justament.de, 11.12.2023: Feucht-fröhlicher Radaubruder
Scheiben Spezial: Zum Tod des großen Folkpunk-Pioniers Shane MacGowan
Thomas Claer
Es lag ja damals, Mitte der Achtziger, ja schon seit längerem in der Luft, dass auch einmal so etwas wie Folk-Punk entstehen könnte. Beinahe seit es Rockmusik gab, gab es auch schon folkloristischen Rock. Doch dass es dabei lauter, härter und schräger zur Sache ging, das blieb zunächst die Ausnahme, etwa hierzulande auf Achim Reichels rockigen Seemannslied-Platten “Dat Shanty Alb`m” (1976) und “Klabautermann” (1977). Erst knapp ein Jahrzehnt später vollzog sich dann die längst überfällige Fusion aus anarchischem (Post-)Punk und traditioneller Folklore, als der laute, harte und schräge Folkrock auch noch schnell wurde und von wilden Pogotänzen seiner Fans begleitet wurde. Der Prototyp dieser Richtung war die irische Sauf-Combo “The Pogues” mit ihrem charismatischen Sänger und Songwriter Shane MacGowan (1957-2023). Ihre ersten beiden Platten “Red Roses for me” (1984) und “Rum, Sodomy and the Lash” (1985) galten in der aufgewühlten Londoner Indie-Szene zunächst noch als Geheimtipps. Der kommerzielle Durchbruch gelang ihnen dann erst mit dem ebenso famosen dritten Album “If I Should Fall from Grace with God” (1988). Bemerkenswerterweise finden sich darauf nicht mehr nur Volksweisen und Eigenkompositionen irischer Provenienz, sondern mit “Fiesta” auch ein spanische Folklore adaptierendes Lied und noch dazu sogar ein orientalisch anmutender “Turkish Song of the Damned”. Natürlich war das alles ganz großartig. Man kann wohl sagen, dass es keinen besseren und überzeugenderen Folkpunk in der Welt gibt als auf diesen drei frühen Platten der Pogues.
Doch so ungestüm und unbeschwert konnte es natürlich nicht weitergehen. Mit zunehmendem Ruhm der Band wurden ihre weiteren Platten zusehends schwächer und der Alkoholismus insbesondere ihres Frontmanns Shane MacGowan immer virulenter. Schließlich ging es bei ihm nicht mehr – und ihre letzten beiden Platten “Waiting for Herb” (1993) und Pogue Mahone” (1995) machte die Band dann notgedrungen ohne ihn. Bald darauf fielen die Pogues auseinander. Doch nur, um 2001 mit einem triumphalen Wiedervereinigungskonzert mitsamt dem vorläufig genesenen Shane MacGowan am Mikrophon wieder aufzuerstehen. Fortan tourten sie mit dem grandiosen Repertoire ihrer frühen Jahre munter um die Welt und unterließen es klugerweise, noch weitere Tonträger mit etwaigem neuem Material zu veröffentlichen. Erst 2014 war dann endgültig Schluss, als mehrere Bandmitglieder gesundheitlich nicht mehr zur Fortsetzung ihrer Musikerkarrieren in der Lage waren. Shane MacGowan war dann auch noch einige Jahre lang drogensüchtig, was ausgerechnet seine Nachbarin und Musikerkollegin Sinead O’Connor (1966-2023) publik gemacht hatte, die ihm in einer Art Hassliebe bis zu ihrem Lebensende eng verbunden geblieben ist. Nur wenige Monate nach seiner suizidalen Freundfeindin hat am letzten Novembertag dieses Jahres nun auch Shane MacGowan das Zeitliche gesegnet. Er wurde 65 Jahre alt, was gemessen an seinem Lebensstil als durchaus beachtlich angesehen werden kann.
