justament.de, 7.4.2025: Dunkle Zauberei
Die Heiterkeit mit “Schwarze Magie”
Thomas Claer
Da hat sie nun, ach!, komponiert, getextet und auch musiziert, ins Mikrofon geleiert. Heißt Indie-Hoffnung, Popstar gar und wurde nun schon manches Jahr von Kritikern gefeiert. Da steht sie nun, die arme Torin und ist nicht klüger als wie vorhin. Zwar gilt sie viel, doch will sie alles gelten, dass ihr zu Füßen liegt die Welt, denn: Dass manche sie so gar nicht preisen – das will ihr schier das Herz zerreißen. Es mag kein Honk so länger leben – drum hat sie sich: der Magie ergeben!
Sechs Jahre nach dem grandiosen Vorgänger “Was passiert ist” hat Stella Sommers Band “Die Heiterkeit” nun endlich ihre fünfte Platte vorgelegt. Ein düsteres Konzeptalbum mit dem programmatischen Titel “Schwarze Magie” hat nun das Licht der Welt erblickt – in sich stimmig vom pechschwarzen Cover-Design (mit Stella Sommers ernstem Gesicht und langfingriger rechter Hand als blütenweißen Kontrapunkten) bis zu den Songtiteln.
Und das Konzept überzeugt durchaus, wenn auch nicht jeder einzelne Song. “Dunkle Gewitter” etwa ist großartig, nicht zuletzt auch durch seine kraftvolle Textdichtung. Nahtlos geht dieser Song über ins anschließende “Teufelsberg”, das bereits als “Vorab-Single” bekannt war. Weitere Höhepunkte der Platte sind das locker-folkige Titelstück, “Wir erholten uns vom Fieber” und “Santa Ana”. Hier zeigt Stella Sommer, was sie kann, auch wenn der Gesamteindruck angesichts einiger schwächerer Lieder dann doch hinter dem des Vorgängers zurückbleibt. Vieles erinnert eher an ihre drei Soloalben aus den letzten Jahren als an die vorangegangenen Heiterkeit-Platten.
Doch sollte man Stella Sommer auch nicht Unrecht tun, denn dass sie sich wie bisher mit jedem weiteren Heiterkeit-Album steigern können würde, das hätte man auch nicht annehmen dürfen. Sei’s drum: Auch auf ihrer neuen CD beweist Stella Sommer ihre Klasse. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte). Und am kommenden Mittwoch um 20 Uhr spielt “Die Heiterkeit” live im Lido in Kreuzberg.
Die Heiterkeit
Schwarze Magie
Buback 2025
UPC/EAN: 4015698265316
justament.de, 10.3.2025: Frau schlägt Männer
Neues von den Pixies und von Kim Deal
Thomas Claer
Was ist übrig geblieben von den Pixies, jener legendären Indie-Combo, die in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern mit anarchischem Gitarren-Rock für so viel Furore gesorgt und seitdem Generationen von Musikern und Musikbegeisterten mehr als nachhaltig geprägt hat? Die Antwort lautet: Es gibt sie ja noch, oder genauer gesagt: nach ihrer zwischenzeitlichen Trennung schon seit 21 Jahren wieder. Doch was ganz entscheidend ist: Vor nunmehr 13 Jahren hat Bassistin und Co-Sängerin Kim Deal der Band endgültig den Rücken gekehrt. Und seitdem werkeln also die restlichen 75 Prozent der Pixies, das heißt Sänger und Gitarrist Black Francis, Gitarrist Joey Santiago und Schlagzeuger David Lovering ohne sie vor sich hin. Die Ersatz-Bassistin für Kim Deal ist mittlerweile auch schon wieder ausgestiegen und wurde durch eine junge Blondine ersetzt. Und nun haben also die Pixies ihr inzwischen neuntes Album vorgelegt – und zeitgleich Ex-Bassistin Kim Deal ihr erstes Solo-Album. Welch eine delikate Konstellation!
