justament.de, 4.5.2026: Der grollende Osten (4)
Kassandra von der Pleiße: Jana Hensel mit “Es war einmal ein Land”
Thomas Claer
Was ist da los im Osten Deutschlands? Eine Menge Bücher sind in den letzten Jahren schon über die andauernde Malaise in den deutschen Beitrittsgebieten von 1990 erschienen. Nun hat sich auch noch die Journalistin Jana Hensel, geboren 1976 in Leipzig, mit einem einschlägigen Buchtitel zu Wort gemeldet. Sie tut das genau 25 Jahre nach ihrem Erfolgsbuch “Zonenkinder”, das auf sehr gelungene Weise die damalige Befindlichkeit der ersten Nachwende-Generation im Osten thematisierte. Jener Generation, die in ihrer Kindheit noch viel von der alten DDR mitbekommen, sich später aber mit ihren ganz anders geprägten Altersgenossen aus dem Westen auseinanderzusetzen hatte, die begreiflicherweise zumeist nur wenig Interesse am Osten mitbrachten.
Was also kann ein weiteres Buch über dieses leidige Thema aktuell noch leisten? Mehrere exzellente Autoren, das ist der große Nachteil für Jana Hensel, haben hierzu eigentlich schon so ziemlich alles, was der Fall ist, zusammengetragen und aufgeschrieben. Doch ergibt sich für sie immerhin der erhebliche (wenn auch von ihr gänzlich unerwünschte) Erkenntnisvorteil, dass die fatale Entwicklung mittlerweile noch weiter fortgeschritten ist, sodass inzwischen manch düsteres Zukunftsszenario längst bittere Realität geworden ist: Die extrem rechte AfD ist, wenn man die aktuellen Umfragen zugrunde legt, überall in Ostdeutschland mit großem Abstand die stärkste Partei, und selbst absolute Mehrheiten für sie bei den Landtagswahlen im Herbst erscheinen nicht mehr ausgeschlossen. Sogar auf Bundesebene liegt diese Partei nun deutlich an erster Stelle. Wie konnte das passieren?
Dem auf den Grund zu gehen, hat die Autorin sich vorgenommen, und beleuchtet im ersten Drittel ihres Buches “Die Geschichte von ihrem Ende her denken” die Nachwendejahre bis zur Gegenwart vornehmlich aus ostdeutscher Perspektive. Drei tiefe Kränkungen in diesen Jahren für die Menschen im Osten hat sie herausgearbeitet: Zuerst die Massenarbeitslosigkeit von Millionen eigentlich gut ausgebildeteten Fachkräften ab 1990, dann die Schröderschen Agenda-Reformen 2002/03, mit denen die staatlichen Transferleistungen für deren Bezieher drastisch abgesenkt wurden, was vor allem auch sehr viele Ostdeutsche getroffen hat, für die es seit der Wiedervereinigung auf dem Arbeitsmarkt keine Verwendung mehr gab. Die dritte Kränkung war dann die Aufnahme von Millionen Flüchtlingen in Deutschland, zuerst ab 2015 und dann erneut ab 2022, was offenbar den Neid von vielen Ostdeutschen auf jene angefacht hat. Man kann die Analyse sicherlich als zutreffend ansehen, zumal die Autorin deutlich macht, dass sie für die erste Kränkung der Ostdeutschen volles und auch für die zweite noch weitgehendes Verständnis aufbringt, für die dritte dann allerdings nur noch ein sehr begrenztes, was sich auch vollkommen mit der Ansicht des Rezensenten deckt. (Bei den Flüchtligen von 2015 und 2022 handelte es sich wohlgemerkt um Menschen, die vor Wladimir Putins Bomben geflohen sind!)