justament.de, 20.11.2023: Aha, aha, aha
Scheiben vor Gericht Spezial: Vor 40 Jahren hatte die Neue Deutsche Welle ihren Höhepunkt
Thomas Claer
Zu meinen prägendsten kulturellen Kindheitserlebnissen gehörte zweifellos die Rezeption der Neuen Deutschen Welle, die eine grundlegende Neubestimmung aller Hörgewohnheiten in der populären Musik in Deutschland mit sich brachte. Und das längst nicht nur im Geltungsbereich der Freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Auch wir im Osten bekamen übers Westfernsehen und –radio im Wesentlichen alles mit, jedenfalls das von der NDW, was zum Medienhype wurde, was aber, wie ich später erfahren sollte, eigentlich nur die Spitze des Eisbergs war. Tatsächlich war die Neue Deutsche Welle, wie es z.B. in der Dokumentationsreihe zur deutschen Musikgeschichte “Pop 2000” eindrucksvoll herausgearbeitet wurde, ursprünglich ein Underground-Phänomen, als sich Ende der Siebzigerjahre plötzlich in allen Teilen der alten BRD Musikschaffende dazu aufschwangen, anarchische Rock- und Popmusik mit deutschen Texten entstehen zu lassen. Natürlich ist dann alles dort hineingeflossen, was seinerzeit ohnehin schon en vogue war: Das ganze Punk-Ding war noch nicht lange her, da kam auch schon New Wave – und solche Sachen gab es nun plötzlich auch mit deutschen Texten. Auch wenn es stilistisch kaum auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen war, was damals alles unter dem NDW-Label firmierte. Die Gemeinsamkeit war der ungestüme Dilettantismus, mit dem die Protagonisten allesamt zu Werke gingen. Und gerade dadurch waren sie so gut. Doch witterten die Puristen dieser Bewegung spätestens ab 1982/83 den großen Ausverkauf ihrer Ideale, als immer mehr NDW-Bands und –Stars in Unterhaltungssendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens auftraten und so zusehends um die Gunst eines Massenpublikums buhlten.
Für mich als noch nicht einmal Teenager im abgeschotteten Teil Deutschlands hinter der Mauer war aber genau diese NDW-Präsenz im westdeutschen Unterhaltungsfernsehen ein großer Glücksfall, denn wie sonst hätte ich diese aufregend bunten, schrillen und lauten Musikrevolutionäre sonst kennenlernen sollen? Trio mit “Da Da Da”, Nena mit “99 Luftballons”, Peter Schilling mit “Major Tom”, die Spider Murphy Gang mit “Peep Peep”, Geier Sturzflug mit dem Song vom Bruttosozialprodukt, Hubert Kah mit “Sternenhimmel” – sie alle wurden zu meinen Kindheitshelden, weil ich sie in der “Hitparade im ZDF” bei Dieter Thomas Heck gesehen und mit unserem Kassettenrekorder aus dem Westen aufgenommen hatte. Niemand kann sich heute mehr vorstellen, welche Wirkung eine solche Musik beim Stammpublikum dieser Schlagersendung hatte – und natürlich ebenso bei den Zuschauern am Bildschirm, zumal bei uns im Osten. Ich erinnere mich noch genau daran, wie sich mein Vater über das Erscheinungsbild von Trio-Sänger Stephan Remmler aufregte. Wie könne man denn nur so rumlaufen, wenn man ins Fernsehen kommt? In solch einem abgewetzten T-Shirt auf der Bühne stehen und dabei auch noch Kaugummi kauen? Der habe ja wohl überhaupt kein Benehmen! Dabei war mein Vater gerade einmal 13 Jahre älter als der NDW-Star. Aber genau hier verlief der Riss zwischen den Generationen, zwischen der Wiederaufbau-Generation auf der einen und den Achtundsechzigern und Postachtundsechzigern auf der anderen Seite. Für meinen Vater jedenfalls war diese ganze NDW-Musik, wie er sich ausdrückte, “der letzte Husten”. Meine Mutter war da schon aufgeschlossener und erst recht unsere Nachbarin, Frau G. Sie sang sogar begeistert im Treppenhaus “Aha, aha, aha, ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht, aha, aha, da, da, da”, während mein Vater darüber nur den Kopf schüttelte…
Ungefähr 1983 erlebte die Neue Deutsche Welle mit zahlreichen Superhits ihren medialen und kommerziellen Höhepunkt. 1984 kamen dann nur noch “Engel 07” von Hubert Kah und “Terra Titanic” von Peter Schilling – dann war aber endgültig die Luft raus. Spätestens 1985 redete niemand mehr von der Neuen Deutschen Welle.
