www.justament, 25.1.2016: Westschokolade für den “großen Meister”

Zum Tod des DDR-Juristen Wolfgang Schnur. Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

ADN-ZB-Gahlbeck-16.12.89-eng-Leipzig: Gründungsparteitag Demokratischer Aufbruch. Vorsitzender Wolfgang Schnur eröffnete den Gründungsparteitag der sozial und ökologisch ausgerichteten Partei im Kongreßsaal des Brühlzentrums.

 Wolfgang Schnur (Foto: Wikipedia)

Damals, irgendwann im Winter 1988/89, saßen wir in einem langen Flur und warteten. Ich war 16 oder 17. Schon zwei Jahre hatten meine Mutter und ich auf unsere Ausreise aus der DDR gelauert – zu meinem Vater, der bereits im Westen lebte und uns ständig Briefe und Pakete schickte. Jemand gab uns dann den Tipp, zu Wolfgang Schnur in Rostock zu gehen. Er sei einer von nur drei in der DDR zugelassenen Einzelanwälten, sagte man uns. (Laut Wikipedia sollen es tatsächlich 20 gewesen sein, nach anderer Quelle zwölf; fest steht nur, dass es nicht sehr viele waren.) Er war spezialisiert auf die Vertretung von Dissidenten, Bürgerrechtlern, Wehrdienstverweigerern und Ausreisewilligen. Als Vertrauensanwalt der Evangelischen Kirche hatte er einen großartigen Ruf. Er galt als Freund der Unterdrückten, als Helfer in der Not gegen staatliche Willkür. Was wir seinerzeit noch nicht wissen konnten und erst gut ein Jahr später, während der Wende, als wir schon längst im Westen waren, aus den Medien erfahren sollten: Schnur war ein ranghoher Mitarbeiter der Staatssicherheit, der seine Mandanten systematisch ausspionierte, um sie an die staatlichen Stellen zu verraten. Eigentlich nicht sonderlich überraschend, wenn man darüber nachdenkt, aber für viele seiner damaligen Mandanten zutiefst enttäuschend. Unsere Enttäuschung über ihn hielt sich allerdings in Grenzen…

Wir saßen also irgendwann im Winter 1988/89 in Wolfgang Schnurs Kanzlei in Rostock in diesem langen Flur und warteten. Und da ging jemand vorbei und raunte uns zu: „Der große Meister kommt gleich.“ Er kam dann bald darauf auch wirklich und bat uns in sein Büro. Nett war er, freundlich, verbindlich. Viel könne er ja auch nicht für uns tun, aber er werde mal sehen, was sich machen lässt. Es klang eher vage. Vor allem schärfte er uns ein, uns weiterhin unbedingt ruhig zu verhalten und auf jegliche Provokationen der Staatsmacht zu verzichten. Meine Mutter drückte ihm noch hundert Westmark und ein paar Tafeln Schokolade aus der Bundesrepublik in die Hand. Nach nur zehn Minuten waren wir wieder draußen. In der Tür stehend wünschte er uns noch eine baldige Ausreise und fragte mich beiläufig nach meinen Zukunftsplänen im Westen. Ich sagte darauf wohl so etwas wie: „Erst Abitur machen, und dann mal sehen…“ Und sodann sprach Wolfgang Schnur den prophetischen Satz: „Vielleicht wird aus dem jungen Mann ja später auch mal ein Jurist.“

Während der Wende wurde Schnur erst Mitbegründer und dann Vorsitzender der Bürgerbewegung „Demokratischer Aufbruch“, die sich vor den ersten freien Wahlen in der DDR im März 1990 mit Ost-CDU und DSU zur “Allianz für Deutschland” zusammenschloss. Monatelang galt er als Favorit für das Amt des DDR-Ministerpräsidenten. (Im Februar 1990 machte er übrigens eine junge Frau zur Pressesprecherin des „Demokratischen Aufbruchs“. Ihr Name: Angela Merkel. Schnur hatte lange Jahre enge Kontakte zu ihrem Vater, dem Kirchenfunktionär Horst Kasner, gehabt.) Die Offenlegung seiner Stasi-Akte wenige Tage vor den Wahlen, die ihn als Stasi-Spitzel überführte, war das Ende seiner kurzen Karriere als Politiker. 1991 eröffnete er eine Rechtsanwaltskanzlei in Berlin, doch schon 1993 wurde ihm die Anwaltszulassung wegen Mandantenverrats und „Unwürdigkeit“ entzogen. Seitdem arbeitete Schnur als Investitions- und Projektberater. 1996 verurteilte ihn das Landgericht Berlin noch zu einer Bewährungsstrafe wegen politischer Verdächtigung (§ 241a StGB), weil er seine früheren Mandanten, die Bürgerrechtler Stephan Krawczyk und Freya Klier, seinerzeit bei der Staatsmacht angeschwärzt hatte. Laut BILD-Zeitung lebte Schnur zuletzt verarmt und zurückgezogen in Wien.

Im Mai 1989, ein paar Monate nach unserem Mandantengespräch bei Wolfgang Schnur, wurde unsere Ausreise in den Westen endlich genehmigt. Wir wissen bis heute nicht, ob er in irgendeiner Weise, beschleunigend oder bremsend, daran mitgewirkt hat. Danach fragen können wir ihn nun auch nicht mehr. Am vorletzten Samstag ist Wolfgang Schnur, die mysteriöse Eminenz aus dem Schattenreich des Klassenkampfes, 71-jährig in einem Wiener Krankenhaus gestorben.

www.justament.de, 4.1.2016: Hier hatte der Osten Weltniveau!

Thomas Claer empfiehlt spezial: Vor 40 Jahren lösten die Abrafaxe die Digedags ab

AbrafaxeEs gibt Begegnungen, die das eigene Leben grundlegend verändern. So eine Begegnung hatte ich im Alter von sechs Jahren, wenige Monate vor meiner Einschulung, mit der Zeitschrift Mosaik, genau genommen mit dem Heft 5-1978, das den Titel „Im Gasthaus zum wilden Mann“ trug. In prachtvollen Bildern wurden dort – monatlich auf 20 Seiten – die Abenteuer der Kobolde Abrax, Brabax und Califax, genannt die Abrafaxe, erzählt, die durch alle Länder und Zeiten reisten. Wir befinden uns im Jahr 1704. Zwei superdämliche kaiserlich-österreichische Gendarmen, Bösl und Grantiger, machen Jagd auf die ungarischen Aufständischen (die „Kuruzen“) und insbesondere auf deren Anführer, den Ludas Matyi. Die Abrafaxe stehen wie immer auf Seiten der Armen und Unterdrückten und begleiten zudem volkstümliche „Spaßmacher“ wie den Salzburger Tierarzt Hans Wurst bei ihren Streichen. Eine geheimnisvolle Nebenfigur ist der Marquis Philippe de la Vermotte-Toupet, der sich auf diplomatischer Mission befindet. Er soll im Auftrag des französischen Königs Ludwig XIV. die Möglichkeit einer Allianz mit den Kuruzen ausloten. Doch im Bemühen, sich möglichst unauffällig zu verhalten, erscheint er den diensteifrigen Gendarmen Bösl und Grantiger sofort als besonders verdächtig und wird von ihnen für den Ludas Matyi gehalten, während der echte Ludas Matyi in anderer Verkleidung unbehelligt daneben steht…

Sofort war ich Feuer und Flamme fürs Mosaik. Am Anfang wurden mir die Bildgeschichten noch vorgelesen, ein paar Monate später kam ich dann schon allein zurecht. Die Hefte zu je 60 Pfennigen waren nicht immer leicht zu bekommen, meistens waren sie schon nach kurzer Zeit ausverkauft. Aber eine Bekannte meiner Eltern, Tante W., kannte die Frau im Zeitungskiosk, und so wurde mir fortan immer ein Exemplar zurückgelegt. Was aber bald schon noch verlockender für mich wurde, waren die früheren Hefte, auf die ich regelrecht Jagd machte. Und so entdeckte ich irgendwann, dass die Abrafaxe erst mit Heft 1-1976 das Licht der Welt erblickt hatten. Sie waren nur die Nachfolger ihrer Kobolds-Kollegen Dig, Dag und Digedag, die zuvor 20 Jahre lang im „Mosaik von Hannes Hegen“ eine ganz ähnliche Rolle gespielt hatten. So dehnte ich meine Sammel- und Leseleidenschaft also gleich noch auf die „alte Serie“ aus.