Um eines gleich vorweg zu sagen: An die Frühphase der Pixies reichen natürlich beide Veröffentlichungen nicht ansatzweise heran. Wer die Pixies noch nicht kennt, greife also lieber zuerst zu ihren vier ersten epochalen Platten von Surfer Rosa (der Lieblingsplatte Kurt Cobains) bis Trompe le Monde. Aber für alle anderen Sympathisanten und Fans hält das neue Material so einiges bereit. Doch gibt es – man muss es in aller Deutlichkeit sagen – einen klaren Punktsieger. Und das sind nicht die verbliebenen Pixies, sondern es ist ihr früheres Bandmitglied. “The Night the Zombies Came”, die neue Pixies-Platte, wirkt insgesamt ziemlich lahm und uninspiriert. Immerhin ab dem dritten oder vierten Hören gehen einige der Stücke (die allesamt Black Francis geschrieben hat) langsam ins Ohr. Einen wirklich begeisternden Song sucht man aber leider vergeblich. Das schnelle und harte “Oyster Beds” ist noch ganz passabel und einige weitere Lieder auch – doch insgesamt ist das natürlich viel zu wenig für solch grandiose Musiker.
Da macht es Kim Deal aber diesmal weitaus besser. Auf ihrem Solo-Erstling “Nobody Loves You More” zieht die 63-Jährige, die neben ihrer Pixies-Vergangenheit auch auf eine bewegte Zeit in den Frauenbands “The Breeders” und “The Amps” zurückblicken kann, beinahe alle Register und liefert ein äußerst vielschichtiges Werk ab, das offenbar eine Menge von “So etwas wollte ich schon immer mal machen, bin aber bisher leider nie dazu gekommen”-Titeln enthält. Es geht los mit einem für sie ganz ungewöhnlichen fast schon bombastischen Song im Stil amerikanischer Filmmusik der Sechzigerjahre. Später mischt sie auch noch knarzige Elektropop-Nummern und sogar den zarten Anflug eines Rapsongs unter ihre Gitarren-Pop-Nummern im bewährten Breeders-Style. Kurzum, vom frischen Sound auf Kim Deals Solo-Debüt können sich ihre Ex-Kollegen von den Pixies ruhig mal eine Scheibe abschneiden. Das Urteil lautet somit: befriedigend (9 Punkte) für die Pixies und voll befiedigend (12 Punkte) für Kim Deal.
Pixies
The Night the Zombies Came
BMG Rights 2024
UPC/EAN: 4099964051322
Kim Deal
Nobody Loves You More
4AD 2024
UPC/EAN: 0191400073326
justament.de, 23.12.2024: Irgendwas war immer
Scheiben Spezial: Vor 25 Jahren erschien das Debüt von “Britta”
Thomas Claer
Im “Musikgeschäft” gilt es ja eigentlich als ungeschriebenes Gesetz, dass man/frau nur eine “Band seines (respektive ihres) Lebens” haben kann. Doch wie immer, so auch hier, bestätigen Ausnahmen die Regel: wie die der Ausnahmemusikerin und -texterin Christiane Rösinger (geboren 1961 in einer Baden-Württembergischen Kleinstadt), die nacheinander in gleich drei überragenden Formationen nicht nur mitgewirkt, sondern diese auch jeweils entscheidend geprägt hat.
Angefangen hat sie in der West-Berliner Indie-Group Lassie Singers, die seit den späten Achtzigern mit frechen Songs und feministischen Texten für Aufsehen sorgte. Hier war Rösinger als Gitarristin und Co-Sängerin allerdings noch nicht die alleinige Frontfrau, sondern nur eins unter mehreren starken Egos. Doch lässt sich wohl sagen, ohne ihren damaligen Mitstreiterinnen zu nahe zu treten, dass die von Christiane Rösinger geschriebenen und gesungenen Lassie-Singers-Lieder die weitaus stärksten waren: von “Liebe wird oft überbewertet” über “Ich glaub, ich hab ein Faible für Idioten” (einem der schönsten und zugleich witzigsten Liebeslieder aller Zeiten) bis zu “Es ist so schade, dass du so bist, wie du bist”.