Eher problematisch, vor allem auch methodisch, ist dann aber, wie die Verfasserin das Wahlverhalten der Menschen in Ost und West in den dreieinhalb Jahrzehnten seit der Vereinigung miteinander vergleicht. Dabei addiert sie jeweils die Ergebnisse von SPD, Grünen und PDS/Linkspartei und spricht von einem “progressiven Lager”, das anfangs im Westen, später im Osten stärker gewesen sei, wobei sich hier auch “progressive Traditionen” aus der DDR bemerkbar gemacht hätten (was besonders kritsch zu hinterfragen wäre, zumal sie darauf auch im hinteren Teil des Buches nur sehr knapp eingeht). Erst in den letzten zehn Jahren hätte dann der Osten deutlich “rechter” gewählt als der Westen. Letzteres kann man sicherlich so sagen. Der Erkenntnisgewinn aus dieser Lagerbetrachtung bleibt jedoch vor allem deshalb so gering, weil die große Mehrzahl der Wähler vermutlich generell, aber ganz besonders unter denen in Ostdeutschland ihre Wahlentscheidungen keineswegs zuvörderst aufgrund bestimmter Parteiprogramme getroffen haben dürfte, sondern vielmehr aus einer Melange aus spezifischen Personalvorlieben und -abneigungen, Empfänglichkeit für populistische Verkürzungen und Verdrehungen sowie überkochenden Emotionen (welche gezielt und treffsicher zu bewirtschaften wohl das eigentliche Erfolgsgeheimnis der AfD nicht nur in Ostdeutschland ist). Sehr wahrscheinlich hat eine große Gruppe von Menschen im Osten früher die PDS/Linkspartei und später dann die AfD vor allem deshalb gewählt, weil sich dadurch am wirkungsvollsten gegen “den Westen” und “die da oben” protestieren ließ. Jana Hensel weiß das alles natürlich genau (wie sich in den hinteren Kapiteln ihres Buches zeigt), blendet es aber an dieser Stelle aus, vermutlich um ihre Argumentation zu retten, deren Schlüssigkeit sich zumindest punktuell bezweifeln lässt.
Hierdurch etwas skeptisch geworden beginnt man dann mit der Lektüre des mittleren Teils, in dem die Autorin ausführliche Interviews mit den AfD-Politikern Tino Chrupalla und Maximilian Krah sowie einem jungen rechtsextremistischen Vordenker geführt hat, der als Mitarbeiter eines AfD-Bundestagsabgeordneten arbeitet, jedoch wegen seiner Vergangenheit in der militanten rechten Szene nicht Mitglied dieser Partei werden darf. Ist es wirklich eine gute Idee, solche Leute zu Wort kommen zu lassen?, fragt man sich. Wertet man sie dadurch nicht nur immer weiter auf? Jana Hensel schildert selbst ihre erheblichen Bedenken, hält es aber zum Verfassen eines solchen Buches, wie sie schreibt, sogar für ihre Pflicht, sich mit diesen Personen in solcher Weise auseinanderzusetzen.
Und plötzlich wird wird das Buch dann richtig interessant. Man mag es gar nicht mehr weglegen. Hier zeigt die Autorin, was sie kann – nämlich einfühlsame Interviews führen, um so ihren Gesprächspartnern auf den Zahn zu fühlen. Sie befragt die Betreffenden nicht nur nach den Sachthemen der Gegenwart, sondern will von ihnen auch wissen, was sie vor zehn, vor zwanzig und vor dreißig jahren gemacht und gedacht haben. Sie erkundigt sich sogar nach deren Kindheit und deren Elternhäusern. Und so erschließt sich tatsächlich, wo und wann diese Menschen falsch abgebogen, politisch auf die schiefe Bahn geraten sind. Es zeigt sich nebenbei auch, dass Krah ein weitaus unangenehmerer Typ ist als Chrupalla, der lange Jahre als grundsolider Handwerker gearbeitet hat und ein zufriedener Staatsbürger gewesen ist, bis seine Firma in die Insolvenz ging und er sich auf der Suche nach Schuldigen zusehends radikalisiert hat. Bei Krah war es das wiederholte Scheitern seiner heiß ersehnten politischen Karriere in der CDU (aus sehr nachvollziehbaren Gründen übrigens), das ihn zur AfD getrieben hat. Fast immer sind es, wie sich dann auch aus den weiteren Kapiteln des Buches erschließt, beruflich oder anderweitig gescheiterte und unglückliche Menschen, die nach diversen Schicksalsschlägen zur AfD gekommen sind und dort neues Selbstbewusstsein bekommen haben: als Teil eines vermeintlichen Opfer-Kollektivs, das nun die angeblich Schuldigen am eigenen Unglück ausgemacht hat und es den “Eliten” nun aber mal so richtig zeigen will. Es funktioniert ganz ähnlich wie bei den Trump-Wählern in Amerika und bei den Brexit-Befürwortern in Großbritannien. Und es funktioniert leider auch weiterhin bedrohlich gut…
Auch die restlichen Kapitel des Buches, die aus weiteren Interviews bestehen, können rundum überzeugen. Es werden zunächst “Abgefriftete” porträtiert, die sich oftmals regelrecht aus Verzweiflung radikalisiert oder in zweifelhafte Gesellschaft begeben haben. So hat ein früherer MDR- und Tagesschau-Journalist ein kritisches Buch über Misstände im öffentlich-rechtlichen Rundfunk geschrieben, aber landauf und landab keinen Verlag gefunden, der es drucken wollte. Nun publiziert er es in einem rechttsradikalen Kleinverlag, und die völkische Bewegung benutzt ihn als Kronzeugen gegen die angebliche “Lügenpresse”.