Damals, vor genau 40 Jahren, wusste niemand unter den Lesern, was dieser Wechsel der Mosaik-Kobolde zu bedeuten hatte. Inzwischen sind natürlich längst alle Hintergründe gründlich erforscht und u.a. in zwei sehr sehenswerten TV-Dokumentationen dargestellt:

https://www.youtube.com/watch?v=8rgk4vblBdg

https://www.youtube.com/watch?v=d-73-71UhoA

Heute werden beide Mosaik-Serien von den Fans geschätzt, wobei die alte Serie den großen Vorzug der Vollkommenheit genießt, es gab sie ja auch nur überschaubare 20 Jahre lang. Die Abrafaxe hingegen, zunächst vom gleichen Zeichnerkollektiv, aber ohne den Chefzeichner Hannes Hegen alias Johannes Hegenbart geschaffen, hatten ihre beste Zeit – soweit ich es noch beurteilen kann – ganz sicher in ihren Anfangsjahren. Aber es gibt sie noch bis heute, nun schon doppelt so lange wie seinerzeit die Digedags, seit ein paar Jahren sogar noch ergänzt um eine feminine Parallelserie mit den Koboldinen Anna, Bella und Caramella.

www.justament.de, 4.1.2016: Zum Tod von Lemmy Kilmister

Scheiben vor Gericht spezial

Thomas Claer

Nein, mit Heavy Metal hatte ich nie viel am Hut. Das rührt wahrscheinlich noch von ganz früher her. Zu meiner Schulzeit in den Achtzigern waren nämlich ungefähr die Hälfte der Jungs in meiner Klasse (aber kein einziges Mädchen, wohlgemerkt) begeisterte Heavy Metal/Hardrock-Fans und hörten auf ihren in die Schule und auch überall sonst hin mitgebrachten Mono-Kassettenrecordern, deren Batterien ständig der Saft ausging, dabei stets wild Luftgitarre spielend, Songs von Bands wie Bon Jovi, Scorpions und Iron Maiden.

Nun will ich keineswegs behaupten, dass ich damals, so mit 15 oder 16, einen besseren Musikgeschmack als jene Mitschüler gehabt hätte, dann wohl schon eher einen noch schlechteren. Aber wir hatten alle eine Entschuldigung: Wir waren im Osten und hatten somit kaum eine Chance, an bessere Musik zu kommen. Vor allem gab es in unserem Dorf aber auch niemanden weit und breit, der einem bessere Musik hätte nahebringen können. Auf popmusikaffine Lehrer sollte ich erst zwei Jahre später in einer anderen Welt treffen: auf einem Bremer Gymnasium, wo ich wahrscheinlich der einzige war, der diese antiautoritären Lehrkräfte unglaublich cool fand, denn in meinem bisherigen Leben hatte ich ja nur das absolute Kontrastprogramm erlebt…

Aber zurück zum Heavy Metal: Dass es auch bessere Spielarten dieser Genre-Musik gibt, ist mir erst viele Jahre später aufgegangen. Vor allem solche, die ohne dieses ewige Gejaule und das Hymnenhafte auskommen, die hart und schnell und ehrlich geradeaus spielen, so wie Motörhead. Dennoch hat es mich nie besonders interessiert, eher schon: Lemmy Kilmister als Stilikone. Als Motörhead besonders im vergangenen Jahrzehnt immer populärer wurden, hat man ja schon manchmal was von ihm aufgeschnappt, ein Interview hier, ein unverschämt lässiger Spruch dort. Lemmy Kilmister, der Ex-Junkie und Alkoholiker, der sich fortwährend darüber wundern konnte, überhaupt noch am Leben zu sein, der eine Explosion des Krematoriums bei seiner Einäscherung voraussagte, hatte sich dem Rock’n Roll als Lebenshaltung verschrieben. Und wer ihn jemals auf der Bühne erlebt hat, was auf YouTube ja leicht möglich ist, wie er mit seinen Bandkollegen ein überwiegend deutlich jüngeres Publikum in seinen Bann zieht, dem ist es dann auch egal, dass sich doch eigentlich jedes Lied fast wie das andere anhört. Diese hochenergetische Musik hat selbst dem bekennenden Metal-Banausen noch etwas zu sagen. Klar, Motörhead gehörten zu den Ersten ihrer Richtung und haben unzählige andere Bands beeinflusst, die nach ihnen kamen. Sie haben Speed-Metal, Trash-Metal und das ganze Zeug vorweggenommen. Doch blieben sie vor allem deshalb unerreicht, weil sie so einen großartigen Bandleader hatten.

Zuletzt mussten Motörhead mehrere Konzerte absagen, da ihr Frontman sich schlecht fühlte. Am vorigen Montag, vier Tage nach seinem 70. Geburtstag, ist Lemmy Kilmister für immer von der Rock’n Roll-Bühne abgetreten.

www.justament.de, 21.12.2015: Selbstjustiz im rechtsfreien Raum

Recht cineastisch, Teil 25: „Dheepan – Dämonen und Wunder“ ist großes Kino!

Thomas Claer

dheepanWas gehen uns die Tamilen in Sri Lanka an? So hätte man vielleicht noch vor wenigen Jahrzehnten mit einer gewissen Berechtigung fragen können. In der globalisierten Welt, die wir heute bewohnen, spielen räumliche und kulturelle Entfernungen aber längst keine Rolle mehr, wenn die Probleme im einen Teil unseres Planeten auf manchmal unheilvolle Weise mit denen in ganz anderen Regionen interagieren.

Der tamilische Rebellenkämpfer Dheepan (Jesuthasan Antonythasan) sieht nach dem Tod seiner Frau und seiner Kinder keine Zukunft mehr für sich in seiner Heimat Sri Lanka. Um in Frankreich bessere Chancen auf Asyl zu haben, schließt er sich mit der jungen Frau Yalini (Kalieaswari Srinivasan) und dem Waisenmädchen Illayaal (Claudine Vinasithamby) zusammen. Die Drei geben sich bei den französischen Behörden als eine Familie aus – und kommen damit durch. Nach mühsamen Anfängen als Straßenverkäufer wird Dheepan Hausmeister in einer Sozialbausiedlung am Pariser Stadtrand, also in den berüchtigten Banlieues. Dort findet auch Yalini einen Job als Betreuerin eines dementen Anwohners, die kleine Illayaal geht in die Schule. Sie beziehen eine einfache Wohnung, die ihnen ganz wunderbar vorkommt: ein Dach über dem Kopf, trinkbares fließendes Wasser, Zentralheizung, elektrisches Licht, gut schließende Fenster, eine grüne Umgebung – was will man mehr? Vor allem Yalini ist geradezu begeistert von der ihr äußerst großzügig erscheinenden Bezahlung für ihre Pflegetätigkeit von monatlich 500 Euro, die sie gedanklich in ihre Heimatwährung umrechnet…