justament.de, 16.10.2023: Er hat das Loch in der Welt geseh’n
Scheiben Spezial: Vor 25 Jahren erschien die zweite Platte von Fink
Thomas Claer
Dass Element of Crime einzigartig sind und es nichts Vergleichbares unter dem deutschen Musikhimmel gibt, weiß mittlerweile wohl jeder, der es wissen will. Doch ist das längst nicht immer so gewesen, denn es gab einmal, ungefähr von Mitte der Neunziger bis Mitte der Nullerjahre, eine Band aus Hamburg, die den Elements nicht nur in vielfacher Hinsicht das Wasser reichen konnte, sondern auch eine beachtliche stilistische Nähe zu ihnen aufwies. Kenner wissen das alles schon lange. Die Rede ist natürlich von Fink, der etwas schrägen Country-Combo des leider viel zu früh verstorbenen Texters, Sängers und Gitarristen Nils Koppruch (1965-2012). Eine Zeit lang waren Fink passenderweise sogar die Vorgruppe von EoC. Und dann spielte auch noch Sven Regener in mehreren Fink-Stücken Trompete.
Angefangen hatte es mit Fink-Veröffentlichungen 1997, als ihr Debütalbum “Vogelbeobachtung im Winter” erschien, das zwar schon durchaus bemerkenswert war, doch hatte die Band darauf ihren Stil noch nicht endgültig gefunden. Dies geschah dann erst ein Jahr später, 1998, vor 25 Jahren, auf dem Album “Loch in der Welt”, das damals, genau wie seine Interpreten, noch ein echter Geheimtipp war. Wunderbar lakonisch kamen diese Songs daher, voll poetischer Tiefe und schwärzester Romantik: “Werft mich in einen Fluss, und wenn ihr Pech habt, hab ich Glück/ Und komm mit einem Fisch im Maul zurück.” Sven Regeners obligatorischer Trompeten-Einsatz ertönt im vierten Stück der Platte mit dem programmatischen Titel “Als einer einmal nicht kam”. Eine wirklich sehr düstere Stimmung durchzieht beinahe das ganze Album: “Wir werden seh’n, ob das Warten sich lohnt/ Und irgendwann… und irgendwann bin ich tot.” Das mit der Frage, ob das Warten sich lohne, textete Nils Koppruch übrigens drei Jahre vor Regener, der es im Song “Es regnet” auf der EoC-Platte “Romantik” wieder aufgreift, allerdings ohne die buchstäblich tödliche Konsequenz seines Kollegen Koppruch.
Ja, das tragisch frühe Ende des so begabten Songwriters Nils Koppruch kam bei Lichte betrachtet keineswegs aus heiterem Himmel. Immer wieder, wohl mindestens einmal auf jeder Fink-Platte, kreisten seine Texte um Sterben und Tod. Und dass es auch auf fast jeder ihrer Platten ausgerechnet 13 Titel sein mussten, hat sich offenbar auch nicht gerade als Glücksbringer erwiesen… Noch zwei weitere zumindest punktuell sehr starke Alben folgten aufs überragende “Loch in der Welt” (1998), nämlich “Mondscheiner” (1999) und das selbstbetitelte rote Album “Fink” (2001). Dann hellte sich, wohl auch bedingt durch den zunehmenden Ruhm und Verkaufserfolge, die Stimmung auf den beiden darauffolgenden Platten zusehends auf, was denen aber nicht unbedingt gutgetan hat. Auch die Band schien mit “Haiku Ambulanz” (2003) und “Bam Bam Bam” (2005) nicht mehr richtig glücklich gewesen zu sein und löste sich schließlich auf. Es folgten noch zweieinhalb Soloalben von Nils Koppruch, und dann… und dann war er tot. Das Urteil für “Loch in der Welt” lautet: gut (14 Punkte).
