis ab. Insbesondere hat auch die deutsche Einheit, also die Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West, in den zurückliegenden dreieinhalb Jahrzehnten letztlich eine sehr positive Entwicklung genommen. Wenn auch die Wirtschaftskraft der neuen Bundesländer noch immer hinter der im Westen zurückbleibt, so ist doch die massenhafte Abwanderung überwiegend junger Menschen aus dem Osten, die noch bis in die Zehnerjahre hinein zu beklagen war, nicht nur längst zum Stillstand gekommen, sondern hat sich mancherorts schon beinahe umgekehrt. Zuletzt haben sich sogar vermehrt bedeutende internationale Unternehmen für den Auf- und Ausbau von Standorten in Ostdeutschland entschieden. Selbst die heftigen Krisen der letzten drei Jahre, zuerst Corona, dann Ukraine-Krieg und vorübergehender Energiemangel, haben den Big Player in der Mitte Europas keineswegs aus der Bahn geworfen. Das aktuell leichte Schwächeln der Konjunktur geschieht auf kaum vermindert hohem Niveau. Soweit die Fakten.

Nun sollte dies alles doch eigentlich Anlass sein zu einem selbstbewussten und zuversichtlichen Blick nach vorn, aber das ist es leider ganz und gar nicht. Im Gegenteil: Die Stimmung ist offenbar so miserabel wie noch nie. Unsere Bundesregierung, die das Land in vielerlei Hinsicht mit Bravour durch die besagten schweren Krisen geführt, die in kürzester Frist die Energieversorgung radikal umgestellt und dennoch erfolgreich gesichert, die mit dem 49-Euro-Ticket breiten Bevölkerungsschichten zu unkomplizierter, kostengünstiger und umweltverträglicher Mobilität verholfen hat, ist nach der Hälfte der Legislaturperiode so unbeliebt wie keine ihrer Vorgängerregierungen. Doch auch die demokratischen Oppositionskräfte stehen keineswegs blendend da. Stattdessen liegt eine laut Verfassungsschutz in zumindest drei Landesverbänden “gesichert rechtsextremistische” Partei, die u.a. Millionen Zugewanderte zwangsweise “remigrieren” sowie unser Land aus der Europäischen Union hinausführen (und diese zerstören) will, in gleich drei ostdeutschen Bundesländern, wo in diesem Herbst Landtagswahlen anstehen, mit weitem Abstand vorne. So wie sie auch in den beiden anderen östlichen Ländern an erster Stelle und bundesweit stabil mit mehr als 20 Prozent auf Platz zwei liegt. Noch vor wenigen Jahren hätte man eine solche Situation für vollkommen unvorstellbar gehalten. Also was ist da los?

Nun gut, teilweise hat unsere Regierung etwas unglücklich und ungeschickt operiert wie etwa beim neuen Heizungsgesetz, das aber im Grunde genommen schon vor spätestens einem Jahrzehnt überfällig gewesen wäre (und dessen Äquivalente etwa in skandinavischen Ländern schon vor dreißig Jahren auf den Weg gebracht wurden, im überparteilichen Konsens wohlgemerkt), nur dass die Vorgängerregierungen sich fortwährend davor gedrückt haben und nun scheinheilig der Ampel den Schwarzen Peter dafür zuschieben. Die begreiflicherweise wenig populären aktuellen Sparmaßnahmen infolge des unglückseligen BVerfG-Urteils sind letztlich auch nur eine Spätfolge der krisenbedingten Zahlenakrobatik bereits der vorherigen Regierung, die aber damit beim höchsten Gericht noch durchgekommen ist…

Doch ist die Wahrnehmung offenbar in nicht unbeträchtlichen Teilen der Bevölkerung eine andere. Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa hat in seinem Umfeld die folgende, anscheinend weit verbreitete Haltung beobachtet: “Eigentlich ist unser Dörfchen okay – und dann kommt der Staat und setzt uns ein Flüchtlingsheim hin. Und dann will die Regierung an die Heizung ran. Es reicht ihr also offenbar nicht, dass sie ins Dorf eindringt, sie will in mein Haus. Und mit der Impfung dringt sie sogar in meinen Körper vor. Und mein Denken will sie auch noch beeinflussen, ich darf das N-Wort nicht mehr sagen, ich muss gendern.” (Süddeutsche Zeitung vom 26.1.2024) Das mögen die enttäuschten Stimmen derer sein, die sich von der Politik nicht gehört fühlen. Aber sollte man auf solche Stimmen hören? Doch wohl besser nicht. Es macht wirklich einigermaßen fassungslos, wenn Menschen, die mindestens neun Jahre lang in diesem Staat zur Schule gegangen sind, sich erkennbar von jeder Vernunft ab- und verschwörerischen Weltsichten zugewandt haben.

In der gestrigen ZDF-Nachrichtensendung erklärte ein befragter Passant in einem thüringischen Landkreis: “Die Partei der Mitte ist für mich die AfD.” Erschreckenderweise sind solche absonderlichen Auffassungen vor allem im ostdeutschen kleinstädtischen und ländlichen Raum längst keine Seltenheit mehr. Der Berliner Soziologe Steffen Mau konstatiert: “Insbesondere die Entwicklung im Osten ist beunruhigend: Die Partei ist da vielerorts im Grunde schon eine Volkspartei. Zumal Untersuchungen zeigen, dass die Leute, die dort inzwischen für die AfD eintreten oder sogar Parteifunktionäre sind, vielfach überhaupt nicht mehr vom klassischen rechtsradikalen Rand kommen, sondern Teil der Zivilgesellschaft waren und sind, also seit Jahr und Tag aktiv in Vereinen und Verbänden, lokal oder regional bekannt und vernetzt. Die viel beschworene Brandmauer und Dämonisierung im sozialen Alltag lässt sich da schwer durchhalten…” (Süddeutsche Zeitung ebd.)

