justament.de, 8.9.2025: Und Jazz nochmal
Regener Pappik Busch mit ihrem dritten Album “Fields of Lights”
Thomas Claer
Nach drei Jahren Pause haben sich Sven Regener, Richard Pappik und Ekki Busch noch einmal ins Studio begeben und gemeinsam ihre nunmehr dritte Jazzplatte aufgenommen. Erstmals sind auf dieser nun neben mehreren Klassikern von Jazzgrößen aus vergangenen Jahrzehnten auch drei Eigenkompositionen zu hören: “Chamisso Square”, das Titelstück “Fields of Lights” und “Round Top”. Und zumindest die beiden Erstgenannten müssen sich vor den wahrlich hochkarätigen übrigen Tracks absolut nicht verstecken. Überhaupt ist “Fields of Lights” wieder ein sehr stimmiges Album geworden, das durch seine diesmal besonders starke Akzentuierung von Melancholie die beiden Vorgängeralben “Ask Me Now” und “Things to Come” sogar ein Stück weit in den Schatten stellt. Zwei Stücke stammen von Bilie Holiday, eins von Telonious Monk. Die Komponisten der restlichen Stücke kennt man als bekennender Jazz-Banause schon gar nicht mehr…
Doch auch ohne profunde Expertise für diese Musikrichtung können einen diese so leichthändig daherkommenden Stücke bis ins Mark erschüttern. Um nur drei von ihnen herauszugreifen: “Song For My Father” (vom Horace Silver Quintet aus dem Jahr 1965), “Nostalgia In Times Square” (von Charles Mingus aus 1959) – und dann auch schon das von den Musikern selbst komponierte Titelstück. Wer Jazzmusik für irgendwie oberflächlich hält, sollte sich auf “Fields of Lights” eines Besseren belehren lassen. Der nächste und folgerichtige Schritt wäre nun aber mal ein Album von den Dreien nur mit Eigenkompositionen. Traut euch, Männer!
Regener Pappik Busch
Fields of Lights
Vertico / Universal 2025
justament.de, 11.8.2025: Analog war besser
Scheiben Spezial: 30 Jahre Tocotronic-Platten im Rückspiegel
Thomas Claer
Lässt man die nunmehr drei Jahrzehnte seit Erscheinen der Debüt-Platte der anfangs als alternative Boygroup gehandelten, enorm stilprägenfden und einflussreichen Band Tocotronic Revue passieren, dann könnte man deren Wirken grob gesagt in zwei Phasen unterteilen: in ihr wirklich grandioses Frühwerk in den Neunzigern, jener mythenumrankten, noch vordigitalen Ära, und in die eher durchwachsene Zeit danach mit gelegentlichen Tief-, aber auch Höhepunkten. Aus fünf CDs besteht wiederum das besagte Frühwerk, die zum Teil durchaus verschieden, aber alle noch sicher auf der richtigen Seite stehend waren.
Es begann im März 1995 mit ihrem Debut “Digital ist besser”, auf dem sich die drei Trainingsjackenträger mit den exzentrischen Volahiku-Frisuren noch dem ungezügelten und lärmigen Gitarrenrock verschrieben hatten. Sehr gelungen war dann auch das nur wenige Monate später nachgeschobene Mini-Album “Nach der verlorenen Zeit”, das insgesamt etwas weniger brachial und dafür noch ausgefeilter im Songwriting wirkte. Das dritte Album “Wir kommen um uns zu beschweren” (1996) setzte den Weg der beiden Vorgängerplatten fort, ließ aber dabei bereits leichte Ermüdungserscheinungen erkennen. Und so erfolgte auf dem vierten Album “Es ist egal, aber” (1997) erstmals ein stilistischer Wandel, indem nun zusätzliche Instrumente wie Mundharmonika und Streicher in den Gitarre-Bass-Schlagzeug-Klangkosmos aufgenommen, die temperamentvollen Lärmeinschübe aber beibehalten wurden. Es mag Ansichtssache sein, aber für mich haben sie nie eine überzeugendere Platte aufgenommen als “Es ist egal, aber”. Von nun an ging es mit ihnen bergab, wenn auch zunächst nur ganz langsam. Ihr fünftes Album “K.O.O-K. (1999) war noch ein Stück experimenteller als sein Vorgänger, enthielt aber gleichwohl so viel vom Spirit der frühen Jahre, dass man es ganz eindeutig noch zum Frühwerk der Band rechnen kann.
