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justament.de, 7.10.2019: 25 Years of Lust

Vor 25 Jahren erschien der legendäre Fetisch-Soundtrack „La Salle Blanche“ von Carlos Perón

Thomas Claer

Die Musik von Carlos Peron, dem heute 67-jährigen Klang-Magier aus der Schweiz, war immer irgendwo zwischen Pop und Avantgarde angesiedelt, im Zweifel aber doch eher Avantgarde als Pop. Angefangen hatte er in den späten Siebzigern als Gründungsmitglied von YELLO (und deren Vorläuferformation Tranceonic), die er aber bereits 1983 wieder verließ, um sich fortan nur noch seinen vielfältigen ambitionierten Solo-Projekten zu widmen. Diese reichten von atonalen elektronischen Spielereien („Impersonator“) bis zu atmosphärisch dichten Literaturvertonungen („Ritter und Unholde“) und nahmen dann im Jahr 1994 mit dem heute als Klassiker seines Genres geltenden Fetisch-Soundtrack „La Salle Blanche“ eine abermals überraschende Wendung.

Wirklich überraschend war dies aber nur für nicht Eingeweihte, denn schon zu jener Zeit wurde gemunkelt, dass sich die frühen Perón-Platten wie „Impersonator I“ und auch „Nothing is True, Everything is Permitted“ in der Fetisch- und Darkwave-Szene großer Beliebtheit erfreuten und insbesondere wohl auch gerne auf entsprechenden Partys gespielt wurden. Mit „La Salle Blanche“, das ursprünglich als Soundtrack zum Fetisch-Film „The White Room“ konzipiert war, brachen dann gewissermaßen alle Dämme. Der CD war ein Bestell-Coupon für Handschellen, Peitschen und die einschlägige Lack- und Lederkluft beigelegt. Angeblich wurde Carlos Perón sogar zugetragen, dass Fans zur Musik von „La Salle Blanche“ ihre Kinder gezeugt hätten…

So folgten Peróns Fetisch-Erstling ob seiner begeisterten Rezeption beim Publikum noch eine Reihe von ähnlich angelegten Nachfolgewerken in den Neunziger- und Nullerjahren, die sich als munteres Farbenspiel präsentierten und inhaltlich bevorzugt auf die Werke des Marquis de Sade bezogen: La Comtesse Rouge, La Salle Violette, La Salle Noire, Terminatrix, Der Luzidus. Den Schluss- und zugleich Höhepunkt bildete dann die opulente 11-CD-Box „11 Deadly Sins: Music for Fetish Erotic Sessions“ aus dem Jahr 2011 (siehe Cover-Abbildung), die alle genannten Werke seit 1994 sowie noch weitere bis dahin unveröffentlichte Kompositionen derselben – man verzeihe mir diesen platten Kalauer – Stoßrichtung enthielt. Außerdem ist dieser (noch heute in kleiner Restauflage erhältlichen) Pracht-Box ein exklusives Erotik-Spielzeug für die geneigte Dame beigelegt, über dessen Praktikabilität der Rezensent allerdings keine Auskunft zu geben vermag. (Wäre ja dann doch etwas zu peinlich, es von der eigenen Ehefrau testen zu lassen…) Im übrigen, das muss man ausdrücklich betonen, eignet sich diese Musik auch ohne weiteres für Hörerinnen und Hörer, die zumindest dieser Spielart des Fetischismus – Sado/Maso, Fesselspiele, Peitschen, Lack und Leder – nicht viel abgewinnen können. Zum Beispiel zur stimmungsvollen Untermalung eines ausgedehnten Frühsports…

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www.justament.de, 10.9.2018: Der Fetischcharakter des Sparens

Verlängert bis 4. November: Die Ausstellung „Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend“ in Berlin

Thomas Claer

Sonderausstellungen in unseren Museen sind oftmals fragwürdige und regelmäßig hochkommerzielle Angelegenheiten. Kein Thema ist dann zu abgedroschen und keine These zu platt, um endlich einmal wieder die Massen in unsere Kulturtempel zu locken – und das zu einem Vielfachen des sonst üblichen Eintrittspreises. Doch manchmal können Sonderausstellungen auch wahre Glücksfälle sein. Dann führen sie dem interessierten Besucher ihm bislang Unbekanntes vor Augen oder eröffnen ihm neue Sichtweisen auf Altbekanntes, sodass er allemal auf seine Kosten kommt.

Um Kosten und insbesondere um deren Vermeidung geht es auch im Deutschen Historischen Museum Unter den Linden, und das schon seit einem halben Jahr. Gerade ist dort die Sonderschau „Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend“ außerplanmäßig bis zum 4. November verlängert worden. Wer sie bisher noch nicht gesehen hat, sollte dies unbedingt nachholen, denn es lohnt sich in diesem Falle wirklich. Dabei ist es keineswegs die Fülle des gezeigten Materials, die heraussticht, denn die ist durchaus überschaubar. Doch wird hier sehr gezielt auf eine vielleicht spezifisch deutsche Traditionslinie aufmerksam gemacht, die gegenwärtig besonders in der Diskussion steht: den deutschen Hang zur Sparsamkeit. Nun wird es zweifellos in aller Welt sparsame Menschen geben, doch dass hierzulande diese Tugend über Jahrhunderte und sogar über alle Systemgrenzen hinweg mit solch einer Inbrunst öffentlich propagiert wurde (wie viele der gezeigten Ausstellungsstücke beweisen, insbesondere die Plakate), das macht den Deutschen so leicht keiner nach. Ob in den feudalen Kleinstaaten, im Kaiserreich oder der Demokratie, ob bei den Nazis oder den Kommunisten: Immer gab es das Bestreben, die Bürger respektive Untertanen zur Bildung monetärer Rücklagen zu animieren – und dies zwar aus jeweils unterschiedlichen Anlässen, aber doch zumeist aus ähnlichen Gründen. Steckt die Sparsamkeit also womöglich in der deutschen kulturellen DNA? Sind wir gleichsam historisch belastet, wenn man uns international immer nachdrücklicher unsere notorisch positive Leistungsbilanz und unsere herzlosen Spar-Diktate gegenüber den überschuldeten Südländern vorhält?
Selbst im modernen Kapitalismus, in dem es doch eigentlich um die Förderung des Konsums zur Ankurbelung der Binnennachfrage gehen sollte, stand und steht hierzulande das Sparen hoch im Kurs. Oder gibt es hier womöglich gar keinen Widerspruch, weil das Sparen zu den kapitalistischen Grundtugenden gehört? Niemand anders als Karl Marx hat dies genau so gesehen. Seine zu Recht effektvoll positionierten Zitate gehören zu den Highlights der Ausstellung. Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: „Der Schatzbildner opfert daher dem Goldfetisch seine Fleischeslust. Er macht Ernst mit dem Evangelium der Entsagung. … Arbeitsamkeit, Sparsamkeit und Geiz bilden daher seine Kardinaltugenden, viel verkaufen, wenig kaufen, die Summe seiner politischen Oekonomie.“ Beinahe jeder hat schon vom „Fetischcharakter der Ware“ im Kapitalismus gehört, aber der Fetischcharakter des Sparens – der wurde wohl bislang selbst von Marxisten unterschätzt. Begreift man den Fetisch als Ersatzbefriedigung für etwas anderes, in der Regel Sexuelles, dann liegt hier womöglich sogar eine der geheimen Antriebskräfte des deutschen „Exportwunders“ und unserer Haushaltssolidität verborgen. Seine Fleischeslust dem Goldfetisch opfern? Hierzu passen im Übrigen auch Erkenntnisse der modernen Hirnforschung, wonach dieselben Gehirnregionen sowohl bei sexueller Aktivität als auch bei der Geldvermehrung aktiviert werden. Nur mit dem Unterschied, dass letztere auch noch in fortgeschrittenem Alter funktioniert… Fazit: Die 8 Euro Eintrittsgeld für diese Ausstellung sind ein lohnendes Investment.

Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend
23. März verlängert bis 4. November 2018
Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Zusammenarbeit mit der Berliner Sparkasse
Eintritt: 8 Euro