justament.de, 25.3.2024: Sexiest Oma of Arab Pop
Scheiben Spezial: Natacha Atlas zum Sechzigsten
Thomas Claer
Zuerst war es nur ein Plattencover, das mich magisch angezogen hat. Damals in den Neunzigern, während meiner Studienzeit in Bielefeld. Es stand wohl für längere Zeit in der Kiste mit den Neuerscheinungen nahe dem Eingang meines favorisierten Schallplattenladens “Ween” am Jahnplatz. Immer, wenn ich diesen Laden aufsuchte, und das kam zu jener Zeit nicht selten vor, durchblätterte ich als erstes diese Kiste. Und immer blieb ich dann hängen an einer bunten LP namens “Diaspora” der belgisch-arabischen Sängerin Natacha Atlas, die auf der Coverabbildung im Stil der Königin Cleopatra posierte – in einem ägyptischen Palast, umgeben von allerlei Säulen mit geheimnisvollen Hyroglyphen-Zeichen, in einem langen blauen Gewand auf einem roten Sofa liegend. Als ich dann irgendwann später auch noch im Musikfernsehen (denn mit dem Internet war es seinerzeit noch nicht so weit her) auf ein Video stieß, in dem ebenjene Natacha Atlas zu orientalischen Klängen mit dezenten elektronischen Einsprengseln kunstvoll den Bauchtanz zelebrierte, war es endgültig um mich geschehen. Von nun an machte ich Jagd auf die Tonträger dieser kurvenreichen morgenländischen Schönheit. Ihre ersten vier CDs konnte ich kostengünstig im Second-Hand-Shop in der Jahnplatz-Passage erstehen, womit mein Begehren fürs Erste gestillt war. Die Musik war schon sehr speziell, sehr traditionell arabisch. Und ich beschloss, diese vier Alben in Ehren zu halten, meiner Sammlung aber keine weiteren von dieser Art mehr hinzuzufügen.
Dabei blieb es für lange Zeit, und so verlor ich Natacha Atlas allmählich aus den Augen. Doch dann, mehr als zwei Jahrzehnte später, konnte ich endlich wieder mehr Muße für meine musikalischen Leidenschaften finden – und kam noch einmal auf Natacha Atlas zurück. Eine große Zahl an Veröffentlichungen, so stellte ich fest, hatte sie über die Jahre herausgebracht und sich dabei in ganz unterschiedliche Genres vorgewagt: mehr und mehr weg vom temperamentvollen Ethno-Pop, hin zu meditativ-spirituellen Klängen, zu traditionellen Gesängen und schließlich, in den letzten Jahren, auch zunehmend zum Jazz. Ich fand das ganz großartig und wollte nun alles, aber wirklich alles!, von ihr haben. Und was soll ich sagen? Dank Medimops, Rebuy und Co. bekam ich es sogar noch zum kleinen Preis. Nicht weniger als 15 CDs, einschließlich Remix-, Best of- und Raritäten-Album, habe ich mittlerweile von ihr angehäuft. Und jede von ihnen bereitet mir auf ganz eigene Art Vergnügen. Am Donnerstag letzter Woche ist die verführerischste Stimme des arabischen Folk-Pop nun 60 Jahre jung geworden.
justament.de, 19.2.2024: Reichels Riffs mit 80
Achim Reichel auf “Schön war es doch! Das Abschiedskonzert”
Thomas Claer
Will ein gealterter Rockmusiker nicht irgendwann auf der Bühne tot umfallen, so wie der sprichwörtliche Cowboy, der am Lebensende beim Reiten aus dem Sattel kippt, so muss er den passenden Zeitpunkt für einen würdigen Abgang finden. Achim Reichel, deutscher Rockstar der ersten Stunde und seitdem über sechs Jahrzehnte im Musikgeschäft gut dabei, hat nun seinen 80. Geburtstag zum Anlass genommen, gewissermaßen die Gitarre an den Nagel zu hängen. Allerdings nicht ohne zuvor noch ein letztes Mal auf Tournee zu gehen und seinen Fans eine Doppel-CD mit seinem Abschiedskonzert zu bescheren.