Allerdings wissen nicht alle Bewohner der Sozialbausiedlung solche Annehmlichkeiten zu schätzen. In fast jeder Nacht gibt es unzählige Zerstörungen in den Häuserblocks und im öffentlichen Raum, sodass Hausmeister Dheepan eigentlich ständig mit Reparaturarbeiten beschäftigt ist. Wenn Yalini auf die Straße geht, wird sie von den überall unproduktiv herumhängenden Männern angestarrt, weil sie als einzige Frau kein Kopftuch trägt. (Auf Anraten von Dheepan – „Wir sind neu hier und müssen uns anpassen.“ – läuft sie bald nur noch verschleiert herum.) Die Neuankömmlinge müssen sich eingestehen, dass sie in einem sozialen Brennpunkt, einem Zentrum des Drogenhandels und sonstiger organisierter Kriminalität gelandet sind. Immer wieder liefern sich rivalisierende Banden Schießereien auf offener Straße. Für die Polizei ist die Gegend offenbar längst eine No-go-Area. Für Dheepan, Yalini und Illayaal ist es in diesem Teil von Paris kaum weniger gefährlich als in ihrer Heimat. Als Yalini durch eine Verkettung unglücklicher Umstände in den Bandenkrieg hineingezogen wird, bahnt Dheepan sich in alter Kämpfermanier gewaltsam einen Weg durch die Drogenbandenfront und kann so Yalini befreien und zugleich ihr Herz gewinnen, so dass aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft noch eine „richtige Familie“ wird. Die letzten Einstellungen des Films lassen erahnen, dass den drei engagierten Migranten schließlich auch noch ein Neubeginn außerhalb der Banlieus gelingt.

An Jacques Audiards Film scheiden sich die Geister. Ausgezeichnet mit der Goldenen Palme in Cannes und dort mit Lob überschüttet, musste er sich von anderen Kommentatoren, zuletzt in der Rezension der Süddeutschen Zeitung, auch den Vorwurf gefallen lassen, in ihm realisiere sich die „perverse Phantasie“ von Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, die Straßen der Banlieus mit dem Hochdruckreiniger von dem dort herumstreunenden Gesindel zu reinigen. Und in der Tat, lässt sich der Film denn nicht auch so verstehen? Ein tamilischer Kämpfer tut endlich das, was sich viele Franzosen insgeheim wünschen. Er räumt – wenigstens für einen Moment – mal auf mit diesem Islamisten-Drogenhändler-Faulenzer-Gesocks. Die fleißigen, genügsamen, anpassungsbereiten Asiaten, die schaffen es in kurzer Zeit und machen nie Probleme. Aber dieses Pack aus Afrika und Arabien, das nur dem Staat auf der Tasche liegt und in einer notorisch kriminellen Parallelgesellschaft lebt, das müsste man am besten aus Frankreich rausschmeißen. Marine Le Pen lässt grüßen. Und Sarkozy ist auch nicht weit davon entfernt…

Man muss diesen Film unbedingt vor einer solchen Interpretation in Schutz nehmen. Wenn sich Politiker, die stets „dem ganzen Volk“ verpflichtet sind, herablassend über die Bewohner konkreter Stadtbezirke äußern, dann ist das immer kritikwürdig, auch wenn sich in diesen bestimmte Probleme konzentrieren. Denn sie verraten dadurch den rechtsstaatlichen Grundsatz, dass kein Individuum allein als Angehöriger bestimmter Kollektive beurteilt werden darf. Ein Film hingegen erzählt nur eine Geschichte, hier ist jede Subjektivität nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht. Und wäre denn irgendjemandem geholfen, wenn man den „Realismus“ dieses Films durch eine politisch korrektere geschönte Darstellung ersetzte? Außerdem ist der Film so einseitig nun auch wieder nicht. Die Protagonisten begegnen in der Sozialsiedlung sogar vielfach netten und hilfsbereiten Anwohnern, die genauso wie sie unter dem Terror der Drogenbanden zu leiden haben. Insofern ist es doch auch ganz im Sinne vieler Banlieu-Bewohner, wenn ein Film einmal den Finger in diese Wunde legt.

Aber wenn nicht alles täuscht, dann hat auch die französische Politik längst die Signale gehört. Bald werden die Bauarbeiten zu einem bisher beispiellosen Ausbauprogramm der Pariser Metro beginnen, so dass spätestens in 15 Jahren jede Banlieu ihre schnelle Verbindung ins Zentrum von Paris haben wird. Spätestens dann werden die Bewohner entdecken, dass sich mit der Wohnungsvermietung an Touristen über Airbnb und Co. auch andere lukrative Geschäftsbereiche jenseits des Drogenhandels ergeben. Doch damit das funktioniert, müssen diese Bezirke sicherer werden, und hierzu braucht es eine Bürgergesellschaft aus aufgeschlossenen Anwohnern und Zugezogenen. So können aus No-go-Areas plötzlich gefragte Wohnlagen werden. Andere Städte haben es doch vorgemacht…

Dheepan – Dämonen und Wunder
Frankreich 2015
Regie: Jacques Audiard
Drehbuch: Jacques Audiard, Thomas Bidegain, Noé Debré
109 min, FSK: 16
Darsteller: Jesuthasan Antonythasan, Kalieaswari Srinivasan, Claudine Vinasithamby u.a.

www.justament.de, 30.11.2015: Die Welt ist schlecht, aber s i e ist es nicht

Maike Rosa Vogel auf ihrem vierten Album „Trotzdem gut“

Thomas Claer

trotzdem16x9Die Sängerin und Liedermacherin Maike Rosa Vogel, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, ist so etwas wie eine Heilige. Während sich andere erklärte „Gutmenschen“, die sich überall korrekt positionieren und immer auf der richtigen Seite stehen, nicht selten dem Verdacht der Heuchelei aussetzen, ist an der 37-jährigen Wahlberlinerin garantiert alles echt. Man nimmt es ihr ab, dass sie sich für Flüchtlinge einsetzt, die Naturzerstörung und die menschliche Gier anprangert. Wenn sie dem Publikum auf den Konzerten ihre Seele öffnet, ist sie erkennbar ganz bei sich selbst. Vor allem aber sind ihr die überschwänglichen Kritiken all der bis über beide Ohren in sie verknallten Musikrezensenten offenbar nicht im Mindesten zu Kopf gestiegen. Uneingebildet und natürlich wie eh und je präsentiert sie uns – drei Jahre nach der letzten Platte „Für fünf Minuten“ – nun ihr neues Album „Trotzdem gut“, das erstmals im Eigenvertrieb erscheint. Dieser Schritt ist mutig und konsequent zugleich, und man kann sie hierzu nur beglückwünschen. Ihre Fans werden schon weiterhin zu ihr finden, auch ohne Plattenfirma.

Allerdings packt einen „Trotzdem gut“, anders als seine Vorgänger, nicht gleich vom ersten Moment an. Man braucht etwas länger, um mit dieser Platte warm zu werden. Musikalisch hat sich das Spektrum ein wenig in Richtung Folk verschoben. Wir hören Banjo und Violinen. Sven Regener, die treue Seele, spielt Bass und Trompete. Und gerade weil ihre Songs diesmal gelegentlich etwas abrutschen auf dem schmalen Grat zwischen großer Emotion und Betroffenheitskitsch, wird einem bewusst, was für großartige Lieder uns Maike Rosa Vogel auf ihren früheren Alben geschenkt hat. Doch gibt es solche Lieder, man bemerkt es spätestens beim dritten oder vierten Hören, auch auf „Trotzdem gut“. Zum Beispiel „Du hältst meine Hand“ – eine Hymne an das kleine große Glück der Zweisamkeit. Und ganz bestimmt spricht „Verschwendete Zeit“ unzähligen zugewanderten Berlinern aus der Seele, die sich von ihren besorgten Provinz-Eltern die ewig gleichen bitteren Vorwürfe anhören müssen: „Sie glauben an das Unglück, das da draußen auf uns lauert/ Und uns anspringt und uns einholt, wenn wir tun, was uns gefällt“. Doch das lyrische Ich weiß es gottlob besser: „Die schlimmsten Zeiten meines Lebens waren die/ Als ich anderen mehr glaubte als mir selbst“. Je länger man diesem Album lauscht, desto mehr Perlen entdeckt man auf ihm. Auch „San Francisco“ und „Für mich auch“ sind sehr schön.

