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www.justament.de, 19.10.2015: Faulpelze und Workaholics

Manche Ameisen sind gar nicht fleißig, haben Wissenschaftler herausgefunden. Was sagt uns das?

Thomas Claer

AmeiseWer hätte das gedacht? Die sprichwörtlich so fleißigen Ameisen sind manchmal regelrecht faul, zumindest einige von ihnen. Drei Wochen lang beobachteten zwei Entomologen (d.h. Insektenforscher) der Universität Arizona das Verhalten von 250 Ameisen in fünf verschiedenen Kolonien. Um die Individuen zu unterscheiden, wurden die einzelnen Tiere markiert und mit speziellen Kameras beobachtet. Das Ergebnis der Untersuchung: 2,6 Prozent der so markierten Individuen erwiesen sich als wahre Workaholics, sie schufteten nahezu pausenlos. Weitere 72,6 Prozent waren etwa zur Hälfte des Beobachtungszeitraums beschäftigt, in der anderen Hälfte der Zeit ruhten sie sich aus. Die restlichen knapp 25 Prozent hingegen hockten einfach nur herum, ohne einer irgendwie zielgerichteten Tätigkeit nachzugehen. Eine Erklärung für das bemerkenswerte Verhalten der Ameisen konnten die Forscher bislang noch nicht finden. Weder handelte es sich bei den Müßiggängern um besonders junge, alte oder kranke Tiere noch bestätigte sich die anfängliche Vermutung der Wissenschaftler, dass die Arbeitsscheuen für die Tätigen Nahrung bereithielten. Auch bei ähnlichen früheren Untersuchen von Bienenstöcken, Wespennestern und Termitenhügeln ergab sich, dass bis zur Hälfte der beobachteten Individuen anscheinend ohne besonderen Grund dauerhaft inaktiv blieben.

Aha, werden sich nun viele denken. In der Natur geht es also ähnlich zu wie bei uns Menschen. Einige reißen sich den Hintern auf, während andere einfach nur so herumhängen. Die meisten aber, das muss man ausdrücklich betonen, zumindest ist es offenbar bei fast drei Vierteln der Ameisen so, haben ihre Work-Life-Balance gefunden bzw. machen Dienst nach Vorschrift. Nun ist es natürlich immer etwas heikel, aus Naturbeobachtungen irgendwelche Schlüsse auf die menschliche Gesellschaft zu ziehen. Rechtsphilosophen sprechen hier vom „naturalistischen Fehlschluss“ vom Sein auf das Sollen oder gleich vom drohenden Sozialdarwinismus. Und doch sind einige Parallelen einfach zu offensichtlich, um ihren Erkenntniswert ignorieren zu können.

Zunächst einmal sind über 70 Prozent Arbeitende in einer Population schon eine ganze Menge. So ist gegenwärtig in Deutschland nur gut die Hälfte der menschlichen Bevölkerung berufstätig (wobei aber noch zusätzlich die unbezahlte Haus- und Familienarbeit berücksichtigt werden muss), in früheren Zeiten waren es jedoch auch schon mal deutlich mehr, zuletzt beispielsweise in der DDR. In anderen Teilen der Welt liegt der Anteil der Arbeitenden an der Gesamtbevölkerung mitunter ebenfalls signifikant höher – mancherorts (v.a. in wirtschaftlich weniger entwickelten Regionen) aber auch viel niedriger. Könnte sich aus dem beobachteten Beschäftigungsgrad der staatenbildenden Insekten also vielleicht eine Art diesbezüglicher staatsorganisatorischer Optimalzustand ableiten lassen, nicht in ethisch-moralischer oder gar gerechtigkeitstechnischer Hinsicht, versteht sich, sondern unter rein ökonomischen Gesichtspunkten wie Effektivität oder Effizienz? Schließlich haben sich die Insektenstaaten evolutionär bewährt, andernfalls gäbe es sie heute ja gar nicht mehr, während in menschlichen Gesellschaften immerhin auch zivilisatorische, eben humane Faktoren eine Rolle spielen, die sich – glücklicherweise – nicht nur am Erfolg, d.h. an der bloßen Bestandssicherung ausrichten, sondern auch an sozialen Motiven. Demnach sollte in den – allein der natürlichen Selektion unterworfenen – Insektenstaaten eine Beschäftigungsquote nahe am evolutionären Optimum bestehen, was eigentlich eine nur geringe Zahl an Müßiggängern erwarten ließe, denn es wäre doch eine immense Ressourcenverschwendung, auf die Arbeitskraft so vieler Individuen zu verzichten. Doch warum liegt dann der Anteil der Untätigen hier zwischen einem Viertel und der Hälfte der Population? Womöglich tendiert ja in staatlichen Gebilden aller Art stets ein relevanter Teil an widerspenstigen Individualisten dazu, sich nicht vollständig in alle Abläufe einbinden zu lassen. Ihr evolutionärer Nutzen könnte darin bestehen, sich in Umbruchzeiten als von allem Althergebrachten unbelastete kreative Erneuerer anzubieten, die eigentlich immer schon irgendwie dagegen gewesen sind. Und vielleicht ist es für eine komplexe Arbeitsgesellschaft tatsächlich effektiver, diese Unangepassten einfach links liegen zu lassen, statt sie mit großem Aufwand zur Mitarbeit zu zwingen. Möglicherweise ist ja aus solchen populationsstrukturellen Gründen gerade eine Beschäftigungsquote von 50 bis 75 Prozent das besagte Optimum für eine Gesellschaft, damit sie langfristig überlebensfähig ist. Und wenn dann noch zwei bis drei Prozent Highpotentials hinzukommen, die pausenlos arbeiten und niemals müde werden, dann kann eigentlich nicht mehr viel schiefgehen…