Aber schon wieder eine Live-Platte von ihm? Es gab doch zuvor schon drei, nämlich zum 50., 60. und 70. Geburtstag. Was soll denn da jetzt noch drauf sein, was man nicht schon zur Genüge kennt?! Ein wenig skeptisch hört man also rein in “Schön war es doch! Das Abschiedskonzert”, um dann doch erleichtert festzustellen: So haben wir seine Songs noch nicht gehört – nämlich eingespielt unter Hinzuziehung eines Bläserensembles, das seine Band nicht nur bei bestimmten einzelnen, sondern bei mehr oder weniger allen Liedern unterstützt. Heraus kommt dabei ein weitgehend anderes Gewand seiner bekannten Gassenhauer. Es ist schon ziemlich mutig, Seemannslieder wie “Kuddel Daddel Du” oder “Halla Ballu Balle” mit ausgiebigen Trompeten-Soli auszuschmücken. Selbst “Aloha Heja He, das jüngst zum Überraschungs-Hit in China avancierte, kriegt nun Bläserklänge verpasst. Und man muss schon sagen: Achim Reichel beweist auch noch auf seinen mutmaßlich letzten musikalischen Metern, dass er immer für eine unerwartete Wendung gut ist.
Wenn man angesichts von immerhin 22 Songs auf den beiden Scheiben dennoch sein großes Bedauern darüber ausdrücken muss, dass so viele tolle Lieder von ihm leider wieder ausgespart wurden, dann spricht das zweifellos auch für die hohe Qualität seines Schaffens. Andererseits fragt man sich aber schon, warum es ausgerechnet seine recht mäßige Version des Volkslieds “Der Mond ist aufgegangen” aufs Album geschafft hat. Aber na gut, dafür gibt es diesmal sogar einen ganz neuen Song dazu, dessen Titelzeile zugleich für den Namen des Albums steht – und sicherlich auch ein passendes Fazit für Reichels Rückblick auf seine Musiker-Laufbahn abgibt: “Aber schön war es doch”, im Original ein alter Schlager von Hildegard Knef, wird – unterlegt mit Reichels unverwechselbaren Gitarrenriffs – zum gelungenen Schlusspunkt dieses stimmigen zweifachen Silberlings. Und vermutlich ja auch zum Schlusspunkt seiner Musikerkarriere – aber wer weiß das schon in diesem Business? Womöglich folgt ja 2034 auch noch das fünfte Live-Album zum 90. Geburtstag…
Achim Reichel
Schön war es doch! Das Abschiedskonzert (2CD)
Tangram / BMG 2024
ASIN: B0CPHGPP9C
justament.de, 15.1.2024: Die Liebe kommt nicht aus Berlin
Scheiben Spezial: Die Songs des Jahres 2023
Thomas Claer
So etwas haben wir noch nie gemacht: einen Rückblick auf die besten Songs des abgelaufenen Jahres. Doch damit an dieser Stelle nicht immer nur jahraus, jahrein von unseren altbekannten Lieblingen wie Element of Crime, Tocotronic, Björk oder Udo Lindenberg die Rede ist, gehen wir nun auch einmal neue Wege. Aber hoppla: Udo Lindenberg ist, ob man es glaubt oder nicht, auch bei den Hits des Jahres 2023 mit dabei! Dazu gleich unten mehr…
Die Kollegen von der Musikzeitschrift “Diffus” haben also eine Liste der “Top 10 Songs national” mit den dazugehörigen Musikvideos zusammengestellt. Und wir hören uns da einfach mal durch. Unter den Top 10 des Jahres, da sollte doch bestimmt etwas Gutes dabei sein, denkt man sich – und wird bitter enttäuscht. Eigentlich wollte ich zu jedem der zehn Songs ein paar Sätze verlieren, aber das ginge hier nun wirklich entschieden zu weit. Sagen wir es lieber allgemeiner: Damit ein Lied als gut bezeichnet werden kann, darf es zunächst einmal nicht zu vulgär und auch nicht zu sentimental sein. Dieses Kriterium stellt schon eine ziemlich große Hürde dar, denn die meisten Lieder auf der Welt (und auch in dieser Liste) sind wohl entweder das eine oder das andere. Und noch dazu sollte ein gutes Lied einen gewissen Wiedererkennungswert haben, sollte also originell sein, etwa von einer eingängigen Melodie getragen werden, die aber andererseits auch nicht zu gefällig sein darf, denn das wäre dann schon wieder banal…
Um es kurz zu machen, in diesen Top 10 gibt es manchmal ein paar gute Ansätze. Gleich mehrere Songs transportieren sehr unterstützenswerte inhaltliche Botschaften. In “Baba” von Apsilon geht es um eine Vater-Sohn-Beziehung im migrantischen Kontext. Und dabei wird den bekannten und berüchtigten toxischen Männlichkeitsbildern in der Rap-Szene hier zweifellos etwas Positives entgegengesetzt, was natürlich schon per se lobenswert ist.