Im letzten ausführlichen Kapitel mit dem Titel “Die Wehrhaften” kommen dann noch Personen zu Wort, die aufopferungsvoll die Demokratie in Ostdeutschland verteidigen. Leider stehen sie immer mehr auf verlorenem Posten, weil sich insbesondere im ländlichen und kleinstädtischen Raum längst gesellschaftliche Mehrheiten auf den Weg der Abschottung, Abkapselung und Demokratieverachtung begeben haben. Auf die Flüchtlinge, die sich mittlerweile in den zumeist von massiver Abwanderung gekennzeichneten Gebieten angesiedelt haben und dort mitunter schon zehn oder mehr Prozent der Bevölkerung ausmachen, reagieren sie mit Ausgrenzung und unverhohlenem Rassismus. Statt sich über die neue Besiedlung ihrer entvölkerten Regionen zu freuen, die doch ein Anlass zur Zuversicht sein sollte, tun sie wirklich alles dafür, dass Deutschlands Osten in aller Welt einen schlechten Ruf bekommt und etwaige künftige Investoren ebenso abgeschreckt werden wie dringend benötigte Fachkräfte, etwa im Gesundheitswesen. Feine Patrioten sind das!
Mit dem kurzen Schlusskapitel versucht Jana Hensel, ihrem Buch noch einen zumindest ansatzweise optimistischen Ausblick zu geben, aber sie bemerkt dabei selbst, dass ihr das kaum gelingt. Zwar erwartet sie nicht, womit sie auch richtig liegen dürfte, dass die AfD in westlichen Bundesländern oder gar auf Bundesebene in absehbarer Zeit an die Macht kommen wird. Doch sieht sie nicht, wie sich der verhängnisvolle Trend in Ostdeutschland noch aufhalten lassen könnte. Dort erscheinen ihr absolute Mehrheiten für die AfD nur noch eine Frage der Zeit zu sein, was dann natürlich auch für Deutschland insgesamt eine Katastrophe wäre, die alle bestehenden Ost-West-Unterschiede nochmals stärker und anhaltender zementieren würde. Hoffen wir, dass uns ein solches Szenario erspart bleiben wird.
Jana Hensel hat – trotz besagter Schwächen im vorderen Teil – ein in der Summe sehr interessantes und aufschlussreiches Buch geschrieben, das der Ost-Problematik viele neue Facetten abgewinnt und dessen Stärke in den eindrucksvollen Interviews und Porträts der involvierten Personen liegt.
Jana Hensel
Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet
Aufbau Verlag, 2026
263 Seiten; 22,00 Euro
ISBN: 978-3-351-04288-2
justament.de, 29.8.2022: So bunt ist der Osten (geworden)
Eine ausgedehnte Sommer-Reise durch die frühere DDR fast 33 Jahre nach dem Mauerfall
Thomas Claer
Dem 9-Euro-Ticket sei Dank: Mehr als 20 Orte haben meine Frau und ich in den letzten drei Monaten bereist. Immer als Tagesausflug. Früh morgens in den Zug gestiegen – und am Nachmittag oder Abend wieder zurück nach Berlin. Wir waren zum Bergwandern im Harz, zum Baden in der Ostsee auf Rügen, haben die schönen alten Hafenstädte Wismar und Stralsund besucht, Rostock und Greifswald natürlich auch. Auf den Spuren Fontanes spazierten wir durch Neuruppin, auf den Spuren Tucholskys durch Rheinsberg und auf den Spuren Brechts durch Buckow in der Märkischen Schweiz. Und dann die prächtigen Schlösser und Schlossgärten in Oranienburg und Ludwigslust! Erst jetzt haben wir entdeckt, dass es in Potsdam noch weitaus mehr zu entdecken gibt als Sanssouci, etwa die wunderschönen Gärten auf der Freundschaftsinsel in der Havel oder die Schlösser und Parks in Babelsberg und im Neuen Garten, in welchem sich allein drei Schlösser aus verschiedenen Epochen befinden…
Aber immer sind wir – was gar nicht unbedingt so geplant war – im Osten geblieben. In die alten Bundesländer hätte die Fahrt zu lange gedauert. Wir wollten ja immer auch noch am selben Tag wieder zurück. Na gut, Braunschweig oder Celle wären schon möglich gewesen und ganz sicher auch sehenswert. Doch dafür hat dann leider die Zeit nicht mehr gereicht. Drei Monate vergingen uns wie im Fluge. Was für ein Sommer!
