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www.justament.de, 22.10.2018: Die rechte Versuchung

 

Recht historisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer erinnert sich an Botho Straußens „Anschwellenden Bocksgesang“ vor 25 Jahren

Mit Verspätung erst las ich damals diesen Text, der eine magische Wirkung auf mich haben sollte. Den SPIEGEL-Essay im Februar 1993 hatte ich verpasst, aber im Oktober 1993 begann mein Jura-Studium in Bielefeld, und in der Nähe der juristischen Bibliothek, deren Werke ich von Anbeginn als sehr langweilig empfand, entdeckte ich zu meiner Freude das riesige SPIEGEL-Archiv, in das ich mich stundenlang regelrecht vergraben konnte. Man muss es den Nachgeborenen immer wieder erklären: Damals gab es noch kein Internet. Bestimmte Texte oder Bücher und überhaupt Informationen waren mitunter Mangelware, nach denen man lange Zeit auf der Suche war. Und so fand ich dann schließlich jenen Essay von Botho Strauß, der für so viel Aufsehen gesorgt hatte, und war sofort elektrisiert. Klar, mit Anfang zwanzig ist die Begeisterungsfähigkeit manchmal groß und die Lernmodule sind noch weit offen.

Als ich vier Jahre zuvor aus der DDR in den Westen gekommen war, hatte ich mich noch selbstverständlich politisch links positioniert und war damit auf dem Bremer Gymnasium, wo ich mein Abitur ablegte, auch gut gefahren. Doch schon während des Prozesses der deutschen Wiedervereinigung, die ich wegen des durch sie (scheinbar) drohenden nationalen Überschwangs wie viele westdeutsche Linke zunächst abgelehnt hatte, haderte ich mit meiner Haltung. Wie konnte es so weit kommen, fragte ich mich eines Tages zerknirscht, dass ich die deutsche Einheit, die doch so viele Vorteile für alle Deutschen mit sich brachte, nur mit großer Enttäuschung zur Kenntnis genommen hatte, weil sich die Dinge so gänzlich anders entwickelt hatten, als von mir gewünscht. Ich musste mir eingestehen, dass ich mich ideologisch verrannt hatte und fühlte sogar Anflüge von Wut auf all die politisch überkorrekte linke Bedenkenträgerei, die mir, so empfand ich es im Nachhinein, die Freude über die deutsche Wiedervereinigung verdorben hatte.

Schon mit 19 oder 20 begann ich also, mich anderen politisch-weltanschaulichen Ansätzen zu öffnen. Während des Golfkrieges 1991, gegen den ich selbstverständlich gemeinsam mit meiner Bremer Schulklasse auf die Straße gegangen war, las ich im SPIEGEL Hendryk M. Broders witzige und scharfzüngige Polemik „Unser Kampf“, gerichtet gegen die Deutsche Friedensbewegung, zu der damals insbesondere auch Alice Schwarzer zählte, welche er besonders durch den Kakao zog. Mir gefiel vor allem seine in meinen Augen sehr berechtigte Kritik am selbstgerechten westdeutschen linksliberalen Mainstream. (Dass sowohl Broder als auch Schwarzer heute fragwürdige Positionen vertreten und zu den geradezu dogmatischen „Islam-Hassern“ zählen, steht auf einem anderen Blatt.)

Was aber Botho Strauß Anfang 1993 im „Anschwellenden Bocksgesang“ lostrat, war noch einmal ein ganz anderes Kaliber. Es war ein Text wie ein Sprengsatz, der die weltfremde linksliberale kulturelle Hegemonie geißelte, unter deren Einfluss im wiedervereinigten Deutschland niemand mehr verstehen könne, warum „jemand in Tadschikistan es als politischen Auftrag begreift, seine Sprache zu erhalten wie wir unsere Gewässer“. Es schien dem Verfasser, „als hörte er jetzt ein letztes knisterndes Sich-Fügen, als sähe er gerade noch die Letzten, denen die Flucht in ein Heim gelang, vernähme ein leises Einschnappen, wie ein Schloss, ins Gleichgewicht. Danach: nur noch das Reißen von Strängen, gegebenen Händen, Nerven, Kontrakten, Netzen und Träumen“. Es war eine Art Kassandra-Ruf, den er der selbstgewissen westlich-liberalen Vorstellung vom Ende der Geschichte nach dem siegreichen Kalten Krieg vehement entgegenschleuderte.