Doch sind tatsächlich vor allem die Ostdeutschen verrückt geworden? Vielleicht als Spätfolge der Vereinigungsschocks und -traumata? Der Soziologe Hartmut Rosa hält dem sehr pointiert entgegen: “Mit Blick auf verblüffend ähnliche Probleme in Frankreich, Ungarn, Polen, der Schweiz oder den Niederlanden würde ich sagen, dass nicht die Situation in Ostdeutschland ein Sonderfall ist, sondern die in Westdeutschland.” (Süddeutsche Zeitung ebd.) Stimmt, denn ganz ähnlich bekloppte Einstellungen und Äußerungen wie aus sächsischen Dörfern kennen wir zur Genüge von Trump-Anhängern in den USA, von Bolsonaro-Fans in Brasilien und vielen anderen mehr. Deutschland hingegen gehört zu den wenigen Ländern, die den Rechtspopulismus bisher noch einigermaßen kleinhalten konnten. Noch funktionieren hier ganz überwiegend – und das nicht nur im “alten Westen” – die Zivilgesellschaft, die Demokratie, die rechtsstaatlichen Institutionen, wie auch die noch nicht völlig von den asozialen Fake-Netzwerken samt ihren Putin-Trollen verdrängten “alten” Medien.

In diesem Jahr wird es aber nun wirklich ernst: Europawahlen im Juni, drei Landtagswahlen in Ostdeutschland im Herbst und schließlich, am wichtigsten und folgenreichsten: die US-Präsidentschaftswahl im November. Schon bei den drei Landtagswahlen steht laut Steffen Mau “die Demokratie auf der Kippe”, bei den US-Wahlen gilt gleiches für unsere Sicherheit. Man kann nur inständig hoffen, dass hinter den Kulissen – auf nationaler wie auf europäische Ebene – bereits jetzt die nötigen Vorkehrungen getroffen werden, um dem Worst Case zumindest etwas entgegensetzen zu können. Aber vielleicht geschieht ja doch noch ein Wunder und Michelle Obama kandidiert statt Joe Biden und besiegt Trump, und alles wird gut. Doch das wäre wohl zu schön, um wahr zu werden…

justament.de, 15.1.2024: Die Liebe kommt nicht aus Berlin

Scheiben Spezial: Die Songs des Jahres 2023

Thomas Claer

So etwas haben wir noch nie gemacht: einen Rückblick auf die besten Songs des abgelaufenen Jahres. Doch damit an dieser Stelle nicht immer nur jahraus, jahrein von unseren altbekannten Lieblingen wie Element of Crime, Tocotronic, Björk oder Udo Lindenberg die Rede ist, gehen wir nun auch einmal neue Wege. Aber hoppla: Udo Lindenberg ist, ob man es glaubt oder nicht, auch bei den Hits des Jahres 2023 mit dabei! Dazu gleich unten mehr…

Die Kollegen von der Musikzeitschrift “Diffus” haben also eine Liste der “Top 10 Songs national” mit den dazugehörigen Musikvideos zusammengestellt. Und wir hören uns da einfach mal durch. Unter den Top 10 des Jahres, da sollte doch bestimmt etwas Gutes dabei sein, denkt man sich – und wird bitter enttäuscht. Eigentlich wollte ich zu jedem der zehn Songs ein paar Sätze verlieren, aber das ginge hier nun wirklich entschieden zu weit. Sagen wir es lieber allgemeiner: Damit ein Lied als gut bezeichnet werden kann, darf es zunächst einmal nicht zu vulgär und auch nicht zu sentimental sein. Dieses Kriterium stellt schon eine ziemlich große Hürde dar, denn die meisten Lieder auf der Welt (und auch in dieser Liste) sind wohl entweder das eine oder das andere. Und noch dazu sollte ein gutes Lied einen gewissen Wiedererkennungswert haben, sollte also originell sein, etwa von einer eingängigen Melodie getragen werden, die aber andererseits auch nicht zu gefällig sein darf, denn das wäre dann schon wieder banal…

Um es kurz zu machen, in diesen Top 10 gibt es manchmal ein paar gute Ansätze. Gleich mehrere Songs transportieren sehr unterstützenswerte inhaltliche Botschaften. In “Baba” von Apsilon geht es um eine Vater-Sohn-Beziehung im migrantischen Kontext. Und dabei wird den bekannten und berüchtigten toxischen Männlichkeitsbildern in der Rap-Szene hier zweifellos etwas Positives entgegengesetzt, was natürlich schon per se lobenswert ist.

In “3 Sekunden” von Celine feat. Paula Hartmann wird die immer wieder viel diskutierte männliche Übergriffigkeit gegenüber Frauen angeprangert. Damit haben die beiden jungen Damen natürlich vollkommen recht. Dennoch nimmt man ihnen ihr “Wir wollen einfach nur von Männern in Ruhe gelassen werden” am Ende doch nicht so ganz ab… In zwei weiteren Songs breitet jeweils ein empfindsamer junger Mann mit großer Ausführlichkeit sein Innerstes aus, wobei der vulgäre Rapsong dabei fast noch erträglicher ist als die kitschtriefende Ballade…

Womit wir bei Udo Lindenberg wären. Der große Meister hat sich doch in seinen alten Tagen tatsächlich noch einmal zu einem Duett mit einem Gangsta-Rapper namens Apache 207 herabgelassen. Das war wohl ein Riesen-Hit im letzten Jahr. Ist aber ein ziemlich schwacher Song. Im begleitenden Video steht der Gangsta-Rapper vor Gericht und wird dort wegen Diebstahls und einiger Straßenverkehrsdelikte zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, die er aber im Hausarrest absitzen darf, egal wo. Und daraufhin nimmt Udo Lindenberg seinen Kumpel kurzerhand mit ins Hotel, in dem er schon seit Jahrzehnten wohnt und sein Geld verprasst, und raucht mit ihm dort auf dem Balkon Zigarren. Nun ja…

Zwei Lieder erinnern ziemlich an die selige Neue Deutsche Welle und werden auch ausdrücklich als “NNDW” kategorisiert. Doch leider fehlt ihnen vollkommen die Frische und das Anarchische der alten NDW. Ein weiterer Song einer jungen Sängerin wird als “Indie” angepriesen, ist aber beim besten Willen nur gähnend langweilig.

Ein letzter Song ist noch übrig: “Die Liebe kommt nicht aus Berlin” von Brutalismus 3000 – eine trashige, schnelle Elektropopnummer, man könnte auch Techno dazu sagen. Dieses Lied ist immerhin ziemlich originell, wenn auch nicht unbedingt überragend. Hat es hierzulande schon jemals einen Hit-Song in (teilweise) slowakischer Sprache gegeben? Es ist wohl das einzige Lied in der Liste, das musikalisch noch halbwegs etwas taugt. Also wenn das die Hits des Jahres sein sollen…

P.S.: Vor einem Jahr habe ich in der entsprechenden Liste für 2022 allerdings ein Lied gefunden, das mir sehr gefallen hat: “Wildberry Lillet” von Nina Chuba. Das ist zwar auch durchaus vulgär, aber dabei angenehm selbstironisch – und so witzig: “Ich will haben, haben, haben!” Warum gibt es nicht mehr Lieder von dieser Sorte?

justament.de, 8.1.2024: Compliance-Panne im Roten Rathaus?