Und so haben wir nun außer all den kulturellen Höhepunkten, von denen viele erst in den letzten zwei Jahrzehnten wieder aufgebaut worden sind, ganz nebenbei auch einen Eindruck davon bekommen, wie stark sich die neuen Bundesländer – offenbar besonders in den letzten Jahren – auch in sozialer Hinsicht merklich zum Besseren gewandelt haben. Das hässliche Wort vom rechten Osten, der lange mit Multikulti gefremdelt hat, wo in den Neunzigern die Flüchtlingsheime brannten und auch später noch dumpfe Ressentiments weit verbreitet waren, es war ja lange traurige Wirklichkeit. Zumindest haben wir es früher immer sofort gespürt, wenn ich mit meiner koreanischen Frau dort unterwegs war. Sobald wir Berlin verlassen hatten, manchmal sogar schon weit östlich innerhalb des Stadtgebiets, bemerkten wir feindselige Blicke in den öffentlichen Verkehrsmitteln, kurzgeschorene junge Männer in Springerstiefeln mit martialischen Tätowierungen. All das gibt es jetzt überhaupt nicht mehr. Zumindest nicht dort, wo wir gewesen sind…
Stattdessen sieht und hört man überall, ob in Stralsund oder Wismar, Dessau oder Halle, zahlreiche Migranten in den Straßen und Zügen. Arabische und afrikanische Familien, Asiaten und Osteuropäer, sie alle gehören mittlerweile ganz selbstverständlich zum Straßenbild – und die Mehrheitsbevölkerung begegnet ihnen mit Gleichmut. Niemand beachtet uns mehr, wenn ich mit meiner Frau unterwegs bin. Internationalität ist im Osten inzwischen genauso normal geworden wie in Berlin oder im Westen – und das haben wir sehr genossen. Es mag in manchen Dörfern der Sächsischen Schweiz oder anderen abgelegenen Regionen noch anders sein, aber nach unserem Eindruck in diesem Sommer ist der Osten fast überall ein lebenswerter Ort für alle und jeden geworden – was für die „innere Einheit“ Deutschlands von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist.
Zehntausende, vielleicht sogar hunderttausende Menschen, ganz überwiegend Jüngere, sind seit der Flüchtlingskrise 2015 in den vormaligen Schrumpfregionen der neuen Bundesländer angesiedelt worden, was denen offensichtlich gut getan hat. Endlich gibt es dort wieder Hoffnung und Perspektiven, finden die Häuser wieder Bewohner, die Schulen wieder Schulkinder, die Betriebe wieder Lehrlinge. Auch die Gastronomie ist längst ebenso weltläufig geworden wie im Westen. Die Asia-Imbisse und Döner-Läden, sie waren die mutigen Pioniere, die sich vereinzelt schon vor mehr als zwanzig Jahren in den „wilden Osten“ gewagt haben, als es dort noch gefährlich war. Nun sind sie die etablierten Platzhalter, ihre Kinder gehören schon zu den Alteingesessenen. Und wer in buntgemischten Schulklassen unterrichtet wird, für den ist das Miteinander von Anfang an eine Selbstverständlichkeit. Vielleicht sind kleine und mittelgroße Städte ja sogar bessere Orte für das Zusammenwachsen unserer Gesellschaft als die Großstädte mit ihrem manchmal fatalen Hang zur Ghettobildung bestimmter migrantischer Milieus…
Nur ein bis heute bestehender Unterschied zwischen Ost und West lässt sich einfach nicht wegdiskutieren: In ostdeutschen Asia-Imbissen gibt es – zumindest in den allermeisten Fällen – leider kein Tofu. Warum nur? Es ist doch so viel gesünder als Fleisch, dazu umweltfreundlicher und schmeckt auch weitaus besser, zumindest uns. Sollten die Ostdeutschen wirklich alle kein Tofu mögen?! Erst wenn sich daran etwas geändert hat, wird die deutsche Einheit vollendet sein.