Fink
Loch in der Welt
XXS Records/Indigo 1998
justament.de, 11.9.2023: Die blaue Reise
Scheiben Spezial: Vor 25 Jahren erschien „Shrink“ von The Notwist
Thomas Claer
Es beginnt mit rhythmisch klappernden Geräuschen wie auf einer Zugfahrt, aber gleichzeitig frickelt es auch schon ein wenig im Hintergrund. Dazu ein monoton surrender synthetischer Klang und dabei schleift, kratzt und scheuert es unentwegt. Nach einigen Sekunden dann setzen wiederholte Schläge auf irgendwelche Rohre ein, und noch etwas später mischen sich dezente Gitarrenklänge dazu. Irgendetwas blubbert unterschwellig. Erst nach mehr als zwei Minuten tritt unvermittelt der leise, immer etwas klagende Gesang von Markus Acher hinzu – und der Zuhörer ist angekommen im Kosmos des blauen Albums der bayrischen Band The Notwist mit dem rätselhaften Titel „Shrink“, was soviel wie „Schrumpfen“ bedeutet. Es ist so überaus raffiniert und fein arrangiert, was die Weilheimer Indie-Kapelle auf ihrem vierten Album alles entworfen hat, dass man auch heute noch, 25 Jahre später, aus dem Staunen nicht herauskommt. Im weiteren Verlauf, so ab dem dritten der zehn Stücke, bekommt die Platte dann auch noch eine sehr jazzige, mitunter sogar freejazzige und bläserlastige Note. Keineswegs ratsam wäre es, sich die Tracks einzeln anzuhören. Nein, so unterschiedlich sie auch sein mögen, sie bilden gemeinsam ein künstlerisches Gesamtwerk, wozu auch unbedingt das tiefblaue Album-Cover gehört, das gleichsam die melancholische Grundstimmung vorgibt, von der sich allein der beschwingte zweite Track „Chemicals“ ein wenig abhebt.
Man kann „Shrink“, das einer von vielen Wendepunkten im Schaffen dieser enorm einflussreichen Band gewesen ist, als einen Trip, als eine Art Reise begreifen – durch die (damals) neuen und revolutionären Landschaften multipler technischer Klang- und Geräuscherzeugung einerseits und durch die gedämpften inneren Erregungszustände frustrierter zeitgenössischer Individuen andererseits. Die sich in dieser Musik ausdrückende Haltung könnte in etwa dem alten Tocotronic-Motto: „Ich bin alleine, und ich weiß es, und ich find es sogar cool“ entsprechen. Nur dass es bei The Notwist natürlich unendlich viel subtiler anklingt… Für mich war „Shrink“, das legendäre blaue Album, so etwas wie mein Soundtrack durchs Erste Juristischen Staatsexamen und die bedrückende Zeit danach, wobei sich bald darauf auch noch das nachfolgende, ebenfalls ausgezeichnete, rote Album „Neon Golden (2002) hinzugesellen sollte – um von der Entdeckung des phänomenalen Vorgängers, des bunten Albums „12“ (1995), gar nicht zu reden… Das Urteil für „Shrink“ lautet „sehr gut“ (16 Punkte).
The Notwist
Shrink
Big Store / Cargo 1998
ASIN: B018N37V3Y
justament.de, 17.7.2023: Die späte Liebe zu den kleinen Silberlingen
Scheiben Spezial: Justament-Autor Thomas Claer über seine wachsende Begeisterung für einen inzwischen sehr altmodischen Tonträger
Lange Zeit habe ich keine CDs gemocht. Damals, in meiner Jugend in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern, war das für mich eine Grundsatzentscheidung. Es gab nur entweder… oder. So wie in noch früheren Epochen ästhetische Debatten über Alternativen wie “Spitzdach oder Flachdach?” geführt wurden oder über “Geschüttelt oder gerührt?”, so war die Frage zu meiner Zeit: “Platte oder CD?” Und mein Herz schlug ganz klar fürs schwarze Vinyl. In einem Schallplattenladen in unserer Gegend, der jetzt leider dichtgemacht hat, weil der Betreiber in Rente gegangen ist, hing jahrzehntelang an der Fensterscheibe der Spruch “CDs sind Sondermüll”. Das hätte ich vor drei Jahrzehnten sicherlich auch unterschrieben.