Der Regierende Bürgermeister von Berlin und seine Bildungssenatorin sind nun offiziell ein Paar. Kann das gutgehen?

Thomas Claer

Frisch verliebte Politiker sind oft gar nicht mal die schlechtesten. Als seinerzeit Rudolf Scharping mit seiner Gräfin im Pool planschte und dabei medienwirksam von den Bildzeitungs-Paparazzi abgelichtet wurde, galt er als “der beste Verteidigungsminister, den Deutschland je hatte” (so jedenfalls Willi Winkler in der Süddeutschen Zeitung). Die letzten beiden französischen Präsidenten vor dem aktuell amtierenden hatten ebenfalls frische Liebesgeschichten am Laufen, was aber im sprichwörtlichen Land der Galanterie gar keine besonders große Sache war. Oder Joschka Fischer, der als Außenminister plötzlich eine blutjunge Journalistin ehelichte, die dann aber schon nach wenigen Monaten wieder Reißaus nahm. Doch schon bald darauf hatte er wieder eine Neue. Na gut, von Boris Johnson und seinen Eskapaden wollen wir hier lieber schweigen…

Blind und unzurechnungsfähig sind die frisch Verliebten zumeist nur im Hinblick auf das Objekt ihres Begehrens. Ansonsten machen sie in der Regel sogar einen besonders guten Job. Was sie auch anpacken, es gelingt ihnen mit spielender Leichtigkeit. Die Verliebtheit verleiht ihnen Flügel. Besonders gut ist das derzeit am Regierenden Bürgermeister von Berlin zu beobachten. Noch vor einem Jahr galt seine Nominierung zum CDU-Spitzenkandidaten in der Hauptstadt als äußerst umstritten. Sollte dieser steife, verkniffene Typ wirklich eine Wahl gewinnen könnten? Als das dann aber – durch für ihn glückliche Umstände, muss man wohl sagen – wider Erwarten geklappt hatte, konnte er das Amt der Bildungssenatorin mit seiner Wunschkandidatin besetzen. Und seitdem hat er, wie man so sagt, einen Lauf. Kaum im neuen Amt angekommen präsentierte der einstige rechtslastige Grantler sich plötzlich weltoffen-liberal, grenzte sich schärfer als beinahe alle anderen in seiner Partei gegen die rechte AfD ab und traute sich dabei sogar, sich mit Parteichef Friedrich Merz anzulegen. Sein Wahlversprechen, für mehr innere Sicherheit zu sorgen, hat er zumindest mit einem großen Polizeiaufgebot an Silvester in Neukölln eindrucksvoll eingelöst. (Nur von mehr Sauberkeit in Berlin, seinem anderen großen Wahlversprechen, kann angesichts der hier weiterhin überall vermüllten Straßen und Wege leider keine Rede sein…)

Vor drei Tagen gaben Kai Wegner und Katharina Günther-Wünsch nun ihre Verbindung offiziell bekannt, nachdem es schon monatelang darüber Gerüchte gegeben hatte. Aber ein frisch gebackenes Liebespaar innerhalb ein und derselben Regierung eines Bundeslandes? Kann so etwas gutgehen? Verboten ist es nicht, und es verstößt auch nicht einmal gegen bestehende senatsinterne Compliance-Grundsätze. Aber auch wenn Bürgermeister und Senatorin noch so sehr beteuern, Privates und Berufliches stets sauber voneinander trennen zu können, sind die Interessenkonflikte doch vorprogrammiert. Allein der Eindruck, hier könnte bereits bei der Postenvergabe nicht ganz unerheblich gemauschelt worden sein, und dass solches erst recht für die Zukunft zu befürchten ist, hat eine verheerende Wirkung auf das Außenbild des Berliner Senats. Zumindest hierzulande ist eine solche Konstellation in der Politik auch beispiellos. Daher kann es aus all dem nur eine Konsequenz geben: Entweder der Regierende Bürgermeister muss seinen Posten räumen oder die Bildungssenatorin den ihren!

justament.de, 1.1.2024: Viel Gutes bewirkt

Zum Tod von Wolfgang Schäuble (1942-2003)

Thomas Claer

Wolfgang Schäuble war ein Vollblutpolitiker, der sich in vielfacher Weise um unser Land verdient gemacht hat. Ein halbes Jahr vor dem Mauerfall unter Helmut Kohl zum Bundesinnenminister geworden handelte er als Verhandlungsführer auf westdeutscher Seite die Verträge zur deutschen Einheit aus. Querschnittsgelähmt durch ein Attentat eines Geistesgestörten auf ihn neun Tage nach der Wiedervereinigung setzte er seine politische Karriere im Rollstuhl fort und wurde so zum Role Model für viele Menschen mit Handicap. Doch nicht nur das. Mit einer fulminanten Rede während der entscheidenden Debatte im Bundestag sorgte er 1991 maßgeblich dafür, dass Berlin zur Deutschen Hauptstadt wurde, wofür sich die Stadt später mit der Verleihung der Ehrenbürgerschaft an ihn bedankte. Eigentlich wäre Schäuble der “natürliche” Kohl-Nachfolger im Kanzleramt gewesen, doch es kam anders. Wegen seiner Verstrickungen in die CDU-Spendenaffäre, die er als treuer Parteisoldat offenbar nicht vermeiden konnte, musste er später, nach sieben Jahren Rot-Grün, einer jungen politisch unbelasteten Frau aus dem Osten den Vortritt lassen. Während ihrer Kanzlerschaft diente er ihr dann 12 Jahre lang loyal als Minister, bis er seine Karriere schließlich als Bundestagspräsident ausklingen ließ.

