justament.de, 25.5.2026: Im Schatten des sanften Gebieters
Der Briefwechsel zwischen Peter Handke und Manfred Osten von 1979 bis 2024
Thomas Claer
Das hätte man nicht gedacht: Peter Handke (Jahrgang 1942), der schwer metaphysische große Schwurbler und Literaturnobelpreisträger, und Manfred Osten (Jahrgang 1938), der versierte Goethe-Kenner und Autor knackig pointierter Essays und Sachbücher, hatten einen jahrzehntelangen Briefwechsel. Und nicht nur das: Anders, als man vielleicht vermuten würde, ist es in diesen Briefen nicht etwa Handke, der in einem fort langatmige und mitunter verworrene Prosa produziert, sondern dies tut allein Osten, während sich Handke ganz überwiegend kurz angebunden zeigt. Da muss man sich schon sehr wundern und lernt die zwei geschätzten Autoren in diesem mustergültig editierten und kommentierten Sammelband von ganz neuen Seiten kennen.
Angefangen hat es mit den beiden, dem Jura-Abbrecher aus Kärnten und dem promovierten Juristen aus Mecklenburg, bereits 1970 in Paris, als Handke, seinerzeit aufstrebender Jungliterat und auch schon recht berühmt seit seinem legendären Auftritt in der Gruppe 47 vier Jahre zuvor, an die Tür der dortigen Deutschen Botschaft klopfte und sich Hilfe bei der Suche nach einer Wohnung erbat. Es öffnete ihm niemand anders als Manfred Osten, damals angehender Diplomat, der ihm zwar keine Wohnung beschaffen konnte, ihn aber ersatzweise zu sich nach Hause mitnahm. Dort hätte sich nun also Manfred Osten, der damals mutmaßlich schon einiges von Handke gelesen hatte, sehr gerne mit dem hochverehrten jungen Mann unterhalten. Allein, Handke zog es vor, ein Fußballspiel im Fernsehen schweigend zu verfolgen. (Schließlich sollte er noch im selben Jahr sein einschlägiges Erfolgsbuch “Die Angst des Tormanns beim Elfmeter” herausbringen.)
Erst neun Jahre später, am 27. Dezember 1979, schreibt Manfred Osten aus Budapest, wo er inzwischen als Mitarbeiter im Auswärtigen Dienst tätig ist, erstmals einen Brief an Peter Handke. Darin schickt er diesem zwei dünne Heftchen mit selbstverfassten Gedichten und bittet um Handkes Meinung dazu: “Ich schreibe Ihnen, weil ich weiß, dass sie das sind, was ich gerne werden möchte.” Der hilfsbereite Handke revanchiert sich für Ostens Gastfreundschaft vor fast einem Jahrzehnt in Paris und wird von nun an sein Lehrmeister in der Dichtkunst, denn Osten hat es sich in den Kopf gesetzt, neben seiner diplomatischen Laufbahn auch noch ein großer Dichter zu werden. Desweiteren teilen die beiden Briefeschreiber eine übergroße Verehrung für Johann Wolfgang von Goethe, der – wie sie es nennen – als “sanfter Gebieter” stets unsichtbar über ihnen schwebt.
Doch schon bald bekommt dieser Austausch eine gefährliche Schlagseite, von der er sich nie mehr richtig erholen wird. Manfred Osten hat an Peter Handke offenbar dermaßen einen Narren gefressen, dass er ihm immerfort gedrechselte Lobeshymnen bezüglich seiner jeweils aktuellsten Werke schickt. Der davon sichtlich geschmeichelte Handke macht sich im Gegenzug eine Menge Mühe mit Ostens unzähligen Gedichten, verbessert sie hier, lobt oder tadelt sie dort und vermittelt schließlich eine Auswahl von ihnen an renommierte Verlage, die sie aber trotz allem Zureden nicht drucken wollen. Als wären dies nicht schon genug Umstände für Handke gewesen, werden Ostens Briefe an ihn mit der Zeit immer länger und weitschweifiger, widmen sich philosophischen, spirituellen und allen nur erdenklichen Fragen, auf die Handke immer seltener und zusehends lakonischer antwortet. Denn begreiflicherweise textet er bevorzugt direkt für seine jeweils nächsten Bücher, während Osten vermutlich von seinen beruflichen Kontakten gelangweilt und unterfordert ist und sich womöglich auch auf seinen diplomatischen Stationen in aller Welt (später geht es noch nach Australien und Japan) mitunter etwas einsam fühlt.
Das geht dann so weit, dass es Handke Mitte der Neunziger schließlich zu bunt wird und er Osten, der inzwischen zwar nicht als Lyriker, aber doch eben als Sachbuch-Autor, Essayist und Generalsekretär der Alexander-von-Humboldt-Stiftung Erfolge feiert, schroff zurückweist: “Schicken Sie mir nichts mehr!” Es mag wohl auch eine Rolle gespielt haben, dass Handke seit dem Kauf seines Hauses nahe Paris und der Gründung einer neuen Familie dort seine sonstigen Kontakte etwas reduzieren wollte. Zwanzig Jahre lang ist die Korrespondenz unterbrochen. Dann nimmt Manfred Osten noch einmal Anlauf, und es gelingt immerhin eine (von Handkes Seite eher halbherzige) Versöhnung.