Er hat, so kann man es heute sehen, mit seismographischem Gespür all das antizipiert, was uns im kommenden Vierteljahrhundert noch alles blühen sollte: den 11. September 2001, die weiteren Terroranschläge, die Finanzkrise, den neuen Kalten Krieg mit Russland, die Flüchtlingskrise, Trump und den Brexit, Orban und die Visegrad-Gruppe. „Wenn wir Reichen nur um minimale Prozente an Reichtum verlieren“, so führe dies bereits zu impulsiven Ausbrüchen von Unduldsamkeit und Aggression. Hingegen könnten „Gesellschaften, bei denen der Ökonomismus nicht im Zentrum aller Antriebe steht, aufgrund ihrer geregelten, glaubensgestützten Bedürfnisbeschränkung im Konfliktfall eine beachtliche Stärke oder Überlegenheit zeigen“. Es lohnt sich ganz unbedingt, den „Anschwellenden Bocksgesang“ heute, 25 Jahre später, noch einmal zu lesen. Denn seine Analyse ist äußerst hellsichtig. Auch der Ekel und Abscheu vor der fröhlich-banalen Konsumgesellschaft, die Feier des Individuums, das sich Ruhezonen suchen müsse in Zeiten der Geschwätzigkeit und des Privatfernsehens, all das ist großartig beschrieben und auch aus heutiger Sicht nur allzu berechtigt.

Zweifelhaft und bedenklich sind hingegen die Konsequenzen, die aus diesen Befunden sodann in raunendem Ton gezogen werden und denen der Text einen großen Teil seiner verführerischen Kraft verdankt. Schuld an der ganzen Malaise sei letztlich das linke Denken, das doch eigentlich schon in alten Zeiten das Verirrte und Verkehrte symbolisiert hätte. Das Rechte hingegen, eine rechte Haltung, die Beschwörung einer fernen Vergangenheit entspreche doch der Phantasie des einsamen Dichters, sei kurz gesagt das einzig Wahre. Es brauche so viel Mut und Entschlossenheit, sich der linken Hegemonie zu verweigern und als einsamer stolzer intellektueller Rechter dagegenzuhalten. Und mit den rechtsradikalen Schlägern, die damals schon in Deutschland ihr Unwesen trieben und Flüchtlingsheime abfackelten, habe das alles natürlich nichts zu tun. Jene seien lediglich ein Krisensymptom, hervorgerufen durch den ignoranten linksliberalen Mainstream. Eine kulturkonservative Gesellschaftskritik par excellence also, die sich allerdings inhaltlich und sprachlich stark mit linker Kulturkritik aus der Adorno-Schule überschneidet, der Botho Strauß ja schließlich auch entstammt.

Eine Zeit lang, das muss ich zugeben, war ich damals infiziert. Als politisch „rechts“ hätte ich mich niemals bezeichnet, aber das Wort „wertkonservativ“ gefiel mir zu jener Zeit schon recht gut. Indessen gab es bestimmte Erlebnisse, die mich am Ende doch wieder zurück in die Arme des guten, alten Linksliberalismus treiben sollten. Neugierig hatte ich mir den Sammelband „Die selbstbewusste Nation“ (mit Beiträgen von Botho Strauß selbst und einer Reihe intellektueller Sympathisanten) gekauft und las darin eifrig auf Bahnfahrten. Eines Tages sprach mich ein vollbärtiger Mann im Pullover darauf an, der auf mich rein optisch zunächst wie ein Anhänger der Grünen wirkte. Ich dachte im ersten Moment, er wolle mich angesichts dieses politisch unkorrekten Buches zur Rede stellen, aber weit gefehlt. Tatsächlich beglückwünschte er mich zum Erwerb und zur Lektüre dieses Werkes, das sei ja ganz prima und alles sehr richtig. „Und sind wir denn eine selbstbewusste Nation?“, fragte er mich rhetorisch und gab dann gleich darauf die Antwort. „Nein, das sind wir nicht. Sehen Sie sich doch bloß mal an, wer da alles zu uns kommt! Sind das Russen oder Rumänen oder kommen die von sonst wo her? Was wollen die eigentlich hier? Die sollen mal schön zu Hause bleiben.“ Da wurde mir schlagartig bewusst, in was für eine geistige Gesellschaft ich mich begeben hatte. Ich erklärte ihm knapp, dass mich diese Menschen in keinster Weise störten und Deutschland durch Zuwanderung noch immer bereichert worden sei. Und dann versuchte ich ihn abzuwimmeln. Er rief mir noch nach, dass er mir unbedingt empfehle, die „Junge Freiheit“ zu lesen…

Letztlich war es wohl auch der ausgiebige Kontakt mit so vielen Gleichaltrigen aus aller Welt an der Bielefelder Universität und in den Studentenwohnheimen und nicht zuletzt das Kennenlernen meiner aus Korea stammenden heutigen Frau, was mir Multi-Kulti immer schmackhafter machte und mich nachhaltig vor etwaigen rechtslastigen Einstellungen bewahrt hat. Der spätere Ortswechsel nach Berlin tat dann sein übriges. So ist es zwischen mir und dem Konservatismus am Ende nur bei einem vorübergehenden, folgenlosen Flirt geblieben. Auf den „Anschwellenden Bocksgesang“ selbst hingegen, dieses fulminante und gefährliche Stück Literatur, lasse ich hingegen auch heute noch nichts kommen.

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