P.S.: Gerade lese ich, dass die SPD als Nachfolge-Regelung zum 9-Euro-Ticket ein 49-Euro-Ticket vorschlägt. Wenn das wirklich kommen sollte, sage ich zu meiner Frau, dann werden wir wohl bald nur noch unterwegs sein und gar nicht mehr zu Hause…
www.justament.de, 29.1.2018: Nur drei Bundesrichter aus dem Osten
Elitenforschung: Ostdeutsche in Spitzenpositionen extrem unterrepräsentiert
Thomas Claer
Vor einigen Wochen auf einer Veranstaltung zum Thema „100 Jahre Oktoberrevolution“. Interessante Vorträge von Historikern und Politikwissenschaftlern, älteren und jüngeren, Männern und Frauen. Aber niemand von ihnen stammt selbst aus den neuen Bundesländern. Sollten Ostdeutsche also an der wissenschaftlichen Erforschung der eigenen biographischen Hintergründe wenig interessiert sein? Wohl kaum, es muss wohl an der generell schwachen Repräsentanz des Ostens in der Professorenzunft liegen. Und nicht nur dort. Auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen sieht es, so das Ergebnis einer Untersuchung des Soziologie-Professors Raj Kollmorgen von der Hochschule Zittau-Görlitz, hierzulande ähnlich aus: Immerhin ca. 17 Prozent der gesamtdeutschen Bevölkerung wurden in Ostdeutschland geboren, doch nur 2,8 Prozent der Inhaber von Spitzenpositionen in Wirtschaft, Politik und Verwaltung stammen aus dem Osten. Von 190 Vorständen der DAX-Konzerne haben gerade einmal drei eine DDR-/Post-DDR-Vergangenheit. Noch krasser ist das Missverhältnis in der Justiz: Nur ganze drei von 457 Bundesrichtern kommen aus dem Osten, was einer Quote von deutlich unter einem Prozent entspricht. Bei den Generälen der Bundeswehr sind es 0,5 Prozent. Selbst Migranten und Flüchtlinge schneiden kaum schlechter ab als Ostdeutsche.
Wirklich überraschend sind diese Zahlen nicht. Wer etwa eine wissenschaftliche Karriere anvisiert, muss sich schließlich auf dem Weg zur Professur mit einem jahrelang äußerst prekären Status bescheiden: finanziell einerseits und durch die ausgedehnte persönliche Abhängigkeit vom akademischen Förderer andererseits. Und das bei ungewissem Ausgang. Dieses Wagnis nehmen offenbar eher Westdeutsche mit gesichertem wirtschaftlichen Hintergrund in Kauf. Ostdeutsche haben durchschnittlich ein weitaus geringeres Vermögen als Westdeutsche, ihnen fehlt es aber häufig auch an Mut und Risikobereitschaft sowie vor allem an Selbstbewusstsein und Durchsetzungskraft. Das, was der Soziologe Pierre Bourdieu in Frankreich festgestellt hat (popularisiert zum Beispiel durch den Film „Ziemlich beste Freunde“), lässt sich auch auf die Sozialisation im Westen und Osten Deutschlands übertragen: Es bestehen spezifische kulturelle Codes, die sogenannten feinen Unterschiede. Doch während es in Frankreichs Oberschicht nicht zuletzt ein alter elitärer Standesdünkel ist, der alle anderen ausgrenzt, die Kenntnis von klassischer Literatur, Malerei, Musik und guter Küche in Verbindung mit guten Manieren, sind (west-)deutsche Eliten überwiegend Parvenüs, erst in der Nachkriegszeit zu Macht und Reichtum gelangt. Kennzeichnend für sie ist eher eine burschikose Kumpelhaftigkeit unter Ihresgleichen und eine rüpelhafte Schroffheit gegenüber anderen. Wer hingegen das ostdeutsche Erziehungssystem durchlaufen hat, ist vor allem auf Disziplin und Gehorsam konditioniert und kann die bestehenden Defizite an Selbstsicherheit und Ichbewusstsein später zumeist nicht mehr aufholen.
Mehr Informationen: http://www.spiegel.de/video/ostdeutschland-eliten-kommen-aus-dem-westen-video-1823346.html