Als sich das Ende der Lassie Singers schon abzeichnete, gründete Christiane Rösinger dann in den späten Neunzigern gemeinsam mit zwei Freundinnen die Berliner Rockband “Britta”, die sich wohl nur deshalb nach der Schlagzeugerin Britta Neander benannte, weil diese den eingängigsten Vornamen trug. (Für eine Band namens “Christiane” war die Zeit damals offenbar noch nicht reif.) Doch war bei “Britta” natürlich niemand anders als Christiane Rösinger tonangebend, was sich in vier rundum überzeugenden Alben dokumentiert: Den Anfang machte 1999, vor 25 Jahren, “Irgendwas ist immer”, das mit einer Heinrich-Heine-Vertonung startet (welcher in den Jahren darauf noch mehrere weitere folgen sollten). Im grandiosen Titelstück, einem besonderen textlichen Highlight, taumelt das lyrische Ich durch die Krisen und sonstigen Wirrnisse eines Jahres: “Ich kam vom Sommerloch in die Herbsttraurigkeit, von der Herbsttraurigkeit in die Winterdepression, von der Winterdepression in die Frühjahrsmüdigkeit und von der Frühjahrsmüdigkeit ins Sommerloch”. Am Ende der Platte findet sich auch noch die Britta-Version des bereits erwähnten Lassie-Singers-Klassikers “Ich glaub, ich hab ein Faible für Idioten”. Besonders charmant macht dieses Album nicht zuletzt der pointierte Einsatz des Cellos (neben Gitarre, Bass und Schlagzeug, versteht sich).
Auch über die beiden Folgealben “Kollektion Gold” (2001) und “Lichtjahre voraus” (2003) lässt sich nur Gutes sagen. Doch der eigentliche Knaller war dann Brittas Schlusspunkt “Das schöne Leben” (2006) mit so fantastischen Songs wie “Depressiver Tag” oder “Wer wird Millionär?”. Nach langer Pause fanden sich die Britta-Musikerinnen 2018 noch einmal zu einer nachträglichen Best-of-Tour zusammen. Da hatte Christiane Rösinger bereits zwei ausgezeichnete Solo-Alben herausgebracht: “Songs of L. And Hate” (2010) und “Lieder ohne Leiden” (2017) mit Songs wie “Ich muss immer an dich denken”, “Berlin” und “Eigentumswohnung”. Eigentlich wäre es nun höchste Zeit für eine weitere Solo-Platte von ihr, denn Musikerinnen und Texterinnen von ihrem Kaliber gibt es hierzulande bekanntlich nur in homöopathischen Dosen. Wir verneigen uns also vor der großen Indie-Veteranin Christiane Rösinger und sind guter Hoffnung, bald wieder Neues von ihr zu hören.
justament.de, 9.12.2024: Teuflisch gut
“Die Heiterkeit” mit neuem Album am 21. März und Vorab-Single am Nikolaustag
Endlich ist es soweit. Nach geschlagenen fünfeinhalb Jahren hat die an dieser Stelle bereits vielfach vergötterte Stella Sommer nun endlich das Erscheinen eines neuen Albums ihrer Band “Die Heiterkeit” angekündigt. Hinter der “Heiterkeit” verbirgt sich freilich niemand anders als die Sängerin selbst mitsamt ihrer Entourage, denn die anderen Gründungsmitglieder von 2010 haben die Band selbstredend schon längst wieder verlassen. Nur dass Stella Sommer auf ihren “Solo-Werken” englisch singt und auf den “Heiterkeit”-Platten deutsch. Bis zum 21. März müssen wir uns nun also noch mit der neuen “Heiterkeit”-Platte gedulden, die den verheißungsvollen Titel “Schwarze Magie” tragen wird und ein Konzeptalbum über die dunklen Seiten unseres Daseins werden soll. Das Beste ist aber: Eine (leider nicht als physischer Tonträger existente) Vorab-Single mit dem Titel “Teufelsberg” ist schon seit dem Nikolaus-Tag in der Welt, das heißt auf YouTube verfügbar:
Der Teufelsberg, das muss man wissen, ist ein durchaus geheimnisvoller und romantischer Ort in Berlin. Die zweithöchste Erhebung des Stadtgebiets, ein Trümmerberg inmitten des Grunewalds, dennoch gut erreichbar vom nicht weit entfernten S-Bahnhof Heerstraße. Seinen Namen erhielt er vom nahegelegenen Teufelssee mit seiner beliebten FKK-Badestelle, wo sich die berühmte Wildsau Elsa mit ihren Frischlingen gerne blicken lässt und dort mitunter auch schon mal Badegästen ihren Laptop entwendet. Der Teufelsberg also, auf dem sich im Sommer atemberaubende Sonnenuntergänge erleben lassen und man im Herbst gerne Drachen steigen lässt, hat nun offenbar die zugezogene Berlinerin Stella Sommer zu diesem düster-elegischen Song inspiriert. Allerdings klingt er doch sehr nach den vergangenen drei “Solo-Alben” der Künstlerin und leider weniger nach dem “Heiterkeit”-Vorgänger “Was passiert ist” (2019) mit so grandiosen Liedern wie “Jeder Tag ist ein kleines Jahrhundert”. Aber gut, auch wenn “Teufelsberg” noch nicht wirklich überragend ist, so macht es doch neugierig auf die uns im Frühling erwartende “Schwarze Magie”. Wir jedenfalls sind schon äußerst gespannt.
