Justament, Nov. 2011: Intoleranter Buddhist
„Senilia. Gedanken im Alter“ aus dem Nachlass des Philosophen Arthur Schopenhauer
Thomas Claer
Als Typ war der olle Schopenhauer (1788-1860) natürlich unübertroffen: führte ein Leben als Privatgelehrter, ließ sich von niemandem etwas sagen, lebte von den eigenhändig erwirtschafteten Kapitalerträgen aus seinem früh erworbenen väterlichen Erbe und beschränkte sich mit seinen Veröffentlichungen auf das Wesentliche, was er zu sagen hatte, wollte um Himmels willen kein „Vielschreiber“ sein. Daher ist es auch nicht unbedingt ihm anzulasten, wenn aus dem handschriftlichen Nachlass neben manchen Schätzen auch so allerhand redundantes Zeug zum Vorschein kommt. Dies betrifft vor allem Teile seiner hier zu besprechenden, von ihm selbst mit „Senilia“ betitelten Aufzeichnungen der letzten Lebensjahre. Im Alter verstärken sich ja bei vielen Menschen vor allem ihre weniger angenehmen Eigenschaften. Was sich aber der greise Schopenhauer in ausdauernder Pedanterie an angeblichen „Verhunzungen“ der deutschen Sprache notierte (und sich darüber in Schimpftiraden erging), sucht wahrlich seines gleichen. So sei es etwa aus sprachhistorischen Gründen völlig falsch, von „Dänemark“, „Briten“ oder der „italienischen“ Sprache zu reden, nein, es müsse zwingend „Dännemark“, „Britten“ und „italiänisch“ heißen. Das zweite Leitmotiv seiner Notizen bildet die anhaltende Klage und Wut über die jahrzehntelange Nichtbeachtung seiner Lehren, obgleich er doch andernorts die einem Philosophen weitaus angemessenere Feststellung getroffen hatte, dass die Meinung anderer Menschen über uns gemeinhin völlig überschätzt werde. Sollten ausgerechnet die freie Existenz dieses Denkers und der damit verbundene ständige Rechtfertigungsdruck dazu beigetragen haben, dass er am Ende in seinen Zeitgenossen, vor allem den Rezensenten und Universitätsprofessoren, die er verächtlich „Brodschreiber“ und „Brodphilosophen“ nannte, nur noch Schwachköpfe erblickte, die sich allesamt gegen ihn verschworen hatten? Mitunter gerät der Verfasser in den „Senilia“ so in Rage, dass man ihn sich als eine Art Gernot Hassknecht aus der heute-Show vorzustellen geneigt ist. Dabei hatte Schopenhauer durchaus Humor und war mitunter sogar fähig zur Selbstironie, weshalb ihn der ebenfalls zu köstlichen Schimpftiraden und Wiederholungen neigende Schriftsteller Thomas Bernhard (1931-1989) einst als Spaß-Philosophen bezeichnete, was für Bernhard das höchste vorstellbare Lob war (während Schopenhauer selbst mit diesem Begriff seine verhassten Kollegen Hegel und Schelling abgekanzelt hatte). So sieht Schopenhauer es als Folge der „erbärmlichen Subjektivität der Menschen“ an, dass sie „Alles auf sich beziehen und von jedem Gedanken sogleich in gerader Linie auf sich zurückgehen“. Geht man aber über seine kollektiven Verächtlichmachungen auch „des Pöbels“ („Wer kein Latein versteht, gehört zum Volke…“), „der Weiber“ („Das Wort ist ganz unschuldig…Wenn ihm eine unangenehme Bedeutung anklebte; so könnte dies nur am Bezeichneten liegen.“) und sogar „der Juden“ („Mein auserwähltes Volk sind sie nicht.“) hinweg, kann man in diesem Buch noch eine Menge Bedenkenswertes und inhaltlich wie sprachlich Brillantes entdecken: „Die Werke sind die Quinteßenz eines Geistes. Sie werden daher … stets ungleich gehaltreicher sein, als sein Umgang.“ Das glauben wir gerne, besonders ihm. Und noch ein Nachtrag zur „Welt als Wille und Vorstellung“: „So gut wie im Traum in allen uns erscheinenden Personen wir selbst stecken, so gut ist es im Wachen der Fall, wenn auch nicht so leicht einzusehen. Aber tat-twam asi.“ Vielleicht war Arthur Schopenhauer ja der intoleranteste Buddhist aller Zeiten.
Arthur Schopenhauer
Senilia. Gedanken im Alter
Verlag C.H. Beck München 2010
374 Seiten, EUR 29,95
ISBN 978-3-406-59645-2
Justament Sept. 2011: Digital und analog
Peter Plöger über “Arbeitssammler, Jobnomaden und Berufsartisten”
Thomas Claer
Mal wieder ein Buch über das akademische Freiberufler-Prekariat also. Umfassend beschrieben und dabei zugleich romantisiert und bejubelt wurde das Phänomen, wir erinnern uns, im Jahr 2006 von Holm Friebe und Sascha Lobo in ihrem Buch “Sie nennen es Arbeit”, mit dem die Autoren damals durch die Fernseh-Talkshows tingelten. Bis heute wird munter darüber debattiert, ob das mit dem “intelligenten Leben jenseits der Festanstellung” so wirklich funktionieren kann oder ob sich – wie Kritiker meinen – die digitale oder auch analoge Großstadtboheme ihre oft genug verzweifelte ökonomische Lage nur schönredet. Nun geht Autor Peter Plöger, selbst eine junge kreative Ich-AG, in seiner Studie über “Arbeitssammler, Jobnomaden und Berufsartisten” einen Mittelweg zwischen larmoyanter Klage über die ungerechten Verhältnisse und stolzer Selbststilisierung der Betroffenen, kann sich aber nicht so recht für die eine oder die andere Richtung entscheiden. In zahlreichen Porträts beschreibt er das Leben von typischen Vertretern des akademischen Freiberuflertums, die sich auf unterschiedlichste Weise, idealerweise ihren Neigungen folgend, aber stets sehr mühsam beruflich über Wasser halten. Dabei erstellt er eine “kleine Typologie der Arbeitssammler”, die er in Parallelarbeiter (zwei Tage Teilzeit hier, drei Tage freie Mitarbeit dort, daneben Gelegenheitsaufträge), Wechsler (heute hier, morgen dort), Brotjobber (können vom Neigungsberuf allein nicht leben und ergänzen diesen durch unterqualifizierte Jobs, die aber mehr einbringen), Rigorose (halten bedingungslos am Neigungsberuf fest und laufen Gefahr zu verhungern) und Proteen (völlig ungeplante und unplanbare Berufsbiographie) einteilt.