Wie wunderschön doch so eine Schallplatte ist, so hübsch verpackt in der großen und kunstvoll gestalteten Hülle… Und wenn man sie dann langsam und genussvoll herauszieht und auf den Plattenteller legt, sich dieser zu drehen beginnt und man darauf wartet, dass die Nadel mit gemütlichem Knistern in den feinen Rillen versinkt… Wie kalt und steril ist doch dagegen die Compact Disc mit ihrem glasklaren Klang, begleitet nur vom feinen Sirren, Klackern und Ticken der nachgeführten Laserlinse. Und wie trostlos nehmen sich die viel zu kleinen CD-Hüllen aus, auf denen sich oftmals selbst mit sehr guten Augen kaum ihre Beschriftung entziffern lässt. Im tiefsten Grunde meines Herzens bin ich noch heute dieser Meinung.
Und doch hat auch die CD ihre unbestreitbaren Vorzüge, so wie die Schallplatte ihre kaum zu leugnenden Nachteile hat. Noch dazu erscheint all das heute, wo Musik zumeist seelenlos aus großen Wolken gestreamt wird, in ganz neuem Licht: Längst sind Vinyl und CD keine Gegensätze mehr, sondern liegen doch, genau besehen, recht eng beieinander als Tonträger der alten Schule, die einer bestimmten Musik ein haptisches und optisches Äquivalent beigeben, woraus dann ein Gesamtkunstwerk entsteht. Welchen Sinn soll es eigentlich haben, Geld dafür zu bezahlen, dass man die Möglichkeit hat, auf Millionen Lieder zuzugreifen? Das ist doch am Ende beinahe so, als ob man gar nichts hätte. Man verhungert dann in der Fülle, wie es bei Goethe heißt. Auch das präziseste Superhirn wird sich ab einer bestimmten Menge angehörter Musik nicht mehr daran erinnern können, was man schon gehört hat und was nicht. Und was man vergessen hat, das hat man nie besessen, solange kein gut bestückter Schallplattenschrank oder CD-Ständer einem zurück ins Gedächtnis ruft, was man bereits besitzt. Na gut, man könnte vielleicht Listen führen über das bereits Angehörte. Aber wozu? Das wäre doch viel zu umständlich und vor allem ohne jeden ästhetischen Reiz. Der Kunstsammler Heinz Berggruen soll gesagt haben, ein schönes Bild brauche auch immer einen schönen Rahmen, so wie eine schöne Frau ein schönes Kleid brauche. Ein gestreamtes Lied aber ist – verglichen mit jenem auf einem Tonträger – noch weniger als eine Postkarte im Vergleich zum gerahmten Bild an der Wand.
Natürlich ist es kein Zufall, dass die Schallplatte in den beiden vergangenen Dekaden eine triumphale Wiederauferstehung gefeiert hat. Doch liegt hierin bereits ein Teil des Problems, denn mittlerweile ist sie zum sündhaft teuren Luxus-Accessoire geworden. Muss das wirklich sein: horrende Summen für Platten ausgeben, die man noch vor ein paar Jahren für wenige Euros auf Flohmärkten finden konnte? Hier bietet sich nun die CD als vergleichsweise spottbillige Alternative zu ihrer großen Schwester, der Schallplatte, an, zumindest wenn man sie aus zweiter Hand erwirbt, wozu es ja dank Medimops, Rebuy und Co. fortwährend erstklassige Gelegenheiten gibt. Auch das Verschicken der CDs kostet kaum zwei Euro, während man fürs Versenden der klobigen schwarzen Vinyl-Scheiben in großen stabilen Plattenkartons weitaus tiefer in die Tasche greifen muss. Und wie bequem ist es doch mit den CDs: rein, raus, vor, zurück. Alles geht schnell und einfach und ist nicht so zeitraubend wie bei den Platten. Außerdem verspringen die CDs einem nicht im Player, auch dann nicht, wenn man beim Musikhören Frühsport treibt (bzw. umgekehrt) und dabei den Fußboden erschüttert. Und fürs Lesen der CD-Beschriftungen liegt schon seit langen Jahren eine Lupe auf unserem Küchentisch.