justament.de, 18.11.2024: Entmutigung
Cover-Versionen von Wolf-Biermann-Songs auf “Re:Imagined – Lieder für jetzt!”
Thomas Claer
Zum 88. Geburtstag des scharfzüngigen Liedermachers und einstigen DDR-Dissidenten Wolf Biermann haben sich allerhand junge (aber auch einige nur vergleichsweise junge) Künstler zusammengetan, um seine alten Stücke neu zu interpretieren. Super, denkt man! Spitzenidee! Auch wenn man als ebenfalls schon ziemlich alter Rezensenten-Sack natürlich nur die wenigsten vom hier versammelten Interpreten-Nachwuchs kennt. Aber womöglich lässt sich ja sogar noch die eine oder andere Entdeckung machen… Tja, und dann hört man also rein in diese Platte, hört weiter und weiter – und wendet sich schließlich ab mit Grausen. Was Künstler wie Maxim, Alligatoah, Bonaparte, Torch und wie sie alle heißen da abliefern, das passt einfach hinten und vorne nicht zusammen. Die grandiosen alten Biermann-Lieder, die in ihren Originalversionen nur mit Gitarrenbegleitung und in all ihrer textlichen und stimmlichen Wucht vor allem dadurch funktionieren, dass sie regelmäßig haarscharf am Überpathetischen vorbeischrammen, kippen nun als seltsame Hybrid-Nummern mit Beats und Elektronik reihenweise um ins Abgeschmackte und Kitschige. Es geht einfach nicht zusammen. Ausnahmen bilden bezeichnenderweise die vereinzelt mitwirkenden Vertreter der Ü50- (Ina Müller), Ü60- (Katharina Franck) und Ü70-Fraktion (Wolfgang Niedecken), die schlichtweg ein ganz anderes Gefühl für die alten Songs mitbringen als all diese unbedarften Jungspunde.
In aktuellen Interviews hat Wolf Biermann dann auch immer wieder nur gesagt, wie sehr er sich darüber freue, dass die jungen Leute seine Lieder neu interpretierten. Über die Qualität der Ergebnisse hat er – offenbar aus gutem Grunde – geschwiegen. Dennoch ist es natürlich sehr zu begrüßen, dass die alten Biermann-Songs auf diesem Wege neue Aufmerksamkeit bekommen. Bleibt nur zu hoffen, dass dabei auch die um Längen besseren Originale wieder in den Blick geraten.
Wolf Biermann
Re:Imagined – Lieder für jetzt!
Clouds Hill (Warner) 2024
ASIN: B0DD937RZ3
justament.de, 21.10.2024: Mr. Hamburger Szene
Scheiben Spezial: Zum 30. Todestag von Wilken F. Dincklage
Thomas Claer
Die “Hamburger Szene” war in den Siebzigern so etwas Ähnliches wie später die “Neue Deutsche Welle” in den Achtzigern oder die “Hamburger Schule” in den Neunzigern: ein neues großes Musik-Ding, das für alle Beteiligten zum Label wurde; als Schlagwort erfunden jeweils von Musikjournalisten. Um 1973 herum hatte sich rund um die Hamburger Kneipe “Onkel Pö” ein “Jazz- und Spaßmusikerklüngel” (Wikipedia) gebildet, der vorwiegend Dixiland-Jazz mit Elementen der Rock- und Popmusik kombinierte; sehr schön textlich zusammengfasst in Udo Lindenbergs Titelstück seiner gleichnamigen LP “Alles klar auf der Andrea Doria”. Und eine zentrale Gestalt in dieser seit ca. 1975 so genannten “Hamburger Szene” war der umtriebige Wilken F. Dincklage (1942-1994), genannt der dicke Willem, der als Musiker, Radiomoderator, Musikproduzent, Schauspieler und Unternehmer nahezu überall irgendwie mitmischte. Noch dazu wurde er zum Herbergsvater der Szene, indem er 1972, gemeinsam mit dem Toningenieur Conny Plank, eine prächtige alte Villa in Hamburg-Winterhude mietete (das ehemalige Privathaus des Kanadischen Botschafters), dort den Kraut-Musikverlag gründete und eine große Zahl junger Künstler bei sich einquartierte.