So stellt sich am Ende die Frage, ob es wirklich eine gute Idee gewesen ist, diesen Briefwechsel öffentlich zu machen – und das auch noch zu Lebzeiten der beiden Akteure. Ganz unbedingt ein Gewinn sind aber nicht wenige der hinten im Band abgedruckten Gedichte Manfred Ostens, denn die sind – zumindest nach der unmaßgeblichen Auffassung des Rezensenten – streckenweise richtig gut. Als Kostprobe mag dieses im Buch effektvoll an letzter Stelle platzierte dienen:
fast ein freund
rechtfertigungen
waren nicht seine sache
um mich fernzuhalten
kam er mir entgegen
wenn ich redete
verfolgte mich
sein schweigen
im winterweiß
seiner augen
fand ich
den verschneiten weg
er meinte
weiter käme ich
ohne ihn
am weitesten aber
ohne ziel
Im übrigen sind wir der Meinung, dass bald wieder ein neues Sachbuch von Manfred Osten über Goethe erscheinen sollte.
Katharina Pektor (Hrsg.)
Peter Handke / Manfred Osten
“Sterne glänzend im angebissenen Apfel”: Briefe 1979-2024
Wallstein Verlag, 2026
190 Seiten; 24,00 Euro
ISBN: 978-3-8353-5904-8
justament.de, 21.10.2019: Jura-Abbrecher mit Literatur-Nobelpreis
Thomas Claer empfiehlt Spezial: Anmerkungen zur Peter Handke-Debatte
Da hatte die Akademie wohl etwas gutzumachen. “Solange John Updike und Philip Roth den Literatur-Nobelpreis nicht bekommen haben, kann ich diesen Preis nicht ernstnehmen”, meinte vor langen Jahren Marcel Reich-Ranicki (1920-2013). Immer wieder hatte sich Deutschlands bedeutendster Literaturkritiker darüber mokiert, dass die Schwedische Akademie ihre weltweit höchste Auszeichnung auf dem Gebiet der Literatur offenbar ausschließlich an politisch engagierte Autorinnen und Autoren mit tadelloser Gesinnung vergab. Nicht, dass er etwas gegen gesellschaftlich engagierte Autoren gehabt hätte, aber dass deshalb den in seinen Augen weltweit besten lebenden Literaten dieser Preis vorenthalten wurde, das ging dem “Literatur-Papst” dann doch völlig gegen den Strich. Nun hat sich die in den letzten Jahren von diversen MeToo-Skandalen erschütterte Akademie also endlich einmal anders entschieden, überraschend anders. Für die von Ranicki favorisierten großen Erotomanen der amerikanischen Literatur, John Updike und Philip Roth, war es allerdings zu spät. Updike ist bereits 2009 gestorben und Roth 2018. (Der Preis wird ja grundsätzlich nur an noch lebende Autoren verliehen.)
Nun hat es also Peter Handke getroffen, und an ihm scheiden sich die Geister. Darf jemand den Literaturnobelpreis bekommen, der angesichts der Greuel der jugoslawischen Bürgerkriege allen Ernstes “Gerechtigkeit für Serbien”, also für die mächtigste und rücksichtsloseste der Kriegsparteien, gefordert, der Verständnis für Karadzic und Milosevic gezeigt hatte? Darüber wird nun heftig gestritten. Doch was hätte wohl Marcel Reich-Ranicki dazu gesagt? Für ihn war Peter Handke spätestens seit seinem “Jahr in der Niemandsbucht” (1994) ein “auf den metaphysischen Hund gekommener” Autor, so wie er dessen Kollegen Botho Strauß in selbiger Sendung des “Literarischen Quartetts” als “auf den ideologischen Hund gekommen” bezeichnet hatte. Doch sei er, Reich-Ranicki, gerne dazu bereit, beiden “auf den Hund gekommenen Autoren” alles zu verzeihen, “wenn sie nur besser schreiben würden”…
Aufschlussreich für Juristen dürfte auch noch sein, wie sich der heutige Nobelpreisträger über seine abgebrochene Juristenausbildung geäußert hat, nachzulesen im 30 Jahre alten “Versuch über die Müdigkeit”. Er schreibt darüber, soviel sei an dieser Stelle verraten, nicht viel Gutes. Im übrigen findet sich in diesem kleinen Text wohl schon beinahe alles, was den späten Peter Handke ausmacht: reichlich verschwurbelter Schreibstil, aber doch irgendwie tiefgründig. Zweifellos hat auch solche Art von Literatur ihre Daseinsberechtigung.