Wohl über anderthalb Dekaden habe ich mir nun schon zu Tiefstpreisen Unmengen an CDs zusammengekauft, zumeist solche, die ich vor zwanzig oder dreißig Jahren sehr gerne gehabt hätte, aber mir damals nicht leisten konnte. Mittlerweile besitze ich schon weitaus mehr CDs als Schallplatten. Doch das fällt gar nicht auf, weil die CDs viel weniger Platz beanspruchen. Nur meiner Frau ist es inzwischen aufgefallen, dass meine vielen CDs langsam, aber sicher unsere Wohnung vollstellen, weshalb sie ein striktes CD-Ständer-Anschaffungsverbot verhängt hat. (Den größten Teil meiner CD-Ständer habe ich über Ebay Kleinanzeigen geschenkt bekommen von Leuten, die keine Verwendung mehr für sie hatten.) Glücklicherweise ist es mir vor kurzem dennoch gelungen, zwei besonders große CD-Ständer mit reichlich Fassungsvermögen unauffällig in der Speisekammer zu platzieren, womit ich bei meiner Frau so gerade eben noch durchgekommen bin. Doch versuche icn schon nach Kräften, mich bei meinen weiteren CD-Anschaffungen zu bremsen, denn ob der Aufbewahrungsplatz für mein gesamtes restliches Leben ausreichen wird, das steht noch in den Sternen…
justament.de, 26.6.2023: Das Beste seit Honeymoon
Lana Del Rey auf “Did You know that there’s a tunnel under Ocean Blvd”
Thomas Claer
Blickt man auf die zahlreichen Veröffentlichungen der amerikanischen Musikerin und Stil-Ikone Lana Del Rey seit ihrem gefeierten Debüt “Born to Die” (2012) zurück, das allerdings genau genommen gar nicht ihr Debüt, sondern bereits ihr zweites Studio-Album war, doch weil es das erste, ihr Frühwerk “Lana Del Ray a.k.a. Lizzy Grant” (2010), bis heute nicht mal als gepressten Tonträger gibt, kann man es schwerlich für voll nehmen… Blickt man also auf Lana Del Reys Alben der letzten zwölf Jahre zurück, dann fällt auf, dass dem fulminanten, aber doch recht inhomogenen “Born to Die” ihre beiden vermutlich stärksten Platten folgten, auf denen sie ihren sehr besonderen Stil nicht nur gefunden, sondern zugleich auch schon perfektioniert hat: Ultraviolence (2014) und Honeymoon (2015). Danach wurde sie schwächer, namentlich auf “Lust for Life” (2017), auf dem sie u.a. mit mehreren prominenten Rappern kooperierte, was sich als nicht sehr vorteilhaft für sie erwiesen hat. Die drei folgenden Alben “Norman Fucking Rockwell” (2019), “Chemtrails over the Country Club” und “Blue Banisters” (beide 2021) waren dann wiederum gelungener und auf jeweils eigene Weise interessant, wenn auch längst nicht so überragend wie ihre Werke von 2012 bis 2015.