Textlich besonders interessant wird es dann auf „Der kultivierteste Sommer meines Lebens“. Hier zeigt uns Maikes lyrisches alter ego, dass es auch mal ganz anders kann: Den ganzen Sommer lang sind die Erzählerin und ihr Geliebter „in Museen gegangen“, haben „gute Filme geschaut“, sich nicht vom Fußballfahnenschwenken anstecken lassen und ausgedehnt Zeitung gelesen. Doch irgendwann reicht es dann dem lyrischen Ich: „Ich wollte einfach schnellen Sex… ich bin ganz gerne auch mal nicht so klug/ Und ich bin ganz gerne auch mal nicht so gut/ Und viel mehr als das/ Hatten wir uns beide nicht zu sagen“. Man rechnet schon mit dem Schlimmsten. Wird sie ihn, den kulturbeflissenen Intellektuellen, der zu wenig auf die wilden Begierden seiner Partnerin eingeht, eiskalt abservieren? Doch zum Glück kommt es anders. Freudig bleibt sie bei ihm, „Weil du nur mich liebst/ Und sonst nichts auf der Welt“. Na dann toi, toi, toi…

Gewidmet ist diese CD übrigens den Berliner Hebammen, „die so viel mehr tun als ihre Arbeit und denen wir alles zu verdanken haben“. Danke, Maike, für diese Hommage an die wahren Helden des Alltags, die in ihren unterbezahlten Jobs Erfüllung finden und dafür von den Karriere-Fuzzis und -Tussis auch noch herablassend behandelt werden. Unser Urteil für diese Platte lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Trotzdem gut
Eigenvertrieb Maike Rosa Vogel 2015
www.maikerosavogel.com

www.justament.de, 30.11.2015: “Eisernes Sparen jahrzehntelang”

Der Finanzjournalist Franz Netter untersucht das Für und Wider von Investments in deutsche Wohnimmobilien

Thomas Claer

Netter„Wohin bloß mit unserem Geld?“, fragen sich immer mehr Deutsche verzweifelt angesichts der einfach nicht enden wollenden Niedrigzinsphase. Alle anderen, die sich so etwas nicht fragen, werden vermutlich bereits diese Fragestellung obszön finden, weil sie entweder nur wenig verdienen oder immer gleich alles ausgeben. Doch die meisten hierzulande sind weder Geringverdiener noch Konsumjunkies und daher unmittelbar von der Misere betroffen. Bedenkt man dann noch, dass bekanntlich selbst die heutigen Bezieher mittlerer Einkommen im Alter kaum mehr als eine Mindestrente zu erwarten haben und die private Vorsorge daher längst zum Gebot der Stunde geworden ist, so dürften für viele früher oder später auch die eigenen vier Wände ins Blickfeld geraten.

Der erfahrene Finanzjournalist Franz Netter hat in seinem Buch das weitläufige Themenfeld der Investments in Wohnimmobilien durchschritten und hierzu jede Menge nützliche Informationen in komprimierter Form zusammengetragen. Zu einer ganz besonderen Anlageform macht die Wohnimmobilien vor allem ihr Doppelcharakter zur Befriedigung des menschlichen Grundbedürfnisses Wohnen und zugleich als Investitionsobjekt. Wer also seine sauer verdienten Ersparnisse in eine Immobilie steckt, die er selbst zu nutzen gedenkt, der hat zunächst einmal ein Dach über dem Kopf und spart sich künftige Mietzahlungen. Darüber hinaus sorgt er vor. Der Haken daran ist nur, dass Wohnimmobilien an den gefragten Standorten, den so genannten Schwarmstädten, die allein weiteren Bevölkerungszuwachs und damit Wertsteigerungen versprechen, bereits exorbitant teuer sind. Als Schwarmstädte gelten insbesondere die Metropolen Berlin, Hamburg, München, Köln, Düsseldorf, Frankfurt und Stuttgart sowie einige kleinere und mittelgroße Universitätsstädte. Doch haben die meisten Immobilieneigentümer, zu denen in Deutschland immerhin jeder Zweite gehört, ihr Betongold leider am „falschen“ Ort. Oder wie es Buchautor Franz Netter pointiert sagt: „Mies oder gar nicht verzinste Sparguthaben, ertragsschwache Lebensversicherungen, von Kündigung bedrohte Bausparverträge und das marode Häuschen weit draußen auf dem Land – diese Anlagewerte überwiegen bei 99 Prozent der Haushalte, wenn überhaupt Geld zum Sparen übrig bleibt.“ Warum also nicht es den Reichen dieser Welt nachtun und auf Aktien oder Immobilien setzen? Doch fragen sich viele, vor allem Jüngere, die bislang noch nicht zum Zuge gekommen sind, ob sich der Erwerb einer Schwarmstadt-Immobilie heute überhaupt noch lohnt. Zwar ist es für manche eine Alternative, ein Haus oder eine Wohnung in einer anderen Stadt zu kaufen und täglich zum Arbeitsplatz in der Schwarmstadt zu pendeln. Doch ist gerade das auch nicht jedermanns Sache. Netter zitiert einen Glücksforscher: „Eine Stunde mit dem Auto zur Arbeit pendeln ist etwa so schlecht für die Glücksstatistik wie gar keinen Job zu haben.“

Man muss es dem Autor zugutehalten, dass er nie um deutliche Worte verlegen ist, auch was die Schattenseiten des Immobilienkaufs betrifft, der ja meistens mit einer hohen Kreditaufnahme verbunden ist: Kann man sich überhaupt sicher sein, jahrelang pünktlich seine Raten zahlen zu können, wo doch viele Arbeitsplätze keineswegs dauerhaft Bestand haben oder womöglich in den Niedriglohnsektor transformiert werden. „Die Industrie ist der letzte Wirtschaftssektor, der seine Beschäftigten noch ordentlich entlohnt. Im Dienstleistungsbereich dagegen schuften Millionen deutsche Arbeitnehmer oder Scheinselbständige für einen Hungerlohn.“ Und selbst wer das Glück hat, von diesem Trend nicht betroffen zu sein, bezahlt doch nicht nur finanziell einen hohen Preis: „Durch einen Immobilienkauf geht nicht selten ein Großteil der finanziellen Freiheit flöten: Wer sich hoch verschuldet hat, ist ängstlich darauf bedacht, pünktlich seine Raten an die Bank zu zahlen. Meist wird alles andere diesem Ziel untergeordnet: Karriere, Familie, Altersvorsorge, Freizeit. Das verursacht Druck und negativen Stress, der im Extremfall krank macht. Eine freie Lebensgestaltung ist nur schwer möglich.“ Aber dafür sind doch wenigstens fette Renditen garantiert, so denkt man. Nein, noch nicht einmal das: „Aus Renditeperspektive lohnen sich Wohnimmobilien, die zum Marktpreis erworben werden, nur bei ansehnlichen Wertsteigerungen.“ Aber immerhin, wenn alles gut geht und die Preise kräftig gestiegen sind, kann man seine abbezahlte Immobilie irgendwann später so richtig teuer verkaufen, denn nach einer Haltefrist von zehn Jahren sind die Gewinne doch schließlich steuerfrei. Aber selbst hier rät Buchautor Netter, sich lieber nicht zu früh zu freuen. Man müsse nämlich in Zukunft zunehmende Eingriffe des Staates in das Vermögen seiner Bürger einkalkulieren, wozu z.B. auch eine Abschaffung dieser Zehnjahresfrist unter dem Aspekt der „Gerechtigkeit“ gehören könnte. Klar, die Mehrheit der Wähler sind Mieter, die kleinen Eigentümer hingegen haben in der Politik – anders als das ganz große Geld, versteht sich – keine Lobby. So kommt der Autor folgerichtig zu dem Schluss: „Ohne mindestens ein halbwegs gesichertes Einkommen, ohne eisernes Sparen über Jahrzehnte und ohne ein Minimum an Eigenkapital (mindestens ein Fünftel, besser ein Drittel der Gesamtkosten) ist der Immobilienkauf in Deutschland nicht zu empfehlen.“