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Justament März 2004: Von Staaten und Räuberbanden

Die Systematisierung “negativer Staatlichkeit” und das Beispiel DDR

Jörn Reinhardt

TC CoverAus der Perspektive des klassischen Völkerrechts sind die Dinge noch einfach. Ein Staat ist dann ein Staat, wenn er die drei Elemente aufweist, die ihn definieren, also seine Staatsgewalt über ein Staatsvolk auf einem Staatsgebiet ausübt. Die Einfachheit der Formel liegt darin, dass sie ganz ohne tiefgreifende Wertungen auskommt. Ob Diktaturen oder Demokratien, das Völkerrecht lässt alle an seiner Rechtsgemeinschaft teilhaben. Dass Staaten dennoch wertenden Betrachtungen ausgesetzt sind, versteht sich von selbst. In der Völkerrechtsordnung haben sich über kulturelle und ideologische Barrieren hinweg mittlerweile Grundlinien einer verbindlichen Ordnung herauskristallisiert, die Staaten schauen kritisch auf die interne Verfasstheit der jeweils anderen.
Thomas Claer geht in seiner Dissertation der Frage nach, ob und wie sich dabei allgemeinverbindliche Kriterien gewinnen lassen, anhand derer man entscheiden könnte, ob ein Staat ein Rechtsstaat oder ein Unrechtsstaat ist und wann das Maß des Unrechts so groß wird, dass man ihm sogar die Staatlichkeit selbst absprechen muss, weil er nicht mehr ist als eine “Räuberbande”, wie Augustinus das formuliert hat. Eine Systematisierung “negativer Staatlichkeit” nennt dies der Autor und zeichnet im ersten Teil der Arbeit die großen Linien der Rechts- und Staatsphilosophie nach, die er jeweils in Zwischenergebnisse festhält. Im zweiten Teil werden die gefundenen Begriffsbestimmungen dann auf eine konkrete Frage angewandt: “Was war die DDR?”. Man merkt an der engagierten Diskussion zu diesem Punkt, dass es diese Frage ist, die den Autor erkennbar dazu motiviert hat, den ganzen Forschungsaufwand zu betreiben.
Nun, was war die DDR? Ein “Nicht – Rechtsstaat”, meint Claer, weil alle rechtsstaatlichen Grundsätze vom Staat beliebig unterlaufen werden konnten, aber noch kein “Unrechtsstaat”. Man mag das so sehen. Die kritische Anmerkung, die man wohl machen muss, ist dass der Autor offen lässt, welche rechtlichen Konsequenzen er aus der gefundenen Bewertung ableiten will. Was würde dies zum Beispiel für die Mauerschützenprozesse bedeuten? Ein anderer Einwand betrifft die Argumentation zur Bewertung des Grenzregimes. Hier stützt sich Claer auf eine so beliebte, wie fragwürdige Argumentation. Das Unrecht des Grenzregimes, schreibt er, werde “dadurch relativiert, dass staatliche Untaten dieser Größenordnung im vergangenen Jahrhundert von zahlreichen nichtkommunistischen Staaten, punktuell auch von liberal-demokratischen Rechtsstaaten, ebenso begangen, gefördert, geduldet oder sogar übertroffen wurden”. Können die Verbrechen eines Staates dazu führen, dass die Verbrechen eines anderen Staates keine Verbrechen mehr sind? Dass dieser Schluss nicht tragfähig ist, macht man sich am besten anhand einer Formel aus dem öffentlichen Recht klar. Sie lautet: Keine Gleichheit im Unrecht. jr

Thomas Claer
Negative Staatlichkeit
Von der “Räuberbande” zum “Unrechtsstaat”
Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2003

322 Seiten, € 95,00
ISBN 3-8300-0895-3