Und nun präsentiert uns Lana Del Rey also ihr mittlerweile – je nach Zählweise – achtes oder neuntes Album mit dem ebenso mysteriösen wie sperrigen Titel “Did You know that there’s a tunnel under Ocean Blvd”. Es enthält nicht weniger als 16 Songs, was normalerweise ein Problem wäre, aber hier gar nicht besonders schadet, da es in all dieser Fülle kaum Schwachpunkte gibt. Ja, “Did You know”, das ganz anders ist als seine Vorgänger, abwechslungsreich und überraschend vielschichtig, lässt sich durchaus als großer Wurf ansehen. Auch wenn diesmal eine Rekordzahl an Gastmusikern mitgewirkt hat, haben die vielen Köche keinesfalls den Brei verdorben. Es fällt sogar schwer, einen bestimmten Track herauszuheben. Am besten, man hört komplett alles durch, und das gleich mehrfach. Wer mag, kann sich mit Hilfe des sehr umfangreichen Wikipedia-Eintrags auch noch mit den inhaltlichen Aspekten der CD auseinandersetzen. Doch auch, wer dies ausspart, wird auf seine Kosten kommen. Kurzum, Lana Del Rey hat ihrem Gesamtkunstwerk ein überzeugendes Kapitel hinzugefügt. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).
Lana Del Rey
Did You know that there’s a tunnel under Ocean Blvd
Urban (Universal Music) 2023
ASIN: B0BP4R3GMB
justament.de, 29.5.2023: Einfach nur zusammen sein
Scheiben Spezial: Vor 50 Jahren gelang Udo Lindenberg der Durchbruch mit “Alles klar auf der Andrea Doria”
Thomas Claer
Im Frühjahr 1973, in einem Alter, in dem andere legendäre Popstars schon drauf und dran waren, sich mittels Überdosis oder Schrotflinte in die ewigen Jagdgründe des Musikerhimmels zu befördern, hatte der Sänger und Schlagzeuger Udo Lindenberg gerade erst seinen ganz großen Wurf gelandet. Und entgegen aller Wahrscheinlichkeit, trotz fortwährender Alkohol- und Nikotinexzesse, weilt er sogar heute noch unter uns und hat gerade erst seinen 77. Geburtstag würdevoll begangen – bei bester Gesundheit, nach allem, was man weiß.
Damals, vor 50 Jahren, hatte der Panikrocker im Frühstadium immerhin schon ein beachtliches Frühwerk mit kleinen Hits wie “Hoch im Norden” und “Candy Jane vorgelegt, dem er nun mit “Alles klar auf der Andrea Doria” sein ultimatives Meisterwerk folgen ließ. Auf dieser Platte stimmte einfach alles, jeder Song ein Volltreffer!
Vor allem aber widmete sich der junge Lindenberg in seinen Songtexten mit viel Chuzpe, Naivität und gesundem Menschenverstand auch heiklen politischen Fragen wie den innerdeutschen Beziehungen: Wenn man sich innerhalb ein und derselben Stadt nicht frei bewegen darf und der westliche Besucher seine östliche Geliebte hinter Mauern eingesperrt zurücklassen muss, dann ist etwas ganz grundsätzlich nicht in Ordnung. “Wir woll’n doch einfach nur zusammen sein”, heißt es im Song “Mädchen aus Ost-Berlin”, mit dem die sehr spezielle Beziehung zwischen dem “kleinen Udo” und der seitdem immer größer werdenden Zahl seiner Fans in der Deutschen Demokratischen Republik ihren Anfang nahm. Immer wieder gab es fortan DDR-Bezüge in den Lindenberg-Songs, kulminierend im “Sonderzug nach Pankow”, der 1983 sogar für eine Art kleine deutsch-deutsche Staatsaffäre sorgte. Wenn sich in 40 Jahren deutscher Teilung dann doch noch so viel Verbindendes zwischen Ost- und Westdeutschen erhalten hat, dann ist das nicht zuletzt solchen unermüdlichen Brückenbauern wie Udo Lindenberg zu verdanken.
Weiterhin finden sich auf der “Andrea Doria”-Platte epochale Songperlen wie das zarte Liebeslied“ Cello”, das fast schon existentialistische “Er wollte nach London” oder das melancholische “Nichts haut einen Seemann um”. Und wie radikal modern war seinerzeit der Text von “Ganz egal”: “Und wieso auch nicht / Es ist doch ganz egal / Ob du ein Junge oder ‘n Mädchen bist”. Kurzum, diese Platte und ihr Nachfolger “Ball Pompös” (1974) sind das Beste, was Udo Lindenberg jemals geschaffen hat. Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).