Beinahe alles, was damals Rang und Namen in Hamburgs Musikszene hatte oder noch kriegen sollte, wohnte zumindest vorübergehend in Willems berühmter WG in der so genannten “Villa Kunterbunt”: Udo Lindenberg, Otto, Marius Müller-Westernhagen, Gottfried Böttger, Lonzo Westphal, Steffi Stephan, Peter Petrel und weitere seiner Kollegen aus der Rentnerband. Zeitweise hatte die WG 14 Bewohner. Als Nina Hagen zum Jahreswechsel 1976/77 in den Westen kam, fand sie ebenfalls Unterschlupf in Willems WG, blieb dort aber nicht lange. Und während ihr galanter Mitbewohner Otto Waalkes ihr Hamburg zeigte, schrieb ihr WG-Genosse Marius Müller-Westernhagen später über sie den leicht gehässigen Song “Guten Tag, ich bin Gerti aus der DDR”.
Aber zurück zu Willem, der in seiner Jugend eine Ausbildung zum Teeverkoster absolviert hatte und als Kaufmann u.a. als Ostblock-Experte eines Industriekonzerns tätig war. (Angeblich konnte er sich in acht Sprachen fließend unterhalten.) Neben seinem Job als Musikverleger pendelte Willem seit 1972 zwischen Hamburg und Saarbrücken, wo er als kundiger Musikjournalist im Hörfunkprogrramm des Saarländischen Rundfunks die Sendung “Pop Corner” moderierte und dort vornehmlich über die Hamburger Musikszene berichtete. Bald darauf ging Willem, der selbst Banjo und Gitarre spielte, auch eigene musikalische Wege und veröffentlichte mehre Singles und später auch Langspielplatten. Zu einer der Hymnen der “Hamburger Szene” avancierte 1975 sein unter dem Pseudonym “Daddy’s Group” erschienener Song “Lass die Morgensonne (endlich untergehn)”. Später allerdings geriet er mit Liedern wie “Tarzan ist wieder da” (1977) immer mehr auf die Blödel-Schiene. In den Achtzigern wurde Willem dann zum gefeierten Radio-Moderator beim NDR (“Hits mit Willem”, “Norddeutsche Top Fofftein”, “Musikraten und Singen”) und wirkte in mehreren Filmen als Schauspieler mit, so in der legendären Szene in der Rockerkneipe “Chrome de la Chrome” im ersten Otto-Film (1985). Nach Mauerfall und Wiedervereinigung moderierte Willem für Antenne Mecklenburg-Vorpommern und engagierte sich in der Stadt Wismar.
Vor 30 Jahren, am 18. Oktober 1994, starb Wilken F. Dincklage im Alter von erst 52 Jahren an einer Lungenembolie. Bei seinem Tod soll er mehr als 250 kg gewogen haben. Das Herz der Hamburger Szene hatte aufgehört zu schlagen.
justament.de, 9.9.2024: Alles Käse?