Beispielhaft für seine politische Urteilskraft sei hier sein Satz vor einer Schulklasse im März 2014 im Zuge der Annexion der Krim durch Russland erwähnt: „Das kennen wir alles aus der Geschichte. Mit solchen Methoden hat schon der Hitler das Sudetenland übernommen – und vieles andere mehr.“ Dieser Vergleich führte damals zu scharfer Kritik aus Regierungsparteien und Opposition gleichermaßen. Kanzlerin Merkel und Außenminister Steinmeier distanzierten sich von ihm, und Schäuble, damals Finanzminister, musste klarstellen, dass er Putins Russland nicht mit dem deutschen Nazi-Regime gleichgesetzt habe… Der weitere Fortgang der Dinge ist bekannt.

Schäubles letzte politische Großtat war dann, dass er 2021 innerhalb seiner Partei energisch auf die Kanzlerkandidatur Armin Laschets bestanden und dadurch sehr wahrscheinlich einen skrupellosen Populisten mit notorischem Hang zu Schmutzeleien im Kanzleramt verhindert hat. Ferner ist anzunehmen, dass sich Schäubles stetiger beratender Einfluss auch mäßigend auf den amtierenden CDU-Vorsitzenden ausgewirkt hat, weshalb nun umso größerer Anlass zur Sorge besteht, dass dem womöglich künftigen Bundeskanzler noch öfter als bisher die Gäule durchgehen könnten…

Am zweiten Weihnachtstag ist Wolfgang Schäuble endgültig von der politischen Bühne abgetreten.

Jahresende 2023: Ahnenforschung Claer, Teil 15

Während ich vor einem Jahr, zum Jahreswechsel 2022/23, meinen letzten Forschungsbericht finalisierte, erreichten mich noch weitere interessante News von unserem eifrig forschenden Verwandten Andreas Z., die ich damals aber nicht mehr mit aufnehmen konnte. Nun stehen sie im Mittelpunkt des diesjährigen Berichts. Hinzu kommt noch ein gleichfalls spektakulärer Fund von Andreas Z., der mich Mitte des Jahres erreichte. Allerdings bin ich in den zurückliegenden Monaten aus verschiedenen Gründen leider zu gar nichts mehr gekommen, sodass es diesmal nolens volens nur zu einem schmalen Bericht gereicht hat. Dennoch sind die neuen Funde so bedeutsam und im anderen Falle zugleich auch ernüchternd, dass sie unseren Forschungen in mancher Hinsicht eine neue Richtung geben könnten…

1. Die Claers in Bieberswalde – doppelt rätselhaft

Zunächst einmal gilt es, an das Kapitel “Die Claers in Bieberswalde” aus dem letzten Bericht anzuknüpfen. Nachdem ich vor mehr als einem Jahr über Google den Eintrag aus einem Jahrbuch über die Versetzung des Försters Clair aus der Försterei Lebkoyen/Drusken nach Bieberswalde im Jahr 1855 gefunden hatte, war mir gleich wieder eingefallen, dass Tante Lorelies auf ihrer Ostpreußenreise vor 20 Jahren auf dem Friedhof in Bieberswalde bei Liebemühl eine Tafel mit der Aufschrift „Ruhestätte der Familie Claer“ gefunden hatte. Ich schlussfolgerte daraus also, dass mein Urururgroßvater, der Förster Friedrich Clair (1799-18??) mitsamt seiner Frau Justine (1803-18??), meiner Urururgroßmutter, und seinem mutmaßlich jüngsten Sohn, meinem Ururgroßvater Franz Claer (1841-1906), und womöglich auch noch weiteren Nachkommen 1855 von Drusken nach Bieberswalde bei Liebemühl gezogen war. Doch nun steht genau dies wieder infrage.

Zum einen konnte ich bei meiner Durchsicht der Bieberswalder/Liebemühlener Standesamts-Urkunden seit 1872 keinen einzigen Namensträger entdecken, so wie auch Tante Lorelies bei ihren Recherchen in den Kirchenbüchern aus der Zeit zuvor erfolglos geblieben war. Zum anderen überraschte uns Andreas Z. mit einem Fund aus einem anderen, aber ebenfalls in Ostpreußen, nämlich bei Tapiau, gelegenen Bieberswalde. Dort heißt es im Kirchenbuch von 1867 (entziffert von Tante Lorelies):

“Materialwaren Gründer Herr Joh. Friedrich Wilhelm Schwermer, Wittwer seit 6 Monaten 1 Kind – Schxxx v. Gericht liegt vor – 36 Jahre – mit Jungfer Ludovica Wilhelmine Claer, jüngste T. des königl. Förster xxx Clair im Forsthaus Bieberswalde bei Tapiau (in Klammern u.U. ein Ort mit G ) 28 J. alt – Trauung in Tapiau xxx Aufb. nicht (das “nicht” ist wieder ausgestrichen) bezahlt.” (Also soll wahrscheinlich heißen: Aufgebot bezahlt.) Am Rand ist der Eintrag mit einer Klammer versehen: “entheften Proclamation xxx auf Tapiau”
(Ich habe Stunden mit dieser Eintragung verbracht. Das war die konfuseste Eintragung, die ich bisher hatte. Vor allem, dass ich nicht rausbekam, was dem Gericht vorliegt, ist seltsam. Und dass zwischen Förster und Clair was klein Geschriebenes steht, aber kein Vorname.)

Dieser Eintrag erklärt nun zwar einiges, wirft dafür aber auch viele neue Fragen auf und macht die Faktenlage am Ende nur noch rätselhafter. Es spricht nun alles dafür, dass die Versetzung des Försters Clair im Jahr 1855 von Drusken aus nicht nach Bieberswalde bei Liebemühl, sondern nach Bieberswalde bei Tapiau erfolgt ist. Letzteres liegt auch viel dichter an seiner vorherigen Wirkungsstätte Drusken, allerdings weit entfernt von der Gegend um Neidenburg, in die es meinen Ururgroßvater Franz Claer später verschlagen sollte. Aber was hat es dann mit dem Familiengrab Claer im anderen Bieberswalde bei Liebemühl auf sich?? Und wie ist mein Ururgroßvater Franz Claer schließlich von Bieberswalde bei Tapiau in die Gegend des anderen Bieberswalde bei Liebemühl gekommen? Vielleicht ja, wie ich bereits ursprünglich vermutet hatte, im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit als Postschaffner.