Das gilt aber für die Folgewerke im neuen Jahrtausend bereits nicht mehr. Das Weiße Album (2002) war überladen mit technischen Mätzchen. Wieder etwas besser wurde es auf “Pure Vernunft darf niemals siegen (2005), doch der Charme der frühen Jahre kehrte darauf nicht mehr zurück. Als ihr bestes Album der Nullerjahre lässt sich ihre nächste Platte “Kapitulation” (2007) ansehen, das wir seinerzeit als erstes Toco-Album in dieser Rubrik unter der Überschrift “Fast wie früher” recht enthusiastisch besprochen haben. Doch markierte das anschließende, vollkommen überproduzierte “Schall und Wahn” (2010) dann leider einen markanten Tiefpunkt. Danach ging es auf und ab. “Wie wir leben wollen” (2013) ließ Aufwärtstendenzen erkennen, doch das seichte Rote Album (2015) lässt sich wohl nur als erneuter Tiefpunkt bezeichnen. Dafür waren die drei jüngsten Alben dann wieder stärker, nämlich “Die Unendlichkeit” (2018), “Nie wieder Krieg” (2022) und “Golden Years” (2025). Wir wünschen Tocotronic noch viel Schaffenskraft für die nächsten 30 Jahre!
justament.de, 14.7.2025: Rock gegen rechts am Ostseestrand
Tocotronic live auf der “Warnemünder Woche”
Thomas Claer
Diese Vorrede muss jetzt leider sein: In der Rostocker Straßenbahn unterhalten sich letzte Woche zwei junge Damen, vermutlich Studentinnen, ausführlich über ihre Allergien und Laktoseintoleranzen. Und dann erzählt die eine auch noch, dass sie ärgerlicherweise vor kurzem ihr Armband verloren habe. Das hätte sie sich mal gemeinsam mit ihrer Freundin gekauft, mit der Aufschrift “Gegen rechts”. Immer wenn sie ihre Freundin in der kleinen Stadt, in der sie wohnt, besucht habe, dann hätten sie sich beide sehr gefürchtet, wegen ihrer Armbänder eine Faust ins Gesicht zu bekommen. Aber wenigstens müsse sie nun, da sie das Armband verloren habe, davor keine Angst mehr haben… Es sind also offensichtlich nicht nur Zuschreibungen von westdeutscher Seite: Im kleinstädtischen und ländlichen Raum herrscht in weiten Teilen Ostdeutschlands ein Klima der Intoleranz und Einschüchterung gegenüber Andersdenkenden, und es besteht dort mittlerweile eine massive kulturelle Dominanz des militanten Rechtsextremismus.
Umso erfreulicher und ermutigender ist es, dass es natürlich auch das andere Gesicht des Ostens gibt, das sich etwa am vergangenen Donnerstag während der “Warnemünder Woche” vor romantischer abendlicher Sonnenuntergangskulisse am Ostseestrand gezeigt hat. Die zu zwei Dritteln in Ehren ergrauten Berufsjugendlichen der Ex-Hamburger-Schule-Band Tocotronic ließen es bei freiem Eintritt so richtig krachen und versorgten ihre scharenweise erschienenen Fans neben zahlreichen Hits aus 30 Jahren Bandgeschichte auch mit einschlägigen politischen Botschaften. Songs wie “Denn sie wissen, was sie tun” und “Aber hier leben, nein danke” verfehlten ihre Wirkung beim lokalen Publikum nicht. Besonders enthusiastisch wurden aber selbstredend die alten Klassiker der Band wie “Digital ist besser”, “Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen” oder “Let there be Rock” gefeiert. Den berührenden Song “Ich tauche auf” präsentierte Dir v. Lowtzow fast im Alleingang auf der Akustikgitarre. Erst nach mehreren Zugaben und über anderthalb Stunden kam der Schlusspunkt mit dem Lied “Freiburg”, der Hymne aller misanthropischen Individualisten, bei dem aus tausenden Kehlen die Verse “Ich bin alleine und ich weiß es / Und ich find’ es sogar cool” ertönten. Eins ist sicher: Die Neunzigerjahre werden niemals enden.