In “3 Sekunden” von Celine feat. Paula Hartmann wird die immer wieder viel diskutierte männliche Übergriffigkeit gegenüber Frauen angeprangert. Damit haben die beiden jungen Damen natürlich vollkommen recht. Dennoch nimmt man ihnen ihr “Wir wollen einfach nur von Männern in Ruhe gelassen werden” am Ende doch nicht so ganz ab… In zwei weiteren Songs breitet jeweils ein empfindsamer junger Mann mit großer Ausführlichkeit sein Innerstes aus, wobei der vulgäre Rapsong dabei fast noch erträglicher ist als die kitschtriefende Ballade…
Womit wir bei Udo Lindenberg wären. Der große Meister hat sich doch in seinen alten Tagen tatsächlich noch einmal zu einem Duett mit einem Gangsta-Rapper namens Apache 207 herabgelassen. Das war wohl ein Riesen-Hit im letzten Jahr. Ist aber ein ziemlich schwacher Song. Im begleitenden Video steht der Gangsta-Rapper vor Gericht und wird dort wegen Diebstahls und einiger Straßenverkehrsdelikte zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, die er aber im Hausarrest absitzen darf, egal wo. Und daraufhin nimmt Udo Lindenberg seinen Kumpel kurzerhand mit ins Hotel, in dem er schon seit Jahrzehnten wohnt und sein Geld verprasst, und raucht mit ihm dort auf dem Balkon Zigarren. Nun ja…
Zwei Lieder erinnern ziemlich an die selige Neue Deutsche Welle und werden auch ausdrücklich als “NNDW” kategorisiert. Doch leider fehlt ihnen vollkommen die Frische und das Anarchische der alten NDW. Ein weiterer Song einer jungen Sängerin wird als “Indie” angepriesen, ist aber beim besten Willen nur gähnend langweilig.
Ein letzter Song ist noch übrig: “Die Liebe kommt nicht aus Berlin” von Brutalismus 3000 – eine trashige, schnelle Elektropopnummer, man könnte auch Techno dazu sagen. Dieses Lied ist immerhin ziemlich originell, wenn auch nicht unbedingt überragend. Hat es hierzulande schon jemals einen Hit-Song in (teilweise) slowakischer Sprache gegeben? Es ist wohl das einzige Lied in der Liste, das musikalisch noch halbwegs etwas taugt. Also wenn das die Hits des Jahres sein sollen…
P.S.: Vor einem Jahr habe ich in der entsprechenden Liste für 2022 allerdings ein Lied gefunden, das mir sehr gefallen hat: “Wildberry Lillet” von Nina Chuba. Das ist zwar auch durchaus vulgär, aber dabei angenehm selbstironisch – und so witzig: “Ich will haben, haben, haben!” Warum gibt es nicht mehr Lieder von dieser Sorte?