Es werden u.a. Webdisigner, PR-Texter, Mediatoren, Journalisten, IT-Spezialisten, Lebensmitteltechnologen und Bildhauer vorgestellt. Die meisten sind zwischen 30 und 45 Jahre alt. Juristen kommen zwar im Buch nicht ausdrücklich vor, doch gibt es unter ihnen, wie jeder weiß, natürlich auch nicht wenige “Arbeitssammler”, vor allem unter den jüngeren, aber sie sind zumeist bemüht, es nicht so an die große Glocke zu hängen.
Auffällig ist, beim Verfasser deutlich stärker als bei den Porträtierten, eine leicht anklagende Grundhaltung, die bereits in der Unterzeile des Buchtitels “Viel gelernt und nichts gewonnen?” ihren Ausdruck findet. Im Vorwort beschreibt Plöger dann, wie wenig Gültigkeit heute die Weisheiten der Großeltern- und Elterngeneration besitzen, dass aus einem schon etwas werden würde, wenn man nur einen “anständigen Beruf” erlerne. Die Kränkung, dass dem nicht mehr unbedingt so ist, man spürt es, sitzt auch bei Plöger tief. Und selbstverständlich erscheint es zigtausenden Eltern als schlimme Fehlinvestition, wenn sie ihre längst erwachsenen Sprösslinge nach langem Studium statt in einer gut bezahlten Festanstellung in einer freien und unsicheren Existenz wieder finden und diese sich dafür womöglich noch nicht einmal schämen (das tun die Eltern dafür umso mehr). So etwas auszuhalten, gehört neben den vielen anderen Unwägbarkeiten eben auch zu den Herausforderungen des akademischen Freiberuflertums. Doch was heißt hier, die “Arbeitssammler” hätten nichts gewonnen? Wer seinen Interessen und Neigungen folgt und sich nicht nur stromlinienförmig am Markt orientiert, wer es auf eigene Faust probiert statt sich vom Arbeitsamt verwalten zu lassen, der wird vielleicht nicht gerade steinreich, doch erspart er sich so manche psychische Deformierung und wird allemal ein selbstbestimmteres, nicht selten auch ein interessanteres Leben führen. Kleinmut ist hier jedenfalls gänzlich fehl am Platze! Ist es denn etwa kein Wert an sich, lieber ein kleiner Herr als ein großer Knecht zu sein? Und was ist schon eine Doppelhaushälfte in einer baden-württembergischen Kleinstadt gegen eine Verabredung in einem coolen Cafe in Berlin-Kreuzberg? Einen großen Wurf mag man dieses Buch vielleicht nicht gerade nennen, aber es zeigt doch Facetten einer sich zunehmend verbreitenden Existenzform auf, deren Vertreter sich von niemandem bemitleiden lassen sollten.
Peter Plöger
Arbeitssammler, Jobnomaden und Berufsartisten. Viel gelernt und nichts gewonnen? Das Paradox der neuen Arbeitswelt
Hanser Verlag München 2010
250 Seiten, EUR 19,90
ISBN 978-3-446-41767-0
www.justament.de, 1.8.2011: Beruf Schriftsteller
Dem schreibenden Juristen Wolfgang Bittner eine Rezension zum 70. Geburtstag
Thomas Claer
Das muss der schönste Beruf der Welt sein, denkt man: Bücher schreiben, sich dabei seine Zeit frei einteilen können, unabhängig und nur sich selbst verantwortlich sein. Das dachte sich vor einigen Jahrzehnten auch der junge Jurist Wolfgang Bittner, dessen Abneigung gegen die Justiz sich während seines Referendariats stetig gesteigert hatte. „Aus Gründen der Selbstbestätigung“ erwarb er noch den Doktortitel, fuhr anschließend für einige Jahre mehrgleisig – und dann war für ihn Schluss mit Jura. Doch hat die Freiheit eines Schriftstellers ihre Grenzen immer in den ökonomischen Zwängen, denen er unterworfen ist. Bittner, ein Flüchtlingskind aus einfachen Verhältnissen, entschied sich bewusst gegen einen parallel ausgeübten „Brotjob“. Sein Anspruch war es, vom Schreiben leben zu können, und zwar „ohne sich zu prostituieren“. Leicht ist so etwas nie – aber bei ihm hat es funktioniert. Wie, das erklärt er in seinem stark autobiographisch geprägten Ratgeber „Beruf: Schriftsteller. Was man wissen muss, wenn man vom Schreiben leben will.“ Vor allem braucht es enormen Fleiß und ein hohes Arbeitspensum. Etwa 50 Bücher hat Bittner in dreieinhalb Jahrzehnten veröffentlicht, darunter vier Romane für Erwachsene, neun Kinder- und Jugendromane und 15 Bilderbücher.
Zunächst geht „Beruf: Schriftsteller“ auf einige handwerkliche Aspekte des Schreibens ein, auch auf die mentale Seite des Schreibvorgangs. Erst nach der Diskussion so abstrakter Fragen wie der Rolle des Schriftstellers als moralisches Gewissen unserer Gesellschaft – wohl nicht für jeden angehenden Schriftsteller vordergründig – kommt die eigentliche Crux des Autorentums, seine Finanzierbarkeit, zu ihrem Recht. Zu den nun offerierten harten Fakten zählen Muster-Verlagshonorarverträge (mit Vorschuss-Vereinbarungen), Auflistungen der (mitunter nicht ganz unerheblichen) laufenden Kosten eines Literaten und empfohlene Honorarsätze für Autorenlesungen in Schulen. Relativ wenig erfährt man über mögliche Wege, die eigenen Werke überhaupt erst einmal bei einem Verlag unterzubringen, worin aber das praktische Haupthindernis für unzählige publikationswillige Autoren liegen dürfte. Entscheidend ist, so liest man zwischen den Zeilen, wie so oft das Netzwerkertum, die Unterhaltung und Pflege der richtigen „Kontakte“.