Udo Lindenberg & das Panikorchester
Alles klar auf der Andrea Doria
Telefunken/ Warner 1973
ASIN: B000069K14
justament.de, 1.5.2023: Verlassen in Berlin
Element of Crime auf ihrem 15. Studio-Album “Morgens um vier”
Thomas Claer
Dass Element of Crime, die erklärten Lieblinge überwiegend großstädtischer Nachtmenschen, Melancholiker und Romantiker, sich zuletzt auf jeder neuen Platte noch etwas stärker als jeweils zuvor präsentierten, das konnte man so langsam fast schon beängstigend finden. Doch nun, im 39. Jahr ihrer Bandhistorie, ist dieser langjährige Trend gebrochen. Mit ihrem jüngst erschienenen neuen Album lassen sie, auf hohem Niveau zwar, aber doch unverkennbar, ein wenig nach. Aber auch wenn “Morgens um vier” nicht ganz mit dem Vorgänger “Schafe, Monster und Mäuse” von 2018 mithalten kann, so hält es für den geneigten Hörer doch genügend Höhenpunkte bereit, um ihm zumindest den diesjährigen bislang so nasskalten Frühling gebührend zu versüßen.
Überzeugen kann vor allem der Beginn. Das erkennbar in der Corona-Zeit entstandene “Unscharf mit Katze” ist ein mustergültiger EoC-Song erster Güte, der all das enthält, was diese Band so groß und bedeutsam gemacht hat: scheppernde Gitarrenriffs, wuchtige Trompeteneinschübe, Sven Regeners knarzig-angerauten Gesang und eine wie gewohnt ausgefeilte, hintersinnige Textdichtung. Doch gerade hier, bei den Texten, läuft es diesmal, wenn man das ganze Album betrachtet, weniger rund als zuletzt. Neben lyrischen Glanzleistungen (“Aus unsren Mündern kommen Schall und Rauch”) stehen mitunter wenig schlüssige Sprachbilder wie bereits im Eröffnungssong das von der unscharf aufgenommenen Katze und der Axt in den Händen, bei denen man sich in der Tat fragen muss, worauf sie hinauslaufen sollen. Dies gilt auch für manche Passage der anderen Songs, etwa den rätselhaften Refrain “Was mein ist, ist auch dein”. Nachvollziehbarer ist da schon das auf recht witzige Weise den Trivialautor Johannes Mario Simmel zitierende “Liebe ist nur ein Wort”. Sehr schön und stimmungsvoll geraten, sowohl textlich wie auch musikalisch, sind das Titel- und zugleich Schlussstück “Morgens um vier” sowie das gemeinsam mit dem Isolation-Berlin-Sänger Tobias Bamborschke eingesungene “Dann kommst du wieder”, das einen irgendwie an den mehr als dreißig Jahre alten “Weeping Song” von Nick Cave im Duett mit Blixa Bargeld erinnert.
Thematisch kreisen die Lieder auf bewährte Weise – und insofern dann doch ans Vorgängeralbum anknüpfend – auffällig oft um die Themenfelder liebeskrankes, verlassenes lyrisches Ich und Berlin, gerne auch beides miteinander verbindend wie in “Ohne Liebe geht es auch” und “Wieder Sonntag”, das endlich einmal der Flohmarktkultur unserer Hauptstadt ein verdientes Denkmal setzt. Was die Kompositionen auf dieser Platte angeht, so fallen zwar auch sie etwas hinter diejenigen auf den vorherigen Alben zurück, doch sind sie dabei nicht unbedingt schlechter als etwa auf “Immer da wo du bist bin ich nie” (2009) oder “Psycho” (1999). Kurzum, für die Liebhaber der Elements hat dieses Album, wenn es auch nicht gerade ihr bestes sein mag, durchaus eine Menge zu bieten. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).
Element of Crime
Morgens um vier
Vertigo Berlin (Universal Music)
ASIN: B0BTNSM71K









