justament.de, 26.1.2026: NDW-Girlie wird 70
Inga Humpe alias Inga DiLemma zum Jubiläumsgeburtstag
Thomas Claer
Zu den prägendsten Frauengestalten der deutschen Musikszene zählen natürlich bis heute die Humpe-Schwestern – und ganz besonders Inga, die jüngere der beiden. Es waren die Jahre des großen musikalischen Aufbruchs, damals, in den späten Siebzigern, als Inga Humpe, die aus dem westfälischen Hagen stammte, ihrer älteren Schwester Annette ins Aussteiger-Paradies West-Berlin folgte und dort zunächst an der FU ihr in Aachen begonnenes Studium der Kunstgeschichte und Komparatistik fortsetzte. Doch schon bald gründete sie mit ihrer Schwester und ein paar Jungs die legendäre Punk-/New-Wave-Formation Neonbabies, und fortan waren Inga DiLemma und Anita Spinetti, so die zeitgemäßen Künstlernamen der Humpe-Schwestern, ein unverzichtbarer Bestandteil der Neuen Deutschen Welle und gehörten zu den großen Attraktionen in der noch geteilten Stadt.
1984, da war Annette schon mit ihrer eigenen Band Ideal groß rausgekommen und Inga hatte mit DÖF den Single-Hit “Codo”, porträtierte Matthias Koeppel die beiden im Schlosspark Charlottenburg vor dem Mausoleum im Stil der “Prinzessinnengruppe” von Schadow als “Requiem für Luise”. Ein Jahr später fanden die NDW-Prinzessinnen auch wieder zu einem gemeinsamen musikalischen Projekt zusammen und veröffentlichen unter dem Namen “Humpe & Humpe” zwei ziemlich glatte Pop-Alben.
Der ganz große Durchbruch sollte für Inga Humpe aber erst nach dem Mauerfall kommen, als sie auf den sieben Jahre jüngeren Tommi Eckart traf, der bis heute ihr musikalischer und privater Partner geblieben ist. Das Paar bezog gemeinsam eine – wie man im Osten sagte – Zweiraumwohnung in Berlin-Mitte und hatte damit auch bereits seinen Bandnamen gefunden. Es folgten neun CDs von 2Raumwohnung, die über Jahrzehnte hinweg so etwas wie einen Soundtrack des Berliner Lebensgefühls lieferten.
Überragend war Inga Humpe in all den Jahren vor allem als Sängerin, Komponistin und Texterin. Dass sie auch Keyboard spielen und Synthesizer bedienen konnte, galt als weniger von Belang. Nun ist sie 70, und mit Wilhelm Busch ließe sich sagen: Eins, zwei, drei, im Sauseschritt, düst die Zeit, wir düsen mit.
justament.de, 22.12.2025: Denn er war Hausverwalter
Scheiben Spezial: Vor 50 Jahren erschien der Song “Mein Gott, Walther” von Mike Krüger
Thomas Claer
Minimalismus in der Musik (und nicht nur dort) ist ein durchaus ambitioniertes Unterfangen. Nur ganz sparsam werden die Mittel eingesetzt, aber sie müssen sitzen. Wenn es gelingt, dann steht am Ende ein Song wie “Da Da Da” oder das Techno-Stück von Westbam, das aus nur zwei Noten besteht. Ein ikonischer Minimal-Gitarrensong, der mit lediglich zwei Akkorden auskam, erschien 1975, vor 50 Jahren, mit dem Titel “Mein Gott, Walther” – komponiert, getextet, gespielt und gesungen vom damals gerade erst 24-jährigen Mike Krüger, der seine späteren Karrieren als Fernseh-Moderator, Film-Schauspieler und zuletzt sogar Podcast-Betreiber (gemeinsam mit seinem alten Kumpel Thomas Cottschalk) seinerzeit allesamt noch vor sich hatte und sich zunächst auf seine ursprüngliche Passion als Blödel-Barde beschränkte. Es wird leicht übersehen, dass hier ein wirklich guter Musiker am Werk war, der es jedoch angesichts seiner sonstigen Erfolge im Showbusiness schon bald nicht mehr nötig hatte, sich noch wie in seinen Anfangsjahren als humoristischer Liedermacher zu verdingen.
Krügers erster großer Hit war zugleich auch der beste Song aus seiner Feder, musikalisch wie textlich. “Mein Gott, Walther” erzählt die Geschichte eines ob seiner Ungeschicktheit und seines vielfach erratischen Wirkens oftmals verspotteteten Hausverwalters, der jedoch seine Rolle unverdrossen und mit stoischer Gelassenheit bis zuletzt ausfüllt:
Walther hatte es nicht eilig,
arbeitete ja im selben Haus.
Und wenn er mal keine Lust hatte,
dann fiel die Arbeit eben aus.
Das machte auch nichts,
denn er war Hausverwalter.
Und wenn die ander’n wieder ihn sah’n,
meinten sie nur: Mein Gott, Walther.
Für Wohnungseigentümer, die sich ja nicht selten mit untätigen Hausverwaltern herumschlagen müssen, ist es eine aufschlussreiche Erkenntnis, dass es bereits vor einem halben Jahrhundert offenbar ganz ähnlich zugegangen ist wie heute. Und man kann sogar froh sein, wenn heutige Hausverwalter wenigstens nicht noch selbst Schäden am Wohneigentum verursachen, wie es jener von Mike Krüger besungene Vertreter seiner Zunft mit seinen unkontrollierten Aktionen getan hat:
Walther wollte und ließ das Haus in Ordnung versetzen.
Und machte einer was kaputt,
muss er den Schaden ersetzen.
Meist mußte Walther dies tun
wie gestern den Feuerlöscherhalter.
Als er’s beichtete, sagte Marie: Mein Gott, Walther.
Denn da hatte Walther im Flur Rauch entdeckt
und sofort erkannt,
dass nur ein Feuer dahintersteckt.
Laut “Feuer, Feuer” rufend
riss er den Löscher von der Wand,
natürlich mit Halter.
Und alle, die ihn sah’n, meinten nur: Mein Gott, Walther.
Doch solche Blödelei’n ignorierte er nur
und rannte mit dem Löscher hinaus auf den Flur.
Doch dort staubten nur die von ihm bestellten Gipser und Kalker,
und als sie ihn sah’n: … Mein Gott, Walther.
Wie Mike Krüger auf diesen Text gekommen ist, liegt auf der Hand, denn laut Wikipedia-Eintrag absolvierte er nach seinem Abitur zuerst eine Lehre als Betonbauer und begann anschließend ein Architektur-Studium, das er aber wegen seiner besagten anderweitigen Verpflichtungen nicht zum Abschluss brachte. Bereits in früher Jugend hatte er sich für die Bauten des Architekten Richard Neutra begeistert. Mike Krügers Vater Friedrich W. Krüger war übrigens Prokurist der Norddeutschen Treuhandgesellschaft und später Direktor des Hamburger Bauträgers Bewobau.
justament.de, 1.12.2025: Flöten, Harfen, Chöre
Björk live auf “Cornucopia”
Thomas Claer
Wenn man als Musik-Rezensent über eine neue musikalische Veröffentlichung schreibt, dann sollte man sie sich zuvor schon mindestens einige Male aufmerksam angehört haben, denn mit jedem erneuten Hördurchgang entdeckt man für gewöhnlich etwas, das einem zuvor noch nicht aufgefallen ist. Außerdem ist man ja auch nicht immer in der gleichen Stimmung, und so manches Lied klingt einem – je nach Tagesform und Laune – heute vielleicht so und morgen womöglich schon ganz anders. Jedenfalls bei mir gilt das Prinzip, dass ich eine CD schon wenigstens fünfmal durchgehört haben muss, um über sie schreiben zu können. Normalerweise. Bei “Cornucopia” (lateinisch für Füllhorn), dem neuen Live-Doppelalbum der isländischen Pop-Göttin Björk, ist das aber anders. Denn nach gerade einmal zweieinhalb Laufzeiten im CD-Player bin ich mir bereits absolut sicher, dass sich auch nach fünf oder zehn oder noch mehr Anhörungen nichts Wesentliches mehr an meinem aktuellen EIndruck ändern würde, weshalb ich also bereits jetzt zur Tastatur greife. Über die Qualität dieser Musik ist damit wohlgemerkt noch rein gar nichts gesagt. Nein, hier sind zunächst ganz andere Kategorien zu verhandeln.
Ein Live-Album von Björk also – hat es das überhaupt schon mal gegeben? Mit etwas Nachdenken kommt man sogar auf eine Live Box, die sie vor 22 Jahren mal herausgebracht hat, mit jeweils einer Live-Versions-CD ihrer vier ersten Alben Debut (1993), Post (1995), Homogenic (1997) und Vespertine (2001). Darunter machte sie es nicht. Und insofern erscheint es auch in gewisser Weise konsequent, dass sich nun auf dem aktuellen Live-Doppler fast keine Songs aus ihren frühen Jahren finden lassen. Nur “Isobel” (von “Post) sowie “Hidden Place” und “Pagan Poetry” (beide von “Vespertine”) erinnern überhaupt noch an ihre Vergangenheit als fröhliche Popsirene. Stattdessen stammen fast alle Songs auf “Cornucopia” aus den – gob gesagt – letzten zwei Jahrzehnten, in denen sich Björk zur reichlich obskuren Diva mit immer unzugänglicheren Veröffentlichungen gewandelt hat. Ihre alten Fans haben ihr mutmaßlich fast alle die Treue gehalten, auch wenn wohl der Verdacht nicht aus der Luft gegriffen ist, dass sich die meisten eventuell auch ein paar zugänglichere Klänge von ihr gewünscht hätten. Aber Björk macht, was sie will, weil sie es kann. Ihre Anhänger fressen ihr gewissermaßen aus der Hand und schlucken auch, ohne zu murren, all ihre reichlich experimentellen Kompositionen. Ein besonders sperriges Album von ihr, mit dem wohl wirklich niemand so richtig warm wurde, ist “Utopia” von 2017 – durch und durch seltsam mit vorwiegend Flöten, Harfen und Chören. Ausgerechnet von diesem Werk stammt nun aber exakt die Hälfte der Songs auf ihrer neuen Live-Platte (nämlich 11 der insgesamt 22 Songs). Das muss man bzw. frau sich erstmal trauen!
Dennoch gibt es so manches, das auch für “Cornucopia” spricht. Wer Björks Gesangsstil verehrt, der wird auch inmitten aller Seltsamkeiten noch seine Freude daran haben. Und vielleicht ist es ja nur meine subjektive Wahrnehmung, aber dass Björk mit ihrem Gesang auch noch als mittlerweile 59-Jährige eine Erotik versprüht, die ihresgleichen sucht, sollte auch einmal gesagt werden. Das Urteil lautet daher: ohne Bewertung. Und übrigens gibt es “Cornucopia” auch noch als Film.
Björk
Cornucopia Live
One Little Independent, 2025
ASIN: B0FK19B5NZ
justament.de, 17.11.2025: Schluss mit lustig war erst später
Vor 15 Jahren erschien “Meine vielleicht besten Lieder… live” von Funny van Dannen. Ein wehmütiger Rückblick
Thomas Claer
Damals war die Welt noch in Ordnung. Wir hatten, jedenfalls aus heutiger Sicht, nichts als Luxusprobleme. Aber wie meine Frau immer sagt: Luxusprobleme sind auch Probleme. Es gab noch keinen Donald Trump an der Macht, noch keine Corona-Pandemie, noch keinen Krieg fast vor unserer Haustür und noch keine Rechtsradikalen in unseren Parlamenten. Also beklagte man sich damals, jedenfalls wenn man in Berlin-Kreuzberg wohnte, gerne über “den Kapitalismus”, über Ungerechtigkeiten aller Art oder über unachtsame Sprache (“Humankapital”). Der Liedermacher Funny van Dannen war seinerzeit so etwas wie die authentische Stimme der aufgeklärten Großstadtbewohner mit kritischem Bewusstsein. Seine immer sehr eingängigen Gitarrensongs kreisten, stets mit einem freundlich-ironischen Augenzwinkern, um Themen wie Inklusion (“Lesbische, schwarze Behinderte”), Gesellschaftskritik (“Arbeitsplatz vernichtet”), Nostalgie (“Als Willy Brandt Bundeskanzler war”) oder Zwischenmenschliches (“Posex und Poesie”). Oftmals ging es auch einfach nur um lustige Alltagsbegebenheiten (“Homebanking”).
Ein wirklich rundum überzeugendes Doppel-Album mit dem Titel “Meine vielleicht besten Lieder… live” hat Funny van Dannen in jener guten, alten Zeit vor genau 15 Jahren veröffentlicht. Die beiden CDs geben einen exzellenten Überblick über sein musikalisches Schaffen und enthalten eine solche Vielzahl von Songperlen, dass man hier wohl schon von einer Perlenkette sprechen kann. Von der Musik her (und grundsätzlich auch, was seine politische Haltung angeht) kommt er unverkennbar aus der Degenhardt/Biermann-Schule. Nur dass er viel, viel lustiger ist. Mein persönliches Lieblingslied auf diesem Album ist “Schilddrüsenunterfunktion”, das mich sehr an die Befindlichkeitssymptomatik meiner Frau erinnert: “Ich dachte an Rinderwahnsinn, an Ganzjahresdepression / Doch die Blutwerte zeigten: Schilddrüsenunterfunktion”.
Wer Funny van Dannen, der mittlerweile seine Liedermachergitarre an den berühmten Nagel gehängt hat, noch nicht kennen sollte, kann das am besten mit der Anschaffung dieses großartigen Albums nachholen.
Funny van Dannen
Meine vielleicht besten Lieder… live
JKP 112 / Warner Music Group, 2010
justament.de, 8.9.2025: Und Jazz nochmal
Regener Pappik Busch mit ihrem dritten Album “Fields of Lights”
Thomas Claer
Nach drei Jahren Pause haben sich Sven Regener, Richard Pappik und Ekki Busch noch einmal ins Studio begeben und gemeinsam ihre nunmehr dritte Jazzplatte aufgenommen. Erstmals sind auf dieser nun neben mehreren Klassikern von Jazzgrößen aus vergangenen Jahrzehnten auch drei Eigenkompositionen zu hören: “Chamisso Square”, das Titelstück “Fields of Lights” und “Round Top”. Und zumindest die beiden Erstgenannten müssen sich vor den wahrlich hochkarätigen übrigen Tracks absolut nicht verstecken. Überhaupt ist “Fields of Lights” wieder ein sehr stimmiges Album geworden, das durch seine diesmal besonders starke Akzentuierung von Melancholie die beiden Vorgängeralben “Ask Me Now” und “Things to Come” sogar ein Stück weit in den Schatten stellt. Zwei Stücke stammen von Bilie Holiday, eins von Telonious Monk. Die Komponisten der restlichen Stücke kennt man als bekennender Jazz-Banause schon gar nicht mehr…
Doch auch ohne profunde Expertise für diese Musikrichtung können einen diese so leichthändig daherkommenden Stücke bis ins Mark erschüttern. Um nur drei von ihnen herauszugreifen: “Song For My Father” (vom Horace Silver Quintet aus dem Jahr 1965), “Nostalgia In Times Square” (von Charles Mingus aus 1959) – und dann auch schon das von den Musikern selbst komponierte Titelstück. Wer Jazzmusik für irgendwie oberflächlich hält, sollte sich auf “Fields of Lights” eines Besseren belehren lassen. Der nächste und folgerichtige Schritt wäre nun aber mal ein Album von den Dreien nur mit Eigenkompositionen. Traut euch, Männer!
Regener Pappik Busch
Fields of Lights
Vertico / Universal 2025
justament.de, 11.8.2025: Analog war besser
Scheiben Spezial: 30 Jahre Tocotronic-Platten im Rückspiegel
Thomas Claer
Lässt man die nunmehr drei Jahrzehnte seit Erscheinen der Debüt-Platte der anfangs als alternative Boygroup gehandelten, enorm stilprägenfden und einflussreichen Band Tocotronic Revue passieren, dann könnte man deren Wirken grob gesagt in zwei Phasen unterteilen: in ihr wirklich grandioses Frühwerk in den Neunzigern, jener mythenumrankten, noch vordigitalen Ära, und in die eher durchwachsene Zeit danach mit gelegentlichen Tief-, aber auch Höhepunkten. Aus fünf CDs besteht wiederum das besagte Frühwerk, die zum Teil durchaus verschieden, aber alle noch sicher auf der richtigen Seite stehend waren.
Es begann im März 1995 mit ihrem Debut “Digital ist besser”, auf dem sich die drei Trainingsjackenträger mit den exzentrischen Volahiku-Frisuren noch dem ungezügelten und lärmigen Gitarrenrock verschrieben hatten. Sehr gelungen war dann auch das nur wenige Monate später nachgeschobene Mini-Album “Nach der verlorenen Zeit”, das insgesamt etwas weniger brachial und dafür noch ausgefeilter im Songwriting wirkte. Das dritte Album “Wir kommen um uns zu beschweren” (1996) setzte den Weg der beiden Vorgängerplatten fort, ließ aber dabei bereits leichte Ermüdungserscheinungen erkennen. Und so erfolgte auf dem vierten Album “Es ist egal, aber” (1997) erstmals ein stilistischer Wandel, indem nun zusätzliche Instrumente wie Mundharmonika und Streicher in den Gitarre-Bass-Schlagzeug-Klangkosmos aufgenommen, die temperamentvollen Lärmeinschübe aber beibehalten wurden. Es mag Ansichtssache sein, aber für mich haben sie nie eine überzeugendere Platte aufgenommen als “Es ist egal, aber”. Von nun an ging es mit ihnen bergab, wenn auch zunächst nur ganz langsam. Ihr fünftes Album “K.O.O-K. (1999) war noch ein Stück experimenteller als sein Vorgänger, enthielt aber gleichwohl so viel vom Spirit der frühen Jahre, dass man es ganz eindeutig noch zum Frühwerk der Band rechnen kann.
Das gilt aber für die Folgewerke im neuen Jahrtausend bereits nicht mehr. Das Weiße Album (2002) war überladen mit technischen Mätzchen. Wieder etwas besser wurde es auf “Pure Vernunft darf niemals siegen (2005), doch der Charme der frühen Jahre kehrte darauf nicht mehr zurück. Als ihr bestes Album der Nullerjahre lässt sich ihre nächste Platte “Kapitulation” (2007) ansehen, das wir seinerzeit als erstes Toco-Album in dieser Rubrik unter der Überschrift “Fast wie früher” recht enthusiastisch besprochen haben. Doch markierte das anschließende, vollkommen überproduzierte “Schall und Wahn” (2010) dann leider einen markanten Tiefpunkt. Danach ging es auf und ab. “Wie wir leben wollen” (2013) ließ Aufwärtstendenzen erkennen, doch das seichte Rote Album (2015) lässt sich wohl nur als erneuter Tiefpunkt bezeichnen. Dafür waren die drei jüngsten Alben dann wieder stärker, nämlich “Die Unendlichkeit” (2018), “Nie wieder Krieg” (2022) und “Golden Years” (2025). Wir wünschen Tocotronic noch viel Schaffenskraft für die nächsten 30 Jahre!
justament.de, 14.7.2025: Rock gegen rechts am Ostseestrand
Tocotronic live auf der “Warnemünder Woche”
Thomas Claer
Diese Vorrede muss jetzt leider sein: In der Rostocker Straßenbahn unterhalten sich letzte Woche zwei junge Damen, vermutlich Studentinnen, ausführlich über ihre Allergien und Laktoseintoleranzen. Und dann erzählt die eine auch noch, dass sie ärgerlicherweise vor kurzem ihr Armband verloren habe. Das hätte sie sich mal gemeinsam mit ihrer Freundin gekauft, mit der Aufschrift “Gegen rechts”. Immer wenn sie ihre Freundin in der kleinen Stadt, in der sie wohnt, besucht habe, dann hätten sie sich beide sehr gefürchtet, wegen ihrer Armbänder eine Faust ins Gesicht zu bekommen. Aber wenigstens müsse sie nun, da sie das Armband verloren habe, davor keine Angst mehr haben… Es sind also offensichtlich nicht nur Zuschreibungen von westdeutscher Seite: Im kleinstädtischen und ländlichen Raum herrscht in weiten Teilen Ostdeutschlands ein Klima der Intoleranz und Einschüchterung gegenüber Andersdenkenden, und es besteht dort mittlerweile eine massive kulturelle Dominanz des militanten Rechtsextremismus.
Umso erfreulicher und ermutigender ist es, dass es natürlich auch das andere Gesicht des Ostens gibt, das sich etwa am vergangenen Donnerstag während der “Warnemünder Woche” vor romantischer abendlicher Sonnenuntergangskulisse am Ostseestrand gezeigt hat. Die zu zwei Dritteln in Ehren ergrauten Berufsjugendlichen der Ex-Hamburger-Schule-Band Tocotronic ließen es bei freiem Eintritt so richtig krachen und versorgten ihre scharenweise erschienenen Fans neben zahlreichen Hits aus 30 Jahren Bandgeschichte auch mit einschlägigen politischen Botschaften. Songs wie “Denn sie wissen, was sie tun” und “Aber hier leben, nein danke” verfehlten ihre Wirkung beim lokalen Publikum nicht. Besonders enthusiastisch wurden aber selbstredend die alten Klassiker der Band wie “Digital ist besser”, “Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen” oder “Let there be Rock” gefeiert. Den berührenden Song “Ich tauche auf” präsentierte Dir v. Lowtzow fast im Alleingang auf der Akustikgitarre. Erst nach mehreren Zugaben und über anderthalb Stunden kam der Schlusspunkt mit dem Lied “Freiburg”, der Hymne aller misanthropischen Individualisten, bei dem aus tausenden Kehlen die Verse “Ich bin alleine und ich weiß es / Und ich find’ es sogar cool” ertönten. Eins ist sicher: Die Neunzigerjahre werden niemals enden.
justament.de, 16.6.2025: Goldene Horror-Jahre
Tocotronic auf ihrem aktuellen Album “Golden Years”
Thomas Claer
Nach drei Jahrzehnten Bandgeschichte haben Tocotronic mit “Golden Years” nun ihr mittlerweile 14. Album herausgebracht. Doch damit wirklich niemand denken solle, die Tocos würden nun in platter Selbstgefälligkeit auf ihre goldenen Jahre zurückblicken, haben sie den Plattentitel – in schwarzer Farbe vor güldenem Hintergrund – nicht in gewöhnlicher, sondern in Horrorschrift aufs Cover drucken lassen, was man sogleich auch als ein Statement ganz eigener Art werten kann. Natürlich, die Parolenhaftigkeit ist von Anfang an gleichsam ein Teil ihrer Band-DNA gewesen und hat sich zwischenzeitlich zwar deutlich abgeschwächt, war aber nie ganz weg. Nun ist sie jedenfalls mit voller Wucht zurückgekehrt, denn auf das (leider!) phänomenal kassandrahafte “Nie wieder Krieg!” (2022) folgt nun ein Album, dessen erste Single “Denn sie wissen, was sie tun” sogleich ein vielsagendes Ausrufezeichen gesetzt hat. Und wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit gekommen für solcherart politische Protestsongs. “Diese Menschen sind gefährlich”, warnen Tocotronic, denn “Sie leben völlig selbstverständlich / Terror als Identität”. Und vielleicht auch als Alternative zum aktuell vieldiskutierten Parteiverbotsverfahren empfehlen sie: “Darum muss man sie bekämpfen / Aber niemals mit Gewalt/ Wenn wir sie auf die Münder küssen / Machen wir sie schneller kalt” Ob das wirklich helfen würde gegen Weidel oder Wagenknecht?!
Von der Musik her ist “Golden Years” allerdings nicht mehr ganz so überzeugend wie sein Vorgänger. Einen Kracher wie das einfühlsame “Ich tauche auf” sucht man auf dieser Platte vergeblich. Doch finden sich dort gleichwohl einige sehr gelungene Songs wie das Titelstück, das bereits erwähnte “Denn sie wissen, was sie tun” und vor allem auch “Bye Bye Berlin”, ein fulminanter heiter-trauriger Abgesang auf unsere Hauptstadt mit durchaus hintersinnigem Text (“Schluss mit Uckermark”). Doch sind mehrere andere Lieder auf der CD eher so mittelprächtig, wenn auch nicht unbedingt schlecht. Allein dass die Tocos es fertigbringen, wie schon auf ihrer vorigen Platte, erneut den musikalisch schwächsten Song gleich an den Anfang des Albums zu platzieren, mag man rätselhaft finden. Und schließlich sollte noch Erwähnung finden, dass die einzigartige Stella Sommer auf drei Stücken als Hintergrundsängerin zu vernehmen ist, was sie selbstredend beträchlich unterfordert. Das Urteil lautet somit: vollbefriedigend (12 Punkte). Und wer bis hierhin gelesen hat und sich zufällig am 10. Juli im Ostsee-Urlaub befinden wird, sollte keinesfalls den kostenlosen (!) Live-Auftritt von Tocotronic am Strand anlässlich der Warnemünder Woche verpassen!
Tocotronic
Golden Years
Epic / Sony Music 2025
justament, 5.5.2025: Heimspiel am Schlesischen Tor
Die Heiterkeit live im Lido in Kreuzberg
Thomas Claer
An einem Mittwoch im April präsentierte Die Heiterkeit, d.h. Stella Sommer mit vierköpfiger Begleitband, ihren Fans in Berlin ihr neues Album “Schwarze Magie”. Und wie bei solch einem Heimauftritt nicht anders zu erwarten, goutierte das hauptstädtische Publikum jede Regung der rotblonden Diva im engen schwarzen Kleid mit frenetischem Applaus. Überaus selbstbewusst und professionell, ihrer Mittel von Anbeginn sehr sicher, versetzte Stella Sommer dabei ihre Anhänger mit jedem der vorwiegend düsteren Song aufs Neue in Entzücken. Für Auflockerung sorgten die zwischenzeitlichen Ausflüge in ihre früheren Werke, konkret in die Heiterkeit-Vorgängeralben “Was passiert ist” (2019) und “Pop und Tod I + II” (2016) mit Song-Höhepunkten wie “Jeder Tag ist ein kleines Jahrhundert” und “Im Zwiespalt”, während die ersten beiden Alben der Band, das Frühwerk, leider vollkommen ausgespart blieben. Auch die Begleitmusiker – Violonistin, Kontrabassist, Drummer und Keyboarderin – machten eine gute Figur und zeigten etwa beim phänomenalen “Komm mich besuchen”, dass ihnen auch rockigere Klänge nicht fremd sind.
Besonders gespannt sein konnte man aber auf das Publikum. Was sind das überhaupt für Leute, hatte ich mich gefragt, die ein Heiterkeit-Konzert besuchen? Nun, es sind, grob gesagt, Personen beiderlei Geschlechts, zwischen 30 und 60, mit überwiegend fein geschnittenen und ausdrucksvollen Gesichtern sowie tendenziell intellektuellem Habitus, so wie es bei dieser Musik ja auch naheliegend ist. Zu denken geben kann einem allerdings der Umstand, dass nicht mehr von ihnen gekommen sind. Das offiziell 600 Zuschauer fassende Lido war leider nur gut zur Hälfte gefüllt. Gerade einmal jeder zehntausendste Berliner, ca. 0,01% der Hauptstadtbevölkerung, hat sich also beim Heiterkeit-Konzert eingefunden. Auch wenn dies angesichts der guten Stimmung schnell in Vergessenheit geriet, lässt es sich doch an fünf Fingern abzählen, dass es sich so für die Protagonistin und ihre Mitstreiter als schwierig erweisen dürfte, einen auskömmlichen Gewinn zu erwirtschaften: Zehn Konzerte auf dieser Tournee, Eintrittspreise von etwa 30 Euro und eine Vielzahl an Beteiligten, die allesamt bezahlt werden müssen – das könnte eng werden und beweist, um es mit den frühen Tocotronic zu sagen, mal wieder eindrucksvoll die Schlechtigkeit der Welt. Denn es ist schlichtweg aberwitzig, dass eine Ausnahmekünstlerin wie Stella Sommer nicht allein von den Erträgen aus ihrer Musik ein Luxusleben führen kann. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Wer Ohren hat, der höre also Die Heiterkeit und besuche auch unbedingt ihre Konzerte!
13.05.2025 Leipzig – Moritzbastei
14.05.2025 München – Strom
15.05.2025 Wien, AT – B72
22.06.2025 Osnabrück – Hasefriedhof (solo)
10.09.2025 Jena – Trafo
21.09.2025 Frankfurt – Brotfabrik