Das Buch ist schon seit ein paar Jahren auf dem Markt, und das ist ihm gelegentlich auch anzumerken. Nur wenige Lebensbereiche sind von der sich zusehends beschleunigenden digitalen Revolution so sehr betroffen wie das Entstehen und Herausbringen von Büchern. Was Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte lang grundlegend und unverzichtbar war, verdampft gerade vor unseren Augen. Inzwischen kann man wohl sagen, dass es zwar niemals so leicht war wie heute, eigene Texte zu publizieren, also einer großen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. (Davon kann sich jeder leicht im Internet überzeugen.) Doch ausschließlich davon leben zu können, das wird schon angesichts der sich abzeichnenden Marginalisierung des Buch- (genau wie des Zeitungs-) Drucks mit der Zeit immer unwahrscheinlicher. Was sich aber bis heute im Grundsatz nicht verändert hat, ja wenn der Augenschein nicht trügt, sogar noch deutlich zugenommen hat, ist der Antrieb vieler Menschen zum Schreiben. Sicherlich würden inzwischen zahllose Hobby-Autoren und Blogger den Satz Wolfgang Bittners auch für sich reklamieren: „Schreiben ist ein Weg für mich, mit dem Leben besser fertig zu werden.“ Oder wie es Johannes R. Becher sagte: „Man schreibt, um zu sich selbst zu kommen.“ Nur: Wer soll das alles lesen und wer soll das alles drucken? So glauben wir dem Verfasser am Ende zwar gerne, dass man all die nützlichen Dinge, die in seinem Buch stehen, wissen muss, wenn man vom Schreiben leben will. Man sollte aber vernünftigerweise lieber nicht daran glauben, dass Letzteres unter den heutigen Umständen auch gelingen kann. Außer einem gelingt ein ganz großer Wurf – oder man prostituiert sich.
Wolfgang Bittner
Beruf: Schriftsteller. Was man wissen muss, wenn man vom Schreiben leben will
Überarbeitete Neuausgabe Allitera Verlag München 2006
148 Seiten, EUR 19,90
ISBN 3-86520-197-0
www.justament.de, 27.6.2011: Jeder kann sehen, was sie tun
Johannes Treu untersucht die Transparenz in der Geldpolitik
Thomas Claer
Da ist doch tatsächlich eine VWL-Dissertation auf dem Schreibtisch des Justament-Rezensenten gelandet! Und keine über irgendein Thema aus den Elfenbeintürmen der Ökonomie – nein, es geht um etwas, das uns alle betrifft, zumindest indirekt: die Geldpolitik der Notenbanken. Jener obskuren Männerrunden, die Monat für Monat die Leitzinsen einzelner Volkswirtschaften oder ganzer Währungsräume festlegen und dadurch – wahrscheinlich mehr als alle Politiker zusammen – die Geschicke der Weltwirtschaft bestimmen. Es ist noch gar nicht lange her, da hatte die jahrelange Niedrigzinspolitik eines nuschelnden älteren Herrn namens Greenspan an der Spitze der amerikanischen „Federal Reserve“ für extreme Preisblasen vor allem auf den Immobilienmärkten gesorgt, was dann die ganze Welt in den Abwärtsstrudel einer Finanz- und Wirtschaftskrise riss. Und gegenwärtig erleben wir beiderseits des Atlantiks eine Politik des noch viel billigeren Geldes, ergänzt um weitere geldpolitische Maßnahmen (vulgo: Gelddrucken), um aus eben dieser Krise nachhaltig wieder herauszukommen. Wohin das letztlich führen wird (am Ende wohl in eine kräftige Inflation), ist aber hier nicht das Thema, sondern die Erkennbarkeit, Voraussehbarkeit und Nachvollziehbarkeit, kurz: die Transparenz der geldpolitischen Entscheidungen der Zentralbanken.
Mit dieser steht es, so die landläufige Meinung, nicht allzu gut. Je nach Perspektive schimpfen die einen (die Sparer) über zu niedrige Zinsen, die anderen (die Schuldner und Aktionäre) über zu hohe. Aber fast alle sind sich einig im Vorwurf an die Notenbanker: Die da oben machen ja doch, was sie wollen! Das ist aber, die vorliegende Arbeit zeigt es deutlich, zumindest was die Europäische Zentralbank (EZB) betrifft, gar nicht zutreffend. In minutiöser Kleinarbeit ist dem Verfasser der Nachweis gelungen, dass gegenüber der EZB – allen Unkenrufen von den Stammtischen zum Trotz – „ein genereller Intransparenzvorwurf nicht aufrechterhalten werden kann“. Nachdem der Autor mehrere hundert Seiten lang die unterschiedlichen Aspekte und Konzepte von geldpolitischer Transparenz und Intransparenz durchdekliniert hat und zum Befund gelangt ist, „dass kein vollständiges und eindeutiges Bild zum Thema Transparenz in der modelltheoretischen Geldpolitik existiert“, untersucht er exemplarisch die Geldpolitik der EZB in den letzten Jahren mit einem „fünfgliedrigen Transparenzkonzept“. Es zeigt sich, dass nur in einem der fünf Punkte (im geldpolitischen Entscheidungsprozess) eine „bedingte Intransparenz“ vorliegt; eine nur bedingte, „da eine komplette Intransparenz nicht für alle inhaltlichen Bestandteile dieses Transparenzpunktes existiert.“ Da kann man nur sagen: Bravo, EZB! Vor allem ernten die Notenbanker viel Lob des Verfassers für ihr erprobtes Codewörter-System: Wird eine künftige Leitzinserhöhung erstmals vorsichtig in Erwägung gezogen, spricht der EZB-Präsident auf den Pressekonferenzen von einer „genauen Beobachtung“ der Märkte. Konkretisieren sich diese Überlegungen, ist die Rede von „sehr genauer Beobachtung“. Und fällt schließlich der Begriff „starke Wachsamkeit“, dann weiß man: In einem Monat ist es soweit. Wer also vor kurzem gehört hat, wie Jean-Claude Trichet von „starker Wachsamkeit“ gesprochen hat, der weiß nun auch, was – jede Wette! – im kommenden Juli passieren wird.