Die Mausis auf “In einem blauen Mond”
Thomas Claer
Nun ist sie also erschienen, die schon vor geraumer Zeit angekündigte Debüt-Platte der Mausis, worunter sich das obskure Duett von Stella Sommer und einem jungen Mann namens Max Gruber (auch bekannt unter dem Künstlernamen Drangsal) verbirgt. Und als sich nach neuer Musik von der wunderbaren Stella Sommer regelrecht verzehrender Fan ist man hin und hergerissen. Denn es fragt sich, wieviel Stella Sommer, wie wir sie kennen und lieben, in den Mausis überhaupt enthalten ist. Tonangenend ist hier nämlich zweifellos und durch die Bank ihr Kollege Gruber, und dementsprechend klingen die Songs doch recht seicht und ein ums andere Mal ins Schlagerhafte kippend. Immerhin: Der Titel- und zugleich Eröffnungssong (wenn man das weitgehend überflüssige Intro zu Beginn der Platte außen vorlässt) “In einem blauen Mond” erweist sich nach mehreren Hördurchgängen dann doch noch als veritabler Ohrwurm, weshalb es wohl auch eine gute Wahl war, gerade dieses Lied bereits im Vorfeld zur “Single” auszurufen. Der Rest des Albums kann an dieses Stück jedoch qualitativ kaum heranreichen.
Die Texte bewegen sich in einer harmlos-unverbindlichen Parallelwelt aus Mäuse-Ulkereien und Alltags-Verdichtungen, was nicht weiter schlimm wäre, wenn nur die Songs musikalisch etwas ideenreicher und inspirierter wären. Erst im Schlusslied “Am Ufer der Zeit” klingt Stella Sommer endlich wie Stella Sommer, nämlich düster und betörend. Doch bereits zur Mitte des Liedes kommt dann doch wieder ihr Mitarbeiter Gruber um die Ecke, übernimmt den Gesangspart und lenkt so auch diesen Song in (s)eine wenig gute Richtung… Ein jedenfalls witziges und insofern überzeugendes Lied trägt den schönen Titel “Ich leg mein Geld in Käse an” mitsamt dem vielsagenden Nachschub “Wieso? Weil ich es kann.” Man könnte hierin einen der rar gesäten Höhepunkte dieses Albums sehen, und das nicht nur, weil Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow hier einen gesanglichen Gastauftritt absolviert. Gute Ansätze finden sich ferner noch in “Ausgerechnet ich” und im “ABC der Ängste”.
Will man es positiv sehen, so hat Stella Sommer mit diesem Album ihre Vielseitigkeit unter Beweis gestellt und ihr ungewöhnliches Nebenprojekt, das bereits 2017 einmal kurzzeitig existierte, zu neuem Leben erweckt. Das Gesamturteil lautet gleichwohl nur: noch befriedigend (7 Punkte). Im übrigen sind wir der Meinung, dass eine neue Heiterkeit-Platte erscheinen sollte.
Die Mausis
In einem blauen Mond
2024 Käsescheiben
justament.de, 5.8.2024: Lieblingslieder
Im September erscheint eine Compilation mit Coverversionen von Manfred-Krug-Songs
Thomas Claer
Für uns Juristen ist Manfred Krug (1937-2016) ja dank der unübertroffenen Anwaltsserie “Liebling Kreuzberg” immer eine Art Schutzheiliger gewesen. Und keine Frage, er war ja auch ein toller Schauspieler. Dass er daneben aber auch noch auf eine bewegte Karriere als Sänger zurückblicken konnte, wobei er seine größten Erfolge hierbei noch vorwiegend in der DDR feierte, daran erinnert sich heute kaum noch jemand. Wirklich kaum jemand?! Die kleine Hamburger Plattenfirma Krokant unter der Regie von Albrecht Schrader (gebürtiger Wessi) und Florian Sievers (gebürtiger Ossi) macht sich nun daran, den Sänger Manfred Krug dem drohenden Vergesssen zu entreißen. Am 20. September soll eine Compilation mit 13 Cover-Versionen von Manfred-Krug-Songs erscheinen, interpretiert von “Künstlerinnen und Künstlern aus allen Ecken des deutschsprachigen Pop- und Indiekosmos”, wie es vollmundig im Ankündigungstext der Plattenfirma heißt. Da ist man natürlich gleich Feuer und Flamme und sieht nach, wen von den angekündigten Interpreten man denn kennt. Ernüchtert muss man leider feststellen: Es sind nicht allzu viele. Um ehrlich zu sein, kenne ich überhaupt keinen dieser neuen Krug-Interpreten. Aber das muss nichts heißen. Womöglich kann man ja auf diesem Wege sogar richtig tolle Musikerinnen oder Musiker kennenlernen, auf die man sonst nie gestoßen wäre.