justament.de, 11.12.2023: Feucht-fröhlicher Radaubruder
Scheiben Spezial: Zum Tod des großen Folkpunk-Pioniers Shane MacGowan
Thomas Claer
Es lag ja damals, Mitte der Achtziger, ja schon seit längerem in der Luft, dass auch einmal so etwas wie Folk-Punk entstehen könnte. Beinahe seit es Rockmusik gab, gab es auch schon folkloristischen Rock. Doch dass es dabei lauter, härter und schräger zur Sache ging, das blieb zunächst die Ausnahme, etwa hierzulande auf Achim Reichels rockigen Seemannslied-Platten “Dat Shanty Alb`m” (1976) und “Klabautermann” (1977). Erst knapp ein Jahrzehnt später vollzog sich dann die längst überfällige Fusion aus anarchischem (Post-)Punk und traditioneller Folklore, als der laute, harte und schräge Folkrock auch noch schnell wurde und von wilden Pogotänzen seiner Fans begleitet wurde. Der Prototyp dieser Richtung war die irische Sauf-Combo “The Pogues” mit ihrem charismatischen Sänger und Songwriter Shane MacGowan (1957-2023). Ihre ersten beiden Platten “Red Roses for me” (1984) und “Rum, Sodomy and the Lash” (1985) galten in der aufgewühlten Londoner Indie-Szene zunächst noch als Geheimtipps. Der kommerzielle Durchbruch gelang ihnen dann erst mit dem ebenso famosen dritten Album “If I Should Fall from Grace with God” (1988). Bemerkenswerterweise finden sich darauf nicht mehr nur Volksweisen und Eigenkompositionen irischer Provenienz, sondern mit “Fiesta” auch ein spanische Folklore adaptierendes Lied und noch dazu sogar ein orientalisch anmutender “Turkish Song of the Damned”. Natürlich war das alles ganz großartig. Man kann wohl sagen, dass es keinen besseren und überzeugenderen Folkpunk in der Welt gibt als auf diesen drei frühen Platten der Pogues.
Doch so ungestüm und unbeschwert konnte es natürlich nicht weitergehen. Mit zunehmendem Ruhm der Band wurden ihre weiteren Platten zusehends schwächer und der Alkoholismus insbesondere ihres Frontmanns Shane MacGowan immer virulenter. Schließlich ging es bei ihm nicht mehr – und ihre letzten beiden Platten “Waiting for Herb” (1993) und Pogue Mahone” (1995) machte die Band dann notgedrungen ohne ihn. Bald darauf fielen die Pogues auseinander. Doch nur, um 2001 mit einem triumphalen Wiedervereinigungskonzert mitsamt dem vorläufig genesenen Shane MacGowan am Mikrophon wieder aufzuerstehen. Fortan tourten sie mit dem grandiosen Repertoire ihrer frühen Jahre munter um die Welt und unterließen es klugerweise, noch weitere Tonträger mit etwaigem neuem Material zu veröffentlichen. Erst 2014 war dann endgültig Schluss, als mehrere Bandmitglieder gesundheitlich nicht mehr zur Fortsetzung ihrer Musikerkarrieren in der Lage waren. Shane MacGowan war dann auch noch einige Jahre lang drogensüchtig, was ausgerechnet seine Nachbarin und Musikerkollegin Sinead O’Connor (1966-2023) publik gemacht hatte, die ihm in einer Art Hassliebe bis zu ihrem Lebensende eng verbunden geblieben ist. Nur wenige Monate nach seiner suizidalen Freundfeindin hat am letzten Novembertag dieses Jahres nun auch Shane MacGowan das Zeitliche gesegnet. Er wurde 65 Jahre alt, was gemessen an seinem Lebensstil als durchaus beachtlich angesehen werden kann.
justament.de, 20.11.2023: Aha, aha, aha
Scheiben vor Gericht Spezial: Vor 40 Jahren hatte die Neue Deutsche Welle ihren Höhepunkt
Thomas Claer
Zu meinen prägendsten kulturellen Kindheitserlebnissen gehörte zweifellos die Rezeption der Neuen Deutschen Welle, die eine grundlegende Neubestimmung aller Hörgewohnheiten in der populären Musik in Deutschland mit sich brachte. Und das längst nicht nur im Geltungsbereich der Freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Auch wir im Osten bekamen übers Westfernsehen und –radio im Wesentlichen alles mit, jedenfalls das von der NDW, was zum Medienhype wurde, was aber, wie ich später erfahren sollte, eigentlich nur die Spitze des Eisbergs war. Tatsächlich war die Neue Deutsche Welle, wie es z.B. in der Dokumentationsreihe zur deutschen Musikgeschichte “Pop 2000” eindrucksvoll herausgearbeitet wurde, ursprünglich ein Underground-Phänomen, als sich Ende der Siebzigerjahre plötzlich in allen Teilen der alten BRD Musikschaffende dazu aufschwangen, anarchische Rock- und Popmusik mit deutschen Texten entstehen zu lassen. Natürlich ist dann alles dort hineingeflossen, was seinerzeit ohnehin schon en vogue war: Das ganze Punk-Ding war noch nicht lange her, da kam auch schon New Wave – und solche Sachen gab es nun plötzlich auch mit deutschen Texten. Auch wenn es stilistisch kaum auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen war, was damals alles unter dem NDW-Label firmierte. Die Gemeinsamkeit war der ungestüme Dilettantismus, mit dem die Protagonisten allesamt zu Werke gingen. Und gerade dadurch waren sie so gut. Doch witterten die Puristen dieser Bewegung spätestens ab 1982/83 den großen Ausverkauf ihrer Ideale, als immer mehr NDW-Bands und –Stars in Unterhaltungssendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens auftraten und so zusehends um die Gunst eines Massenpublikums buhlten.