Sollte es sich beim Förster Clair von Bieberswalde bei Tapiau, ehemals Förster in Drusken, tatsächlich um meinen Urururgroßvater Friedrich Clair, geboren 1799 in Ludwigswalde, verheiratet 1824 in Corjeiten und lange Jahre wohnhaft in Juditten bei Königsberg, handeln, was ich weiterhin für wahrscheinlich halte, dann wäre seinen zahlreichen uns bereits bekannten Kindern nun also auch noch seine jüngste Tochter Ludovica Wilhelmine hinzuzufügen. Sie war im Jahr 1867 ausweislich des Kirchenbucheintrags 28 Jahre alt, sollte also demnach 1838 oder 1839 geboren sein, d.h. kurz vor meinem Ururgroßvater Franz 1941. Seit 1839 war Friedrich Clair Förster in Drusken, also könnte seine jüngste Tochter Ludovica Wilhelmine bereits dort geboren worden sein oder aber noch zuvor in Juditten. Doch da sie dort im Kirchenbuch, was ich bereits vor vielen Jahren ausgewertet habe, nicht auftaucht, dürfte sie eher schon in Drusken geboren worden sein.
Folgende Kinder von Friedrich und Justine Clair sind uns somit bisher bekannt:

Kinder von Friedrich (1799-18??) und Justine Clair/Claer, geb. Knaebe/Knebel (ca. 1803-18??)
– 1824 Wilhelm Friedrich (23. Oktober) in Corjeiten – verstorben 15.6.1889 in Rahnkalwen/Dittlaken
– 1826 Heinrich Julius (17. Dezember) in Juditten
– 1828 Amalia Dorothea (??. November) in Juditten
– 1830 Albert Eduard (14. November) in Juditten
– 1833 Herrmann August (8. Januar) in Juditten
– 1835 Justina Wilhelmine (??. Februar) in Juditten
– 1837 Auguste Ernestine (11. März) in Juditten
– 1839 Otto Conrad (14. April) in Juditten
– ca. 1839 Ludovica Wilhelmine in Eichenberg/Drusken (?)
– 1841 Franz Claer (27. September) in Eichenberg/Drusken, Kr. Wehlau – verstorben 16.10.1906 in Neidenburg

Als problematisch erscheint nun allerdings, dass im April 1839 noch in Juditten Otto Conrad zur Welt kam, sodass Mutter Justine aus biologisch-mathematischen Gründen eigentlich erst allerfrühestens Anfang 1840 wieder ein Kind hätte bekommen können. Das wäre dann 1867 aber erst höchstens 27 Jahre alt gewesen und nicht, wie es im Kirchenbuch von Bieberswalde bei Tapiau hinsichtlich Ludovica Wilhelmines heißt, bereits 28. Allerdings beruhten die Altersangaben über die Braut im Kirchenbuch vermutlich nur auf den Aussagen der Beteiligten, was gewisse Ungenauigkeiten denkbar erscheinen lässt. Ebenso wäre auch ein geringfügiger Rechenfehler vorstellbar, so dass hier grundsätzlich noch alles ins Bild passt.

Ferner könnte aber auch noch ein Abgleich mit den handschriftlichen Notizen meines Großvaters Gerhard Claer hilfreich sein. Ich zitiere aus einem meiner früheren Berichte:

„An dieser Stelle ist ergänzend auf die handschriftlichen Aufzeichnungen meines Großvaters Gerhard Claer hinzuweisen, wonach im Kirchenregister der ev. Kirche Judithen bei Neidenburg, Jahrgang 1828, Seite 451 Nr. 61 einige Male Clair mit „ai“ erscheint, nämlich: „Heinrich Clair, Förster; Otto C., Gendarm u.s.w., Franz u.s.w. Postbeamter// Geschwister Amelie (?) geb. Clair“. Er geht offenbar von einer Verwandtschaft aus und wertet die dem Französischen näherstehende Schreibweise als Indiz für die ursprünglich französische Herkunft der Familie… Die vollständige Notiz meines Opas Gerhard enthielt außerdem noch den Zusatz: 9 Knaben, 3 Mädchen. Sollte dies die Anzahl der Kinder von Friedrich Claer und Justine Knaebe sein?”

Nun wären wir einschließlich Ludovica Wilhelmine aber schon bei vier Mädchen (und nur sechs Jungs), was doch schon eine signifikante Abweichung darstellt…
Was auch noch möglich wäre: Dass Friedrich und Justines zweitältester Sohn Heinrich Julius Clair, geboren 1826 in Juditten und laut meinem Großvater Gerhard – siehe oben – ebenfalls von Beruf Förster, seinem Vater Friedrich irgendwann nach 1839 auf die Försterstelle in Drusken gefolgt ist und dass er es war (und nicht sein Vater Friedrich), der 1855 von Drusken nach Bieberswalde bei Tapiau versetzt wurde. Denn einen Vornamen des Försters Clair enthält weder der Eintrag aus dem Jahrbuch über die Versetzung nach Bieberswalde im Jahr 1955 noch der Eintrag im Kirchenbuch von Bieberswalde bei Tapiau aus dem Jahr 1867.

Sicher auszuschließen ist allein, dass der älteste Sohn Friedrichs und Justines, Wilhelm Friedrich Clair, geboren 1824 in Corjeiten (und ein direkter Vorfahre von Andreas Z.), auch er von Beruf Jäger, von Drusken nach Bieberswalde bei Tapiau versetzt wurde, denn sein Leben an verschiedenen Wirkungsstätten ist mittlerweile hinreichend dokumentiert, siehe meine früheren Berichte.
Doch es könnte nach 1839 ebenso gut auch noch ein Neffe Friedrichs, etwa ein Sohn von Friedrichs jüngerem Bruder, dem Oberförster Johann Wilhelm Clair (geb. 1802 in Ludwigswalde,) eine Anstellung als Jäger in Drusken gefunden haben und 1855 von dort nach Bieberswalde versetzt worden sein. Oder sogar Johann Wilhelm selbst. Kurz gesagt: Es bleibt unübersichtlich und vieles ist möglich.

Bemerkenswert am Bieberswalder Kirchenbucheintrag ist aber schließlich noch die divergierende Namensschreibweise von Vater und Tochter: Ludovica Wilhelmine Claer wird schon mit ae geschrieben, ihr Vater nur eine Zeile darunter aber noch mit ai.