Warum am Ende, sofern man die genannten Voraussetzungen erfüllt, aber letztlich doch vieles dafür spricht, es zu wagen, liegt für Netter auf der Hand: „Hohe Nachfrage, günstige leicht verfügbare Darlehen sowie eine extreme Knappheit auf dem Mietmarkt dürften die Preise für Grundstücke in den kommenden Jahren nach oben treiben.“ Doch was ist mit dem oft vorhergesagten langfristigen Absinken der Immobilienpreise durch den demographischen Wandel? Dies betrifft dem Autor zufolge nur die kleinstädtischen und ländlichen Regionen. Denn egal wie man es dreht und wendet, die Zuwanderung nach Deutschland, vor allem in die Metropolen, dürfte noch sehr lange anhalten:  „Nichts wird diese Völkerwanderung aufhalten, solange hier Freiheit, Frieden und Wohlstand herrschen, während weltweit Unterdrückung, Krieg und Armut dominieren.“ So kommt Netter zu der Vorhersage: „Wer nicht bald in den Immobilienmarkt investiert, wird sich selbst in durchschnittlichen Lagen vieler Städte kaum noch eine vernünftige Wohnung leisten können.“ Zumal die vieldiskutierte Mietpreisbremse, die womöglich in der Zukunft sogar noch verschärft wird, eher für eine weitere Verknappung des Angebots sorgen werde. „Die Preise steigen Monat für Monat.“ Und wer denkt, ihn betreffe all das nicht, weil er ja ein großes Erbe erwarte, dem sagt Netter: „Nur das reichste Prozent der Haushalte übergibt ein derart großes Vermögen an die nächste Generation, sodass diese auf eigene Sparanstrengungen weitgehend verzichten kann. Die übrigen 99 Prozent vererben meist zu wenig, um ihren Nachkommen das sorglose Leben in einer Metropole zu ermöglichen.“

Besonders interessant und aufschlussreich sind die nach Meinung des Autors wahrscheinlichsten wirtschaftlichen Zukunftsszenarien und ihre Auswirkungen auf die Anlageform Immobilie. Eine etwa gleich hohe Wahrscheinlichkeit räumt er dem inflatorischen und dem deflatorischen Szenario ein, deutlich unwahrscheinlicher als diese ist aus seiner Sicht das depressive Szenario. Kommt es in den kommenden Jahren zu deutlich steigenden Inflationsraten, was eine günstige konjunkturelle Entwicklung voraussetzt und politisch gewünscht ist, da dann die immensen Schuldenberge der Staaten zusammenschmelzen, so profitieren davon alle Sachwert-Anlageklassen, also insbesondere Aktien sowie Immobilien in den Schwarmstädten. Die Zeche zahlen müssten in diesem Falle die Inhaber von Lebensversicherungen und Sparkonten, die gewissermaßen enteignet würden. Kommt die Konjunktur in Europa hingegen trotz aller geldpolitischen Stimulierungen nicht richtig in Gang, dann tritt das japanische Szenario ein: eine lange Phase der Deflation. In diesem Fall brechen die Börsen ein und das abgezogene Kapital wandert, na wohin wohl?, in den sicheren Hafen der Schwarmstadt-Immobilien, deren Preise ja bekanntlich als weit weniger schwankungsanfällig gelten als die von Unternehmensbeteiligungen. Aber auch Festzins- und Lebensversicherungssparer wären mit diesem Szenario noch gut bedient, da ihre Gelder ja zumindest leicht an Wert gewännen. Ungünstig für wirklich alle Anlageklassen, also auch für Immobilien, wäre nur das (hoffentlich!) unwahrscheinlichste aller Szenarien, eine Depression, welche etwa durch schwere politische Krisen, durch Kriege oder Naturkatastrophen ausgelöst werden könnte. Der Islamische Staat erobert Europa oder so ähnlich…  Daraus folgt, dass jemand, der auf Immobilien in Schwarmstädten setzt, aller Voraussicht nach also auch künftig auf der sicheren Seite sein wird.

Man liest dieses Buch mit großem Gewinn. Bemerkenswert, wenn auch nicht unbedingt verwunderlich, ist jedoch, wie stiefmütterlich der Autor darin den mit Abstand dynamischsten Immobilienmarkt Deutschlands, wenn nicht Europas behandelt. Gerade einmal eine Dreiviertelseite Text ist ihm unsere Hauptstadt Berlin wert, während er sich viele Seiten lang über seine Heimatstadt München und allerlei dort bestehende kommunale Förderprogramme auslässt. So passt es auch ins Bild, dass Netter, der sonst überall zuverlässig auf dem neuesten Stand ist, in seinem Berlin-Porträt mit längst überholten Zahlen von 2012 hantiert, wonach Berlin lediglich 3,3 Millionen Einwohner habe, nur moderat wachsen werde und Wohnungen fast überall unter 3.000 Euro pro Quadratmeter zu haben seien. Tatsächlich hat Berlin inzwischen aber längst 3,5 Millionen Einwohner, man sagt ihm 4 Millionen Einwohner bis 2030 voraus (was dann ungefähr die dreifache Bevölkerungszahl von München wäre!), und man findet zumindest frei beziehbare Wohnungen innerhalb des S-Bahn-Rings unter 3.000 Euro pro Quadratmeter inzwischen so gut wie gar nicht mehr. Insbesondere in früheren innerstädtischen Problemkiezen, die mittlerweile zu angesagten Szenelagen geworden sind, bekam man solche Wohnungen in den Nullerjahren noch für die Hälfte oder sogar für ein Drittel der heutigen Preise. Es soll sogar sparsame Geringverdiener geben, die seinerzeit Wohneigentum in heutigen Bestlagen Berlins für den berühmten „Appel und `n Ei“ erwerben konnten. Solche lukrativen Turnaround-Situationen gibt es auf den Immobilien-Märkten zwar selten, doch kommen sie gelegentlich vor, nur nicht in diesem Buch. Offensichtlich liegen solche Entwicklungen weit jenseits des Münchener Weißwursthorizonts…

Wirklich spannend wird es aber, wenn man sich nun überlegt, was wohl die künftigen Turnaround-Stories auf dem deutschen Immobilienmarkt sein könnten. Man gibt es als Berliner ja nicht gerne zu, aber Deutschlands größte Metropole ist eigentlich gar nicht unsere Hauptstadt, sondern mit insgesamt 5,1 Millionen Einwohnern das Ruhrgebiet, das sich nur aus provinzieller Engstirnigkeit noch nicht zu einer einzigen Stadt zusammengeschlossen hat. Ganz nebenbei gesagt handelt es sich auch noch um die fünftgrößte Quasi-Stadt Europas. Und längst haben sich dort in stillgelegten Fabriken die ersten Künstler und Startup-Gründer angesiedelt, denen Berlin bereits zu teuer geworden ist. Das allein muss natürlich noch nicht viel bedeuten, und es braucht ja auch viele andere Faktoren, die hinzutreten müssen, damit irgendwann so etwas wie ein Schwarm entstehen kann. Doch meistens geht es auf den Immobilienmärkten vergleichsweise gemächlich zu, und einmal etablierte Trends halten oft sehr lange an. Fast immer gibt es also noch ausreichend Zeit, auf neue Entwicklungen zu reagieren…