Einer der Songs ist schon vorab erschienen: “Um die weite Welt zu sehn” in der Version von Masha Qrella. Und wer dort reinhört, kann feststellen, dass es sich um eine durchaus ansprechende Interpretation handelt. Die schwarz-weißen Filmszenen mit dem jungen Manfred Krug im Hintergrund untermalen das Stück auf eine sehr stimmige Weise. Die Sängerin hätte man von der Stimme her vielleicht auf 20 oder 30 geschätzt. Doch googelt man sie, so stellt sich heraus, dass sie bereits Ende 40 ist. Da hat sie ja Manfred Krug noch selbst erlebt, was schon einiges erklärt. Interessant wäre es natürlich, wenn auch mal 20- oder 30-Jährige… Aber wie sollen die schon auf Manfred Krug kommen? Wahrscheinlich ist Masha Qrella eine der Jüngsten auf dem Album. Doch muss das keineswegs gegen diese Veröffentlichung sprechen. Vielleicht sogar im Gegenteil… Kurzum, wir warten gespannt auf die anderen 12 Songs und lassen uns überraschen.
justament.de, 22.7.2024: Schöngezoomt
Scheiben Spezial: Vor 40 Jahren erschien “1001 Nacht” von Klaus Lage
Thomas Claer
“Du wolltest dir bloß den Abend vertreiben…” Mit diesen Worten beginnt der berühmteste Song des heute 74-jährigen singenden Sozialarbeiters Klaus Lage, der als 20-Jähriger seiner niedersächsischen Heimatstadt Soltau den Rücken kehrte und sich wie so viele junge Westdeutsche seiner Generation im Aussteiger-Paradies West-Berlin ansiedelte. Dort jobbte er in sozialen Einrichtungen sowie als Erzieher in einem Kinderheim und machte nebenher als Sänger und Gitarrist in diversen Formationen von sich reden. Bis er dann in den Achtzigern eine erfolgreiche Solo-Karriere startete, zunächst mehr als Liedermacher, bald darauf als Kopf und Namensgeber einer klassischen Rockband. Es dauerte nicht lange, und der kleinwüchsig-untersetzte Vollbartträger mit der großartigen Soulstimme gehörte mit Single-Hits wie “1001 Nacht”, “Monopoli”, und “Faust auf Faust” zu den ganz großen Popstars im letzten Jahrzehnt vor der deutschen Wiedervereinigung.
Dabei machten ihn seine oftmals sehr direkten und anschaulichen Texte über Alltagsgeschichten bis hin zu fragwürdigen Details (Schweißperlen, Gerüche von Haaren) und überkorrekten Ausdeutungen von Frauentypsgeschmacksfragen (“Mit meinen Augen”) allerdings angreifbar – und sorgten nicht zuletzt für reichlich Hohn und Spott seiner Kritiker, denen er als gemütlicher Kumpeltyp von nebenan wohl auch einfach nicht glamourös genug für die Popkultur erschien… Als besonders umstritten galt von jeher auch der Text seines besagten Erfolgstitels “1001 Nacht”: Wie Geschwister hatten das lyrische Ich und die Nachbarstochter ihre Kindheit miteinander verbracht, vielerlei Freizeitaktivitäten gemeinsam unternommen, ohne jemals mehr als ein rein kameradschaftliches Interesse füreinander zu entwickeln (“Wir waren nur Freunde und wollten’s auch bleiben”). Doch dann, so heißt es im Songtext, habe es plötzlich “Zoom gemacht” – und sie seien ineinander verliebt gewesen. Eine doch reichlich unwahrscheinliche Konstellation, so denkt man sich. Schließlich hat doch die Humanethologie schon vor Jahrzehnten nachgewiesen, dass eine große Nähe in Kindheitstagen zuverlässig jedes spätere sexuelle Begehren der Betreffenden füreinander ausschließt, was offenbar einen natürlichen Schutzmechanismus gegen Inzestrisiken darstellt.
Ist also Klaus Lages Geschichte von “Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert” letztlich nur Bullshit? Nein, nicht ganz. Zwar ist es zutreffend, dass sich Verliebtheit, wie es z.B. im berüchtigten 44. Kapitel von “Die Welt als Wille und Vorstellung” des Philosophen Arthur Schopenhauer (1789-1860) mit dem Titel “Metaphysik der Geschlechtsliebe” heißt, zwischen zwei Menschen in aller Regel sofort bei ihrer ersten Begegnung, konkret bei ihrem ersten Blickkontakt, einstellt – oder gar nicht. Doch hat vor kurzem eine soziologische Studie ergeben, dass die Mehrheit aller hierzulande eingegangenen Partnerschaften unter Personen stattfinden, die sich bereits seit langen Jahren gekannt haben und anfänglich keineswegs ineinander verliebt gewesen sein sollen. Wie kann das sein? Hat also doch Klaus Lage Recht, und Schopenhauer und die Humanethologie haben Unrecht?! Zur Auflösung dieses bei näherer Betrachtung nur scheinbaren Widerspruchs sollte man sich vergägenwärtigen, dass vermutlich nur ein relativ kleiner Anteil aller Menschen in seiner enthusiastischen Verliebtheit auch auf Erwiderung beim jeweiligen Objekt seiner Begierde hoffen darf. Infolgedessen ist es naheliegend, dass sich die relativ Vielen, die in ihren primären Ambitionen leer ausgehen, dann schließlich – quasi sekundär – in pragmatischer Absicht untereinander zusammenfinden und sich ihr jeweiliges Gegenüber am Ende sprichwörtlich schöntrinken oder auch schönreden oder aber – wie im Song von Klaus Lage – schönzoomen. So gesehen beruht der große Erfolg von “1001 Nacht” womöglich auch darauf, dass hier ein reichlich beschönigendes Narrativ verbreitet wird. Denn wohl mancher wird sich gerne darin wiedererkennen, dass es bei ihm (oder ihr) nun einmal plötzlich und unerwartet “Zoom” gemacht habe – wie vor 40 Jahren im Song von Klaus Lage.
justament.de, 24.6.2024: Höhere Höranstalt
Scheiben Spezial: Ein zweiteiliger ARD-Dokumentarfilm kanonisiert die “Hamburger Schule”
Thomas Claer
Drei Jahrzehnte ist es nun schon her, dass das vorläufig letzte “große Ding” der deutschen Popmusik, das sich ganz explizit als “antikommerziell” definierte, seinen Höhepunkt erlebte. Seinerzeit, das muss man wissen, galt Hamburg noch als veritables Zentrum der deutschen Popkultur, und wer damals jung war und was erleben wollte, den zog es noch längst nicht so schnurgerade nach Berlin, wie es dann spätestens seit der Jahrtausendwende der Fall gewesen ist, als schließlich sogar maßgebliche Vertreter der “Hamburger Schule” der Hansestadt den Rücken kehrten und ihre Zelte in Berlin aufschlugen.
Wir befinden uns also in den Neunzigern. Mauerfall und Wiedervereinigung lagen noch nicht lange zurück, ebensoweing die furchtbaren Pogrome in mehreren ost-, aber auch westdeutschen Städten. Und so brauchte es, um letzterem etwas entgegenzusetzen, eine neue musikalische Jugendbewegung mit dezidiert politischer Haltung und ganz viel intellektuellem Überschuss. Ein findiger Musikjournalist fand dafür den passenden Namen – und die “Hamburger Schule” war geboren. Eine Plattenfirma mit dem schönen Namen “L’ Age d’Or” (Goldenes Zeitalter) nahm die maßgeblichen Protagonisten unter Vertrag und holte sie, die fast alle aus der deutschen Provinz stammten, allesamt an die Alster. Dort traf man sich dann in Kneipen und Szenelokalen mit Namen wie “Pudelklub” im Schanzenviertel oder auf St. Pauli. Nur eine Hand voll Bands von ihnen ist dann wirklich groß rausgekommen, allen voran Blumfeld, Die Sterne und Tocotronic.
Der sehr sehenswerte Zweiteiler “Die Hamburger Schule – Musikszene zwischen Pop und Politik” (hier ansehbar in der ARD-Mediathek) nimmt den Betrachter mit auf eine Zeitreise zurück in die eigene Jugend und geht auch inneren Widersprüchlichkeiten dieser Bewegung nach, wie der, dass es in der Szene nur ganz wenige Frauen gab. Man hätte auch noch ergänzen können, dass sie fast ausschließlich aus jungen Menschen aus den alten Bundesländern und ohne Migrationshintergrund bestand.