Gegen diese Arbeit lässt sich im Wesentlichen nur das sagen, was sich auch gegen fast jede andere Dissertation sagen ließe: Dass einfache Dinge durch den wissenschaftlichen Jargon unnötig verkompliziert und viel zu umständlich gesagt und dass komplizierte Dinge mangels voraussetzungsloser Erklärung für den Laien schnell unverständlich werden. Darüber hinaus hätten dieser Arbeit aufmerksamere und auf dem aktuellen Stand der deutschen Rechtschreibung befindliche Korrekturleser nicht geschadet. (Ein besonderes Problemfeld sind die „erweiterten Infinitive mit zu“, vor allem die Ausnahmen zur Befreiung von der Kommasetzungspflicht seit der neuesten Rechtschreibung von 2005.) Aber so weiß man jedenfalls recht sicher, dass es keine „Guttenbergs“ im Text gibt. Auffällig ist ferner so manche saloppe Formulierung, aber da sind die Ökonomen wohl nicht so pingelig wie die Juristen. Ein großer Vorzug dieser Arbeit, der leider nicht bei allen Dissertationen selbstverständlich ist, sind schließlich die präzisen Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels und am Ende der gesamten Bearbeitung. Nur dadurch lassen sich auch für den ökonomischen Laien die wichtigsten Gedankengänge nachvollziehen, ohne dass er etwa an verzwickten mathematischen Formeln verzweifeln müsste.
Johannes Treu
Transparenz in der Geldpolitik. Systematisierung, Darstellung, Bewertung und Diskussion von (modelltheoretischer) Transparenz in der Geldpolitik sowie das Beispiel der Europäischen Zentralbank
Verlag Dr. Kovac Hamburg 2011
397 Seiten, EUR 98,00
ISBN 978-3-83005531-0
www.justament.de, 4.4.2011: Da weiß man, was man tut
Das Creifelds Rechtswörterbuch in 20. Auflage
Thomas Claer
Nach vier Jahren wieder ein neuer Creifelds – die Welt, die hier in bewährter Manier durch die rechtliche Brille betrachtet wird, ist eine andere geworden. Der Vertrag von Lissabon, die Reform des Beamten- und des GmbH-Rechts – das und vieles mehr hat auf nunmehr 1500 Seiten, 20 mehr als in der Vorausgabe von 2007, erstmalig Berücksichtigung gefunden. Und wieder einmal liegt der große Vorzug in der begrifflichen Kürze und Präzision. Der Lissaboner Vertrag, komprimiert auf 47 eng bedruckte halbseitige Zeilen – der Creifelds bringt es auf den Punkt. Unter „Anlageberatung“ steht, dass das „Wertpapierdienstleistungsunternehmen über jede A. eines Privatkunden ein Protokoll anfertigen“ und „ein Schadensersatzanspruch wegen mangelhafter A. nach Ablauf des 3. Jahres nach Kenntniserlangung verjährt, ohne Rücksicht darauf in 10 Jahren.“ Das „Ehrenwort“, erfahren wir, „ist eine Bekräftigung einer Erklärung unter Bezugnahme auf außerrechtliche Maßstäbe und i.d.R. rechtlich ohne Bedeutung“. Ja, das ganze Leben ist ein Fall – und wir sind nur die, die all das dank Creifelds durchschauen. Günstig ist seine Anschaffung bei einem Preis von 46 (Vorausgabe 44) Euro zwar nicht gerade. Auch ist er als alleinige Lernhilfe zum Klausurenschreiben in Studium oder Referendariat naturgemäß nur etwas für ganz Mutige. Doch vermittelt er etwas in der juristischen Ausbildung eher Seltenes: Übersicht, Zusammenhänge, Hintergründe. Dieses Buch ist der erbitterte Feind des Fachidiotentums. Wohl wahr: Wer regelmäßig einen Blick in den Creifelds wirft, kriegt dadurch nicht unbedingt bessere Noten, aber er wird ganz sicher mehr verstehen von dem, was er da gerade lernt und tut. Schließlich noch ein kleiner Verbesserungsvorschlag: Vielleicht ist es nicht gerade völlig falsch, aber doch eher ungewöhnlich, „Grafitti“ statt „Graffiti“ zu schreiben, wie es der Creifelds tut (S.546). Jedenfalls sind letztgenannte „i.d.R. keine Sachbeschädigung“, jedoch „strafbar gem. § 303 II StGB“.
Creifelds Rechtswörterbuch
20. neu bearbeitete Auflage 2011
Verlag C.H. Beck
1500 Seiten, EUR 46,00
ISBN 978-3-406-59578-3
Justament, Okt. 2010: Darwin im Irrtum?
Der “Einspruch gegen die Evolutionstheorie” von Burkhard Müller in zweiter Auflage
Thomas Claer
Wenn heutzutage jemand die Evolutionstheorie in Zweifel zieht, dann schrillen hierzulande die Alarmglocken. Kein Wunder, denn wer Darwin nicht folgt, muss nach vorherrschender Logik entweder ein religiöser Fundamentalist oder zumindest ein Ewiggestriger, ein unbelehrbarer Reaktionär sein. All das ist Burkhard Müller, teilzeitberuflich Lateindozent an der Technischen Universität Chemnitz, Literaturkritiker und Feuilletonist bei der Süddeutschen Zeitung, mitnichten. Müller, geboren 1959 in Schweinfurt, gilt als freier Geist, dem Religion nichts bedeutet außer als Gegenstand seiner stets ätzenden Kritik. Doch selbst mit seinem Renommee ausgestattet hat man es heute schwer, ein politisch so unkorrektes Buch auf den Markt zu bringen: Die zweite, in etlichen Abschnitten an den aktuellen Stand der Evolutionsbiologie angepasste Auflage seines fulminanten “Anti-Darwin” namens “Das Glück der Tiere” aus dem Jahr 2000, konnte nur in einem auf Esoterik und Mystizismus spezialisierten Kleinverlag erscheinen. Zu anrüchig erschien es den seriösen Häusern offenbar, sich dem Verdacht der Unterstützung von Kreationismus und “Intelligent Design” auszusetzen.
Dabei hält Müller überhaupt nichts vom Kreationismus, den er als nicht satisfaktionsfähig betrachtet, und auch nichts von sonstigen übernatürlichen Erklärungen. Doch zeigt er – als evolutionsbiologischer Autodidakt nur auf die Kraft des vernünftigen Arguments vertrauend – die fundamentale Widersprüchlichkeit, den durch und durch tautologischen Charakter der Darwinschen Evolutionslehre und aller ihrer Nachfolger bis hin zu den angeblich “egoistischen Genen” des Richard Dawkins. Nein, auch Müller weiß keine fertige Lösung, wie es stattdessen gewesen sein könnte, aber mit Mutationen und Selektion lässt sich das Phänomen der Höherentwicklung vom Einzeller bis zum Säugetier schlichtweg nicht erklären. Je besser die Anpassung an einen Lebensraum und je höher dadurch der Überlebensvorteil im Daseinskampf, so macht er deutlich, desto unwahrscheinlicher, ja unmöglicher wird die Entstehung neuer komplexerer Lebensformen aus den bisherigen. Denn bloße Zwischenschritte zur höheren Entwicklungsstufe bringen keinerlei Fitnessvorteil. Und dass plötzlich rein zufällig fertige komplexere Organe entstehen, ist nun einmal von erdrückender Unwahrscheinlichkeit. Wie aus weißflügeligen Faltern infolge von Luftverschmutzung eine neue Art mit braunen Flügeln wird und dergleichen – nur das hat die Evolutionsbiologie in ihren Experimenten bisher aufzeigen können, aber nicht, wie es zu einer Höherentwicklung kommen kann, und schon gar nicht, wie das Leben überhaupt entstanden sein soll. Noch prekärer wird es für den Darwinismus angesichts der Erkenntnisse der modernen “Evo Devo”-Lehre, wonach Gene zu ganz bestimmten Zeiten der Individualentwicklung an- und ausgeschaltet werden und es bei allen höheren Lebewesen “modulare Grundprinzipien” zur Bildung bestimmter Organe und Körperteile gibt. Zwar macht dies etliche spätere Schritte der Evolution deutlich plausibler, doch wird es geradezu absurd, annehmen zu wollen, solche komplizierten Mechanismen seien irgendwann einmal durch Mutation und Selektion entstanden. Immer gibt es Mutationen, ständig laufen Selektionsprozesse ab, aber mit der eigentlichen Evolution haben beide, wie Müller aufzeigt, herzlich wenig zu tun. Diese Erkenntnis wirft, nebenbei gesagt, auch ein bezeichnendes Licht auf die neoliberale Leitideologie der Gegenwart, dass Innovation nur durch immer mehr Konkurrenz (statt durch Kooperation) zu erzielen sei.
Es ist nun aber zu befürchten, dass der Verfasser mit seinen Thesen bei den Fachbiologen auch weiterhin auf taube Ohren stoßen wird. Der sehr metaphernreiche und mitunter barocke Sprachstil, der noch deutlich verschwurbelter anmutet als in Müllers gegenwärtigen brillanten Feuilletons, wird wohl so ziemlich jeden Naturwissenschaftler in die Flucht jagen.
Burkhard Müller
Das Glück der Tiere
Veränderte Neuausgabe 2009
Edition “fabrica libri”
Pomaska-Verlag Schalksmühle
€ 19,80
ISBN: 978-3-935937-60-3
www.justament.de, 20.9.2010: Falsches Genre
Marcel Proust und der erste Band seiner „Recherche“
Thomas Claer
Manche Menschen gehen so weit, ihr Leben gedanklich in zwei ungleiche Hälften zu unterteilen: in die Lebenshälfte vor und in die nach der „Verlorenen Zeit“. Dies zeigt die überwältigende Wertschätzung der Lektüre dieses Meisterwerks der literarischen Moderne unter Kennern. Zwischen 1913 und 1927 erschien das siebenbändige Hauptwerk des Arztsohns und Juristen Marcel Proust (1871-1922), der an der Sorbonne Jura studiert und dort 1893 seinen Abschluss erworben hatte, ohne später jemals einen juristischen Beruf auszuüben. Doch fand er während seines Studiums der Rechte Zugang zur gehobenen bürgerlich-adeligen Salonkultur von Paris und avancierte später zum bewunderten Romanschriftsteller. Einen Haken hat seine „Recherche du temps perdu“ allerdings: Ihr Umfang liegt bei weit über 4.000 Seiten. Und da sie dem Leser zudem schon aufgrund ihres durchgehend komplizierten Satzbaus stetige konzentrierte Aufmerksamkeit abfordert, werden wohl nur die wenigsten Interessenten überhaupt einmal im Leben „nach der verlorenen Zeit“ ankommen oder sich zumindest über lange Jahre „in der verlorenen Zeit“ einrichten müssen. So auch der Justament-Kolumnist, der nun aber – nach jahrelanger Leseunterbrechung – immerhin glücklich den Abschluss des ersten der sieben Bände, „In Swanns Welt“, vermelden kann. Dieser erste Band besteht wiederum aus drei Teilen, von denen der erste, „Combray“, noch vergleichsweise bedächtig anhebt – jedenfalls gemessen am wahren Feuerwerk des zweiten Teils, „Eine Liebe von Swann“. Diese gut 250 Seiten bilden quasi einen Roman im Roman, und wer einfach nur überhaupt mal etwas von Proust lesen will, ohne sich mit der gesamten „Recherche“ zu belasten, der mag zu einer der Einzelausgaben der „Liebe von Swann“ greifen.
Der im Zentrum der Handlung stehende Charles Swann, ein vermögender und in Bildung und Geschmack, Takt, Stil und Manieren überaus verfeinerter Pariser Privatier, ist ein Decadin aus dem Fin de siècle (Wende vom 19. zum 20. Jh.), wie er im Buche steht. Doch kann bei ihm von „anstrengungslosem Wohlstand“ keine Rede sein. Vielmehr ist er ein unermüdlich harter Arbeiter auf dem Feld der Liebe. Swann begnügt sich nämlich nicht wie andere Menschen mit den sich aus dem eigenen Umfeld quasi ohne besonderes Zutun ergebenden persönlichen Kontakten, sondern er ist ständig aktiv auf der Suche nach neuen Bekanntschaften vornehmlich weiblichen Geschlechts. Hat er aufgrund rein optischer Erwägungen seine Wahl getroffen, setzt er sein einzig zu diesem Zweck gepflegtes immenses Netzwerk in Bewegung, auf dass ihm jemand eine schickliche Gelegenheit zur Kontaktaufnahme mit der betreffenden Person verschaffe. Bevorzugt vergleicht er das Antlitz oder den Körperbau seiner Freundschaften mit Gestalten aus Gemälden großer Künstler vergangener Epochen, schließlich hat er über zehn Jahre Kunst und Architektur studiert. Inzwischen hat Swann allerdings ein Alter erreicht, in dem er, wie er bemerken muss, größere Mühe als bisher aufwenden muss, um bei seinen Favoritinnen zu landen. Doch ist sein Verlangen jeweils umso größer, je schwieriger, ja eigentlich unmöglicher sich die Kontaktierung und spätere Eroberung, jedenfalls in seinen Augen, ausnimmt. Für die rein leiblichen Genüsse bevorzugt er ohnehin die „vulgäre Schönheit“ von Mädchen aus dem einfachen Volke, die er sich ohne größeren Aufwand mit etwas Taschengeld und ein wenig Standesrenommee gefügig zu machen versteht.
Das ist die Ausgangslage, als die abgründige Odette de Crecy in Swanns Leben tritt. Sie wird beschrieben als von kleiner Gestalt mit breitem Gesicht, breiter Stirn und hervorstehenden Wangenknochen, müden und melancholischen Augen, mit unfrischer Haut, doch ausgestattet mit dem „Reiz des Natürlichen“. Und sie gilt als eine der am besten gekleideten Frauen von Paris. Zwar ist sie so gar nicht „sein Typ“, doch fesselt sie ihn vom ersten Moment an durch ihre ungewöhnliche Ausstrahlung. Schon nach kurzer Zeit trifft man sich regelmäßig in den feinen Pariser Salons (so wie es seit einigen Jahren ja auch in Berlin-Prenzlauer Berg wieder en vogue ist, die Salonkultur zu pflegen) und schreibt sich unentwegt, oft mehrmals täglich (vom Privatkurier überbracht), zärtliche Briefe wie diesen, den Odette mit den Worten beginnt: „Lieber Freund, meine Hand zittert so sehr, dass ich Ihnen kaum zu schreiben vermag…“ Kurz, die beiden werden schließlich ein Paar – und für den nervenschwachen Swann beginnt das große Leiden. Denn von nun an beherrscht ihn, für den inzwischen nichts und niemand außer Odette noch von Interesse ist, nur noch die Eifersucht angesichts von Odettes ausschweifender Lebensführung. Und diese Eifersucht ist – wie sich später herausstellen wird – auch keineswegs aus der Luft gegriffen: Odette pflegte und pflegt auch weiterhin vermutlich unzählige intime Männer-, aber auch Frauenkontakte, deren Umfang womöglich selbst die erotischen Eskapaden eines heute bekannten Wettermoderators in den Schatten stellen dürfte. Swanns Gedanken kreisen jetzt nur noch um Odette: Pausenlos antizipiert er künftige Gespräche mit ihr, konzipiert Briefe an sie oder spioniert ihr nach. Als Odette eine „körperlich schlechte Zeit“ durchlebt, u. a. dick wird, sieht Swann das mit Genugtuung, weil er hofft, sie dadurch tendenziell leichter für sich alleine gewinnen zu können. Doch Odettes Attraktivität in den Augen anderer vermindert sich dadurch, wie Swann enttäuscht feststellen muss, nicht im Geringsten. Allmählich nimmt Odette sogar Einfluss auf sein künstlerisches Urteil. Zunehmend findet er Gefallen an ihrem in seinen Augen eigentlich schlechten Geschmack, wie an allem, „was von ihr kam“.
Oft warnt man ihn, dass Odette im zweifelhaften Ruf stehe, sich von Männern aushalten zu lassen, um sich so ihren aufwändigen Lebensstil zu finanzieren. Aber das ist für Swann eher beruhigend, hofft er doch, sie letztlich durch seine großzügigen Geldtransfers und Geschenke an sich binden zu können. Nichts bereitet ihm so starke Glücksgefühle, wie Odette immer kostspieligere Geschenke machen zu können. Jedoch verblasst Odettes Begeisterung für Swann schon nach einigen Monaten zusehends. Nicht, dass sie ihn jemals abserviert hätte, aber in der Hierarchie ihrer Interessen und Bekanntschaften geht es für Swann doch merklich abwärts. Die Treffen werden seltener, immer wieder ist Odette verhindert. Dabei hat sie keinen blassen Schimmer, welche Schmerzen, welche Qualen sie Swann bereitet. Das liegt völlig außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Doch steht sie zu Swann dennoch in bemerkenswerter Loyalität: Das einzig Schlechte über ihn, was jemals über ihre Lippen kommt, ist, dass sie ihn vor anderen der Faulheit bezichtigt, was nicht ganz falsch ist, da er mit seiner seit Jahren betriebenen Studie über den Maler Vermeer so gar nicht vorankommen will. Schließlich unternimmt Odette mit mehreren Freunden, aber ohne Swann, eine von diesem bezahlte jahrelange luxuriöse Transkontinentalreise.
Zu den Pointen des Romans gehört es sicherlich, dass sich der Geistesmensch Swann beständig – nicht nur ökonomisch betrachtet – alles andere als klug verhält, während die von den übrigen Romanfiguren fortwährend als „dumm“, „von geringer Intelligenz“ und „nicht gescheit“ bezeichnete Odette durch ihre überragenden „soft skills“ mutmaßlich alle ihre Ziele erreicht. Am Ende, nach andauernder räumlicher Entfernung von Odette, die seine Liebeskrankheit lindert, seufzt der entnervte Swann darüber, dass er sich Jahre seines Lebens verdorben habe, dass er sterben wollte, dass er seine größte Leidenschaft erlebt habe, „alles wegen einer Frau, die mir nicht gefiel, die nicht mein Genre war!“ Man sollte meinen, er sei nun endlich fertig mit dieser Frau. Doch im sich anschließenden, anfangs sehr essayistisch gehaltenen, dritten Teil des ersten Bandes, „Ortsnamen. Namen überhaupt“ taucht Odette plötzlich wieder auf – und zwar als Madame Swann.
Marcel Proust
In Swanns Welt (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 1)
Deutsch von Eva Rechel-Mertens
Suhrkamp Verlag Taschenbuch 1997
576 Seiten, EUR 13,00
ISBN 3518391712
www.justament.de, 28.6.2010: Eislecken verboten!
Der Islam braucht eine sexuelle Revolution, findet Seyran Ates
Thomas Claer
Die deutsch-türkisch-kurdische Juristin Seyran Ates, geboren 1963 in Istanbul und als Kind nach Berlin eingewandert, ist eine Frau der Tat, die jahrelang großen Mut bewiesen hat. Als Rechtsanwältin vornehmlich im Berliner Migrantenmilieu (Schwerpunkte: Strafrecht und Familienrecht) unterstützte sie trotz ständiger Bedrohungen bis hin zu offenen Übergriffen seitens aggressiv-traditionalistischer Kreise immer wieder muslimische Frauen dabei, sich aus autoritären, oft auch gewalttätigen Familienstrukturen zu befreien. Daneben tritt sie zunehmend auch als streitbare Sachbuch-Autorin auf. Nach Erscheinen ihres hier zu besprechenden aktuellen Werkes, „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“, im Oktober 2009 zog sie sich angesichts glaubhafter Morddrohungen gegen sie und ihre Familienangehörigen ganz aus der Öffentlichkeit zurück. Schon 2006 hatte sie wegen ähnlicher Vorfälle vorübergehend ihre Anwaltstätigkeit ruhen lassen.
Diesen Hintergrund muss man kennen, um dieser Autorin gerecht zu werden. Denn gegen das Buch lässt sich allerhand einwenden. Schon der reißerische Titel und die sensationsheischende Schlagzeile auf dem Buchrücken, „Ein Tabu wird gebrochen“, haben beim Rezensenten ungläubiges Kopfschütteln ausgelöst. Wie soll denn eine Religion, ein Gedankengebäude aus fernen Jahrhunderten, eine sexuelle Revolution erleben können? Hat denn vielleicht das Christentum Vergleichbares erfahren? Natürlich nicht, es blieb in seinem Kern – man muss nur dem Papst zuhören – so sexualfeindlich wie eh und je, nur wurde sein gesellschaftlicher Einfluss, u.a. infolge der sexuellen Revolution in vielen westlichen Ländern in den Jahren 1968 ff., allmählich zurückgedrängt, und es öffnete sich – eher gezwungenermaßen – der neuen Zeit. Gemeint ist von der Verfasserin wohl eher, dass nicht „der Islam“, sondern, wie sie es einige Male auch selbst ausdrückt, die „muslimische Welt“ eine sexuelle Revolution benötige. Die stark von der islamischen Religion geprägten Länder und die muslimischen Bevölkerungsgruppen in den westlichen Großstädten also sind aufgerufen, sich von innen heraus zu modernisieren, dem nachzueifern, was die Befreiungsbewegungen vornehmlich der westlichen Welt während der vergangenen Jahrzehnte in ihren jeweiligen Regionen schon weitgehend erreicht haben: die sexuelle Selbstbestimmung aller Menschen und die Emanzipation von traditionell-familiärer Bevormundung. So weit, so richtig. Nur vertritt die Autorin, man kennt ihre Positionen bereits aus Fernsehtalkshows, mitunter einen Rigorismus, der ihrem Anliegen wenig dienlich ist. Gleichwohl ist der erschütternde Befund festzuhalten, dass seit einigen Jahren sexuelle Unterdrückung und Ehrenmorde wieder weltweit auf dem Vormarsch sind.
Interessant und informativ ist das Buch vor allem als umfangreiche Stoffsammlung. Die Autorin hat in großer Zahl Frauen mit muslimischem Hintergrund (überwiegend in Deutschland) über ihr Sexualleben befragt und hier, wie die ihr vielfach entgegengebrachte Zurückhaltung und Ablehnung zeigt, tatsächlich an ein Tabu gerührt. Ein weitaus treffenderer Titel für die Publikation wäre „Schwarzbuch Sexualität in islamisch geprägten Milieus“ gewesen. Nicht wenige muslimische Frauen und Mädchen, erfahren wir, sehen sich in ihrem sozialen Umfeld einem Kontrolldruck durch männliche Familienangehörige ausgesetzt, der geradezu totalitäre Ausmaße erreicht. In manchen muslimischen Familien, so berichtet die Autorin, wird sogar kleinen Mädchen das Eislecken auf offener Straße verboten, weil es als unanständig gilt. Also darauf muss man wirklich erst mal kommen, dass das aussehen könnte, wie … Nun muss man aber wissen, dass der Islam – was ihn von fast allen anderen Religionen unterscheidet – eine durchaus sexualfreundliche Religion ist, allerdings nur für die Männer. Man könnte ihn eine Religion der Verherrlichung der männlichen Fruchtbarkeit und der strikten Unterordnung der weiblichen Sexualität unter diese innerhalb der Grenzen des gesellschaftlich Normierten nennen. Das einzige Recht der Frauen, neben dem, von ihrem Mann versorgt zu werden, ist nach traditionell-islamischem Verständnis das Recht auf Scheidung bei Impotenz oder Zeugungsunfähigkeit ihres Mannes. Im übrigen sorgen natürlich, wie Seyran Ates feststellt, gerade die unzähligen Verbote im Alltag für eine tendenziell immer sexuell aufgeladene Atmosphäre zwischen Frauen und Männern in islamisch geprägten Milieus. Der Kontrast zu unserer von sexuellem Überdruss und erotischer Übersättigung bestimmten Mehrheitsgesellschaft könnte nicht stärker sein.
So kann man letztlich beträchtlichen Gewinn aus der Lektüre des Buches ziehen, erfährt viel Erhellendes über die Sorgen unserer muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Einige begriffliche Unschärfen und der inhaltlich abwegige, daher unnötig provozierende Titel wären bei einem umsichtigeren Lektorat sicherlich vermeidbar gewesen. Das gilt auch für den Satz auf S.189, dass es die Türken bewegt habe, „als die Türkei 2008 bei der Fußball-Weltmeisterschaft zum ersten Mal ins Halbfinale kam“. Hier muss entweder die Weltmeisterschaft 2002 oder die Europameisterschaft 2008 gemeint sein. So, wie es dasteht, ist es jedenfalls verkehrt. In der Generation der Verfasserin gehört es für Frauen wohl noch zum guten Ton, nichts vom Fußball zu verstehen …
Seyran Ates
Der Islam braucht eine sexuelle Revolution. Eine Streitschrift
Ullstein Verlag Berlin 2009
219 Seiten, EUR 19,90
ISBN 978-3-550-08758-5
Justament April 2010: Der absolute Imperativ
Peter Sloterdijks tiefschürfendes anthropologisches Werk “Du musst dein Leben ändern”
Thomas Claer
Man kann sich den Buchautor Peter Sloterdijk, das “bekannteste Gesicht deutscher Gegenwartsphilosophie” (SZ), gut als Kapitän eines Schiffes vorstellen, mit dem er seine Leser unterhaltsam und sachkundig über die Ozeane des Denkens führt und dabei mal hier, mal dort anlegt, an den Kontinenten der westlichen, aber auch östlichen Philosophie ebenso wie an den vielen verstreuten Inseln der Ideen- und Ereignisgeschichte, um dann schließlich auf dem Eiland seines eigenen philosophischen Denkens vor Anker zu gehen. Jeweils stehen diese “Rundreisen” unter einem bestimmten Motto: Zynismus, Globalisierung, monotheistische Religionen …
Und diesmal sind das Thema die “Anthropotechniken”, d. h. im sloterdijkschen Sinne die Selbstoptimierungsprozesse durch menschliches Verhalten im Wege gezielter Askesen (griechisch ganz allgemein für Übungen). Was wir als Religionen kennen, das sind für Sloterdijk nur beispielhafte Übungen dieser Art, andere wären etwa sportlicher oder künstlerischer Natur. Der Mensch als Übender also, das ist der zentrale Begriff in Peter Sloterdijks neuer Anthropologie. Als Stichwortgeber fungiert hierbei Friedrich Nietzsche, der in der “Genealogie der Moral” inmitten seiner Polemik gegen die priesterlichen Asketen, die “das Leben wie einen Irrweg” behandeln, den Asketismus an sich als eine “der breitesten und längsten Thatsachen, die es gibt” ausmacht. Explizit Übende sind für Sloterdijk alle Menschen, die dem ursprünglichsten aller ethischen Impulse folgen, dem “absoluten Imperativ”, der da – entsprechend dem Schlusssatz des berühmten Sonetts “Archaischer Torso Apollos” von Rainer Maria Rilke – lautet: Du musst dein Leben ändern! Entscheidend ist der Ausbruch aus den bloßen Gewohnheiten durch ein Sich-in-Beziehung-Setzen zu einer “Vertikalen”. Das war der Impuls der ersten Asketen, der antiken Sportler, die ihre körperliche Leistungsfähigkeit perfektionierten. Nach der “Spiritualisierung der Askesen” in den Klöstern des Mittelalters setzte mit der heraufziehenden Moderne allmählich die Entspiritualisierung der Übungen ein, die letztere in zielgerichtete Naturbeherrschungs- und Erwerbsprozesse trug. Dieser Großzyklus neigt sich nun seinem Ende zu. Und als eine Art wiederholende Renaissance oder gar als “anthropotechnische Wende” deutet Sloterdijk die geistigen Umwälzungen unserer Tage. Was uns derzeit als Wiederkehr der Religionen erscheint, sei nur ein Symptom für den Hunger der Menschen nach neuen Askesen. Aktueller Absender des Rilkeschen Appells sei die globale Krise, die alle zur Umkehr aufrufe, die Ohren zum Hören hätten.
Das klingt zum Ende hin, zumal in der hier unvermeidlich komprimierten Form, reichlich esoterisch. Und das ist es letztlich auch: Selbst wer jeden der in gewohnter sprachlicher Meisterschaft präsentierten einzelnen Abschnitte (deren Inhalt hier unmöglich rekapituliert werden kann) für sich genommen als plausibel erachtet, wird mit der conclusio so seine Probleme haben. Erst auf den letzten hundert Seiten wird ein Einwand aufgenommen, den wohl mancher Leser über viele hundert Seiten (und damit mehrere Wochen lang) stillschweigend mit sich herumgeschleppt haben mag: Irgendwo ist doch schließlich jeder Mensch ein Übender, “man kann nicht nicht üben”, schreibt Sloterdijk schließlich selbst. Aber wo genau verläuft dann die Grenze zwischen den explizit und den nur gewohnheitsmäßig Übenden? Bei seiner ambitionierten Weltumseglung ist Kapitän Sloterdijk gewissermaßen kurz vor dem Ziel auf einer Sandbank gestrandet, was jedoch keineswegs heißt, dass sich die Reise bis hierhin für die Passagiere nicht gelohnt hätte. Wieder abgeholt werden sie von ihm allemal.
Peter Sloterdijk
Du musst dein Leben ändern. Über Religion, Artistik und Anthropotechnik
Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2009
712 Seiten, EUR 24,80
ISBN 978-3-518-41995-3