Franz Netter
Wohnimmobilien. Mit den richtigen Investments vom deutschen Immobilienboom profitieren
Finanzbuchverlag München 2016
186 Seiten, 19,80 €
ISBN: 978-3-89879-889-1

www.justament.de, 16.11.2015: Erinnerungen an Helmut Schmidt (1918-2015)

Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

Helmut_SchmidtEs war der Bundestagswahlkampf 1980. Alles kreiste um die Frage: Schmidt oder Strauß – wer bleibt oder wird Bundeskanzler? Für einen achtjährigen westfernsehbegeisterten DDR-Jungen wie mich gab es damals kaum etwas Interessantes als die Innenpolitik unseres Klassenfeindes, denn die sozialistische Langeweile „bei uns“ war für mich schon als Kind nur schwer zu ertragen. Ich befragte also alle meine Freunde, Mitschüler, Verwandten und Bekannten, ob sie für Schmidt oder für Strauß seien und bekam zu meiner großen Zufriedenheit meistens zu hören: „Für Schmidt natürlich.“ Einige sagten aber auch: „Ist mir doch egal.“ Keiner schien für Strauß zu sein, aber das könnte auch daran gelegen haben, dass es manche als zu riskant empfanden, sich einfach so zum aus offizieller DDR-Sicht ungünstigeren Kandidaten zu bekennen. Noch wahrscheinlicher ist wohl, dass es in der DDR eine große Sympathie für die Entspannungspolitik der SPD-Kanzler, die immerhin zu deutlichen Reiseerleichterungen geführt hatte, und auch für die Person von Helmut Schmidt gab. Er galt als Staatsmann von Format, insbesondere im Vergleich zu unserem blassen und hölzernen Generalsekretär Erich Honecker, der in seinen Reden immer auf so drollige Weise die Silben verschluckte.

Mit Honecker war ich schon im Kindergarten vertraut. Er und sein Stellvertreter Willi Stoph hingen dort eingerahmt und unübersehbar an der Wand. In den täglichen „Beschäftigungen“, so nannten die Kindergärtnerinnen ihre Versuche, uns etwas beizubringen, fragten sie uns manchmal, während sie auf die besagten Bilder zeigten: „Wer ist das?“ Zwar konnte wohl jeder Erich Honecker benennen, doch gab es, was unsere Erzieherinnen sichtlich erboste, gewisse Schwierigkeiten mit seinem Stellvertreter Willi Stoph, was an dessen frappierender Ähnlichkeit mit dem Heizer unseres Kindergartens lag, einem gewissen Herrn Nechels. Stets antworteten wir auf die Frage, wer denn der Mann auf dem Bild neben Honecker sei, wie aus einem Munde: „Herr Nechels!“ Unsere Erzieherinnen fanden das allerdings gar nicht witzig und machten sich offenbar ernsthafte Sorgen, dass wir sie mit dieser Antwort blamieren könnten, sollte einmal, was tatsächlich ab und zu der Fall war, Besuch von irgendwelchen Bildungsfunktionären in unseren Kindergarten kommen. Noch heute sind mir ihre warnenden Worte im Ohr. „Und dass KEINER von euch sagt, das auf dem Bild ist Herr Nechels!“

Aber zurück zu Helmut Schmidt. Unvergesslich ist mir sein Staatsbesuch bei Erich Honecker 1981, bei dem er unter anderem auch das Ernst Barlach-Museum im ganz in der Nähe meiner Heimatstadt gelegenen Güstrow besuchte. Schon Tage vorher wurde die Umgebung Güstrows weiträumig abgesperrt, niemand durfte mehr die Straßen befahren. Es herrschte eine Art Ausnahmezustand, so ähnlich wie vor ein paar Jahren beim G7-Treffen in Heiligendamm oder jetzt in Paris nach dem jüngsten Terrorakt. Auf keinen Fall sollte Helmut Schmidt einem nicht eigens dafür präparierten DDR-Bürger begegnen. Beim Betrachten der Fernsehbilder von dieser winterlichen Begegnung – Honecker mit Pelz- und Schmidt mit Prinz-Heinrich-Mütze – ertappte ich mich bei dem Gedanken, ich weiß noch genau, dass ich mich dabei etwas unangenehm fühlte, dass mir der West-Kanzler Schmidt deutlich besser gefiel als unser großer Vorsitzender… Und das, obwohl Helmut Schmidt damals unentwegt Bonbons lutschte, weil er – man mag es heute kaum glauben! – mit dem Rauchen aufhören wollte, was einigermaßen lächerlich wirkte. An dieses Detail – Schmidt wollte mal ernsthaft mit dem Rauchen aufhören! – hat sich, soweit ich sehe, später nie wieder jemand erinnert.

Wie im Westen wurde Helmut Schmidt auch in der DDR aus durchaus unterschiedlichen Gründen verehrt. Mein Onkel Karl, der schon etwas älter war, meinte – es muss wohl kurz nach dem Regierungswechsel 1982/83 gewesen sein – auf meine Frage, wen er denn besser finde, Helmut Schmidt oder seinen Nachfolger Helmut Kohl: „Der Schmidt hat noch den Krieg mitgemacht und der Kohl nicht, das ist der Unterschied.“ Wobei mein Onkel Karl in vieler Hinsicht etwas eigenwillige Ansichten vertrat. Als ich ihn neugierig nach seiner Meinung über die damals noch recht junge Partei der GRÜNEN befragte, erklärte er mir, dass er als Mediziner dazu nur sagen könne, dass so wie ein einzelner Organismus auch ein ganzer Staat von Krebszellen befallen werden könne, und die GRÜNEN seien so ein Krebsgeschwür, aber es werde sie bestimmt nicht lange geben…

Überhaupt der Regierungswechsel 1982/83. Ich kann nicht von mir behaupten, dass ich damals als Elfjähriger viel von den Gründen und Hintergründen, die zu ihm führten, verstanden hätte. Bei mir kam es eher so an, dass der von mir so verehrte Schmidt von seinem verräterischen Kollegen Genscher hinterrücks gemeuchelt wurde, damit dieser dann mit dem verhassten Erzrivalen Kohl gemeinsame Sache machen konnte.

Einige Jahre später führte mich dann die Jugendweihefahrt meiner Schulklasse 1987 nach Minsk, das damals noch in der Sowjetunion lag, die gerade vom großen Reformer an der Staatsspitze, Michail Gorbatschow, so richtig durchgeschüttelt wurde. Und im Minsker Hotel Jubilejnaja, das es laut Google auch heute noch gibt, konnte ich mir – was mich ungemein beglückte – zum ersten Mal im Leben eine „Süddeutsche Zeitung“ und einen „Vorwärts“ (das war die SPD-Parteizeitung) kaufen. Natürlich habe ich beide sogleich regelrecht verschlungen, und zwar komplett von vorne bis hinten mehrmals nacheinander. Neben vielem anderen Interessanten fand ich im „Vorwärts“ eine Rezension von Helmut Schmidts erstem großen Bucherfolg als Kanzler a.D., „Menschen und Mächte“. Fortan war ich ausgesprochen scharf auf dieses Buch, doch ich musste noch etwas daruf warten, denn wie sollte man ein solches Werk in die DDR befördern?