2. Neues von den Claers in Thüringen

Lange Jahre hatten wir keine neuen Erkenntnisse mehr über die Claers in Thüringen und ihre etwaige Verbindung zu unseren ostpreußischen Claers gewinnen können. Nun endlich kommt aber wieder Bewegung in die Sache.

a) Bisheriger Kenntnisstand
Bisher wussten wir nur vom überregional operierenden Erfurter Fuhrunternehmer Christoph Friedrich Claer (1802-1860), der in seiner Jugend bis 1826 zunächst als Chausseewächter in Frienstedt (Vorort von Erfurt) aufgetreten ist. Von 1836 bis 1846 war er Frachtfuhrmann in Erfurt, ab 1849 dann Fuhrherr und Spediteur ebendort. Er war zweimal verheiratet, zuerst mit Sophie Catharina Hof(f)mann, nach deren frühen Tod um 1826 mit Christiane Marie Scherlitz. Seiner ersten Ehe entstammt sein Sohn Friedrich Wilhelm Heinrich Claer, geb. 1825 in Frienstedt.

Gemäß Friedrich Christophs Geburtseintrag aus Siersleben im Südharz vom 16.11.1802 war sein Vater der Feldjäger (und wohl doch nicht Feldscher, wie es zuerst entziffert wurde) Johann Friedrich Klaer, der wiederum als “der jüngste Sohn des hochehrwürdigen Herrn (unleserlich, ev. Jäger oder Förster) Christian Friedrich Klaer aus Wettin/Wollin/Wittin (o.ä., so lasen die Experten es damals)” bezeichnet wurde. Tante Lorelies liest nun als Ortsangabe hier “eindeutig Wittiz. Wahrscheinlich heißt der Ort Wittitz, hat der Schreiber vielleicht nicht gewusst.”

Es soll einmal einen kleinen Ort namens Wittiz bei Kamenz gegeben haben. Ferner gibt es ein Wittitz (Vitice) in Böhmen, gut 40 km östlich von Prag. Die Entfernung von Siersleben nach Kamenz beträgt 234 km, nach Wittitz bei Prag 377 km; die Entfernung von Siersleben nach Ludwigswalde bei Königsberg in Ostpreußen sogar 901 km.

Als wir uns vor etwa einem Jahrzehnt damit beschäftigten, rätselten wir, ob es trotz der großen Entfernung eine Verbindung zu “unseren” Claers in Ostpreußen geben könnte, denn die Übereinstimmungen bei den Vornamen (alle heißen Friedrich mit unterschiedlichen Zusätzen wie Johann, Christian, Christoph oder Heinrich) und den Berufen (alle sind Förster/Jäger außer dem Fuhrunternehmer) sind schon sehr auffällig. Insbesondere gab es ja in Ludwigswalde neben “unserem” Friedrich Wilhelm Clair (laut Mundia-Datenbank-Eintrag 1770-1813, Vater des im 1.Kapitel behandelten (Christian) Friedrich Clair (1799-18??)) auch dessen mutmaßlichen Bruder, den Unterförster Johann Friedrich Clair. Und dieser ist namensidentisch und berufsgleich mit dem Vater des Fuhrunternehmers, dem Feldjäger Johann Friedrich Klaer, der 1802 in Siersleben geheiratet hat. Laut dem damals zitierten Experten war die örtliche Mobilität der Förster damals einerseits sehr hoch, andererseits hielt er die Entfernung von Ostpreußen nach Thüringen für doch zu groß, um darauf zu spekulieren.

Neben den genannten Claers in Erfurt hatten wir damals noch den Google-Suchtreffer eines Försters namens Clair im thüringischen Krakendorf im Jahr 1816:

Als solcher war er aufgeführt im “Großherzoglich-Sachsen-Weimar-Eisenachischen Hof- und Staatshandbuch. Darinzustehen war schon eine große Ehre, zumal in diesem Buch auch kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe als Minister dieses Großherzogtums Erwähnung findet. Doch konnten wir für diesen Förster von Krakendorf, das gut 30 km südöstlich von Erfurt liegt, bisher noch keine Verbindung zu den Claers aus Erfurt finden. Die Betonung liegt auf bisher…

b) Neue Funde
Nun hat Andreas Z. in alten Kirchenbüchern aus Erfurt gleich vier Volltreffer gelandet (Entzifferung jeweils von Tante Lorelies):

1849: Friedrich August Clar (hier wird schräg über l und a das e raufgetupft. Daraus ist später dann sicher Clär entstannden, ich habe auch erst ä gelesen) vormals Unterförster in Königl.Peuß. Dienst, Fleischgasse Nr.1452 Ehemann. Wagenwärter, 72, hinterließ mehrere maj. Kinder, wie auch seine Ehefrau, Freitag 9. März, Nachmittag 4.. Altersschwäche

1843: Wilhelmine Charlotte Rosalie Clar (e drauf) Freitag, den 10.März, abends halb 12 Uhr, ehelich, Vater Herr Friedrich Christoph Claer, Bürger und Frachtfuhrmann, Mutter Frau Christiane Marie, geb. Scholtz (Schultz, Schulitz?) Fleischgasse Nr.1452 Dom October den 19ten März, Taufzeugin Jungfrau Wilhelmine Charlotte Rosalie Franz, Steuerbeamtin zu Nordhausen, Tochter

1858: Claer, Friederike, Sophie, geb. Hoffmann nachgelassen, Witwe des Chaussee-Aufsehers Friedrich August Claer, Schmidtstädterstr. No 509, 69, 2 majorenne Kinder, 15. Februar, 2 1/2 3 Uhr früh, Schlagfluß, vom Leichenbestatter von Rhein gemeldet 17. Februar , daselbst No 433 A

1854: Cramer, gen. Krämer, Johann Georg, Bürger und Gärtner…? zu Unter…?? 6 Eltern: Johann Andreas Cramer zu Grüningen, Frau Martha geb. Köhler. Alter des Bräutigams 55/4 Wittwer. Braut: Claer, Jungfrau, Dorothea Friederike, ev. , Am Anger. Eltern der Braut : Friedrich August Claer, gen.. Ortsbürger und Förster zu Krakendorf im Eisen… und Frau Anna …Elisabeth, geb. Hoffmann. Alter der Braut : 34, ledig, Aufgebot in der Lohfüßer Kirche

c) Einordnung dieser Funde:
Nun wissen wir also, dass der vormalige Förster von Krakendorf, Friedrich August Claer, geboren um 1776 und verstorben 72-jährig an Altersschwäche am 09.03.1849 in Erfurt, dort in der Fleischgasse Nr.1452 gewohnt hat. (Übrigens beste Innenstadtlage in der Erfurter Altstadt.) Genau diese Wohnadresse hatte aber auch der Fuhrunternehmer Christoph Friedrich Claer mit seiner Familie im Jahr 1843. Da Friedrich August, Jahrgang 1776, wie wir wissen, nicht der Vater von Christoph Friedrich, Jahrgang 1802, war, fragt sich, in welchem Verwandtschaftsverhältnis sie gestanden haben könnten. Am naheliegendsten wäre wohl die Vermutung, dass Friedrich August der Onkel von Christoph Friedrich war, mithin der Bruder von Christoph Friedrichs Vater Johann Friedrich (Geburtseintrag von Siersleben, siehe oben). Wären sie noch entferntere Verwandte gewesen, hätten sie vielleicht nicht unbedingt im selben Haus gewohnt…

Fleischgasse 14 in Erfurt heute

Noch dazu war Friedrich August Claer, wie es in seinem Todeseintrag heißt, bis zuletzt noch als Wagenwärter tätig (vielleicht sogar in Christoph Friedrichs Firma, was ja naheliegend gewesen wäre) und zuvor offenbar auch noch als Chaussee-Aufseher, wie es im Todes-Eintrag seiner Witwe erwähnt wird. Als „Chaussee-Wächter“ in Frienstedt hat übrigens auch sein mutmaßlicher Neffe Christoph Friedrich Claer angefangen. Das war vermutlich von seinem Großvater mütterlicherseits vermittelt, der aus dieser Branche kam, hatten wir früher mal rausgefunden.
Interessant ist ferner der Umstand, dass Friedrich August Claer, der Förster von Krakendorf, als “Unterförster in Königl. Preuß. Dienst” bezeichnet wird. Tatsächlich waren die Stadt Erfurt und Umgebung seit 1802 preußisch geworden, allerdings die Gemeinde Krakendorf offenbar schon nicht mehr, denn sonst hätte es ja nicht den besagten Eintrag im Jahrbuch des Großherzogtums Sachsen-Weimar gegeben.

Könnte es nicht sein, dass der preußische Staat ab 1802 loyale Beamte aus seinen bisherigen Provinzen in die neu erworbenen Gebiete beordert hat? So könnten doch Friedrich August (Jahrgang 1776) und sein jüngerer Bruder Johann Friedrich (der jüngste Sohn seines Vaters laut oben angeführtem Sierslebener Geburtseintrag) aus diesem Grund von Ostpreußen nach Thüringen bzw. in die Mansfelder Grafschaft (zu der Siersleben gehörte) gekommen sein, während ihr älterer Bruder, nämlich “unser” Friedrich Wilhelm (Jahrgang 1770) in Ludwigswalde und später woanders in Ostpreußen verblieben ist.

Aus den Einträgen in den Erfurter Kirchenbüchern ergeben sich darüber hinaus noch weitere spannende Erkenntnisse: Anscheinend war Fuhrunternehmer Christoph Friedrich Claer in fortgeschrittenem Alter sogar noch ein drittes Mal verheiratet, nämlich mit Christiane Marie, geb. Scholtz (Schultz, Schulitz?). Mit ihr hat er 1843, also mit immerhin schon 41 Jahren, noch die Tochter Wilhelmine Charlotte Rosalie bekommen. (Er war ja als erfolgreicher “Ökonom”, wie es in einem Eintrag heißt, den wir schon früher einmal gefunden hatten, zweifellos eine gute Partie.)
Ferner erfahren wir, dass der oben erwähnte Friedrich August Claer, der frühere Förster von Krakendorf, mit Friederike Sophie, geb. Hoffmann, verheiratet war, die erst 1858, also zehn Jahre nach seinem Tod, 69-jährig verstorben ist. Sie war folglich Jahrgang 1888 oder 1889, also 12 oder 13 Jahre jünger als ihr Mann. Außerdem hat sie zu dieser Zeit nicht mehr in der Fleischgasse gewohnt, sondern in der Schmidtstädterstr. No 509, 69. Vielleicht hat ja der Platz in Christoph Friedrichs Haus nicht mehr für seine Tante gereicht, oder sie hat es von sich aus vorgezogen, woanders zu wohnen. Jedenfalls hat sie bei ihrem Tod laut Eintrag zwei erwachsene Töchter hinterlassen. Eine davon, nämlich Dorothea Friederike, hat 1854 im Alter von 34 Jahren erstmals geheiratet, und zwar einen 55-jährigen Witwer, Bürger und Gärtner. Damit war Dorothea Friederike übrigens nur fünf Jahre älter als der 1825 geborene Sohn Friedrich Wilhelm Heinrich ihres mutmaßlichen Cousins Christoph Friedrich.

Doch noch einmal zurück zu den Förstern Friedrich Wilhelm Clair (geb. 1770), Friedrich August Clair (geb. 1776) und Johann Friedrich Clair (geb. nach 1776). Sollte meine gewagte Theorie – siehe oben – stimmen, wären sie Brüder gewesen und stammten alle drei aus Ostpreußen. Von Johann Friedrich wissen wir aus dem Geburtseintrag in Siersleben, dass er der “jüngste Sohn des hochehrwürdigen Herrn (unleserlich, ev. Jäger oder Förster) Christian Friedrich Klaer aus vermutlich Wittiz oder Wittitz war. Zwar gibt es kein Wittiz oder Wittitz in Ostpreußen, doch könnte Vater Christian Friedrich Klaer dorthin (wo auch immer es sich befindet) natürlich auch erst später versetzt worden sein, womöglich ja ebenfalls wegen der preußischen Gebietszuwächse und des Bedarfs an loyalen preußischen Beamten…

Nun trägt auch mein im ersten Kapitel ausführlich gewürdigter Urururgroßvater Friedrich Clair, geboren 1799 in Ludwigswalde als Sohn des Unterförsters Friedrich Wilhelm Clair, den ersten Vornamen Christian. Denkbar wäre es folglich, dass “unser” Christian Friedrich Clair nach seinem mutmaßlichen Großvater, dem “hochehrwürdige Christian Friedrich Klaer”, benannt worden ist, zumal der Zusatz „Filius“ zu seinem Namen in seinem Geburtseintrag 1799 ja auch nahelegt, dass es neben ihm noch einen älteren Christian Friedrich Clair gegeben hat.

Dass bei einem Namenseintrag im Kirchenbuch das Adjektiv “hochehrwürdig” dem Namen vorangestellt wird, wie es im Kirchenbuch von Siersleben bei besagtem Christian Friedrich Klair aus Wittiz oder Wittitz geschehen ist, gilt – wie es uns vor einem Jahrzehnt auch von Experten bestätigt wurde – als sehr ungewöhnlich. Dieser Christian Friedrich muss sich also durch irgendetwas Besonders hervorgetan haben. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass alle seine Söhne ebenfalls Friedrich heißen (was wohl sein Rufname gewesen sein dürfte). Der ältere Christian Friedrich könnte zwischen 1740 und 1750 geboren worden sein und die spätere „Marke“ Förster Friedrich Clair etabliert haben. Vielleicht gibt es sogar eine Verbindung zu Friedrich dem Großen, der 1740-1786 preußischer König war. Und der erste Name Christian verweist möglicherweise auf „Christian Clerc, der nach Preußen gehet“, der 1719 in Stolp auf dem Weg nach Ostpreußen registriert wurde, mutmaßlich unterwegs zu seinen Verwandten David, Jakob und Abraham Clerc/Clair in der Schweizer Kolonie in Gumbinnen (seit 1712), wo ja noch 1734 Elisabeth Clair, die Tochter des Jacob Clair, geheiratet hat. Kurzum, der ältere Christian Friedrich könnte zur zweiten oder dritten Einwanderergeneration der aus St. Imier stammenden ostpreußischen Clairs gehört haben.

Natürlich sind meine Ausführungen der letzten drei Absätze weitgehend spekulativer Natur, wenn auch, wie ich zumindest hoffe, nicht völlig aus der Luft gegriffen…

3. Ausblick

So viel also für dieses Jahr. Ob wir in der besonders schwierigen Frage des Lückenschlusses zwischen den Clairs in der Schweizer Kolonie in Gumbinnen ab 1712 und “unseren” Förstern in Ludwigswalde bei Königsberg im späten 18. Jahrhundert jemals entscheidend weiterkommen werden, steht nach wie vor in den Sternen. Doch gibt es darüber hinaus und drum herum gewiss auch weiterhin so viele spannende und immer wieder überraschende Entdeckungen zu machen, dass unser Forschungseifer auch in Zukunft nicht erlahmen sollte…

Jahresende 2023: Thomas Claer als Komparse bei Babylon Berlin (Screenshot)

6. Folge der 4. Staffel, Gerichtsszene

justament.de, 11.12.2023: Feucht-fröhlicher Radaubruder

Scheiben Spezial: Zum Tod des großen Folkpunk-Pioniers Shane MacGowan

Thomas Claer

Es lag ja damals, Mitte der Achtziger, ja schon seit längerem in der Luft, dass auch einmal so etwas wie Folk-Punk entstehen könnte. Beinahe seit es Rockmusik gab, gab es auch schon folkloristischen Rock. Doch dass es dabei lauter, härter und schräger zur Sache ging, das blieb zunächst die Ausnahme, etwa hierzulande auf Achim Reichels rockigen Seemannslied-Platten “Dat Shanty Alb`m” (1976) und “Klabautermann” (1977). Erst knapp ein Jahrzehnt später vollzog sich dann die längst überfällige Fusion aus anarchischem (Post-)Punk und traditioneller Folklore, als der laute, harte und schräge Folkrock auch noch schnell wurde und von wilden Pogotänzen seiner Fans begleitet wurde. Der Prototyp dieser Richtung war die irische Sauf-Combo “The Pogues” mit ihrem charismatischen Sänger und Songwriter Shane MacGowan (1957-2023). Ihre ersten beiden Platten “Red Roses for me” (1984) und “Rum, Sodomy and the Lash” (1985) galten in der aufgewühlten Londoner Indie-Szene zunächst noch als Geheimtipps. Der kommerzielle Durchbruch gelang ihnen dann erst mit dem ebenso famosen dritten Album “If I Should Fall from Grace with God” (1988). Bemerkenswerterweise finden sich darauf nicht mehr nur Volksweisen und Eigenkompositionen irischer Provenienz, sondern mit “Fiesta” auch ein spanische Folklore adaptierendes Lied und noch dazu sogar ein orientalisch anmutender “Turkish Song of the Damned”. Natürlich war das alles ganz großartig. Man kann wohl sagen, dass es keinen besseren und überzeugenderen Folkpunk in der Welt gibt als auf diesen drei frühen Platten der Pogues.

Doch so ungestüm und unbeschwert konnte es natürlich nicht weitergehen. Mit zunehmendem Ruhm der Band wurden ihre weiteren Platten zusehends schwächer und der Alkoholismus insbesondere ihres Frontmanns Shane MacGowan immer virulenter. Schließlich ging es bei ihm nicht mehr – und ihre letzten beiden Platten “Waiting for Herb” (1993) und Pogue Mahone” (1995) machte die Band dann notgedrungen ohne ihn. Bald darauf fielen die Pogues auseinander. Doch nur, um 2001 mit einem triumphalen Wiedervereinigungskonzert mitsamt dem vorläufig genesenen Shane MacGowan am Mikrophon wieder aufzuerstehen. Fortan tourten sie mit dem grandiosen Repertoire ihrer frühen Jahre munter um die Welt und unterließen es klugerweise, noch weitere Tonträger mit etwaigem neuem Material zu veröffentlichen. Erst 2014 war dann endgültig Schluss, als mehrere Bandmitglieder gesundheitlich nicht mehr zur Fortsetzung ihrer Musikerkarrieren in der Lage waren. Shane MacGowan war dann auch noch einige Jahre lang drogensüchtig, was ausgerechnet seine Nachbarin und Musikerkollegin Sinead O’Connor (1966-2023) publik gemacht hatte, die ihm in einer Art Hassliebe bis zu ihrem Lebensende eng verbunden geblieben ist. Nur wenige Monate nach seiner suizidalen Freundfeindin hat am letzten Novembertag dieses Jahres nun auch Shane MacGowan das Zeitliche gesegnet. Er wurde 65 Jahre alt, was gemessen an seinem Lebensstil als durchaus beachtlich angesehen werden kann.