Für mich als noch nicht einmal Teenager im abgeschotteten Teil Deutschlands hinter der Mauer war aber genau diese NDW-Präsenz im westdeutschen Unterhaltungsfernsehen ein großer Glücksfall, denn wie sonst hätte ich diese aufregend bunten, schrillen und lauten Musikrevolutionäre sonst kennenlernen sollen? Trio mit “Da Da Da”, Nena mit “99 Luftballons”, Peter Schilling mit “Major Tom”, die Spider Murphy Gang mit “Peep Peep”, Geier Sturzflug mit dem Song vom Bruttosozialprodukt, Hubert Kah mit “Sternenhimmel” – sie alle wurden zu meinen Kindheitshelden, weil ich sie in der “Hitparade im ZDF” bei Dieter Thomas Heck gesehen und mit unserem Kassettenrekorder aus dem Westen aufgenommen hatte. Niemand kann sich heute mehr vorstellen, welche Wirkung eine solche Musik beim Stammpublikum dieser Schlagersendung hatte – und natürlich ebenso bei den Zuschauern am Bildschirm, zumal bei uns im Osten. Ich erinnere mich noch genau daran, wie sich mein Vater über das Erscheinungsbild von Trio-Sänger Stephan Remmler aufregte. Wie könne man denn nur so rumlaufen, wenn man ins Fernsehen kommt? In solch einem abgewetzten T-Shirt auf der Bühne stehen und dabei auch noch Kaugummi kauen? Der habe ja wohl überhaupt kein Benehmen! Dabei war mein Vater gerade einmal 13 Jahre älter als der NDW-Star. Aber genau hier verlief der Riss zwischen den Generationen, zwischen der Wiederaufbau-Generation auf der einen und den Achtundsechzigern und Postachtundsechzigern auf der anderen Seite. Für meinen Vater jedenfalls war diese ganze NDW-Musik, wie er sich ausdrückte, “der letzte Husten”. Meine Mutter war da schon aufgeschlossener und erst recht unsere Nachbarin, Frau G. Sie sang sogar begeistert im Treppenhaus “Aha, aha, aha, ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht, aha, aha, da, da, da”, während mein Vater darüber nur den Kopf schüttelte…
Ungefähr 1983 erlebte die Neue Deutsche Welle mit zahlreichen Superhits ihren medialen und kommerziellen Höhepunkt. 1984 kamen dann nur noch “Engel 07” von Hubert Kah und “Terra Titanic” von Peter Schilling – dann war aber endgültig die Luft raus. Spätestens 1985 redete niemand mehr von der Neuen Deutschen Welle.
justament.de, 16.10.2023: Er hat das Loch in der Welt geseh’n
Scheiben Spezial: Vor 25 Jahren erschien die zweite Platte von Fink
Thomas Claer
Dass Element of Crime einzigartig sind und es nichts Vergleichbares unter dem deutschen Musikhimmel gibt, weiß mittlerweile wohl jeder, der es wissen will. Doch ist das längst nicht immer so gewesen, denn es gab einmal, ungefähr von Mitte der Neunziger bis Mitte der Nullerjahre, eine Band aus Hamburg, die den Elements nicht nur in vielfacher Hinsicht das Wasser reichen konnte, sondern auch eine beachtliche stilistische Nähe zu ihnen aufwies. Kenner wissen das alles schon lange. Die Rede ist natürlich von Fink, der etwas schrägen Country-Combo des leider viel zu früh verstorbenen Texters, Sängers und Gitarristen Nils Koppruch (1965-2012). Eine Zeit lang waren Fink passenderweise sogar die Vorgruppe von EoC. Und dann spielte auch noch Sven Regener in mehreren Fink-Stücken Trompete.
Angefangen hatte es mit Fink-Veröffentlichungen 1997, als ihr Debütalbum “Vogelbeobachtung im Winter” erschien, das zwar schon durchaus bemerkenswert war, doch hatte die Band darauf ihren Stil noch nicht endgültig gefunden. Dies geschah dann erst ein Jahr später, 1998, vor 25 Jahren, auf dem Album “Loch in der Welt”, das damals, genau wie seine Interpreten, noch ein echter Geheimtipp war. Wunderbar lakonisch kamen diese Songs daher, voll poetischer Tiefe und schwärzester Romantik: “Werft mich in einen Fluss, und wenn ihr Pech habt, hab ich Glück/ Und komm mit einem Fisch im Maul zurück.” Sven Regeners obligatorischer Trompeten-Einsatz ertönt im vierten Stück der Platte mit dem programmatischen Titel “Als einer einmal nicht kam”. Eine wirklich sehr düstere Stimmung durchzieht beinahe das ganze Album: “Wir werden seh’n, ob das Warten sich lohnt/ Und irgendwann… und irgendwann bin ich tot.” Das mit der Frage, ob das Warten sich lohne, textete Nils Koppruch übrigens drei Jahre vor Regener, der es im Song “Es regnet” auf der EoC-Platte “Romantik” wieder aufgreift, allerdings ohne die buchstäblich tödliche Konsequenz seines Kollegen Koppruch.
Ja, das tragisch frühe Ende des so begabten Songwriters Nils Koppruch kam bei Lichte betrachtet keineswegs aus heiterem Himmel. Immer wieder, wohl mindestens einmal auf jeder Fink-Platte, kreisten seine Texte um Sterben und Tod. Und dass es auch auf fast jeder ihrer Platten ausgerechnet 13 Titel sein mussten, hat sich offenbar auch nicht gerade als Glücksbringer erwiesen… Noch zwei weitere zumindest punktuell sehr starke Alben folgten aufs überragende “Loch in der Welt” (1998), nämlich “Mondscheiner” (1999) und das selbstbetitelte rote Album “Fink” (2001). Dann hellte sich, wohl auch bedingt durch den zunehmenden Ruhm und Verkaufserfolge, die Stimmung auf den beiden darauffolgenden Platten zusehends auf, was denen aber nicht unbedingt gutgetan hat. Auch die Band schien mit “Haiku Ambulanz” (2003) und “Bam Bam Bam” (2005) nicht mehr richtig glücklich gewesen zu sein und löste sich schließlich auf. Es folgten noch zweieinhalb Soloalben von Nils Koppruch, und dann… und dann war er tot. Das Urteil für “Loch in der Welt” lautet: gut (14 Punkte).
Fink
Loch in der Welt
XXS Records/Indigo 1998
justament.de, 11.9.2023: Die blaue Reise
Scheiben Spezial: Vor 25 Jahren erschien „Shrink“ von The Notwist
Thomas Claer
Es beginnt mit rhythmisch klappernden Geräuschen wie auf einer Zugfahrt, aber gleichzeitig frickelt es auch schon ein wenig im Hintergrund. Dazu ein monoton surrender synthetischer Klang und dabei schleift, kratzt und scheuert es unentwegt. Nach einigen Sekunden dann setzen wiederholte Schläge auf irgendwelche Rohre ein, und noch etwas später mischen sich dezente Gitarrenklänge dazu. Irgendetwas blubbert unterschwellig. Erst nach mehr als zwei Minuten tritt unvermittelt der leise, immer etwas klagende Gesang von Markus Acher hinzu – und der Zuhörer ist angekommen im Kosmos des blauen Albums der bayrischen Band The Notwist mit dem rätselhaften Titel „Shrink“, was soviel wie „Schrumpfen“ bedeutet. Es ist so überaus raffiniert und fein arrangiert, was die Weilheimer Indie-Kapelle auf ihrem vierten Album alles entworfen hat, dass man auch heute noch, 25 Jahre später, aus dem Staunen nicht herauskommt. Im weiteren Verlauf, so ab dem dritten der zehn Stücke, bekommt die Platte dann auch noch eine sehr jazzige, mitunter sogar freejazzige und bläserlastige Note. Keineswegs ratsam wäre es, sich die Tracks einzeln anzuhören. Nein, so unterschiedlich sie auch sein mögen, sie bilden gemeinsam ein künstlerisches Gesamtwerk, wozu auch unbedingt das tiefblaue Album-Cover gehört, das gleichsam die melancholische Grundstimmung vorgibt, von der sich allein der beschwingte zweite Track „Chemicals“ ein wenig abhebt.
Man kann „Shrink“, das einer von vielen Wendepunkten im Schaffen dieser enorm einflussreichen Band gewesen ist, als einen Trip, als eine Art Reise begreifen – durch die (damals) neuen und revolutionären Landschaften multipler technischer Klang- und Geräuscherzeugung einerseits und durch die gedämpften inneren Erregungszustände frustrierter zeitgenössischer Individuen andererseits. Die sich in dieser Musik ausdrückende Haltung könnte in etwa dem alten Tocotronic-Motto: „Ich bin alleine, und ich weiß es, und ich find es sogar cool“ entsprechen. Nur dass es bei The Notwist natürlich unendlich viel subtiler anklingt… Für mich war „Shrink“, das legendäre blaue Album, so etwas wie mein Soundtrack durchs Erste Juristischen Staatsexamen und die bedrückende Zeit danach, wobei sich bald darauf auch noch das nachfolgende, ebenfalls ausgezeichnete, rote Album „Neon Golden (2002) hinzugesellen sollte – um von der Entdeckung des phänomenalen Vorgängers, des bunten Albums „12“ (1995), gar nicht zu reden… Das Urteil für „Shrink“ lautet „sehr gut“ (16 Punkte).
The Notwist
Shrink
Big Store / Cargo 1998
ASIN: B018N37V3Y
justament.de, 17.7.2023: Die späte Liebe zu den kleinen Silberlingen
Scheiben Spezial: Justament-Autor Thomas Claer über seine wachsende Begeisterung für einen inzwischen sehr altmodischen Tonträger
Lange Zeit habe ich keine CDs gemocht. Damals, in meiner Jugend in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern, war das für mich eine Grundsatzentscheidung. Es gab nur entweder… oder. So wie in noch früheren Epochen ästhetische Debatten über Alternativen wie “Spitzdach oder Flachdach?” geführt wurden oder über “Geschüttelt oder gerührt?”, so war die Frage zu meiner Zeit: “Platte oder CD?” Und mein Herz schlug ganz klar fürs schwarze Vinyl. In einem Schallplattenladen in unserer Gegend, der jetzt leider dichtgemacht hat, weil der Betreiber in Rente gegangen ist, hing jahrzehntelang an der Fensterscheibe der Spruch “CDs sind Sondermüll”. Das hätte ich vor drei Jahrzehnten sicherlich auch unterschrieben.
Wie wunderschön doch so eine Schallplatte ist, so hübsch verpackt in der großen und kunstvoll gestalteten Hülle… Und wenn man sie dann langsam und genussvoll herauszieht und auf den Plattenteller legt, sich dieser zu drehen beginnt und man darauf wartet, dass die Nadel mit gemütlichem Knistern in den feinen Rillen versinkt… Wie kalt und steril ist doch dagegen die Compact Disc mit ihrem glasklaren Klang, begleitet nur vom feinen Sirren, Klackern und Ticken der nachgeführten Laserlinse. Und wie trostlos nehmen sich die viel zu kleinen CD-Hüllen aus, auf denen sich oftmals selbst mit sehr guten Augen kaum ihre Beschriftung entziffern lässt. Im tiefsten Grunde meines Herzens bin ich noch heute dieser Meinung.
Und doch hat auch die CD ihre unbestreitbaren Vorzüge, so wie die Schallplatte ihre kaum zu leugnenden Nachteile hat. Noch dazu erscheint all das heute, wo Musik zumeist seelenlos aus großen Wolken gestreamt wird, in ganz neuem Licht: Längst sind Vinyl und CD keine Gegensätze mehr, sondern liegen doch, genau besehen, recht eng beieinander als Tonträger der alten Schule, die einer bestimmten Musik ein haptisches und optisches Äquivalent beigeben, woraus dann ein Gesamtkunstwerk entsteht. Welchen Sinn soll es eigentlich haben, Geld dafür zu bezahlen, dass man die Möglichkeit hat, auf Millionen Lieder zuzugreifen? Das ist doch am Ende beinahe so, als ob man gar nichts hätte. Man verhungert dann in der Fülle, wie es bei Goethe heißt. Auch das präziseste Superhirn wird sich ab einer bestimmten Menge angehörter Musik nicht mehr daran erinnern können, was man schon gehört hat und was nicht. Und was man vergessen hat, das hat man nie besessen, solange kein gut bestückter Schallplattenschrank oder CD-Ständer einem zurück ins Gedächtnis ruft, was man bereits besitzt. Na gut, man könnte vielleicht Listen führen über das bereits Angehörte. Aber wozu? Das wäre doch viel zu umständlich und vor allem ohne jeden ästhetischen Reiz. Der Kunstsammler Heinz Berggruen soll gesagt haben, ein schönes Bild brauche auch immer einen schönen Rahmen, so wie eine schöne Frau ein schönes Kleid brauche. Ein gestreamtes Lied aber ist – verglichen mit jenem auf einem Tonträger – noch weniger als eine Postkarte im Vergleich zum gerahmten Bild an der Wand.
Natürlich ist es kein Zufall, dass die Schallplatte in den beiden vergangenen Dekaden eine triumphale Wiederauferstehung gefeiert hat. Doch liegt hierin bereits ein Teil des Problems, denn mittlerweile ist sie zum sündhaft teuren Luxus-Accessoire geworden. Muss das wirklich sein: horrende Summen für Platten ausgeben, die man noch vor ein paar Jahren für wenige Euros auf Flohmärkten finden konnte? Hier bietet sich nun die CD als vergleichsweise spottbillige Alternative zu ihrer großen Schwester, der Schallplatte, an, zumindest wenn man sie aus zweiter Hand erwirbt, wozu es ja dank Medimops, Rebuy und Co. fortwährend erstklassige Gelegenheiten gibt. Auch das Verschicken der CDs kostet kaum zwei Euro, während man fürs Versenden der klobigen schwarzen Vinyl-Scheiben in großen stabilen Plattenkartons weitaus tiefer in die Tasche greifen muss. Und wie bequem ist es doch mit den CDs: rein, raus, vor, zurück. Alles geht schnell und einfach und ist nicht so zeitraubend wie bei den Platten. Außerdem verspringen die CDs einem nicht im Player, auch dann nicht, wenn man beim Musikhören Frühsport treibt (bzw. umgekehrt) und dabei den Fußboden erschüttert. Und fürs Lesen der CD-Beschriftungen liegt schon seit langen Jahren eine Lupe auf unserem Küchentisch.
Wohl über anderthalb Dekaden habe ich mir nun schon zu Tiefstpreisen Unmengen an CDs zusammengekauft, zumeist solche, die ich vor zwanzig oder dreißig Jahren sehr gerne gehabt hätte, aber mir damals nicht leisten konnte. Mittlerweile besitze ich schon weitaus mehr CDs als Schallplatten. Doch das fällt gar nicht auf, weil die CDs viel weniger Platz beanspruchen. Nur meiner Frau ist es inzwischen aufgefallen, dass meine vielen CDs langsam, aber sicher unsere Wohnung vollstellen, weshalb sie ein striktes CD-Ständer-Anschaffungsverbot verhängt hat. (Den größten Teil meiner CD-Ständer habe ich über Ebay Kleinanzeigen geschenkt bekommen von Leuten, die keine Verwendung mehr für sie hatten.) Glücklicherweise ist es mir vor kurzem dennoch gelungen, zwei besonders große CD-Ständer mit reichlich Fassungsvermögen unauffällig in der Speisekammer zu platzieren, womit ich bei meiner Frau so gerade eben noch durchgekommen bin. Doch versuche icn schon nach Kräften, mich bei meinen weiteren CD-Anschaffungen zu bremsen, denn ob der Aufbewahrungsplatz für mein gesamtes restliches Leben ausreichen wird, das steht noch in den Sternen…