Nun hatte sich aber zu jener Zeit mein Vater bereits in den Westen abgesetzt, während ich gemeinsam mit meiner Mutter geduldig auf die positive Bescheidung unseres Ausreiseantrags auf Familienzusammenführung durch die DDR-Behörden wartete. (Sie ließen uns erst nach zweieinhalb Jahren im Frühling 1989 ausreisen.) Meine Eltern benutzten in ihren Briefen aneinander, um die stets mitlesende Stasi zu düpieren, oft eine Art Geheimcode. So bezeichnete mein Vater einen ebenfalls früheren DDR-Bürger namens Kleine, mit dem er sich im Westen manchmal traf, als „Parvus“, was auf Lateinisch „klein“ bedeutet. Als Jugendlicher fand ich so etwas sehr aufregend und wollte mich an dergleichen auch versuchen, weshalb ich meinem Vater in Bremen als meinen Weihnachtswunsch schrieb: das Buch „Menschen und Mächte“ von – um den Namen des Altkanzlers zu vermeiden – „Dunkelfeige S.“. Doch leider kapierte mein Vater diesen Umkehrungs-Code nicht und schrieb mir zurück: „Den Autor Dunkelfeige S. gibt es nicht. Es gibt nur ein Buch ‚Menschen und Mächte‘ von Helmut Schmidt, ehemals Bundeskanzler.“ Trotz dieser Kommunikationspanne kam ich aber doch noch an das ersehnte Buch. Onkel Fritz, einem alten Schulfreund meines Vaters, wurde von den staatlichen Stellen zu jener Zeit eine Westreise erlaubt, bei der er natürlich auch meinen Vater besuchte, der das Buchgeschenk für mich an ihn weitergab. Irgendwie gelang es Onkel Fritz, das Buch, für das er sich auch selbst sehr interessierte, auf seiner Rückreise über die Grenze zu schmuggeln. Eine Woche später trafen wir dann Onkel Fritz in Rostock zur Buchübergabe. Er hatte das über 500 Seiten starke Werk schon komplett durchgelesen, als er es mir feierlich überreichte. Für mich war „Menschen und Mächte“ dann eine Art Einführung in das westliche politische Denken, für einen Sechzehnjährigen keine schlechte Lektüre. Später im Westen habe ich dann jedoch kein weiteres Buch mehr von Helmut Schmidt gelesen – es gab einfach zu viel anderes! Seine Talkshowauftritte allerdings habe ich in all den Jahren nur selten verpasst. Am letzten Donnerstag ist Helmut Schmidt im biblischen Alter von 96 Jahren den Weg alles Irdischen gegangen.

www.justament.de, 26.10.2015: Ein Hype namens Wanda

Die österreichischen Senkrechtstarter mit ihrem neuen Album „Bussi“

Thomas Claer

wandaNicht mal ignorieren, das war mein erster Gedanke, als ich vor einem Jahr erstmals den Klängen von Wanda lauschte, jener rustikalen Mundart-Kapelle aus Österreich, die inzwischen allerorts als Rettung der deutschen Popmusik gefeiert wird. Von umjubelten Auftritten in Berlin mit kreischenden Mädchen war damals die Rede, doch was ich dann von ihnen hörte, riss mich keineswegs vom Stuhl. Es lässt sich, und das gilt heute noch genauso wie vor 12 Monaten, so unendlich viel einwenden gegen diese sonderbare Spaß-Combo: angefangen vom oft kaum verständlichen österreichischen Gesang über die sich vornehmlich um „Amore“ und Alkohol drehenden Texte (das am häufigsten besungene Getränk ist ausdrücklich der Schnaps, prolliger geht es nun wirklich nicht) bis hin zu den Auftritten des Sängers auf den Konzerten mit entblößtem Oberkörper. Wie peinlich ist das denn? Und musikalisch mischen sich hier biederer Rock und Schlager, was nun auch nicht unbedingt etwas großartig Neues ist.
Woher also kommt dieser Hype? Ich selbst ertappte mich irgendwann dabei, dass mir manche Wanda-Liedzeilen nicht mehr aus dem Kopf gingen. Einige ihrer Lieder, längst nicht alle, haben schon, das muss man zugeben, etwas Raffiniertes. (Doch das gilt z.B. auch für die Banalitäten von ABBA und muss für sich genommen nicht viel bedeuten.) Aber – und das ist entscheidend – Wanda verkörpern mit ihrer demonstrativen Scheiß-egal-Pose eine Haltung, der man am Ende doch Respekt zollen muss. So schmutzig wie der kettenrauchende Sänger Michael Marco Fitzthum kann niemand sonst über die großen und kleinen Dramen des Lebens singen: „Es ist wahrscheinlich etwas Wahres dran, wenn du sagst, dass man daran sterben kann“, heißt es im stärksten Song des neuen Albums „Meine beiden Schwestern“, den sie auch live im ZDF bei aspekte präsentierten.
Überhaupt sind die Texte hintergründiger, als man zunächst denkt. Und wenn sie unablässig die Amore besingen, dann zumeist deren vollkommenste Spielart, die nur vorgestellte. An Wanda kommt man derzeit einfach nicht vorbei. Nicht einmal das mit dem oberkörperfreien Singen darf man wohl so eng sehen, zumindest solange es den Mädchen noch gefällt… Wenn uns Miley Cyrus oder Lady Gaga ihre Brüste zeigen, finden es ja schließlich auch alle schön. Das Gesamturteil lautet: mit Bedenken noch voll befriedigend (10 Punkte).

Wanda
Bussi
Vertigo Berlin (Universal) 2015
ASIN: B012BTVOZ2

Wanda
Amore
Problembär Records (rough trade) 2014
ASIN: B00MVCX74Q

www.justament.de, 19.10.2015: Faulpelze und Workaholics

Manche Ameisen sind gar nicht fleißig, haben Wissenschaftler herausgefunden. Was sagt uns das?

Thomas Claer

AmeiseWer hätte das gedacht? Die sprichwörtlich so fleißigen Ameisen sind manchmal regelrecht faul, zumindest einige von ihnen. Drei Wochen lang beobachteten zwei Entomologen (d.h. Insektenforscher) der Universität Arizona das Verhalten von 250 Ameisen in fünf verschiedenen Kolonien. Um die Individuen zu unterscheiden, wurden die einzelnen Tiere markiert und mit speziellen Kameras beobachtet. Das Ergebnis der Untersuchung: 2,6 Prozent der so markierten Individuen erwiesen sich als wahre Workaholics, sie schufteten nahezu pausenlos. Weitere 72,6 Prozent waren etwa zur Hälfte des Beobachtungszeitraums beschäftigt, in der anderen Hälfte der Zeit ruhten sie sich aus. Die restlichen knapp 25 Prozent hingegen hockten einfach nur herum, ohne einer irgendwie zielgerichteten Tätigkeit nachzugehen. Eine Erklärung für das bemerkenswerte Verhalten der Ameisen konnten die Forscher bislang noch nicht finden. Weder handelte es sich bei den Müßiggängern um besonders junge, alte oder kranke Tiere noch bestätigte sich die anfängliche Vermutung der Wissenschaftler, dass die Arbeitsscheuen für die Tätigen Nahrung bereithielten. Auch bei ähnlichen früheren Untersuchen von Bienenstöcken, Wespennestern und Termitenhügeln ergab sich, dass bis zur Hälfte der beobachteten Individuen anscheinend ohne besonderen Grund dauerhaft inaktiv blieben.

Aha, werden sich nun viele denken. In der Natur geht es also ähnlich zu wie bei uns Menschen. Einige reißen sich den Hintern auf, während andere einfach nur so herumhängen. Die meisten aber, das muss man ausdrücklich betonen, zumindest ist es offenbar bei fast drei Vierteln der Ameisen so, haben ihre Work-Life-Balance gefunden bzw. machen Dienst nach Vorschrift. Nun ist es natürlich immer etwas heikel, aus Naturbeobachtungen irgendwelche Schlüsse auf die menschliche Gesellschaft zu ziehen. Rechtsphilosophen sprechen hier vom „naturalistischen Fehlschluss“ vom Sein auf das Sollen oder gleich vom drohenden Sozialdarwinismus. Und doch sind einige Parallelen einfach zu offensichtlich, um ihren Erkenntniswert ignorieren zu können.

