Tag Archives: DIe Sterne

justament.de, 31.8.2026: Jetzt und vor 30 Jahren

Scheiben Spezial: Zwei phänomenale Song von “Die Sterne”

Thomas Claer

Meine erste Bekanntschaft mit der berühmten Hamburger-Schule-Band “Die Sterne” liegt schon etwas länger zurück. Zu jener Zeit, in den frühen bis mittleren Neunzigern, gab es noch den CD-Verleih – ein nur kurzlebiges Geschäftsmodell, das angesichts der fortschreitenden technischen Entwicklungen schon bald darauf obsolet werden sollte. In so einem CD-Verleih in Bremen war ich also Kunde und zahlte pro ausgeliehener CD eine Mark, sofern man sie innerhalb von 24 Stunden wieder in den Laden zurückbrachte. Es war natürlich klar, was man mit der geliehenen CD dann zu Hause tat: Man legte sie in den CD-Player der Stereo-Anlage und kopierte sie sich auf eine Audio-Kassette, deren Hülle man fein säuberlich mit den Songtiteln beschriftete. (Ein paar Jahre später gab es dafür dann sogar schon CD-Brenner, aber das war damals noch Zukunftsmusik.)

Eines Tages sah ich also in “meinem” CD-Verleih in der Bremer Neustadt zwei CDs von einer Band im Regal stehen, deren Namen ich noch nie gehört hatte, den ich aber irgendwie vielversprechend und cool fand. Dazu noch mit deutschen Texten. Also nahm ich diese beiden CDs dann einfach mal mit. Es waren die beiden ersten Veröffentlichungen der Band “Die Sterne”, die damals noch ein absoluter Geheimtipp war. Allerdings gefielen mir “Wichtig” (1993) und “In echt” (1994) dann gar nicht so besonders. Die Songs gingen fast alle in eine etwas soulige Richtung, die nicht so ganz mein Fall war. Auch von den Texten fühlte ich mich, wie man heute sagen würde, nicht unbedingt abgeholt.

Doch nur zwei Jahre später kamen “DIe Sterne” dann richtig groß raus mit der Indie-Hymne “Was hat dich bloß so ruiniert?” (1996), die auch ständig im Musikfernsehsender Viva gespielt wurde. Es war schon auch ein richtig tolles Video, muss man sagen. Ich kaufte mir also damals die dritte Sterne-Platte “Posen”, deren übrige Lieder mich dann allerdings auch nicht so wirklich überzeugten.

Von da an habe ich “DIe Sterne” wohl etwas aus den Augen verloren. Bis ich sie neulich im Fernsehen in der “Anstalt” wiedersah. Nur der Sänger Frank Spilker, inzwischen 60, ist von den Ursprungs-Sternen noch dabei. Aber allein schon als Typ ist er absolut großartig – gerade jetzt im fortgeschrittenen Alter. Er muss gar nicht viel mehr machen, als mit seiner Gitarre auf der Bühne zu stehen, und verkörpert dabei eine unerhörte Lässigkeit. Und dann erst ihr neues Lied “Ich hab nichts gemacht (außer weiter)” – für mich der stärkste Sterne-Song überhaupt neben “Was hat dich bloß so ruiniert?”. Der neue Song vom mittlerweile 13. Sterne-Album ist wirklich ein beinahe perfektes Gesamtkunstwerk: eine Ohrwurmmelodie, die einem nicht mehr aus dem Kopf geht, ein so durchdachter und angenehm selbstironischer Songtext. Und dazu das filigrane Keyboardspiel und der leicht laszive Background-Gesang – eigentlich ist es mehr ein bedauerndes Seufzen – von Dyan Valdes, der amerikanisch-kubanischen Musikerin, die seit 2018 festes Mitglied der einstigen Boygroup “Die Sterne” ist. Würde man nicht Gefahr laufen, sich dadurch Sexismus-Vorwürfen auszusetzen, könnte man sie auch durchaus als optische Bereicherung der Band bezeichnen. Und es ist keineswegs so, wie jetzt mancher vielleicht denken wird: Nach allem, was bekannt ist, hat Bandleader Frank Spilker nie etwas anderes mit oder zu ihr gehabt als ein ausschließlich kollegiales Arbeitsverhältnis. Schließlich ist er ja auch nach wie vor anderweitig verheiratet und Vater zweier Töchter.

Kurzum, der Sterne-Song “Ich hab nichts gemacht (außer weiter)” ist mein persönlicher Hit des Jahres 2026 – und das genau 30 Jahre nach ihrem tatsächlich größten Hit “Was hat dich bloß so ruiniert?”

justament.de, 24.6.2024: Höhere Höranstalt

Scheiben Spezial: Ein zweiteiliger ARD-Dokumentarfilm kanonisiert die “Hamburger Schule”

Thomas Claer

Drei Jahrzehnte ist es nun schon her, dass das vorläufig letzte “große Ding” der deutschen Popmusik, das sich ganz explizit als “antikommerziell” definierte, seinen Höhepunkt erlebte. Seinerzeit, das muss man wissen, galt Hamburg noch als veritables Zentrum der deutschen Popkultur, und wer damals jung war und was erleben wollte, den zog es noch längst nicht so schnurgerade nach Berlin, wie es dann spätestens seit der Jahrtausendwende der Fall gewesen ist, als schließlich sogar maßgebliche Vertreter der “Hamburger Schule” der Hansestadt den Rücken kehrten und ihre Zelte in Berlin aufschlugen.

Wir befinden uns also in den Neunzigern. Mauerfall und Wiedervereinigung lagen noch nicht lange zurück, ebensoweing die furchtbaren Pogrome in mehreren ost-, aber auch westdeutschen Städten. Und so brauchte es, um letzterem etwas entgegenzusetzen, eine neue musikalische Jugendbewegung mit dezidiert politischer Haltung und ganz viel intellektuellem Überschuss. Ein findiger Musikjournalist fand dafür den passenden Namen – und die “Hamburger Schule” war geboren.  Eine Plattenfirma mit dem schönen Namen “L’ Age d’Or” (Goldenes Zeitalter) nahm die maßgeblichen Protagonisten unter Vertrag und holte sie, die fast alle aus der deutschen Provinz stammten, allesamt an die Alster. Dort traf man sich dann in Kneipen und Szenelokalen mit Namen wie “Pudelklub” im Schanzenviertel oder auf St. Pauli. Nur eine Hand voll Bands von ihnen ist dann wirklich groß rausgekommen, allen voran Blumfeld, Die Sterne und Tocotronic.

Der sehr sehenswerte Zweiteiler “Die Hamburger Schule – Musikszene zwischen Pop und Politik” (hier ansehbar in der ARD-Mediathek) nimmt den Betrachter mit auf eine Zeitreise zurück in die eigene Jugend und geht auch inneren Widersprüchlichkeiten dieser Bewegung nach, wie der, dass es in der Szene nur ganz wenige Frauen gab. Man hätte auch noch ergänzen können, dass sie fast ausschließlich aus jungen Menschen aus den alten Bundesländern und ohne Migrationshintergrund bestand.