justament.de, 16.6.2025: Goldene Horror-Jahre
Tocotronic auf ihrem aktuellen Album “Golden Years”
Thomas Claer
Nach drei Jahrzehnten Bandgeschichte haben Tocotronic mit “Golden Years” nun ihr mittlerweile 14. Album herausgebracht. Doch damit wirklich niemand denken solle, die Tocos würden nun in platter Selbstgefälligkeit auf ihre goldenen Jahre zurückblicken, haben sie den Plattentitel – in schwarzer Farbe vor güldenem Hintergrund – nicht in gewöhnlicher, sondern in Horrorschrift aufs Cover drucken lassen, was man sogleich auch als ein Statement ganz eigener Art werten kann. Natürlich, die Parolenhaftigkeit ist von Anfang an gleichsam ein Teil ihrer Band-DNA gewesen und hat sich zwischenzeitlich zwar deutlich abgeschwächt, war aber nie ganz weg. Nun ist sie jedenfalls mit voller Wucht zurückgekehrt, denn auf das (leider!) phänomenal kassandrahafte “Nie wieder Krieg!” (2022) folgt nun ein Album, dessen erste Single “Denn sie wissen, was sie tun” sogleich ein vielsagendes Ausrufezeichen gesetzt hat. Und wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit gekommen für solcherart politische Protestsongs. “Diese Menschen sind gefährlich”, warnen Tocotronic, denn “Sie leben völlig selbstverständlich / Terror als Identität”. Und vielleicht auch als Alternative zum aktuell vieldiskutierten Parteiverbotsverfahren empfehlen sie: “Darum muss man sie bekämpfen / Aber niemals mit Gewalt/ Wenn wir sie auf die Münder küssen / Machen wir sie schneller kalt” Ob das wirklich helfen würde gegen Weidel oder Wagenknecht?!
Von der Musik her ist “Golden Years” allerdings nicht mehr ganz so überzeugend wie sein Vorgänger. Einen Kracher wie das einfühlsame “Ich tauche auf” sucht man auf dieser Platte vergeblich. Doch finden sich dort gleichwohl einige sehr gelungene Songs wie das Titelstück, das bereits erwähnte “Denn sie wissen, was sie tun” und vor allem auch “Bye Bye Berlin”, ein fulminanter heiter-trauriger Abgesang auf unsere Hauptstadt mit durchaus hintersinnigem Text (“Schluss mit Uckermark”). Doch sind mehrere andere Lieder auf der CD eher so mittelprächtig, wenn auch nicht unbedingt schlecht. Allein dass die Tocos es fertigbringen, wie schon auf ihrer vorigen Platte, erneut den musikalisch schwächsten Song gleich an den Anfang des Albums zu platzieren, mag man rätselhaft finden. Und schließlich sollte noch Erwähnung finden, dass die einzigartige Stella Sommer auf drei Stücken als Hintergrundsängerin zu vernehmen ist, was sie selbstredend beträchlich unterfordert. Das Urteil lautet somit: vollbefriedigend (12 Punkte). Und wer bis hierhin gelesen hat und sich zufällig am 10. Juli im Ostsee-Urlaub befinden wird, sollte keinesfalls den kostenlosen (!) Live-Auftritt von Tocotronic am Strand anlässlich der Warnemünder Woche verpassen!
Tocotronic
Golden Years
Epic / Sony Music 2025
justament, 5.5.2025: Heimspiel am Schlesischen Tor
Die Heiterkeit live im Lido in Kreuzberg
Thomas Claer
An einem Mittwoch im April präsentierte Die Heiterkeit, d.h. Stella Sommer mit vierköpfiger Begleitband, ihren Fans in Berlin ihr neues Album “Schwarze Magie”. Und wie bei solch einem Heimauftritt nicht anders zu erwarten, goutierte das hauptstädtische Publikum jede Regung der rotblonden Diva im engen schwarzen Kleid mit frenetischem Applaus. Überaus selbstbewusst und professionell, ihrer Mittel von Anbeginn sehr sicher, versetzte Stella Sommer dabei ihre Anhänger mit jedem der vorwiegend düsteren Song aufs Neue in Entzücken. Für Auflockerung sorgten die zwischenzeitlichen Ausflüge in ihre früheren Werke, konkret in die Heiterkeit-Vorgängeralben “Was passiert ist” (2019) und “Pop und Tod I + II” (2016) mit Song-Höhepunkten wie “Jeder Tag ist ein kleines Jahrhundert” und “Im Zwiespalt”, während die ersten beiden Alben der Band, das Frühwerk, leider vollkommen ausgespart blieben. Auch die Begleitmusiker – Violonistin, Kontrabassist, Drummer und Keyboarderin – machten eine gute Figur und zeigten etwa beim phänomenalen “Komm mich besuchen”, dass ihnen auch rockigere Klänge nicht fremd sind.
Besonders gespannt sein konnte man aber auf das Publikum. Was sind das überhaupt für Leute, hatte ich mich gefragt, die ein Heiterkeit-Konzert besuchen? Nun, es sind, grob gesagt, Personen beiderlei Geschlechts, zwischen 30 und 60, mit überwiegend fein geschnittenen und ausdrucksvollen Gesichtern sowie tendenziell intellektuellem Habitus, so wie es bei dieser Musik ja auch naheliegend ist. Zu denken geben kann einem allerdings der Umstand, dass nicht mehr von ihnen gekommen sind. Das offiziell 600 Zuschauer fassende Lido war leider nur gut zur Hälfte gefüllt. Gerade einmal jeder zehntausendste Berliner, ca. 0,01% der Hauptstadtbevölkerung, hat sich also beim Heiterkeit-Konzert eingefunden. Auch wenn dies angesichts der guten Stimmung schnell in Vergessenheit geriet, lässt es sich doch an fünf Fingern abzählen, dass es sich so für die Protagonistin und ihre Mitstreiter als schwierig erweisen dürfte, einen auskömmlichen Gewinn zu erwirtschaften: Zehn Konzerte auf dieser Tournee, Eintrittspreise von etwa 30 Euro und eine Vielzahl an Beteiligten, die allesamt bezahlt werden müssen – das könnte eng werden und beweist, um es mit den frühen Tocotronic zu sagen, mal wieder eindrucksvoll die Schlechtigkeit der Welt. Denn es ist schlichtweg aberwitzig, dass eine Ausnahmekünstlerin wie Stella Sommer nicht allein von den Erträgen aus ihrer Musik ein Luxusleben führen kann. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Wer Ohren hat, der höre also Die Heiterkeit und besuche auch unbedingt ihre Konzerte!
13.05.2025 Leipzig – Moritzbastei
14.05.2025 München – Strom
15.05.2025 Wien, AT – B72
22.06.2025 Osnabrück – Hasefriedhof (solo)
10.09.2025 Jena – Trafo
21.09.2025 Frankfurt – Brotfabrik
justament.de, 7.4.2025: Dunkle Zauberei
Die Heiterkeit mit “Schwarze Magie”
Thomas Claer
Da hat sie nun, ach!, komponiert, getextet und auch musiziert, ins Mikrofon geleiert. Heißt Indie-Hoffnung, Popstar gar und wurde nun schon manches Jahr von Kritikern gefeiert. Da steht sie nun, die arme Torin und ist nicht klüger als wie vorhin. Zwar gilt sie viel, doch will sie alles gelten, dass ihr zu Füßen liegt die Welt, denn: Dass manche sie so gar nicht preisen – das will ihr schier das Herz zerreißen. Es mag kein Honk so länger leben – drum hat sie sich: der Magie ergeben!
Sechs Jahre nach dem grandiosen Vorgänger “Was passiert ist” hat Stella Sommers Band “Die Heiterkeit” nun endlich ihre fünfte Platte vorgelegt. Ein düsteres Konzeptalbum mit dem programmatischen Titel “Schwarze Magie” hat nun das Licht der Welt erblickt – in sich stimmig vom pechschwarzen Cover-Design (mit Stella Sommers ernstem Gesicht und langfingriger rechter Hand als blütenweißen Kontrapunkten) bis zu den Songtiteln.
Und das Konzept überzeugt durchaus, wenn auch nicht jeder einzelne Song. “Dunkle Gewitter” etwa ist großartig, nicht zuletzt auch durch seine kraftvolle Textdichtung. Nahtlos geht dieser Song über ins anschließende “Teufelsberg”, das bereits als “Vorab-Single” bekannt war. Weitere Höhepunkte der Platte sind das locker-folkige Titelstück, “Wir erholten uns vom Fieber” und “Santa Ana”. Hier zeigt Stella Sommer, was sie kann, auch wenn der Gesamteindruck angesichts einiger schwächerer Lieder dann doch hinter dem des Vorgängers zurückbleibt. Vieles erinnert eher an ihre drei Soloalben aus den letzten Jahren als an die vorangegangenen Heiterkeit-Platten.
Doch sollte man Stella Sommer auch nicht Unrecht tun, denn dass sie sich wie bisher mit jedem weiteren Heiterkeit-Album steigern können würde, das hätte man auch nicht annehmen dürfen. Sei’s drum: Auch auf ihrer neuen CD beweist Stella Sommer ihre Klasse. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte). Und am kommenden Mittwoch um 20 Uhr spielt “Die Heiterkeit” live im Lido in Kreuzberg.
Die Heiterkeit
Schwarze Magie
Buback 2025
UPC/EAN: 4015698265316
justament.de, 10.3.2025: Frau schlägt Männer
Neues von den Pixies und von Kim Deal
Thomas Claer
Was ist übrig geblieben von den Pixies, jener legendären Indie-Combo, die in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern mit anarchischem Gitarren-Rock für so viel Furore gesorgt und seitdem Generationen von Musikern und Musikbegeisterten mehr als nachhaltig geprägt hat? Die Antwort lautet: Es gibt sie ja noch, oder genauer gesagt: nach ihrer zwischenzeitlichen Trennung schon seit 21 Jahren wieder. Doch was ganz entscheidend ist: Vor nunmehr 13 Jahren hat Bassistin und Co-Sängerin Kim Deal der Band endgültig den Rücken gekehrt. Und seitdem werkeln also die restlichen 75 Prozent der Pixies, das heißt Sänger und Gitarrist Black Francis, Gitarrist Joey Santiago und Schlagzeuger David Lovering ohne sie vor sich hin. Die Ersatz-Bassistin für Kim Deal ist mittlerweile auch schon wieder ausgestiegen und wurde durch eine junge Blondine ersetzt. Und nun haben also die Pixies ihr inzwischen neuntes Album vorgelegt – und zeitgleich Ex-Bassistin Kim Deal ihr erstes Solo-Album. Welch eine delikate Konstellation!
Um eines gleich vorweg zu sagen: An die Frühphase der Pixies reichen natürlich beide Veröffentlichungen nicht ansatzweise heran. Wer die Pixies noch nicht kennt, greife also lieber zuerst zu ihren vier ersten epochalen Platten von Surfer Rosa (der Lieblingsplatte Kurt Cobains) bis Trompe le Monde. Aber für alle anderen Sympathisanten und Fans hält das neue Material so einiges bereit. Doch gibt es – man muss es in aller Deutlichkeit sagen – einen klaren Punktsieger. Und das sind nicht die verbliebenen Pixies, sondern es ist ihr früheres Bandmitglied. “The Night the Zombies Came”, die neue Pixies-Platte, wirkt insgesamt ziemlich lahm und uninspiriert. Immerhin ab dem dritten oder vierten Hören gehen einige der Stücke (die allesamt Black Francis geschrieben hat) langsam ins Ohr. Einen wirklich begeisternden Song sucht man aber leider vergeblich. Das schnelle und harte “Oyster Beds” ist noch ganz passabel und einige weitere Lieder auch – doch insgesamt ist das natürlich viel zu wenig für solch grandiose Musiker.
Da macht es Kim Deal aber diesmal weitaus besser. Auf ihrem Solo-Erstling “Nobody Loves You More” zieht die 63-Jährige, die neben ihrer Pixies-Vergangenheit auch auf eine bewegte Zeit in den Frauenbands “The Breeders” und “The Amps” zurückblicken kann, beinahe alle Register und liefert ein äußerst vielschichtiges Werk ab, das offenbar eine Menge von “So etwas wollte ich schon immer mal machen, bin aber bisher leider nie dazu gekommen”-Titeln enthält. Es geht los mit einem für sie ganz ungewöhnlichen fast schon bombastischen Song im Stil amerikanischer Filmmusik der Sechzigerjahre. Später mischt sie auch noch knarzige Elektropop-Nummern und sogar den zarten Anflug eines Rapsongs unter ihre Gitarren-Pop-Nummern im bewährten Breeders-Style. Kurzum, vom frischen Sound auf Kim Deals Solo-Debüt können sich ihre Ex-Kollegen von den Pixies ruhig mal eine Scheibe abschneiden. Das Urteil lautet somit: befriedigend (9 Punkte) für die Pixies und voll befiedigend (12 Punkte) für Kim Deal.
Pixies
The Night the Zombies Came
BMG Rights 2024
UPC/EAN: 4099964051322
Kim Deal
Nobody Loves You More
4AD 2024
UPC/EAN: 0191400073326
justament.de, 23.12.2024: Irgendwas war immer
Scheiben Spezial: Vor 25 Jahren erschien das Debüt von “Britta”
Thomas Claer
Im “Musikgeschäft” gilt es ja eigentlich als ungeschriebenes Gesetz, dass man/frau nur eine “Band seines (respektive ihres) Lebens” haben kann. Doch wie immer, so auch hier, bestätigen Ausnahmen die Regel: wie die der Ausnahmemusikerin und -texterin Christiane Rösinger (geboren 1961 in einer Baden-Württembergischen Kleinstadt), die nacheinander in gleich drei überragenden Formationen nicht nur mitgewirkt, sondern diese auch jeweils entscheidend geprägt hat.
Angefangen hat sie in der West-Berliner Indie-Group Lassie Singers, die seit den späten Achtzigern mit frechen Songs und feministischen Texten für Aufsehen sorgte. Hier war Rösinger als Gitarristin und Co-Sängerin allerdings noch nicht die alleinige Frontfrau, sondern nur eins unter mehreren starken Egos. Doch lässt sich wohl sagen, ohne ihren damaligen Mitstreiterinnen zu nahe zu treten, dass die von Christiane Rösinger geschriebenen und gesungenen Lassie-Singers-Lieder die weitaus stärksten waren: von “Liebe wird oft überbewertet” über “Ich glaub, ich hab ein Faible für Idioten” (einem der schönsten und zugleich witzigsten Liebeslieder aller Zeiten) bis zu “Es ist so schade, dass du so bist, wie du bist”.
Als sich das Ende der Lassie Singers schon abzeichnete, gründete Christiane Rösinger dann in den späten Neunzigern gemeinsam mit zwei Freundinnen die Berliner Rockband “Britta”, die sich wohl nur deshalb nach der Schlagzeugerin Britta Neander benannte, weil diese den eingängigsten Vornamen trug. (Für eine Band namens “Christiane” war die Zeit damals offenbar noch nicht reif.) Doch war bei “Britta” natürlich niemand anders als Christiane Rösinger tonangebend, was sich in vier rundum überzeugenden Alben dokumentiert: Den Anfang machte 1999, vor 25 Jahren, “Irgendwas ist immer”, das mit einer Heinrich-Heine-Vertonung startet (welcher in den Jahren darauf noch mehrere weitere folgen sollten). Im grandiosen Titelstück, einem besonderen textlichen Highlight, taumelt das lyrische Ich durch die Krisen und sonstigen Wirrnisse eines Jahres: “Ich kam vom Sommerloch in die Herbsttraurigkeit, von der Herbsttraurigkeit in die Winterdepression, von der Winterdepression in die Frühjahrsmüdigkeit und von der Frühjahrsmüdigkeit ins Sommerloch”. Am Ende der Platte findet sich auch noch die Britta-Version des bereits erwähnten Lassie-Singers-Klassikers “Ich glaub, ich hab ein Faible für Idioten”. Besonders charmant macht dieses Album nicht zuletzt der pointierte Einsatz des Cellos (neben Gitarre, Bass und Schlagzeug, versteht sich).
Auch über die beiden Folgealben “Kollektion Gold” (2001) und “Lichtjahre voraus” (2003) lässt sich nur Gutes sagen. Doch der eigentliche Knaller war dann Brittas Schlusspunkt “Das schöne Leben” (2006) mit so fantastischen Songs wie “Depressiver Tag” oder “Wer wird Millionär?”. Nach langer Pause fanden sich die Britta-Musikerinnen 2018 noch einmal zu einer nachträglichen Best-of-Tour zusammen. Da hatte Christiane Rösinger bereits zwei ausgezeichnete Solo-Alben herausgebracht: “Songs of L. And Hate” (2010) und “Lieder ohne Leiden” (2017) mit Songs wie “Ich muss immer an dich denken”, “Berlin” und “Eigentumswohnung”. Eigentlich wäre es nun höchste Zeit für eine weitere Solo-Platte von ihr, denn Musikerinnen und Texterinnen von ihrem Kaliber gibt es hierzulande bekanntlich nur in homöopathischen Dosen. Wir verneigen uns also vor der großen Indie-Veteranin Christiane Rösinger und sind guter Hoffnung, bald wieder Neues von ihr zu hören.
justament.de, 9.12.2024: Teuflisch gut
“Die Heiterkeit” mit neuem Album am 21. März und Vorab-Single am Nikolaustag
Endlich ist es soweit. Nach geschlagenen fünfeinhalb Jahren hat die an dieser Stelle bereits vielfach vergötterte Stella Sommer nun endlich das Erscheinen eines neuen Albums ihrer Band “Die Heiterkeit” angekündigt. Hinter der “Heiterkeit” verbirgt sich freilich niemand anders als die Sängerin selbst mitsamt ihrer Entourage, denn die anderen Gründungsmitglieder von 2010 haben die Band selbstredend schon längst wieder verlassen. Nur dass Stella Sommer auf ihren “Solo-Werken” englisch singt und auf den “Heiterkeit”-Platten deutsch. Bis zum 21. März müssen wir uns nun also noch mit der neuen “Heiterkeit”-Platte gedulden, die den verheißungsvollen Titel “Schwarze Magie” tragen wird und ein Konzeptalbum über die dunklen Seiten unseres Daseins werden soll. Das Beste ist aber: Eine (leider nicht als physischer Tonträger existente) Vorab-Single mit dem Titel “Teufelsberg” ist schon seit dem Nikolaus-Tag in der Welt, das heißt auf YouTube verfügbar:
Der Teufelsberg, das muss man wissen, ist ein durchaus geheimnisvoller und romantischer Ort in Berlin. Die zweithöchste Erhebung des Stadtgebiets, ein Trümmerberg inmitten des Grunewalds, dennoch gut erreichbar vom nicht weit entfernten S-Bahnhof Heerstraße. Seinen Namen erhielt er vom nahegelegenen Teufelssee mit seiner beliebten FKK-Badestelle, wo sich die berühmte Wildsau Elsa mit ihren Frischlingen gerne blicken lässt und dort mitunter auch schon mal Badegästen ihren Laptop entwendet. Der Teufelsberg also, auf dem sich im Sommer atemberaubende Sonnenuntergänge erleben lassen und man im Herbst gerne Drachen steigen lässt, hat nun offenbar die zugezogene Berlinerin Stella Sommer zu diesem düster-elegischen Song inspiriert. Allerdings klingt er doch sehr nach den vergangenen drei “Solo-Alben” der Künstlerin und leider weniger nach dem “Heiterkeit”-Vorgänger “Was passiert ist” (2019) mit so grandiosen Liedern wie “Jeder Tag ist ein kleines Jahrhundert”. Aber gut, auch wenn “Teufelsberg” noch nicht wirklich überragend ist, so macht es doch neugierig auf die uns im Frühling erwartende “Schwarze Magie”. Wir jedenfalls sind schon äußerst gespannt.
justament.de, 18.11.2024: Entmutigung
Cover-Versionen von Wolf-Biermann-Songs auf “Re:Imagined – Lieder für jetzt!”
Thomas Claer
Zum 88. Geburtstag des scharfzüngigen Liedermachers und einstigen DDR-Dissidenten Wolf Biermann haben sich allerhand junge (aber auch einige nur vergleichsweise junge) Künstler zusammengetan, um seine alten Stücke neu zu interpretieren. Super, denkt man! Spitzenidee! Auch wenn man als ebenfalls schon ziemlich alter Rezensenten-Sack natürlich nur die wenigsten vom hier versammelten Interpreten-Nachwuchs kennt. Aber womöglich lässt sich ja sogar noch die eine oder andere Entdeckung machen… Tja, und dann hört man also rein in diese Platte, hört weiter und weiter – und wendet sich schließlich ab mit Grausen. Was Künstler wie Maxim, Alligatoah, Bonaparte, Torch und wie sie alle heißen da abliefern, das passt einfach hinten und vorne nicht zusammen. Die grandiosen alten Biermann-Lieder, die in ihren Originalversionen nur mit Gitarrenbegleitung und in all ihrer textlichen und stimmlichen Wucht vor allem dadurch funktionieren, dass sie regelmäßig haarscharf am Überpathetischen vorbeischrammen, kippen nun als seltsame Hybrid-Nummern mit Beats und Elektronik reihenweise um ins Abgeschmackte und Kitschige. Es geht einfach nicht zusammen. Ausnahmen bilden bezeichnenderweise die vereinzelt mitwirkenden Vertreter der Ü50- (Ina Müller), Ü60- (Katharina Franck) und Ü70-Fraktion (Wolfgang Niedecken), die schlichtweg ein ganz anderes Gefühl für die alten Songs mitbringen als all diese unbedarften Jungspunde.
In aktuellen Interviews hat Wolf Biermann dann auch immer wieder nur gesagt, wie sehr er sich darüber freue, dass die jungen Leute seine Lieder neu interpretierten. Über die Qualität der Ergebnisse hat er – offenbar aus gutem Grunde – geschwiegen. Dennoch ist es natürlich sehr zu begrüßen, dass die alten Biermann-Songs auf diesem Wege neue Aufmerksamkeit bekommen. Bleibt nur zu hoffen, dass dabei auch die um Längen besseren Originale wieder in den Blick geraten.
Wolf Biermann
Re:Imagined – Lieder für jetzt!
Clouds Hill (Warner) 2024
ASIN: B0DD937RZ3