Zunächst einmal sind über 70 Prozent Arbeitende in einer Population schon eine ganze Menge. So ist gegenwärtig in Deutschland nur gut die Hälfte der menschlichen Bevölkerung berufstätig (wobei aber noch zusätzlich die unbezahlte Haus- und Familienarbeit berücksichtigt werden muss), in früheren Zeiten waren es jedoch auch schon mal deutlich mehr, zuletzt beispielsweise in der DDR. In anderen Teilen der Welt liegt der Anteil der Arbeitenden an der Gesamtbevölkerung mitunter ebenfalls signifikant höher – mancherorts (v.a. in wirtschaftlich weniger entwickelten Regionen) aber auch viel niedriger. Könnte sich aus dem beobachteten Beschäftigungsgrad der staatenbildenden Insekten also vielleicht eine Art diesbezüglicher staatsorganisatorischer Optimalzustand ableiten lassen, nicht in ethisch-moralischer oder gar gerechtigkeitstechnischer Hinsicht, versteht sich, sondern unter rein ökonomischen Gesichtspunkten wie Effektivität oder Effizienz? Schließlich haben sich die Insektenstaaten evolutionär bewährt, andernfalls gäbe es sie heute ja gar nicht mehr, während in menschlichen Gesellschaften immerhin auch zivilisatorische, eben humane Faktoren eine Rolle spielen, die sich – glücklicherweise – nicht nur am Erfolg, d.h. an der bloßen Bestandssicherung ausrichten, sondern auch an sozialen Motiven. Demnach sollte in den – allein der natürlichen Selektion unterworfenen – Insektenstaaten eine Beschäftigungsquote nahe am evolutionären Optimum bestehen, was eigentlich eine nur geringe Zahl an Müßiggängern erwarten ließe, denn es wäre doch eine immense Ressourcenverschwendung, auf die Arbeitskraft so vieler Individuen zu verzichten. Doch warum liegt dann der Anteil der Untätigen hier zwischen einem Viertel und der Hälfte der Population? Womöglich tendiert ja in staatlichen Gebilden aller Art stets ein relevanter Teil an widerspenstigen Individualisten dazu, sich nicht vollständig in alle Abläufe einbinden zu lassen. Ihr evolutionärer Nutzen könnte darin bestehen, sich in Umbruchzeiten als von allem Althergebrachten unbelastete kreative Erneuerer anzubieten, die eigentlich immer schon irgendwie dagegen gewesen sind. Und vielleicht ist es für eine komplexe Arbeitsgesellschaft tatsächlich effektiver, diese Unangepassten einfach links liegen zu lassen, statt sie mit großem Aufwand zur Mitarbeit zu zwingen. Möglicherweise ist ja aus solchen populationsstrukturellen Gründen gerade eine Beschäftigungsquote von 50 bis 75 Prozent das besagte Optimum für eine Gesellschaft, damit sie langfristig überlebensfähig ist. Und wenn dann noch zwei bis drei Prozent Highpotentials hinzukommen, die pausenlos arbeiten und niemals müde werden, dann kann eigentlich nicht mehr viel schiefgehen…

www.justament.de, 5.10.2015: Hurra – das Literarische Quartett ist wieder da!

Thomas Claer empfiehlt spezial

QuartettEine große Freude ist es natürlich, wenn unsere Lieblingsfernsehsendung nach fast anderthalb Jahrzehnten Pause endlich wieder ausgestrahlt wird. Zwar mit neuen Protagonisten – die beiden früheren Hauptakteure befinden sich ja mittlerweile im Großkritikerhimmel –, aber ansonsten, so war es zumindest angekündigt, sollte alles unverändert bleiben. Doch die erste große Enttäuschung stellt sich am späten Freitagabend bereits nach wenigen Sekunden ein: Die fulminante Titelmusik aus dem letzten Satz des Streichquartetts Nr. 9 C-Dur op. 59 Nr. 3 von Ludwig van Beethoven – einfach weggelassen! Das ist doch nicht zu fassen! Schon kurz darauf ist man jedoch gleich wieder etwas besänftigt, als Maxim Biller sich mit seiner ersten Buchvorstellung ins Zeug legt und anschließend scharfe verbale Pfeile in alle Richtungen abfeuert. Das Buch „Der dunkle Fluss“ des afrikanischen Autors Chigozie Obioma ist für ihn das bedeutendste Werk des vergangenen Jahrzehnts und nur mit Kafka zu vergleichen, hingegen sei „Fieber am Morgen“ von Peter Gardos „Holocaust-Kitsch“ und Illja Trojanow „überhaupt kein Schriftsteller“. Maxim Billers Urteile sind entschieden, einseitig und ungerecht. Kurz, er ist die Idealbesetzung für diese Sendung. Da lassen sich dann auch seine ständigen Mitdiskutanten nicht lumpen: Für Christine Westermann ist die Übersetzung von „Der dunkle Fluss“ ins Deutsche eine einzige Katastrophe (was aber niemandem sonst in der Runde aufgefallen ist), bei „Träumen“ von Karl Ove Knausgard hat sie sich auf den mehr als 800 Seiten schrecklich gelangweilt (während Maxim Biller hier eine große poetische Dichte ausgemacht hat). Volker Weidemann bezeichnet „Macht und Widerstand“ von Illja Trojanow als „ein schreckliches Buch“, was wiederum den Gast dieses Abends, Juli Zeh, sehr erbost, die sich für ihren Freund und Kampagnenmitstreiter Trojanow energisch in die Bresche wirft. Überhaupt Juli Zeh, man sollte sie dauerhaft in der Sendung belassen! Die promovierte Einserjuristin, die ein unsicheres Leben als Schriftstellerin einer glänzenden juristischen Karriere vorgezogen hat, hatte lange mit dem Image der neunmalklugen Streberin zu kämpfen. Ihre ersten Romane waren unter Kritikern, um es vorsichtig zu sagen, umstritten. Ihre Bemühungen, sich mit politischen Aktionen als eine öffentliche Intellektuelle in der Tradition von Heinrich Böll und Günter Grass zu stilisieren, wurden vielerorts belächelt. Und doch, sie hat gekämpft, sie hat sich durchgebissen. Was sie sagt, hat mittlerweile durchweg Hand und Fuß. Mit nunmehr 41 Jahren und nach etlichen Einsätzen in Sloterdijks Philosophischem Quartett wirkt sie in den Altherrenrunden auch nicht mehr so naseweis wie früher, sondern regelrecht reflektiert. Und wer das Blitzen in ihren Augen gesehen hat, als sie als einzige im Quartett ganz entschieden das Trojanow-Buch verteidigte, der konnte sie sogar ins Herz schließen…  Summa summarum: Diese Sendung war kurzweilig, vielsagend und sehenswert. Nur sollte man den Akteuren doch wenigstens eine Viertelstunde mehr Zeit einräumen, damit sie nicht so hektisch von einem Buch zum nächsten springen müssen. Damals ging die Sendung doch auch länger als 45 Minuten! Was ihr heute allerdings fehlt, dürfte niemanden überraschen: klar, ein Literaturpapst, der am Ende der Streitereien mit seiner natürlichen Autorität verbindlich feststellt, ob ein Buch denn nun gut oder schlecht ist. So, wie es jetzt ist, bleibt man als Zuschauer leider in einem Zustand, den Ranicki zwar seinerzeit oft im Munde führte, der sich nun aber erst ohne ihn eingestellt hat: Man sieht betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen!